Wie hat sich die Darstellung von weiblichen und männlichen Personen in Fibeln von 1950 bis 1980 verändert?


Forschungsarbeit, 2017

31 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begründung der Fragestellung und der Auswahl des Quellenmaterials
2.1 Die Fibel
2.2 Die 68´Bewegung

3. Darstellung der Forschungsmethode
3.1 Vorstellung der Hermeneutik
3.2 Vorstellung der Ikonographie und der Ikonologie
3.3 Schulbuchanalyse als Teil der kulturhistorischen Forschung

4. Vorstellung und Analyse des Quellenmaterials
4.1 Werke um1950
4.1.1 Quantitative Analyse
4.1.2 Ikonologische Analyse (Abbildung 1 im Anhang)
4.2 Werke 1960 bis 1970
4.2.1 Quantitative Analyse
4.2.2 Ikonologische Analyse (Abbildung 2 und 3 im Anhang)
4.3 Werke um 1970 bis 1980
4.3.1 Quantitative Analyse
4.3.2 Ikonologische Analyse (Abbildung 4 im Anhang)
4.4 Fibeln in den 1980ern
4.4.1 Quantitative Analyse
4.4.2 Ikonologische Analyse (Abbildung 5 im Anhang)

5. Fazit

6. Reflexion der Vorgehensweise

7. Möglichkeiten der Einbettung in den Unterricht

8. Literaturverzeichnis

9. Anhang

10. Eigenständigkeitserklärung

1. Einleitung

Die Gesellschaft verändert sich auf verschiedenste Weise. Vielerlei Einflüsse sind daran beteiligt. Oft geschehen Veränderungen nicht über Nacht, sondern brauchen eine Weile um sich zu zeigen. Dennoch können im Nachhinein bestimmte Geschehnisse als Auslöser für Umbrüche ausgemacht werden. Das sich die Welt verändert ist manchmal gut, manchmal schlecht und oftmals nötig. Wie auch immer man diesen Umstand ansehen will, er ist existent und begleitet das Leben. Interessant ist, dass an bestimmten historischen Realien und Texten genau diese Veränderungen beobachtet werden können. Wenn man Glück hat, sind diese Andenken der vergangenen Zeit markiert und lassen sich zeitlich zuordnen. So können Rückschlüsse auf die Gründe für den Wandel untersucht werden. Sind diese Informationen gesichert, können andere Realien und Texte anhand ihrer Beschaffenheit, ihres Inhaltes, oder ihrer Bedeutung ihrer zeitlichen Entstehung zugeordnet werden. Dies hilft uns Vergangenes zu erleben und zu verstehen, was uns sowohl das kulturelle Erbe eines Landes, als auch der ganzen Welt näherbringt.

Mein Forschungsinteresse besteht darin herauszufinden, welchen Einfluss die 68er Revolution auf die Darstellung von weiblichen und männlichen Personen in Schulbüchern hat. Dieses werde ich exemplarisch am Beispiel der Fibel, die zum Lesenlernen genutzt wird, untersuchen. Der Schriftspracherwerb wurde innerhalb der letzten Jahre durch verschiedenen Praktiken und Methoden gelehrt. Dazu werden neue Lehrwerke verfasst, die sich nicht nur inhaltlich unterscheiden, sondern auch die verschiedenen Kompetenzbereiche der deutschen Sprache ansprechen. Einige sind ausschließlich zur Vermittlung der sprachlichen Kompetenzen andere beziehen sich auf die Grammatik. In den letzten Jahren zeigt sich ein neuer Trend. Dieser besteht aus einer Mischform, die sich sowohl mit dem Schriftspracherwerb als auch mit der Grammatik beschäftigt. Um eine vergleichbare Basis zu haben, habe ich mich für die Fibel entschieden, da diese über viele Jahre parallel zu anderen Werken im Deutschunterricht genutzt wird. Die Fibel wird zur Übung der Lesefähigkeit eingesetzt.

