LSD im Wandel der Zeit

Über den zeitgenössischen Kontext und die Frage eines Wiederauflebens


Hausarbeit, 2019

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Exposé

2. LSD – Entdeckung und Geschichte
2.1 LSD – Heilmittel und Rauschgift
2.2 Konsum und Missbrauch in der Hippie Kultur

3. Psychedelika zur Förderung der Kreativität

4. LSD in den 60/70ern bis Heute

5. Fazit

Bibliographie

Eidesstattliche Versicherung

1. Exposé

LSD – ein Rauschmittel, welches in seiner Blütephase eine kaum vergleichbare Hysterie erlebte, sogar fester Bestandteil der damaligen Jugendkultur wurde. Wohl kaum eine andere Substanz hat die Bewegung der Hippies so geprägt und mitgestaltet wie Lysergsäurediethylamid. Um nachvollziehen zu können welchen kulturellen Wandel LSD durchlebt hat, steht im Fokus des ersten Kapitels die Entdeckung und Historie der Droge, zur Veranschaulichung dient mir die deutsche Textgrundlage von Albert Hofmanns Werk LSD – Mein Sorgenkind, sowie die Monographie von Helmut Kuntz Drogen & Sucht.

Auf diesem Wissen aufbauend wird im folgenden Unterkapitel LSD im Gebrauch als Rauschmittel und als Heilmittel diskutiert. Zum besseren Verständnis gilt es zunächst zu klären, wie die LSD Wirkung und der Rausch von Konsumenten empfunden wird. Für die nähere Analyse dient mir hierbei das Sammelwerk Handbuch des Betäubungsmittelstrafrechts von Albert Kreuzer und Hans-Jörn Albrecht, Drogenkriminalität von Norbert Thomas und die Bücher Psychedelic Experience und The Politics Of Ecstasy von Timothy Leary. Um die ambivalente Wirkung von LSD auf die Gesellschaft und die Hippie Kultur verstehen zu können, bedarf es einer näheren Betrachtung des Terminus „Hippie“, welcher durch Brigitte Hutzingers Beitrag zur Counterculture und Jugendkultur in den 60'ern unterstützend wirkt. Außerdem dient der Artikel von Karl-Werner Brand über die aktive Bürgerbewegung in dem Forschungsjournal Soziale Bewegungen zur Annäherung des Begriffs.In dieser Hausarbeit wird unter anderem den Fragen nachgegangen, welche Beweggründe hinter dem Konsum und Missbrauch von LSD in der Hippie Ära standen und was der fälschliche Gebrauch für die damalige Bevölkerung bedeutete. Außerdem wird aufgezeigt, wie es dazu führte, dass aus Albert Hofmanns anfänglichem Wunderkind ein Sorgenkind wurde.

Für einen Einblick auf LSD zur Förderung der Kreativität dient Aldous Huxleys Werk The Doors of Perception, sowie ein veröffentlichtes Interview mit Huxley, in welchem er sich zu Kreativität in Verbindung mit Drogen äußert. Ebenso werden einige ausgewählte Kapitel in den Bücher Die Legende vom LSD von Günter Amendt und Acid Dreams von Martin Lee zur Verdeutlichung der Thematik verhelfen. Ein Fazit und ein kurzer Ausblick auf den Vergleich LSD damals zu heute beschließen die Arbeit. Hierfür sind vor allem die aktuellen Trends und Entwicklungen aus dem Europäischen Drogenbericht von Bedeutung, sowie einige ausgewählte Statistiken aus der Monographie Rauschdrogen von Thomas Geschwinde. Zum Abschuss möchte ich den Konsum von LSD heutzutage mit dem damaligen Hype vergleichen und der Frage nachgehen, ob LSD in der heutigen Gesellschaft weiterhin Relevanz zeigen kann.

