Strategische Herausforderungen der Pharmaindustrie seit 1990. Chancen für eine erfolgreiche Zukunft?


Bachelorarbeit, 2018

39 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Kurzfassung

Abstract

1. Einleitung
1.1 Ausgangssituation und Problemstellung
1.2 Stand der Forschung und Relevanz
1.3 Methodisches Vorgehen und Forschungsfrage
1.4 Aufbau und Ziele dieser Bachelorarbeit

2. Entwicklungsgeschichte der Pharmaindustrie

3. Herausforderungen der Pharmaindustrie 1990 - 2020
3.1 Dekade I - 1990 - 2000
3.2 Dekade II - 2000 - 2010
3.3 Dekade III - 2010 - 2020
3.3.1 F&E auf die virtuelle Ebene bringen
3.3.2 Medikamente auf den Markt bringen

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Neu zugelassene Arzneimittel 1993 - 2015 (links), Steigende Kosten F&E 1979 - 2014 (rechts) (Quelle: Schuster, 2016)

Abbildung 2: Der aktuell angewandte Forschungsprozess (Quelle: PwC, 2007)

Abbildung 3: Forschungsprozess - Prognose für das Jahr 2020 (Quelle: PwC, 2007)

Abbildung 4: Der standardisierte Entwicklungsprozess (Quelle: PwC, 2007)

Abbildung 5: Entwicklungsprozess - Prognose für das Jahr 2020 (Quelle: PwC, 2007)

Kurzfassung

FH Kufstein

Internationale Wirtschaft und Management

Kurzfassung der Bachelorarbeit (Pharmaindustrie - Strategische Herausforderungen in 3 Dekaden(1990- 2020)

Matthias Salvenmoser

Die Pharmazie ist seit ihren Anfängen bis heute ihrer größten Herausforderung verpflichtet: Kranken mit den ihr jeweils zur Verfügung stehenden Ressourcen zu helfen und diese, wenn möglich, zu heilen. Der Wandel, den ihre lange Tradition mit sich bringt, führte die pharmazeutische Industrie speziell im 20. Jahrhundert zur Hochblüte. Die Regelungen des Patentrechtes verhalf den Herstellern von Medikamenten, speziell durch Blockbuster und Megabrands, über einen langen Zeitraum einen verteidigungsfähigen Wettbewerb mit ungeahnten Einnahmen zu lukrieren. Gravierende Probleme tauchten auf, als mit Ablauf der ersten Patente Generikahersteller die ehemaligen Blockbuster nachbauen durften und dadurch mit wesentlich günstigeren, bereits etablierten und hochwertigen Produkten auf den Markt drangen. Regulative Eingriffe der Krankenkassen, Spezialisierungen in der Branche selbst, Veränderungen des wirtschaftlichen, ökologischen und demographischen Umfeldes, verschärfte Zulassungsbedingungen und stark steigende Kosten für Forschung & Entwicklung (F&E) wurden zu großen Herausforderungen. Um weiterhin konkurrenzfähig zu bleiben, wurden strategische Maßnahmen ausgearbeitet. Es kam zur Bildung von Großkonzernen, Hinwendung zu Nischenprodukten durch die Entwicklung neuer Technologien, Outsourcing von Teilen des Produktionsprozesses sowie Kooperationen, Erschließung bisher vernachlässigter Märkte. Im F&E-Prozess kann durch IT-gestützte Digitalisierung und Zentralisierung von Entwicklungsdaten eine zeitliche Verkürzung sowie die Senkung von Kosten erreicht werden. Die Umsetzung dieser strategischen Empfehlungen werden die Pharmabranche in eine erfolgreiche Zukunft führen.