Meine These ist, dass sich die Veränderungen, die für Frauen und Männer durch gesellschaftliche und politische Einbrüche entstehen, in ihrer Darstellung in Unterrichtswerken zeigen. Darauf möchte ich eingehen indem ich verschiedene Fibeln aus mehreren Zeiträumen miteinander vergleiche. Im ersten Schritt werde ich feststellen, ob und in welcher Weise Abbildungen von männlichen und weiblichen Personen vorhanden sind. Dazu werde ich einen Kriterienkatalog entwickeln. Um diese Kriterien anzulegen werde ich Verallgemeinerungen nutzen, damit die Masse an Informationen zusammengefasst wird. Diese betreffen Oberkategorien wie Berufstätig, indem alle abgebildeten Berufe zusammengefasst werden. Mit Hilfe der Ikonologie werde ich im Anschluss aus jedem Zeitraum Abbildungen analysieren. Diese wähle ich als Anhand der Ergebnisse der quantitativen Analyse aus, um markante Ergebnisse zu verdeutlichen. Bevor ich mit der Erhebung beginne, beschreibe ich, was sich in der 68er- Bewegung ereignet hat und definiere welche Werke als Fibeln bezeichnet werden. Im Anschluss, beschreibe ich die Forschungsmethoden, die ich nutze.

2. Begründung der Fragestellung und der Auswahl des Quellenmaterials

Integration ist derzeit eines der aktuellsten Themen, die das Schulwesen beschäftigen. Durch den Zuwachs der Schüler aus verschiedenen Ländern, werden die Unterschiede zu anderen Kulturen sichtbar und betreffen die SchülerInnen unmittelbar. Die Stellung der Frau unterscheidet sich in einigen Kulturen merklich von der in unserer Gesellschaft. Die Rechte und die Stellung der Frauen in unserer Gesellschaft sind nicht immer so gewesen, wie sie es heute sind. Dadurch ergab sich für mich die Frage, ab wann eine ausschlaggebende Veränderung begonnen hat. Der Prozess ist merklich noch nicht abgeschlossen, dennoch schon vorangeschritten. Das Bewusstsein darüber, wird neu geweckt, wenn einem die gesellschaftlichen und kulturellen Gepflogenheiten aus anderen Ländern vor Augen geführt werden. Die 68er- Revolution zeigt sich als Startpunkt für viele Umbrüche. Im Besonderen die, die für meine Fragestellung relevant sind. Deshalb beschreibe ich im Folgenden, was in diesem Abschnitt der Geschichte vorgefallen ist. Zuvor beschreibe ich meinen Untersuchungsgegenstand die Fibel, um zu erklären warum diese sich zur Klärung meiner Frage eignet.

2.1 Die Fibel

„Grundlegend für den Inhalt eines Unterrichtswerks ist der Sachverhalt, dass es, dem Schulgesetz entsprechend, auf der Grundlage von Rahmenrichtlinien eines oder mehrerer Bundesländer entwickelt wird“ (Hoppe, 2010, S. 18). Das Lesen stellt eine im Kerncurriculum festgelegte essentielle Kompetenz dar, die im Deutschunterricht erlangt werden soll. Dafür zeigt sich die Fibel als geeignetes Unterrichtsmaterial. Seit einigen Jahren hat sich die Bezeichnung der klassischen Fibel verändert und es gibt Parallelangebote, wie Leselernhefte oder Erstlesebücher, die zum Sprachlernbuch hinzugezogen werden. Diese sind den Fibeln gleich zu setzten und somit stellen „Erstlesefibeln, die im gesamten Analysezeitraum kontinuierlich“ (Stürmer, 2014, S. 127) sind, eine gute Basis für die Untersuchung dar.

Lehrenden und Lernenden steht die klassische Fibel oder neuere Alternativen als Schulbuch zur Verfügung und wird als solches genutzt. Die Funktion von Schulbüchern kann in zwei Funktionsbereiche eingeteilt werden. Es zeigen sich die unterrichtlichen, und die außerschulischen.