2. LSD – Entdeckung und Geschichte

„Acid, Trips, Tickets, Micros, Pappen“ (Kuntz 129), die Synonyme für LSD innerhalb der Szene sind weitreichend. Der eigentliche Wirkstoff, welcher sich hinter diesen Szenenamen verbirgt, ist Lysergsäurediethylamid, dabei handelt es sich um eine „(halb)synthetische Droge“, besser bekannt als „Halluzinogen“ (129). Halluzinogene als Oberbegriff für eine Vielzahl verschiedener Rauschmittel werden mit „Sinneseindrücke verändernde oder Sinnestäuschungen hervorrufende Substanzen“ (Geschwinde 96) umschrieben, sie verzerren also die Realität oder verfälschen diese. Dieses Kapitel soll einen kurzen Einblick über die Entdeckung und Historie des Stoffes LSD geben, welcher durch den Chemiker Albert Hofmann besonders geprägt wurde.

Nach seinem Chemiestudium Anfang der Dreißigerjahre zog es Hofmann von Zürich nach Basel, dort begann er seine Tätigkeit als Angestellter in dem pharmazeutischem Forschungslabor Sandoz. Seine Forschungsfelder beinhalteten unter anderem die Auseinandersetzung mit dem Mutterkorn, jenes ist ein Pilz, der auf verschiedenen Getreidesorten wuchert und sich vor allem auf Roggen wiederfindet. Der Parasit, welcher früher als Giftstoff gefürchtet wurde, fand Ende des 16. Jahrhunderts erstmals medizinische Verwendung als Wehenmittel und blutstillendes Medikament. Allerdings erkannten die Menschen recht schnell, dass Mutterkorn als Medizin gegen Wehen ungeeignet war, da die Anwendung des Getreidepilzes zu hohe Risiken für den Embryo darstellte. Im Rahmen seiner Forschungen beabsichtigte Hofmann ein Medikament zu entdecken, welches zur Kreislauf- und Atmungsstabilisation dienen sollte. Der Schweizer Forscher vermutete, dass die Substanz Lysergsäurediethylamid das Potential eines Analeptikums aufweisen könnte (vgl. Hofmann 13-27).

In der allgemeinen Auffassung wird die Entdeckung von LSD als Zufall beschrieben, Hofmann aber widerspricht dieser Aussage teilweise, da seine zielgerichteten Forschungen keinesfalls zufällig gewählt sind, außerdem erkannte er die halluzinogene Komponente erst in einem Selbstexperiment, welches er fünf Jahre nach der Entdeckung von LSD unternahm (vgl. 13). Nach einigen Experimenten gelang es Hofmann durch eine spezielle Methode Lysergsäure mit anderen Substanzen zu kombinieren. Diäthylamid, ein Lysergsäure Abkömmling, war die 25. Substanz in der Reihe seiner Kombinationsversuche, im Jahr 1938 verband er Lysergsäure mit Diäthylamid, daher auch die Abkürzung LSD-25. Fünf Jahre lang rückten die Experimente und Forschungen um LSD-25 in den Hintergrund, da der Stoff in der Pharmakologie und Medizin mäßig bis gar kein Interesse erregte (vgl. 23, 24), auch Hofmann beschloss seine Arbeiten auf andere Gebiete zu verlagern und entwickelte in dieser Zeit ein Präparat, das zur besseren Durchblutung und Gehirnfunktion im höheren Alter beiträgt.

Nach fünf Jahren ohne Augenmerk auf die Substanz kommt Hofmann am 16. April 1943 durch ein Versehen erneut mit LSD-25 in Berührung und nimmt bereits da die hohe Wirksamkeit und Potenz des Halluzinogens wahr (vgl. 28, 29). Hofmann dokumentiert diesen ungeplanten Zwischenfall wie folgt:

Vergangenen Freitag […] mußte ich mitten im Nachmittag meine Arbeit im Laboratorium unterbrechen und mich nach Hause begeben, da ich von einer merkwürdigen Unruhe, verbunden mit einem leichten Schwindelgefühl, befallen wurde. Zu Hause legte ich mich nieder und versank in einen unangenehmen rauschartigen Zustand, der sich durch eine äußerst angeregte Phantasie kennzeichnete. Im Dämmerzustand bei geschlossenen Augen […] drangen ununterbrochen phantastische Bilder von außerordentlicher Plastizität und mit intensiven, kaleidoskopartigem Farbenspiel auf mich ein (Hofman 28).