Datum: 14.12.2018

Abstract

FH Kufstein

Internationale Business Studies and Management

Abstract (Pharmaindustry - Strategic challenges in 3 decades (1990 - 2020) Matthias Salvenmoser

Pharmacy has been committed to its greatest challenge since its beginnings until today: To help the sick with the resources at its disposal and, if possible, to heal them. The changes, brought by long tradition, led the pharmaceutical industry to its heyday, especially in the 20th century. The regulations of patent law helped the manufacturers of drugs, to release blockbusters and megabrands over a long period of time, which guaranteed defendable competition with undreamt-of revenues. Further serious problems arose, when with the expiration of the first patents, generic manufacturers could reproduce the former blockbusters and therefore entered the market with much cheaper, already established and high-quality products. Regulatory intervention by health insurance companies, specialisation in the industry itself, changes in the economic, ecological and demographic environment, stricter approval conditions and sharply rising costs for research and development (R&D) have become major challenges. Strategic measures were developed to remain successful and competitive on the market and vis-à-vis competitors. Large corporations were formed, turning to niche products through the development of new technologies, outsourcing units of production process as well as cooperation and opening up previously neglected markets. In the R&D process, IT-supported digitization and centralization of development data can shorten processing time and reduce costs. Following these strategic suggestions will guide pharma into a successful future.

Date: 14.12.2018

1. Einleitung

Die nachfolgende Einleitung dient zur ersten Orientierung und genauen Erläuterung des Inhaltes sowie der Ausarbeitung. Anhand eines kurzen Überblicks von aktuellen Fakten soll das gewählte Thema und die Problemstellung dieser Bachelorarbeit näher dargestellt werden. Im weiteren Verlauf erfolgt eine Vorstellung der Pharmaindustrie im Allgemeinen, wobei hier auf die Geschichte der Pharmaindustrie und deren Entwicklung im wirtschaftlichen Zusammenhang eingegangen wird. Im Hauptteil liegt der Focus auf der Analyse von Herausforderungen, welche durch innovative Strategieansätze zu neuen Chancen wurden und so den Erfolg vieler Unternehmen auf diesem milliardenschweren Parkettbeeinflusst haben. Der zeitliche Rahmen wurde so gewählt, dass zwischen den frühen 90er Jahren bis heute jeweils in Abschnitten zu 10 Jahren teils abgegrenzt, teils überlappend, oben genannte Untersuchung durchgeführt werden kann. Anschließend soll anhand aktueller Studien und Überlegungen im Bereich der Pharmaindustrie ein Ausblick bis ins Jahr 2020 prognostiziert werden und abschließend die aus dieser Arbeit gewonnene Erkenntnis in einem Fazit erläutert werden.

1.1 Ausgangssituation und Problemstellung

In den vergangenen Jahren stand die Pharmaindustrie aufgrund von zahlreichen Problemen, hervorgerufen durch schwache Produkt-Portfolios und -Pipelines, Konkurrenz durch Generikawelle, Image und Ansehen, Sicherheitsaspekte, usw., wiederholt am Scheideweg. Angesichts dieser Situationen bedarf es einer effizienten Findung und Umsetzung von Strategien, um einen nachhaltigen Erfolg am hart umkämpften Markt zu gewährleisten. Parallel zu den daraus sich entwickelnden Herausforderungen haben sich der Pharmaindustrie jedoch auch neue Chancen eröffnet, wie zum Beispiel: neue Technologien und effizientere Betriebsabläufe. Neben den oben genannten, unternehmensinternen Verbesserungsprozessen bieten sich auch Chancen durch verstärkte Orientierung an den sich stets verändernden Bedürfnissen und Anforderungen der Kunden an.1

