Integration durch Sport. Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund durch sportliche Aktivitäten in Freizeit und Schule


Bachelorarbeit, 2016

45 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Integration durch Sport

2. Begriffsklärung
2.1. Migration
2.2. Migrationshintergrund
2.3. Integration
2.4. Soziale Integration

3. Historischer Überblick zur Migration in Deutschland seit 1950

4. Migration in Deutschland seit 2014

5. Integrations- und Sozialisationseffekte von Sport
5.1. Sportengagement und die Ausübung von Gewalt
5.2. Freundschaftsbeziehungen durch Sport
5.3. Sportengagement und die Auswirkung auf die Bildung

6. (Interkulturelles)Lernen und Integration durch Bewegung und Sport an der Schule
6.1. Der Zusammenhang von Sportlichkeit und kognitiver Leistung
6.2. Der Ansatz der interkulturellen Bewegungserziehung
6.2.1. Was ist Fremdheit?
6.2.2. Erprobte didaktische Leitideen der interkulturellen Bewegungserziehung
6.2.3. Sportprojekte im Sinne der interkulturellen
6.3. Mögliche didaktische Maßnahmen für die Schule
6.4. Spiel- und Übungsformen für ein bewegtes Lernen

7. Fachsprache Sport für Kinder mit Migrationshintergrund
7.1. Fachsprache im Sportunterricht am Beispiel von Geräteturnen
7.2. Spielerisches Lernen der Sportsprache

8. Ausblick

9. Literaturverzeichnis

1. Integration durch Sport

Zahlreiche Flüchtlinge nehmen in den letzten Monaten unglaubliche Strapazen auf sich, um Sicherheit und Frieden in einem völlig fremden Land zu finden. Deutschland zählt zu den Ländern, die die meisten Flüchtlinge aufnehmen. Dies ist keineswegs ein neues Phänomen der heutigen Zeit, denn bereits nach Ende des Zweiten Weltkriegs ließen sich in Deutschland viele Migrationsbewegungen beobachten.

Die Einwanderung und Bitte um Asyl dieser vielen Menschen stellt unser Land auch heute vor große Herausforderungen. Besonderes Augenmerk wird dennoch auf die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund gelegt. Durch integrative Maßnahmen möchte man die asylsuchenden Menschen bestmöglich in unsere bestehende Gesellschaft eingliedern und ihnen eine gute Perspektive bieten. Eine häufig genannte Möglichkeit zur Integration dieser Menschen ist der Sport. Da ich selbst ein ambitionierter Sportler und in der Ausbildung zum Sport- und Deutsch als Zweitsprache Lehrer bin, hat mich diese Thematik von Anfang an sehr interessiert. Es macht mir große Freude, Kinder und Jugendliche zum Sport zu motivieren und zu beobachten was der Sport bei ihnen bewirkt. Daher wird in dieser Arbeit untersucht, ob und wie man Menschen und v.a. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund, durch sportliche Aktivitäten in Freizeit und Schule, die Integration erleichtern kann. Es werden außerdem Sozialisationseffekte von Sport analysiert, untersucht inwieweit sich Sport auf kognitive Leistungen von Kindern auswirkt und wie man dies gerade im Zweitsprachunterricht nutzen könnte. Darauf aufbauend wird an praktischen Beispielen gezeigt, wie eine gelungene Integration und interkulturelle Erziehung durch Sport an der Schule umgesetzt werden könnte.

2. Begriffsklärung

Im Folgenden werden die für die weitere Arbeit relevanten Begriffe der Migration, des Migrationshintergrundes, der Integration und der sozialen Integration erklärt bzw. definiert.

2.1. Migration

Ausgelöst v.a. durch politische und ökonomische Gründe begeben sich weltweit Menschen auf eine Wanderung, die auch als ‚Migration‘ bezeichnet werden kann (vgl. Simone Oppat, 2010, S. 12). Betrachtet man die Migration unter sozialwissenschaftlichen Gesichtspunkten „handelt es sich um einen grundlegenden politisch-historischen Begriff, der Prozesse räuml. Bewegung von Menschen beschreibt“ (Simone Oppat, 2010, S. 12). Zusammenfassend kann man den Begriff ‚Migration‘ also als „Jede längerfristige, räumliche Verlagerung des Lebensschwerpunktes über größere Distanz, die ein Verlassen des sozialen Aktionsraums zur Folge hat“ (Simone Oppat, 2010, S. 75).

2.2. Migrationshintergrund

Zu den Menschen mit Migrationshintergrund (im weiteren Sinn) zählen nach der Definition im Mikrozensus „alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“ (Statistisches Bundesamt: Fachserie 1, Reihe 2.2 Bevölkerung und Erwerbstätigkeit, Bevölkerung mit Migrationshintergrund, Wiesbaden 2013, Textteil: Methodische Bemerkungen mit Übersicht über die Ergebnisse). Im Zensus 2011 werden als Personen mit Migrationshintergrund alle zugewanderten und nicht zugewanderten Ausländer/-innen sowie alle nach 1955 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugewanderten Deutschen und alle Deutschen mit zumindest einem nach 1955 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugewanderten Elternteil als Personen mit Migrationshintergrund definiert. (Bundesamt für Migration&Flüchtlinge,https://www.bamf.de/DE/Service/Left/Glossary/_function/glossar.html?lv3=3198544&lv2=1364186)

