Norwegens Distanz zur Europäischen Union: Rahmenbedingungen Hintergründe und Motive


Examensarbeit, 1997
131 Seiten, Note: Sehr gut (1)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung: Inhalt und Gliederung

Kapitel I: Begriffsdefinitionen und eine geschichtliche Einführung
1. Wichtige Begriffe kurz erläutert
2. Einige Hinweise zur Geographie und Demographie Norwegens
3. Eine kursorische Schilderung der politischen ‘Frühgeschichte’ Norwegens
a) Der Unabhängigkeit entgegen: Die Zeit bis zum 17. Mai 1814
b) Der Nation entgegen: Die Zeit bis 1905:
Der Vormarsch der Bauern - Die Thraniterbewegung - Die Anfänge der Industrialisierung - Der Ausbau der Infrastruktur - Der Beamtenstaat - Die Gegenkulturen - Der Vetostreit - Die Arbeiter- und Frauenbewegung - Das Ende der Union

Kapitel II: Kulturgeschichtliche Charakteristika Norwegens
1. Darstellung und Analyse der Entstehungsgeschichte nationaler Identität
a) Einige Anmerkungen zu den Ereignissen im Jahr 1814
b) Die Entstehung der nationalen Identität und der Nationalismus im 19. Jahrhundert:
Die erste Phase: Der Verfassungskonservativismus und die Erforschung der ‘Volkskultur’ (ca. 1814 bis 1844) - Die zweite Phase: Nationalromantik, Gegenkulturen und nationale Agitation (ca. 1833 bis 1884) - Die dritte Phase: Der „nationalen Durchbruch" (ca. 1872 - 1905)
c) Über die Kunst, sich auf das Wesentliche zu beschränken
2. Kulturgeschichtliche Charakteristika Norwegens
a) Das große Dorf Norwegen
b) Feindbild Union
c) Schaler Nationalismus
3. Zwischenresümee

Kapitel III: Kulturgeographische Charakteristika Norwegens
1. „Litt om motsetninga mellom austlandet og vestlandet" — Ein wenig über die Gegensätze zwischen Østland und Vestland
2. Die Gegenkulturen
a) Die Sprachbewegung und das Nynorsk/ Landsmål
b) Religion, Pietismus und nationale Identität
c) Die Abstinenzbewegung
d) Zwischenresümee
3. Die extreme Peripherie: Nordnorwegen

Kapitel IV: Sozioökonomische Charakteristika Norwegens
1. Die Bauernbewegung, Nei til EU und die Distriktspolitik
a) Über den direkten Einfluß der Landwirte
b) Über die Motivation und den indirekten Einfluß der Landwirte
2. Die Frauenbewegung
a) Überblick über die jüngere Geschichte
b) Zahlen über den Stand der Bemühungen
c) Motivationen für den Widerstand
d) Über den politischen Einfluß der Frauen in den Jahren 1972 und 1994
3. Zwischenresümee

Schlußbemerkungen
1. Rekapitulation und Problematisierung der Aufgabenstellung
2. Zusammenfassung

Literatur
1. Quellenverzeichnis
2. Bildquellenverzeichnis
3. Endnoten: Quellenverweise
4. Schlußerklärung

Vorwort

Die Erarbeitung der vorliegenden Staatsarbeit unterschied sich in vielem von den zahlreichen Hausarbeiten, die ich im Laufe meines Studiums angefertigt habe. Der größte Unterschied war wohl, daß die nötige Literatur sich nur zum kleinen Teil über die Universitäts- und Institutsbibliotheken in Münster besorgen ließ, und zum großen Teil aus Norwegen beschafft werden mußte. In diesem Zusammenhang möchte ich insbesondere ‘meiner’ Lektorin Kari Uecker danken, welche als wandelndes Schlagwortregister die ansonsten eher unübersichtliche Bibliothek des nordischen Seminars in Münster erhellt und mir auch bei der Suche nach Kontakten in Norwegen mit Rat und Tat beigestanden hat.

Darüber hinaus zu Dank verpflichtet bin ich für die oft großzügigen Zusendungen von Artikeln, Broschüren und Büchern, für so manchen Literaturhinweis, sowie für Rat- und Vorschläge Prof. Stein Kuhnle (Universität in Bergen), Prof. Øystein Sørensen (Universität in Oslo), Geertje König (KGL. Norwegische Botschaft, Bonn), Anne Slaaer (Europabewegung), Kjell-Erik Kallset (Nei til EU), Gro Abrahamsen (Norsk bonde- og småbrukarlag), Harald Dyrkorn (Die norwegische Totalabstinenzgesellschaft), Hilde Karin Kløvfjell (Dokumen­tations­dienst für Literatur über Frauen, Bergen), Sidsel Platou Aarseth (Zentrum für Frauenforschung, Oslo), sowie dem Norges Bondelag, dem Statistischen Bundesamt, dem Statistisk Sentralbyrå und dem Kgl. Norwegischen Außenministerium.

Ein großer Teil der Literatur, welche der Arbeit zugrunde liegt, wurde in einer der drei skandinavischen Sprachen verfaßt. Da die Kenntnis dieser Sprachen in Deutschland nicht vorausgesetzt werden kann, manche gelungenen Passagen aber dennoch zitiert werden sollten, wurden diese von mir ins Deutsche übertragen. Aus gleichem Grunde, also weil manche Einzelheit einem Kenner Norwegens zwar hinreichend bekannt ist, in Deutschland aber nicht zum Allgemeinwissen gehört, habe ich eine Reihe von Details in mehr oder minder ausführlichen Anmerkungen, Ergänzungen und Exkursen in den Fußnoten (I,II,III, ...) beigefügt. Sie dienen dazu, das Verständnis für die Kultur Norwegens zu vertiefen, ohne die Abhandlung unnötig auszudehnen. Die Quellenverweise sind deshalb, statt in den Fußnoten, ganz am Ende der Abhandlung in den Endnoten (1,2,3, ...) zu finden. Hier wird darüber hinaus in eckigen Klammern „[ ] “ über die Form der Veröffentlichung informiert, und es findet sich eine Angabe, wie der Text betitelt sein könnte, wenn er in deutscher Sprache veröffentlicht wäre. Das ist in diesen Fällen aber ausdrücklich nicht der Fall.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung: Inhalt und Gliederung

„Norwegen, diese Extravaganz an der Peripherie Europas, zwischen Ölterminal und Sommerhütte, Einödhof und Glasarchitektur, Kapitalexport und Gottesfrieden, ist nicht das irdische Paradies, sondern ein Monument des Eigensinns, und eine maulende Idylle.“[i]

Mit diesem Satz schloß Hans Magnus Enzensberger eine Reportage aus dem Jahr 1984, zwölf Jahre nachdem eine knappe Mehrheit der Norweger bei einem Referendum den Beitritt ihres Landes zur damaligen Europäischen Gemeinschaft abgelehnt hatte. Zehn Jahre nach Vollendung der Reportage, in welcher die Paradoxien, welche das Leben in Norwegen charakterisieren, so treffend wie in wenigen anderen Texten beschrieben wurden, fand ein zweites Referendum über eine mögliche Mitgliedschaft des Landes in der Europäischen Union statt. Diese wurde von einer neuerlichen Mehrheit abgeschmettert.

Das politische Klima scheint in Norwegen sehr stabil zu sein. Eine Reihe von Indizien deuten darauf hin, daß der Wahlkampf, welcher dem Referendum von 1994 vorausging, sich in nur wenigen Punkten von jenen politischen Kämpfen unterschied, welche Norwegen in den sechziger Jahren und bis zum Referendum von 1972 erschüttert haben. Darüber hinaus scheinen die Wurzeln des Konflikts noch tiefer in die Vergangenheit zu reichen; zum Teil sogar bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Denn im 19. Jahrhundert entstand die norwegische Nation, wurden die Grundsteine des heutigen Nationalstaates und vieler innen- und außenpolitischer Traditionen gelegt.

Die Hintergründe der Distanz Norwegens zum restlichen europäischen Kontinent (und damit auch zur EU) aufzuklären, soll das Ziel dieser Arbeit sein. Es gilt zu klären, warum und inwiefern man Norwegen als ein „Monument des Eigensinns“ (Enzensberger) auffassen kann. Es soll der politische Horizont aufgeklärt werden, vor welchem die Staaten der Union die norwegische Eremitage verstehen sollten; der Horizont, vor welchem die Abfuhr nachvollzogen werden kann, welche die Bevölkerung Norwegens dem gemeinsamen europäischen Projekt schon zweimal mit knapper Mehrheit erteilt hat. Das ist keine leichte Aufgabe. Zu knapp waren die Ergebnisse der Referenden, als daß eine einfache Erklärung herangezogen werden könnte. Zu differenziert ist selbst in einem kleinen Land wie Norwegen die Landschaft der politischen Meinungen. Der Erklärungen für Norwegens Distanz gegenüber dem alten Kontinent sind im Gegenteil viele.

Ich werde in dieser Arbeit den Versuch unternehmen, eine Vielzahl möglicher Erklärungen in einer auch in Deutschland nachvollziehbaren Form darzustellen, wozu ich allerdings an einigen Stellen etwas weiter ausholen muß. Es wird weniger darum gehen, jene politischen Argumente zu erörtern, welche in der öffentlichen Debatte in Norwegen vor dem Referendum für oder gegen die Mitgliedschaft in der Europäischen Union vorgebracht wurden. Das würde sich nach meiner Ansicht nicht lohnen, und es würde im übrigen angesichts der unglaublichen Vielzahl verschiedener Argumentationsstrategien nahezu unmöglich sein. Denn allzu oft wurde, wie Tor Bjørklund es in einem Artikel aus der Reihe „Nytt fra Norge“ des norwegischen Außenministeriums formuliert hat, in dieser Debatte ein und dasselbe Argument sowohl von Gegnern als auch von Anhängern der Mitgliedschaft

„zur Stützung ihres jeweiligen Standpunktes angeführt. Eine EU-Mitgliedschaft kann sich scheinbar sowohl positiv als auch negativ auf den Umweltschutz auswirken, mit ihr kann sich die Arbeitslosigkeit erhöhen und auch abnehmen, die demokratischen Rechte können gestärkt und auch geschwächt werden.“[ii]

Statt nach Gründen wird in dieser Arbeit nach Hintergründen gesucht, welche helfen können, den Ausgang des letzten Referendums jenseits der offen vorgetragenen Argumente zu erleuchten. Statt Argumente für oder vor allem gegen den möglichen Beitritt Norwegens zur Europäischen Union zusammenzutragen und zu erörtern, soll erstens die Frage gestellt werden, inwiefern eine mögliche Mitgliedschaft in der EU mit der nationalen Identität als Ganzem in Norwegen in Konflikt geraten konnte, und zweitens, welche Gruppen der Gesellschaft aus welchen Gründen gegen den Beitritt waren.

Eröffnet wird die Arbeit mit einem Kapitel über begriffliche und geschichtliche Grundlagen, welche für das Verständnis der nachfolgenden Darstellungen unverzichtbar oder zumindest nützlich sind. In den weiteren Kapiteln werden dann verschiedene Aspekte der politischen Soziologie Norwegens und ihre Relevanz für das Verständnis des Referendums von 1994 erläutert. Im einzelnen sind dies kulturgeschichtliche Rahmenbedingungen, welche für die ganze Bevölkerung von Bedeutung sind, sowie kulturgeographische und sozioökonomische Rahmenbedingungen, welche jeweils bestimmte Gruppen der Bevölkerung zu beschreiben helfen. Diese Unterscheidung schien aus Gründen der inneren Logik der Abhandlung sinnvoll zu sein, auch wenn sie sich nicht an allen Stellen konsequent durchhalten ließ, da die einzelnen behandelten Aspekte intern verflochten sind.

Kapitel I: Begriffsdefinitionen und eine geschichtliche Einführung

1. Wichtige Begriffe kurz erläutert

Zunächst bedarf es einer zumindest groben Definition der Begriffe nationale Identität und Nationalismus, wozu auch die Worte Identität, Identifikation und Nation, sowie der Begriff des Ethnischen erläutert werden müssen. Ich bin mir bewußt, daß über diese Begriffe ganze Abhandlungen und Bücher geschrieben worden sind, doch weiß ich auch, daß es über die Bedeutung der Ausdrücke, wie es der Kölner Geschichtswissenschaftler Otto Dann formuliert, „heute in Wissenschaft und Politik noch keinen verbindlichen Konsens gibt.“[iii] Zu dieser (ein wenig ernüchternden) Einsicht kommt auch Marco Heinz in seiner Dissertation über die Begriffsgeschichte der Termini Ethnizität und ethnische Identität.[iv] Ich versuche deshalb, ein eigenes Verständnis der Begriffe nationale Identität, Nation und Nationalismus herzustellen, welches im Kontext dieser Staatsarbeit sinnvoll erscheint.

Wenn ich auf einem PC mit dem Hilfsprogramm „Thesaurus“[v] Synonyme für das Wort Identität anzeigen lasse, dann zählt der Computer unter anderem die Wörter Analogie, Deckung, Gleichheit, Wesenseinheit und Übereinstimmung auf, wobei in unserem Zusammenhang das Wort „Wesenseinheit“ wohl am besten die Sache trifft. Etymologisch läßt sich der Begriff Identität auf das mittellateinische idemptitas mit der Bedeutung Einheit oder Gleichheit und letztlich auf das lateinische idem und damit auf die Bedeutung derselbe oder dasselbe zurückführen.[vi]

Spricht man statt von Identität von ‘Gruppenidentität’ oder von „kollektiver Identität“[vii], dann bezeichnen diese Begriffe die Wesenseinheit von Menschen einer Gruppe, welche auf bestimmten Gemeinsamkeiten beruht. Viele Autoren sehen es darüber hinaus als wesentlichen Bestandteil des Identitätsbegriffs an, daß die Mitglieder der fraglichen Gruppe sich ihrer Wesenseinheit bewußt sind, daß also ein Zugehörigkeitsgefühl besteht. Dieses Verständnis hat sich zwar nach Marco Heinz erst in jüngerer Zeit entwickelt, dafür aber heute zumindest in der Ethnologie nahezu durchgesetzt.[viii] Identität setzt also (in neuerer Zeit) das Bewußtsein der Betroffenen voraus und läßt sich anhand von Kriterien bestimmen.

Der Begriff Identität „gehört in eine Wortfamilie mit [...] Identifikation“[ix], wobei beiden Worten an dieser Stelle verschiedene Bedeutungen zugewiesen werden sollen. Während Identität einen Zustand definiert, drückt man mit Identifikation ein Geschehen aus. Man kann es als Identifikation bezeichnen, wenn Individuen sich selbst wegen bestimmter, zumeist subjektiv wahrgenommener Gemeinsamkeiten einer Gruppe zurechnen, sich ihr zugehörig fühlen oder sich also mit ihr identifizieren.

