Die Arbeit basiert auf den Laichinger Kirchenkonventsprotokollen von 1729 bis 1796. In welcher Form und ob überhaupt eine Veränderung des Verhaltens erzielt wurde, wird eine der Fragen sein, denen diese Untersuchung nachgeht. Daneben stellen sich folgende Fragen: Kommt es im Verlauf des untersuchten Zeitraums zu einer Veränderung der Verhandlungsgegenstände? Kommen neue hinzu, welche Gegenstände werden nicht mehr verhandelt? Welche Hintergründe kann es dafür jeweils geben? Oder erlauben die Quellen darüber keine Aussagen?
Wie sehen die Strafen, Sanktionen aus? Was wird wann wie gestraft? Gibt es "Strafspielräume"?
Wie geht das Dorf mit den obrigkeitlichen Normen um? Welche Interaktionen finden zwischen ihnen statt? Wo zeigen sich Übereinstimmungen, wo Überschneidungen zwischen den obrigkeitlichen und dörflichen Normen? Welche Normen gelten im Dorf? Und welche Strategien werden in Bezug auf die verschiedenen obrigkeitlichen Normen entwickelt und angewendet? Gibt es Widerstandsstrategien?
Das Ziel dieser Arbeit ist zum einen, die Arbeit des Laichinger Kirchenkonvents umfassend darzustellen, seine Aufgabenschwerpunkte und gegebenenfalls Verlagerungen nachzuzeichnen, und zum anderen, der Frage nachzugehen, welche Bevölkerungsgruppen vorwiegend mit ihm in Berührung kamen und wie diese mit dem Gericht in Interaktion traten.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
1. Methodische Vorgehensweise
2. Forschungsstand
3. Herrschaft zwischen Sittenzucht und Sündenzucht
3.1. Staat und Gesellschaft - Obrigkeit und Untertanen
3.2. Die württembergischen Kirchenkonvente
4. Der Flecken Laichingen im 18. Jahrhundert
4.1. Geschichtliche Entwicklung
4.2. Die Laichinger Pfarrer im 18. Jahrhundert
4.3. Die Kirchenkonventsrichter und die Gemeinde
II. VERHANDLUNGSGEGENSTÄNDE
1. Störung der „öffentlichen“ Ordnung
1.1. Sonn- und Feiertagsheiligung
1.1.1. Obrigkeitliche Norm
1.1.2. Normverstöße
1.2. Schule
1.2.1. Normativer Rahmen
1.2.2. Schulalltag
1.3. Verhalten und Aufführen im „Alltag“
1.3.1. Obrigkeitliche Vorstellungen
1.3.2. Normverstöße
1.4. Ergebnisse
2. Störung der Sexualordnung
2.1. Eheversprechen, Ehe, Ehebruch, nicht-eheliche Schwangerschaften
2.1.1. Die Normen
2.1.2. Die Fälle
2.1.3. Kamm in den Ruf einer unehelichen Schwängerung
2.2. Ergebnisse
3. Störung der häuslichen Ordnung
3.1. Streit im Haus
3.1.1. Vom „ganzen Haus“ zum „guten Hausen“
3.1.2. Normverstöße und Normnutzung
3.1.3. Ergebnisse
4. Sozialfürsorge
4.1. Almosen und Armenregister
4.1.1. Obrigkeitliche Norm
4.1.2. Bitten zwischen Schulgeld und heiligem Laib
4.1.3. Ergebnisse
5. Verwaltung
5.1. Organisation und Selbstverwaltung
5.1.1. Finanzielles: Ämtervergabe, Gehälter und Rechnungen
5.1.2. Verpflichtungen: Spenden, Anordnungen und Ermahnungen
5.1.3. Ergebnisse
6. Exkurs: Lichtstuben, obrigkeitliche Ansichten vs dörfliche Einsichten
III. ERGEBNISSE
IV. AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Funktionen, Aufgabenbereiche und Interaktionsweisen des Laichinger Kirchenkonvents zwischen 1729 und 1796. Im Zentrum der Forschungsfrage steht die Analyse, inwiefern der Konvent als Instrument der obrigkeitlichen Normdurchsetzung diente und ob sich die Schwerpunkte der Arbeit über den untersuchten Zeitraum hinweg von der Strafjustiz hin zu administrativen Aufgaben und der Sozialfürsorge verschoben haben.
- Strukturelle Analyse der Laichinger Kirchenkonventsprotokolle.
- Untersuchung der obrigkeitlichen Normen gegenüber den sozialen Realitäten im Dorf.
- Vergleichende Betrachtung von Verhandlungsgegenständen wie öffentlicher Ordnung, Sexualmoral und Sozialfürsorge.
- Erforschung der Rolle des Pfarrers und der Kirchenkonventsrichter als lokale Akteure.
- Evaluation der Wirksamkeit von Strafen und Versöhnungsstrategien im ländlichen Alltag.