Die außerschulische Funktion bezieht sich sowohl auf kulturelle als auch auf politische Gesichtspunkte. „Eine politische Funktion hat das Schulbuch auf zwei Ebenen: Zum einen wird durch das Schulbuch die Lernanforderung legitimiert, die hier vorgeschrieben ist, zum anderen gelten die im Schulbuch festgeschriebenen Verhältnisse als legitim und erscheinen Schülern und Eltern als „unumstößlich““ (Stürmer, 2014, S. 127). Somit prägt das Schulbuch das Bild der Welt, wie sie gesehen und angenommen wird und zeigt sich als kulturell historisches Erinnerungssystem für nachkommende Generationen. Es ist davon auszugehen, dass das Schulbuch ein Spiegel des Lehrplans und der didaktischen Methoden seiner Zeit ist, was es äußerst interessant für wissenschaftliche Untersuchungen macht.

Die unterrichtlichen Funktionen beziehen sich auf Vorteile, die sowohl den Lehrenden, als auch den Lernenden betreffen. Für die Lehrperson stellt das Schulbuch eine Erleichterung dar. Dieses zeigt sich durch die Gliederung der Unterrichtsgegenstände und im Besonderen durch seine Anschaulichkeit „Die Vergegenwärtigung von Gegenständen im Unterricht hängt von ihrer Verfügbarkeit ab; das Buch kann ikonische und symbolische Repräsentationen von Gegenständen übernehmen“ (Hoppe, 2010, S. 20). Die Unterrichtswerke bieten darüber hinaus verschiedenste Differenzierungs- und Kontrollmöglichkeiten und motivieren die Schüler durch das vielfältige Angebot und die „Möglichkeiten zum Selbstlernen, Üben und Wiederholen“ (ebd.). Durch die Medialisierung der heutigen Zeit, rückt das Leitmedium Buch immer mehr in den Hintergrund. Im letzten Jahrhundert war es als Lehrhilfe nicht wegzudenken.

2.2 Die 68´Bewegung

Mitte der 60er Jahre zeigten sich politische, soziale und gesellschaftliche Entwicklungen der äußeren Umstände und Regeln. „Das Jahr 1968 hat eine symbolische Bedeutung“ (Fetscher, 1993, S.46) und wird als 68er- Bewegung zusammengefasst. Der ursprüngliche Anstoß für diese Veränderungen wird von verschiedenen Organisationen begonnen, die alle den Wunsch nach einer zivilisierteren Gesellschaft haben. Dabei ist das Bedürfnis auf Gleichberechtigung ein leitender Faktor. Die Rebellionen werden nicht aus materialistischen oder ökonomischen Interessen betrieben, sondern haben moralische und ideologische Begründungen. „Für große Teile der bundesdeutschen jungen Generation stellte das Engagement für die Befreiungsbewegungen der dritten Welt eine Chance dar, sich von der belastenden Identität mit dem deutschen Volk zu befreien und ihren freiheitlichen Internationalismus unter Beweis zu stellen“ (Fetscher, 1993, S.51).Der Anstoß geht nicht von den betroffenen Mitgliedern bestimmter „Randgruppen“ aus, sondern wird aus Solidarität von der „Mittelschicht, dem Bildungsbürgertum“ (vgl. sueddeutsche.de) betrieben. Die Menschen dieser Epoche zeigen deutlich das Bedürfnis zur Gleichheit eines jeden und nehmen Stellung gegen jegliche Bevorzugung ein. „. Das Eintreten für die Unterdrückten in aller Welt war ein wichtiges Motiv für viele, die in der 68er-Bewegung aktiv waren“ (sueddeutsche.de). Das kollektive Leiden am Kapitalismus, Faschismus und Imperialismus zeigt sich und verlangt nach Einhalt. Angeprangert werden die Ausbeutung und die soziale Ungerechtigkeit der weltweiten Wirtschaftsordnung und die Nicht-Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Außerdem kommt Kritik an der Ausbeutung der dritte- Welt- Länder auf. „Wohin die Bewegung führen sollte, war vielen damals Beteiligten unklar“ (sueddeutsche.de). Dennoch war deutlich das Bedürfnis nach Veränderung zu spüren. Die damaligen Bemühungen nach politischer Handhabe in Bezug auf eine Gesellschaft, die Gleichstellung, Solidarität und Gerechtigkeit fördert sind heute noch aktuell. Der politische Einfluss der 68er-Revolution ist umstritten und wird diskutiert. Der Einfluss auf die Alltagsgesellschaft und die Moralvorstellungen sind dennoch unverkennbar. Eine antiautoritäre Lockerung der Umgangsformen zeigt sich anhand gelockerter Kleiderregeln und neuen Ansätzen in der Erziehung von Kindern. Dieses führt dazu, dass sich eine neue Diskussionsgrundlage ergibt, in der mit Autoritäten ungezwungener und auch respektloser gesprochen wird (vgl. sueddeutsche.de). Die Sexualität wird freier behandelt und die öffentliche Darstellung von Homosexualität findet ihren Anfang. Die Frauenbewegung wurde allmählich gestartet, was die Emanzipation in Gang setzt. Dieser noch immer nicht abgeschlossene Prozess geht schleichend voran, seine Anfänge sind dennoch in der 68er- Bewegung zu verankern. Die seit den 50er Jahren bestehende Friedensbewegung wird für viele deutlicher und erlangt einen großen Zuwachs.

