Welche Bedeutung haben Frauenrollen für die Revolution? Heiner Müllers Ophelia in seinem Werk "Die Hamletmaschine"


Hausarbeit, 2018

9 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Analyse der Ophelia und ihres Stellenwertes als Frau
2.1. Ophelia in Shakespeare's „Hamlet“
2.2. Ophelia in Heiner Müllers „HAMLETMASCHINE “
2.3. Heiner Müllers Frauenbild und dessen Bedeutung für die Revolution

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Shakespeares Werke sind einige der Wenigen, die unzählige Male in Form von Filmen, Romanen und Theaterstücken adaptiert wurden. Eines seiner bekanntesten Stücke „Hamlet“ wurde vom ostdeutschen Autor Heiner Müller aufgegriffen und umgeschrieben. In diesem finden sich fast ausschließlich die Figuren des dänischen Prinzen Hamlet und Ophelia in Sprechrollen wieder. Hierbei zeigt vor allem die weibliche Sprecherin die meiste Abweichung von der Figur aus dem ursprünglichen Werk. In den folgenden Abschnitten dieser Hausarbeit werden sowohl die Figur der Ophelia in Shakespeares „Hamlet“ als auch die gleichnamige Figur in Heiner Müllers „HAMLETMASCHINE“ auf ihre Gemeinsamkeiten, Unterschiede und allgemeine Bedeutung für das jeweilige Werk analysiert. Hierbei wird bei beiden vor allem die Sexualität und deren Einstellung gegenüber den zugeteilten Geschlechterrollen thematisiert. Im zweiten Teil wird dabei ebenfalls auf die Verschmelzung mit der mythologischen Figur Elektra eingegangen, die Müller durchführt. Um eine Interpretation der Figurenadaption wagen zu können, wird Bezug auf das Frauenbild des Autors selbst genommen und weitere weibliche Charaktere anderer Werke Müllers betrachtet.

2. Analyse der Ophelia und ihres Stellenwertes als Frau

2.1. Ophelia in Shakespeares „Hamlet“

Um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der Adaption und der Originalfigur der Ophelia zu ergründen, muss zunächst der Originalcharakter betrachtet werden. Ophelia ist die Tochter des Polonius, die Schwester des Laertes und die Geliebte des Hamlet. Zu Beginn der Handlung reist sie zum dänischen Königshaus und verliebt sich in den jungen Prinzen. Dieser weist sie jedoch nach seinen vermehrten Liebesgeständnissen ab, da er in seinem Wahn glaubt, die junge Ophelia sei unehrlich und untreu. Durch ein gebrochenes Herz und den Tod ihres Vaters verfällt sie letztendlich in einen Wahnsinn. Daraufhin wird sie tot in einem Fluss gefunden, wobei es am Hofe als Suizid erklärt wird.

Die Figur zeigt an mehreren Stellen im Werk, dass sie hochgradig naiv und folglich sehr leicht beeinflussbar ist. In ihrem ersten Auftritt warnt ihr Bruder sie vor den Annäherungsversuchen Hamlets, woraufhin sie lediglich antwortet, dass sie „die gütige Lektion als Posten vor [ihre] Brust stelln“1 will. Laertes ist hierbei vor allem um die Ehre, und die Bewahrung ihrer Jungfräulichkeit besorgt. Sie bestätigt weiterhin ihre Naivität, indem sie Hamlets Liebesgeständnissen Glauben schenkt, obwohl sie mehrfach vor dessen Intention gewarnt wurde. Dies zeigt sich vor allem in den Worten über Hamlets wiederkehrende Liebesbekenntnisse „Und er gab den Worten auch Gewicht, Mylord mit allen Schwüren, die der Himmel hat“.2 Dies kann jedoch auf ihre Jugend und mangelnde Erfahrung zurückgeführt werden. Ophelia wirkt unschuldig, unerfahren und leichtgläubig durch das blinde Vertrauen, welches sie dem Prinzen Hamlet entgegenbringt. Weiterhin klagt ihr Vater über die Aufmerksamkeit, die sie Hamlet schenkt. Er befürchtet ebenfalls, dass seine Tochter durch ihre Leichtgläubigkeit ihre Ehre beschmutzen könnte und mit einem unehelichen Kind endet3. Ihre Gehorsamkeit gegenüber den starken männlichen Familienmitgliedern, sowie auch Hamlet lässt sie als schwachen, manipulierbaren Charakter erscheinen. Ophelia wirkt dadurch sehr willensschwach, da sie in der Anfangsszene mit ihrer Familie ebenfalls keine eigene Meinung vertritt. Sie antwortet ihrem Vater, sie „[wisse] nicht, was sie denken soll“4. Sobald ihr Vater glaubt, Hamlets Gefühle für seine Tochter seien real, drängt er diese zum Handeln, was Ophelia ebenfalls gehorsam befolgt.