1.2 Stand der Forschung und Relevanz

Diese Arbeit behandelt die Analyse von Herausforderungen, welchen sich die pharmazeutische Industrie immer wieder stellen muss sowie auch der, durch einen strategischen Pioniergeist entwickelten Chancen seit dem Jahre 1990. Aufgrund der Wichtigkeit dieses Industriezweigs, ständiger Präsenz in Medien und einem großen Interesse von Seiten forschender Kreise gibt es in Bezug auf die Literatur viele Autoren, die sich mit zusammenhängenden Bereichen des gewählten Themas bereits auseinandergesetzt haben. Für einen umfangreichen Überblick stellt das Buch „Die Pharmaindustrie - Einblick - Durchblick - Perspektiven“ der Autoren Fischer und Breitenbach, eine durchaus gute Basislektüre dar. Als weitere Primärliteratur wurde das Buch „Technik und Medizin“ des Autoren Rolf Winau zur Ausarbeitung der Entwicklung der Pharmaindustrie gewählt, und vor allem für die dritte Dekade bot die Studie Pharma 2020 von PwC, einem weltweit angesehenen Unternehmen, welches sich auf die Bereiche Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung und Unternehmens- bzw. Managementberatung spezialisiert hat, fundierte Strategieansätze. Auf Basis dreier Hauptquellen sowie anhand wissenschaftlicher Journale, Artikel aus Wirtschaftszeitungen sowie von namhaften Branchenexperten, können die Themenbereiche der vorliegenden Arbeit vertieft recherchiert werden und erlauben die Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln.

1.3 Methodisches Vorgehen und Forschungsfrage

Zur Ausarbeitung der Quellen und daraus gewonnener Erkenntnisse im Zusammenhang zur bearbeitenden, oben genannten Thematik, soll in dieser Arbeit mittels einer hermeneutischen Methode in der Literatur- eine Darstellung erfolgen. Die Hermeneutik befasst sich mit dem Verstehen von Sinnzusammenhängen, insbesondere mit dem Verstehen von Texten. Ziel dieser Methode ist es, die Texterschließung und das Textverständnis besser durchzuführen und zu bewältigen. Bei den beiden traditionellen Vorgehensweisen wissenschaftlicher Arbeiten kann zwischen Induktion und der gegensätzlichen Deduktion unterschieden werden. Diese Arbeit bedient sich der Deduktion, also der Methode der logischen Ableitung von Aussagen aus dem Allgemeinen zu einem Besonderen. Diese Vorgehensweise zeichnet sich besonders dadurch aus, sichere Ergebnisse zu versprechen.

Die vorliegende Bachelorarbeit soll Einsicht in die teilweise enorme Veränderung, wie zum Beispiel Übernahmen, Fusionen, technischer und medizinischer Fortschritt, Beschaffung von Ressourcen, die Erfüllung der Bedürfnisse der Kunden, Maßnahmen in Bereichen der Forschung, Entwicklung, der Pharmaindustrie während dem gewählten Beobachtungszeitraum geben.

Um dieses Thema intensiv zu betrachten, entstand folgende wissenschaftliche Forschungsfrage: „Wie kann die Pharmaindustrie Herausforderungen zur Entwicklung neuer Strategien als Chance für eine erfolgreiche Zukunft nutzen?“

1.4 Aufbau und Ziele dieser Bachelorarbeit

Diese Bachelorarbeit ist folgendermaßen aufgebaut: Nachdem in der Einleitung die Ausgangssituation und die Problemstellung für diese Arbeit skizziert wurden, soll der Stand der Forschung und die Relevanz für dieses Thema aufgezeigt werden. In einem weiteren Punkt werden die Forschungsfrage und die Methodik dargestellt, um am Ende der Einleitung die Ziele darstellen zu können. Zu Beginn des Hauptteils wird die Entwicklungsgeschichte der pharmazeutischen Industrie erfasst, was zu einem besseren Verständnis für die Entstehung dieses mächtigen Wirtschaftszweiges beitragen soll. Im weiteren Verlauf wird der gewählte Zeitraum in 3 Dekaden (1990 - 2000, 2000 - 2010 und 2010 - 2020) eingeteilt. Bedeutsame, wirtschaftliche Ereignisse, die in die jeweiligen Dekaden fallen, werden aufgezeigt, und es wird untersucht, welche strategischen Maßnahmen in diesem Zusammenhang getroffen worden sind bzw. welche Veränderungen sich durch deren Umsetzung für die Pharmaindustrie ergeben haben. Es sollen Herausforderungen wie auch Chancen aufgezeigt werden.

