Inwiefern unterscheidet sich ein Buch der Kindheitsautonomie zu einem Buch, das zum selben Zeitpunkt in der ehemaligen DDR aktuell war?


Hausarbeit, 2016

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Welche Faktoren bestimmen die Zugehörigkeit eines Buches zur Kindheitsautonomie und wie zeichnet die sich aus?

3. Was ist charakteristisch für Kinderbücher aus der Nachkriegszeit, die in der DDR aktuell waren?

4. Welche Aspekte der Erzähltextanalyse sind für meine Fragestellung interessant und warum?

5. Kurze Zusammenfassung von „Tinko“

6. Kurze Zusammenfassung von „Der kleine Wassermann“

7. Wie gestaltet sich die erzählte Welt?

8. Erzähler, Zeitpunkt, Perspektive und Fokalisierung in beiden Werken

9. Darstellung der Figuren

10. Welche Moralvorstellungen werden über den Text transportiert und wie werden diese dargestellt?

11. Fazit

12. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Kinder und Jugendliteratur der 1950er Jahre zeichnet sich besonders dadurch aus, dass sie die Veränderungen der Gesellschaft wiederspiegelt. Eine gravierende Veränderung zeigt sich in dem veränderten Kindheitsbild. Der Kapitalismus und die Industrialisierung führen dazu, dass Familien ohne die Mithilfe der Kinder ihr Arbeitspensum zu bewältigen. Dieser Umstand bringt einen Gewinn an Zeit mit sich und somit die Schaffung eines eigenen Raumes für die Kindheit. Das bringt unter anderem mit sich, dass das Kind als eigenständige Leserschaft erkannt wird. Explizit auf Kinder zugeschnittene Literatur wird geschrieben und veröffentlicht. Der Entstehungsort ist bestimmend für Inhalte der Literatur. Selbst der Unterschied zwischen Ost- oder Westdeutschland ist maßgeblich. Mein Interesse gilt der Kinderliteratur der 1950er Jahre. Hierbei besonders der Umstand, wie sehr sich die Literatur eines Landes zur selben Zeit in verschiedenen Zonen unterscheidet. Die historisch- geschichtlichen, damals aktuellen Einflüsse geben einen signifikanten Ausschlag. Es entstehen zwei unterschiedliche Entwicklungen. Einerseits werden kindliche Freiräume erschaffen, in denen Probleme aus der Erwachsenenwelt lediglich eine Randrolle einnehmen. Andererseits entsteht Literatur, die das kindliche Leben als grundlegenden gesellschaftlichen Prozess herausstellt und die gesellschaftlichen Konflikte thematisiert (vgl. Richter 2012:60). Die Spezifika der Kinder- und Jugendliteratur der Fünfziger und Sechziger Jahre, besonders die Merkmale der Literatur in der DDR und der Literatur der Kindheitsautonomie werden dargestellt. Zwei exemplarische Werke sind zur Anschauung angeführt und genau betrachtet worden. Bei der Auswahl der Werke diente das Erscheinungsjahr als leitender Faktor. Erwin Strittmatters „Tinko“ ist ein Buch der ehemaligen DDR und wurde mit dem Jugendliteraturpreis 1955 ausgezeichnet. „Tinko galt neben Texten von Ludwig Renn (Trini; Nobi) als der `erste Höhepunkt in der Entwicklung der KJL der DDR“ (Richter 2012: 61). Aus diesem Grund ist der Text gut geeignet, um eine repräsentative Rolle einzunehmen. Als Vertreter der Kindheitsautonomie dient „Der kleinen Wassermann“ von Ottfried Preußler. Dieser erschien annähernd zur selben Zeit und erhielt ebenfalls einen Jugendbuchpreis. Durch die bis heute andauernde Aktualität des „Kleinen Wassermanns“ entstand ein Interesse an dem Buch. Preußler schafft mit dem „Kleinen Wassermann“ eine phantastische Welt, die bezaubernd wirkt. Er eröffnet die Welt der Phantasiewesen auf eine neue Weise. Um einen Vergleich zu schaffen, der sich zeitgleich einordnen lässt, fiel die Wahl auf diese beiden Werke. Der Fokus der Arbeit bezieht sich auf die Darstellung der Figuren. Wie haben die Autoren die Figuren gestaltet und welche Moralvorstellungen transportieren die Texte? Um diese Spezifika adäquat darzustellen, werden vorab die Aspekte der Erzähltextanalyse herausgearbeitet, die sich dafür als wichtig erweisen. Im Anschluss eine Vorstellung beider Werke, um einen kurzen Überblick über die Handlung zu geben. Im weiteren Verlauf wird die Darstellung der Hauptfiguren herausgearbeitet. Dabei wird der Vergleich der Werke Bezüge zu den Spezifika ihrer Gattung betonen. Die Darstellung der Moralvorstellungen nimmt einen weiteren Teil der Arbeit ein. Dabei wird beachtet, wie die Texte mit der Verarbeitung der Nachkriegszeit umgehen.

