Der Titel: Jean-Paul Sartre: Die existentielle Psychoanalyse als Thema einer Diplomarbeit in Psychologie mag manchen überraschen. Jean-Paul Sartre, war der nicht Philosoph? Psychoanalyse – die ist doch von Sigmund Freud. Einige mag das wundern. Obwohl ein Psychologe doch weiß, dass seine Wissenschaft untrennbar in der Philosophie wurzelt. Er weiß, dass es zu einer Psychologie als Wissenschaft gekommen ist, weil seit jeher Menschen sich Fragen wie folgende gestellt haben: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Warum tun wir dies und jenes? Dennoch: Jean-Paul Sartre als Psychologe? Nun gut, gewissermaßen sind alle Philosophen zum Teil auch Psychologen. Aber hat er wirklich etwas Wichtiges zur Psychologie beigetragen? Etwas, das auch von praktischem Wert und Nutzen ist? Die Antwort lautet: Ja. Aber warum erfährt man davon so gut wie gar nichts? Warum gibt es kaum etwas darüber zu lesen, wird nur ganz selten etwas darüber gelehrt?
Woran mag das liegen? Nun, zum einen wohl einmal daran, dass Jean-Paul Sartre in der breiten Öffentlichkeit zu allererst als Dramatiker bekannt ist. Und zwar als Dramatiker, dessen Werke auf den ersten Blick einen ziemlich düsteren und hoffnungslosen Eindruck hinterlassen. Ich denke dabei zum Beispiel an „Tote ohne Begräbnis“, „Die schmutzigen Hände“ oder seinen Film „Das Spiel ist aus“. Alleine vom Titel her klingen sie nicht gerade besonders erbaulich. Manch einem mag es dabei die Lust nehmen, sich mit der dahinterstehenden Philosophie zu beschäftigen, ohne die jedoch diese Dramen eigentlich nur sehr schwer verständlich sind. Zum zweiten mag es daran liegen, dass der Existentialismus besonders während der Nachkriegszeit als eine Lebenseinstellung missbraucht worden ist, die es angeblich dem Einzelnen gestattet, sein Leben unabhängig von allen Anderen und frei von jeglicher Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen in vollster Egomanie auszuleben. Auch dieser Eindruck trügt. Menschen, die glauben, die Rechtfertigung für ein solches Dasein aus dem Existentialismus ziehen zu können, haben von ihm überhaupt keine Ahnung.
Inhaltsverzeichnis
1. Philosophische Hintergründe des Existentialismus Jean-Paul Sartres
1.1. René Descartes und das „cogito“
1.2. Husserl, Heidegger und die Phänomenologie
2. Der Existentialismus Jean-Paul Sartres
2.1. Die Existenz des Anderen: Der Blick
3. Die existentielle Psychoanalyse
3.1. Die Kritik des Sartreschen Existentialismus an der Psychologie und der Freudschen Psychoanalyse
3.1.1. Unreflektiertes Bewusstsein und reflexives Bewusstsein
3.1.2. Die substantialistische Täuschung der Psychologie
3.1.3. Das Unbewusste
3.1.3.1. Die alltagssprachliche Bedeutung des Begriffs „unbewusst“
3.1.3.2. Der Begriff „unbewusst“ im Sprachgebrauch des psychologischen Wortschatzes
3.1.3.3. Das Unbewusste in der Psychoanalyse
3.1.3.4. Anmerkung: Le vécu: Die gelebte Erfahrung
3.1.4. Gewalt als Merkmal der psychoanalytischen Beziehung
3.1.3.1. Anmerkung: Die „zwei“ Psychoanalysen
3.2. Die Schlussfolgerungen des Existentialismus Jean-Paul Sartres für die Psychologie
3.2.1. Das Ziel des Für-sich: Das An-und-für-sich