Drei Tage nach geschildertem Vorfall nahm der Schweizer Chemiker bewusst und gezielt 0,25 Milligramm LSD zu sich und schilderte seine Erlebnisse mit Zustandsbeschreibungen und Emotionen wie „tiefgehend“, „bedrohlich“, „schwank[end]“, „verzerrt“, rauschartige[r] Verwirrtheitszustand“, „Schwindel und Ohnmachtsgefühl“ und „von innerer Unruhe erfüllt“ (31). Diese ambivalenten und affektiven Beschreibungen waren mitunter ein ausschlaggebender Faktor, warum Hofmann im weiteren Verlauf zu der Erkenntnis gelangte, „daß es sich bei LSD-25 um einen psychoaktiven Stoff mit außergewöhnlichen Eigenschaften handelte“ (34), die auffallende Beschaffenheit von Lysergsäurediethylamid zeigt sich für Hofmann auch in der niedrigen Dosierung und der starken psychischen Wirkungsweise (vgl. 34).

Albert Hofmanns LSD – Mein Sorgenkind lässt sich in zwei Hälften separieren; die eine Hälfte behandelt seine wissenschaftlichen und beruflichen Absichten, die andere Hälfte schildert subjektive Eindrücke und persönliche Erlebnisse aus Hofmanns Privatleben. Besonders die Lektüre Ernst Jüngers inspirierte und beeinflusste Hofmann, in seinen Schriften stellte er fest: „[k]ein anderer Dichter hat mir so die Augen geöffnet“ (170). Die wissenschaftlichen Versuche innerhalb der Atmosphäre eines Laboratorium empfand Hofmann als störend, 1947 beginnt er den schriftlichen Briefkontakt mit Ernst Jünger, allerdings weniger mit der Absicht sich gemeinsam zu berauschen, sondern vielmehr als Bewunderer seiner Poesie. 1951 fand Hofmann in dem Schriftsteller einen Begleiter für seine bewusstseinsverändernden Reisen. Im privaten Rahmen unter Aufsicht eines Arztes beabsichtigte Hofmann die Wirkung des LSD Rausches auf den künstlerisch begabten Menschen zu beobachten. Trotz einer schwachen Dosis erlebten beide fantasievolle Träume und ein vielfältiges Spektrum an Farben (vgl. 175). Dies ist die Geburtsstunde des ersten außerwissenschaftlichen LSD Rausches.

2.1 LSD – Heilmittel und Rauschgift

Um das Potential von LSD als Heil- und Genussmittel näher analysieren zu können, ist zuerst die Erklärung der Wirkungsweise von Lysergsäurediethylamid von näherer Bedeutung. LSD ist eine meist liquide Lösung, die auf Löschpapier mit unterschiedlichen Motiven geträufelt wird (vgl. Kuntz 129). Das chemische Derivat ist mitunter eins der stärksten und wirksamsten Halluzinogene, im Vergleich ist eine 4000fache Dosis an Meskalin nötig, um die gleiche intensive Wirkung von LSD zu erreichen (vgl. Kreuzer 25). Die psychischen Kurzzeitwirkungen während eines LSD Rausches werden unter anderem mit ambivalenten Stimmungsschwankungen beschrieben, aber auch mit einer verzerrten und intensiveren Wahrnehmung von Farben, Geräuschen, Räumen und des eigenen Körpergefühls. Vertraute Gegenstände erscheinen in einem neuen Blickwinkel und wirken bedeutungsvoller. Das Gefühl von Zeit dehnt sich und erschwert damit die zeitliche Wahrnehmung. Diese Effekte können zu Angst vor Kontrollverlust führen und Wahn und Panik hervorrufen, aber auch positiv zu bewertende Empfindungen wie Euphorie und Ekstase (vgl. 26) hervorbringen.