Ein Wandel der KJL ist zeitlich anzusiedeln um 1945, auch wenn man „bekanntermaßen keine Stunde Null“ (Weinkauff, Glasenapp 2010: 109) angeben kann. In den Anfängen, nach dem Krieg, war die KJL geprägt von Diktaten der alliierten Besatzer. Es sollte eine Literatur entstehen, „die einen institutionellen, personellen und ideellen Bruch mit der NS-Diktatur“ (Weinmann 2012: 13) klarstellt. Mit der Teilung Deutschlands in zwei Zonen stellte sich eine differenzierte Entwicklung in der KJL ein. Die Kinderliteratur löste sich von den Vorstellungen, dass die wichtigsten Attribute von Kindern das moralische Handeln sein sollte und setzte ihren Fokus auf kindgemäße Literatur. Wie sich diese zweigeteilte Literatur entwickelt, werde ich im Folgenden herausarbeiten.

2. Welche Faktoren bestimmen die Zugehörigkeit eines Buches zur Kindheitsautonomie und wie zeichnet die sich aus?

Astrid Lindgren erschafft mit „Pippi“ erstmals eine Figur, die das Glück der Kinder in den Vordergrund stellt. Sie entbindet die Abhängigkeit des Glücks von einer intakten Familie, indem sie eine Protagonistin erschafft, die sich als „unabhängig und autonom“ (Weimann 2012: 14) zeigt. Sie verwandelt dadurch „die Unterlegenheit des Kindes in Überlegenheit“ (Krüger 1965, S.50)“ (ebd.). Lindgren legt damit einen Grundstein, für die folgende Entwicklung, die den „Akzent […] auf dem ästhetischen Vergnügen, dem Spaß am Verrückten, an Nonsens und freier Komik“ (ebd.), legt. Diese Neuerungen führen zu den Anfängen der Kindheitsautonomie. Kindheit wird als eigenständiger Lebensabschnitt gesehen, der spezielle Bedürfnisse hat und Kinder und Jugendliche für die Zukunft qualifizieren soll. Es wird klargestellt, dass kindliche Literatur ihren Lesern gegenüber moderat dargestellt sein muss. Damit „wurde die Kindgemäßheit zum obersten Gestaltungsprinzip der neuen Kinderliteratur“ (Weinmann 2012: 20). Die Kinderliteratur sollte den Rezipienten die Möglichkeit geben, Problemen der Erwachsenenwelt zu entfliehen. Ein signifikantes Merkmal der Literatur der Kindheitsautonomie ist darin zu finden, dass die Erwachsenenwelt sich zu der kindlichen Welt konträr gestaltet. Die Kindheitsautonomie greift altbewährte Muster auf, wie zum Beispiel das eines fiktiven (mündlichen) Erzählers, der sich oft an den Leser wendet. Handlungskonstruktionen sind übersichtlich, die Figuren sind einprägsam, es gibt ein Happy End. Volkstümliche Literatur und kinderliterarische Neuauffassungen nehmen gleichsam eine Vorbildfunktion für die Literatur ein. Gedanken der Protagonisten werden oft oberflächlich gehalten. Es wurde Kritik geäußert, dass gesellschaftliche und geschichtliche Themen ausgeklammert werden. Eine Stimme, die sich dazu äußert, ist James Krüss, der in einer Rede von 1964 anmerkt, „dass die Wirklichkeit komplex war“ (Weimann 2012: 23). Er betont, dass er nicht eine Seite ausklammert, sondern eine andere hervorhebt. Die Wirklichkeit hat viele Facetten und Kinder sollen mit Themen konfrontiert werden, die sie mit ihren Fähigkeiten erfassen können. Themen, die außerhalb ihres kindlichen Seins existieren, können angedeutet, aber nicht als Hauptgegenstand betrachtet werden. Wobei die Andeutung weltlicher Probleme im kindgerechten Rahmen stattfinden muss. Die Entwicklung der Kinderliteratur zeigt sich einheitlich zur Entwicklung der Gesellschaft. Die Modernisierung verändert Lebensverhältnisse und damit das neue Lebensgefühl. Kindern und Jugendlichen wird ein eigenständiger Platz in der Gesellschaft zugestanden. Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Arbeit, Erholung und Entspannung wird als Grundvoraussetzung gesehen. Die Autonomie der Kindheit zeigt sich in der Literatur ihrer Zeit.

