Bei der Betrachtung der heutigen weltwirtschaftlichen Lage fällt jedem halbwegs finanzpolitisch Interessierten auf, dass dem Börsenmarkt als Richterskala von politischen Krisen eine hohe Bedeutung zukommt. Weiterhin zeigt gerade das Beispiel der Krise auf dem amerikanischen Börsenmarkt, inwieweit deutsche Banken oder Anleger involviert sind und von der Krise profitieren oder Schaden nehmen. Diese weltwirtschaftlichen Verflechtungen vor allem der Finanzmärkte zeigen besonders deutlich die Vor- und Nachteile von Globalisierung. Ohne weitere Vorahnungen verkünden zu wollen soll die Brücke zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschlagen werden, die zeitlich den Rahmen dieser Untersuchung einnimmt.
Gerade diese Zeit stellte den Beginn des Höhepunktes der Industrialisierung dar, die sich vor allem im immer mehr zusammen wachsenden Deutschland vollzog. Die Idee eines deutschen Nationalstaates wurde dabei zunächst im Rückblick auf die Revolution von 1848/49 von liberalen Kräften getragen, denen zusätzlich der Freihandel als Mittel der wirtschaftspolitischen Maxime für Europa und den Welthandel zuzuordnen war.
Wie heute in Wirtschaftswissenschaft bekannt ist, haben Volkswirtschaften mit einer mehr markwirtschaftlich orientierten Wirtschaftsordnung und einem niedrigen Staatseingriff eine größere wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeit, so wie es seit den 1850er Jahren in vielen deutschen Staaten und auch im Deutschen Reich ab 1870/71 erfolgte. Wo liegen aber nun die Ursachen für eine Abkehr von diesen Prinzipien? Allein das Argument einer Krise vermag nicht zu überzeugen, da jede wirtschaftliche Krise nicht automatisch einen Systemwechsel nach sich zieht. Im Folgenden wird das wirtschaftliche Wachstum während und nach der Reichsgründung 1871 bis hin zum Krach der Berliner Börse 1873 auf destabilisierende Faktoren hin analysiert. Weiter wird der Krach für sich und seine Ursachen betrachtet, wobei diese auf einen Zusammenhang zum Wachstum untersucht werden. Den Hauptteil macht die Betrachtung der auf den Börsenkrach folgenden Krise aus, deren Folgen dann im Zusammenhang mit den Maßnahmen des Staates betrachtet werden. Die Literaturlage stellt sich in diesem Bereich als ergiebig heraus, was die Nachvollziehbarkeit über vorliegende empirische Befunde und Statistiken belegt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Auswirkungen des Gründerbooms 1870-73
3. Die Gründerkrise 1873-79
3.1. Der Gründerkrach 1873
3.2. Verlauf der Krise
3.3. Folgen
4. Gegenmaßnahmen nach der „Konservativen Wende“ 1878
4.1. Veränderung der politischen Machtverhältnisse
4.2. Ordnungspolitische Maßnahmen
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die ökonomischen und politischen Ursachen sowie die langfristigen Folgen des Gründerkrachs von 1873 im Deutschen Kaiserreich. Dabei wird analysiert, wie die liberale Wirtschaftspolitik in die Krise führte und welche gesellschaftlichen sowie staatlichen Reaktionen, insbesondere die Abkehr vom Freihandel, daraus resultierten.
- Wachstumsdynamik und wirtschaftliche Fehlentwicklungen der Gründerjahre
- Mechanismen und Auslöser des Börsenkrachs von 1873
- Soziale und ökonomische Auswirkungen der Gründerkrise
- Politischer Stimmungswandel und Aufstieg des Protektionismus
- Ordnungspolitische Kehrtwende Bismarcks zur "Konservativen Wende"
Auszug aus dem Buch
3.1. Der Gründerkrach 1873
Die hohen Nettoinvestitionen führten zwar zu einem starken Ausbau der Kapazitäten und, als Folge daraus, zu einer Ausweitung der Produktion, jedoch in der Konsequenz wegen fehlender Limitierung zu einem Überangebot, das wegen der nach dem Krieg explodierenden Nachfrage zu einem dementsprechenden Preisverfall führte. Weiterhin wurde durch die Abschaffung bzw. Senkung des Zolls für Roheisen ab 01.10.1873 die Internationalisierung der Wirtschaftskreisläufe verstärkt, was im Gegenzug in einer hohen Anzahl von Handlungen mit Aktienpapieren aus den USA und Österreich an deutschen Börsen, vor allem in Berlin, mündete. Im Mai 1873 kam es an der bedeutenden Wiener Börse zu einer Krise wegen eines Kursfalls bei Industrieaktien, was durch ein Gesetz zur Stundung von Schulden und dem ungedeckten Druck von Banknoten im Wert von fast 200 Millionen Gulden aufgefangen werden sollte. Diese Krise wirkte sich im Oktober umso stärker an der Börse in Berlin dahingehend aus, dass der Hauptträger des Aufschwunges, das Eisenbahnwesen, in den USA wegen der Beteiligung an der Berliner Börse eine Welle des Konkurses durchlebte und somit die Nachfrage nach Stahl verebbte.
