In der vorliegenden Arbeit soll herausgearbeitet werden, welche Einwirkungen die deutsche Sprache, insbesondere die deutsche Passivdiathese, auf die Grammatik des Romnes, der Sprache der deutschen Zigeuner, hat.
Um sich unvoreingenommen ein besseres Bild über den Hintergrund der Sprache und der Lebensweise der Zigeuner machen zu können, beginnt diese Arbeit mit einem kurzen Abriss nicht-linguistischer Art. Diesem folgt eine Zusammenfassung der wichtigsten Begriffe und Prinzipien der Sprachkontakttheorie. Des Weiteren wird ein Einblick in die Vorgänge bei Sprachtod und die Besonderheiten des Code-Switchings gegeben.
Der Hauptteil der Arbeit besteht aus der Darstellung der Passivdiathese des Deutschen und der diachronischen Rekonstruktion der Passivdiathese des Romnes mit anschließendem Vergleich. Da das Romnes, das heutzutage von so genannten Semi-Sprechern gesprochen wird, nicht die Sprache ist, die von den Zigeunern gesprochen wurde, die zu Beginn des 15. Jahrhunderts in Deutschland einwanderten, gilt es vor allen Dingen den Wandel und die Ursachen des Wandels aufzuzeigen und zu analysieren. Der Sprachwandel des Romnes wird mit der Sprachkontaktsituation in Mitteleuropa in Verbindung gebracht und diskutiert.
Abschließend soll erarbeitet werden, inwiefern Grammatik ansteckend ist und auf welche Art und Weise und unter welchen Umständen Grammatiken in andere Sprachen entlehnt werden können.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorbemerkung
1.1. Die ethnische Gruppe der Zigeuner
1.2. Die Sprache der Sinti
1.2.1. Lexikalische und grammatikalische Eigenheiten
1.2.2. Orthographische und phonologische Eigenheiten
2. Sprachwandel
2.1. Sprachwandel durch Sprachkontakt
2.1.1. Superstrat
2.1.2. Substrat
2.1.3. Adstrat
2.2. Code-Switching
2.2.1. Turnspezifischer Wechsel
2.2.2. Intraturnspezifischer Wechsel
2.2.2.1. Interphrasaler Wechsel
2.2.2.2. Intraphrasaler Wechsel
2.3. Sprachtod
2.3.1. Language Suicide
2.3.2. Language Murder
3. Passivdiathesen im Deutschen und im Romnes
3.1. Das Passiv im Deutschen
3.2. Das Passiv im Romnes
3.2.1. Mittelindisches Passiv
3.2.2. Kontakt zum Persischen
3.2.3. Kontakt zum Deutschen
3.2.4. Das Passiv auf dem Weg von Zentralindien nach Deutschland
4. Ist Grammatik ansteckend?
5. Bibliographische Angaben
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der deutschen Sprache auf die Passivdiathese des Romnes, dem Dialekt der Sinti. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Fokus, inwieweit grammatikalische Strukturen durch Sprachkontakt entlehnt werden können und welche Mechanismen diesen Sprachwandel im Romnes steuern.
- Grundlagen des Sprachkontakts und Sprachwandels (Superstrat, Substrat, Adstrat).
- Analyse des Phänomens Code-Switching und dessen Relevanz für den Grammatikwandel.
- Diachronische Rekonstruktion der Passivkonstruktionen des Romnes von der indischen Herkunft bis zur heutigen Kontaktsituation mit dem Deutschen.
- Diskussion über die "Ansteckungsgefahr" grammatikalischer Strukturen zwischen Sprachen.
