"Zivilisation" und "Kultur" in Thomas Manns 'Der Zauberberg'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
25 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Zivilisation“ und „Kultur“ in den „Gedanken im Kriege“
2.1 Die Kultur
2.2 Die Zivilisation

3. Zivilisation und Kultur im „Zauberberg“?
3.1 Der Zivilisationsliterat Lodovico Settembrini
3.2 Leo Naphta: Der Prophet des Gottesstaates

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Die Zeit nach dem Abschluss des Romans „Königliche Hoheit“(1909) war für Thomas Mann eine rechte Leidenszeit. Zwar hat er mit seiner Hochzeit im Jahre 1905 sich die oft zitierte „Verfassung gegeben“, doch bedeutete dies gleichzeitig das Aufgeben eines ungezwungenen Lebens als Bohemien. Sein Konflikt zwischen der pflichtbewussten Welt des Vaters und der künstlerisch-freien der Mutter schien zugunsten der ersteren entschieden zu sein. Allerdings stellte sich für ihn infolgedessen eine Schaffenskrise ein, fehlte es doch an persönlichem Konfliktpotenzial. Es entstanden zwar einige kleinere Werke, Aufsehen erregend blieb jedoch einzig Der Tod in Venedig. Das nächste Projekt, welches später als Der Zauberberg einen tausendseitigen Roman bilden sollte, war als humoristisches Gegenstück zu der großartigen Novelle von 1912 geplant.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges änderte sich die Situation zusehends. Thomas Mann nahm nun begeistert Stellung zu diesem. Er sah den Krieg als Ausweg aus seiner Krise, gab er doch neuen Konfliktstoff. Das literarische Werk trat dagegen zunehmend in den Hintergrund, denn zunächst galt es, einen Standpunkt im Weltkrieg einzunehmen. Ausfluss dessen waren zunächst die Gedanken im Kriege. Hier verteidigte er die tiefe deutsche Kultur gegen die oberflächliche Zivilisation der Entente-Staaten. Der Unpolitische nahm durch diesen Essay zum ersten Mal politisch Stellung. Dabei sollte die hier formulierte Weltsicht bestimmend sein für die nächsten Jahre. Er beabsichtigte, dieses Konzept auch auf den Zauberberg zu übertragen. Die intellektuellen Vorleistungen hierfür sollten in den Betrachtungen eines Unpolitischen erbracht werden, die im Grunde jedoch lediglich die Gedanken des Essays vertieften. Im Roman sollte im Anschluss daran der Held, Hans Castorp zwischen einem fortschrittlichen Zivilisationsliteraten und einem Vertreter des reaktionären Konservatismus, zwischen Zivilisation und Kultur zu wählen haben.

Mit der Niederlage Deutschlands und dem Hinwegfegen des Kaiserreiches durch die Revolution war das Mann’sche Oppositionspaar aus Kriegstagen obsolet geworden. In den wirren Geburtstunden der Weimarer Republik sah sich Thomas Mann mit einer ganz neuen politischen Situation konfrontiert. Dies musste unweigerlich Auswirkungen auf die 1919 wieder aufgenommene Arbeit am Zauberberg-Manuskript haben. Es stellt sich daher die Frage, inwiefern die beiden gegensätzlichen Ideologien Settembrinis und Naphtas mit dem Oppositionspaar Zivilisation und Kultur gleichzusetzen sind. Zu hinterfragen ist, ob Thomas Mann seine feindliche Einstellung gegenüber des Prinzips Zivilisation aufgrund der veränderten politischen Frontlinien in der jungen Republik beibehalten hat oder ob er nun den Zivilisationsliteraten Settembrini anders betrachtet. Es gilt ferner zu überprüfen, ob die lapidare Feststellung Scholdts und Walters, es sei „literaturwissenschaftliches allgemeinwissen (sic!)“, dass Naphta den Kultur-Begriff der Betrachtungen verkörpere,[1] dieser Figur gerecht wird.

Daher sollen zunächst die Begriffe „Zivilisation“ und „Kultur“ im Sinne der Gedanken im Kriege vorgestellt werden. Im Hauptteil erfolgt anschließend eine getrennte Untersuchung der beiden Kontrahenten. Es gilt dabei, ihre jeweilige politische Position zu bestimmen. Anhand der Beschreibung der Figuren durch den Erzähler wird versucht, auf die Einstellung des Autors zu den beiden Personen und zu den durch sie vertretenen Meinungen zu schließen. Daher kommt es auch darauf an, festzustellen, wie die hier betrachteten Figuren dargestellt sind.