Die Nachkriegsthemen werden deutlich ausgeklammert oder lediglich beiläufig erwähnt. Im „Leuchtturm auf den Hummerklippen“ nutzt James Krüss die letzte Bombardierung Helgolands, um eine zeitliche Anordnung zu kennzeichnen. Dem Thema wird im folgenden Verlauf keine weitere Bedeutung gegeben. In „Mein Urgroßvater und ich“ werden sowohl die Eltern-, als auch die Großelterngeneration ausgespart. Ein wichtiges Merkmal der Kindheitsautonomie ist „der lustvolle Normverstoß, der sich meist gegen die Erwachsenenwelt richtet“ (Steinlein 2008: 329) und durch autonomes Verhalten der kindlichen Protagonisten dargestellt wird. Ein tolles Beispiel liefert „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler.

Weltliche Moralvorstellungen und die Wirklichkeit des Lebens können anhand von phantastischen Elementen erklärt werden. Kinder nehmen diese Stilmittel hin, wie sie sind und es bedarf keinerlei Erklärung (vgl. Steinlein 2008: 330). Phantastische Umschlagspunkte sind ein markantes Merkmal der Literatur der Kindheitsautonomie. Sie funktionieren als ein Ort, an dem sich ein Raum oder Fenster zeigt, die einen Zugang in die Parallelwelt ermöglicht.

3. Was ist charakteristisch für Kinderbücher aus der Nachkriegszeit, die in der DDR aktuell waren?

Die Kinder- und Jugendliteratur der DDR ist „eindeutig orientiert auf eine ideologische Erziehung der Heranwachsenden im Sinne der aufzubauenden Gesellschaft“ (Richter 2012: 59). Der Gegenstand beinhaltet oft eine Erzählung über eine kindliche Figur und eine Gruppe von anderen Kindern oder Erwachsenen. Entweder zeigt sich ein Kind, das von den Idealen überzeugt ist oder die Geschichten beschreiben, wie ein Außenseiter sich anhand der gesellschaftlichen Veränderungen orientiert und mit der Gruppe zusammenfindet. Als literarischer Schauplatz der Geschichte dominieren Dörfer, die sich aus verschiedenen Gründen eignen. Gesellschaftliche, politische und soziale Veränderungen können beispielhaft an den verschiedenen Gruppen eines Dorfes dargestellt werden. Konflikte geben Einblicke in sozial-ökonomische Verhältnisse, die zeigen, dass Kinder ebenso am Alltags- und Berufsleben beteiligt sind wie Erwachsene. Das Dorf kann „die gewünschten Fortschritte auf dem Gebiet der kollektiven Arbeit und des gemeinschaftlichen Lebens deutlicher wiederspiegeln als andere Kommunikationsräume“ (Richter 2012: 60). Charakteristisch für die Kinderliteratur der DDR der Nachkriegszeit ist „die weltanschauliche Beeinflussung Heranwachsender“ (Steinlein, Strobel, Kramer 2006: 4). Für die KJL der DDR trifft zu, dass die am charakteristischsten war, die einen Kontrast zwischen der blinden Bejahung des Systems und der radikalen Widerstandsbewegung aufnimmt. Die Werke zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich an den Grenzen zum Unerlaubten bewegen, diese aber nicht überschreiten.

