„Und ich trank unverzüglich“ . Diese Wörter bilden das sechste Kapitel von Moskva – Petuški, aber sie könnten sich auch genauso gut auf das ganze Werk beziehen. Auf den ersten Blick ist Venedikt Erofeevs „Poem“ nur ein unendliches Saufgelage von der ersten Seite bis zur letzten. Doch der alkoholische Unheld der Geschichte, Venička, hat uns mit seinen scharfsinnigen Beobachtungen und tiefen Emotionen viel zu bieten. Im Werk sind viele Hinweise zu finden, dass Venička aus verschiedenen Gründen, hauptsächlich wegen seines Trinkens, sich schämt – diese Scham wird auf unterschiedliche Weisen ausgedrückt, die hier erläutert und untersucht werden sollen.
In dieser Arbeit sollen zunächst einige Hintergrundsinformationen über Alkohol in der sowjetischen Zeit (die Zeit in der die Handlung des Werkes sich abspielt) gegeben werden. Dann werden ein Paar Worte zu dem Autor und zur Entstehung des Buches gesagt werden. Im vierten Teil folgt eine Beschreibung des Hauptcharakters und der möglichen Gründe, warum er trinkt. Im Hauptteil der Arbeit soll über die Darstellung von Scham die Rede sein und darüber, wie Venička mit seiner Scham umgeht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Alkohol in der Sowjetunion
3. Venedikt Erofeev und die Entstehung von Moskva – Petuški
4. Charakterisierung von Venička
4.1. Was für ein Mensch ist er?
4.2. Psychologischer Zustand Veničkas
4.3. Warum trinkt er?
4.3.1. Gesellschaftlicher Ritus
4.3.2. Zusammengehörigkeitsgefühl
4.3.3. Flucht vor der Gesellschaft
4.3.4. Experimente
4.3.5. Abhängigkeit
4.3.6. Beruhigungsmittel
4.3.7. Verdrängung
5. Scham
5.1. Was ist Scham?
5.1.1. Definition von Scham
5.1.2. Arten von Scham
5.2. Worüber schämt sich Venička und warum?
5.2.1. Sein Trinken
5.2.2. Die Offenbarung seiner intimen Gedanken und Gefühle
5.2.3. Seine Geliebte
5.2.4. Sein Kind
5.3. Wie wird seine Scham ausgedrückt?
5.3.1. Übelkeit
5.3.2. Selbstkritik
5.3.3. Gespräche mit dem Leser
5.3.4. Gespräche mit den Engeln
5.3.5. Gespräch mit Gott
5.3.6. Der Kampf zwischen Herz und Vernunft
5.3.7. Sorgen um die Meinungen der anderen Fahrgäste
5.3.8. Kommentare über andere trinkende Fahrgäste
5.3.9. Intimität des Trinkens
5.3.10. Geschichte über seine ehemaligen Mitbewohner
5.3.11. Die Beziehung zu seiner Geliebten
5.3.12. Mitleid der Engel wegen seines Sohnes
5.4. Warum schämt er sich nur in den ersten Kapiteln?
6. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Darstellung von Scham im Werk „Moskva – Petuški“ von Venedikt Erofeev und analysiert, in welcher Weise der Protagonist Venička mit seinen Schamgefühlen umgeht, die untrennbar mit seinem chronischen Alkoholkonsum verbunden sind.