Sie scheint oftmals machtlos gegenüber den Handlungen und Worten der Männer, denn sie spricht sich nicht gegen die Vorwürfe Hamlets aus untreu oder unehrlich zu sei. Ophelia nimmt seine unterschwelligen Beschimpfungen eine Hure zu sein ohne Widerrede hin.5 In Akt 1 Szene III, als auch in Akt 3 Szene 1 wird sichtbar, dass Ophelias Wert und Ehre allein an ihrer Jungfräulichkeit festgelegt wird. Es erfolgt eine Reduktion auf ihre Sexualität, die wiederum mit politischen Themen, wie z.B. eine Heirat ins Königshaus verknüpft wird. Ophelia erhält im Originaltext eine ambivalente Zuteilung der beiden Rollen Jungfrau oder Hure. Sie wird fast ausschließlich auf ihren Körper reduziert, wie beispielsweise durch Hamlet, der in ihrem Schoß liegen will, sich jedoch versprochen hat.6 Dies zeigt einerseits, dass sie schön und begehrenswert ist, aber auch die Einseitigkeit dessen. Dadurch wird sie zum sexualisierten Instrument, welches von den männlichen Figuren folglich als dieses betrachtet und benutzt wird. Ihr Verfall in den Wahnsinn und ihr vermuteter Selbstmord kann als Resultat ihrer Machtlosigkeit angesehen werden. Im Machtspiel der Männer setzt sie sich selbst nicht zur Wehr, sondern zerbricht daran.

2.2. Ophelia in Heiner Müllers „HAMLETMASCHINE“

Heiner Müller hingegen teilt sein Stück „HAMLETMASCHINE“ in fünf Akte ein, wobei Hamlet und Ophelia jeweils zwei Akte dominieren und sich den dritten Akt in ihren Sprechrollen teilen. Ophelia erscheint im zweiten und letzten Akt allein. Das Stück Müllers kann zunächst als zerstreut, skurril und wenig verständlich wahrgenommen werden. Bei genauerer Betrachtung werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Shakespeares Original jedoch klar. Hierbei wird hauptsächlich Bezug auf die Absätze genommen, die für die Adaption der Ophelia relevant sind. Sie beginnt im zweiten Akt „DAS EUROPA DER FRAU“ mit der Aussage „Ich bin Ophelia. Die der Fluß nicht behalten hat. [...] Gestern habe ich aufgehört mich zu töten“.7 Schon die ersten Sätze der Figur zeigen einen gravierenden Unterschied zur wehrlosen Originalfigur. Sie identifiziert sich noch mit den Selbstmordversuchen, doch entscheidet bewusst diesen nicht mehr nachzugehen. Im folgenden Absatz wird verdeutlicht, dass Müllers Ophelia im Vergleich nicht länger passiv als Instrument benutzt wird, sondern eigene aktive Maßnahmen ergreift:

„Ich zertrümmre die Werkzeuge meiner Gefangenschaft den Stuhl den Tisch das Bett. Ich zerstöre das Schlachtfeld, das mein Heim war. Ich reiße die Türen auf, damit der Wind hereinkann und der Schrei der Welt. [...] Mit meinen blutenden Händen zerreiße ich die Fotografien der Männer , die ich geliebt und die mich gebraucht haben [...]“.8