In den Jahren bzw. Jahrzehnten bis 1970 erfüllt die KJL der DDR „den erzieherischen Auftrag, ihren kindlichen und jugendlichen Lesern solche Bilder bzw. Anschauungsmomente aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen und Epochen“ (Steinlein, Strobel, Kramer 2006: 7), zu zeigen, die eine „Herausbildung des erwünschten und erstrebten sozialistischen Menschentypus`“(ebd.), aufzeigen und beschreiben.

Die ersten Nachkriegsjahre zeichnen sich dadurch aus, dass Kinder und Jugendliche unausweichlich in ihrer ideologischen Gestaltung und ihrer falschen Orientierung geleitet werden mussten, um die nationalsozialistischen Nachfolgen zu eliminieren. Die Werke zeigen signifikante Veränderungen der Zeit, die zum Fortschritt führen. Die Entbindung der Kinder aus den alltäglichen Geschäften und die Vorausschau auf ein kindgerechtes Leben mit Freizeitangebot sind Gegenstand der Veränderungen. Die Industrialisierung zeigt sich als erlösende Instanz.

Zusätzlich ist zu betonen, dass die KJL der DDR sich keinesfalls nur auf die sozialistische Berieselung konzentrierte. Sowohl die kunstvollen Illustrationen, als auch die Fülle der Werke und ihre Qualität sollten Beachtung finden. Die Themen, die behandelt wurden, ähneln der der bundesdeutschen Kinderbücher über zerrüttete Familien, Scheidung der Eltern, Generationskonflikte und Umweltzerstörung.

4. Welche Aspekte der Erzähltextanalyse sind für meine Fragestellung interessant und warum?

Silke Jahn beschreibt drei Dimensionen des Erzähltextes. Sie betrachtet hierbei den Erzähler (wer erzählt), den Diskurs (wie wird erzählt) und die Geschichte (was wird erzählt) (vgl. Lahn, Meister 2013: 59). Die einzelnen Dimensionen sind wichtige Größen, um sich an ihnen zu orientieren. Dafür folgt eine Skizzierung der behandelten Punkte der Erzähltextanalyse. Der Fokus wird bei der Betrachtung der Figurendarstellung und den Moralvorstellungen liegen.

Zeitpunkt des Erzählens

In fiktiven Welten wird das Erzählen von Ereignissen vor ihrem Eintreten als früheres Erzählen bezeichnet. Diese Form wird angewendet, um Voraussagen oder Prophezeiungen zu beschreiben. Es wird zusätzlich mit dem Futur markiert. Nicht zu verwechseln mit Zukunftsgeschichten, diese können in einem anderen Modus geschrieben sein.

Beim gleichzeitigen Erzählen stimmen die erzählte Zeit und das Erzählen zeitlich überein. Diese Art von Erzählen findet „etwa bei der Kommentierung eines Fußballspiels durch einen Radioreporter“ (Lahn, Meister 2013: 94) statt.

Späteres Erzählen zeichnet sich dadurch aus, dass das Erzählte abgeschlossen ist und in der Vergangenheit liegt. Die Verwendung des Präteritums ist kein ausschlaggebendes Indiz. Eine besondere Form des Präteritums ist das epische Präteritum. Dieses markiert die Zeitlosigkeit eines Sachverhalts.

