Der lippische Wahlkampf 1933. Nationalsozialistische Propaganda in Lippe


Hausarbeit, 2019

17 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Themen und Richtlinien der NS-Propaganda in Lippe

3 Propaganda durch Wahlplakate

4 Propaganda mit den Reden

5 Propaganda mit dem „Lippischen Kurier“

6 Schluss

1 Einleitung

Obwohl die Landtagswahl in Lippe am 15. Januar 1933 eher unbedeutend für die gesamtdeutsche Politik war, wurde sie von den Nationalsozialisten als „Schicksalswahl“ betrachtet. Da die NSDAP am Ende des Jahres 1932 mit einigen innerparteilichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, wie dem Ergebnis der Reichstagswahl am 6. November 1932, dem Rücktritt Gregor Strassers, Reichsorganisationsleiter und Führer des ‚linken Flügels‘ der NSDAP, sowie mit finanziellen Schwierigkeiten, wurde die Wahl in Lippe als Angelpunkt der politischen Zukunft der Partei angesehen. Sie sollte zeigen, ob und inwiefern sich die Rückläufigkeit der NS-Bewegung fortsetzt.1

Der Wahlkampf unterteilte sich in zwei Phasen, die beide von einem hohen Propagandaaufwand begleitet wurden. Hier wurden verschiedene Medien genutzt, wie etwa Propagandaplakate, Reden und die Presse.

Für den gemachten Propagandaaufwand war das Ergebnis jedoch keinesfalls überwältigend: Die NSDAP bekam 39,5 % der Stimmen und damit zwar die relative Mehrheit, Regieren war jedoch nur mit Hilfe von zwei der drei bürgerlichen Gruppierungen möglich. Trotzdem wurde das Ergebnis von den Nationalsozialisten als „überwältigender Wahlsieg“ gefeiert und zur „Lippischen Durchbruchsschlacht“ stilisiert.

In dieser Hausarbeit möchte ich mich vor allem mit der Frage beschäftigen, ob und inwiefern die nationalsozialistische Propaganda im Lippischen Wahlkampf den regionalen Gegebenheiten angepasst wurde. Wurden regionale Probleme in der Propaganda thematisiert? Inwiefern wurde die nationalsozialistische Ideologie in der Propaganda zum Thema? Gab es besondere Personen gegen die Propaganda betrieben wurde?

Um diese Fragen weiter zu erörtern, werde ich zunächst näher auf die Richtlinien und Themen der NS-Propaganda in Lippe eingehen und schauen was diese beinhalten. Hierzu zählen der Kampf gegen den Marxismus und das System Drake, sowie die Erläuterung und Bekräftigung der NS-Politik.

Im Folgenden werde ich die einzelnen Medien genauer betrachten, um zu sehen wie die Richtlinien und Themen der Propaganda in den verschiedenen Medien verwendet wurden. Hierzu ziehe ich zunächst zwei Wahlplakate heran: Eines, welches die Bekräftigung der NS-Politik zum Thema hat und ein zweites, welches den Kampf gegen das System Drake thematisiert.

Im vierten Kapitel werde ich die Reden die in der Zeit des Wahlkampfes gehalten wurden näher untersuchen. Hier wäre es vor allem interessant zu sehen, ob und inwiefern regionale Probleme im Freistaat Lippe in den Reden thematisiert werden und ob auch hier die Richtlinien und Themen der NS-Propaganda greifen. Zusätzlich werde ich mir die Person Hitler in den Reden genauer in den Blick nehmen und wie mit ihr Propaganda betrieben wird.

Das fünfte Kapitel soll dazu dienen, die Artikel die im „Lippischen Kurier“ erschienen sind, auf die Richtlinien und Themen der NS-Propaganda zu untersuchen. Um dies zu tun, werde ich mir zunächst die Aufgabengebiete des „Lippischen Kuriers“ anschauen. Um die Frage zu klären, ob gegen bestimmte Personen Propaganda betrieben wurde, möchte ich mich hier abschließend noch mit dem ‚Fall‘ Felix Fechenbach beschäftigen.