Diese Ophelia scheint eine ähnliche Vergangenheit erlebt zu haben, in der sie von Männern auch körperlich benutzt wurde.9 Jedoch wirkt sie keineswegs naiv oder unschuldig, sondern erfahren. Sie stoppt aktiv ihre Selbstmordversuche und ihre Rolle als Opfer. Im Gegensatz zur bereits analysierten Ophelia wirkt diese, wie eine erwachsene Frau, die nun als aktive Kämpferin hervortritt. Ihre Worte verdeutlichen eine Aggressivität und Rachsucht, die in Shakespeares Werk komplett abwesend war. Ihre Worte spiegeln ihre Eigeninitiative wider, da sie fast jeden Satz mit „Ich“ beginnt. Das Herausreißen ihres Herzens, welches eine Uhr darstellt, kann ebenfalls als Akt der Wehr und einer, wo möglichen Revolution gegen die Unterdrückung gesehen werden.10 Sie entscheidet sich wortwörtlich herzlos zu sein und gegen die funktionierende Mechanik ihres Daseins.

In „SCHERZO“ ist Ophelias Rolle als Hure dargestellt, die ihr Hamlet auch im Originaltext zuwies. Hierbei wird durch die Regieanweisungen „Striptease von Ophelia“11 verdeutlicht, wie Hamlet sie wahrnimmt. Sein aufkommender Wunsch eine Frau zu sein und ihre Kleider zu tragen ist ein häufig wiederkehrendes Motiv in den Stücken Müllers, ebenso wie der Stellenwert der Frau als Jungfrau, Hure und Mutter. Von Hirschfeld behauptet „an der Hure wird Individualität und Hoffnung festgemacht, sie verkörpert auch Hoffnung während die Mutter die Schlächter produziert“.12 Das Gebären macht die Frauen zu Mördern, da sie Soldaten gebären, die später selbst töten werden und den Kreislauf von Lebe und Tod wiederholen.13 Ophelia scheint sich ihrer Rolle bewusst zu sein und unterwirft sich kurzzeitig mit den Worten „Willst du mein Herz essen, Hamlet“.14

Jedoch wird Müllers Ophelia erneut von der Originalfigur entfremdet, da sie im letzten Akt mit Elektra, einer aus der griechischen Mythologie stammenden Figur, verschmilzt. Sie spricht ihre rachsüchtigen Worte „Ich verwandle die Milch meiner Brüste in tödliches Gift. Ich nehme die Welt zurück, die ich geboren habe“15 dominiert somit das Schlussbild. Hierbei zerstört sie die Unterdrückung der Frauen und die zugeteilten Stellenwerte und Rollen,“ indem sie ihre Gebärfähigkeit in eine todbringende Fähigkeit verwandelt“.16 Schließlich wird sie von Ärzten in Mullbinden gewickelt, die den Anschein einer Zwangsjacke erweckt. Symbolisch könnte diese Ophelia in ihre ehemalige Rolle zwängen und ist schließlich bewegungs- und handlungsunfähig. Demnach zeigen sich doch noch Parallelen zwischen der Originalfigur und der entfremdeten Version Müllers.

2.3. Heiner Müllers Frauenbild

Anhand der Figurenanalyse lässt sich eine deutliche Veränderung erkennen. Müllers Version ist keineswegs hilflos und zurückhaltend und zettelt regelrecht eine Revolte gegen die Männer und die Rollenverteilung zwischen den beiden Geschlechtern an. Ebenfalls überlebt Müllers Ophelia die unzähligen Selbstmordversuche und erlangt neuen Kampfgeist. Hierbei ist anzumerken, dass der Anfangsmonolog über ihre verschiedenen Methoden des Suizids auf die Selbstmordversuche Müllers erster Ehefrau verweisen, die in „Todesanzeige“ beschrieben werden.17 Herausstehend ist jedoch die Ähnlichkeit zwischen seinen weiblichen Figuren in „ZEMENT“ und „MEDEASPIEL“. Sowohl Dascha als auch Medea ähneln Ophelia und verkörpern ein allgemeines Bild der Emanzipation in Müllers Werken. Von Hirschfeld behauptet, dass diese drei Frauenfiguren den Aufstand darstellen und die „revolutionäre Umwälzung“18 in der Welt, und vor allem im Krieg verkörpern.