2.3. Integration

Allgemein definiert die Brockhaus Enzyklopädie Integration wie folgt: „1) allg.: (Wieder-) Herstellung einer Einheit, Einbeziehung, Eingliederung in ein größeres Ganzes“ (Simone Oppat, 2010, S. 9). Dies beruht auf der lateinischen Bedeutung von „Integration“, nämlich der Wiederherstellung eines Ganzen. Für diese Arbeit ist auch die Definition aus soziologischer Sicht von großer Bedeutung: „6) Soziologie: Bez. 1.) für einen gesellschaftl. Prozess, der durch ein hohen Grad an harmon. konfliktfreier Zueinanderordnungen der verschiedenen Elemente […] gekennzeichnet ist. Eingliederung von […] Gruppen in oder ihre Anpassung an allgemein verbindl. Wert-und Handlungsmuster“ (Simone Oppat, 2010, S. 9f)

„Integration ist ein langfristiger Prozess. Sein Ziel ist es, alle Menschen, die dauerhaft und rechtmäßig in Deutschland leben, in die Gesellschaft einzubeziehen. Zuwanderern soll eine umfassende und gleichberechtigte Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen ermöglicht werden. Sie stehen dafür in der Pflicht, Deutsch zu lernen sowie die Verfassung und die Gesetze zu kennen, zu respektieren und zu befolgen.“ (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge https://www.bamf.de/DE/Service/Left/Glossary/_function/glossar.html?lv3=1504494&lv2=5831826)

2.4. Soziale Integration

„[Soziale] Integration ist der Prozess oder das Ergebnis der Eingliederung von Teilen in eine Gesamtheit, und zwar nicht nur im Sinne eines bloßen Hinzufügens. Vielmehr wird ein Mensch oder eine Gruppe unter Zuweisung von Positionen und Funktionen in die Sozialstruktur eines sozialen Systems aufgenommen.“ (Simone Oppat, 2010, S. 10)

3. Historischer Überblick zur Migration in Deutschland seit 1950

Geschichte der Zuwanderung nach Deutschland nach 1950

Die Anwerbung von "Gastarbeitern"

Ende der 1940er-Jahre ebbte der durch den Zweiten Weltkrieg verursachte Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen ab. Als dann Mitte der 1950er-Jahre ein rasantes Wirtschaftswachstum zu einem Arbeitskräftemangel führte, begann auch die Bundesrepublik Deutschland Arbeitskräfte im Ausland anzuwerben. Im Zuge dessen wurde 1955 der erste Anwerbevertrag mit Italien geschlossen. Abkommen mit Spanien und Griechenland folgten 1960. Weitere Abkommen wurden mit der Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964) Tunesien (1965) und Jugoslawien (1967) geschlossen. Zunächst konnte der Arbeitskräftebedarf noch durch übergesiedelte Personen aus der DDR gedeckt werden. Erst nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 wurden ausländische Arbeitskräfte in großer Zahl angeworben. Bereits drei Jahre später wurde der einmilllionste Gastarbeiter in Deutschland begrüßt und mit einem Motorrad beschenkt. Als 1973 in Folge der Ölkrise ein Anwerbestopp verhängt wurde, lebten knapp 4 Millionen Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland. In der Hauptanwerbezeit von den 1960er-Jahren bis 1973 wurden ausländische Arbeitskräfte überwiegend für Tätigkeiten, die nur geringe Qualifikationsanforderungen stellten, angeworben. Solche Tätigkeiten waren v.a. in der industriellen Massenfertigung, der Schwerindustrie und dem Bergbau zu bewältigen. Der Qualifikationsgrad dieser Arbeitskräfte war vergleichsweise niedrig, was dazu führte, dass sie sich am unteren Ende der Arbeitsmarkthierarchie eingliederten. Eine dauerhafte Niederlassung der ausländischen Arbeitskräfte war nicht das Ziel der Anwerbung, es sollte lediglich der Bedarf an gering qualifizierten Arbeitskräften während der Hochkonjunkturphase gedeckt werden. Die Arbeitsverträge waren zunächst befristet, weshalb viele Arbeitskräfte ohne Familie anreisten. Erst längere Aufenthaltsdauern führten dazu, dass auch Familien nachgeholt wurden.

Die Entwicklung nach dem Anwerbestopp von 1973

1973 stellte der Anwerbestopp die ausländischen Arbeitskräfte vor die Entscheidung, entweder zurückzukehren oder sich auf einen längerfristigen Aufenthalt einzurichten und die Familie nachzuholen. Die Zahl der ausländischen Bevölkerung nahm nur leicht ab, da der Familiennachzug nach dem Anwerbestopp die Rückwanderung stark kompensierte. Als das Jahr mit dem höchsten Zuzug an "Gastarbeitern" gilt das Jahr 1990, denn die Zuwanderung war wieder angestiegen und sogar höher als 1970. Diese Entwicklung wurde durch den Fall des Eisernen Vorhangs, Kriege und "ethnische Säuberungen" im ehemaligen Jugoslawien sowie durch die sich zuspitzende Lage im kurdisch besiedelten Teil der Türkei verursacht. In dieser Phase erreichte auch der Zuzug von Aussiedler(inne)n und Asylbewerber(inne)n seinen bisherigen Höhepunkt.