Das eingeschobene Erzählen beschreibt eine Mischung aus gleichzeitigem und späterem Erzählen. Ein Ereignis ist zum Zeitpunkt des Erzählens noch nicht abgeschlossen, deshalb mischen sich aktuell laufende Prozesse mit bereits abgeschlossenen. Diese Form des Erzählens zeigt sich beispielsweise bei Tagebucheinträgen. Dem Erzähler wird ermöglicht, zwischen einer aktiven Rolle im Geschehen und einer passiven, in der er über die Ereignisse schreibt, zu wechseln.

Beteiligung des Erzählers

Als homodiegetischer Erzähler werden Erzähler beschrieben, die Teil einer von ihnen erzählten Welt sind. Sie treten als eine, die Geschichte erlebende Figur auf und erzählen die Handlungen rückblickend. Sind Erzähler und Hauptfigur identisch, wird der Erzähler als autodiegetisch bezeichnet. Durch die Fülle der Informationen entsteht eine Nähe zur Erzählinstanz.

Heterodiegetische Erzähler sind Erzähler, die kein Teil der Geschichte sind und somit auch keine Figur der Geschichte darstellen (vgl. Lahn, Meister 2013: 67). Die Informationen werden allgemein gehalten und geben keine Einblicke in die persönlichen Gefühle und Gedanken des Erzählers. Es entsteht eine Distanz zwischen Erzähler und Rezipient.

„Wir halten fest, dass nicht für jeden Erzähltext zweifelsfrei entschieden werden kann, welche Erzählerposition vorliegt“ (Lahn, Meister 2013:76). Es ist wichtig, den gesamten Text zu betrachten und möglicherweise differenziert zu analysieren.

Fokalisierung

Fokalisierung beschreibt die Möglichkeit dessen, was eine Erzählinstanz wahrnimmt und weiß oder könnte. Nach Genette (vgl. Lahn, Meister 2013: 107) können drei Kategorien unterschieden werden.

Der Begriff Nullfokalisierung scheint eine konträre Aussage zu ihrem Inhalt zu haben. Gemeint ist, dass die Aussagen des Erzählers keinerlei Einschränkungen in Bezug auf sein Wissen und seine Wahrnehmung haben. Der Erzähler sagt mehr, als irgendeine Figur in der Geschichte wahrnimmt und weiß. Es wundert nicht, dass diese Ansicht auch als Allsicht bezeichnet wird.

Die externe Fokalisierung beschreibt eine Erzählinstanz, die weniger sagt, als die Figur weiß. Sie wird auch Außenansicht genannt.

Die interne Fokalisierung beschreibt einen Erzähler, der genau so viel sagt, wie die Figur weiß oder wahrnimmt. Sie wird auch Mitsicht genannt. Die interne Fokalisierung kann sich in einer festen (fixierten) Form zeigen. Die Informationen die mitgeteilt werden, kommen ausschließlich von einer Figur. Wird das Wissen und die Wahrnehmung verschiedener Personen mitgeteilt, wird von einer variablen internen Fokalisierung gesprochen. Wird ein Ereignis aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt, wird dies als multiple interne Fokalisierung identifiziert.