Die Interpretationen über den Zauberberg sind zahlreich. Auffallend ist dabei, dass Naphta weitaus häufiger im Mittelpunkt des Interesses steht als Settembrini. Des Weiteren wird häufig das historische Vorbild gesucht, welches Thomas Mann als Vorlage für seine Figurenkonzeption gedient haben könnte. Hier geht es jedoch darum, literarische Figuren mit dem essayistischen Werk zu vergleichen.

2. „Zivilisation“ und „Kultur“ in den „Gedanken im Kriege“

Thomas Mann begrüßte im August 1914, wie viele andere deutsche Intellektuelle,[2] den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Für ihn war dieser, wie eingangs erwähnt, auch eine Befreiung aus einer Schaffenskrise.[3] Seine Kriegsbegeisterung machte er in dem Essay Gedanken im Kriege kund, der bereits im November des Jahres in der Neuen Rundschau erschien.[4] Den Krieg erklärte er darin als eine Auseinandersetzung zwischen Kultur und Zivilisation. Diese beiden Begriffe seien eben nicht, wie oft gemeint, das Gleiche, sondern als Erscheinungsformen des „ewigen Weltgegensatzes […] von Geist und Natur“[5] zu verstehen. Im Folgenden sollen die beiden Begriffe im Mann’schen Sinne definiert werden.

2.1 Die Kultur

„Kultur ist Geschlossenheit, Stil, Form, Haltung, Geschmack, ist irgendeine gewisse geistige Organisation der Welt, und sei das alles auch noch so abenteuerlich, skurril, wild, blutig und furchtbar. Kultur kann Orakel, Magie, Päderastie, Vitzliputzli, Menschenopfer, orgiastische Kultformen, Inquisition, Autodafés, Veitstanz, Hexenprozesse, Blüte des Giftmordes und die buntesten Greuel umfassen.“[6]

Dieses Zitat, die Kerndefinition seiner Vorstellung von Kultur, zeigt, dass sich für Th. Mann unter diesem Begriff zwei scheinbare Gegensätze vereinen: Zum einen ist die Kultur wild, roh, ungeschliffen und triebhaft. Sie drückt die dunkle, tiefe Seite der menschlichen Natur aus, ist die Natur schlechthin. Andererseits wird diese Zügellosigkeit zusammengehalten durch eine „gewisse geistige Organisation“. Das barbarische Grundmotiv wird gebändigt und in Formen gebracht. Kultur ist demnach nicht nur das Wilde, sondern eine „stilvolle Wildheit“.[7] Am deutlichsten kommt die Kultur in der Kunst und im Genie zum Ausdruck, denn sie sind die „Sublimierung des Dämonischen.“[8] Als Vorbild dient Goethe, der „dämonischste Deutsche und kultivierteste Sohn der Natur“, der sich gegen die französische Revolution als Ausdruck der Zivilisation stellte.[9] Die Kunst ist nicht an der Zivilisierung interessiert. Vielmehr ist sie ganz und gar unpolitisch, daher antirevolutionär. Da sie leidenschaftlich und natürlich ist, ist sie eine erhaltende, keine auflösende Macht.[10] Auf den folgenden Seiten zeigt Th. Mann die Verwandtschaft von Kunst und Krieg und identifiziert die deutsche Seele ob ihrer Tiefe als Träger der Kultur.[11] Doch das wichtigste wurde bereits gesagt: die Kultur ist für ihn unpolitisch und konservativ, daher gegen den Geist der Zivilisation.

2.2 Die Zivilisation

Die Ausführungen zur Zivilisation fallen gegenüber denen zur Kultur recht spärlich aus. Im Grunde ist sie all das nicht, bzw. genau das Gegenteil zu dem, was das „deutsche Element“ ist. Vor allem ist sie

„[…] Vernunft, Aufklärung, Sänftigung, Sittigung, Skeptisierung, Auflösung, - Geist. Ja, der Geist ist zivil, ist bürgerlich: er ist der geschworene Feind der Triebe, der Leidenschaften, er ist antidämonisch, antiheroisch und […] antigenial […].“[12]

Die Zivilisation zeichnet sich vor allem durch Mäßigung und Vernunft aus. Sie drückte sich durch die Aufklärung aus, die das Vernunftprinzip als Leitmaxime ausrief. Den Höhepunkt feierte sie folgerichtig in der französischen Revolution und in der Ausrufung der Republik, deren Träger das Bürgertum ist. Der Held der Zivilisation ist daher Voltaire, zugleich Gegenpart zu Friedrich dem Großen. Sie verkörpern die Gegensatzpaare: Vernunft und Dämon, Geist und Genie, bürgerliche Sittlichkeit und heroische Pflicht, großer Zivilist und großer Soldat und stehen stellvertretend für Frankreich und Deutschland.[13] Als Typus der Zivilisation entwickelt Th. Mann im Laufe des Krieges den „Zivilisationsliteraten“, wie er ihn dann durchweg in den Betrachtungen eines Unpolitischen beschreibt.[14]