2 Themen und Richtlinien der NS-Propaganda in Lippe

Die Themen und Richtlinien der Propaganda des Wahlkampfes in Lippe wurden nach langen Besprechungen unter der Leitung des Gauleiters Westfalen-Nord, Alfred Meyer, festgelegt. Man wollte vor allem Propaganda gegen den Kommunismus, aber auch gegen die Sozialdemokraten unter Drake, machen und gleichzeitig die Menschen in Lippe über den Nationalsozialismus aufklären und die eigene Politik bekräftigen.

In den Eröffnungsreden von Gauleiter Alfred Meyer und Landesleiter Walter Steinecke lassen sich die grundlegenden Themen des Wahlkampfes gut erkennen. In seiner Rede verweist Steinecke auf die Bedeutung des Kampfes „Wir kämpfen nicht um Landtagssessel, sondern um die Befreiung der deutschen Seele. In Lippe gilt unser Kampf, der mit aller Schärfe durchgeführt wird, den Marxisten. Der Kommunismus erhebt drohend sein Haupt. Die Sozialdemokratie ist der Wegbereiter für den Bolschewismus gewesen und daher mit diesem gleichzusetzen. Das Land Hermann des Cheruskers [muss] wieder von den roten Fesseln befreit werden.“2

Auch in der Rede Meyers wird das Ziel der Beseitigung der Sozialdemokratie deutlich: „Das Ziel ist die Beseitigung des Systems Drake.“3

2.1 Kampf gegen den Marxismus

„In Lippe gilt unser Kampf, der mit allem Einsatz und aller Verbissenheit durchgeführt werden wird, dem Marxismus“4, so die Parole des Gaupressewarts Arno Schröder, „Der Einbruch in die marxistische Front [muss] uns auf jeden Fall gelingen.“5. Obwohl die KPD sich seit der Landtagswahl vom 23.1.1921 immer einen Sitz im lippischen Landtag sichern konnte, war sie zunächst für die lippische Landespolitik eher unbedeutend. Dies änderte sich jedoch, als sie im Januar 1932 die drittstärkste Partei in Lippe wurde und bei den Reichstagswahlen am 9. November 1932 ihren Stimmgewinn auf 15,4 % ausbauen konnte. Für die KPD wurde dadurch ein noch größerer Stimmgewinn in Lippe das Ziel.6

Bei den Nationalsozialisten wurde die KPD im Lippischen Wahlkampf nicht als Bedrohung angesehen. Vielmehr brauchte man ein Feindbild gegen das die Propaganda gerichtet werden konnte, auch wenn „da nicht allzuviel zu holen sei.“7

In Lippe wollte man vor allem „Aufklärungsarbeit“ leisten, um die Menschen in Lippe von den, laut Arno Schröder, grauenhaften Zuständen, welche durch den Kommunismus verursacht wurden, zu überzeugen.

Der ‚Kommunist als Feind‘ war jedoch keine Neuheit in der Propaganda der Nationalsozialisten. So sei der Kampf gegen den Kommunismus der Hauptkampf der Nationalsozialisten und die Kommunisten, sowie die Juden, Hauptangriffsziel nationalsozialistischer Propaganda.8

2.2 Kampf gegen das System Drake

„Das System Drake muss fallen.“, so der Gaupressewart Arno Schröder, „Es ist nur noch eine Frage der Zeit.“9

Heinrich Drake, welcher von 1919-1933 ununterbrochen im Landespräsidium war, hatte es fertiggebracht, „während seiner Regierungszeit eine ‚saubere‘ Weste zu behalten“10. Er war in der lippischen Bevölkerung sehr beliebt, da er in der Weimarer Zeit stets für eine einigermaßen stabile Regierung sorgen konnte. Unter ihm hatte die SPD einen starken Rückhalt in der Bevölkerung.

