Zur spezifischen Leistung von Bildern in Kommunikation anhand eines multikodalen Textes


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
24 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Audiovisualität
2.1 Begriff
2.2 Die Text-Bild-Schere
2.3 Die Korrespondenz von Sprache und Bild

3. Bilder als Zeichen

4. Transkriptivität

5. Der multikodale Text: Nachrichten

6. Sprache vs. Bild
6.1. Funktionen von Sprache und Bild
6.2 Für die Herrschaft des Bildes
6.3 Gegen die Herrschaft des Bildes
6.4 Die Komplementarität von Sprache und Bild

7. Analyse
7.1 Bericht der CNN
7.2 Bericht der ARD

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Schon 30 000 Jahre alte Zeugnisse paläolithischer Kunst belegen ein sich in Malerei und Gravur ausdrückendes, symbolisches Darstellungsvermögen des Menschen, das

„keineswegs auf eine primitive Repräsentation der Welt, sondern auf die hoch abstrakte Komposition mythologischer, in mündliche Sprechhandlungskontexte eingebettete Symbolordnungen zielte“ (Jäger 2002, 28).

Sinn konstituierte sich, indem verschiedene Symbolsysteme in transkriptive Beziehung gebracht wurden (vgl. ebd., 28ff.). Seit dem 20. Jahrhundert geht man auch in der Philosophie davon aus, dass das menschliche Verhältnis zur Welt ein durch Zeichen vermitteltes Verhältnis ist. Der Mensch ist nach Cassirer ein animal symbolicum. Um erkennen zu können, müssen wir Zeichensysteme entwickelt haben (vgl. Sachs-Hombach 2006, 41). Bilder entstanden noch vor der Schrift, die menschliche Bilderpraxis ist eine der ältesten Kulturtechniken. Es gibt keine eindeutige Erklärung für die Entstehung von Bildern, man vermutet, dass Höhlenbilder und Körperbemalungen in kultischen und magischen Zusammenhängen stehen (vgl. ebd., 31).

Was leisten Bilder aufgrund ihrer Wahrnehmungsnähe? Und was leisten sie speziell im Gegensatz zu Sprache; was müssen sie kompensieren? Ich werde neben diesen zentralen Fragestellungen auf den Begriff der Audiovisualität eingehen und die Begrifflichkeit der Bilder als Zeichen erläutern. Es folgt ein kurzer Exkurs zu Ludwig Jägers Transkriptivität. Ich untersuche, wie sich der Text-Bild-Bezug in Nachrichtensendungen äußert – dazu folgt im letzten Kapitel eine Analyse zweier Nachrichtensendungen zum selben Thema. Es kommt mir darauf an, zu zeigen, wie sich die Auswahl und Beschreibung der Bilder unterscheidet.

2. Audiovisualität

2.1 Begriff

Die überwiegend vorherrschende Sprache im Fernsehen ist die gesprochene. Diese wird verbunden mit bewegten Bildern – das macht die Modalität der Fernsehkommunikation aus: Audiovisualität (vgl. Holly 2004a, 42ff.). In der natürlichen Kommunikation werden Stimme und nonverbale Körpersprache getrennt voneinander hergestellt, das passiert, wie deren Wahrnehmung, fast selbstverständlich. Bewusst wird diese Verbindung erst bei Störungen oder Widersprüchen. Holly sieht das Spezifikum medialer Audiovisualität daher weniger in der Kombination mehrerer Kodes, als vielmehr in deren Manipulierbarkeit bei der Herstellung und Zusammenführung der getrennten Kodes zu einem Text (vgl. ebd., 39). Beim audiovisuellen Zusammenspiel wird das Verstehen durch brückenbauende Elemente erleichtert: Visualisierung von Sprache durch Bildhaftigkeit in der Sprache, andererseits durch sprachartige, sprachnahe Schemata (vgl. Holly 2005, 22).