Die Zivilisation steht ganz klar für Parlamentarismus und Demokratie und somit für die Entente-Staaten. Da diese Länder die Feinde Deutschlands im Ersten Weltkrieg sind, versteht es sich von selbst, dass Th. Mann sich durch die von ihnen vertretenen Prinzipien bedroht fühlt. Er wertet sie folgerichtig ab, hält sie für korrupt, oberflächlich und weibisch.[15]

Wichtig bleibt fernerhin festzuhalten, dass sich die zivilisierten Länder in Th. Manns Augen als Erzieher verstehen. Sie wollen Deutschland dem Militarismus entwöhnen und stattdessen durch „menschheitsbeglückende[.] Ideen“ auf eine „höhere[.], edlere[.], freiere[.] Stufe“ bringen.[16]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Zivilisation für Th. Mann Politik, Demokratie, Auflösung und Revolution bedeutet. Er lehnt sie daher entschieden ab.

3. Zivilisation und Kultur im Zauberberg?

Der Roman Der Zauberberg lebt von den Gegensätzen, zwischen denen der Held Hans Castorp hin und her gerissen wird. Die verschiedenen Positionen sind mit ganz eigenen kulturphilosophischen Aspekten und sogar Klischees aufgeladen. Aber auch eine politische Komponente schwingt mit ihnen. Besonders kommt letzterer Punkt bei den Figuren Settembrini und Naphta zum Ausdruck. Diese sollen nun auf ihren politischen Gehalt hin untersucht werden.

[...]


[1] Scholdt, Günther und Dirk Walter: Sterben für die Republik? Zur Deutung von Thomas Manns „Zauberberg“. In: Wirkendes Wort. Deutsche Sprache in Forschung und Lehre 30 (1980), S. 108-122, hier: S. 109.

[2] So unter anderem Max Scheler, Werner Sombart, Ernst Troeltsch oder Robert Musil. Vgl. Sontheimer, Kurt: Thomas Mann und die Deutschen. Überarbeitete Neuauflage. München: Langen Müller 2002, S. 36f. Ebenso Wißkirchen, Hans: Zeitgeschichte im Roman. Zu Thomas Manns Zauberberg und Doktor Faustus (= Thomas-Mann-Studien, Bd. 6). Bern: Francke 1986, S. 26f. Einen Einblick in verschiedene Meinungen deutscher Intellektueller bieten Schneider, Uwe und Schuman, Andreas (Hrsg.): Krieg der Geister. Erster Weltkrieg und literarische Moderne. Würzburg: Königshausen & Neumann 2000.

[3] Vgl. Kurzke, Herman: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk. München: C. H. Beck 1999, S. 237.

[4] Vgl. Ders.: Die politische Essayistik. In: Koopmann, Helmut (Hg.), Thomas-Mann-Handbuch. 3., aktualisierte Aufl. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch 2005, S. 696-706, hier S. 697.

[5] Mann, Thomas: Gedanken im Kriege. In: Thomas Mann. Essays. Bd. 1: Frühlingssturm 1893-1918. Herausgegeben von Hermann Kurzke und Stephan Stachorski, 2. Aufl. Frankfurt/M.: S. Fischer 1993, S. 188-205, hier S. 188. (im Folgenden zitiert als Gedanken)

[6] Gedanken, S. 188.

[7] Ebd.

[8] Ebd., S. 189.

[9] Ebd.

[10] Vgl. ebd., S. 190.

[11] Vgl. ebd., S. 190ff.

[12] Ebd., S. 188.

[13] Vgl. ebd., S. 195.

[14] Vgl. Mann, Thomas: Betrachtungen eines Unpolitischen. Berlin: S. Fischer 1919. (im Folgenden zitiert als Betrachtungen)

[15] Vgl. Gedanken., S.197ff.

[16] Ebd., S. 203.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
"Zivilisation" und "Kultur" in Thomas Manns 'Der Zauberberg'
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V91750
ISBN (eBook)
9783638046459
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zivilisation, Kultur, Thomas, Manns, Zauberberg
Arbeit zitieren
Christoph Wowtscherk (Autor), 2008, "Zivilisation" und "Kultur" in Thomas Manns 'Der Zauberberg', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91750

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