Der Begriff Nation leitet sich, dem Osloer Kulturwissenschaftler Bjarne Hodne zufolge, aus dem Lateinischen ab und bezeichnet ursprünglich „ein Geschlecht und eventuell einen Stamm mit gleicher Herkunft, Mentalität und Sprache und einem gemeinsamen Gedächtnis.“[x] Versteht man, wie es die etymologische Herleitung nahelegt und wie es in der Fachliteratur allenthalben geschieht, die Nation als eine Gruppe, welche durch eine kollektive Identität ausgezeichnet ist[xi], dann gilt es, die Gemeinsamkeiten dieser Gruppe zu definieren. Eine Definition des Wortes Nation von Otto Dann lautet:

„Als Nation bezeichnen wir eine Gesellschaft, die aufgrund gemeinsamer geschichtlicher Herkunft eine politische Willensgemeinschaft bildet. Eine Nation versteht sich als Solidargemeinschaft, und sie geht aus von der Rechtsgleichheit ihrer Mitglieder. Sie ist angewiesen auf einen Grundkonsens in ihrer politischen Kultur. Nationen sind stets auf ein bestimmtes Territorium orientiert, auf ihr Vaterland. [...] Eine Nation entsteht erst mit der Bildung von Nationalbewußtsein innerhalb ihrer Bevölkerung.“[xii]

Nationale Identität ist, wie man in Anlehnung an Otto Danns Definition der „Nation“ formulieren könnte, die Wesenseinheit der Menschen einer Nation — also einer großen Gruppe — , welche besonders auf Gemeinsamkeiten in der geschichtlichen Herkunft und der gegenwärtigen politischen Kultur, sowie auf regionalen Gegebenheiten (einem „Territorium“) beruht. Die nationale Identifikation eines Einzelnen kann sich dann nur vollziehen, wenn ein Bewußtsein für Gemeinsamkeiten der genannten Art verbreitet ist. Und eine Nation entsteht dementsprechend und nach Otto Dann erst, wenn die Menschen ein Bewußtsein für ihre geschichtlichen und politischen Gemeinsamkeiten mit vielen anderen Menschen eines Territoriums entwickeln oder zumindest an solche (vielleicht nicht vorhandenen) Gemeinsamkeiten glauben.

Der Sozialanthropologe Ernest Gellner liefert in seiner Buch „Nations and nationalism“ zwei unterschiedlichen Interpretationen des Wortes Nation, die bei Otto Dann zusammenfallen, aber in der wissenschaftlichen Literatur oft unterschieden werden:

[1.] Two men are of the same nation if and only if they share the same culture, where culture in turn means a system of ideas and signs and associations and ways of behaving and communicating.

[2.] Two men are of the same nation if and only if they recognise each other as belonging to the same nation. In other words, [...] nations are the artefacts of men’s convictions and loyalties and solidarities.“[xiii]

Letztlich ist, wie es der Osloer Sozialanthropologe Thomas Hylland Eriksen formuliert, die „Nation ein Gedankenkonstrukt“, eine „vorgestellte Gemeinschaft“[xiv] /[1], die man definieren kann und die auch immer neu definiert wird.[xv] Sehr oft werden wie bei Gellner zwei verschiedene Typen nationaler Identität voneinander getrennt.[xvi]

Der eine Typ einer nationalen Identität hat nach Eriksen seinen Ursprung in der deutschen Romantik. Der Osloer Historiker Sverre Bagge, unterstreicht, daß man nach dem ‘deutschen’ Verständnis in seine nationale Identität „hinein geboren“[xvii] wird. Die Identifikation ist dann „ein Schicksal“.[xviii] /[2] Dieses Verständnis des Begriffs der nationalen Identität legt besonders Gewicht auf die Wesenseinheit durch Abstammung oder Ethnizität und ist im deutschen Grundgesetz durch den Begriff der „Volkszugehörigkeit“ (Art. 116) verankert. Mit dem Wort Abstammung sei an dieser Stelle die völkische Abkunft der lebenden Mitglieder der Nation bzw. ihre biologische Verwandtschaft mit den Vätern und Vorvätern des Volksstammes oder einer sogenannten ‘Rasse’ gemeint. Der Begriff Ethnizität mag an dieser Stelle für eine geschichtliche Verwurzelung stehen, wobei die Geschichte der Gesellschaft in deren kulturellen Strukturen und durch ein kollektives Bewußtsein oder Gedächtnis weiterwirkt. Diese (nach Eriksen ‘deutsche’) Interpretation des Begriff der nationalen Identität soll im folgenden je nach Zusammenhang als die völkische oder als die ethnische Form nationaler Identität bezeichnet werden.

„Die alternative [nach Eriksen ‘französische’] Auffassung, ist, daß die Nation eine Gemeinschaft sei, die auf kollektiver Zustimmung zu einer Verfassung basiert.“[xix] Diese Form nationaler Identität, welche ihre Ursprünge in der französischen Aufklärungszeit hat[xx], ist nicht durch Geburt verordnet, sondern ein „Akt des Willens“[xxi] und also das Ergebnis von immer neuer Identifikation. Die Grundlage für die Identifikation ist der Staat oder die Staatsform, während Sprache, Kultur, Geschichte und andere Elemente der ethnischen Nationalidentifikation in den Hintergrund treten, wenn sie auch selten völlig verschwinden. Die reine Form einer so verstandenen nationalen Identität bezeichne ich im folgenden als die voluntaristische oder politische Form. Man sollte sich allerdings bewußt sein, daß die meisten nationalen Identitäten sowohl eine voluntaristische als auch eine ethnische Dimension haben und daß diese Unterscheidung nur dazu dienen kann, zwei Aspekte einer schwierigen Thematik gesondert hervorzuheben.

Damit sei zum Inhalt des Begriffs der nationalen Identität das Wichtigste gesagt.[3] Zuletzt ist noch die Frage zu stellen, was in dieser Arbeit unter dem Wort Nationalismus verstanden werden soll.

In der Textsammlung „Nasjonal identitet og nasjonalisme“ distanziert sich der Historiker Sverre Bagge in seinem Aufsatz über die Frage, ob es im mittelalterlichen Norwegen eine nationale Identifikation gegeben habe, von einer Definition des Terminus Nationalismus, die in wissenschaftlichen Texten zwar oft verwendet wird, aber eigentlich zu eng und daher wenig fruchtbar sei, weil fast alle vorhandenen nationalen Gemeinschaften dann nationalistisch genannt werden müßten: Nach diesem Verständnis des Wortes äußert sich Nationalismus bereits dann, wenn eine nationale Gemeinschaft nach Souveränität strebt. Eine Gruppe von Menschen, die sich als Nation auffaßt und einen eigenen Staat anstrebt, müßte demnach nationalistisch genannt werden.[xxii] Bagge schränkt den Bedeutungsinhalt deutlich ein und kommt so zu einer sehr eigenwilligen Auslegung des Begriffs: Er nennt nur die völkische oder ethnische Form von nationaler Identifikation Nationalismus, nicht aber die politische oder voluntaristische.[xxiii]

Bagges Begriffsbestimmung mag in ihrem Kontext sinnvoll sein. Meiner Ansicht nach übersieht der Historiker jedoch, daß der Terminus (im Norwegischen wie im Deutschen) zwei verschiedene Bedeutungen trägt. Er dient zum einen als wertfreie Bezeichnung einer politischen Ideologie und zum anderen als tendenziell negative Kennzeichnung eines politischen Verhaltens oder Gefühls. Wertfrei bezeichnet er, besonders in der englischsprachigen Literatur, das politische Prinzip, welches ein Zusammenfallen von politischen und nationalen Einheiten verlangt. Da das Suffix
‘-ismus’ jedoch, zumindest in der deutschen und norwegischen Sprache, in vielen Zusammenhängen eine negative oder abwertende Tendenz besitzen und damit eine Wertung enthält, bezeichnet das Wort Nationalismus andererseits häufig ein allgemein verurteiltes Verhalten oder Denken, dessen Charakter Otto Dann kurz und präzise benannt hat.

„Wir verstehen unter Nationalismus ein politisches Verhalten, das nicht von der Überzeugung einer Gleichwertigkeit aller Menschen und Nationen getragen ist [und] das fremde Völker und Nationen als minderwertig einschätzt und behandelt.“[xxiv]

Beide Definitionen des Terminus Nationalismus, die wertfreie und die pejorative, kennzeichnen wichtige Phänomene. Eine genauere Eingrenzung des Terminus scheint mir deshalb nicht notwendig zu sein, da der jeweilige Inhalt des Begriffs sich aus dem Kontext erschließt.

2. Einige Hinweise zur Geographie und Demographie Norwegens

Da es in dieser Abhandlung unter anderem um die kulturelle Geographie Norwegens gehen wird, scheint eine kurze Einführung über topographische Kennzeichen des Landes angebracht. Für eine solche Skizze zitiere ich den Geographen Ewald Glässer, dessen Darstellung zwar geringfügig veraltet sein mag (Stand 1978), der aber die wichtigsten norwegischen Charakteristika nennt:

Norwegen nimmt „eine Landfläche von rd. 234.000 km2 ein, womit es flächenmäßig als das fünftgrößte Land Europas gilt, obwohl es nur rd. 4 Mill. Einwohner zählt. Neben Island weist Norwegen die geringste Bevölkerungsdichte in Europa auf. Nach der Statistik leben in Norwegen im Durchschnitt 12 Menschen pro km2; auf Island sind es nur 2, während es in Finnland 15, in Schweden 19 und in dem sich diesbezüglich stark abhebenden Dänemark sogar 112 Einwohner pro km2 sind. Doch was sagen diese Mittelwerte schon aus, wenn man bedenkt, daß in Norwegen der überwiegende Teil der Bevölkerung in den westlichen und südlichen Küstenräumen lebt. Über 80 % aller Norweger wohnen in einem Abstand von der Küste, der weniger als 15 km beträgt. Relativ dicht besiedelten Küstenregionen stehen also weite siedlungsarme und größtenteils wirtschaftsschwache Binnenregionen gegenüber [...].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das norwegische Staatsgebiet mit seinen fünf großen Landesteilen, nämlich dem Östland, Vestland, Sörland, Tröndelag und Nordnorwegen [...] hat eine außerordentlich lange Küstenlinie, die von ungezählten Buchten und Fjordmündungen gegliedert wird. Von den etwa 150.000 vorgelagerten Inseln bzw. Schären sind nur rd. 2000 bewohnt. [...] Mit einer Ausdehnung über nahezu 14 Breitengrade, vom Kap Lindesnes im Süden bei gut 57° bis zum Nordkap bei rd. 71°, ist Norwegen das Land Europas mit der größten Längsstreckung. Welche unterschiedlichen Naturräume das Land schon durch diese Tatsache aufweisen muß, mag man vergleichsweise daraus ersehen, daß Kap Lindesnes im Süden vom Nordkap genauso weit entfernt ist wie von Rom oder Moskau. [...]

Norwegen ist in weit überwiegendem Maße ein Gebirgsland, in dem mehr als die Hälfte des Landes über 500 m und etwa ein Viertel höher als 1000 m liegen. Die höchsten Erhebungen Norwegens und ganz Nordeuropas konzentrieren sich auf das mittlere Vestland [...] bei knapp 2500 m. Größere küstennahe Flachlandregionen finden wir mit Ausnahme der berühmten westnorwegischen Küstenplattform (Strandflate) und einigen Küstenstrichen in Nordostfinnmark nur im südlichen Landesteil. Es handelt sich dabei um die Randlandschaften a) des Oslofjordes bzw. -grabens bis zum nördlich benachbarten Mjösasee [an dessen nördlichem Ausläufer die Stadt Lillehammer liegt], b) des Trondheimfjordes in Süd- und Nordtröndelag sowie c) um die südwestliche Küstenlandschaft Jaeren südlich Stavanger. [...] Insgesamt beträgt das kultivierte Landwirtschaftsareal Norwegens nur 3 % der Gesamtfläche. [...]

In jüngster Zeit wird [...] die gesamte sozio-ökonomische Struktur Norwegens entscheidend beeinflußt durch die Erdgas- und Erdölvorkommen im Nordseeschelfbereich, die vom Ekofisk bzw. Eldfiskfeld im Südwesten bis zum Barentsee im Norden reichen. Neben dem eigenen Energiebedarf und der damit verbundenen Entwicklung vor allem im strukturschwachen nördlichen Landesteil schickt sich Norwegen darüber hinaus an, zu einem der größten Erölexporteure der Welt zu werden. [...]“[xxv]

Den Bericht Glässers ergänzend könnte man hinzufügen, daß es sich bei den genannten Regionen Østland, Vestland, Sørland, Trøndelag und Nordnorwegen nicht um politische Einheiten (vergleichbar etwa mit den Bundesländern) handelt, sondern nur um Landesteile, die sich vor allem durch kulturelle Besonderheiten auszeichnen, auf die ich weiter unten noch näher eingehe. Politische Einheiten sind dagegen die Fylker, welche im weitesten Sinne mit den Regierungsbezirken in Deutschland vergleichbar wären, jedoch allein flächenmäßig ungleich größer sind. Im einzelnen handelt es sich um Østfold, Akershus, Oslo, Hedmark, Oppland, Buskerud, Vestfold, Telemark, Aust-Agder, Vest-Agder, Rogaland, Hordaland, Sogn og Fjordane, Møre og Romsdal, Sør-Trøndelag, Nord-Trøndelag, Nordland, Finnmark und Svalbard.

Sowohl die Landesteile als auch die Regierungsbezirke [Fylker] (außer Svalbard) sind auf der Karte 3 (S.57) dargestellt, während ein grober topographischer Überblick über Städte, Verkehrswege, Landschaftsstruktur, sowie die von Ewald Glässer aufgezählten Gunsträume der ersten Karte (S.6) entnommen werden kann.

3. Eine kursorische Schilderung der politischen ‘Frühgeschichte’ Norwegens

Im folgenden soll es darum gehen, einen überaus kursorischen Überblick über die frühe norwegische Geschichte zu bieten. Aus Gründen, welche im zweiten Kapitel (II.1.a) noch geklärt werden, beginnt meine Zusammenfassung mit jenen politischen Entwicklungen, welche zur Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1814 führten. Von dieser Zeit ausgehend wird die Schilderung der politischen Geschichte des Landes bis ins Jahr 1905 geführt, also bis zur Erlangung der nationalen Souveränität.

a) Der Unabhängigkeit entgegen: Die Zeit bis zum 17. Mai

Der 14. Januar und der 17. Mai 1814 sind bedeutende Daten in der norwegischen Geschichte. Am 14. Januar 1814 unterschrieb der dänisch-norwegische König Frederik VI ein Friedensabkommen mit Schweden und trat damit Norwegen an Schweden ab. Der sogenannte Kieler Frieden bedeutete das Ende einer Union zwischen Dänemark und Norwegen unter einem gemeinsamen Monarchen, die 434 Jahre bestanden hatte.

Die Auflösung der dänisch-norwegischen Union war eines der Ergebnisse der napoleonischen Kriege, die von 1792 bis 1814 gedauert hatten. In diese Gefechte war das bis dahin neutrale Dänemark-Norwegen im Jahre 1807 hineingezogen worden, weil das napoleonische Frankreich sich mit Rußland verbündet hatte und versuchte, eine Handelsblockade gegen das feindliche Großbritannien zu errichten. Verschiedene Ereignisse in diesem „großen politischen Spiel“[xxvi] sorgten dafür, daß Dänemark-Norwegen sich mit Frankreich alliierte, während Schweden sich schon 1804 in die Allianz gegen Frankreich begeben hatte. Großbritannien beantwortete die Handelsblockade mit einer Seeblockade zwischen Dänemark und Norwegen in den Jahren 1807-1809 und 1812-1814. Die Seeblockade brachte Jahre der Not für Norwegen, das von dänischen Kornlieferungen abhängig war. Außerdem brauchte Norwegen erstmals eine politische Führung, solange das Land von Dänemark isoliert war: Der dänische König setzte seinen Vetter Kristian Frederik als Statthalter ein, was zu einer ersten politischen Teilung der Monarchie beitrug.