3. Darstellung der Forschungsmethode

3.1 Vorstellung der Hermeneutik

Hermeneutik ist die Wissenschaft des Verstehens. „Begründer der Hermeneutik als einer wissenschaftstheoretischen Grundlage der Sozialwissenschaften ist Wilhelm Dilthey“ (König/ Zedler, 1998, S. 85). Er trennt die Geisteswissenschaften von den Naturwissenschaften. Damit selektiert er alle beweisbaren Prozesse von denen, die eine genauere Betrachtung benötigen, um sie zu deuten. Für ihn zeigen sich die Geisteswissenschaften als „Gegenstand der Wissenschaftstheorie“ (ebd.) und beziehen nicht ausschließlich Texte ein, sondern alle Wissenschaften, die den Menschen direkt betreffen. Er bezieht damit Erkenntnisse ein, die sich „aus den Aufgaben des Lebens selber, welche durch Verwandtschaft und durch gegenseitige Begründung miteinander verbunden sind“ (ebd.). Diese Erkenntnisse und dieses Wissen beeinflussen das individuelle Verständnis, dass eine Person zu einem Gegenstand entwickelt. Zu beachten ist, dass dieses Verständnis einer Überprüfung unterzogen wird, denn „Ich kann mich irren, wenn ich die Bedeutung einer Handlung oder den Sinn eines Textes zu erfassen suche. Hier beginnt die Aufgabe der Hermeneutik“ (König/ Zedler, 1998, S. 87). Die Deutung von Handlungen oder Texten gelingt dadurch, dass trotz der Individualität jedes einzelnen auch „eine Reihe von Gemeinsamkeiten in der biologischen Ausstattung und den Grunderfahrungen “ (ebd.) besteht. Diese sind durch verschiedenste Faktoren beeinflusst, die sowohl kulturell, historisch und familiär geprägt sind. Das Verständnis für Tatsachen, durch den Abgleich mit eigenen Erfahrungen und Vorwissen, führt zu Ergebnissen, die überprüft und angeglichen werden müssen. „Als Weg der Absicherung wird in der Tradition der Hermeneutik der „hermeneutische Zirkel“ verwendet“ (König/ Zedler, 1998, S. 88). Diese Methode arbeitet mit dem Vorverständnis eines Gegenstandes, der durch weitere Nachforschungen erweitert wird. Dieses erweiterte Wissen, wird dann zur Grundlage weiterer Untersuchungen und wiederum durch Recherchen erweitert. Gut zu erklären ist dieses an Texten. Wenn man sich einem zu untersuchenden Thema nähert und eine konkrete Fragestellung entwickelt hat, werden auf dieser Grundlage Texte ausgewählt, die dann gelesen werden. Durch die Aneignung von dem Wissen, aus diesen Texten erweitert sich das Verständnis und es kommen neue Fragen auf, die dann wieder durch andere Texte geklärt und erweitert werden. König/ Zedler erklären, dass der hermeneutische Zirkel nicht als konkrete Forschungsmethode zu benennen ist. Der Abgleich, ob Informationen richtig oder falsch gedeutet werden, ist nicht gewährleistet (vgl., ebd., S.88ff.). Deshalb ist zu beachten, dass die hermeneutische Forschung immer subjektiven Einflüssen ausgesetzt ist. Die Berücksichtigung, wann die Informationsbearbeitung im laufenden Prozess zu beenden ist, um den Rahmen der Untersuchung einzuhalten, stellt eine essentielle Herausforderung dar.