Durch ihre Aussage „. [...] Die erniedrigten Leiber der Frauen Hoffnung der Generationen In Blut Feigheit Dummheit erstickt [...]“19 vermittelt Ophelia trotz Handlungsunfähigkeit ihr Anliegen. Parallelen finden sich bei Medea im, die mit ihrem eigenen Brautkleid gefesselt und geknebelt wird. Beiden Frauen, die sich von den zugeteilten Rollen entfernen wollen, wird die Freiheit der Handlung und Sprache genommen. Dascha erlebt die Wandlung über Hausfrau zur Revolutionärin, ähnlich wie Ophelia einen Wandel von der gehorsamen Tochter zur rachsüchtigen Frau vollzieht.20 Jede Frau wehrt sich gegen die Rollenzuteilung indem sie ihre Weiblichkeit unterdrückt oder beseitigen will. Dascha unterdrückt ihre Sexualität komplett und begeht sogar Kindesmord, um nicht länger die Mutterrolle zu tragen, ähnlich wie Medea. Demnach scheint Müller eine Chance in den Frauen zur Revolution zu sehen, die die Männer seiner Werke schlichtweg nicht erfüllen können. Er kritisiert unterschwellig das „Hausfrauen­Dasein“, ebenso wie die Akzeptanz der zugeteilten Geschlechterrollen. Geschlecht und Sexualität scheint in seinen Figuren ein flüssiger Übergang zu sein, da sowohl „HAMLETMASCHINE“ als auch „LEBEN GUNDLINGS FRIEDRICH VON PREUSSEN“ Szenen aufweisen, in denen die Männer den Wunsch hegen eine Frau zu sein, oder deren Kleidung zu tragen.21 Wie bereits angemerkt bestimmen die Frauen den Kreislauf des Krieges, da sie Leben als auch Tod kreieren. Durch Verweigerung dessen, also dem Stillstand, führen sie ihre eigene stille Revolution.

3.Schluss

Schließlich lässt sich anmerken, dass dies jedoch eine von vielen Interpretationen ist, die sich stark auf die Sexualität und Geschlechterrollen in Müllers Werken konzentriert. Ophelia ähnelt ihrem Ursprung noch stark durch Motive des Selbstmordes und letztendlichen Handlungsunfähigkeit. Jedoch zeigt ihre erfahrene, aggressive Seite eine Entwicklung, zu der Shakespeares Ophelia nicht fähig gewesen wäre. Parallelen zu anderen Werken des Autors zeigen ein Muster in den Frauenfiguren, die allesamt zur Revolution aufrufen, und dies durch Verweigerung des bisherigen Geschichtsverlaufs und der Rollenzuschreibung zeigen.

[...]


1 Shakespeare, William & Maik Hamburger et. al: Die tragische Geschichte von Hamlet, Prinz von Dänemark. Ditzingen 2017, S. 23.

2 Shakespeare, Hamlet, Akt 1 Szene 3.

3 Ebd., Akt 1 Szene 3

4 Ebd., Akt 1 Szene 3.

5 Ebd., Akt 3 Szene 1.

6 Ebd., Akt 3 Szene 2.

7 Heiner Müller: Die Hamletmaschine. In: Die Stücke 2. Werke Bd 4. Hg. v. Frank Hörnigk. Frankfurt am Main 2001, S. 547.

8 Müller, Hamletmaschine, S. 547f.

9 Ebd., S. 547.

10 Ebd., S. 548.

11 Ebd., S. 548.

12 Alexandra von Hirschfeld: Frauenfiguren im dramatischen Werk Heiner Müllers. Marburg 1999, S. 69.

13 Ebd., S. 69.

14 Müller, Hamletmaschine, S. 548.

15 Ebd., S. 554.

16 Von Hirschfeld, Frauenfiguren, S. 73.

17 Ebd., S. 71.

18 Ebd., S.75.

19 Müller, Hamletmaschine, S. 75.

20 Von Hirschfeld, Frauenfiguren, S. 44.

21 Müller, Hamletmaschine, S. 548.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Welche Bedeutung haben Frauenrollen für die Revolution? Heiner Müllers Ophelia in seinem Werk "Die Hamletmaschine"
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Heiner Müllers Theater
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
9
Katalognummer
V916324
ISBN (eBook)
9783346236180
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heiner Müller Hamletmaschine Ophelia Frauenrolle Shakespeare
Arbeit zitieren
Cora Schöbel (Autor), 2018, Welche Bedeutung haben Frauenrollen für die Revolution? Heiner Müllers Ophelia in seinem Werk "Die Hamletmaschine", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/916324

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