In Schweden wurde 1809 König Gustav IV Adolf vom Adel abgesetzt, nachdem die einstmalige Großmacht ihre finnischen Landesteile an Rußland verloren hatte. Der Adel wünschte, daß Schweden wieder eine nordische Großmacht würde, gab deshalb dem Land eine neue Verfassung und setzte den französischen Revolutionshelden Jean-Baptiste Bernadotte, welcher Napoleons General und Marschall gewesen war, als Kronprinzen ein. Der Kronprinz, der später als König den Namen Karl Johan annahm, schloß eine Allianz mit England, Rußland und Preußen, führte sein Land mit dem Bündnis in den Krieg gegen das napoleonische Frankreich und, nach dessen entscheidender Niederlage in der Schlacht bei Leipzig im Oktober 1813, gegen Frankreichs Alliierten Dänemark-Norwegen. So wurde, wie es in einem Geschichtsbuch für die weiterführenden Schulen in Norwegen formuliert ist, „Norwegen zur Kriegsbeute in einem europäischen Großkonflikt.“[xxvii]

In Norwegen traf der Kieler Frieden auf „Enttäuschung und Bitterkeit“.[xxviii] Die norwegische Elite, welche aus Beamten und wenigen Bürgern bestand, war durch Wirtschafts- und Familienbeziehungen an Dänemark gebunden, und sie war Frederik VI gegenüber loyal.[4] Schweden war hingegen ein Erbfeind des dänisch-norwegischen Königreiches gewesen. So kam es, daß in Norwegen ‘Geschichte gemacht’ wurde, während der schwedische Kronprinz den Feldzug gegen Frankreich in der Allianz zu Ende führte und also seine Beute noch nicht eingestrichen hatte. Kristian Frederik, der Statthalter des dänischen Königs, traf sich am 16. Februar mit einer ausgewählten Gruppe von Magnaten und verlangte das Erbe des norwegischen Thrones. Doch die von ihm zusammengerufenen Finanzgewaltigen und Beamten waren von der Französischen Revolution inspiriert. Sie wiesen das Ansinnen des potentiellen dänischen Thronfolgers ab und hoben hervor, daß „alle Macht auf dem Volke ruhen“[xxix] müsse. Im Februar und März des Jahres 1814 wurde daher eine verfassunggebende Versammlung gewählt, deren 112 Repräsentanten am 10. April 1814 in Eidsvoll zusammentraten. Die verfassunggebende Reichsversammlung bestand aus 57 zivilen und militärischen Beamten, 37 Bauern und 18 Bürgern[5] und teilte sich in Anhänger der Unabhängigkeit Norwegens, welche zirka zwei Drittel der Versammlung ausmachten, sowie Sympathisanten für eine Union mit Schweden.

„The ideological supremacy of the Age of Enlightenment and the Atlantic twin revolution caused what to a great extent one may call a French-inspired view of the Norwegian nation in 1814“[xxx], wie Øystein Sørensen es formuliert hat. Die Reichsversammlung in Eidsvoll schuf eine konstitutionelle Verfassung „mit garantierten individuellen Rechten für die Bürger des Staates und mit dem am meisten demokratischen politischen System in Europa [im Jahre] 1814“[xxxi] Die Prinzipien der Volkssouveränität und der Gewaltenteilung wurden beschlossen.[xxxii] Stimmrecht erhielten neben Beamten und Bürgern, welche über Eigentum eines bestimmten Wertes verfügten, auch selbständige Bauern. Frauen, Dienstleute, Tagelöhner und alle, die sonst als unselbständig galten, konnten nicht wählen. Trotzdem war der Anteil der Stimmberechtigten mit rund 43 Prozent der männlichen Bevölkerung über 25 Jahren seinerzeit der höchste in Europa. „Am 17. Mai 1814 wurde die Verfassung verabschiedet, und die Reichsversammlung wählte Kristian Frederik zum König in einem freien, selbständigen und unabhängigen Norwegen.“[xxxiii]

b) Der Nation entgegen: Die Zeit bis 1905:

Die norwegische Unabhängigkeit war von kurzer Dauer. Sie blieb eine Episode, die bereits am 14. August 1814 zu Ende ging, aber für die weitere Entwicklung Norwegens von unschätzbarer Bedeutung war: Nach seiner Rückkehr aus Frankreich führte der schwedische Kronprinz Karl Johan einen kurzen Feldzug gegen Norwegen und zwang es nach Verhandlungen in eine Union. Allerdings erkannte er die norwegische Verfassung fast uneingeschränkt an und nahm sogar mit seiner Wahl zum norwegischen König am 4. November 1814 weitere Schwächungen der Position des Königs hin. Vermutlich setzte er darauf, seinen Willen nach der Wahl zum König besser und notfalls auch gegen die Verfassung und das Storting, also das norwegische Parlament, durchsetzen zu können.[xxxiv] Das Storting behielt das Recht, Gesetze und Steuern zu beschließen sowie Gelder zu bewilligen, während der König Gesetzesvorlagen des Stortings nur mit seinem Veto aussetzen konnte. Ferner behielt der König das Recht, Beamte — und damit auch die Regierung — zu ernennen, wobei es sich jedoch nicht um Schweden handeln durfte.[xxxv]

Alles in allem herrschte aber kein Zweifel, daß Norwegen in der Union mit Schweden der unterlegene Part war. Edvard Bull merkt dazu in seinem Buch über die „Sozialgeschichte der norwegischen Demokratie“ an:

„Das Parlament [...] sollte nur wenige Monate in jedem dritten Jahr tagen. Obwohl jedes neue Gesetz und jeder neue Staatshaushalt vom Storting genehmigt werden mußte, scheint es ziemlich klar, daß die Verfassungsgeber von 1814 die Initiative im wesentlichen der Regierung zuwiesen und dafür sorgen wollten, daß unter normalen Umständen kein wichtiger Beschluß ohne Genehmigung des Königs und seiner Regierung verwirklicht werden konnte.“[xxxvi]

Norwegen konnte keine eigene Außenpolitik betreiben, der König hatte seinen Thron in Stockholm, und dort mußte sich auch der entscheidende Teil der von ihm berufenen Regierung aufhalten. Zugleich muß man betonen, daß Norwegen in der Union einen extrem freien Status hatte; jedenfalls wenn man bedenkt, daß der Kieler Frieden einen bedingungslosen Anschluß an das Königreich Schweden vorgesehen hatte; es war dem König nicht gelungen, Schweden die neuen Landesteile einfach einzuverleiben.

Der Vormarsch der Bauern

In den Jahren nach 1814 war Norwegen ein neuer Staat in altem Gewande. Obwohl die Bauern ein gewaltiges Wählerpotential innehatten, herrschten durch das Storting die Beamten und Bürger. Auch die Bauern wählten hauptsächlich Beamte, vor allem weil ihre eigenen Repräsentanten im Storting kaum zur Geltung kamen: Die Bauernrepräsentanten waren mit lokalen Problemen beschäftigt und hatten zudem aufgrund ihrer Bildung schlechte Voraussetzungen für die Parlamentsarbeit.[xxxvii] „Vor der Wahl [im Jahre] 1832 setzten politisch bewußte Bauern eine Kampagne gegen die dominierende Stellung der Beamten in Gang.“[xxxviii] Animiert durch die Julirevolution in Frankreich agitierten der Bauer Jon Neergaard aus Møre und eine Reihe weiterer Vertreter der ‘nährenden’ Stände gegen die ‘verzehrenden’ Stände, also gegen die Beamtenelite.[xxxix] Schon seit der Mitte des 18. Jahrhunderts hatten Bauern begonnen sich gegen bestimmte Züge der Herrschaft von Staatsbeamten [„embetsmenn“] zu wehren. Als Beispiel wären die „Lofthuus­erhebung“[6] und die Bewegung der „Haugianer“[7] zu nennen. 1833 zogen 43 Bauernrepräsentanten in das seinerzeit 95 Parlamentarier umfassende Storting ein und kämpften zunächst in erster Linie für Steuersenkungen. 1837 setzten die Vertreter der Bauern ein Gesetz zur lokalen Demokratisierung durch, welches auf eine Verminderung der Macht von Amtmännern (also lokalen Beamten) hinauslief. Das Gesetz verhalf den Bauern zu „wertvollem politischen Training“[xl] auf lokaler Ebene; es muß allerdings angemerkt werden, daß die Wahlbeteiligung bei den ersten Kommunalwahlen sehr niedrig war.[xli]

Die Thraniterbewegung

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatte in Norwegen die Industrialisierung noch kaum begonnen. Erstes größeres Zeichen eines gesellschaftlichen Umbruchs in dieser Richtung war die „Thraniterbewegung“[8]: Als eine europäische Wirtschaftskrise am Ende der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts den norwegischen Export (vor allem von Holzwaren) sinken ließ und viele Tagelöhner und Arbeiter in Not brachte, wurde in der kleinen Stadt Drammen[9] der erste Arbeiterverein gegründet. Unter der Führung von Marcus Thrane, der in Paris und London sozialistische Ideen kennengelernt hatte, gedieh die Bewegung mit ihren über 20.000 Mitgliedern sowohl zu einer Klassenkampforganisation als auch zu einer Volksbewegung. An dieser nahmen neben der Unterklasse, welche vor allem aus dem Dienstvolk der Bauern, den Tagelöhnern (Häuslern) und aus wenigen Wald- und Industriearbeitern bestand, Menschen aus allen Gesellschaftsschichten teil, und die Bewegung wurde unter anderem von Henrik Ibsen und Aasmund Olavsson Vinje[10] gefördert. Im Jahre 1850 wurden Thrane und andere Führer der Bewegung verhaftet, und mit der Verurteilung der Organisatoren zur Zwangsarbeit begann sich die Bewegung aufzulösen. Die Thraniterbewegung verschwand völlig, doch ihre Forderungen (darunter die nach allgemeinem Stimmrecht, für welche immerhin 13.000 Unterschriften gesammelt worden waren) wurde später von der Frauen-, der Arbeiter- und der Bauernbewegungen wieder aufgenommen.

Anfänge der Industrialisierung

Eine der nach Edvard Bull wichtigen Voraussetzungen für eine Industrialisierung, nämlich ein rasantes Bevölkerungswachstum, war seit Beginn des Jahrhunderts gegeben. Von 1815 bis 1875 verdoppelte sich die Zahl der Einwohner von rund 900.000 auf rund 1,8 Millionen. Bis zur Mitte des Jahrhunderts wurde der Bevölkerungszuwachs jedoch mehr oder minder von der traditionellen Gesellschaftsstruktur aufgefangen. Die Verstädterung setzte erst langsam ein.[xlii] Die Industrialisierung Norwegens begann im Laufe der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Entlang der Flüsse wurden Spinnereien und Webereien angelegt. Die Einführung der Dampfsäge machte die traditionell bedeutsame Holzindustrie von der Wasserkraft unabhängig, was eine Steigerung ihres Exportes besonders in den Jahren zwischen 1850 und 1880 zur Folge hatte. Dann wuchs die Bedeutung der Zelluloseindustrie; die Auflagen der Zeitungen stiegen mit der Alphabetisierung. Bücher und Zeitungen wurden von ständig mehr Menschen gelesen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden neue Industriezweige geboren, allen voran die Eisenindustrie. Sie besaß um die Jahrhundertwende die vergleichsweise größte Bedeutung, wenn auch hauptsächlich für den heimischen Markt.

Hatte 1850 die Landwirtschaft noch 70 Prozent der Bevölkerung das ‘Brot zum Leben’ gegeben, so waren es um die Jahrhundertwende nur noch 44 Prozent, sogar einschließlich Forstwirtschaft und Fischerei. 26 Prozent der Menschen verdienten nun ihren Lebensunterhalt in der Industrie.[xliii] Die Industrieprodukte veränderten das Leben der Bevölkerung, und die größten Veränderungen trugen jene (vor allem Häusler und Kleinbauern), die aus der Bauerngesellschaft in die Industriearbeit wechseln mußten. Die Arbeitsbedingungen in der Industrie waren hart, wenn auch die Lebensbedingungen dort für die meisten einen Fortschritt darstellten. Nach und nach ging sich die patriarchalische Gesellschaft[11] unter; das Zusammenleben wurde statt von ständischen Konflikten von Klassengegensätzen geprägt.

Der Ausbau der Infrastruktur

Zu Beginn der 19. Jahrhunderts war das Verkehrs- und Kommunikationssystem in Norwegen kaum ausgebaut. Erst in der Mitte des vorigen Jahrhunderts setzten große Veränderungen ein, welche die Industrialisierung mit sich brachte. Zunächst wurde das traditionelle Verkehrsmittel, die Seefahrt, ausgebaut. Dampfschiffruten nahmen entlang der Küste ihren Dienst auf, und im Jahre 1893 begann die Hurtigrute[12] zu verkehren. Ein zusammenhängendes Netz von Landwegen gab es vor 1850 nur im Bereich des Kristianiafjordes. Die Wege wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwar ausgebaut, aber erst mit den ersten Autos kam der Straßenbau um die Jahrhundertwende wirklich in Fahrt. Die erste Eisenbahnverbindung wurde 1854 zwischen Kristiania, dem heutigen Oslo, und Eidsvoll eröffnet, aber es dauerte noch viele Jahrzehnte, ehe ein einigermaßen vollständiges norwegisches Eisenbahnnetz vorhanden war.[13] 1880 wurde die Bahnverbindung zwischen Kristiania und Trondheim eröffnet und damit eine Verbindung zwischen dem Østland, also dem Osten des Landes, und dem Vestland, also dem Westen Norwegens hergestellt. „Auch Post, Telegraf und Telefon banden die Landesteile näher zusammen.“[xliv] In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekam Norwegen ein zusammenhängendes Telegraphennetz. Das Telefon schließlich begann seine Karriere in Ålesund im Jahre 1876, kam dann nach Kristiania und nach Drammen, und 1894 waren bereits 14.000 Apparate — einer für 140 Einwohnern — in Gebrauch.[xlv]

Der Ausbau des Kommunikationssystems sowie die schrittweise Erweiterung der Schulpflicht schuf den Rahmen für „ein homogenes, massenkulturelles Bewußtsein“[xlvi] und mithin eine Grundlage für nationale Identifikation.