Mögliche weiterführende Überlegungen sollten benannt werden und können als Grundlage für andere Arbeiten genutzt werden.

3.2 Vorstellung der Ikonographie und der Ikonologie

Die Ikonographie beschäftigt sich mit der Wahrnehmung und Beschreibung von Bildgegenständen. „Das Wort Ikonographie stammt aus dem Griechischen und bezeichnet im heutigen Sprachgebrauch die Beschreibung und/oder Interpretation des Inhaltes von Kunstwerken“ (Poeschel, 2009, S.13). Diese Methode der Analyse kann dazu genutzt werden, um historische Bildquellen auf ihre gesellschaftlichen, sozialen, politischen und religiösen Inhalte zu untersuchen. Eine bedeutende dreistufige Methode wurde 1939 von Erwin Panofsky veröffentlich (vgl. Poeschel, 2009, S.17). „Der erste Schritt besteht in der faktischen Feststellung der Bildelemente, Bildgegenstände und künstlerischen Motive im Vorgang des Wahrnehmens und Beschreibens“ (ebd.). Einzelne Bildelemente werden benannt, ohne sie zu analysieren. Die leitende Frage in dieser Phase ist: „was ist dargestellt?“ Die Herausforderung ist die ausschließliche Beschreibung. Oft sind Begriffe verinnerlicht, die durch Erfahrungen geprägt sind und einen festen Platzt in unserem Wortschatz haben. In der Ikonographie wäre die konkrete Beschreibung dessen was man sieht, beispielsweise: eine Person mit langen Haaren und einer kleineren Person auf ihrem Arm, die mit dem Mund eine Brustwarze der größeren Person umschließt. In unserer Gesellschaft würde jeder diese beobachtete Person als Mutter identifizieren und benennen.

Panofsky differenziert in das „primäre, oder natürliche Sujet“ (Panofsky, 1939/ 1955). Das primäre Sujet, was als Bildgegenstand zu verstehen ist, bezieht sich auf die ausschließliche Beschreibung und Wahrnehmung der Tatsachen und des Ausdrucks. „Der zweite Schritt der ikonographischen Analyse besteht im Benennen und Deuten des Themas, er verbindet die Motive und befasst sich mit der Gesamtdarstellung“ (Poeschel, 2009, S.18). In dieser zweiten Stufe der Ikonologischen Analyse, werden kulturell, politisch und epochal gemachte Erfahrungen und das Wissen, das diese Erfahrungen bereitstellt einbezogen.

„In einem dritten Schritt erfolgt die ikonologische Interpretation, die den Dokumentsinn eines Kunstwerks erfasst“ (Poeschel, 2009, S.19). Die beobachteten Daten werden ausgewertet und mit dem Vorwissen abgeglichen und interpretiert. Das heißt, wir gehen davon aus, dass die säugende Frau die Mutter des Säuglings ist. Diese Klassifizierung ist durch unsere kulturellen Erfahrungen geprägt. Diese kann durch die Erfahrung, die ein Rezipient in anderen Gesellschaften gemacht hat, unterschiedlich ausfallen.