Ziel dieser Arbeit ist es, die ausformulierte Forschungsfrage erfolgreich und zufriedenstellend zu beantworten um die wissenschaftlichen Untersuchungen in diesem wichtigen und sich stetig im Wandel befindlichen Wirtschaftszweig, weiter voranzutreiben.

2. Entwicklungsgeschichte der Pharmaindustrie

Ein Blick in die Vergangenheit und die Entwicklungsgeschichte der Pharmaindustrie ist hilfreich, um ihre gegenwärtige Situation zu verstehen, insbesondere die technischen und wissenschaftlichen Ereignisse und Voraussetzungen des 19. und 20. Jahrhunderts, denen sie ihren Aufschwung verdankt und sie bis heute prägen.2

Die pharmazeutische Industrie hat zwei Wurzeln: die Apotheke und die Teerfarbenindustrie. Die lange Tradition der Medizin im arabischen Raum war geprägt von Zentren wie Ägypten und Griechenland, in denen sich im Lauf der Zeit verschiedenste Berufe rund um Herstellung und Vermarktung von Arzneimitteln etabliert hatten: vom Kräutersammler über Mixturen- und Arzneiverkäufer, dem Salbenmacher bis zum Arzt, der gleichzeitig auch Apotheker war und die Arzneimittel selber herstellte und sie dem Kranken gab. Im Mittelalter gelangte der reiche Medikamentenschatz über Spanien und Süditalien nach Europa, wo bislang die Herstellung und Weitergabe der Medizinen dem Arzt oblag, und prägte hier wesentlich die Medizin und die Pharmazie. Seit Kaiser Friedrich II von Hohenstauffen Anfang des 13. Jahrhunderts den Ärzten die Medikamentenherstellung untersagte, übernahmen die Apotheker diese Aufgabe und produzierten in Apotheken Arzneimittel aus pflanzlichen und tierischen Drogen, Mineralien und Salzen nach amtlichen Vorschriften und Überwachung und verkaufte sie an die Kunden. Die Preise wurden behördlich festgelegt. Viele neue Wirkstoffe wie Kampfer, Ingwer, Perubalsam oder Koka kamen durch die Entdeckung Amerikas nach Europa und verhalfen der Pharmazie zu einem großen Aufschwung. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wurde die Ausbildung zum Apotheker in den meisten Staaten geregelt, zunächst wie beim Handwerk, später formalisiert und mit einer Prüfung erweitert. Im 18. Jahrhundert kam noch ein anfänglich eher kurzfristiger Besuch einer Universität und 100 Jahre später die verpflichtende Reifeprüfung dazu.3

Die Mitte des 19. Jahrhunderts viel zu geringe Apothekenstreuung im Verhältnis zur ständig wachsenden Bevölkerung Mitteleuropas bewirkte eine Unterversorgung mit Heilmitteln und zog einerseits eine hohe Zahl an vermeidbaren Todesfällen nach sich, bot andererseits jedoch der pharmazeutischen Industrie den Anreiz zum Beginn einer Massenproduktion von Arzneimitteln und dem Aufbau eigener Vertriebsnetze.4 Damals gab es einige findige Apotheker, die eigene Fabrikationsstätten aufbauten, z. B. gründete der Berliner Ernst Schering, Besitzer der Grünen Apotheke, eine Fabrik zur Herstellung von Chemikalien für Photographie, Technik und Medizin, aus der später die Schering AG wurde. In Darmstadt entstand aus der Engel-Apotheke der Familie Merck, wo in ihrem Laboratorium das Opium und seine Derivate erforscht wurde, wegen zunehmenden Platzbedarfs ein Fabrikbetrieb. Die spätere Firma Merck Sharp & Dome (MSD) befasste sich als eine der ersten mit der Erforschung der Vitamine und brachte in den 30er Jahren die Vitamine C, B und D sowie A in synthetischer Form auf den Markt. Andere Beispiele sind die Knoll AG in Ludwigshafen oder Boehringer in Ingelheim und Mannheim.5