3.2.2. Die Urwahl oder der Urentwurf
3.2.3. Die objektiven Bedeutungen der Dinge oder: Der ontologische Sinn der Qualitäten
3.2.3.1. Die drei großen Kategorien der konkreten menschlichen Existenz: Tun, Haben und Sein
3.2.3.2. Die Enthüllung des Seins der Dinge durch die Qualität – die Psychoanalyse der Dinge
3.3. Theorie der existentiellen Psychoanalyse
3.3.1. Die Grundgedanken der existentiellen Psychoanalyse
3.3.2. Die Aufgaben der existentiellen Psychoanalyse
3.3.3. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der existentiellen Psychoanalyse und der Freudschen Psychoanalyse
3.3.4. Die Biographien: „Der Idiot der Familie“ und „Saint Genet“
4. Anmerkungen: Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen der existentiellen Psychoanalyse und anderen Ansätzen aus Psychologie und Psychotherapie
5. Zusammenfassung und Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die Grundlagen und die methodische Vorgehensweise der existentiellen Psychoanalyse auf Basis der Philosophie Jean-Paul Sartres darzustellen, kritisch zu beleuchten und von der klassischen Freudschen Psychoanalyse abzugrenzen. Dabei steht die Frage im Vordergrund, inwiefern eine Existentialpsychologie den Menschen als freies, sich in jedem Moment neu entwerfendes Subjekt begreifen kann, ohne ihn auf biologische oder vergangenheitsdeterminierte Instanzen zu reduzieren.
- Phänomenologische Grundlagen des Existentialismus nach Sartre
- Kritische Auseinandersetzung mit den Konzepten „Unbewusstes“, „Triebe“ und „Determinismus“
- Die Struktur des Bewusstseins: „Für-sich“ versus „An-sich“
- Reinterpretation therapeutischer Ansätze durch das Prisma der existentiellen Verantwortung
Auszug aus dem Buch
Die Enthüllung des Seins der Dinge durch die Qualität – die Psychoanalyse der Dinge
Wir alle benutzen in unserem alltäglichen Sprachgebrauch immer wieder zahlreiche Metaphern. Sie dienen uns als Veranschaulichungen von Zusammenhängen, die ohne diese Metaphern weitaus schwieriger und komplizierter in Worte zu fassen wären. Mit Hilfe dieser Metaphern versteht fast jeder, was damit gemeint sein soll. Der „coole“ Typ, ein „dufter“ Kumpel, „knisternde“ Erotik, das Herz, das vor Liebe „schmilzt“, ein Mensch, der wieder „aufblüht“, ein „schmieriger“ Geschäftsmann, jemand, der einen anderen mit Fragen „durchlöchert“, das sind nur wenige Beispiele. Sie haben alle eines gemeinsam: Sie ziehen ihren Gehalt aus den stofflichen und objektiven Bedeutungen der Dinge. Zu der Welt der stofflichen und objektiven Bedeutungen der Dinge gehört beispielsweise, dass der Schnee bei einer bestimmten Temperatur schmilzt, dass Holz anfängt, bei einer bestimmten Temperatur zu brennen, eine blühende Pflanze oder Blume usw. Warum sind diese Metaphern, wie etwa noch „Herz aus Glas“, für fast jeden verständlich? Die Antwort ist einfach: Dieses Herz wird mit Hilfe einer Metapher umschrieben, die auf das An-sich des Glases verweist. Es gehört zum objektiven Wesen des Glases – und damit zu seinem An-sich, dass es zerbrechlich ist. Das Für-sich begegnet dem An-sich der Dinge – und damit ihnen selber – und so seinem geheimen Sinn.