Figurengestaltung

„Figur“ (lat. figura: Form, Gestalt) wird abgeleitet von fingere, was ›vortäuschen‹ oder auch ›erdichten‹ bedeutet“ (Lahn, Meister 2013: 232). „Die Bewohner der fiktiven Welten fiktionaler Erzählungen nennt man ›Figuren‹“ (Martínes 2011: 145). In fiktionalen Texten agieren Figuren, in faktualen Texten wird von Personen oder Menschen berichtet. Die Besonderheit von Figuren werden darin gezeigt, dass sie nicht real sein müssen. Sie werden oftmals mit phantastischen Elementen verbunden. Ein unerlässliches Merkmal, um von einer Figur sprechen zu können, ist ihre Intentionalität. Sie zeigt sich anhand von Gedanken, Gefühlen, Wahrnehmungen, Wünschen und Absichten (vgl. ebd.). Figuren in fiktionalen Texten sind in sich abgeschlossen und trotzdem unvollständig. Alle Informationen, die die Figur betreffen, können dem Text entnommen werden. Trotzdem sind Figuren immer unvollständig, denn schon Details, die der Autor nicht erwähnt, z.B. die Frisur einer Figur, machen sie unvollständig. Das Vorwissen des Rezipienten ergänzt die fehlenden Informationen. Es entsteht eine spezielle Vorstellung von der Figur, die individuell ist. Widersprüchliche Informationen, die mit dem Vorwissen korrelieren, werden durch gattungstypologisches Wissen ergänzt und in einen sinnvollen Kontext gebracht. Figuren übernehmen in fiktionalen Texten die relevante Funktion der Bedeutungsvermittlung (vgl. Lahn, Meister 2013: 232).

Um Figuren beschreiben zu können, müssen mögliche Hinweise genau analysiert und interpretiert werden. „Eine Figur kann mehr oder weniger komplex sein: Eine [sic!] kleiner Merkmalssatz macht sie ›flach‹ oder einfach, eine Vielzahl und Vielfalt von Wesenszügen ›rund‹ oder komplex “ (Martínes 2011: 147). Je nachdem, wie sich diese Merkmale im Verlauf der Geschichte verändern, sind die Figuren statisch (gleichbleibend) oder dynamisch (verändert). Oft sind die Komplexität und die Dynamik von Figuren miteinander verbunden. Figuren mit einem kleinen Merkmalssatz sind oft statisch. Figuren mit einem komplexen Merkmalssatz, die sich verändern und dabei ihren Merkmalssatz erweitern, sind dynamisch.

Stereotype Figuren sind „wesentlich durch die Funktion bestimmt, die sie für den Fortgang der Handlung besitzen“ (Martínez 2011: 147). Über diese Funktion heraus, besitzen sie keinen eigenständigen Merkmalssatz.

Die Figurencharakterisierung bezieht alle Informationen ein, die im Text über die Figur gegeben werden. Dabei gibt es den Unterschied der impliziten und der expliziten Figurencharakterisierung. „Selbstcharakterisierung von Figuren und Fremdkommentare durch andere Figuren oder den Erzähler gehören zur expliziten“ (ebd.) Figurencharakterisierung. Implizite Charakterisierungen werden durch Angaben erreicht, die Schlussfolgerungen oder Vorinformationen des Rezipienten aktivieren. Beispielsweise wird eine Figur beschrieben, die ihre gesamten Ferien im Haus verbringt und sich mit naturwissenschaftlichen Projekten beschäftigt. Der Leser impliziert, dass die Figur ein Einzelgänger ohne viele Freunde ist.

Moralvorstellungen

„Der Begriff › Moral‹ […] umfasst je nach Definition die Gesamtheit oder einen Teil der in der Gesellschaft […] verbindlichen Handlungsorientierungen und Verhaltenserwartungen, die als Sitten, Normen oder Ideale wirksam werden.“ (Martínes 2011: 102).

Erzählungen fassen diesen Umstand auf und spiegeln ihn in verschiedenster Form in den Texten wieder. Erzählungen schaffen einen Rahmen, der erwünschtes oder nichterwünschtes Verhalten und die daraus resultierenden Folgen aufzeigen kann.

„Normgerechtes Verhalten wird belohnt oder Normverletzungen werden sanktioniert“ (Martínez 2011: 103). Normen werden als „situationsbezogene Handlungsvorschriften, die Ausdruck soziokultureller Wertvorstellungen sind und durch Sanktionen abgesichert werden“(ebd.) betrachtet.