Der Großteil der deutschen Bevölkerung hieß die Migranten nicht willkommen. Dies führte nach der Wiedervereinigung zu einer ausländerfeindlichen Grundstimmung in Deutschland und brachte zahlreiche Ausschreitungen gegen Asylsuchende und die ausländische Bevölkerung mit sich. Man kann hier klare Parallelen zu der aktuellen Flüchtlingssituation in Deutschland erkennen. „1991 wurden in Hoyerswerda Asylsuchende aus ihren Unterkünften vertrieben und mit Steinen beworfen. Im gleichen Jahr wurden in Hünxe zwei Flüchtlingskinder bei einem Brandanschlag schwer verletzt. 1992 wurden in Rostock unter öffentlichen Beifallsbekundungen die Unterkünfte von Asylbewerbern mehrere Tage belagert und schließlich in Brand gesetzt. In Mölln (1992) und Solingen (1993) wurden Brandanschläge auf bereits lange in Deutschland lebende türkische Familien verübt, die in den Flammen starben oder schwerverletzt überlebten.“ Ein vorläufiges Ende fand die Gewalt gegen Ausländer erst Mitte der 1990er-Jahre als die Zuwanderungszahlen wieder stark rückläufig wurden. In diesen Jahren ging sowohl die Zahl der Zuzüge als auch der Fortzüge zurück, was dazu führte, dass das Wanderungsgeschehen generell an Dynamik verlor. Im Jahr 2000 wurde das Staatsangehörigkeitsrecht, das Kindern von in Deutschland lebenden Ausländerinnen und Ausländern bei Vorliegen bestimmter Vorrausetzungen zusätzlich zur Staatsangehörigkeit der Eltern auch die deutsche Staatsangehörigkeit verleiht, geändert. Dies und weitere Einbürgerungen bewirkten, dass die ausländische Bevölkerung statistisch gesehen nicht weiter wuchs.

Der „Mikrozensus“ bot erstmals die Möglichkeit, den Migrationshintergrund differenziert abzubilden. „Nach der Definition des Statistischen Bundesamtes zählen nun alle Ausländerinnen und Ausländer, alle über die Grenzen Deutschlands zugewanderten Personen (mit Ausnahme der Flüchtlinge und Vertriebenen während und nach dem Zweiten Weltkrieg) sowie alle Personen mit mindestens einem ausländischen, zugewanderten oder eingebürgerten Elternteil zu den Personen mit Migrationshintergrund. 1 Im Jahr 2008 haben 19 % der Bevölkerung in Deutschland, das sind 15,6 Millionen Menschen, einen Migrationshintergrund. Die Hälfte davon – 8,3 Millionen – sind deutsche Staatsbürger. Von der ausländischen Bevölkerung stammen im Jahr 2008 ein Viertel aus der Türkei, 7,8 % aus Italien und 5,9 % aus Polen.“

Flucht und Asyl

Das Schicksal der Verfolgten des Nationalsozialismus war zum Zeitpunkt des Entstehens des Rechts auf Asyl im Grundgesetz, noch gegenwärtig und wurde daher recht weit gefasst.

Das Recht auf Asyl wurde kaum in Anspruch genommen, da das Asylverfahren bis Mitte der 70er-Jahre weitgehend auf Osteuropäer abgestimmt war. Lediglich auf Grund des Volksaufstandes in Ungarn 1956 und des Prager Frühlings 1969 gab es über 10.000 Asylgesuche. Mit über 100.000 Asylanträgen wurde 1980 ein erster Höhepunkt erreicht. Die Anzahl der Asylbewerber stieg zu dieser Zeit wegen des Militärputsches in der Türkei und der Verhängung des Kriegsrechts in Polen 1981. Die Bundesregierung führte daraufhin eine Visumspflicht für türkische Staatsbürger und andere Herkunftsländer von Asylbewerbern ein. Außerdem wurden Fluggesellschaften verpflichtet, Passagiere ohne Visum auf ihre Kosten wieder zurückzubefördern. Diese Maßnahmen ließ die Zahl der Anträge wieder unter 50.000 sinken.

Die Zunahme der Asylsuchenden nach dem Fall des Eisernen Vorhangs

Ein Eilverfahren wurde 1982 eingeführt, um das Asylverfahren bei offensichtlich unbegründeten Anträgen zu beschleunigen. Nachdem 1983 die Zahl der Asylbewerber mit 20.000 den niedrigsten Wert in den 1980er-Jahren erreichte, stieg sie wieder deutlich an. Zu diesem Anstieg kam es v.a. durch den Bürgerkrieg in Sri Lanka, die Unterdrückung der Kurden in der Türkei und im Irak sowie den Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien. Der Höhepunkt wurde mit dem Fall des Eisernen Vorhangs erreicht. Das deutsche Asylrecht geriet durch diese Geschehnisse erheblich unter Druck, was sich z.B. in den 438.000 Erstanträgen im Jahr 1992 äußerte. In Deutschland wurden zu dieser Zeit 80 % aller Asylanträge in Westeuropa gestellt. Wieder entstand eine kontroverse gesellschaftliche und politische Debatte über die Prinzipien der Asylgewährung und der Aufrichtigkeit der Fluchtmotive von Asylbewerbern. Deutschland war gezwungen, seine Asylpolitik zu verschärfen, was mit dem sogenannten Asylkompromiss von 1993 geschah. Hierfür wurde mit der Unterstützung von CDU/CSU, SPD und FDP das Grundgesetz geändert. Das bis dahin uneingeschränkt geltende Prinzip "Politisch Verfolgte genießen Asyl" wurde durch bestimmte Einschränkungen reguliert. So bestimmte die Drittstaatenregelung, dass Einreisende aus einem sicheren Drittland keinen Asylantrag mehr stellen konnten. Des Weiteren gab es die Liste verfolgungsfreier Staaten, in der die Staaten, die frei von Verfolgung sind, dokumentiert wurden. Bürger dieser Staaten konnten keinen Asylantrag stellen. Als weitere Maßnahme wurden Fluggesellschaften mit Strafen belegt, wenn sie Passagiere ohne gültige Einreisedokumente beförderten.