Auszug aus dem Buch
3.2.3. Kontakt zum Deutschen
Obwohl die ersten Sinti urkundlich bereits 1407 in Hildesheim erwähnt wurden und somit seit mindestens 600 Jahren im deutschsprachigen Raum leben, war das Romnes relativ immun gegen grammatische Entlehnungen aus dem Deutschen. Wie bereits oben bereits erwähnt mag die Angst, dass Sinti dem fremdenfeindlichen Deutschen, sofern man im späten Mittelalter überhaupt von einem „Deutschen“ sprechen darf, verständlich sein könnten und somit keine geheimen Informationen oder Zurufe in Gefahrensituationen mehr austauschen können hätten, eine große Rolle gespielt haben, dass das Deutsche in grammatischer Hinsicht keine Abfärbungen auf das Romnes zeigte. Doch seit den letzten Jahrzehnten zeigt sich eine gegensätzliche Entwicklung. Die Passivkonstruktion vav- ‚werden‘ plus Partizip II verdrängt die ältere Stufe mit vaj- ‚kommen‘ zusehends und nähert sich somit durch eine Lehnübersetzung des Auxiliars der deutschen Konstruktion an.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorbemerkung: Einführung in die Thematik der Sinti-Sprache (Romnes) sowie die Zielsetzung der Untersuchung hinsichtlich der Passivdiathese.
2. Sprachwandel: Theoretische Abhandlung über die Mechanismen des Sprachkontakts, von verschiedenen Strategien des Sprachwechsels bis hin zu den Prozessen des Sprachtodes.
3. Passivdiathesen im Deutschen und im Romnes: Hauptteil der Arbeit, der die diachronische Entwicklung der Passivbildung im Romnes und den heutigen Einfluss des Deutschen detailliert analysiert.
4. Ist Grammatik ansteckend?: Kritische Reflexion der Untersuchungsergebnisse und Diskussion, ob Grammatik tatsächlich im Sinne einer "Ansteckung" durch Kontakt entlehnt werden kann.
5. Bibliographische Angaben: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur zur linguistischen Fundierung der Arbeit.
Schlüsselwörter
Romnes, Sinti, Sprachkontakt, Sprachwandel, Passivdiathese, Code-Switching, Lehnübersetzung, Grammatik, Protoromnes, Sprachsoziologie, Dialektologie, Sprachvergleich, Morphosyntax, Sprachmischung, linguistische Rekonstruktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem sprachlichen Wandel innerhalb des Romnes, dem Dialekt der Sinti, insbesondere mit dem Einfluss der deutschen Sprache auf die dortige Passivbildung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf Sprachkontaktphänomenen, der Typologie des Sprachwandels, der Geschichte des Romnes und der spezifischen Entwicklung der Passivdiathese unter dem Einfluss verschiedener Kontaktsprachen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu analysieren, warum und wie das Romnes grammatikalische Konstruktionen, speziell im Passiv, aus dem Deutschen übernimmt und ob Grammatik als Ganzes durch Sprachkontakt "ansteckend" wirken kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine diachronische Rekonstruktion der Passivdiathese sowie auf theoretische Konzepte der Sprachkontaktforschung und der Kontaktlinguistik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Darstellung der Passivbildung im Deutschen und Romnes, inklusive der historischen Einflüsse des Mittelindischen und Persischen, um den Wandel zur heutigen Struktur im Romnes zu erklären.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Sprachkontakt, Romnes, Sinti, Passivdiathese, Lehnübersetzung und die Frage nach der Entlehnung von Grammatik.
Welche Rolle spielt die Sippe "Eftavagéńri" im Text?
Sie dient als exemplarisches Beispiel für die Erzähltradition und Geschichte der Sinti, um den kulturellen Hintergrund der Sprechergemeinschaft zu beleuchten.
Warum ist die Analyse des "Sprachtodes" für die Arbeit relevant?
Der Autor nutzt die Theorien zum Sprachtod (Language Suicide/Murder), um zu prüfen, ob der beobachtete Wandel im Romnes als Zeichen eines solchen Prozesses gewertet werden kann, grenzt diese Konzepte jedoch schließlich ab.
Was versteht der Autor unter einer "Lehnübersetzung des Auxiliars"?
Er beschreibt damit den Prozess, bei dem das Romnes nicht das deutsche Wort selbst, sondern dessen inhaltliche Funktion übernimmt, um die Passivkonstruktion mit "werden" nach deutschem Vorbild zu bilden.
- Citar trabajo
- Jesse Lehmann (Autor), 2008, Ist Grammatik ansteckend?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91470