Der Beamtenstaat

Die erste Zeitspanne der Union (von Schweden mit Norwegen) bis 1844 war vom „Verfassungskonservativismus“[xlvii] des Storting geprägt. Karl Johan versuchte mehrfach seine Befugnisse auszudehnen, doch das Storting wies alle Vorschläge des Unionskönigs zu Verfassungsänderungen ab. Auf der anderen Seite wagte die Beamtenmehrheit im Storting es ebensowenig, das Grundgesetz zu ihren eigenen Gunsten, also auf Kosten der erstarkenden Bauern zu verändern. „Das Grundgesetz wurde zu etwas Vollkommenem und deshalb Unveränderlichem erklärt. Folglich mußten auch die Änderungen verworfen werden, die im Interesse der Beamten lagen.“[xlviii]

Von Historikern wird Norwegen in der Periode von 1814 bis 1884 als ‘Beamtenstaat’ bezeichnet, weil Beamte alle zentralen Funktionen innehatten, also die Leitung der Kommunen (durch Amtmänner), des Rechtsapparates (durch Richter), des Militärwesens (durch Offiziere) und der Kirche (durch Priester) beherrschten und zahlenmäßig mehrere Jahrzehnte das Storting dominierten.[xlix] Nach dem Tod Karl Johans im Jahr 1844 schwächte sich der Konflikt zwischen Thron und Storting ab. Die Konservativen unter den Beamten, welche sich als die Erben der dänischen Hochkultur empfanden, neigten dem ‘Skandinavismus’, also einer gesamtskandinavischen Nationalidentifikation, zu. Auch fühlten sie sich vom „Vormarsch der Bauern“[l] im Storting bedroht, suchten eine Stütze ihrer Macht und nahmen, spätestens nachdem die Bauern 1868 die absolute Mehrheit im Storting errungen hatten, eine der Union mit Schweden gegenüber freundlichere Haltung an.[li]

Die Gegenkulturen

Nachdem die Bauern ihren Einfluß schon in den dreißiger Jahren verstärkt hatten, entwickelte sich ab den fünfziger Jahren der Widerstand gegen die dänisch geprägte Beamtenherrschaft. Er fand in den ‘Gegenkulturen’ [„Mot­kulturene“] seinen Ausdruck.[14] /[lii] Ein verbessertes Schulwesen — und damit geringerer Analphabetismus — und der Ausbau des Kommunikationssystems bildeten die Grundlage für verschiedene Bewegungen der „Gegenkultur“.

Die ‘Volkshochschulbewegung’[15] [„folkehøyskolebevegelse“] nahm sich der Aufgabe an, „nationale, kulturelle, religiöse und menschliche Werte“ zu vermitteln, und legte dabei besonderes Gewicht auf altnordische Mythologie, Geschichte, die norwegische Sprache, sowie auf „Vaterlands- und Volkslieder“.[liii] Sie half ferner das Nynorsk [Neunorwegisch] zu verbreiten, war also ein Teil der gegenkulturellen Sprachbewegung. Das Nynorsk war von Ivar Aasen aus verschiedenen Dialekten mit dem Ziel konstruiert worden, eine auf der ländlichen Kultur beruhende rein norwegische Sprache zu schaffen. Sie sollte sich möglichst stark vom Bokmål [also der Buchsprache], der aus dem dänischen entstandenen Schriftsprache der Elite, abgrenzen. Aasen betrachtete die Sprache der Bauern als Erbe aus der Zeit vor der dänisch-norwegischen Union, weil sie sich weitgehend ohne dänische Einflüsse direkt aus der Sprache des mittelalterlichen Norwegens entwickelt hatte.[liv] Weil noch heute beide Schriftsprachen existieren und das Land in gewissem Grade teilen und weil sie für die nationale beziehungsweise regionale Identität in Norwegen von großer Bedeutung sind, wird die Sprachbewegung im Kapitel über die Kulturgeographie Norwegens noch näher behandelt.

Aus den bereits erwähnten Haugianern entwickelte sich eine pietistisch-puritanische Gegenkultur, die zwar nicht mit der Staatskirche brach, sich aber deutlich von dieser abgrenzte: Die „Lekmanns-Christen“[16] [Laienchristen] betrachteten Vergnügungen wie das Tanzen und den Alkoholgenuß als „teuflische Häßlichkeit“.[lv]

Nicht zuletzt durch die Unterstützung der Pietisten wurde „Die norwegische Totalabstinenzgesellschaft“ zu einer weiteren gegenkulturellen Volksbewegung, die nach 1859 in wenigen Jahren tausende von Mitgliedern um sich sammelte. Um die Jahrhundertwende waren rund 100.000 Alkoholgegner in der Gesellschaft organisiert. Die Totalabstinenzgesellschaft war ein relativ fortschrittlicher Verein, in dem Frauen Rede- und Stimmrecht besaßen. Die Abstinenzbewegung war insofern nicht nur inhaltlich — unter Beamten und in der bürgerlichen Elite war Wein und Branntwein ein geschätztes Genußmittel — sondern auch organisatorisch Zeichen einer Gegenkultur.

Der Vetostreit

Bei den Wahlen im Jahre 1868 erhielten Bauernrepräsentanten erstmals die Mehrheit im Storting. In der folgenden Zeit entwickelte sich Johan Sverdrup zu einer zentralen Gestalt in der norwegischen Geschichte. Sverdrups politische Ziele waren „nationale Selbständigkeit und der Kampf gegen die Beamten.“[lvi] Er und seine Anhänger forderten, daß die Politik der Regierung die Unterstützung der Mehrheit des Stortings bedürfen solle und daß also die Regierung nicht vom König allein ernannt werden dürfe. Um diese Forderung durchzusetzen, mußte das Parlament die Verfassung ändern. Die herrschende Regierung sprach sich jedoch gegen die Gesetzesvorlage aus und riet dem König, ein Veto einzulegen, was dieser auch tat. So führte die Regierung ihre Verbundenheit zum schwedischen König und ihre Distanz zum norwegischen Parlament deutlich vor Augen.

Durch das Veto des Königs entstand der „Vetostreit“[lvii], denn in der Verfassung war nicht ausdrücklich festgelegt, daß das Vetorecht des Königs auch bei Verfassungsänderungen galt. Der Streit zog sich über Jahre. Das Gesetz wurde mehrfach in geringfügig verändertem Wortlaut vom Storting beschlossen und vom König abgelehnt. Besonders der Beschluß vom 9. Juni 1880, in dem das Parlament die Verfassung änderte und das Gesetz, ohne weiter nach einem Veto des Königs zu fragen, promulgierte, elektrisierte die Bevölkerung. An dem Patt zwischen Storting und Regierung änderte dieser Beschluß aber nichts, denn nach wie vor war strittig, ob er überhaupt Geltung haben konnte.[lviii] „Es wurde die Zeit der großen Volksversammlungen.“[lix] Redner wie der Dichter Bjørnstjerne Bjørnson sammelten tausende von Zuhörern um sich. Bjørnson schrieb und redete gegen die Macht der Beamten, also letztlich gegen einen Teil jener Oberklasse, der er selbst entstammte.

In dieser Oberklasse, welche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Beamten, Akademikern und aus dem gehobenen Bürgertum bestand, und in Teilen der Mittelklasse, die neben dem einfachen Bürgertum auch eine Reihe von Großbauern des Østlandes umfaßte, fanden sich die Anhänger von König und Regierung: Deren Schwerpunkt lag also besonders in den Städten und im Østland, wobei „die Hauptstadt [...] eine Bastion für den Königsglauben“[lx] war.

Bei der Parlamentswahl im Jahre 1882 kann man erstmals von einer von Parteien bestimmten Wahl sprechen, selbst wenn Parteien im eigentlichen Wortsinn noch nicht existierten. Zwei Gruppen standen sich gegenüber: „Høyre“ [also die Rechten] unterstützten König und Regierung; „Venstre“ [also die Linken] standen auf Sverdrups Seite. Venstre gewann bei der Abstimmung einen überragenden Sieg. Abgeordnete der Venstre bildeten nun nicht nur wie bereits zuvor die Mehrheit im Parlament, sondern auch im Reichsgerichtshof, der über Rechtsstreitigkeiten bei Verfassungsfragen zu entscheiden hatte. Deshalb zögerte die linke Parlamentsmehrheit nicht mehr und klagte die Regierung vor dem Reichsgerichtshof an. Im Frühjahr 1884 entschied der Reichsgerichtshof den Vetostreit, indem er den Regierungsmitgliedern ihre Ämter entzog. Ein von König Oscar und Staatsminister Selmer geplanter Staatsstreich fand mangels Unterstützung durch das Militär und die Mehrheit der Beamten nicht statt, eine vom König ernannte neue Regierung lehnte das nun dazu befugte Storting ab, und schließlich beauftragte der König den Führer der Venstre Johan Sverdrup eine neue Regierung zu bilden.[lxi] 1884 gilt in Norwegen als Jahr des Durchbruchs des Parlamentarismus und kennzeichnet den endgültigen Niedergang der Herrschaft der alten Eliten und des Königs. Noch im selben Jahr wurden die Parteien „Høyre“ und „Venstre“ offiziell begründet, und auch das Wahlrecht wurde (wenn auch verhältnismäßig geringfügig) verändert.

Schon nach wenigen Jahren spaltete sich Venstre parteiintern. Es entstanden eine moderate Linke, welche vor allem von den Bauern Westnorwegens unterstützt wurde, und eine „reine Linke“[lxii]. Letztere bestand vor allem aus progressiven Bürgern, Bauern Mittelnorwegens und einer Anzahl von städtischen Arbeitern, welche durch das 1884 veränderte Wahlrecht Stimmrecht erhalten hatten. Die reine Linke forderte das allgemeine Stimmrecht für Männer. Erst 1891, als die Spaltung überwunden war, nahm Venstre diese Forderung in ihr Parteiprogramm auf und verwirklichte sie 1898, als die Partei die für Verfassungsänderungen nötige Mehrheit erreichte.

Die Arbeiter- und Frauenbewegung

Der radikalen Thraniterbewegung von 1850 folgten zunächst philanthropische Arbeitervereine, denen Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Pfarrer angehörten, und dann in den achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts die ersten Gewerkschaften. 1887 wurde die „Arbeiterpartei“ [Ar­beiderparti] gestiftet, welche die Forderung nach allgemeinem Stimmrecht, einer progressiven Einkommensbesteuerung und kürzerer Arbeitszeit verfolgte. Weil aber die Arbeiter in der Mehrheit kein Stimmrecht hatten, stand auch ihre Partei bis zur Einführung des allgemeinen Stimmrechts für Männer, elf Jahre später, schwach, und ihre Forderungen wurden wenn überhaupt nur von der Venstre erhört.

Wie die Arbeiterbewegung und die Arbeiterpartei hatten auch die Frauenvereine, in denen besonders Frauen aus der Mittelklasse für Gleichberechtigung und das Stimmrecht der Frauen kämpften, Affinität zur Venstre. Fortschritte wurden jedoch nur sehr langsam erzielt. 1901 konnten einige Frauen bei Kommunalwahlen abstimmen, 1907 durften ebenfalls einige Frauen an den Wahlen zum Storting teilnehmen, aber erst 1913 beschloß das Storting (dann allerdings einstimmig), das Wahlrecht für Frauen einzuführen. In der Sache der Gleichberechtigung von Frau und Mann war Norwegen mit diesem Beschluß trotzdem weiter als alle anderen europäischen Länder außer Finnland.

Das Ende der Union

Wie bereits gesagt, behielt Norwegen in der Union mit Schweden eine relativ selbständige Stellung, wie man sie 1814 nach dem Kieler Frieden kaum hatte erwarten können. Trotzdem wurde diese Union als Zwang empfunden, dem man nach und nach zu entrinnen trachtete. Wohl deshalb wurde der 1884 entschiedene Kampf für den Parlamentarismus ein Teil norwegischer Nationalidentität. Die Einführung des Parlamentarismus stellte einen großen Fortschritt bei dem Versuch dar, die Macht mehr und mehr in den direkt von der Bevölkerung gewählten Organen zu konzentrieren, und er sorgte daher für Konflikte zwischen Norwegen und dem bis dahin dominanten Schweden. Vor der Stortingswahl im Jahre 1892 nahm Venstre, um ihre parteiinterne Spaltung zu überwinden, nicht nur die Forderung nach dem allgemeinen Stimmrecht ins Wahlprogramm auf. Die Partei forderte zudem den Aufbau eines eigenen norwegischen Konsulatswesens und begann damit den Sturm auf die letzte Bastion der schwedischen Vorherrschaft in der Union, nämlich die Außenpolitik.

Damit fing die Partei neben demokratischen auch nationale und nationalistische Strömungen ihrer Zeit auf. Neben den Kämpfern für das allgemeine Stimmrecht, darunter die Arbeiter- und die Frauenbewegung, fanden viele nationale Bewegungen der Gegenkultur „ihren Platz in der Linken. Besonders galt dies für das ‘Sprachvolk’“[lxiii], die sogenannte ‘Målrørsla’ [Sprachbewegung], also für die Förderer des Nynorsk.[lxiv]

Als Venstre 1892 die Mehrheit gewann, begannen Verhandlungen über ein neues Konsulatswesen mit Schweden, die sich 1895 so zuspitzten, daß „leitende Politiker in Schweden“[lxv] eine Invasion erwägten. Sowohl Schweden als auch Norwegen begannen aufzurüsten. Zugleich begann eine neue Spaltung die Venstre zu schwächen, was den Konflikt ein wenig abebben ließ. Die dem König gegenüber zunächst loyaler eingestellte „Sammlungspartei“[lxvi] mit Christian Michelsen an der Spitze spaltete sich ab. Bei der Wahl im Jahre 1903 siegte Høyre, bildete eine Regierung mit der Sammlungspartei, wobei Michelsen Staatsminister wurde, und versuchte den Konflikt um das Konsulatswesen, den zu pflegen mittlerweile auch zum Repertoire der Høyre zählte, durch Verhandlungen mit der schwedischen Regierung zu lösen. Schließlich, als die Verhandlungen kaum Ergebnisse erbrachten und nachdem der schwedische Staatsminister Boström seine Verhandlungspartner durch eine Demonstration seiner Macht gedemütigt hatte[lxvii], beschloß die norwegische Regierung ohne schwedische Zustimmung auf dem Hoch „der nationalen Stimmungswellen“[lxviii] die Bildung eines eigenen norwegischen Konsulatswesens. Als König Oscar II sein Veto benutzte, um den Gesetzesentwurf aufzuhalten, legte die Regierung aus Protest ihre Ämter nieder.[17]

Und am 7. Juni 1905 beschloß das Storting einstimmig die Auflösung der Union mit Schweden. In der Begründung hieß es: „... die Union mit Schweden unter einem König ist aufgelöst, weil der König aufgehört hat, als norwegischer König zu fungieren.“[18] /[lxix] In einer (von der schwedischen Regierung geforderten) Volksabstimmung bestätigte die männliche Bevölkerung den Beschluß des Storting mit überwältigender Mehrheit. Die Frauen, welchen zu diesem Zeitpunkt das Wahlrecht noch nicht zuerkannt worden war, sammelten zudem eine gewaltige Zahl von Unterschriften, welche das Ergebnis des Referendums bestätigten.