Der Rückgang der Asylbewerberzahlen nach der Verschärfung des Asylrechts 1993

Da Deutschland nun von sicheren Drittstaaten umgeben war, wurde das Stellen eines Asylantrages wesentlich erschwert. Daraus resultierte ein starker Rückgang der Anträge. So wurden 1998 erstmals wieder weniger als 100.000 Anträge gestellt, zwischen 2006 und 2008 beantragten nur um die 20.000 Menschen Asyl. Doch bereits Im Jahr 2009 stieg die Zahl der Erstanträge wieder auf knapp 28.000. Dennoch wurden auch die Nachbarländer Deutschlands mit einer hohen Zahl an Asylanträgen konfrontiert. So wurden in Frankreich 2008 nahezu doppelt so viele Anträge gestellt wie in Deutschland und auch im wesentlich bevölkerungsärmeren Schweden kam es im Vergleich zu Deutschland zu mehr Asylanträgen. Deutschland stand demnach, bezüglich der Asylanträge, nicht mehr an erster Stelle.

Mehr als 80% der Asylanträge wurden anerkannt als eine nur kleine Zahl an Osteuropäern das Asylrecht in Anspruch nahm. Danach war dieser Wert deutlich niedriger. Im Kontrast dazu lag die Anerkennungsquote von Erstanträgen in den 90ern lediglich zwischen 3% und 7%. Um die Jahrhundertwende, als die Zahl der Asylbewerber weiter zurückging, stieg der Prozentsatz erfolgreicher Anträge wieder auf bis zu 67,5% im Jahre 2008.

Die Harmonisierung der Flüchtlings- und Asylpolitik innerhalb der EU

Auf Grund zuwanderungsbegrenzender Maßnahmen in einem Staat wichen die Asylsuchenden auf benachbarte Staaten aus. Deshalb verschärften diese dann ebenfalls Gesetze und Kontrollmaßnahmen. Man strebte nun eine Harmonisierung der Flüchtlings- und Asylpolitik innerhalb der Länder der EU an. So sollten z.B. Sekundärwanderungen verhindert werden, d.h. Asylbewerber, die in einem Land abgelehnt wurden, nicht in anderen Mitgliedsstaaten erneut einen Asylantrag stellen konnten. In dem 1997 in Kraft getretenen „Dubliner Übereinkommen“ wurden für die EU Kriterien aufgestellt, nach denen es eine eindeutige Zuständigkeit für Asylanträge gibt. Betroffene Asylsuchende werden dementsprechend an das jeweils für sie zuständige Mitgliedsland überstellt. Um schneller feststellen zu können, ob ein Asylbewerber bereits in einem anderen Land einen Asylantrag gestellt hat, wurde 2003 außerdem das zentrale europäische Fingerabdruckidentifizierungssystem (EURODAC) in Betrieb genommen.

Politische Lagen verändern sich ständig, daher verändern sich auch die Hauptherkunftsländer der Personen, die einen Erstantrag auf Asyl stellen. So kamen 1995 20,5 % der Personen, die einen Erstantrag stellten, aus der Bundesrepublik Jugoslawien, 19,9 % aus der Türkei und 5,9 % aus Afghanistan. Im Gegensatz dazu war im Jahr 2005 Serbien und Montenegro mit einem Anteil von 19,1 % das wichtigste Herkunftsland derer, die Asyl beantragten, gefolgt von der Türkei (10,2 %) und dem Irak (6,9 %). Im Jahr 2008 kam nahezu ein Drittel (31,0 %) der Asylsuchenden aus dem Irak. (zsgf. Bundeszentrale für politische Bildung http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138012/geschichte-der-zuwanderung-nach-deutschland-nach-1950?p=all)

4. Migration in Deutschland seit 2014

Am 06.01.2016 veröffentlichte Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière den Migrationsbericht 2014. Vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) erstellt, informiert dieser Bericht über die verschiedenen Arten von Migration, gibt einen umfassenden Überblick über das Migrationsgeschehen von 2014 und vergleicht die Ergebnisse mit weiteren EU-Mitgliedsstaaten. Aus diesem Bericht geht hervor, dass 2014 die Anzahl der Zuzüge anstieg, der Anstieg der Fortzüge jedoch etwas geringer ausfiel. So ergab sich mit 550.000 Menschen der höchste Wanderungsgewinn seit 1992. Bereits 2014 wurden 203.000 Erst- und Folgeanträge registriert, was einem Anstieg von 60% im Vergleich zu 2013 entspricht. Daraus resultiert, dass Deutschland das Land in der EU ist, in dem die meisten Anträge gestellt wurden. Zurück zu führen auf die weiterhin stark gestiegene Asylzuwanderung, hat die Zuwanderung nach Deutschland besonders seit Mitte 2015 ungemein an Dynamik gewonnen. So wurden bereits Ende Juli 2015 mehr Asylanträge als im gesamten Vorjahr gezählt.