Ein Pionier der psychedelischen Welle und „Guru“ der Hippie Bewegung ist in jedem Fall Doktor Timothy Leary, der sich unter anderem mit der Wirkung von psychedelischen Substanzen auseinandersetzte. In den 60er Jahren gehörte Leary wohl zu einer der elementarsten Figuren der zeitgenössischen Gegenkultur. In Hofmanns Buch wird Leary als „Drogenapostel“ (Hofmann 84) betitelt, besonders aufsehenerregend war sein damaliger gesellschaftskritischer Appell „turn on – tune in – drop out!“ (87). Der Grundbaustein für eine psychedelische Erfahrung formt sich für den amerikanischen Psychologen durch Offenheit und tiefstes Vertrauen gegenüber möglicher Grenzenlosigkeit unseres eigenen Bewusstseins (vgl. Leary, Psy. Experience 5). Er setzte sich für den Konsum von psychotropen Stoffen ein, weil er diese als unterstützend für die Entfaltung und Erweiterung der Persönlichkeit ansah und als Lösung und Heilmittel für gesellschaftliche Diskrepanzen. Mit seinen kontroversen Thesen prägte er eine ganze Generation. Leary beschreibt in seinem Buch physische Empfindungen wie zum Beispiel „bodily pressure“, „body desintegration“ und „tingling“, diese körperlichen Erscheinungen sollen keinesfalls negativ gewertet werden, sondern dienen als „sign heralding transcendence“ (25, 26). Dies bedeutet, dass Anzeichen für körperliche Schwäche, Unruhe, Unwohlsein oder Erschöpfung keinesfalls als negativ oder beunruhigend aufgefasst werden; ganz im Gegenteil, es soll vermieden werden gegen diese anzukämpfen und sie zu akzeptieren (vgl. 26). Hier erkennt man deutlich Learys Zielsetzung und Absicht; in einem nicht-medizinischem Rahmen bewusstseinsverändernde Erlebnisse zu beobachten und zu erleben.

In Timothy Learys Texten ist häufig die Rede von Genuss, Entspannung, Erleuchtung und Ekstase, der Mensch soll mit seinen Empfindungen verschmelzen bis zur völligen Auflösung des eigenen Ichs. Diese Auflösung ist nicht zwingend durch Drogen bedingt, vielmehr ist diese Erscheinungsform eine Überbrückung und anschließende Verwirklichung des physischen und psychischen Zustandes. Buddhisten erlangen durch Meditation und Selbstkontrolle diesen Zustand, daher ist es nicht verwunderlich, dass The Psychedelic Experience angelehnt ist an tibetische Lehren und deren Religion. Psychedelische Stoffe haben für Leary einen positiven Effekt auf den menschlichen Bewusstseinszustand. Nach seinem Ermessen und schwärmerischen Beobachtungen fördere die Etablierung von bewusstseinserweiternden Substanzen den Friedens- und Freiheitsprozess und sorge für kollektive Befreiung, Selbstheilung und spirituelle Klarsicht. LSD, sowie viele andere psychedelische Substanzen, waren für Leary ein Mittel zur Ergründung der Seele und Erweiterung des Geistes, der Kreativität und der inneren Spiritualität.

Leary, Metzner und Alpert widmeten ihre Tripanleitung dem tibetischem Totenbuch The Tibetan Book of the Dead. Der Tod als Prozess und die darauffolgende Wiedergeburt im Buddhismus sollen als Übertragung für den Tod des Ichs gedeutet werden. Die Todeserfahrung im buddhistischen Glauben wird gleichgesetzt mit dem beschriebenen Egotod während eines psychedelischen Trips. Die komplette Auflösung des eigenen Bewusstseins formuliert Leary als „complete transcendence – beyond words, beyond space-time, beyond self. There are no visions, no sense of self, no thoughts“ (4). Beschriebene Transzendenz umfasst folglich Erlebnisse und Erfahrungen jenseits von Raum und Zeit. Sein eigenes Ego hinter sich zu lassen und loszulassen bedeutet in erster Linie der Verlust des eigenen Ichs. Dies ist notwendig um das „alte“ Ich durch ein spirituelle Erleuchtung zu transformieren und als neuer Mensch daraus hervorzugehen. Die Idealvorstellung Learys war eine dauerhafte, nicht temporäre Veränderung des Bewusstseins. Ausgelöst durch eine todesähnliche Erfahrung gelangt der Mensch zu neuer Erkenntnis und Vollständigkeit. Der Text soll als Handbuch und Anleitung dienen und helfen Symptome des Ego Todes zu identifizieren, erst dann ist eine Selbstreflexion und anschließende Befreiung überhaupt erst möglich (vgl. 75).