Erzählerbelehrungen können direkt über die Erzählrede realisiert werden oder über eine Instanz, die sich den Moralvorstellungen annimmt, z.B. Redner, Weisheitslehrer, Prediger oder andere Autoritäten. Narrative Bewertungen werden über die Darstellung der Möglichkeiten und über die Entscheidungen der Protagonisten aufgezeigt. Bedeutungstragende Oppositionen werden aufgezeigt. Ihre Bewertung wird beim Rezipieren verstärkt. „Die moralischen Geschichten der Volksaufklärer, die auch neue Tugenden wie Pünktlichkeit und Sparsamkeit propagieren, belohnen etwa durch Zufriedenheit, sozialen Aufstieg oder Anerkennung und bestrafen durch schlechtes Gewissen, ökonomische Verluste oder auch den Tod (Alzheimer- Haller 2004:121ff.).

Das Märchen belohnt Treue oder Fleiß durch Reichtum oder Heirat und bestraft Untreue oder Faulheit durch Armut oder Züchtigungen.

Wertungen können ebenfalls durch Satire dargestellt werden. Moralisch Unzugängliches wird in den Hintergrund gerückt, indem moralisch negatives und positives Handeln relevanter dargestellt wird.

Die Wahl einer Erzählperspektive kann eine Favorisierung von Einstellungen implizieren, welches zu ethischen Konsequenzen führen kann. Bereits einfache Mittel wie die Verwendung von Spottnamen, wie ›Wurst‹ oder ›Fräulein Etepetete‹ können Wertungen implizieren.

Die Erkennung und das Verständnis für diese Art der Moralvermittlung ist eng an den Rezipienten gebunden. Einerseits hat sein eigenes moralisches Empfinden einen Einfluss, andererseits kommt es darauf an, ob dem Leser die unterschwelligen Moralvorstellungen überhaupt auffallen.

5. Kurze Zusammenfassung von „Tinko“

Erwin Strittmatter verfasst 1954 das Kinder und Jugendbuch „Tinko“. Mit einer literarisch metaphorischen Sprache, die sich naturbezogen zeigt, beschreibt er die Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf. Aus der Sicht des Jungen Martin Krazke, genannt Tinko, wird das alltägliche Leben beschrieben. Tinko hat seine Mutter im Krieg verloren und sein Vater ist als Soldat in den Krieg gezogen. Der Junge wächst bei seinen Großeltern auf einem Bauernhof auf. Die alltägliche Arbeit wird sowohl von Tinko, als auch von seinen Großeltern bestritten. Tinko geht ausschließlich zur Schule, wenn er nicht auf dem Hof gebraucht wird. Als sein Vater, der Heimkehrer, aus dem Krieg zurückkommt, hat er keine Beziehung zu ihm. Mit dem Heimkehrer kommen viele Neuerungen. Diese zeigen die Kollektivierung der Landwirtschaft in Ostdeutschland. Strittmatter schafft einen guten Einblick in die Konflikte, die sich durch die Entwicklungen ergeben. Der Konflikt zwischen Alt und Neu wird in Form des Konfliktes zwischen dem Großvater und dem Heimkehrer personalisiert. Der Großvater wehrt sich gegen die Neuerungen, die der Heimkehrer vorschlägt. Tinko, der erst ausschließlich zu seinem Großvater steht, lässt sich nach und nach auf die Neuerungen ein. Diese betreffen neben den sozialen und ideologischen Veränderungen auch die des Kindheitsbildes. Den Kindern wird erstmals ein kindlicher Erfahrungshorizont ermöglicht. Schulische Bildung und Freizeitangebote werden als wichtige neue Größen benannt. Der Heimkehrer baut eine Beziehung zu einer jungen Frau auf, die ebenfalls eine Tochter hat. Sie ist eine Umsiedlerin. Strittmatter geht am Rande auf die Flüchtlinge und Umsiedler ein, ohne das Thema zu vertiefen. Die junge Frau Clary ist in Tinkos Familie bekannt. Sie ist als helfende Kraft auf dem Hof der Großeltern tätig, bis der Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt.