Einen Mangel sieht Holly darin, dass audiovisuelle Medien Einwegmedien sind und somit keine Interaktion zulassen, denn „das audiovisuelle Gegenüber“ (Holly 2004a, 4), der präsente Adressat, fehlt. Um sich der Alltagskommunikation anzunähern, sind gesprächshafte Formate beliebte Fernsehgattungen, die sich mehr und mehr durchsetzen, um dadurch vor allem das Manko der Einwegkommunikation zu überspielen. Sendungen wie Talkshows oder Programme mit Interviews sollen zur Intimität der Kommunikation beitragen (vgl. ebd., 45). Das Einwegmedium kann kompensiert werden durch eine vielfältige Inszenierung und Manipulation, was einen weiteren Unterschied und Mangel zur natürlichen Kommunikation darstellt. Ton und Text werden meist künstlich zusammengefügt und sind nicht unmittelbar miteinander kombiniert. Auch was scheinbar spontan gesendet und gesprochen wird, ist oft vorbereitet bzw. geschrieben, die Regie kontrolliert permanent die angebliche Spontaneität.

Das hat den Begriff der sekundären Oralität hervorgebracht:

„Zusammen mit der gesteigerten Wirkung von Körpersprachlichem [...] und der noch stärker manipulierbaren gesamten Bildlichkeit [...] entsteht damit etwas, was man als 'sekundäre Audiovisualität' bezeichnen könnte, die von der primären in natürlicher Kommunikation weit entfernt ist“ (Holly 2004b, 3).

Gerade die Live-Übertragung steigert den Realitätsgrad, da das Bild nicht nachträglich verändert werden kann. Doch schon der Einsatz mehrerer Kameras und das Hin- und Herschalten zwischen ihnen bringt wieder einen manipulativen Akt ins Spiel. Trotzdem scheinen Live-Sendungen dem Zuschauer das Gefühl zu geben, er nehme unmittelbar teil (vgl. Holly 2004a, 40). Dass der Kommunikator nicht immer zu sehen oder zu hören ist, sondern die Kommunikationsmöglichkeiten durch andere Modes wie zusätzliche Töne oder Bilder erweitert werden, unterscheidet diese sekundäre Audiovisualität zusätzlich von der natürlichen Kommunikation (vgl. ebd., 3ff.; vgl. Holly 2004b, 2ff.).

Holly untersucht die Besonderheiten der audiovisuellen Medien. Sie verarbeiten Zeichenkodes in verschiedenen Modes, zudem sind die Bilder hier nicht statisch, sondern durch die Sprache-Bild-Kombination werden dynamische Formen des jeweiligen Zeichensystems hervorgerufen. Durch diese Kombination wird etwas vom Reichtum der natürlichen Kommunikation zurückgewonnen. Körpernahe Kommunikationsweisen wie Mimik, Gestik und Sprache gehen über räumliche und zeitliche Abstände hinweg:

„Es ist, als ob wir den kommunizierenden Menschen vor uns hätten, mit seiner ganzen dynamischen Rhythmik, mit seiner wirksamen Ausdruckskraft und auch mit der Flüchtigkeit seines Auftretens“ (ebd., 4).

Damit erklärt sich Holly auch die Unattraktivität der Verbindungen von Sprechsprache und statischen Bildern wie bspw. bei Diavorträgen. Fernsehen ist bisensuell bzw. bimodal: Alle Elemente wie Sprache, Bild, Geräusche und Musik werden zu einem Gesamtkomplex verbunden. Dadurch wirkt es intimer und stärker personalisiert (vgl. Holly 2005, 13).

2.2 Die Text-Bild-Schere

Eine Randbedingung für die Förderlichkeit von Bildern auf die Informationsvermittlung ist der Grad der Übereinstimmung zwischen Bild- und Textinformation. Dabei wird vermutet, dass Filmberichte nur dann zur Behaltensleistung beitragen, wenn die bildliche Information den Text unterstützt, mit ihm korrespondiert oder redundant ist. Ist das nicht der Fall, spricht man von einer Text-Bild-Schere. Diese reicht von einer fehlenden Beziehung bis hin zum Gegensatz. Holly verwendet dafür den Begriff des Text-Bild-Reißverschlusses (vgl. Holly, 4).