Das kollektive Gedächtnis muss hierbei einbezogen werden, was durch Zusatzinformationen, die aus historischer Literatur oder wissenschaftlichen Quellen entnommen wird, geschieht. Somit werden Annahmen und Rückschlüsse belegt und es wird sichergestellt, dass die Interpretation nachvollziehbar ist.

3.3 Schulbuchanalyse als Teil der kulturhistorischen Forschung

Allgemein ist zu sagen, dass die Schulbuchanalyse sich in drei große Teilbereich einteilen lässt, die sich mit dem Prozess, dem Gegenstand als Unterrichtsmedium oder der Wirkung von Schulbüchern beschäftigt (vgl. Hoppe, 2010, S. 23). In den nachfolgenden Untersuchungen wird die wechselseitige Wirkung von Schulbüchern auf die Gesellschaft und das Individuum „bezüglich ihrer expliziten und impliziten Freund- und Feindbilder […] die syntaktisch-semantischen Vermittlung von Stereotypen“ (Matthes & Schütze, 2014, S. 9) betrachtet. Das Schulbuch als zu untersuchender Text für die Einstellungen, Gedanken und Gefühle von Menschen.

Der Einfluss der Gesellschaft auf die Darstellungen von Personen in Unterrichtswerken zeigt sich Anhand des Inhaltes und den Abbildungen. Diese können durch genaue Betrachtung und Analyse mit historischen Veränderungen verglichen werden. Schulbücher enthalten Informationen die „zur Entstehung eines gesellschaftlich bedingten und konstruierten Wissensvorrats führen, dessen sich die Individuen entsprechend ihrer gesellschaftlichen Rolle bedienen, um zu kommunizieren“ (Stürmer, 2014, S. 129). Es handelt sich hierbei um einen subjektiv geprägten Wissensvorrat, der sowohl vom Rezipienten als auch den Personen, die die Werke entwickeln, beeinflusst wird. Mit der Analyse dieses subjektiv geprägten Wissens und dem Abgleich mit historischem Wissen, kann eine Verallgemeinerung stattfinden.

Durch die Abbildungen und der verwendeten Sprache werden in Texten Konzepte gezeigt, die zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung aktuell waren. Die Betrachtung und Analyse der Materialien gibt die Möglichkeit diese zu vergleichen und dadurch Rückschlüsse auf die gesellschaftlichen und politischen Einflüsse zu ziehen.

4. Vorstellung und Analyse des Quellenmaterials

Die Grundlage meiner Untersuchungen bildet eine „Methodenkombination zur Auswahl von Fällen“ (Kelle, 2008, S.247). Sowohl die quantitative, als auch die qualitative Bild und Textanalyse werden herangezogen, um Informationen zu erhalten, die meine Fragestellung bedienen. Die Methoden der quantitativen und qualitativen Forschung können sich so ergänzen „indem die qualitative Fallauswahl und Fallkontrastierung durch quantitative Untersuchungen unterstützt wird“ (ebd.). Die Auswahl für qualitative Analysen zeigt sich als erschwert, wenn sie unstrukturiert oder zufällig geschieht. Durch eine quantitative Auswertung der Daten können die Beispiele vorab sortiert werden, um eine Auswahl zu treffen. Für die quantitative Auswertung sollte ein Kriterienkatalog erstellt werden. „Die Entwicklung eines geeigneten Anlyserasters stellt dabei die zentrale Aufgabe dar“ (Neumann, 2014, S. 285). Klare Überlegungen und Sorgfalt zur Erstellung dieses Rasters geben die Sicherheit, dass Daten genutzt werden, die zur Lösung der Fragestellung führen „von der Qualität dieses Instruments wird die Qualität der gesamten Studie bestimmt“ (ebd.). Dabei sollte die Auswahl der zu bearbeitenden Kriterien möglichst verständlich sein.