Kapitel II: Kulturgeschichtliche Charakteristika Norwegens

In diesem Kapitel sollen kulturelle Rahmenbedingungen erläutert werden, welche für das Verständnis des norwegischen EU-Referendums von großer Bedeutung sind. Es soll um die nationale Identität der Norweger gehen:

„Einmal sollten alle Nationen der Welt ein Buch über Elefanten schreiben. Die Deutschen waren die pünktlichsten und lieferten vor dem Ablauf der Frist ein gebundenes Werk in zwei Bänden mit dem Titel ‘Eine kurze Einführung über das Leben der Elefanten’. Danach kam ‘Der Elefant und l’amour’ von den Franzosen, ‘101 Arten, einen Elefanten zuzubereiten’ von den Dänen, ‘Der Elefant und das Imperium’ von den Briten und ‘Wie ich einen Elefanten schoß’ von den Nordamerikanern. Zum Schluß lieferten die Norweger ihren Beitrag, der den Titel ‘Das Land und die Bevölkerung Norwegens’ bekommen hatte, ab.

Es wird gesagt, das einzige, was Norwegen als kulturelle Gemeinschaft zusammenhalte, sei ein übermäßig starkes Interesse für das Phänomen ‘Norwegen’ [...]“[lxx],

schrieb der Sozialanthropologe Thomas Hylland Eriksen in dem Essay „Der Mythos vom homogenen Norwegen“. Diese Feststellung scheint mir plausibel zu sein: Ein wichtiges Kennzeichen der politischen Kultur der Norweger ist unzweifelhaft das ungewöhnlich starke Interesse an der eigenen nationalen Identität und den kulturgeschichtlichen Traditionen. Eriksen belegt diese für einen Beobachter der norwegischen Lebensart naheliegenden Beobachtung in der ihm eigenen spaßhaften Art:

„Es wurde auch darauf hingewiesen, daß ‘norwegisch’ und ‘norwegische’ die häufigsten Adjektive im Frequenzwörterbuch sind, welches auf der Zeitungssprache basiert.“ Wenn man alle Beugungsformen des Wortes ‘Norwegen’ zusammenlegt, „zeigt es sich, daß diese Wörter zusammen 2.704.180 Mal in der Textauswahl des Frequenzwörterbuchs vorkommen und daß Wörter, welche mit ‘Norwegen’ zu tun haben, klar auf dem dritten Platz landen, nur geschlagen von ‘in’ und ‘und’. Wörter die mit ‘Norwegen’ zu tun haben, sind also Superhits. [...].“ ‘Europa’ befindet sich dagegen „auf einem bescheidenen 628. Platz unter den wichtigsten Wörtern Norwegens.“[lxxi]

Auch Hans Magnus Enzensberger hat die norwegische Eigenart, das Norwegische in und an Norwegen zu betonen, beobachtet und dazu einer kleine aber nette Anmerkung geschrieben:

„Auszug aus dem Telefonbuch von Oslo:

Norwegischer Kompost AG

Norwegische Krawatten AG

Norwegisches Balalaikaorchester

Der norwegische Damen- und Herrenfriseur

Die norwegische Froschmännerschule

Norwegische Säcke Co.

Norwegisches Hundefutter AG

Norwegischer Glückspiel-Service

Norwegisches Nähzubehör AG

Norwegischer Pflanzenleim AG

Norwegisches Unterwäsche-Magazin

Ein norwegischer Dichter, der so norwegisch wie nur möglich war — er hat die Nationalflagge seines Landes entworfen, und kein Ausländer kennt seine merkwürdigen Schriften —, Henrik Wergeland also hat dazu bemerkt: ‘Es kommt darauf an, Norwegen so norwegisch wie nur möglich zu machen.’“[lxxii]

Eine Arbeit, welche die Hintergründe der Distanz Norwegens gegenüber der Europäischen Union aufzuklären hofft, muß zunächst einen Blick auf die Vergangenheit des Landes richten, muß sich mit der nationalen Identität beschäftigen, welche vor allem im 19. Jahrhundert entstand. Bevor also einzelne kulturgeschichtliche Charakteristika Norwegens dargestellt und in ihrer Bedeutsamkeit im Rahmen der politischen Auseinandersetzungen um den möglichen Beitritt Norwegens zur Europäischen Union eingeschätzt werden können, muß ich weit ausholen und die Entstehungsgeschichte der norwegischen Nationalidentität analysieren. Ein weiterer Schwerpunkt der nachfolgenden Ausführungen wird es sein, grundlegende Kenntnisse über kulturgeographische und soziokulturelle Strukturen zu vermitteln, auf die in den folgenden Kapiteln dann näher eingegangen werden kann.

1. Darstellung und Analyse der Entstehungsgeschichte nationaler Identität

a) Einige Anmerkungen zu den Ereignissen im Jahre

Die norwegische Unabhängigkeit war nicht das Ergebnis einer breiten, die Bevölkerung umspannenden nationalen Identifikation. Allerdings war der 17. Mai 1814 ein Meilenstein in der Anfangsphase der Entwicklung von nationalem Bewußt­
sein, weshalb die Analyse nationaler Identität in dieser Abhandlung mit dem Jahr 1814 beginnt.

Der norwegische Staat wurde 1814 begründet, ohne daß in den Jahren zuvor die politische Forderung einer Selbständigkeit erhoben worden wäre. Zwar gibt es zahlreiche Belege für die These, daß sich nationales Bewußtsein schon vor 1814, ja sogar schon gegen Mitte des 18. Jahrhunderts, zu verbreiten begann, jedoch gilt diese Feststellung hauptsächlich für die Eliten. Sie wünschten eigene norwegische Institutionen, darunter eine Bank und eine Universität[19], waren aber trotz ihres Patriotismus wenig geneigt und sogar weit davon entfernt, die norwegisch-dänische Union auflösen zu wollen. Solche Forderungen wurden weder öffentlich geäußert, noch tauchen sie in privaten Briefen der Zeit vor 1814 auf. [lxxiii]

Die norwegische Unabhängigkeit und das relativ demokratische Grundgesetz von 1814 waren, wie bereits gesagt, das Ergebnis eines ideologischen Klimas in der Elite, das von der Aufklärung und nicht zuletzt von den Ideen Rousseaus geprägt war. Die Elite verband nach 1814 „die Nation [...] mit dem neuen Staat und seinen politischen Institutionen.“[lxxiv] In den ersten Stunden der Unabhängigkeit war also die politische Form nationaler Identität, welche auf der Zustimmung zu einer Verfassung basiert, von großer Bedeutung. Jedoch herrschte „unter den Akteuren von 1814 und unter vielen [...] Schriftstellern der norwegischen Elite vor 1814 [...] ein starkes Bewußtsein über Norwegens historische Traditionen und über die Eigenart der Norweger.“[lxxv] Für eine ethnische Form nationaler Identifikation war also fruchtbarer Boden vorhanden. Als Ausdruck des Traditionsbewußtseins sieht der Historiker Øystein Sørensen die Vergabe des Stimmrechtes an die freien Bauern, weil diese in den Augen der Elite „das wichtigste Symbol der Eigenart der Norweger und der historischen Traditionen“ gewesen seien.[lxxvi]

Tatsächlich hat der norwegische Beamtennachwuchs, welcher in København [Kopenhagen] studierte, schon in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts begonnen, die norwegische Eigenart im Rahmen von literarischen Clubs, wie sie seinerzeit in allen großen Städten aufkamen, zu pflegen.[lxxvii] In den letzten Jahrzehnten des achtzehnten Jahrhunderts verbreitete sich in der Elite eine romantische Verehrung der Allodialbauern [auch Odelsbauern oder norw. „Odelsbønder“], in welchen man die „wahren Nachkommen der sagazeitlichen Norweger [und] die Verkörperung des ‘edlen Wilden’ Rousseaus“[lxxviii] sah. Ausgangspunkt der Verehrung der Allodialbauern war zum einen ein neues Interesse am Zeitalter der Wikinger, welches nicht zuletzt im wirtschaftlichen Aufschwung der dänischen Provinz Norwegen und damit durch ein größeres Selbstbewußtsein der norwegischen gegenüber der dänischen Elite begründet war. Zum anderen imponierte den Mitgliedern der Elite die Tatsache, daß die Allodialbauern den Gedanken der Aufklärung insofern entsprachen, als sie im Gegensatz zu den dänischen Bauern von Leibeigenschaft und Abhängigkeit verschont geblieben waren.[lxxix] Trotzdem dürfte es kaum genügen, die Vergabe des Stimmrechts an einen nicht geringen Teil der Bauern mit der Verehrung zu begründen, welche ein Teil der Elite deren Lebensart entgegenbrachte. Die Verehrung der Allodialbauern war nicht viel mehr als eine romantische Schwärmerei, welche unter anderem in dem Bemühen um eine folkloristische Kleidung ihren Ausdruck fand.[20] Der wirklichen Lebenssituation der ländlichen Bevölkerung und den Bauern begegnete die Beamtenelite dagegen mit Schaudern.[lxxx]

Die Vergabe des Stimmrechts an Landwirte war auch Ausdruck von politischem Realismus. Schon im 18. Jahrhundert hatten Bauern begonnen sich gegen bestimmte Züge der Herrschaft von Staatsbeamten zu wehren. Als Beispiel wären die Lofthuuserhebung und die religiöse Bewegung der Haugianer zu nennen. Die Bauern waren also schon vor 1814 eine Kraft, mit der man rechnen mußte. Angesichts dieser Tatsache und weil die militärische Stärke des norwegischen Heeres fast einzig und allein von der Wehrbereitschaft der Landbevölkerung abhing[21], bedurften die Vertreter der Unabhängigkeit möglicherweise der Stütze der Bauern, um überhaupt gegen die von den europäischen Mächten abgesicherten schwedischen Besitzansprüche opponieren zu können.[lxxxi]

Die Bauern gerieten jedenfalls in eine einflußreiche Ausgangsposition, die sie sich durch die Geschichte bis heute bewahren konnten.

b) Die Entstehung der nationalen Identität und der Nationalismus im 19. Jahrhundert

Die in diesem Abschnitt geschilderte geschichtliche Phase zwischen 1814 und 1905 war entscheidend für eine breite nationale Identifikation und mithin für die Bildung nationaler Identität. War ein nationales Bewußtsein 1814 höchstens in der Elite, also bei Staatsbeamten und im Bürgertum, zu finden, so begann es im Verlauf des 19. Jahrhunderts einen Siegeszug durch die Gesellschaft.

Man kann die Entwicklung von nationaler Identität und hin zur nationalen Souveränität in Norwegen in drei politische und drei relativ parallel verlaufende kulturelle Phasen unterteilen, die allerdings nicht scharf voneinander zu trennen sind. Die Einteilung in politische Phasen habe ich einem Aufsatz von Øystein Sørensen entnommen, allerdings begrifflich verändert.[lxxxii] Die Einteilung in kulturelle Phasen stammt von Miroslav Hroch und versucht die Entstehung der europäischen Nationen im Rahmen eines gemeinsamen Schemas zu beschreiben.[lxxxiii] Sie sieht die Phase der Erforschung der Volkskultur[22], die Phase der nationalen Agitation und die Phase des nationalen Durchbruchs vor. Insbesondere die ersten beiden dieser Phasen sind in Norwegen schwer zu trennen, da die Erforschung der Bauernkultur immer mit dem Versuch einher ging, diese Kultur als nationales Kulturerbe zu propagieren.

Die erste Phase: Der Verfassungskonservativismus und die Erforschung der ‘Volkskultur’ (ca. 1814 bis 1844)

In der ersten Zeit nach 1814 prägte eine Rivalität zwischen dem Unionskönig und der Beamtenmehrheit des Stortings die politische Wirklichkeit. Die Beamten kämpften für den Erhalt der konstitutionellen Regeln und wehrten sich gegen allen Versuche des Königs, die Verfassung zu seinen Gunsten zu ändern. „Zusammen mit den Aktivitäten des Jahres 1814 trug [dieser Verfassungskonservativismus dazu] bei, der Beamtenregierung nationale Legitimität zu verschaffen.“[lxxxiv]

Als in den dreißiger Jahren die Bauernopposition erstarkte, nahm im konservativen Beamten- und Bürgertum die Loyalität zu Union und König zu. Gleichwohl begann die dänisch geprägte Kultur der Elite langsam zugunsten einer volkstümlichen Kultur zu weichen, die von Teilen des progressiven Bürgertums in dieser ersten Phase nationaler Identifikation zunächst erforscht und dann nach und nach verbreitet wurde. In diese kulturellen Phase der, wie ich sie genannt habe, „Erfor­schung der ‘Volkskultur’“ fallen dem Kulturwissenschaftler Bjarne Hodne zufolge unter anderem die Sammlungen von Märchen und Volksliedern von Faye, Moe, Asbjørnsen, Landstad und Crøger, Lindemann, sowie Bugge, und im weiteren Sinne einige geographische und naturwissenschaftliche Arbeiten aus dem mittleren bis späten 18. Jahrhundert.[23] Den gemeinsamen Hintergrund für die Arbeiten dieser Wissenschaftler bildete ein Interesse an der ländlichen Kultur, welches, wie oben erwähnt, schon in der Romantik aufgekommen war, und sich nun in der Nationalromantik noch verstärkte. Darüber hinaus war jedoch auch die Motivation verbreitet, dem 1814 gegründeten norwegischen Staat eine kulturelle Basis zu verschaffen. Die Arbeiten der genannten und anderer Autoren beruhten im allgemeinen auf Forschungsreisen durch die Dörfer Norwegens[24] ; jedoch haben die Autoren das von ihnen gesammelte Material, welches von späteren Generationen mehr oder minder als authentisches Rohmaterial aufgefaßt und benutzt wurde, ihrerseits nach ästhetischen, folkloristischen und nationalen Kriterien bearbeitet. [lxxxv]

Als späten Schlußpunkt der geschilderten politischen Phase des Verfassungskonservativismus kann man möglicherweise das Jahr 1844, in dem der schwedische König Carl Johans starb, sehen, weil sein Thronfolger eine weniger aggressive Politik gegenüber der norwegischen Verfassung und dem Storting betrieb. Die kulturelle Phase der „Erforschung der Volkskultur“ war zu diesem Zeitpunkt noch nicht eindeutig beendet und ist von der nachfolgenden Phase der nationalen Agitation ohnehin oft nicht zu trennen. Sophus Bugges Werk „Gamle norske Folkeviser“ [„Alte norwegische Volkslieder“] erschien beispielsweise erst 1858. Und die Arbeiten Ivar Aasens und Rudolf Keysers , auf welche ich erst im nächsten Abschnitt eingehen werde, könnte man mit gleichem Recht in die Phase der Erforschung der Volkskultur einordnen.

Allgemein ging jedoch das wissenschaftliche Interesse an der Bauernkultur in den fünfziger Jahren des Jahrhunderts mehr und mehr zurück, und die progressive kulturelle Elite lenkte ihr Interesse statt dessen auf eine nationale Agitation, bemühte sich also um die Vermittlung kultureller Werte an breitere Schichten der Bevölkerung und versuchte letztlich die Grundlage einer nationalen Identifikation zu schaffen.