Gleichzeitig diente der in dieser Zeit als Nebenprodukt bei der industriellen Leuchtgasherstellung anfallende Steinkohleteer als wichtiger Rohstoff in der Farbenindustrie. Die im Steinkohleteer enthaltenen Inhaltsstoffe wie Farbstoffe und Kohlenstoffverbindungen erwiesen sich nach genauerer Erforschung ebenfalls geeignet als Ausgangsmaterial zur Herstellung von Medikamenten und dienten der rasch wachsenden synthetischen Chemie. Die Teerfarbenindustrie gewann dadurch immer mehr an Bedeutung als Hersteller von Arzneimitteln. Einige dieser Unternehmen entfalteten später pharmazeutische Aktivitäten wie z. B. Bayer, Hoechst, Ciba und Geigy.6

Hoechst AG wurde von der Firma Meister und ihrem technischen Leiter, A. Brüning, einem Familienunternehmen in Höchst am Main, gezielt zur Herstellung von synthetischen Farben, den Teerfarben gegründet. Sie waren die kostbaren Rohstoffe für die Textilindustrie, der Ende des 19. Jahrhunderts ein vielversprechender Absatzmarkt prognostiziert wurde. Bereits 1882 wurde das erste Pharmazeutikum produziert und zum Patent angemeldet. Sehr rasch entwickelte sich die auch mit der Bakteriologie verbundene Hoechst zu einem Pharmaunternehmen, das vom Weltmarkt nicht mehr wegzudenken war.7

Eine Fülle von Heilmitteln gegen gefährliche Volkskrankheiten konnten im Laufe des 20. Jahrhunderts von der Pharmaindustrie entwickelt werden:8

- Impfstoffe gegen Diphtherie (1923), Tetanus (1927), Grippe (1944), Kinderlähmung (1955), Masern (1963)
- Penicillin (1928)
- Gerinnungshemmer als Thromboseprävention (1939),
- Penicillin als Medikament (1944),
- Chloroquin gegen Malaria (1945)
- Antidepressivum (1956)
- Zytostatika gegen Leukämie und Lungenkrebs (1957/58) sowie Hodenkrebs (1979)
- Betablocker (1964) und ACE-Hemmer (1980) gegen Herzkrankheiten und Bluthochdruck
- Statine gegen Hypercholesterinämie und erstes Präparat gegen HIV/Aids (1987) usw.