- Hintergründe zum Alkoholkonsum in der Sowjetunion
- Charakterisierung und psychologische Analyse des Protagonisten
- Systematische Untersuchung der Ursachen und Ausdrucksformen von Scham
- Analyse der Abwehrmechanismen gegenüber dem eigenen Gewissen
Auszug aus dem Buch
4.1. Was für ein Mensch ist er?
Der Hauptcharakter des Werkes, Venička, ist ein Held mit vielen verschiedenen und oft widersprüchlichen Charaktereigenschaften. Ist er traurig oder fröhlich? Ernst oder leichtsinnig? Ein Intellektueller oder ein „Dummkopf“? Man findet ich Buch Nachweise für alle diese Eigenschaften und noch weitere dazu. Manchmal verändert sich innerhalb wenigen Sätzen und auch sogar mehrmals seine Stimmung. Nehmen wir die folgende Passage als Beispiel:
„Mein Morgen ist licht. Jawohl. Unser Morgen ist lichter als unser Gestern und Heute. Aber wer garantiert, daß unser Übermorgen nicht schlechter wird als unser Vorgestern? - Eben-eben! Das hast du gut gesagt, Venička. Unser Morgen und so weiter. Sehr konsequent und klug hast du das gesagt, du sprichst selten so konsequent und klug.“ (MP d43 r39)11
Zuerst ist er offensichtlich optimistisch und verwendet die Metapher des Lichts als Symbol für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Dann aber scheint er darüber nachzudenken und kann diese Hoffnung nicht auf die weit entfernte Zukunft (das „Übermorgen“) übertragen. Er fängt an zu zweifeln und wird pessimistisch. Gleich danach denkt er aber noch einmal über das von ihm Gesagte nach und wird durch seine Ausdrucksweise beeindruckt. Diese zieht ihn aus seinem pessimistischen Gemütszustand und er ist stolz auf seinen eigenen Intellekt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Scham und die methodische Vorgehensweise zur Analyse von Veničkas Emotionen.
2. Alkohol in der Sowjetunion: Überblick über die historische Rolle und staatliche Politik gegenüber Alkohol in der Sowjetunion zur Zeit der Werkentstehung.
3. Venedikt Erofeev und die Entstehung von Moskva – Petuški: Kurzbiografie des Autors und Einordnung der Entstehungsgeschichte seines bekanntesten Werkes.
4. Charakterisierung von Venička: Detaillierte Betrachtung des Protagonisten, seines psychologischen Zustands und der primären Ursachen für seinen Alkoholkonsum.
5. Scham: Umfassende theoretische Definition von Scham und konkrete Analyse ihrer Manifestation und Bewältigung durch den Protagonisten.
6. Schluss: Zusammenfassende Erkenntnis, dass Scham einen Teufelskreis bildet, aus dem der Protagonist nur durch den Tod entkommen kann.
Schlüsselwörter
Scham, Alkoholismus, Venedikt Erofeev, Moskva – Petuški, Venička, Sowjetunion, Gewissen, psychologischer Zustand, Selbstkritik, Verdrängung, Identität, russische Literatur, Schamgefühle, innere Monologe, Gesellschaftskritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das ambivalente Verhältnis des Protagonisten Venička zum Alkohol und die damit verknüpften Schamgefühle in Venedikt Erofeevs „Moskva – Petuški“.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Neben dem historischen Kontext des Alkoholkonsums in der Sowjetunion stehen psychologische Aspekte, soziale Ausgrenzung und die verschiedenen Ausdrucksformen von Scham im Vordergrund.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu belegen, dass der Protagonist trotz seines exzessiven Konsums unter tiefem Schamgefühl leidet und den Alkohol als (letztlich gescheitertes) Mittel zur Verdrängung dieser Scham einsetzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse des Primärtextes unter Einbeziehung psychologischer Theorien zur Scham und historischer Hintergründe.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Charakterisierung Veničkas und eine detaillierte Untersuchung der Auslöser sowie der verschiedenen Bewältigungsstrategien gegenüber seinen Schamgefühlen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Scham, Alkoholismus, Venička, Verdrängung, Gewissen, Identität und die spezifische Erzähltechnik von Erofeev.
Warum schämt sich der Protagonist besonders in den ersten Kapiteln des Werkes?
In den ersten Kapiteln ist der Protagonist noch nüchtern und körperlich verkatert, was ihn für klare Selbstreflexion und damit verbundene Schamgefühle anfälliger macht, bevor er den Alkohol als Betäubungsmittel wieder einsetzt.
Welche Rolle spielen die Engel und der „Leser“ für die Scham des Protagonisten?
Die Engel und der „Leser“ werden als Projektionen des inneren Gewissens interpretiert, gegen deren Vorwürfe sich Venička defensiv wehrt, um sein Verhalten vor sich selbst zu rechtfertigen.
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- Helen Stringer (Author), 2007, Scham und Alkohol in der russischen Literatur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91815