Auslöser war der Fall der Quistorpschen Vereinsbank, die als Neugründung während des Gründungsbooms entstanden war und ihre Zahlungen aufgrund des Kursverlustes der Wertpapiere einstellen musste, ihr sollten 116 Industrieunternehmen und vier Eisenbahngesellschaften folgen. Die Folge davon waren weitere Konkurse und vor allem ein sich fortsetzender Kursverfall von bis zu 46% durch Panikverkäufe und Zahlungsunfähigkeit, auch bedingt durch das Handeln der Presse, die kleineren Anleger eine übertriebene Einschätzung der Lage vermittelte, wobei der Kursrückgang als Angleichung an den realen Wert der Aktien wegen der nicht gerechtfertigten Gewinne in den Jahren vorher zu bewerten ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung beleuchtet die globale Bedeutung von Börsenkrisen und skizziert den zeitlichen Rahmen der Untersuchung, der sich von der Reichsgründung bis zum Börsenkrach von 1873 erstreckt.
2. Auswirkungen des Gründerbooms 1870-73: Dieses Kapitel analysiert die Phase der Hochkonjunktur, die durch massive Kapitalinvestitionen und eine liberale Gesetzgebung begünstigt wurde.
3. Die Gründerkrise 1873-79: Es wird der Zusammenbruch der Aktienmärkte, die industrielle Krise und der daraus resultierende Rückgang von Produktion und Beschäftigung detailliert beschrieben.
4. Gegenmaßnahmen nach der „Konservativen Wende“ 1878: Der Fokus liegt hier auf dem politischen Wandel, der Bildung protektionistischer Interessenverbände und den ordnungspolitischen Maßnahmen Bismarcks.
5. Zusammenfassung: Die Arbeit resümiert, dass die Krise eine bewusste Abkehr vom Liberalismus hin zu einer staatlich gelenkten Wirtschaftsordnung einleitete.
Schlüsselwörter
Gründerkrach 1873, Gründerboom, Deutsches Kaiserreich, Wirtschaftspolitik, Freihandel, Protektionismus, Börsenkrise, Industriekonjunktur, Otto von Bismarck, Konservative Wende, Aktienrecht, Kapitalmarkt, Wirtschaftsgeschichte, Spekulationsblase, Fiskalpolitik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Entstehung und die weitreichenden Folgen der deutschen Gründerkrise ab 1873 und analysiert den historischen Übergang von einer liberalen Wirtschaftspolitik hin zum Protektionismus.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Mittelpunkt stehen die Dynamik der Gründerjahre, die Ursachen für den Zusammenbruch der Berliner Börse, die soziale Betroffenheit der Bevölkerung sowie die politische Neuorientierung unter Bismarck.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie wirtschaftliche Krisen politische Entscheidungsprozesse beeinflussen und warum die liberale Wirtschaftsordnung der damaligen Zeit durch eine neomerkantilistische Politik abgelöst wurde.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor stützt sich auf eine Analyse der zeitgenössischen Literatur sowie die Auswertung empirischer Befunde und Wirtschaftsstatistiken zur Gründerzeit.
Was umfasst der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Wachstumsphase, die Darstellung des Krachverlaufs, die Erläuterung der ökonomischen Folgen und die detaillierte Beschreibung der staatlichen Gegenmaßnahmen ab 1878.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind der Gründerkrach, der Protektionismus, die "Konservative Wende", das Aktienrecht und die Rolle der industriellen Interessenverbände im Kaiserreich.
Wie reagierte die Regierung Bismarck auf die wirtschaftliche Instabilität?
Bismarck nutzte die Krise, um seine politische Basis zu verbreitern, indem er sich von der Freihandelspolitik abwandte und durch Schutzzölle sowohl die Industrie als auch die Landwirtschaft an den Staat band.
Welche Bedeutung hatte das Bündnis "Roggen und Eisen"?
Dieses informelle Bündnis markierte den Zusammenschluss der Schwerindustrie und der ostelbischen Agrarier, um gemeinsam protektionistische Interessen gegenüber dem liberal dominierten Reichstag durchzusetzen.
Warum wird im Fazit von einer "mangelnden Ausgestaltung der Verfassung" gesprochen?
Der Autor deutet an, dass die Verfassung des Deutschen Kaiserreichs keine ausreichenden fiskalischen Steuerungsinstrumente für den Bund gegenüber den Einzelstaaten enthielt, was durch die Krise erst deutlich wurde.
- Citation du texte
- Benjamin Pommer (Auteur), 2008, Der Gründerkrach 1873 - Ursachen sowie politische und wirtschaftliche Folgen der anschließenden Gründerkrise, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91637