Diese Arbeit wird zeigen, dass Petrarcas Canzoniere ein narzisstisches Werk ist, dessen Hauptthematik die Seelenverfasstheit des lyrischen Ichs und die Selbststilisierung des Dichters Francesco Petrarca umfasst. Die Liebe zu Laura dient dabei lediglich als Deckmantel der – damals als sündhaft geltenden – Ruhmsucht, sowie als Point de Départ für ein in Wahrheit streng durchkomponiertes ästhetisches Werk, mit dem sich Petrarca deutlich von den im Mittelalter vorherrschenden Liebesdiskursen zu distanzieren vermag. Im Folgenden werde ich eruieren, wie die Figur der Laura und die scheinbar unerfüllte Liebe zu ihr als Instrument der Selbstinszenierung geschickt eingesetzt werden, ohne welches Petrarca das Streben nach Gloria nicht in diesem Maße hätte entfalten können.
Dazu werde ich zunächst auf die Entstehung der Laura eingehen, die bereits im Secretum als auch im Bucolicum Carmen erwähnt wird, und sowohl ihr Erscheinen als auch ihre Funktion im Canzoniere detailliert analysieren. Im Anschluss daran werde ich anhand von Beispieltexten Petrarcas Egozentrismus durch die affetti contrari demonstrieren, sowie die Rahmenkonzeption des Canzoniere genauer beleuchten, bei der wir eine deutliche Akzentuierung der Gloria im In Morte Teil vorfinden werden. Abschließend werde ich Petrarca kurz im Kontext anderer literarischer Liebeskonzeptionen seiner Zeit, respektive der provenzalischen Troubadourslyrik, der Scuola Siciliana und des Dolce Stil Novo, situieren und zeigen, dass Petrarcas Narzissmus und seine Selbststilisierung im Canzoniere ihn als Wegbereiter einer neuen Epoche, des Rinascimento, auszeichnen.
Inhaltsverzeichnis
0) Einleitung
1) Die Entstehung der Laura
1.1 Das Secretum
2) Die Figur der Laura
2.1) Lauras Erscheinung
2.2) Laura und die Dichtung
3) Die „Dialektik der Schmerzliebe“
3.1) Die affetti contrari und andere Themen
4) Die Rahmenkonzeption des Canzoniere
4.1) Der Titel Rerum Vulgarium Fragmenta
4.2) Das Proemio und die Marienkanzone
4.3) In Vita di Madonna Laura – In Morte di Madonna Laura
5) Petrarcas Selbststilisierung im Kontext mittelalterlicher Liebeslyrik
6) Petrarcas Individualismus als Wegbereiter des Rinascimento
7) Conclusio
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Petrarcas Canzoniere unter der Prämisse, dass es sich um ein narzisstisches Werk handelt, bei dem die Liebe zu Laura primär als Instrument der Selbstdarstellung und der Inszenierung des dichterischen Strebens nach Ruhm dient, anstatt eine reale Liebesbeziehung zu spiegeln.
- Die Funktion der Laura als Projektionsfläche für das lyrische Ich.
- Die Analyse der "Dialektik der Schmerzliebe" (affetti contrari) als Ausdruck von Egozentrismus.
- Petrarcas Auseinandersetzung mit der literarischen Tradition (Troubadours, Stilnovismo) zur Etablierung des eigenen Ruhms.
- Die Bedeutung der Rahmenkonzeption (Titel, Proemio, In Vita/In Morte) für die Selbstinszenierung.
- Die Rolle Petrarcas als Wegbereiter der Renaissance durch seinen Individualismus.
Auszug aus dem Buch
2.1) Lauras Erscheinung
Im gesamten Canzoniere erscheint Laura als passives Gegenüber des lyrischen Ichs. Weder spricht sie, noch erfährt man etwas Genaues über ihre Handlungen. Häufig ignoriert sie den Sprecher sogar und entzieht sich ihm, indem sie beispielsweise ihr Haar verhüllt. Daher erscheint sie nicht nur tugendhaft und gut, sondern auch kalt und unnahbar in jenen oben genannten Situationen, in denen sie nur sich selbst sieht. Ein Beispiel hierfür ist RVF 45; dort betrachtet sich die Geliebte im Spiegel und findet ausschließlich an sich selbst Gefallen, wie einst Narziss. Interessant ist, dass hier Narziss namentlich erwähnt wird. Der Narzissmus scheint nur auf den ersten Blick auf die Figur der Laura zu referieren, dabei projiziert der Sprecher seine eigene Persönlichkeit auf die der Geliebten. Er selbst betrachtet sich bzw. seine Seele im Spiegel (der Liebe zu Laura, anhand dessen er seine Seelenentwicklung thematisieren kann) und findet Gefallen an seinem eigenen Leiden und seiner eigenen Dichtung, die daraus resultiert.
Zusammenfassung der Kapitel
0) Einleitung: Diese Arbeit stellt die These auf, dass der Canzoniere ein narzisstisches Werk ist, in dem Laura als Deckmantel für das Streben nach Ruhm dient.