Die subjektive Meinung des Ausführenden hat immer einen Einfluss auf die Ergebnisse. Die qualitative Analyse einiger Bilddokumente, mit Hilfe der Ikonologie, die auf Erfahrungen und Wissen des Ausführenden zurückgreift, ist hierfür geeignet und wird im Folgenden angewendet.

4.1 Werke um1950

4.1.1 Quantitative Analyse

Abbildung 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Komm, wir lesen“ ist eine Fibel, die 1954 im Aschendorffsche Verlag erschienen ist. Es zeigt sich, dass etwa zwei Drittel der Darstellungen von Personen männlich und ein Drittel von Mädchen oder Frauen sind (Abb.:1). Die weiblichen Personen sind alle mit einem Rock oder Kleid gekleidet. Junge Mädchen spielen ausschließlich mit Puppen, zeigen sie sich in körperlichen Betätigungen, sind es solche wie Äpfel pflücken. Frauen, die in einem Beruf dargestellt sind, sind bei der Arbeit auf Bauernhöfen zu erkennen.

Männer, die in ihrem Beruf dargestellt sind, zeigen sich differenzierter und stellen Ärzte, Handwerker oder Bäcker dar. Jungs sind deutlich öfter im körperlichen Spiel abgebildet, dieses zeigt sich beim Raufen, Fußballspielen und Spielen im Schnee (Abb.: 3). Die Fibel steigt mit dem Märchen von Schneewittchen ein und im weiteren Verlauf werden verschiedene andere Märchen vorgestellt. Außerdem werden viele Texte genutzt, die im Inhaltsverzeichnis als Volksgut bezeichnet werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2

Die „Neue Fibel“ wurde 1957 vom Verlag Hahnsche Buchhandlung veröffentlicht. Das Verhältnis von den Darstellungen weiblicher und männlicher Personen ist fast ausgeglichen, wobei der Anteil von männlichen Darstellungen leicht überwiegt (Abb.: 2). Die Art der Darstellungen ähnelt der Fibel von 1954.

In beiden Werken gibt es deutlich mehr Abbildungen von Kindern als von Erwachsenen (Abb.: 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3

4.1.2 Ikonologische Analyse (Abbildung 1 im Anhang)

Das Bild zeigt einen Mann und einen Jungen. Beide sind mit einem Anzug gekleidet und haben einen Hut auf. Sie stehen links im Bild und schauen auf ein kleines Haus auf einem Pfahl, der im Boden steckt. Auf dem spitzzulaufenden Dach des Hauses sitzt ein Vogel. Neben dem Haus ist eine rosafarbene Hauswand zu erkennen. Die Hauswand hat ein Fenster, das von einem Kreuz in vier gleich große Quadrate geteilt wird. Im inneren ist an der oberen linken und rechten Ecke ein weißer Bogen zu erkennen. Der rechte Bogen wird von einer großen weiblichen Person mit einer Hand zur Seite geschoben. Die Person ist im Profil abgebildet und blickt in Richtung des kleinen Hauses. Am unteren Rand des Fensters sind die Köpfe von zwei kleine Menschen zu erkennen. Der Boden auf dem die männlichen Personen stehen ist weiß.

[...]

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Wie hat sich die Darstellung von weiblichen und männlichen Personen in Fibeln von 1950 bis 1980 verändert?
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Institut für Angewandte Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Lernen und Lehren im Schulmuseum
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
31
Katalognummer
V917481
ISBN (eBook)
9783346237262
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fibeln ein Vergleich der weiblichen Darstellung
Arbeit zitieren
Gülsah Janßen (Autor), 2017, Wie hat sich die Darstellung von weiblichen und männlichen Personen in Fibeln von 1950 bis 1980 verändert?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/917481

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