Im Migrationsbericht 2014 wird auch die EU-Binnenmigration analysiert. Polen gilt seit 1996 als Hauptherkunftsland von Zuwanderern, was sich auch 2014 nicht änderte. Hinzu kamen nun zusätzlich Zuwanderer aus den 2007 zur EU beigetretenen Staaten Rumänien, Kroatien und Bulgarien. Trotz steigender absoluter Zahlen ist der Anteil der EU-Binnenmigration nach Deutschland mit 55% leicht rückläufig. Der Grund hierfür ist die überproportionale Zunahme von Asylsuchenden aus Nicht-EU-Staaten.

Auch die Zuwanderung von Fachkräften aus Drittstaaten stieg im Vergleich zu 2013 um 13% an. Die Zuwanderer stammen v.a. aus Indien, Amerika und China. Außerdem kamen noch nie zuvor so viele ausländische Staatsangehörige nach Deutschland, um an deutschen Hochschulen ihr Studium zu beginnen.

Migration im Jahr 2015

2015 zählen v.a. Länder aus der Balkanregion, wie z.B. Serbien, Kosovo, Mazedonien und Albanien, zu den Hauptherkunftsländern. Zählt man noch die Asylbewerber aus Bosnien-Herzegowina und Montenegro dazu, machen diese sechs Staaten im Jahresdurchschnitt etwa 30% aller Asylbewerber aus. Dieser Anteil sank allerdings in der zweiten Jahreshälfte und lag im Dezember 2015 nur noch bei acht Prozent von allen Bewerbern. 476.649 formelle Asylanträge wurden insgesamt beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eingereicht. Zu den Hauptherkunftsländern zählt auch Syrien. Auf der Flucht aus ihrem Land, baten 162.510 Syrer in Deutschland um Asyl.

Im Jahr 2015 hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 282.726 Entscheidungen (Vorjahr: 128.911) getroffen. Insgesamt 137.136 Personen erhielten im Jahr 2015 die Rechtsstellung eines Flüchtlings nach der Genfer Konvention (48,5 Prozent aller Asylbewerber). Zudem erhielten 1.707 Personen (0,6 Prozent) subsidiären Schutz und 2.072 Personen (0,7 Prozent) Abschiebungsschutz.“

Die Erst- und Folgeanträge verteilten sich bei den Hauptherkunftsländern von Januar bis Dezember 2015 wie folgt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Push- und Pull-Faktoren für Migration

Menschen lassen Heimatland, Freunde und Familie hinter sich und brechen in ein fremdes Land auf, brechen auf in das Ungewisse. Sogenannte Push- und Pull-Faktoren beschreiben Motive, warum und wohin Menschen migrieren. So vielfältig diese Motive auch sein mögen, so haben sie eines gemeinsam, „das Abzielen auf eine Verbesserung der Lebenssituation – weniger Armut, mehr Bildung, höherer Lebensstandard, Schutz vor Verfolgung“. (Vgl. Heintel, Martin/Husa, Karl/Spreitzhofer, Günter: Migration als globales Phänomen).

Unter Push-Faktoren (abstoßende Faktoren) versteht man nach Heintel/Husa/Spreitzhofer „die unbefriedigend empfundene Situation in der Heimat“. Diese Situation wird von Krieg, religiöser und politischer Verfolgung, Armut und Umweltkatastrophen geprägt. Das Bild von Sicherheit und Wohlstand in anderen Ländern, das durch Frieden, Arbeitsplätze etc. geprägt wird, wird als Pull-Faktor (anziehender Faktor) bezeichnet.

(vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge http://www.bamf.de/SharedDocs/Meldungen/DE/2016/201610106-asylgeschaeftsstatistik-dezember.html?nn=1367522)

5. Integrations- und Sozialisationseffekte durch Sport

Bei meiner Arbeit als Nachmittagsbetreuer an einer Mittelschule komme ich mit verschiedensten Schülern in Kontakt. Schüler mit Migrationshintergrund, deutsche Schüler, sportliche und weniger sportliche Kinder verbringen nach der Arbeitsphase ihre Freizeit miteinander. Als ambitionierter Sportler freue ich mich immer, mit den Kindern sportlich aktiv zu werden. Sportart Nummer Eins ist ganz klar Fußball, die größten teils von männlichen Schülern wahrgenommen wird, aber auch bei einigen Mädchen auf Interesse stößt. Durch diese Begebenheiten kommt immer eine interessante und heterogene Gruppe zusammen. Bereits ganz am Anfang meiner Tätigkeit als Betreuer fiel mir auf, wie viele verschiedene Verhaltensmuster sich beim gemeinsamen Sport beobachten lassen. So kann man z.B. das Frustrationsverhalten, die Teamfähigkeit, soziales Verhalten, Emotionen und Aggressionen der einzelnen Schülerinnen und Schüler erkennen. Gerade die Heterogenität der Gruppe, bedingt durch die zahlreichen Kinder mit Migrationshintergrund, macht diese Beobachtungen so interessant und regt dazu an, über die Sozialisationsfunktion von Sport nachzudenken. Dabei ist es in meinen Augen irrelevant, ob die sportliche Betätigung im Zuge eines Sportvereins oder in der Schule stattfindet, denn wichtig ist nur, dass eine heterogene Gruppe von einheimischen und Kindern mit Migrationshintergrund interagiert. Im Folgenden wird nun untersucht, welche Sozialisations- und Integrationseffekte der Sport erreichen kann.