Die Nationalsozialisten waren sich dessen durchaus bewusst und koppelten deswegen bewusst das Ziel ‚Kampf gegen den Marxismus‘ mit dem Ziel ‚Kampf gegen das System Drake‘. Die Sozialdemokratie wurde dem Kommunismus gleichgesetzt um „die ‚bürgerlichen‘ Wähler, die Mitläufer der SPD waren, von einer Wiederwahl dieser Partei abzuhalten, sie abzuschrecken und zu verwirren und für eine Wahl der ‚Bewegung‘ bereiter zu machen.“11

In den Aufzeichnungen Arno Schröders wird noch einmal deutlich, wie die Sozialdemokraten den Kommunisten gleichgestellt wurden: „Auch in die sozialdemokratischen Wahlversammlungen hat die kommunistische Partei, da sie in Lippe keine eigenen Versammlungen zustande bringt, ihre Diskussionsredner geschickt...Marxisten unter sich.“.12

2.3 Erläuterung und Bekräftigung der NS-Politik

Die ‚Erläuterung und Bekräftigung der NS-Politik‘ sollte vor allem dazu dienen, den ‚Alles-oder-Nichts Standpunkt‘ Hitlers zu rechtfertigen und den Wählern näherzubringen, gegen wen und wofür die Bewegung kämpfte. Außerdem sollten die Absichten und Vorsätze Hitlers, sowie die NS-Ideologie den Wählern nähergebracht werden.13

Wichtig war auch der Aspekt der ‚Aufklärung‘, welcher mit den oben genannten Punkten eng verknüpft ist. So sollten sogenannte Russlandfahrer, „ehemalige Mitglieder der KPD, die nach einem Aufenthalt in der Sowjetunion vom Kommunismus abgefallen und NSDAP-Anhänger geworden waren“14, auf Veranstaltungen von ihren Erfahrungen berichten und somit die Wählerschaft vom Marxismus abbringen. Als ‚Aufklärer‘ dienten auch die ‚Missionare‘, Parteimitglieder die von Haus zu Haus gingen, um Nicht-Wähler von der NSDAP zu überzeugen.

3 Propaganda durch Wahlplakate

In der Plakatpropaganda der Nationalsozialisten ging es vor allem darum, „die Minuspartei durch Agitationsplakate zu diffamieren“15, wie zum Beispiel die KPD und SPD, aber auch um die positive Inszenierung Hitlers und die der NSDAP.

„Am wirkungsvollsten ist zweifellos ein Entwurf mit dem Hermannsdenkmal und dem Hakenkreuz im Hintergrund. Ein anderes Plakat glossiert die mi[ss]lungenen Sozialisierungsbestrebungen der Drake-Regierung in Dörentrup.“16, so Arno Schröder in seinen Aufzeichnungen. Diese beiden Plakate demonstrieren die oben genannten Punkte sehr gut: Das Plakat mit dem Hermannsdenkmal (Abb.1) dient zur positiven Inszenierung der NSDAP, das Plakat mit dem Thema Dörentrup (Abb. 2) soll vor allem zur Diffamierung der SPD unter Drake dienen.

3.1 Plakat Hermannsland

Im Lippischen Wahlkampf wurde vor allem Propaganda mit der Figur ‚Hermann der Cherusker‘, dem Symbol des Lipperlandes, betrieben.

Der Oberbefehlshaber der römischen Truppen, Quinctilius Varus, sollte im Jahre 9 n. Chr. im Auftrag des römischen Kaisers Augustus das östliche Gebiet des Rheins auf seine Zukunft als Provinz Germania vorbereiten. Durch eine List wurde Varus mit seinen Legionen von den Germanen unter der Führung des Cheruskerfürsten Arminius, im Deutschen fälschlicherweise mit ‚Hermann‘ übersetzt, in einen Hinterhalt gelockt und daraufhin vernichtend geschlagen. Das östliche Gebiet des Rheins wurde in den folgenden Jahrhunderten zu Germanien und stand nicht mehr unter römischer Herrschaft. Die Schlacht wurde als Varusschlacht oder auch als Schlacht im Teutoburger Wald bekannt.17