Learys The Politics of Ecstasy ist eine Sammlung aus allerlei Interviews, Artikeln und Aufsätzen. Es ist eins seiner provokantesten Bücher und in seiner Kohärenz kaum zu überbieten, denn es liefert ein beinahe unstillbares Maß an neuen und kreativen Denkanstößen. Beschriebenes Sammelsurium beinhaltet ein Interview mit dem Playboy, in welchem Leary angibt, dass er bis jetzt insgesamt „311 psychedelic sessions“ (Leary, P. of Ecstasy 122) erlebt hat. Psychedelische Substanzen, zu denen sich auch LSD zählt, können in seiner Auffassung als Heilstoff für innere Konflikte dienen oder bei Beziehungsfragen und einer positiven Lebenseinstellung helfen. Learys Ansicht nach stellen diese ein Mittel zum Zweck dar, um eine höhere Stufe der Erkenntnis und des Bewusstseins zu erlangen. Eine Umkehrung der derzeitigen gesellschaftlichen Ordnung ist nur durch eine Veränderung des Bewusstseins möglich. Er vertrat die Überzeugung, dass alle Effekte und Halluzinationen während einer psychedelischen Erfahrung aus dem eigenen Bewusstsein stammen und erhoffte sich dadurch eine kollektive spirituelle Revolution des geistigen Zustandes. Trotzdem darf nicht vergessen werden, dass der Rausch und die damit verbundenen Sinneseindrücke und Erlebnisse letztendlich durch eine toxische Reaktion hervorgerufen werden (vgl. Thomas 20), dies würde das beschriebene Schwindelgefühl, die Übelkeit und das Zittern erklären, die in The Psychedelic Experience als Symptome der Transzendenz gedeutet werden.

Das Buch und auch seine optimistischen Beschreibungen und originellen Ideen können mit Sicherheit eine heilsame Wirkung entfalten; die zentrale Idee, welche sich durch sämtliche Bücher zieht und Bestandteil von Learys Ansichten repräsentiert, ist, dass jedes Individuum für seine eigenen Bewusstseinszustände selbst die Verantwortung trägt. Durch Selbstreflexion und Eigenverantwortung und die Entstehung eines neuen Ichs können heilsame Effekte entstehen. Einige religiöse Bewegungen befürworten eine Art der Selbstveränderung oder -erweiterung, aber kaum jemand traute sich wie Leary eine so radikale und potentiell befreiende Idee in die Welt zu tragen wie: Verändere dein Bewusstsein, wie du es für richtig erachtest, jedes Subjekt kann selbst herausfinden, was sich in den tiefsten Ecken des Bewusstseins befindet.

Die erste Periode der drei Bardos, die in Psychedelic Experience beschreiben werden, umfasst den Verlust des Egos, diese verzerrte Erscheinung der Realität ähnelt einer Nahtoderfahrung. Für Leary stellt besagte Transzendenz die Chance und den Durchbruch für ein gesellschaftliches und kollektives Verständnis unseres Universums dar. Die zweite Phase besteht aus positiven und negativen Halluzinationen. The Period of Re-entry beschließt als letzte Phase des Trips die dritte Phase und beinhaltet einerseits die Rückkehr in die „neue“ Wirklichkeit der Dinge und andererseits die freie Möglichkeit zur Wahl der neu entfalteten Persönlichkeit. Leary rät dabei sich stets frei und autonom zu entscheiden und sich nicht von seinem alten Ego hinreißen zu lassen (vgl. Leary, Psy. Experience 58-73).

Unter Betrachtung dieser Anführungen und Berücksichtigung des kulturellen Kontextes lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass Leary und seine Ansichten in der psychedelischen Bewegung und Hippie Kultur auf viel Zuspruch und Befürworter gestoßen sind, seine Ideen sind außergewöhnlich und mitreißend. Allerdings ist LSD meines Erachtens nicht das Wundermittel zur Heilung des eigenen Selbst und der Welt, nach dem Leary suchte. Die Effekte und Veränderung eines psychedelischen Rausches scheint für die meisten Menschen temporär und nicht von Dauer zu sein. Das Abhängigkeitspotential von LSD ist zwar gering, dennoch können nach dem Konsum einer Schizophrenie ähnelnde Psychosen auftreten (vgl. Kreuzer 26). Ist LSD nun Heilmittel oder Rauschdroge? Ist der Trip eine Flucht oder ein Genuss der Realität? Ich glaube, es kann beides sein.