1) Die Entstehung der Laura: Es wird die Genese der Figur Laura in Werken wie dem Bucolicum Carmen und ihre Funktion im Kontext von Petrarcas Identitätskrise untersucht.
1.1 Das Secretum: Dieses Kapitel analysiert das Secretum als Schlüssel zum Verständnis des narzisstischen Charakters des Canzoniere und Petrarcas innerer Konflikte.
2) Die Figur der Laura: Das Kapitel beleuchtet Laura als passives, aber funktionales Gegenüber, das primär der Selbstreflexion des lyrischen Ichs dient.
2.1) Lauras Erscheinung: Hier wird gezeigt, wie die Attribute Lauras zur Projektionsfläche für Petrarcas Egozentrismus und seine Inszenierung als Leidender werden.
2.2) Laura und die Dichtung: Es wird die Gleichsetzung von Laura, dem Lorbeer und dem Dichterruhm (Gloria) analysiert.
3) Die „Dialektik der Schmerzliebe“: Dieses Kapitel behandelt die affetti contrari als Mittel, um das Ich in Szene zu setzen und den Schmerz genussvoll zu zelebrieren.
3.1) Die affetti contrari und andere Themen: Es wird erörtert, wie auch Themen wie der Tod und Politik der Selbststilisierung untergeordnet werden.
4) Die Rahmenkonzeption des Canzoniere: Das Kapitel untersucht die strukturelle Komposition des Werkes als bewusstes ästhetisches Programm.
4.1) Der Titel Rerum Vulgarium Fragmenta: Hier wird die rhetorische Funktion der "Bescheidenheitsgeste" im Titel des Werkes entschlüsselt.
4.2) Das Proemio und die Marienkanzone: Das Einleitungssonett und der Abschluss werden als zyklische Klammer analysiert, die Petrarcas Reuegestus hinterfragt.
4.3) In Vita di Madonna Laura – In Morte di Madonna Laura: Die Zweiteilung des Werkes wird als Instrument zur Steigerung der Selbststilisierung und Ruhmsucht interpretiert.
5) Petrarcas Selbststilisierung im Kontext mittelalterlicher Liebeslyrik: Petrarca wird in Bezug auf Troubadours, Sizilianer und Stilnovisten verortet, wobei seine expliziten Distanzierungen herausgearbeitet werden.
6) Petrarcas Individualismus als Wegbereiter des Rinascimento: Das abschließende Kapitel sieht in Petrarcas Subjektivismus und seiner Pluralisierung der Wahrheiten den Beginn einer neuen Epoche.
7) Conclusio: Die Arbeit fasst zusammen, dass Petrarca durch den Canzoniere den Grundstein für die Renaissance legte, indem er das eigene Ich in den Mittelpunkt stellte.
Schlüsselwörter
Petrarca, Canzoniere, Narzissmus, Laura, Gloria, Ruhmsucht, Selbststilisierung, affetti contrari, Identitätsfindung, Renaissance, Rinascimento, Secretum, Individualismus, Liebeslyrik, Subjektivität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Petrarcas Canzoniere kritisch als ein narzisstisches Werk, das weniger eine tatsächliche Liebesbeziehung dokumentiert, sondern primär der Selbstinszenierung des Autors dient.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören das Streben nach dichterischem Ruhm (Gloria), die Psychologie des lyrischen Ichs, die Funktion der Laura-Symbolik und die Auseinandersetzung mit literarischen Traditionen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den "Narzissmus" im Canzoniere nachzuweisen und aufzuzeigen, wie Petrarca seine eigene Seele und seine Dichterkrönung in den Fokus rückt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine textimmanente Analyse der Gedichte (RVF) unter Einbeziehung des historischen Kontextes, biographischer Aspekte sowie vergleichender Literaturwissenschaft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Lauras Rolle, die Dialektik der Schmerzliebe, die Rahmenkonzeption des Werkes sowie den Vergleich mit den Liebeskonzeptionen des Mittelalters.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Narzissmus, Gloria, Selbststilisierung, Canzoniere, affetti contrari und der Übergang vom Mittelalter zur Renaissance.
Inwieweit spielt der Titel des Werkes eine Rolle für die These?
Der Titel Rerum Vulgarium Fragmenta wird als rhetorische Strategie entlarvt: Die vorgebliche Bescheidenheit ("Fragmente") dient dazu, das hochkomplexe, ästhetisch durchstrukturierte Werk aufzuwerten.
Warum ist die Unterscheidung zwischen In Vita und In Morte laut der Arbeit bedeutsam?
Die Autorin argumentiert, dass auch die Zweiteilung des Werkes primär dazu dient, die Akzentuierung des Strebens nach Ruhm nach dem Tod Lauras zu verdeutlichen, statt eine reale Trauerphase abzubilden.
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- Rafaela Breuer (Author), 2006, Narzissmus in Petrarcas 'Canzoniere', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91706