Durch die Errichtung des Hermannsdenkmals auf der Grotenburg bei Detmold im Teutoburger Wald durch Ernst von Bandel, wurde die Varusschlacht und die Gestalt des Cheruskerfürsten erstmals mit dem Land Lippe als ‚Hermannsland‘ in Verbindung gebracht.18

Die NSDAP setzte diesen Teil der Geschichte geschickt für ihre Propagandazwecke ein. So wurde der Lippische Wahlkampf als eine ‚zweite Schlacht im Teutoburger Wald‘ propagiert, in der Hitler die Rolle des Cheruskerfürsten Arminius einnehmen sollte.

Abbildung 1 zeigt ein Wahlplakat der NSDAP aus dem Lippischen Wahlkampf mit dem Hermannsdenkmal im Vordergrund. Unter dem Denkmal steht in Fraktur der Slogan ‚Macht Frei das Hermannsland‘. Das Wort ‚Macht‘ steht dabei unmittelbar unter dem Denkmal und dient als Sockel der Statue. Darunter steht der zweite Teil des Slogans ‚Frei das Hermannsland‘, welcher durch den Kapitalbuchstaben am Anfang eine zweite Deutungsmöglichkeit erhält.19 Im Hintergrund befindet sich ein großes Hakenkreuz, darunter die Listenzahl der NSDAP ‚Liste 7‘. Das Plakat wird in den Farben der NSDAP, Schwarz, Rot, Weiß, gehalten. Während das Hermannsdenkmal und der Slogan darunter in Schwarz gehalten sind, schieben sich das rote Hakenkreuz, sowie das rote ‚Liste 7‘, in den Vordergrund.

Das Plakat wurde im Format 55x80 cm von Gustav Heynke in Detmold gedruckt.

Da die Schlacht im Teutoburger Wald für die Wähler ein bekanntes geschichtliches Ereignis war, konnte das Plakat durch seine Bildhaftigkeit beim Wähler leicht verstanden werden und mit dem Ereignis verknüpft werden. Der Wähler assoziierte die Schlacht im Teutoburger Wald, in welcher Hermann der Cherusker die Germanen befreit hat, dadurch direkt mit dem Lippischen Wahlkampf, in welchem nun Hitler als neuer Befreier suggeriert wird.

Wichtig ist auch die Verknüpfung zur NS-Ideologie. „So erläuterte Hitler in Mein Kampf, dass im ‚deutschen Volkskörper große unvermischt gebliebene Bestände an nordisch-germanischen Menschen‘ vorhanden seien und diese ‚den wertvollsten Schatz‘ für die Zukunft des deutschen Volks darstellten.“20 Durch die Darstellung werden vom Wähler automatisch Bezüge zu diesem völkischen Gedankengut der NS-Ideologie hergestellt.

3.2 Plakat Dörentrup

Abbildung 2 zeigt ebenfalls ein Wahlplakat aus dem lippischen Wahlkampf. Es „zeigt bewu[ss]t primitiv, in Aufbau und Gestaltung völlig unzureichend, in der Art eines Pamphletes, das Schreckgespenst des Sozialismus über Lippe.“21

Im Vordergrund des Plakates ist ein übergroßes Ungeheuer mit gefletschten Zähnen und einer großen Klaue, die sich über den Umrissen einer Industrielandschaft befindet. Das Ungeheuer trägt eine Mütze mit einem Stern und eine Jacke mit dem Symbol des Kommunismus, ein gekreuzter Hammer und Sichel. Der Hintergrund ist im Gegensatz zum Vordergrund hell gehalten. Man erkennt Hügel und in der Ferne das Hermannsdenkmal. Quer über das Plakat ist der Slogan „Durch Drake! Dörentrup – Lippe in Not!“ geschrieben, im unteren Teil des Plakats noch „Darum Liste 7“. Das Plakat wurde im Format 29,5x38,5 cm von Gustav Heynke in Detmold gedruckt.