Eine Text-Bild-Schere ergibt sich in folgendem Beispiel: Während es im Text um die Probleme geht, die Bush mit den Verbündeten hat, und die fatalen Folgen, sieht man im Bild zwar Bush, aber ansonsten sehr beliebige Bilder des Kriegsalltags (ein Helikopter startet in der Wüste, drei Soldaten liegen am Boden mit angelegtem Gewehr, Soldaten marschieren über ein Feld usw.) (vgl. Burger 2005, 275f.). Diese Bilder werden von Brosius/Birk als negativ bewertet, denn sie täuschen Aktualität und Informationsgehalt vor, die sie nicht besitzen. Burger sieht das nicht so kritisch: Visualisierungen solcher Art seien nicht sehr aufregend, aber auch nicht störend. Gäbe es für ein Thema keine passenden Bilder, bliebe nur der Rückgriff auf Standards, denn das Fernsehen komme nicht ohne Bilder aus. Manchmal bedarf man Notlösungen, z.B. bei einer Versammlung, die noch nicht stattgefunden hat, indem man die praktischen Vorbereitungen am Ort der Versammlung visualisiert. Er betont, dass trotz der Differenz zwischen Bild und Text der aktive Rezipient berücksichtigt werden sollte. Die Frage ist, was dieser mit der Text-Bild-Schere anfängt: Wird das Verhältnis nicht als sinnlos wahrgenommen und davor kapituliert, könnte man einen Widerspruch als beabsichtigt, also beispielsweise ironisch auffassen (vgl. ebd., 406ff.).

Von der Text-Bild-Schere spricht Hickethier als einem Scheinproblem, denn die Medialität von Bild und Wort gäbe keine Übereinstimmung, denn beide vermitteln etwas anderes und würden eingesetzt, um spezifische Informationen beizusteuern (vgl. Hickethier 1998, 199f.).

2.3 Die Korrespondenz von Sprache und Bild

Bei der Zuordnung von Sprache und Bild unterscheidet Rauh unterschiedliche Varianten: Potenzierung (gegenseitige Steigerung), Modifikation (gegenseitige Einschränkung), Parallelität (Verdopplung) und Divergenz (metaphorische Zuordnung) (vgl. Holly 2004b, 7).

Komplementäre Beziehung bedeutet, dass sich Text und Bild auf einen komplexen Gegenstand wie Krieg beziehen, der eigentlich nicht visualisiert werden kann. Hier ergänzen sich die Informationen von Text und Bild gegenseitig. Die Komplementarität besteht darin, dass das Bild konkrete Aspekte zeigt, während der Text abstrakte Informationen liefert.

Eine weitere Relation ist die der Metonymie. Häufig ist dabei die Teil-Ganzes-Relation, z.B. wenn von 17 000 Soldaten die Rede ist, kann im Bild nur eine stellvertretende Teilmenge gezeigt werden. Außerdem dienen metonymische Verfahren der Personalisierung: abstrakte Sachverhalte werden an konkreten Personen festgemacht (vgl. Burger, 2005, 410ff.).

In der Nachrichtenforschung wurde die Korrespondenz zwischen Bild und Text untersucht. Dabei gibt es zwei unterschiedliche Theorien: die eine geht davon aus, dass Rezipienten so stark auf den Nachrichtentext achten, der die Information transportiert, dass Bilder nicht notwendig sind und sie deshalb auch die Diskrepanz zwischen der Text-Bild-Beziehung nicht bemerken; die andere Theorie besagt, dass die Redundanz förderlich ist, weil die zu hohe Komplexität des Textes geringer wird, d.h. verbal-visuelle Redundanz erhöht die Behaltensleistung deutlich, verbal-verbale Korrespondenz hat keinen förderlichen Einfluss auf das Behalten. So ringen die Informationen im visuellen und verbalen Kanal umeinander. Bei Übereinstimmung können sich die Rezipienten auf den Text konzentrieren, bei einer Nichtübereinstimmung werden sie von den visuellen Informationen abgelenkt (vgl. Brosius 1998, 219ff.).