Die beiden Weltkriege stellten die Pharmaindustrie vor große Herausforderungen. Besonders Penicillin, Plasma und Albumin wurden für das amerikanische Militär im II. Weltkrieg in großen Mengen produziert, was nur durch den Zusammenschluss von mehreren Firmen bewältigt werden konnte. In der Nachkriegszeit verlinkte sich die Zusammenarbeit von Industrie und akademischer Forschung in der APhA (American Pharmaceutical Association). Mit Hilfe der Förderung durch die amerikanische Besatzung in Japan entwickelte sich die dortige Pharmaindustrie von einer zunächst „Imitationsbranche“ mit so genannten „me too“- Produkten zu einer Industrie der F&E eigener Präparate wie Statine (Sankyo) oder Vitamine (Takeda) oder Immunsuppressiva (Fujisawa). In den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte sich die Pharmaindustrie vor allem in Europa - besonders in Deutschland - etabliert. Fast alle der großen Unternehmen befassten sich mit allen Phasen der Produktion: von der Entstehung bis zur Vermarktung eines Medikaments: Forschung, Entwicklung, Produktion, Verkauf und Marketing. Heute ist dieses Konzept nicht mehr haltbar, es wird nach Lösungen gesucht wie Outsourcing oder - wie von Biotech-Firmen bereits praktiziert - Aufbau von weltweiten Verkaufs- und Marketingnetzwerken, die die Entwicklungskosten der Produkte rasch auffangen können. Mitte des 20. Jahrhunderts war das Patentrecht noch nicht so ausgereift und erlaubte somit Nachahmerfirmen die legitime Kopie von Originalprodukten pharmazeutischer Unternehmen, was dazu führte, dass multinationale Firmen ihre Produkte über ein länderübergreifendes Vertriebswerk an den Kunden bringen mussten, um Nachahmern am Markt zuvorzukommen. Die Folge davon war eine scharf beschränkte Lizenzvergabe, was zu Frühformen des Co-Marketing und der Co­Promotion führte - Prinzipien, die in weiterer Folge durch strategische Partnerschaften und einem funktionierenden Patentrecht praktiziert wurden, um Nachahmern den Einstieg zu erschweren. In den 1970er Jahren kam es in einem ersten Konsolidierungsversuch zu groß angelegten Zusammenschlüssen in der pharmazeutischen Industrie: kleinere Unternehmen in Ländern, wo ein multinationales Pharmaunternehmen keine direkte Marktpräsenz hatte, wurden von ihm aufgekauft; mehrere kleinere nationale Unternehmen schlossen sich aus Wettbewerbsgründen gegen die expandierenden multinationalen Pharmariesen zusammen. England und die Schweiz hatten bereits sehr früh große, forschende, stabil produzierende Konzerne, in Deutschland dominierten Hoechst, BASF und Bayer, Italien und Spanien konnte aufgrund fehlender Patentgesetze nicht mithalten und verblieb mit einer Pharmaindustrie, die aus vielen kleinen Firmen bestand. Die USA konnte mit einem weltweiten Netzwerk, potenten Forschungszentren sowie bereits ausgereiften Firmenzusammenschlüssen punkten.9

3. Herausforderungen der Pharmaindustrie 1990 - 2020

Im folgenden Kapitel, dem Hauptteil dieser Arbeit, soll nun anhand einer chronologischen Aufteilung dreier Dekaden von den 90er Jahren bis heute, einerseits die weitere Entwicklung der Pharmaindustrie beschrieben werden, sowie andererseits eine Analyse der getroffenen, strategisch wichtigen Entscheidungen erfolgen. Ein stetiger Wandel bringt Herausforderungen und Chancen zugleich mit sich und zwingt selbst einen milliardenschweren Industriezweig zu einem immer wiederkehrenden Prozess der Neuorientierung und somit unter anderem zur Findung verbesserter oder neuer Strategien um im hart umkämpften Markt der Pharmaproduzenten erfolgreich und gerüstet für die Zukunft zu bleiben.

3.1 Dekade I - 1990 - 2000

Anschließend zu den am Ende von Kapitel 2 genannten Zusammenschlüssen großer, internationaler Pharmaunternehmen werden nachfolgend einige der daraus entstandenen Riesenkonzerne aufgeführt:

- 1996 Novartis (aus Ciba-Geigy und Sandoz), 2005 mehrere Akquisitionen;
- 1998 Sanofi und Synthelabo (wird 2004 mit Aventis Sanofi-Aventis, kauft 2009 BiPar);
- 1999 Pharmacia & Upjohn mit Monsanto
- 1999 Pfizer übernimmt im bisher teuersten Deal Warner-Lambert (übernimmt 2002 Pharmacia und 2009 Wyeth);
- 2000 GlaxoSmithKline (aus SmithKline Beecham und Glaxo Wellcome);
- 2007 AstraZeneca erwirbt MedImmune;
- 2008 kauft Merck das größte Biotechunternehmen Serono;
- 2010 Generika-Riese Teva akquiriert Ratiopharm.