Die zweite Phase: Nationalromantik, Gegenkulturen und nationale Agitation (ca. 1833 bis 1884)

Die Zeit von 1833 bis 1884 möchte ich als die kulturelle und politische Phase der nationalen Agitation bezeichnen, weil in dieser Zeit die ideologische Basis für ein echtes norwegisches Nationalbewußtsein entstanden ist, beziehungsweise geschaffen wurde. Politisch war zumindest die Zeit von 1833 bis 1868 eine Phase der Stagnation, denn obwohl der Einfluß der Bauernparlamentarier trotz einiger Rückschläge nach und nach größer wurde, beschränkte sich deren Oppositionspolitik mehr oder minder auf das Bemühen, dem eigenen Stand Vorteile zu verschaffen. Man versuchte, den Staatshaushalt und die Steuern so niedrig wie möglich zu halten, sorgte für hohe Zölle bei allen landwirtschaftlichen Konkurrenzprodukten und versuchte im übrigen, die Lasten des Staates von den Schultern der Landbevölkerung auf die Einwohner der Städte zu verlagern.[lxxxvi]

In kultureller Hinsicht begann (spätestens) in den fünfziger Jahren des Jahrhunderts jedoch die Phase der nationalen Agitation. Wenn in den dreißiger Jahren das Erstarken der Bauern begonnen und sich die Beachtung der ländlichen

Kultur, wie oben beschrieben, verstärkt hatte, so rückte sie in der Nationalromantik eindeutig ins Zentrum des kulturellen Interesses: Es war vor allem die junge Generation der kulturelle Elite, die in der Wissenschaft oft als die Gruppe der ‘Stadtradikalen’ oder ‘Kulturradikalen’ bezeichnet wird, die in den Märchen, Sagen, Weisen und Tänzen der norwegischen Bauernkultur, den ländlichen Dialekten sowie in der alten Geschichte des Nordens „Rohmaterial“ entdeckte, es bearbeitete und zum „gemein­samen nationalen Kulturgut“ ausrief.[lxxxvii] Dies geschah in jener Zeit, als das Kommunikationssystem sich ausweitete und sich durch den verstärkten Einfluß von Schulen und Hochschulen die Assoziationskultur der progressiven kulturellen Elite in der städtischen und ländlichen Bevölkerung verbreiten ließ.

Warum die progressive Elite just die Kultur der Bauern zum nationalen Kulturerbe erkor, wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, welche Bedeutung das Mittelalter und die Zeit der Wikinger im historischen Bewußtsein der Norweger einnahm und zum Teil noch heute einnimmt. „Die Großartigkeit der Alten sollte als leuchtendes Beispiel dienen“, und in den Bauern sah man unverfälschte Nachkommen der „saga­zeitlichen Norweger“.[lxxxviii] Vor der ersten Personalunion Norwegens mit Schweden, also vor 1319, war Norwegen eine Zeit lang ein selbständiges Reich gewesen. Nach der Begrifflichkeit eines Großteils der national Bewegten des 19. Jahrhunderts war das Land sogar seit den Zeiten Harald Hårfagres, also seit dem 9. Jahrhundert, „eine historische Nation“[lxxxix]. Auf der Grundlage dieses Geschichtsbildes wurde in einigen, für die Entwicklung der norwegischen Nationalidentität entscheidenden Jahren eine Identifikationsgrundlage geschaffen, die verstärkt auf der Ethnizität oder sogar der Abstammung beruhte:

Dem Historiker Øystein Sørensen zufolge verglich der Dichter Henrik Wergeland, welcher heute als zentrale Gestalt der Nationalromantik gesehen wird, das Norwegen des Mittelalters und das Norwegen nach 1814 mit „zwei abgebrochen Halbringen.“[xc] Aus den sogenannten „Königssagen“ [„kongesagaer“] des Isländers Snorre Sturlason (1178-1241), in welchen dieser über die Heldentaten der Könige der Wikingerzeit bis ins 12. Jahrhundert berichtet, schloß Wergeland, daß die Geschichte keines Volkes eine solche Reihe von edlen Königen zeige und „daß wir mit Sicherheit [von den Königen ...] auf das Volk schließen“ könnten. Snorres Königssagen seien „der Adelsbrief des norwegischen Volkes zwischen den Nationen.“[xci] /[25]

Als weitere Vertreter der Nationalromantik und einer völkisch orientierten nationalen Identifikation können die Historiker Rudolf Keyser und Peter Andreas Munch genannt werden, da deren historische Theorie (die sogenannte „norwe­gische historische Schule“) ein Stück weit das Denken in dieser Zeit veranschaulichen. P. A. Munch gab 1839 ein Lehrbuch in norwegischer Historie und 1851 bis 1863 ein Geschichtswerk in acht Bänden heraus. Die spekulative und, wie wir spätestens heute wissen, falsche Theorie von Keyser und Munch ging davon aus, daß die Ahnen der Norweger von Norden und Nordosten eingewandert und dementsprechend von andere Abstammung seien als jene gotischen (deutschen) Völker, welche nach Munch zu dieser Zeit schon in Dänemark und Schweden siedelten. Munch deutete zudem an, „daß die Norweger [...] reiner und ethnisch gesehen höherwertig seien als ihre nordischen und germanischen Nachbarn.“[xcii] Der ‘nordische Charakter’ sei bei Dänen und Schweden durch die Vermischung mit dem ‘deutschen Stamm’ verfälscht und nur in Norwegen erhalten geblieben. Aus diesem Grunde sahen Keyser und Munch die norrøne [altnordische] Literatur nicht länger als nordisches, sondern als norwegisches Erbe: „In einem Brief bat Munch [...] Jacob Grimm in aller Freundschaft, in seinem Deutschen Wörterbuch die Abkürzung ‘Altn.’ nicht mehr mit ‘altnordisch’ sondern mit ‘altnorwegisch’ zu erklären.“[xciii]

Auch die Abwesenheit des Adels in Norwegen führten die beiden Historiker auf die verhältnismäßig demokratische Gesellschaftsstruktur zurück, welche der Überlieferung nach im Hochmittelalter (unter anderem in der sogenannten Glanz- oder Blütezeit [Storhetstid] von 1217 bis 1349) geherrscht haben soll.[xciv] Zur Bedeutung dieser Abstammungs­theorie im historischen Kontext der Nationalromantik zieht Øystein Sørensen folgendes Zwischenresümee:

„Sachlich gesehen war diese Einwanderungstheorie spekulativ und unhaltbar. Sie wurde vollkommen verrissen und trat schon in der Zeit um 1870 ab. Aber nicht bevor ihre Hauptvertreter tot waren, und nicht bevor sie es erreicht hatte, ihren Stempel auf die nationale Entwicklung Norwegens während ein paar entscheidenden Jahrzehnten in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu drücken.“[xcv]

Die von Wergeland und Munch zitierten Aussagen repräsentieren nationalistische Standpunkte, die (unter anderem über Lehrbücher) zweifellos Eingang ins Nationalbewußtsein und die nationale Identität fanden. Andere zentrale Gestalten der Nationalromantik wie Bjørnstjerne Bjørnson, der sich aber auch als ‘Munchianer’ bezeichnet hat, Aasmund Olavsson Vinje und der junge Henrik Ibsen hatten möglicherweise weniger extreme Ansichten. Aber auch sie holten den Stoff für ihre
Saga­dichtung der Jahre 1850 bis 1870 aus der nordischen Kultur des Mittelalters, die man im Volkstum überliefert zu finden glaubte. Als Quelle dienten oft die oben genannten Text- und Liedersammlungen von Asbjørnsen, Bugge und anderen. Denn die Dichter hatten, wie Bjørnson es formulierte, „gelernt zu verstehen, daß der sprachliche Klang der Sagen bei unseren Bauern weiter lebte und daß das Leben der Bauern den Sagen nahekam.“[xcvi] Die Akteure der Nationalromantik deuteten die alte Geschichte als „dramatisch, heroisch und glorios“[xcvii], die Union mit Dänemark als „vierhundertjährige Nacht“[xcviii] /[26] und versuchten ethnische Kontinuitäten zwischen dem mittelalterlichen und dem neuen Norwegen hervorzuheben, oder notfalls zu erschaffen: Dichter und Historiker der Nationalromantik „deuteten, sie wählten aus und sie formten ihre historischen Vorstellungen mit dem erklärten Ziel, zur Entwicklung und Befestigung des norwegischen nationalen Bewußtseins beizutragen.“ [xcix]

[...]


[1] Anmerkung: Diese Schlußfolgerung zieht auch Marco Heinz aus seiner Analyse und verweist unter anderem auf das Buch „Die Erfindung der Nation“ von Benedict Anderson und auf Max Weber; vgl. auch Heinz S.233

[2] Anmerkung: vgl. Hübner S.270; Kurt Hübner zufolge ist nur diese erste (‘deutsche’) Definition nationaler Identität denkbar, während die von mir weiter unten beschriebene (‘französische’) Definition „die Vorstellung moderner Aufklärungsphilosophen“ und „wirklichkeitsfremd“ sei. Eine nähere Erörterung dieser Ansicht scheint mir jedoch nicht notwendig zu sein, da Hübner zum einen für seine Meinung keinerlei Argumente nennt und weil eine Differenzierung verschiedener Identitätsbegriffe zweitens durchaus nützlich ist und im Verlauf dieser Arbeit Anwendung finden wird.

[3] Anmerkung: Die Begrifflichkeit bleibt trotz des Versuches einer Definition diffus. Diese Unschärfe, welche nach Kurt Hübner als „logische Inkonsistenz nationaler Systemmengen“ (Hübner S.238) zu den Kennzechen des Begriffs der nationalen, wie der individuellen, Identität zählt, kann auch nach meiner Ansicht nicht zur vollen Befriedigung aufgehoben werden. Sicher wäre es möglich, für eine tiefere Analyse des Terminus der Ethnizität näher auf Begriffe wie Kultur oder Geschichte einzugehen. Jedoch sollen die Begriffe nur ein Mittel der Untersuchung sein und nicht selbst Gegenstand der Analyse werden. Insofern scheinen mir die vorgenommenen Definitionen zu genügen.

[4] Ergänzung: Nähere Informationen zu den Ursachen der Loyalität der norwegischen Elite gegenüber dem dänischen König liefert Edvard Bull in einem Buch über die „Sozialgeschichte der norwegischen Demokratie“ (Bull, Sozialgeschichte S.9 ff.): Die herrschende Schicht bestand in Norwegen zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht aus dem Adel und allenfalls noch aus dem Bürgertum, wie es in den meisten europäischen Ländern der Fall war. In Norwegen lebten 1815 zirka 905.000 Menschen. Zugleich war (und ist) das Land ein Flächenstaat, welcher größer ist als Großbritannien. Weite Teile des Landes (etwa 97 %) zeichneten sich dadurch aus, daß sie für die Landwirtschaft nicht nutzbar waren. Es gab daher in Norwegen kaum Dörfer, sondern vor allem einzelne Gehöfte. Insgesamt waren im 18. Jahrhundert nur relativ kleine Gebiete, welche sich wie Sprenkel über das ganze Land verteilten, bevölkert. So erklärt sich das Fehlen des Adels in Norwegen. Hier war selbst das Bürgertum keine sozial oder politisch dominierende Gruppe, denn es gab nur sehr wenig reiche Bürger, die zudem fast alle in Christinania (dem heutigen Oslo) oder in Bergen lebten. Dominant war in Norwegen hingegen die Bürokratie. Die Beamten bildeten die herrschende Klasse, welche zwar der dänischen Monarchie und dem dortigen Großbürgertum untergeordnet war, jedoch von dieser entfernten Herrschaftselite kaum kontrolliert wurde. Es waren „entweder Dänen oder aber Norweger, die an der Universität in Kopenhagen [København] studiert hatten und dänisiert waren.“ (Bull, Sozialgeschichte S.10) Die Tatsache, daß in Norwegen der Adel praktisch fehlte und daß die Elite aus dänischen oder dänisierten Beamten bestand, erklärt zu einem großen Teil die Ablehnung, auf die in Norwegen der Kieler Frieden traf. „Die Gefahr schien zu drohen, daß Norwegen eine schwedische Provinz werden würde und daß Schweden sich die höheren Ämter sichern würden.“ (Bull, Sozialgeschichte S.11)

[5] Ergänzung: Mit dem Begriff „Bürger“ sind in diesem Fall Geschäftsleute, Kaufleute, Großhändler (13 Sitze) und sogenannte „brukseier“, also Grund- und Immobilienbesitzer (5 Sitze) gemeint. Vgl. auch Sørensen 1814 S.11: Øystein Sørensen charakterisiert die Nationalversammlung wie folgt: „Eine solche Nationalversammlung wäre in jedem anderen Land undenkbar gewesen — vielleicht ausgenommen von Frankreich in bestimmten Perioden während der Revolution. Aber wenn man vom Zahlenverhältnis zwischen den Gruppen absieht, war die Reichsversammlung ein Spiegelbild der norwegischen Gesellschaft um 1814“

[6] Ergänzung: Die Lofthuuserhebung ist nach dem Bauern Christian Jensen Lofthuus (1750-1797) benannt, der sich unter anderem dagegen wehrte, daß der Handel den Bürgern vorbehalten war. Im übrigen war die Lofthuuserhebung vor allem gegen Übergriffe der lokalen Beamten gerichtet. Lofthuus starb im Arrest auf der Festung Akershus. Die Forderungen der Bauern wurden jedoch nach der Zerschlagung der Bewegung nach und nach mehr oder minder erfüllt. (vgl. Bull, Sozialgeschichte S.25 f.)

[7] Ergänzung: Die Haugianer waren eine christliche Bewegung, welche gegen die religiöse Kultur der Bürger und Beamten opponierte, ganz Norwegen erfaßte und von dem Bauern Hans Nielsen Hauge (1771-1824) geleitet wurde. Die Haugianer prägten das christliche Leben auch noch im 19. Jahrhundert, obwohl auch Hauge verfolgt und gefangengenommen worden ist. Auf das Fortleben der Haugianer in der [Laienbewegung] Lekmannsbewegung werde ich weiter unten eingehen.

[8] Ergänzung: Die Thraniterbewegung ist benannt nach Marcus Thrane, einem verarmten Studenten, der ein führende Rolle in der Bewegung spielte, dessen revolutionäres, fast marxistisch zu nennendes, Gedankengut aber von der Mehrheit der Mitglieder der Bewegung nicht geteilt wurde, bzw. über deren Horizont hinaus reichte. Die große Zahl der Mitglieder der ‘Arbeitervereine’ Thranes waren noch nicht die später typischen Industriearbeiter, sondern Häusler (abhängige Landarbeiter und Dienstleute) und Waldarbeiter. Vgl. Bull, Sozialgeschichte S.28.

[9] Ergänzung: Die kleine Industriestadt Drammen liegt an der Mündung des Flusses Drammenselva in einen Ausläufer des Oslofjordes, rund 50 Kilometer südwestlich von Oslo, und hat heute rund 60.000 Einwohner. In der Vergangenheit lebte die Stadt vor allem von der Holzindustrie.

[10] Ergänzung: Vinje ist in Deutschland wenig bekannt, in Norwegen aber immerhin auf einem Geldschein (50 Kronen) gewürdigt. Er zählt zu den bekanntesten Verfassern des Neunorwegisch [Nynorsk], auf dessen Entstehung ich weiter unten eingehen werde.