3. Bilder als Zeichen

Sachs-Hombach definiert Bilder als

„artifizielle, flächige und relativ dauerhafte Gegenstände, die innerhalb eines kommunikativen Aktes zur Veranschaulichung realer oder auch fiktiver Sachverhalte dienen“ (Sachs-Hombach 2006, 77).

Sie besitzen einen Bildträger, einen Bildinhalt und einen Bildreferenten und sind verwendungsabhängig, weil es keine intrinsische Eigenschaft gibt, die etwas zum Bild macht. Etwas wird erst dann zum Bild, wenn wir es auf eine spezifische Weise verwenden, d.h. die Bedeutung des Bildes ist immer nur relativ zu einem Zeichen- und Regelsystem und dem jeweiligen Handlungsrahmen (vgl. ebd., 77ff.).

Sachs-Hombach vergleicht Bilder mit Zeichen: Sie besitzen eine Syntax mit internen Strukturen, sie verweisen oder nehmen Bezug auf etwas (Semantik) und sie sind in Handlungsabläufe eingebettet (Pragmatik). Die allgemeinste Bedingung für den Zeichenbegriff ist der Verweisungsaspekt, d.h. etwas ist ein Zeichen, wenn es über sich selbst hinaus verweisend verstanden wird. Es muss dazu einen Rezipienten geben, der die Bedeutung zuweist. Sachs-Hombach sieht darin eine kommunikative Funktion, denn das Bild gilt innerhalb eines kommunikativen Aktes als Basis einer Mitteilung (vgl. ebd., 73ff.).

Sachs-Hombach versteht Bilder analog zu Sätzen, Bilderreihen analog zu Texten. Ein Bild könnte als pikturale Äußerung erfasst werden, die einen Sachverhalt behauptet; ein einzelnes Bild, das eine komplexe Szene zeigt, kann aber auch eine Geschichte im Sinne eines Textes rekonstruieren. Der sprachwissenschaftlichen Terminologie von Phonemen, Morphemen und Sätzen entspricht beim Bild die bildinterne Relation. Man könnte Bilder als analog zu Wörtern in singulären und generellen Termini erfassen, d.h. als kleinste bedeutungstragende Elemente, die selbst aus elementaren, bedeutungsunterscheidenden Teilen zusammengesetzt sind. Eine feste Zuordnung ist aber laut Sachs-Hombach nicht möglich. Je nach Verwendungskontext können Bilder alle Funktionen übernehmen, die sprachlichen Einheiten zukommen. Bilder sind demnach multifunktional, die unterschiedlichen Einheiten der Linguistik beziehen sich dagegen immer auf eine Bedeutung des Zeichens. Eine Zuordnung von Bildeinheit und -funktion erfolgt immer erst im pragmatischen Kontext (vgl. ebd., 113ff.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Zur spezifischen Leistung von Bildern in Kommunikation anhand eines multikodalen Textes
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Germanistische Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Kulturelle Semantik und Audiovisualität
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V91764
ISBN (eBook)
9783638058544
ISBN (Buch)
9783640204694
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kommunikation, Audiovisualität, Bilder, Kulturelle Semantik, multikodaler Text, Text-Bild-Schere, Transkriptivität, Sprachwissenschaft, Linguistik, Holly, Mode, bimodal, Divergenz, Sachs-Hombach, Transkribieren, Monitoring, ikonisch, CNN, Ludwig Jäger, Nachrichten, Text Bild, Redundanz
Arbeit zitieren
Nelli Schulz (Autor), 2007, Zur spezifischen Leistung von Bildern in Kommunikation anhand eines multikodalen Textes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91764

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