2.2 Konsum und Missbrauch in der Hippie Kultur

Dieses Kapitel umfasst die Auswirkungen von Lysergsäureamid auf die Gesellschaft, insbesondere auf die Bewegung der Hippies in den 60er Jahren. Die Frage, ob sich die Hippie Kultur durch ihren Konsum und ihre freiheitsliebende Naivität selbst zerstörte und inwiefern diese Zeit in ihrer Präsenz und Ausführung einzigartig war, soll folgender Teilbereich versuchen zu beantworten.

Der Begriff Hippie ist nach Hutzinger eine vielschichtige Bezeichnung für verschiedenste studentische Subkulturen, die zusammen eine Einheit bilden, welche eine Gegenbewegung gegen traditionelle Wertevorstellungen von Erziehung, Schule, Karriere und moralische Überzeugungen kritisch hinterfragte und misstraute. Ihre Kritik äußerte sich in der Ablehnung des Materialismus und Abgrenzung zu Arbeit und Beruf (vgl. Hutzinger). Minimalismus, Genügsamkeit und ein Heraustreten aus der gesellschaftlichen Weltordnung waren die Vorstellungen und Werte, wovon viele Hippies überzeugt waren. In den Vereinigten Staaten Ende der 50er Jahre breitete sich LSD rasant als das Rauschmittel Nummer Eins aus, obwohl Hofmann selbst, aufgrund der Tiefsinnigkeit der Substanz, nie erwartet hätte, dass LSD auf solch eine Zustimmung unter Laien als Genuss- und Rauschmittel findet (vgl. Hofmann 65, 66).

Die Gründe, die zum Konsum und Missbrauch von LSD führten, haben einen gesellschaftlichen Hintergrund. Zu diesem Zeitpunkt standen „Materialismus, Naturentfremdung als Folge von Industrialisierung […], Langeweile und Ziellosigkeit in einer gesättigten Wohlstandsgesellschaft, Fehlen eines […] sinngebenden weltanschaulichen Lebensgrundes“ (68) als maßgebende Gründe und Auslöser im Vordergrund der Hippie Bewegung. Daher ist es nicht verwunderlich, dass diese Kultur ihren Ursprung in Amerika fand, ein Land, welches vor Industrialisierung, Technisierung und Fortschritt nur so strotzt (vgl. 68). Aus dem Bevölkerungswachstum nach dem zweiten Weltkrieg entstand eine neue selbstbewusste Generation, die bereit war großen politischen Einfluss auszuüben (vgl. Hutzinger). Brand schreibt in dem Forschungsjournal Soziale Bewegungen in seinem Artikel, dass sich besonders unter jungen Leuten in den 60er Jahren ein deutlicher Wandel im gesellschaftlichen Lebensgefühl ausbreitete. Wirtschaftswachstum, Modernisierung, Kritik an der Konsum- und Arbeitsgesellschaft, das Bedürfnis nach Freiheit und die Entdeckung der Pille durchbrachen die herrschende Wohlstandsgesellschaft (vgl. Brand).

Bewegung war in der Hippie Kultur von essentieller Bedeutung, sowohl im Sinne des Umherziehens ohne örtlich gebunden zu sein, als auch eine innerliche Bewegung durch den Gebrauch psychedelischer Rauschmittel (vgl. Hutzinger). LSD erlangte den Hochpunkt seiner Popularität als Rauschmittel durch glorifizierende Berichte und Veröffentlichungen in nicht wissenschaftlichen Zeitschriften, besonders eindrucksvoll und fantasievoll schilderten Journalisten in Selbstversuchen mit LSD von ihren glückseligen Erfahrungen (vgl. Hofmann 68, 69). Die von einer chemischen Substanz hervorgerufene Bewusstseinserweiterung wurde zum kollektiven Trend. Die psychotrope Substanz war in der Hippie Ära allgegenwärtig und erlangte hohe Präsenz in den Medien, auch Mundpropaganda trug einen Teil dazu bei, um die Rauschdroge zum allgemeinen Gesprächsthema zu machen. Hofmann zählt auch die Aktivitäten Timothy Learys zu einem der Faktoren, weshalb sich LSD vom Heilmittel zur Droge wandelte (vgl. 69).

