Diese Arbeit ist eine historiographische Annäherung an die Neue Philosophenschule. Zeigen soll dieser Ansatz, welchen Einfluss das Verständnis des geschichtsphilosophisch aufgeladenen Projekts von "Moderne und Tradition", beziehungsweise "Alt und Neu", in der Welt des 21. Jahrhunderts auf den intellektuellen Diskurs in China und außerdem auf den interkulturellen Dialog ausübt. Als Vorbild für die gewählte Annäherung an die Thematik wurde die Monographie des chinesischen Autors Q. Edward Wang, "Inventing China Through History: The May Fourth Approach to Historiography" herangezogen.
Die Wahrnehmung von China im internationalen Raum beruhte im neunzehnten Jahrhundert auf der Annahme, dass China als unzivilisiert und der Westen als zivilisiert galt und dass die "traditionelle" chinesische Gesellschaft im Zuge der westlichen Konfrontation einem neuen und nach westlichen Maßstäben "modernem" China weichen würde. Diese ganze Struktur von Annahmen wurde gründlich erschüttert, als im fortschreitenden Modernisierungsprozess Chinas ein neues und komplexeres Modell für die Beziehung zwischen Vergangenheit und Gegenwart durch die chinesischen Intellektuellen vorgeschlagen wurde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Pluralismus – die Versöhnung mit dem Westen?
2.1 Knowledge: das kritischste Gebiet der chinesischen Verwundbarkeit gegenüber dem Westen
2.2 Die Moderne: ein unvollendetes Projekt
2.3 Die Neue Philosophenschule bietet ein neues Verständnis von Tradition und Moderne
2.3.1 Paradigmenwechsel
2.3.2 Konstruktive Kulturreform: Anerkennung der kulturellen Einzigartigkeit
3. Neues Selbstbewusstsein: Rückbesinnung auf die Substanz des chinesischen Lernens
3.1 Aufbruch zu neuen Horizonten: Rising China
3.2 Die von Komplexität geprägte, kulturelle Umgebung der Moderne
3.3 Die Neue Philosophenschule: Ausweg aus der kulturellen Unselbstständigkeit Chinas?
3.3.1 Neues Verständnis von ‚neu‘ und ‚alt‘
3.3.2. Neues Verständnis von Chineseness
4. Die beständige Idee der Erneuerung
4.1 Die traditionelle Sonderstellung des Gelehrtenstands
4.2 Die ideologische Leitlinie: Chinese Dream
4.3 Die Notwendigkeit einer Neuerfindung der chinesischen Geschichte
4.4 Die Neue Philosophenschule: Lösung für das soziale ‚Wertevakuum’?
4.4.1 Aufklärung chinesischer Art
4.4.2 Aktuelle Verbreitung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Bachelorarbeit analysiert die Faktoren der kulturellen und nationalen Identitätsbildung in China vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, wobei der Fokus auf der 2012 entstandenen "Neuen Philosophenschule" liegt. Ziel ist es, zu untersuchen, wie diese Schule durch eine Neuerfindung chinesischer Selbstbeschreibung und ein neues Verständnis von Tradition und Moderne auf westliche Einflüsse reagiert und versucht, das soziale "Wertevakuum" durch eine Rückbesinnung auf indigene Gelehrsamkeit zu füllen.
- Kulturelle Identitätsbildung Chinas im 20. und 21. Jahrhundert
- Die Rolle der "Neuen Philosophenschule" im Modernisierungsprozess
- Umgang mit westlichem Einfluss und dem Konzept der Moderne
- Die Relevanz des "Chinese Dream" und die Rolle des Gelehrtenstands
- Versuche zur Etablierung eines unabhängigen akademischen Systems
Auszug aus dem Buch
2.1 Knowledge: das kritischste Gebiet der chinesischen Verwundbarkeit gegenüber dem Westen
Seit dem frühen 20. Jahrhundert wurde ‘Wissen’ (knowledge) von chinesischen Reformatoren als das kritischste Gebiet der chinesischen Verwundbarkeit gegenüber dem Westen bezeichnet. Obwohl eine Reihe von Kampagnen zur Aufklärung der Bevölkerung (kai minzhi ) eine Welle ins Rollen brachten, die die konfuzianische Schule durch Schulen im westlichen Stil zu ersetzen suchten, besteht das Dilemma von zeitgenössischen chinesischen Intellektuellen darin, in einer Zeit der Reformen und der Globalisierung eine passende und korrekte Definition von ‘allumfassendem’ und ‘legitimem’ Wissen, sowie die Verbreitung und Institutionalisierung dieses Wissens, zu finden.