Auszug aus dem Buch
Vorwort
Am Morgen des 24. Dezember 1749 fand der Laichinger Pfarrer Matthias Friedrich Brecht einen anonymen Zettel an seine Tür geheftet. Der Inhalt des Zettels und die darauf folgenden Maßnahmen wurden peinlichst genau in den Kirchenkonventsprotokollen festgehalten.
An den hochgeEhrtesten H. Pfarrer. Bitte Euch umb Gotteswillen, Ihr wollet so gut seyn, und dem gottlosen Sodom und Gomorrha abhelffen, dem schröcklichen, in des Jakob Röschen Haus; Es ist erschröcklich gottlos: mann spihlt alle Nacht [...] gar bis morgens die bettglocken, O! Daß Gott erbarme. Ich habe selbst ein Kind darein gehen; ich bitte den hochgeEhrtesten Hl: Pfarrer, er wolle doch dem gottlosen Haus abhelffen, darf doch der gantze Orte um des Lasters willen gestrafft werde. [...]. Es gehen Buben darein um 14 Jahre, Schüler: auch confirmirte um 15. 16. Jahr. An der heiligen Christnacht stehen sie auff um 12. Uhr. Sie spielen biss morgen, da mann in die Kirche gehet; das ist ja ein Greul vor Gott dem Allmaechtigen.
Mit diesem Zettel, so ist weiter vermerkt, begab sich Pfarrer Brecht umgehend zum Amtmann und hat dort Unterredung gepflegt wie die Sache anzustellen. Beede Vorsteher bescheideten einander Nachts umb 10 Uhr eodem, die ch. 24 xbr: und gingen allein miteinander zu des Jakob Röschen Haus, traffen aber niemand an, war auch kein Mensch auff, nachdem dises fehl geschlagen, ging Pfarrer allein [...] d. 26 xbr: nur sein [...] Sohn den scribanten bey sich habend nachts 3.4tl: auf 9. Uhr dahin. Pfarrer traff eine gantze Stube voll Männer und ledige Purschen an, die Cartenspiehle lagen auf den Tischen; der Personen waren wenigstens 30 sitzende umb 3 Tische war alles gesteckt voll.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Erläutert die methodische Vorgehensweise und den Forschungsstand zur historischen Untersuchung württembergischer Kirchenkonvente.
II. Verhandlungsgegenstände: Analysiert systematisch verschiedene Kategorien von Normverstößen wie öffentliche Ordnung, Sexual- und Familienordnung sowie die administrativen und sozialen Aufgaben des Gremiums.
III. Ergebnisse: Zieht Bilanz über die Verlagerung der Schwerpunkte des Kirchenkonvents von der Strafjustiz hin zu Verwaltungsaufgaben im 18. Jahrhundert.
Schlüsselwörter
Kirchenkonvent, Laichingen, Württemberg, Frühe Neuzeit, Sittenzucht, Sozialdisziplinierung, Dorfgeschichte, Policey, Sozialfürsorge, Almosenwesen, Kirchenzucht, Mikrohistorie, Normverstöße, Alltagsgeschichte, Gemeindeverwaltung.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das Hauptanliegen dieser wissenschaftlichen Untersuchung?
Die Arbeit analysiert die Funktion und Tätigkeit des Laichinger Kirchenkonvents als lokale Instanz zur Wahrung obrigkeitlicher Normen und untersucht, wie sich dessen Aufgaben im 18. Jahrhundert entwickelten.
Welche Themenfelder stehen im Fokus der Analyse?
Zentral sind die Störung der öffentlichen Ordnung, die Sexualordnung, die häusliche Ordnung sowie Bereiche der Sozialfürsorge und Verwaltung.
Was ist das zentrale Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die tägliche Arbeit des Kirchenkonvents darzustellen, seine Aufgabenschwerpunkte zu identifizieren und zu klären, welche Bevölkerungsgruppen mit ihm in Kontakt kamen und wie diese Interaktionen verliefen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es wird eine systematische Analyse der Protokolle in untersuchten Zeitblöcken durchgeführt, ergänzt durch mikrohistorische Ansätze und eine dichte Beschreibung der Einzelfälle.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung normativer Regelverstöße im Alltag, die Ordnung von Ehe und Sexualität sowie die administrative und soziale Rolle des Konvents im Dorfgefüge.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Studie?
Wichtige Begriffe sind Kirchenzucht, Sittenzucht, Sozialdisziplinierung, Laichingen, frühneuzeitliche Gesellschaft und Policey.
Welche Rolle spielten Frauen bei der Anklage von Normverstößen?
Frauen traten häufig als Klägerinnen auf, insbesondere in Fällen übler Nachrede, und nutzten den Konvent teils als Instanz, um ihre Ehre in einem männlich dominierten Umfeld wiederherzustellen.
Wie reagierte der Konvent auf den sozialen Wandel des 18. Jahrhunderts?
Der Konvent wandelte sich zunehmend von einem rein strafenden Gremium hin zu einer Institution, deren Hauptfokus auf der Verwaltung des kirchlichen Vermögens und der Sozialfürsorge für Bedürftige lag.
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- Stefanie Palm (Author), 2003, Der Laichinger Kirchenkonvent, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/914316