Viele Faktoren und Zufälle führten dazu, dass sich nicht nur die Ideale der Hippies weit verbreiteten, sondern auch die subjektiven Erfahrungen mit LSD und dies führte dazu, dass die Rauschdroge schneller ausuferte, als das Wissen über sie. Aufgrund von Büchern, die sich an die Allgemeinheit richteten, entstand der Irrglaube, dass der Konsum von LSD ausreiche, um wunderbare Verwandlungen hervorzubringen, dies hatte zur Folge, dass mit der Droge in privaten Selbstexperimenten hantiert wurde (vgl. 70). Die einzigartige Sonderstellung, die LSD in der damaligen Zeit in den Medien und den Subkulturen hatte, liegt klar auf der Hand. Von 1964 bis 1966 erreichte die LSD Welle ihren Gipfel, es kursierten auf der einen Seite drogenverherrlichende Berichte von Hippies, auf der anderen Seite aber auch Nachrichten von seelischen Zusammenbrüchen, Morden und Suizidwellen während eines LSD Rausches. Die Substanz verlor schnell ihren Status als Underground Droge, die Hysterie und Popularität um LSD steigerte sich stetig bis 1966, in dieser Zeit wurde von einer Vielzahl bizarrer Erfahrungen und Unglücksfälle berichtet. Die Firma Sandoz sperrte im Jahr 1966 die Abgabe von LSD mit der Begründung eines zunehmenden Missbrauchs der Droge in der Jugendszene und trat die Verantwortung zum Umgang mit LSD den Behörden ab (vgl. 72-74). Nach dem Höhepunkt von LSD und der Hippie Zeit drohte der Bewegung im Jahr 1967, vor allem in den Vereinigten Staaten, in Armut, Hunger, Gewalt, Krankheit und Kriminalität zu versinken. Viele Vorbilder und Ikonen der damaligen Szene starben an den Folgen ihres Drogenkonsums; Janis Joplin, Jim Morrison und Jimi Hendrix, um nur einige zu benennen. Das Woodstock Festival 1969 beschloss die Hippie Ära, einige versuchten in dieser Zeit mithilfe bewusstseinsverändernder Stoffe sich selbst und das Ende der Bewegung zu feiern (vgl. Brand 35, 36). Drogenkonsum zur Erweiterung des Geistes und für ein Erlebnis an spiritueller Erfahrung war auch in Sekten nicht unüblich, so zum Beispiel die Bewegung der Sannyasin mit ihrem Anführer Bhagwan Shree Rajneesh. Dieser gab an, dass in einer Welt ohne lebendige Religion, die spirituelle Suche mit halluzinogenen Stoffen wieder beginnt (vgl. Bittorf).

Hofmann beschäftigte sich nicht nur mit den physischen Effekten von LSD, seine Aufmerksamkeit widmete sich auch den psychischen Auswirkungen und Gefahren dieser neuentdeckten Substanz, seine Faszination galt vor allem den „Veränderungen im Erleben der äußeren und der inneren Welt und im Bewußtsein des Menschen“ (34). Doch nicht nur das Rauschempfinden und die wahrgenommene Veränderung des Bewusstseins beschäftigten Hofmann, er notierte auch das Ausbleiben eines Katers am nächsten Tag (vgl. 34, 35). Kennzeichnend für Halluzinogene ist dass, „trotz des veränderten Erlebens von Raum und Zeit und der Auflösung der Grenzen der Wahrnehmung […] das Bewusstsein und das Erinnerungsvermögen regelmäßig erhalten bleibt“ (Geschwinde 96). Trotz vielen festgestellten positiven Effekten von LSD setzte sich der Schweizer auch mit möglichen Risiken und negativen Auswirkungen auseinander. „Ein Dämon war in mich eingedrungen und hatte […] von meiner Seele Besitz ergriffen […] Die Substanz […] hatte mich besiegt. Sie war der Dämon“ (Hofmann 32), diese geschilderten Erlebnisse Hofmanns weisen gewisse Ähnlichkeiten mit einigen Symptomen eines „bad trips“ auf wie zum Beispiel Schwindelgefühl, Angst vor Kontrollverlust und Panik (vgl. Kreuzer 26).