Auffällig ist die starke Kontrastierung des Plakates. Im Vordergrund befindet sich das große Ungeheuer, das Drake darstellen soll, welches die Industrielandschaft Dörentrups zerstört. „Der »NS-Feind« sollte somit visuell nicht nur der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern auch – mit (anfänglich) ungezügelter Brutalität – gedemütigt werden“22, dies geschieht hier insbesondere durch den karikativen Stil des Plakates.

Der Hintergrund ist in hellen Tönen gehalten und zeigt nichts außer einige Hügel und das Hermannsdenkmal, welches im lippischen Wahlkampf mit der NSDAP assoziiert wurde. Die Farbgebung des Plakates erzeugt einen Dualismus zwischen Gut, hier das Hermannsdenkmal als Symbol für die NSDAP, und Böse, hier das dunkle Ungeheuer das Drake verkörpern soll. Dieses Plakat verdeutlicht außerdem, wie die Nationalsozialisten die Sozialdemokraten und die Kommunisten gleichgesetzt haben. Das Ungeheuer Drake trägt die Uniform eines Kommunisten und soll dadurch beim Wähler hervorrufen, dass eine Verbindung zwischen den beiden Parteien besteht. Dies diente vor allem dazu, ‚Mitläufer‘ der starken SPD abzuschrecken und sie als Wähler für die NSDAP zu gewinnen.

Hintergrund des Plakates ist die Dörentrup-Politik Drakes. 1927 gab es ungefähr 10 000 Wanderarbeiter im Freistaat Lippe. Um neue Arbeitsplätze zu schaffen und dadurch die Wanderarbeiter sesshaft machen zu können, erwarb die lippische Landesregierung 1929 60,5% der Anteile der Dörentruper Sand- und Thonwerke. Die dort hergestellten Klinker und Ziegel konnten jedoch mit Einsetzen der Weltwirtschaftskrise kaum noch abgesetzt werden, da die Baukonjunktur nachließ.23 Das Klinkerwerk sollte, so Arno Schröder in seinen Aufzeichnungen, geschlossen werden.24

4 Propaganda mit den Reden

Während die erste Phase des Wahlkampfes von Rednern des Gau Westfalens geprägt war, sah man in der zweiten Phase des Wahlkampfes aufgrund der innerparteilichen Schwierigkeiten und der starken Stellung der SPD in Lippe die Notwendigkeit, größere Geschütze aufzufahren. Aus diesem Grund sprachen in der zweiten Phase des Wahlkampfes Parteigrößen wie Göring oder Goebbels und allen voran Hitler. Innerhalb von zwei Wochen wurde der Freistaat Lippe förmlich von Massenveranstaltungen überschwemmt. Insgesamt fanden 76 dieser Massenveranstaltungen statt, auf denen die gesamte Parteiprominenz der NSDAP sprechen sollte. Propagandaleiter Albert Diehl schrieb dazu: „Ich bin der Ohnmacht nahe: der Führer 16mal, Dr. Goebbels 20mal, - ein Stoß in die Seite bringt mich in die Gegenwart zurück.“25. Die Anzahl der Massenveranstaltungen und vor allem die Anzahl der Veranstaltungen, auf denen Adolf Hitler sprach, verdeutlicht in welch prekärer Lage sich die NSDAP sah und welche Bedeutung dem lippischen Wahlkampf für die Entwicklung der Partei zugemessen wurde.