[11] Anmerkung: Das Wort „patriarchalisch“ wird im alltäglichen Sprachgebrauch meist im Sinne von „vom Mann/ Vater beherrscht“, also als Adjektiv von Patriarchat, gebraucht. In diesem Zusammenhang ist jedoch nicht von einer ‘vom Mann beherrschten’ Gesellschaft die Rede — obwohl die norwegische Gesellschaft sicher auch in diesem Sinne patriarchalisch war und noch eine ganze Weile blieb — sondern von einer Gesellschaft, deren bevormundenden, absolutistischen, autoritären und ständischen Strukturen sich langsam aufzulösen begannen.

[12] Ergänzung: Die Hurtigrute ist die in Deutschland wohl bekannteste norwegische Schiffahrtslinie. Sie zieht sich an der Westküste entlang bis nach Nordnorwegen und wurde ihrer Bedeutsamkeit (unter anderem als Postschiff) entsprechend „Reichsstraße 1“ genannt; der Verlauf der Rute ist auf Karte K1 auf Seite 6 zu sehen. In neuester Zeit nimmt ihre Bedeutung als Postschiff ab, weil das Straßensystem selbst in Nordnorwegen dichter wird, und im Sommer übernimmt die Hurtigrute verstärkt eine Aufgabe als Kreuzfahrtschiff.

[13] Ergänzung: Die Bahn nach Bodø wurde z.B. erst 1962 fertig. Noch heute kann man kaum davon sprechen, daß in Norwegen ein ausreichendes Schienennetz vorhanden wäre. Nordnorwegen kann man mit der Bahn nur über Schweden erreichen; aber selbst in Südnorwegen und sogar in der Gegend des Oslofjordes läßt die Geschwindigkeit der Reisezüge zu wünschen übrig, da die meisten Strecken nicht zweispurig sind und im übrigen durch gewundene Täler im Landesinneren abseits aller für norwegische Verhältnisse großen Städten liegen.

[14] Anmerkung: Das Wort „Gegenkultur“ ist nach dem norwegischen Wort „Motkultur“ eins zu eins ins Deutsche übertragen. Was hinter diesem Begriff zu verstehen ist, wird im weiteren noch verdeutlicht werden.

[15] Anmerkung: Unter dem Begriff ‘Volkshochschule’ ist in Dänemark und Norwegen etwas anderes zu verstehen als in Deutschland. Volkshochschulen waren und sind dort tatsächlich eine Art Hochschule, oft in Form eines Internats, wo man eine längere zusammenhängende Periode verbringt und wo man durchaus Dinge von allgemeiner Wichtigkeit lernen kann. Zugleich gibt es dort aber keine Zugangsbeschränkungen wie bei den Universitäten, so daß Bürger aller Schichten und Altersgruppen sich an den Volkshochschulen weiterbilden oder eine Ausbildung absolvieren können. In Deutschland sind die Volkshochschulen ja eher Abendschulen, die oft ein relativ extravagantes Programm anbieten und die im übrigen in der Arbeiterbewegung verwurzelt sind.

[16] Ergänzung: Das norwegische Wort „lekmann“ kommt vom griechischen „laikos“, welches „zum Volk gehörig“ oder „der Ungeweihte“ bedeuten kann. In der Lekmannsbewegung rebellierten also Laien (= Ungeweihte) gegen das priesterliche Monopol, Gottes Wort zu verkünden. Letztlich rebellierten sie damit gegen die Beamten der Staatskirche, also gegen einen Teil der Elite.

[17] Ergänzung: Aus dieser Situation resultierte ein Machtvakuum, daß in dieser Form zuvor noch nie entstanden war. Denn zum einen existierte im Storting keine Partei, welche die Macht, also die Regierungsfunktion, hätte übernehmen können oder wollen. In dieser Frage standen alle Parteien des Parlamentes hinter der Position der Regierung Michelsen, welche abgedankt hatte. Zum anderen bedurfte der König für sein Veto die Unterschrift der Regierung, welche diese ihm aber verweigerte. Die Regierung zog es vor abzudanken. Als sich also zeigte, daß eine neue Regierung nicht gebildet werden konnte, übernahm das Parlament die Regierungsfunktion. Vgl. Nordby S.111 f.

[18] Ergänzung: Das Parlament begründete den Beschluß, in welchem der alten Regierung alle Aufgaben des schwedischen Königs übergeben wurden, wobei ansonsten die Gültigkeit der Verfassung von 1814 bestätigt wurde, mit der Feststellung, daß der König außerstande sei, eine neue legitime Regierung einzusetzen. Diese Aufgabe müsse daher die Nationalversammlung übernehmen. Letztlich war das Ende der Union also auch eine Resultat des 1884 eingeführten Parlamentarismus (vgl. Nordby S.112). Ein Krieg zwischen beiden Ländern brach wohl nur deshalb nicht aus, weil die Großmächte „Ruhe im Norden“ (Emblem u.a., Norge 2, S.78) wünschten. Zudem wurde Norwegen aus handfesten wirtschaftlichen Gründen von Großbritannien unterstützt.

[19] Ergänzung: Die erste norwegische Universität wurde 1811 eröffnet, war aber schon lange zuvor (z.B. 1788 vom Bürgermeister in Kristiania Jens Henrik Strøm) gefordert worden. Vor der Gründung der Universität mußten Norweger in København [Kopenhagen] studieren. Als Resultat des dänischen Ausbildungsmonopols hatte sich ein einheitlicher dänisch-norwegischer Beamtenstand gebildet. Es gab dänische Staatsbeamte in Norwegen und umgekehrt. So erklärt es sich unter anderem, daß ein Großteil der Elite dem Königreich Dänemark-Norwegen positiv verbunden war. Vgl. Sejersted S.279 ff.

[20] Ergänzung: Im übrigen war nicht nur der aus Norwegen stammende Beamtennachwuchs von einer folkloristischen und allenfalls patriotischen Begeisterung entflammt. Auch der dänische König interessierte sich um die Jahrhundertwende für die Trachten der norwegischen Bauern und Handwerker. Er ließ sich im Park seiner Sommerresidenz in Fredensborg nach dem Vorbild der Schnitzereien eines Postkutschers aus Bergen von dem deutschen Künstler J. G. Grund eine Sammlung von einundsechzig Statuen aus Sandstein schaffen. Hans Magnus Enzensberger schreibt dazu in seiner Reportage über die „Norwegische[n] Anachronismen“ folgende Bemerkung, welche sehr gut charakterisiert, daß hinter der folkloristischen Neugier der norwegischen und dänischen Elite um die Jahrhundertwende noch keine echten nationalen Interessen verborgen waren: „Zweifellos hatten die vornehmen Herrschaften ihren Rousseau gelesen, und wenn sie des Hofzeremoniells müde waren, gingen sie wohl gerne im Kreise ihrer steinernen Untertanen spazieren, deren einfaches Leben sie für viel ‘natürlicher’ und ‘ursprünglicher’ hielten als ihre eigene Existenz.“ (Enzensberger S.256)

[21] Anmerkung: „Es [... war im 18. Jahrhundert] vorgekommen, daß norwegische und schwedische Bauern untereinander örtlich Frieden schlossen, ungeachtet der Tatsache, daß die beiden Königreiches sich miteinander im Krieg befanden.“ (Bull, Sozialgeschichte S.25)

[22] Anmerkung: Richtiger müßte man von den norwegischen Dorfkulturen sprechen. Denn die Kultur auf dem Lande war alles andere als einheitlich. Von ‘der’ Volks- oder Bauernkultur kann man nur insofern sprechen, als es gewisse gemeinsame Züge gab. Der Begriff wird in vielen Quellen trotzdem gebaucht, weil „es praktischer sein kann, die Kulturformen der Dörfer gesammelt im Gegensatz zu der mehr einheitlichen und landesumfassenden Beamtenkultur zu betrachten.“ Es war also gerade charakteristisch, daß die Elitekultur im ganzen Lande gleich oder ähnlich war, während man es als Kennzeichen ‘der’ Dorfkultur bezeichnen kann, daß sie so vielheitlich, vielseitig und von Ort zu Ort verschieden war (vgl. Try S.9 ff).

[23] Anmerkung: Gemeint sind Arbeiten von Strøm, Wille, Wilse und Schøning, die zum Teil vermutlich von Rousseau inspiriert waren (vgl. Hodne; Nasjonalkultur S.34).

[24] Ergänzung: Nur Asbjørnsen hat sich dazu herabgelassen die Volkstradition in gewissen Grenzen auch in den Städten zu erkunden, die im allgemeinen als Diaspora der wahren Volkskultur galten, und daher von den anderen Forschern links liegen gelassen wurden (vgl. Hodne, Nasjonalkultur S.49).

[25] Exkurs über Henrik Wergeland und seine Rolle beim Bau der norwegischen Nation: Wergeland wurde nach seinem Tod im Jahre 1845 als eine der zentralen Gestalten der norwegischen Nationalromantik und damit in der Phase des Aufbaus und der Schaffung einer nationalen Identität gesehen. Allerdings wurde er in der Folgezeit und bis heute ‘über Wert verkauft’. Der Førsteamanuensis der theologischen Fakultät in Oslo Dag Thorkildsen schreibt dazu in einem Beitrag für die Zeitschrift „Kirke og Kultur": „Im Nationsbau bekam [Henrik Wergeland ...] nach seinem Tod große Bedeutung. Er wurde von Bjørnson zu unserem ersten Nationaldichter ausgerufen und wurde beinahe Gegenstand für einen Heiligenkult. Als er lebte, wurde er als Querulant und Trunkenbold gescholten. Nach seinem Tod wurde er das vorderste Symbol für das junge Norwegen. Nach keinem anderen Norweger sind so viele Straßen benannt worden, kein anderer Norweger wurde Gegenstand für so viele Huldigungsgedichte, und, wenn er in Bildern oder Skulpturen dargestellt wird, dann mit einem verklärten zum Himmel gerichteten Ausdruck." Thorkildsen scheint mit seiner Kritik am Wergeland-Kult ein wenig zu übertreiben, wenn er die Rolle Wergelands in seiner Zeit als die eines Querulanten und Trunkenboldes charakterisiert: Doch Henrik Wergeland war tatsächlich siebenunddreißig Jahre seines achtunddreißig Jahre währenden Lebens ein „wandelnder Skandal". „Seine Dichtung [...] war nicht so, wie Dichtung sein sollte", denn Wergeland hielt sich nicht an traditionelle Formen und Inhalte. „Außerdem pflegte er [... eine] Lebensweisen, die, vorsichtig gesagt, leichtlebig war [...]. Er trank und feierte wild und oft und war regelmäßig in Raufereien und öffentliche Skandale verwickelt. Er hatte sich mit Offizieren geschlagen und die meisten seiner Zeitgenossen brüskiert." (Hansen). .
Wir würden Henrik Wergeland allerdings nicht gerecht, würden wir nicht erwähnen, daß er im letzten Jahr seines Lebens, als er sich schon auf dem Sterbebett befand, zu einer zentralen Führungsfigur in der frühen Phase des Aufbaus der norwegischen Nation avancierte. Hatte man ihn zuvor gemieden, so kannte nun die Anteilnahme an seiner Erkrankung (Tuberkulose) und seinem Tod keine Grenzen. An der Geschichte des Nationalfeiertags, dem 17. Mai, kann man Wergelands tatsächliche Rolle in der nationalen Bewegung seiner Zeit und gleichzeitig die durch national orientierte Kreise späterer Zeiten betriebene Huldigung seiner Person illustrieren. In der Geschichtsschreibung wurde Wergeland früh als der Vater des Nationalfeiertages gehandelt. Gefördert wurde dieses Geschichtsbild von der Partei „Venstre", als diese begann, die nationale Unabhängigkeit Norwegens anzustreben. Sie suchte „in den 1880 und 90-iger Jahren eine hervorragende, mythische Hintergrundgestalt". Tatsächlich war Wergeland bis zu seinem Tod im Jahr 1845 ein „Kraftzentrum" beim Organisieren der Feierlichkeiten des Nationaltages (und wohl überhaupt ein kulturelles ‘Kraftzentrum’). Erfinder des ‘17. Mai’ war er indessen nicht. Diese Ehre könnte man eher dem in Schleswig geborenen Trondheimer Bankdirektor Matthias Conrad Peterson zuschreiben, der sich allerdings vermutlich schon wegen seiner Herkunft später nicht als nationale Symbolfigur eignete. .
Zweifellos war Henrik Wergeland eine Frontfigur im Prozeß des nationalen Erwachens, und zweifellos war er als solche relativ radikal. Die oben von mir wiedergegebenen Wergeland-Zitate aus dem Aufsatz von Øystein Sørensen lassen ein Gedankengut nahe am Rassismus vermuten. Es sei daher betont, daß der historisch orientierte ethnische Nationalismus Wergelands (noch) nicht viel mit dem rassistischen Nationalismus zu tun hatte, der einige Jahrzehnte später aufkam. Wergeland kämpfte zum Beispiel für die Aufhebung des sogenannten ‘Judenparagraphen’, des zweiten Artikels aus dem Grundgesetz von 1814, welcher unter anderem die Einreise von Juden nach Norwegen untersagte.

[26] Exkurs: Das Schlagwort von der ‘vierhundertjährigen Nacht’ stammt von der fiktiven Gestalt „Peer Gynt“ aus dem gleichnamigen Stück von Henrik Ibsen, wurde von diesem aber zweifellose noch ironisch gebraucht! Es charakterisiert treffend, wie die Personalunion zwischen Dänemark und Norwegen von vielen anderen im Nachhinein im 19. Jahrhundert empfunden wurde und zum Teil noch heute empfunden wird. Der Førsteamanuensis der Universität in Trondheim Jørgen Haugan geht in einem 1991 erschienen Buch über das norwegische Selbstverständnis besonders auf den literarischen Kanon ein, welchen Schüler und Germanistikstudenten sich in Norwegen aneignen müssen. Er berichtet davon, daß die in der Zeit der Union entstandenen Werke, selbst wenn sie von gebürtigen Norwegern verfaßt wurden, im geschichtlichen und literarischen Bewußtsein der Gegenwart kaum präsent sind und führt diese Tatsache auf den Mythos von der ‘vierhundertjährigen Nacht’ zurück. Das geschichtliche Interesse in Norwegen beginnt nach Haugans Beobachtung mit dem Jahre 1814 und kümmert sich allenfalls noch um die Wikingerzeit vor der Union mit Dänemark. Vgl. Haugan, Jørgen: 400-årsnatten. Norsk selvforståelse ved en korsvei. Oslo 1991. [Der Titel des Buches im Deutschen: „400-jährige Nacht. Norwegisches Selbstverständnis an einem Scheideweg.“]

Einleitung

[i] Enzensberger: Ach Europa. Wahrnehmungen aus sieben Ländern. Mit einem Epilog aus dem Jahre 2006. Frankfurt a. M. 1987. S31

[ii] Bjørklund, Tor: Norwegen und die europäische Union. In: Nytt fra Norge. UDA117TYS. Juni 1994; künftig zitiert: Bjørklund, Norwegen

Kapitel I:

[iii] Dann, Otto: Nation und Nationalismus in Deutschland. 1770-1990. München 1993. (= Beck´sche Reihe. 494.) S.11.; vgl. ferner: Den norske historiske forening (Hrsg.): Nasjonalidentitet og nasjonalisme. Inlegg på HiFo-seminaret i Farsund 11. — 13. mars 1994. Del 2. Oslo 1994. [Es würde im Deutschen den Titel „Nationale Identität und Nationalismus“ tragen.] ; künftig zitiert: DNHF, Nasjonalidentitet

[iv] Vgl. Heinz, Marco: Ethnizität und ethnische Identität. Eine Begriffsgeschichte. Bonn 1993. (= Mundus Reihe Ethnologie Bd.72). S.357

[v] „Thesaurus“ ist Teil des Programmes „Microsoft Word für Windows 95“ (Copyright © 1983 - 1995 by Microsoft Corporation); Copyright Ó für Thesaurus 1994 - 1995 by Soft-Art, Inc.