Die Politik und Sportorganisationen schreiben dem Sport Integrationsfunktionen zu und haben hohe Erwartungen an diese. So verspricht man sich z.B. einen Beitrag zur Gewalt- und Suchtprävention, die Einbindung von Migranten und die Förderung von pro-sozialen Werten. Die Sozialkapitalforschung argumentiert sogar mit der Einübung demokratischer Verhaltensweisen und einer Genese von sozialem Vertrauen (zsfd. Rittner/Breuer 2004). So gesehen hätte Sport eine immense Bedeutung für eine soziale Gemeinschaft und Gesellschaft. „Dass die unterstellten Zusammenhänge existieren ist aber keineswegs gewiss“ (Michael Mutz, 2012, S. 174). Die sozialtheoretische Überlegung, die hinter den genannten Funktionszuschreibungen des Sportes steht, impliziert, dass Sport gesellschaftlich anerkannte Werte, Normen und Haltungen wie Fairness, Teamgeist und Leistungsbereitschaft vermittelt, was das soziale Zusammenleben positiv beeinflussen soll. Um aber diesen Zusammenhang annehmen zu können, müssen zwei Faktoren erfüllt werden. Erstens muss man davon ausgehen, dass Sport tatsächlich diese wünschenswerten Eigenschaften vermittelt und zweitens, dass Sportler jene erworbenen Eigenschaften auch in andere Lebenssituationen übertragen können. Ein fairer und leistungsorientierter Fußballspieler müsste dieses Verhalten also nicht nur auf dem Feld, sondern auch am Arbeitsplatz, in der Schule ect. zeigen (vgl. Michael Mutz, 2012, S. 174). „Zur eigentlichen Sozialisationsannahme kommt also noch eine Transferannahme hinzu: Die im Sport vermittelten Fähigkeiten und Orientierungen müssen sich auch auf andere sportfremde Lebensbereiche und Handlungsfelder auswirken“ (Michael Mutz, 2012, S. 174).

Es gilt also zunächst die relevanten Forschungslinien zum Thema ‚Sozialisation durch Sport‘ zu betrachten. Besonderes Augenmerk wird auf psychische Effekte des Sporttreibens gelegt, zu denen z.B. das Selbstwertgefühl und das Selbst-oder Körperkonzept zählen. Ebenfalls untersucht werden Sport-Effekte auf problematische Verhaltensweisen wie Drogenkonsum und Gewalttätigkeit. In vielen Analysen können jedoch nur sehr geringe positive Effekte nachgewiesen werden, zum Teil gar keine. Es wird daher auch zu mehr Zurückhaltung geraten, wenn es um die persönlichkeitsfördernde Kraft des Sportes geht. Eine Längsschnittstudie zu diesem Thema wurde von Brettschneider und Kleine durchgeführt. Sie konnten im Zuge ihrer Untersuchungen jedoch „keine Anzeichen für Entwicklungsvorteile von Sportlern im Hinblick auf psychosomatische Beschwerden oder den Konsum von Alkohol, Tabak und Drogen nachweisen und ein durchgängiger Wirksamkeitsnachweis […] kann ebenfalls nicht erbracht werden, wenn es um die Ausübung kleinerer Delikte und auch strafbarer Handlungen geht“ (Michael Mutz, 2012, S. 175). Es konnten aber z.B. bei Freundschaftsbeziehungen, gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen und politischen Einstellungen kleinere sozialisatorische Wirkungen des Sports vorgelegt werden. „Insgesamt klafft aber eine erhebliche Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Die oft proklamierten Sozialisationsleistungen des Sports […] sind allenfalls punktuell durch empirische Befunde belegt“ (Michael Mutz, 2012, S. 175f). Diese Untersuchungen beziehen sich allerdings v.a. auf deutsche Jugendliche. Untersuchungen zu der Integrations- und Sozialisationsfunktion von Sport für Jugendlichen und Kindern mit Migrationshintergrund werden erst seit kurzem durchgeführt, weshalb zu diesem Thema noch recht wenige Befunde vorliegen. Die Evaluationsstudie des DOSB-Programms (Deutscher Olympischer Sportbund) befragte Vereinsvorstände und Übungsleiter zu Integrationszielen- und maßnahmen, Teilnehmern, Problemen usw. Bei diesen Untersuchungen fand man heraus, dass das Sporttreiben in Integrationssportgruppen von geselligen Aktivitäten eingerahmt wurde. Zudem erfuhren die Menschen mit Migrationshintergrund Unterstützung in anderen Lebensbereichen z.B. bei der Suche nach Ausbildungsplätzen, in der Schule und bei Behördengängen. Es wurde ebenfalls festgestellt, dass sich ein großer Teil der Migranten in ihrer Sportgruppe oder dem Verein engagierten (vgl. Michael Mutz, 2012, S. 176). „Das Sporttreiben findet damit in integrationsförderlichen Rahmenbedingungen statt. Letztlich bleibt aber unklar, ob bzw. inwieweit durch diese Rahmenbedingungen tatsächlich Integrationsprozesse bei den Teilnehmern angeregt werden, die über den Sport hinaus wirken“ (Michael Mutz, 2012, S. 176). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Sport im Sozialisationsgeschehen nur eine untergeordnete Rolle einnimmt. Das liegt v.a. daran, dass Jugendliche und Kinder im Verhältnis zu Schule, Familie und Freunden nur einen recht geringen Zeitanteil für sportliche Aktivitäten aufbringen (vgl. Michael Mutz, 2012, S. 180).