In einem Eintrag aus Goebbels Tagebuch wird deutlich, wie die Außenwelt dieses Handeln der NSDAP in Lippe beurteilte: „Die Berliner Presse höhnt, wir gingen aufs Dorf.“.26 Goebbels schreibt dazu: „Aber das ist alles so schön und befriedigend, da[ss] man sich gar nichts Besseres wünschen kann. Man hat wieder unmittelbaren Kontakt mit dem Volk an der Urquelle. Man redet wieder primitiv und einfach und vor allem, man überzeugt.“27

4.1 Das Thema Lippe in den Reden

Da vor allem in der zweiten Phase des Wahlkampfes fast ausschließlich Redner aus der Parteiführung auf den Wahlkampfveranstaltungen sprachen, gab es kaum Äußerungen zu lokalpolitischen Fragen. Das Problem lag darin, dass man die rhetorischen Fähigkeiten der lippischen Kandidaten eher gering einschätzte und glaubte sie könnten mit den Reden des Spitzenkandidaten Drakes nicht mithalten.28

Die Inhalte der Reden der Parteiführer waren deshalb hauptsächlich auf die Erläuterung und Bekräftigung der nationalsozialistischen Politik begrenzt. In der Rede von Gauleiter Dr. Meyer, welche die zweite Phase des Wahlkampfes eröffnete, lassen sich gut die Richtlinien und Themen der NS-Propaganda wiedererkennen. So sagt er zum Beispiel dass Lippe vom „roten Regiment“ befreit werden müsse oder dass die „Schande von 1918“, aufgelöst werden müsse. Auch am Ende der Rede sind die in Kapitel 2 aufgeführten Richtlinien und Themen deutlich wiederzuerkennen: „Wenn der Tag des 15. Januar zur Neige geht, muss das Regiment Drake gestürzt, soll der Geist des Juden Fechenbach und des Parasiten Heise ein für alle [Mal] gebannt sein. Siegreich sollen dann unsere Banner über Lippe flattern.“29

In der lippischen Bevölkerung traf diese Vorgehensweise auf Unverständnis. Man wünschte sich vor allem von den lippischen Kandidaten, die zur Landtagswahl antraten, klare Äußerungen in Bezug auf die Zukunft der lippischen Landespolitik.

So schrieb die ‚Lippische Landezeitung‘ zu diesem Thema, dass die „Bevölkerung ein berechtigtes Interesse daran“ hätte, „zu erfahren, wie sich die Herren Wederwille, Helms, Sauer, ... usw die künftige Gestaltung der lippischen Dinge vorstellen. Doch von alledem hört man nichts. Schade!“30

[...]


1 Vgl. Jutta Ciolek-Kümper, Wahlkampf in Lippe. Die Wahlkampfpropaganda der NSDAP zur Landtagswahl am 15. Januar 1933, München 1976, S. 20 ff.

2 Auszug aus der Rede Steineckes auf der Kreistagung der NSDAP in Lemgo am 4.12.32, in: ‚Lippischer Kurier‘ Nr. 248, 5.12.32, S.8, zit. n. Jutta Ciolek-Kümper, Wahlkampf in Lippe. Die Wahlkampfpropaganda der NSDAP zur Landtagswahl am 15. Januar 1933, München 1976, S. 94.

3 Zitat aus der Rede Alfred Meyers auf der Kreistagung der NSDAP in Lemgo am 4.12.32, zit. n. Volker Wehrmann, Lippe im Dritten Reich. Die Erziehung zum Nationalsozialismus – Eine Dokumentation 1933-1939, Detmold 1987, S. 66.

4 Arno Schröder, Hitler geht auf die Dörfer, Detmold 1938, S. 41.

5 Arno Schröder, Hitler geht auf die Dörfer, Detmold 1938, S. 35.

6 Vgl. Jutta Ciolek-Kümper, Wahlkampf in Lippe. Die Wahlkampfpropaganda der NSDAP zur Landtagswahl am 15. Januar 1933, München 1976, S. 95.

7 Arno Schröder im Gespräch mit d. Verf. Am 24.7.71, zit. n. Jutta Ciolek-Kümper, Wahlkampf in Lippe. Die Wahlkampfpropaganda der NSDAP zur Landtagswahl am 15. Januar 1933, München 1976, S. 96.