Durch die Zusammenschlüsse und Akquisitionen Ende des 20. Jahrhunderts kam es allerdings nicht zur erhofften Konsolidierung der Pharmaindustrie. Die Anzahl der einzelnen Pharmaunternehmen (ab einem Umsatz von 500 Millionen US-Dollar) stieg in diesem Zeitraum von 89 auf 192 an. Mehr Firmen als erwartet spezialisierten sich, was die Konkurrenz verschärfte. Ebenso verminderte sich im gleichen Zeitraum der Umsatz um 1,9%, während der Anteil am Wachstum der gesamten pharmazeutischen Industrie 2010 mit ca. 12% auf den Generikabereich fiel.10

Eine der größten Herausforderungen der Pharmaindustrie von den 90er Jahren über den Jahrtausendwechsel hinaus ist das Auslaufen vieler Blockbuster-Patente und der Nachbau der nun ungeschützten Produkte durch Generikaproduzenten. Für ein besseres Verständnis ist eine kurze Erklärung von zwei Begriffen hilfreich: Megbabrand/Blockbuster und Patent.

Hinter dem Begriff Megabrand verbirgt sich ein Produkt, das Umsätze in Höhe von einer Milliarde US-Dollar im Jahr einbringt, und zwar zwei Jahre nach Markteinführung durch eine Vermarktung in annähernd 60 Ländern weltweit. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht der Pharmaproduzent einen ansehnlichen Etat für Marketingmaßnahmen, nach Schätzung von AstraZeneca zwischen 0,5 - 1 Milliarden US-Dollar in den ersten zwei Jahren. Als Beispiel sei hier Lipitor (in Deutschland und Österreich „Sortis“ mit der Substanz Atorvastatin) als Megabrand schlechthin, angeführt. 1998 am Markt eingeführt, war es für Pfizer 2006 mit 13 Milliarden US- Dollar Umsatz jahrelang die Haupteinnahmequelle. Nach der Akquisition von Wyeth erreichte es immer noch 15,8% des Pfizer-Umsatzes im Jahr 2008. Während der gesamten patentgeschützten Zeit betrug der Umsatz von Lipitor 130 Milliarden US- Dollar. Weitere ähnliche Beispiele sind Humira von Abbott Laboratories, Plavix von Bristol-Myers Squbb/Sanofi-Aventis oder Diovan von Novartis. Als Blockbuster bezeichnet man ein Produkt, das unabhängig vom Zeitraum mehr als eine Milliarde US-Dollar Umsatz einbringt. 1997 gab es ca. 17 Blockbuster Produkte, 2001 bereits 50, 2010 werden es 133 sein, die dann 34% des Gesamtumsatzes der Pharmaindustrie erwirtschaften. In weiterer Folge werden die Patente dieser Blockbuster auslaufen, was sich wiederum auf die Umsätze der Generikaproduzenten niederschlagen wird.11

Ein Patent macht im Allgemeinen eine Erfindung, hier speziell die einzelnen Forschungsergebnisse eines pharmazeutischen Produkts, durch die rasche Veröffentlichung der Patentschrift der Öffentlichkeit zugänglich. Das bedeutet, dass aufgrund des Forschungsprivilegs unternehmensfremde Forscherteams den neuen Erkenntnisstand dazu nutzen können, daran weiterzuforschen. Andererseits schützt es auch den Erfinder für eine bestimmte Zeit vor Nachahmungen, derzeit weltweit 20 Jahre lang. Die Zeit, in der das Produkt vermarktet werden kann bzw. Einnahmen bringt, ist jedoch speziell bei Medikamenten viel kürzer, denn bis das patentierte Medikament den notwendigen Prozess der Erprobung, Prüfung und behördlichen Zulassung durchlaufen hat, vergehen oft viele Jahre und der Erfinder ist auf die verbleibende Zeit angewiesen, die Forschungs-, Entwicklungs- und Marketingkosten mit Gewinn zu erwirtschaften. Bei einem Medikament werden verschiedene Erfindungen nacheinander zum Patent angemeldet (Wirkstoff, Hilfsstoffe, Rezepturen, Herstellungsverfahren etc.), was bedeutet, dass das Patent dadurch auch zeitlich abgestuft abläuft. Pharmafirmen können ihre patentierte Erfindung durch Einhebung von Lizenzgebühren anderen Unternehmen zur Nutzung freigeben, was sich speziell dann als wirtschaftlich vorteilhaft erweist, wenn der Lizenznehmer das Medikament in bestimmten Ländern vermarktet, die z.B. dem Lizenzgeber nicht oder nur schwer zugänglich sind. Nach Ablauf des Patents kann das Medikament mit dem gleichen Wirkstoff als Generikum hergestellt werden oder - bei gentechnischen Präparaten - mit ähnlichem Wirkstoff als Biosimilar. Dabei greifen die Nachahmer, ohne den hohen finanziellen Aufwand für F&E schultern zu müssen, auf die fertigen Rezepturen zurück und sind dadurch in der Lage, kostengünstig zu produzieren, wobei sie den Umsatz des ehemaligen Patentinhabers stark schmälern und ihm das