Die Einführung von ausländischen wissenschaftlichen Modellen und Ideen anfangs des 20. Jahrhunderts in die chinesische Gedankenwelt wurde mit der Rechtfertigung vorangetrieben, dass die fremde, beziehungsweise westliche Weltanschauung ‘modern’ oder ‘universell’ im Gegensatz zu den ‘traditionellen’ und lediglich ‘einheimischen’ ideologischen Richtungen Chinas waren. Diese Sichtweise auf China als eine stationäre, unveränderliche Gesellschaft, die der westlichen Wahrnehmung über China seit dem 19. Jahrhundert zugrunde liegt, ist von der Meinung geprägt, dass die Rückständigkeit Chinas - zu Anfang der Auseinandersetzung hauptsächlich gekennzeichnet durch Handelsbeschränkungen, einer autokratischen Regierung und militärischer Schwäche - nur durch das dynamische, kosmopolitische Eingreifen des ‘zivilisierten’ Westens gelöst werden könne.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert den Wandel kultureller und nationaler Identität in China und stellt die Neue Philosophenschule als Antwort auf westliche Einflüsse vor.
2. Pluralismus – die Versöhnung mit dem Westen?: Dieses Kapitel beleuchtet das kritische Verhältnis zum Wissen und zur Moderne, wobei der Fokus auf dem Bestreben liegt, das westliche Interpretationsmonopol zu brechen.
3. Neues Selbstbewusstsein: Rückbesinnung auf die Substanz des chinesischen Lernens: Es wird analysiert, wie die Rückbesinnung auf antike Lehrmeister als Mittel zur Identitätsfindung und nationalen Stärke dient.
4. Die beständige Idee der Erneuerung: Dieses Kapitel untersucht die Rolle von Ideologie, den "Chinese Dream" und die Notwendigkeit, Geschichte neu zu definieren, um soziale Probleme zu lösen.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass das Leitmotiv des Nationalismus den Diskurs dominiert und die Neue Philosophenschule versucht, durch ein neues Verständnis von Tradition eine moderne, originelle Identität zu schaffen.
Schlüsselwörter
Neue Philosophenschule, Xinzixue, chinesische Identität, Moderne, Tradition, Nationalismus, Chinese Dream, Gelehrtenstand, interkultureller Diskurs, kulturelle Selbstbehauptung, Wissensdiskurs, China, Historiographie, Gelehrsamkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Identitätsbildung in China vom frühen 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart und analysiert die Entstehung sowie die Ziele der "Neuen Philosophenschule" (Xinzixue).
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen gehören das Spannungsfeld zwischen chinesischer Tradition und westlicher Moderne, die Suche nach kultureller Eigenständigkeit sowie die Bedeutung historischer Narrative für die heutige Identität.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu untersuchen, wie die Neue Philosophenschule als eine Art Neuerfindung chinesischer Selbstbeschreibung fungiert und ob sie als tragfähiges Modell zur Überwindung kultureller Abhängigkeiten dienen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wählt einen historiographischen Ansatz, der sich an der Arbeit von Q. Edward Wang orientiert, um aktuelle intellektuelle Diskurse in China in einen historischen Kontext zu stellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Definition von "neu" und "alt", die Kritik an der westlichen Moderne, das Konzept der "Chineseness" sowie die Verknüpfung der Neuen Philosophenschule mit staatlichen Ideologien wie dem "Chinese Dream".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Neue Philosophenschule (Xinzixue), chinesische Identität, kulturelle Selbstbehauptung, Moderne, Tradition und der Chinese Dream.
Inwieweit kritisiert die Neue Philosophenschule die Vierte-Mai-Bewegung?
Vertreter der Neuen Philosophenschule kritisieren die aus ihrer Sicht negative Einstellung der Bewegung des Vierten Mai zur chinesischen Tradition und streben stattdessen eine Wiederbelebung pre-Qin-zeitlicher Denkmuster an.
Welche Rolle spielt die heutige chinesische Führung?
Die Arbeit beleuchtet, wie staatliche Ideologien, insbesondere das Konzept des "Chinese Dream", versuchen, akademische Institutionen zur Unterstützung nationaler Ziele und zur Stärkung der kulturellen Integrität zu mobilisieren.
Was ist mit dem "sozialen Wertevakuum" gemeint?
Das "Wertevakuum" beschreibt die Problematik, dass in der modernen chinesischen Gesellschaft ein Bedarf an ethischen oder moralischen Ankern besteht, den die Neue Philosophenschule durch die Rückbesinnung auf klassische Gelehrsamkeit zu füllen versucht.
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- Laura Tomas (Author), 2018, Die Neue Philosophenschule. Neuerfindung chinesischer Selbstbeschreibung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/913860