LSD mag an sich noch keine Sucht erzeugen, es sind auch keine physischen Schäden oder direkten Todesfälle durch eine Toxizität bekannt (vgl. 76). Im Jahr 1968 wurden Änderungen an der Kontrolle des Drogenmissbrauchs geändert, der Besitz von LSD wurde zu einem Vergehen und Verkauf zu einem Verbrechen (vgl. Lee 79). Es ist allgemein bekannt, dass Verbotenes einen Reiz für manche Menschen beinhaltet, eben genau aufgrund dieser Illegalität, öffnete diesTür und Tore für organisierte Kriminalität, die ihre Chance im gewinnbringendem Drogenhandel sah. Aufgrund von LSD Analysen in Labors konnte festgestellt werden, dass das LSD auf dem Schwarzmarkt in der Qualität und Dosierung nicht zuverlässig ist, oft enthalten diese Proben zu wenig oder zu viel LSD oder im drastischen Falle gar kein LSD – stattdessen enthalten die angebotenen Trips andere Substanzen oder toxische Stoffe. Ohne eine kontrollierte Abgabe von LSD ist die Gefahr einer Verunreinigung oder gar Vergiftung um ein vielfaches höher (vgl. Hofmann 81), viele Konsumenten in der psychedelischen Bewegung gingen an besagten Folgen zugrunde.

Ob die Wirkung von LSD nun als heilsame Erkenntnis, kreativer Ansatz oder Falltüre zur Angst gedeutet werden kann, liegt im Auge des Betrachters, dennoch nimmt LSD eine bedeutsame und einzigartige Rolle in den sozialen, künstlerischen und sexuellen Veränderungen der 60er und 70er Jahre ein. LSD beeinflusste somit wie kaum ein anderes Rauschmittel die damaligen soziologischen Verhältnisse. Sowie das Halluzinogen seinen Beitrag zum Aufblühen der Kultur der Hippies beitrug, genauso trug es auch zu seinem Untergang bei. Nach seinem Verbot wurde das LSD aus dem Schwarzmarkt für die Konsumenten unberechenbar, schlechte Trips kamen in Umlauf und Chaos breitete sich aus. Vielen Menschen entglitt durch ihren übermäßigen Drogenkonsum die Kontrolle über sich selbst und die Realität, die Hippie Ära starb direkt und indirekt an einem Übermaß an Rauschmitteln, insbesondere LSD. Synthetische Drogen beschädigten und zerstörten Seele und Körper der Hippie Anhänger und trugen sicherlich ihren Teil dazu bei, die Ziele und Strukturen der Gegenkultur von innen heraus zu beschädigen und zum Einsturz zu bringen.

Der Untergang dieser anfangs anti-kommerziellen Bewegung war aufgrund der späteren Kommerzialisierung und Vermarktung der Hippie Kultur folglich vor prophezeit, sie scheiterten an dem wirtschaftlichem und kapitalistischem System der USA. Eine Generation, die Arbeit und Karriere verweigerte, kann höchstens in einem geregeltem System überleben. Letztendlich ist die Hippie Kultur zu einer Bewegungen geworden, gegen welche sie ursprünglich kämpfen wollten. Die Anhänger lehnten Materialismus ab, hielten sich aber in dem kapitalistischen System von Amerika auf. Sie sprachen sich gegen Technologisierung aus, gingen aber selbst auf Konzerte und Festivals mit Stereoanlagen und Soundsystem und tanzten zu Musik, die, außerhalb von Live Auftritten, ohne elektronischen Strom und Plattenspieler kaum möglich wäre. Sie strebten nach körperlicher und geistiger Gesundheit, gesunder Ernährung und Naturverbundenheit, aber konsumierten gleichzeitig chemische Substanzen, die in Laboratorien hergestellt wurden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
LSD im Wandel der Zeit
Untertitel
Über den zeitgenössischen Kontext und die Frage eines Wiederauflebens
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Narration der Gegenkulturen
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V915451
ISBN (eBook)
9783346216601
ISBN (Buch)
9783346216618
Sprache
Deutsch
Schlagworte
über, frage, kontext, wandel, wiederauflebens, zeit
Arbeit zitieren
Janis Alina Hindelang (Autor), 2019, LSD im Wandel der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/915451

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