Orignialprodukt kaum mehr als Einnahmequelle für neue Forschungen Nutzen bringt.12

Diese Problematik führte zu einem Umdenken in den Strukturen der Pharmaunternehmen: während sich im oben genannten Zeitraum bereits eine Vielfalt an Pharmafirmen gebildet haben mit entsprechenden Spezialisierungen, steht nun das Problem der Finanzierbarkeit von F&E am Tapet.

Am Beispiel der Automobilindustrie verlagerte sich deren Unternehmensstruktur vom Universalproduzenten (Idee, Planung, Produktion aller Teile, Vertrieb und Verkauf) zu Spezialisten, die einen oder mehrere Produktionsschritte eines Automobils übernehmen. In den folgenden Jahren wird sich die Pharmaindustrie mit diesem Thema befassen und neue Wege einschlagen.13

Dass auch die Forschungs- und Entwicklungspipelines der Konzerne eher geringe Ergebnisse bei neuen Wirkstoffen vorzuweisen haben, die in absehbarer Zeit auf dem Markt gelangen können, verschärft diese Situation zusätzlich. Es fehlen die Einnahmen aus dem Verkauf der Blockbuster, deren Patente entweder schon abgelaufen sind oder dies in absehbarer Zeit passieren wird, die für die F&E dringend gebraucht werden. In die dadurch entstehenden Marktlücken drängen sich die Hersteller von Generikaarzneien, die die nachgebauten Blockbuster wesentlich günstiger anbieten können, weil ihnen die hohen Forschungs- und Entwicklungskosten erspart geblieben sind und die Nachfrage nach dem - nun zwar als Nachbau erhältlichen, doch bereits bestens am Markt eingeführten - Blockbuster weiterhin bestehen bleibt.14

[...]


1 Vgl. Hillek et al. (2013), online

2 Vgl. Drews (1998), S.37-38

3 Vgl. Winau (1993), S.259-263

4 Vgl. Drews (1998), S.38

5 Vgl.Winau (1993), S.276-278)

6 Vgl. Fischer und Breitenbach (2017), S.2-3

7 Vgl. Winau (1993), S.278-279

8 Vgl. vfa Die forschenden Pharma-Unternehmen (2018), online

9 Vgl. Fischer und Breitenbach (2017), S.6-10

10 Vgl. Fischer und Breitenbach (2017), S.

11 Vgl. Fischer und Breitenbach (2017), S.10-11

12 Vgl. vfa Die forschenden Pharma-Unternehmen (2015), online

13 Vgl. Fischer und Breitenbach (2017), S.11

14 Vgl. Franz (2012), S.1

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Strategische Herausforderungen der Pharmaindustrie seit 1990. Chancen für eine erfolgreiche Zukunft?
Hochschule
Fachhochschule Kufstein Tirol
Note
1
Autor
Jahr
2018
Seiten
39
Katalognummer
V915784
ISBN (eBook)
9783346233561
ISBN (Buch)
9783346233578
Sprache
Deutsch
Schlagworte
strategische, herausforderungen, pharmaindustrie, chancen, zukunft
Arbeit zitieren
Matthias Salvenmoser (Autor), 2018, Strategische Herausforderungen der Pharmaindustrie seit 1990. Chancen für eine erfolgreiche Zukunft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/915784

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