Bei meiner Arbeit als Nachmittagsbetreuer fiel mir schon bald auf, wie viele Emotionen die Schüler beim Sport zeigen. Oft kommt es zu Konflikten zwischen den Jugendlichen, die nicht selten mit einem hohen Maß an Aggressionen verbunden sind. Meistens beschränken sich die Aggressionen auf verbale Auseinandersetzungen, was aber daran liegt, dass die Betreuer sofort für Disziplin sorgen. Auf der anderen Seite sieht man aber auch kameradschaftliches Verhalten, Freundschaften und Teamarbeit. Ich merkte schon bald, dass viele der Schüler, v.a. die männlichen, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund, nicht mit Rückschlägen umgehen konnten. So geben sie sich beim Fußballspiel nach einem Gegentor gegenseitig die Schuld und das auf eine meist unfreundliche und respektlose Art und Weise. Ich persönlich bin daher stets darum bemüht, Frustrationen nicht in Aggressionen ausarten zu lassen, sondern zeige den Schülern, dass sie mit Teamwork und gegenseitigem Respekt wesentlich höhere Chancen auf Erfolg haben, als mit Anfeindungen und Aggressionen. Bewegt von diesen persönlichen Erfahrungen, werde ich mich in meiner Arbeit auf die Punkte „Sportengagement und die Ausübung von Gewalt“ (Michael Mutz, 2012, S. 181) und „Sportengagements und die Einbindung in die Peer-Group“ konzentrieren. Michael Mutz untersucht in seinem Werk „Sport als Sprungbrett in die Gesellschaft?“ u.a. diese beiden Variablen, um zu analysieren, wie sich sportlich engagierte Jugendliche in Hinblick auf ihren Stand der Sozialisation von anderen Jugendlichen unterscheiden.

5.1. Sportengagement und die Ausübung von Gewalt

Als Gewalt bezeichnet man die absichtsvolle Schädigung einer anderen Person durch physische Mittel, also durch den Einsatz von Körperkraft oder Waffen. Ebenso werden die bloße Androhung einer solchen Schädigung und Vandalismus, also die mutwillige Zerstörung von fremdem Eigentum, zur Gewalt gezählt. Ein etwas weiter gefasster Begriff von Gewalt schließt auch psychische und verbale Gewalt mit ein (vgl. Michael Mutz, 2012, S. 183). Zu den ‚jugendtypischen‘ Gewalttaten zählen laut den Kriminalstatistiken des Bundeskriminalamtes v.a. Sachbeschädigungs- und Körperverletzungsdelikte. Dies geht auch aus der folgenden Statistik hervor:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung (http://www.bpb.de/politik/innenpolitik/gangsterlaeufer/203562/zahlen-und-fakten?p=all)

Laut polizeilicher Kriminalitätsstatistik ist Jugendgewalt ein männliches Phänomen, denn in 83% der registrierten Gewaltdelikte sind männliche Jugendliche die Tatverdächtigen, bei Sachbeschädigungen sogar 89%. Gewaltkriminalität wird zudem oft mit ‚Ausländerkriminalität‘ assoziiert. Es wird zwar angenommen, dass ‚fremdländisch‘ erscheinende Täter von deutschen Opfern mit höherer Wahrscheinlichkeit angezeigt werden, als deutsche Täter. Dennoch ist es statistisch belegt, dass Ausländer bei den Tatverdächtigen überrepräsentiert sind: Jede fünfte Person, die einer Straftat verdächtigt wird, besitzt keine deutsche Staatsangehörigkeit. Es lässt sich also nicht abstreiten, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund eher als Gewalttäter in Erscheinung treten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung (http://www.bpb.de/politik/innenpolitik/gangsterlaeufer/203562/zahlen-und-fakten?p=all)

Michael Mutz beschreibt in seinem Buch eine Reihe von Erklärungen für das höhere Gewaltniveau ausländischer Jugendlicher (vgl. Michael Mutz, 2012, S. 188).

Ein Grund für das höhere Gewaltniveau bei jugendlichen Migranten ist „vornehmlich dem Aufwachsen in ‚Mängellagen‘ […] geschuldet (Michael Mutz, 2012, S. 188). Zu diesen Mängeln zählen geringer Wohlstand der Familie, schulische Defizite und daraus resultierende, geringe Arbeitsmarktchancen. Die Jugendlichen entwickeln zudem auf Grund des sie umgebenden deutschen Wohlstandes, hohe Erwartungen an den eigenen Lebensstandard. Oft werden aber genau diese Erwartungen nicht erfüllt, was zur Frustration der Jugendlichen führt. Man geht davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit von Gewaltkriminalität größer wird, wenn die frustrierende Situation über längere Zeit anhält (vgl. Michael Mutz, 2012, S. 188). „In anderen Studien wird darauf hingewiesen, dass Jugendliche mit ausländischer Herkunft häufiger als deutsche Heranwachsende Gewalt in der Familie miterleben würden, in ihren Familien Gewalt legitimierende Männlichkeitsnormen stärker verbreitet seien und ein rigides Verständnis von ‚männlicher Ehre‘ in vielen Situationen die Ausübung von Gewalt, zumindest jedoch ein demonstrativ gewaltbereites Auftreten verlange“ (Michael Mutz, 2012, S. 188f). Ein weiterer Grund für die Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist die Spannung zwischen der Kultur des Herkunftslandes und der des Aufnahmelandes. Durch unterschiedliche Verhaltenserwartungen werden die Heranwachsenden in Werte- und Identitätskonflikte gedrängt, die sie verunsichern (vgl. Michael Mutz, 2012, S. 189). „Gewaltförmiges Verhalten wäre in dieser Perspektive eine mögliche Reaktion auf die erlebte Unsicherheit, denn durch Gewalt könnten, jeweils für einen Moment, Spannungen und Frustrationen abgebaut, Kontrolle wiedererlangt und ‚Eindeutigkeit‘ hergestellt werden“ (Michael Mutz, 2012, S. 189). Im Anschluss wird nun untersucht, inwieweit Sport diesen Problemen entgegenwirken kann und dadurch einen Beitrag zur Prävention von Gewalt leisten kann.