„Hinter dem Phänomen suche ich das Sein des Phänomens zu besitzen.“ Damit ist das objektiv zum Glas gehörende An-sich des Zerbrechlichen gemeint. Glas ist zerbrechlich. Das ist eine objektive Feststellung. Natürlich gehört der menschliche Sinn des Zerbrechlichen – also die menschliche Bedeutung oder das Wesen, das wir dem Zerbrechlichen verleihen – nicht zum An-sich. Wir können aber, wenn wir den ontologischen Sinn der Dinge kennen, und weil wir wissen, dass die menschliche Wirklichkeit Seinswahl ist „und zwar entweder direkt oder durch Aneignung der Welt“, feststellen, dass „jede Sache letztlich … gemäß der Weise, in der sie das Sein wiedergibt, gemäß der Art, in der das Sein auf ihre Oberfläche dringt“ gewählt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Philosophische Hintergründe des Existentialismus Jean-Paul Sartres: Erläutert die Grundlagen bei Descartes sowie Husserl und Heidegger, die Sartres Verständnis von Bewusstsein und Phänomenologie prägten.
2. Der Existentialismus Jean-Paul Sartres: Beschreibt das Konzept des Existentialismus, insbesondere das Verhältnis des eigenen Bewusstseins zur Existenz des Anderen durch das Phänomen des „Blicks“.
3. Die existentielle Psychoanalyse: Kernkapitel, das die Kritik am psychologischen Determinismus entfaltet und das Modell der existentiellen Psychoanalyse als Analyse des Urentwurfs entwickelt.
4. Anmerkungen: Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen der existentiellen Psychoanalyse und anderen Ansätzen aus Psychologie und Psychotherapie: Vergleicht den existentiellen Ansatz mit modernen therapeutischen Strömungen wie NLP oder Hypnotherapie nach Erickson.
5. Zusammenfassung und Schluss: Reflektiert die gewonnenen Erkenntnisse und unterstreicht die Notwendigkeit, den Menschen als ungeteiltes, freies Wesen in der psychologischen Praxis zu würdigen.
Schlüsselwörter
Existentielle Psychoanalyse, Jean-Paul Sartre, Existentialismus, Phänomenologie, Urentwurf, Bewusstsein, Für-sich, An-sich, Freiheit, Unwahrhaftigkeit, Ontologie, Seinsbegierde, Psychologiekritik, Subjektivität, Verantwortung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Sartres Philosophie des Existentialismus und überträgt diese auf psychologische Fragestellungen, um eine alternative Form der Psychoanalyse zu formulieren.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Kritik am psychologischen Determinismus, die Struktur des Bewusstseins, das Konzept des „Urentwurfs“ sowie die moralische Verantwortung des Subjekts.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, eine „existentielle Psychoanalyse“ zu rekonstruieren, die den Menschen als freies, selbstschöpfendes Wesen begreift und die Reduktion auf rein biologische Triebe ablehnt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die phänomenologische Methode, um Erkenntnisse direkt aus dem unmittelbar Erlebbaren zu gewinnen, anstatt sich auf abstrakte, wissenschaftliche Konstrukte zu verlassen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Kritik Sartres an Freud und der Psychologie, definiert Begriffe wie „Unbewusstes“, „Tun“, „Haben“ und „Sein“ neu und zeigt deren Anwendung anhand von Fallbeispielen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt von Begriffen wie Existentialismus, Urentwurf, ontologische Freiheit, radikale Verantwortung und der Ablehnung des psychologischen Instanzenmodells.
Wie unterscheidet sich Sartres Unbewusstes von dem Freuds?
Sartre lehnt das „Unbewusste“ als eigenständige Instanz ab und interpretiert menschliches Verhalten stattdessen über das unreflektierte Bewusstsein und die bewusste Entscheidung (Unwahrhaftigkeit).
Welchen Stellenwert nimmt die „Urwahl“ in der Analyse ein?
Die Urwahl ist das irreduzible Fundament, in dem sich die gesamte Seinswahl eines Individuums manifestiert; sie ist der Schlüssel zum Verständnis des gesamten Verhaltens einer Person.
- Quote paper
- Dipl.-Psych. Uli Buchner (Author), 1989, Die existentielle Psychoanalyse Jean-Paul Sartres, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91663