Der Konflikt zwischen dem Großvater und dem Vater eskaliert, letzterer verlässt den Hof und zieht zu der jungen Frau und ihrer Tochter. Tinko bleibt bei den Großeltern. Er hat Vorurteile gegen die Verbindung von Frau Clary und dem Heimkehrer. Tinkos Vorurteile sind Ausdruck seiner Unwissenheit und seiner Ängste. Die Vorzüge der Entwicklung bringen Tinko dazu, über die Vorwürfe gegen den Vater nachzudenken. Nach und nach verändert sich seine Einstellung zum Vater und er bildet sich eine eigene Meinung. Durch seine veränderte Einstellung gerät er in Konflikte mit seinem Großvater. Tinko lässt aus Loyalität seinem Großvater gegenüber lange die Annäherungsversuche seines Vaters nicht zu. Bis es zu einem Vorfall kommt, bei dem der Großvater Tinko stark körperlich verletzt. Nun wird Tinko klar, dass die Neuerungen, die mit seinem Vater kommen, gut gemeint sind. Sein Großvater wird dadurch endgültig in ein negatives Bild gerückt, das schon im Vorfeld angedeutet wird. Zum Abschluss der Erzählung spitzen sich die Zustände zu und enden mit dem Tod des Großvaters.

6. Kurze Zusammenfassung von „Der kleine Wassermann“

„Der kleine Wassermann“ ist eine phantastische Erzählung von Ottfried Preußler, die 1956 erschienen ist. Sie erzählt von einem Wassermann und seiner Frau, die am Boden des Mühlenweihers leben und Nachwuchs bekommen. Dieses Ereignis wird mit einem riesigen Fest gefeiert. Der kleine Wassermann entwickelt sich schnell und möchte bald nicht mehr nur bei seiner Mutter zu Hause sein. Sein Vater nimmt den kleinen Wassermann auf eine erste Erkundungstour durch den Mühlenweiher mit. Bereits bei seinem ersten Ausflug macht ihn der Vater mit Cyprinus dem Karpfen bekannt. Im weiteren Verlauf der Geschichte werden die Beiden gute Freunde. Schon bald darf der Wassermann allein den Mühlenweiher erkunden. Mit kindlicher Neugier und Entdeckungsslust erlebt der kleine Wassermann einige Abenteuer. Ein wichtiger Schritt zeigt sich, als sein Vater ihn mit an die Wasseroberfläche nimmt. Er lernt eine neue Welt kennen, die ihn fasziniert. Der Leser begleitet den kleinen Wassermann bei seinen Abenteuern. Seine Begegnung mit einer Gruppe von Jungen im Herbst verläuft positiv. Die Jungen nehmen den Wassermann an, als wäre er einer von ihnen. Die Unterschiede zwischen ihnen sind deutlich, bekommen allerdings keine weitere Gewichtung. Der Autor beschreibt mit einigen Geschichten, wie der kleine Wassermann gegen Regeln verstößt. Dabei kommt es zu Bestrafungen, die einerseits als Züchtigungen des Vaters, anderseits als Schicksalsschläge für den kleinen Wassermann dargestellt werden.

Die Geschichte endet mit dem Einbruch des Winters und dem damit einhergehenden Winterschlaf, den die Wassermenschen halten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Inwiefern unterscheidet sich ein Buch der Kindheitsautonomie zu einem Buch, das zum selben Zeitpunkt in der ehemaligen DDR aktuell war?
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Literatur der Kindheitsautonomie
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V917482
ISBN (eBook)
9783346237231
ISBN (Buch)
9783346237248
Sprache
Deutsch
Schlagworte
"Tinko" und "der kleine Wassermann" im Vergleich
Arbeit zitieren
Gülsah Janßen (Autor), 2016, Inwiefern unterscheidet sich ein Buch der Kindheitsautonomie zu einem Buch, das zum selben Zeitpunkt in der ehemaligen DDR aktuell war?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/917482

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