[vi] vgl. Heinz S.16

[vii] Lipowatz, Thomas: Über kollektive Identifizierung: Die Nation. In: Wissenschaftliches Zentrum II für Psychoanalyse, Psychotherapie und psychosoziale Forschung der Gesamthochschule Kassel (Hrsg.): Fragmente. Schriftenreihe zur Psychoanalyse. Juni 1990. S.152

[viii] Heinz S.331 ff.

[ix] Heinz S.16

[x] Hodne, Bjarne: Norsk nasjonalkultur. Oslo 1995. S. 21 [Diese Buch hieße zu deutsch: „Norwegische Nationalkultur“] ; künftig zitiert: Hodne, Nasjonalkultur

[xi] vgl. hierzu u.a. Gellner, Ernest: Nations and nationalism. Worcester 1983. S.5 f.; Hodne, Nasjonalkultur S.19 ff. Heinz S.233 ff.

[xii] Dann S.12

[xiii] Gellner S.7

[xiv] beide Zitate: Eriksen, Thomas Hylland: Typisk norsk. Essays om kulturen i Norge. 2. Auflage. o.O. 1993. S. 32 ff [Der Titel zu deutsch wäre: „Typisch Norwegisch. Essays über die Kultur Norwegens.“] ; künftig zitiert: Eriksen, Typisk

[xv] vgl. u.a. Eriksen, Thomas Hylland: Kulturterrorismen. Et oppgjør med tanken om kulturell renhet. Oslo 1993. [Dieses Essay hieße im Deutschen: „Der Kulturterrorismus: Eine Abrechnung mit dem Gedanken der kulturellen Reinheit“]

[xvi] vgl. Dann S.11 ff; vgl. Bagge, Sverre: Fantes det en norsk nasjonal identitet i middelalderen? IN: DNHF S.7 ff [auf deutsch: „Gab es eine nationale Identität im Mittelalter?“] ; vgl. Eriksen, Typisk S. 32 ff

[xvii] Bagge; DNHF, Nasjonalidenitet S.9

[xviii] Hübner, Kurt: Das Nationale. Verdrängtes, Unvermeidliches, Erstrebenswertes. Graz, Wien, Köln 1991. S.270

[xix] Bagge; DNHF, Nasjonalidentitet S.9

[xx] vgl. Eriksen, Typisk S.32 ff.

[xxi] Hübner S.270

[xxii] vgl. Bagge; DNHF, Nasjonalidentitet S.9; vgl. auch Heinz S.354; vgl. auch Gellner S.8 ff.

[xxiii] vgl. Bagge, DNHF, Nasjonalidentitet S.9

[xxiv] Dann S.17

[xxv] Glässer S.3-5

[xxvi] Emblem, Terje, Ivar Libæk u. Øivind Stenersen: Norge 1. Norgeshistorie før 1850. Aurskog 1994. S.165 [„Norwegen 1: Norwegens Geschichte bis 1850“] ; künftig zitiert: Emblem u.a., Norge 1

[xxvii] Emblem u.a., Norge 1. S.169; vgl. auch: Sørensen, Øystein: 1814. Das Wunderjahr. Ein unglaubliches Jahr für Norwegen. o.O: O.J. S.7. Dieses Heft wurde von verschiedenen norwegischen Ministerien und der Historisch-Philosophischen Fakultät der Universität Oslo herausgebracht; künftig zitiert: Sørensen, 1818

[xxviii] Emblem u.a., Norge 1. S.169

[xxix] Emblem u.a., Norge 1. S.170

[xxx] Sørensen, Øystein: The Development of a Norwegian National Identity During the Nineteenth Century. In: Sørensen, Øystein (Hrsg.): Nordic Path to National Identity in the Nineteenth Century. Oslo 1994. (= KULTs skriftserie. Bd.22). S.20; künftig zitiert: Sørensen, Identity

[xxxi] Sørensen, Øystein: Utviklingen av en norsk nasjonal identitet på 1800-tallet — noen særtrek og problemer. In: DNHF, Nasjonalidentitet S.42 [auf Deutsch: „Entwicklung einer norwegischen nationalen Identität im 19. Jahrhundert — einige besondere Züge und Probleme"]

[xxxii] vgl. Sørensen, 1814 S.14

[xxxiii] Dieser, freilich etwas pathetisch formulierte, Satz steht in dem norwegischen Schulbuch „Norge 1“: Emblem u.a., Norge 1 S.176

[xxxiv] vgl. Sørensen, 1814 S.17; vgl. Sejersted, Francis: Den vanskelige frihet. 1814 - 1851. Norges historie. Band 10. Østerås 1986. S.65 ff [Dieses Buch, Teil eines mehrbändigen Werkes, welches von Knut Mykland redigiert wurde, über die norwegische Geschichte, würde zu deutsch wie folgt heißen: „Die schwierige Freiheit. 1814 - 1851“]

[xxxv] vgl. Emblem u.a., Norge 1. S.175-178

[xxxvi] Bull, Edvard; Sozialgeschichte der norwegischen Demokratie. Stuttgart 1969. S.11f.; künftig zitiert: Bull, Sozialgeschichte

[xxxvii] vgl. Emblem u.a., Norge 1. S.187

[xxxviii] Emblem u.a., Norge 1. S.188

[xxxix] vgl. Sejersted S.335 ff.

[xl] Emblem u.a., Norge 1. S.189

[xli] vgl. Sejersted S.349 ff.

[xlii] vgl. Bull, Sozialgeschichte S.36 ff.

[xliii] vgl. Emblem, Terje, Ivar Libæk, Øivind Stenersen u. Tore Syvertsen: Norge 2. Norgeshistorie etter 1850. Aurskog 1994. S.12 ff ; künftig zitiert: Emblem u.a., Norge 2 [Titel „Norwegen 2: Norwegens Geschichte nach 1850“]

[xliv] Emblem u.a., Norge 2. S.22

[xlv] vgl. Emblem u.a., Norge 2. S.22 f

[xlvi] Sørensen, DNHF. S.45

[xlvii] Emblem u.a., Norge 1. S.186

[xlviii] Bull, Sozialgeschichte S.13

[xlix] vgl. Emblem u.a., Norge 2. S.44

[l] Emblem u.a., Norge 2. S.42

[li] vgl. Dahl, Thorleif, Axel Coldevin u. Johan Schreiner (Hrsg.): Vårt folks historie. Nasjonal vekst. Bd.7. Oslo 1964. S. 68

[lii] Emblem u.a., Norge 2. S.45.

[liii] beide Zitate in diesem Satz: Emblem u.a., Norge 2. S.45-46; zur Volkshochschulbewegung vergleiche auch: Thorkildsen, Dag: Nasjon og religion. Åpningsforlesning ved Det teologiske fakultetet, vårdemesteret 1994. In: Kirke og kultur. Nr.3. 1994 [auf Deutsch: „Nation und Religion. Eröffnungsvorlesung der Theologischen Fakultät, Frühlingssemester 1994“] ; künftig zitiert: Thorkildsen, Religion

[liv] Vgl. Johnson, Egil Børre (Hrsg.): Vårt eget språk. I går og i dag. Band 1. Oslo 1987. S.71 ff. [Diese Buch, Teil eines umfassenden sprachgeschichtlichen Werkes, hieße zu deutsch: „Unsere eigene Sprache. Gestern und heute.“] ; künftig zitiert: Johnson, Band 1

[lv] Emblem u.a., Norge 2. S.47; zur Entwicklung der Lekmannsbewegung [„lekmannsbevegelse“] vergleiche auch: Thorkildsen, Religion S. 243 ff

[lvi] Emblem u.a., Norge 2. S.51

[lvii] Emblem u.a., Norge 2. S.52

[lviii] vgl. Try, Hans: To kulturer, en stat. 1851-1884. Norges historie. Bd. 11. Østerås 1988. S.492 ff. [Dieser Band aus der Reihe über „Norwegens Geschichte“ könnte im deutschen den Titel „Zwei Kulturen, ein Staat“ haben.]

[lix] Emblem u.a., Norge 2. S.53

[lx] Emblem u.a., Norge 2. S.53

[lxi] vgl. Nordby, Trond: Det moderne gjennombruddet i bondessamfunnet. Norge 1870 - 1920. Oslo 1991. S. 95 ff. [Diese Monographie könnte zu deutsch „Der Durchbruch der Moderne in der Bauerngesellschaft. Norwegen 1870 - 1920“ lauten.]

[lxii] Emblem u.a., Norge 2. S.56

[lxiii] Emblem u.a., Norge 2. S.75

[lxiv] vgl. Nordby S.107

[lxv] Emblem u.a., Norge 2. S.76

[lxvi] Emblem u.a., Norge 2. S.77

[lxvii] vgl. Nordby S.112 f.

[lxviii] Emblem u.a., Norge 2. S.78

[lxix] Emblem u.a., Norge 2. S.78

Kapitel II:

[lxx] Eriksen, Typisk S.9

[lxxi] Eriksen, Typisk S.9 f.

[lxxii] Enzensberger S.145

[lxxiii] vgl. Sørensen. In: DNHF, Nasjonalidentitet S.42; vgl. Lunden, Kåre: Hanna Wisnes 1814. In: Syn & Segn. Nr.3. 1989; vgl. Sørensen. In: DNHF S.42 ; vgl. Sejersted S.279 ff ; vgl. ferner Storsveen, Odd Arvid u.a.: Norsk partiotisme før 1814. Oslo 1997. (=KULT skriftserie 88), insbesondere S.143. [Dieses Sammelwerk könnte zu Deutsch den Titel „Norwegischer Patriotismus vor 1814“ tragen.]

[lxxiv] Sejersted S.279 ff

[lxxv] Sørensen. In: DNHF, Nasjonalidentitet S.43

[lxxvi] vgl. Sørensen. In: DNHF, Nasjonalidentitet S.43

[lxxvii] vgl. Herresthal, Harald: Med spark i gulvet og quinter i bassen. Musikalske og politiske bilder fra nasjonalromantikkens gjennombrudd i Norge. Oslo 1993. S.12 ff.

[lxxviii] Falk, Bernhard Paul: Geschichtsschreibung und nationale Ideologie. Der norwegische Historiker Johan Ernst Sars. Heidelberg 1991. S.39

[lxxix] vgl. Falk S.39 ff.; vgl. Berggreen, Brit: Da kulturen kom til Norge. Oslo/ Gjøvik 1989. S. 24 ff. [Der Titel dieser inhaltreichen, teilweise etwas ironischen Monographie könnte mit „Als die Kultur nach Norwegen kam“ übersetzt werden.]

[lxxx] vgl. Berggreen S.24 ff. u. S.47 ff.; vgl. auch Falk S.39 ff.

[lxxxi] vgl. Bull, Sozialgeschichte S.22 ff.

[lxxxii] vgl. Sørensen. In: DNHF, Nasjonalidentitet S. 40 ff.

[lxxxiii] vgl. Hroch, Miroslav: Social preconditions of national revival in Europe. A comparative analysis of the social composition of patriotic groups among the smaller European nations. Cambridge 1985. Die Phaseneinteilung Hrochs habe ich entnommen aus: Ranheim, Ingar: Folkedans og disiplinering In: Sørensen, Øystein: Nasjonal identitet - et kunstprodukt (= KULTs skriftserie Nr.30. Nasjonal Identitet Nr.5). S. 87; dieses Sammelwerk ist künftig zitiert als: Sørensen, Identitet

[lxxxiv] Sørensen. In: DNHF, Nasjonalidentitet: S.44; vgl. auch Sejersted S.65 ff.

[lxxxv] vgl. Hodne, Nasjonalkultur S. 31 ff.; vgl. auch Hodne, Ørnulf: Det nasjonale hos noske folklorister på 1800-tallet. Oslo 1994. (= KULTs skriftserie Nr.24. Nasjonal identitet Nr.2). [Diese Monographie würde im Deutschen „Das Nationale bei norwegischen Folkloristen im 19. Jahrhundert“ heißen.] ; künftig zitiert: Hodne, Folklorister

[lxxxvi] vgl. Sejersted S.335 ff.; vgl. Try S.454 ff.; vgl. Nordby S. 71 ff.

[lxxxvii] beide Zitate: Sørensen. In: DNHF, Nasjonalidentitet: S.47

[lxxxviii] beide Zitate Falk S.39

[lxxxix] Sørensen. In: DNHF, Nasjonalidentitet S.47.

[xc] Wergeland, Henrik: Taler. o.O: o.J. S.393. [zu Deutsch: „Reden“] ; zitiert nach Sørensen. In: DNHF, Nasjonalidentitet S.48

[xci] beide Zitate: Wergeland, Henrik: Taler. o.O: o.J. S.393. [zu Deutsch: „Reden“] ; zitiert nach Sørensen. In: DNHF, Nasjonalidentitet S.48; kursive Schrift vom Verfasser dieser Arbeit

[xcii] Sørensen. In: DNHF, Nasjonalidentitet: S.48; vgl. auch: Try S.362 f.

[xciii] Falk S.50

[xciv] vgl. Falk S. 48 ff.; vgl. Emblem u.a., Norge 1 S.69 ff.

[xcv] Sørensen. In: DNHF, Nasjonalidentitet: S.49

[xcvi] Beyer, Edvard: Dramatikeren Bjørnstjerne Bjørnson. In: Nytt fra Norge. UDA444NOR. September 1990. [Dieser Artikel aus einer Serie des Königlich norwegischen Außenministeriums könnte im Deutschen „Der Dramatiker Bjørnstjerne Bjørnson“ heißen.]

[xcvii] Sørensen. In: DNHF, Nasjonalidentitet: S.50

[xcviii] Henrik Ibsens „Peer Gynt“ zitiert nach Sørensen. In: DNHF, Nasjonalidentitet: S.50

[xcix] Sørensen. In: DNHF, Nasjonalidentitet: S.51

Ende der Leseprobe aus 131 Seiten

Details

Titel
Norwegens Distanz zur Europäischen Union: Rahmenbedingungen Hintergründe und Motive
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Politikwissenschaft)
Note
Sehr gut (1)
Autor
Jahr
1997
Seiten
131
Katalognummer
V9169
ISBN (eBook)
9783638159432
ISBN (Buch)
9783656065753
Dateigröße
4682 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Norwegen, EU, Referendum, Volksabstimmung, Europäische Union
Arbeit zitieren
Andreas Balsliemke (Autor), 1997, Norwegens Distanz zur Europäischen Union: Rahmenbedingungen Hintergründe und Motive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9169

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