8 Vgl. Z.A.B. Zeman, Nazi Propaganda, London 1964, S. 83.

9 Arno Schröder, Hitler geht auf die Dörfer, Detmold 1938, S. 32.

10 Arno Schröder, Hitler geht auf die Dörfer, Detmold 1938, S. 49.

11 Jutta Ciolek-Kümper, Wahlkampf in Lippe. Die Wahlkampfpropaganda der NSDAP zur Landtagswahl am 15. Januar 1933, München 1976, S. 96.

12 Arno Schröder, Hitler geht auf die Dörfer, Detmold 1938, S. 45.

13 Vgl. Jutta Ciolek-Kümper, Wahlkampf in Lippe. Die Wahlkampfpropaganda der NSDAP zur Landtagswahl am 15. Januar 1933, München 1976, S. 97.

14 Landtagswahl im Freistaat Lippe, [05.03.19] URL: < https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/finde/langDatensatz.php?urlID=706&url_tabelle=tab_chronologie>

15 Birgit Witamwas, Geklebte NS-Propaganda, Graz 2016, S. 130

16 Arno Schröder, Hitler geht auf die Dörfer, Detmold 1938, S. 86

17 Arminius Varus. Die Varusschlacht im Jahre 9 n. Chr. [06.03.19] URL: < https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/finde/langDatensatz.php?urlID=840&url_tabelle=tab_websegmente>

18 Vgl. Jutta Ciolek-Kümper, Wahlkampf in Lippe. Die Wahlkampfpropaganda der NSDAP zur Landtagswahl am 15. Januar 1933, München 1976, S.227 ff.

19 Vgl. Jutta Ciolek-Kümper, Wahlkampf in Lippe. Die Wahlkampfpropaganda der NSDAP zur Landtagswahl am 15. Januar 1933, München 1976, S. 199.

20 Birgit Witamwas, Geklebte NS-Propaganda, Graz 2016, S. 135.

21 Jutta Ciolek-Kümper, Wahlkampf in Lippe. Die Wahlkampfpropaganda der NSDAP zur Landtagswahl am 15. Januar 1933, München 1976, S. 200.

22 Birgit Witamwas, Geklebte NS-Propaganda, Graz 2016, S. 48.

23 Vgl. Jutta Ciolek-Kümper, Wahlkampf in Lippe. Die Wahlkampfpropaganda der NSDAP zur Landtagswahl am 15. Januar 1933, München 1976, S. 178.

24 Vgl. Arno Schröder, Hitler geht auf die Dörfer, Detmold 1938, S.44.

25 Albert Diehl, Antritt zum Generalsturm, in: Nationalsozialistischer Heimat-Kalender für Lippe, Detmold 1934, S.86 ff., zit. n. Volker Wehrmann, Lippe im Dritten Reich. Die Erziehung zum Nationalsozialismus – Eine Dokumentation 1933-1939, Detmold 1987, S. 66.

26 Joseph Goebbels, Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei, München 1940, S. 232 ff.

27 Ebda.

28 Vgl. Jutta Ciolek-Kümper, Wahlkampf in Lippe. Die Wahlkampfpropaganda der NSDAP zur Landtagswahl am 15. Januar 1933, München 1976, S. 242.

29 Arno Schröder, Hitler geht auf die Dörfer, Detmold 1938, S.92 ff.

30 ‚Lippische Landeszeitung‘ Nr. 8, 9.1.33, S.2, zit. n. . Jutta Ciolek-Kümper, Wahlkampf in Lippe. Die Wahlkampfpropaganda der NSDAP zur Landtagswahl am 15. Januar 1933, München 1976, S. 243.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der lippische Wahlkampf 1933. Nationalsozialistische Propaganda in Lippe
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Jahr
2019
Seiten
17
Katalognummer
V916113
ISBN (eBook)
9783346225504
ISBN (Buch)
9783346225511
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wahlkampf, nationalsozialistische, propaganda, lippe
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Der lippische Wahlkampf 1933. Nationalsozialistische Propaganda in Lippe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/916113

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