Jugendliche wollen etwas erleben, sie wollen Abenteuer und gerne auch ein gewisses Maß an Risiko. Jedem ist dabei selbst überlassen wie er diese Bedürfnisse befriedigt. Leider suchen zahlreiche Jugendliche das Abenteuer, die Abwechslung und die Bestätigung in (klein)kriminellen Aktivitäten. Die Theorie der Routineaktivität geht davon aus, dass die Motivation, delinquente Verhaltensweisen zu begehen, spontan auftritt. „Die Theorie beschreibt deshalb Situationen, bei denen hohe Gewinne und geringe Risiken vorliegen. Wenn ein potentieller Täter eine solche günstige Gelegenheit vorfindet, dann ist eine kriminelle Handlung sehr wahrscheinlich. Eine günstige Situation ist dem Konzept nach bereits dann vorhanden, wenn zwei Aspekte zusammentreffen: (a) es gibt ein lohnenswertes und leichtes Ziel, wobei das Ziel sowohl eine Person als auch ein Objekt sein kann. (b) Es fehlen Aufsichts- und Schutzpersonen, die ein mögliches Fehlverhalten sanktionieren könnten“ (Michael Mutz, 2012, S. 190). „Die Theorie unterstellt, dass Akteure, […] unter ‚lukrativen‘ Umständen die Bereitschaft besitzen, eine kriminelle […] Handlung zu begehen. Entscheidender Faktor für das Vorkommen delinquenter Handlungen […] alltägliche Muster der Lebensführung, denn durch diese Routineaktivitäten wird definiert, wie wahrscheinlich ein Aufeinandertreffen von potentiellen Tätern und lohnenswerten Zielen unter Abwesenheit fähiger Schutzpersonen ist“ (Michael Mutz, 2012, S. 190). Die An- oder Abwesenheit von gleichaltrigen Freunden beeinflusst diese Haltung zusätzlich, denn eine delinquente Handlung kann in Gegenwart der Freunde zu einem Statusgewinn des Täters führen, was dessen Motivation für die Tat noch verstärkt (vgl. Michael Mutz, 2012 S. 190). Es lässt sich also schlussfolgern, dass Jugendliche eher zu Fehlverhalten neigen, wenn sie in ihrer Peer-Group unbeaufsichtigten und unstrukturierten Freizeitaktivitäten nachgehen. Solch unstrukturierte Beschäftigungen wie „Chillen“ und „Abhängen“ können durch das Mitwirken in einem Sportverein oder einer schulischen Arbeitsgemeinschaft für Sport reduziert werden. Diese Beschäftigungsmöglichkeiten bieten strukturierte, von Erwachsenen beaufsichtigte und organisierte Rahmenbedingungen, in denen sich Jugendliche sinnvoll beschäftigen können und bei normabweichendem Verhalten notfalls entsprechend sanktioniert werden können. „Normabweichende Verhaltensweisen wären der Theorie zufolge in diesen organisierten, strukturierten Kontexten nicht zu erwarten, da schlichtweg die ‚attraktiven‘ Gelegenheiten fehlen. Der ‚Gewaltpräventionseffekt‘ organisierter Freizeitaktivitäten liegt dieser Perspektive zufolge lediglich darin begründet, dass die dort aktiven Jugendlichen weniger Zeit für unstrukturierte, unbeaufsichtigte Aktivitäten übrig haben, bei denen sie zu devianten Handlungen verleitet werden könnten. […] Die Theorie der Routineaktivitäten konnte für viele Formen devianten Verhaltens und für unterschiedliche Altersgruppen bestätigt werden, häufig zum Beispiel im Zusammenhang mit Sachbeschädigung, Körperverletzung, Drogenkonsum oder riskanten Verhaltensweisen im Straßenverkehr“ (Michael Mutz, 2012, S. 190). Jugendliche, die ihre Freizeit in organisierten und strukturierten Kontexten verbringen, sind dementsprechend seltener an Gewaltdelikten beteiligt, als Altersgleiche, die keinen organisierten Aktivitäten nachgehen.

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Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Integration durch Sport. Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund durch sportliche Aktivitäten in Freizeit und Schule
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
45
Katalognummer
V915901
ISBN (eBook)
9783346215055
ISBN (Buch)
9783346215062
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsch als Zweitsprache, Deutsch als Fremdsprache, Integration, Inklusion, Freundschaftsbeziehungen, Jugendgewalt, Interkulturelle Erziehung, Interkulturelle Spiele
Arbeit zitieren
Matthias Blaschke (Autor), 2016, Integration durch Sport. Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund durch sportliche Aktivitäten in Freizeit und Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/915901

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