Die Nänie op. 82 von Johannes Brahms lässt sich neben der Alt-Rhapsodie op. 53, dem Schicksalslied op. 54 und Gesang der Parzen op. 89 in die Gruppe der Werke für Chor und Orchester eingliedern. Im 19. Jahrhundert und auch in der heutigen Literatur werden diese Werke unter dem Sammelbegriff „weltliche Kantate“ zusammengefasst und vom Oratorium nach den Kriterien des geringeren Umfangs, der weniger erhabenen Stillage und des eher lyrischen als episch-daramtischen Charakters unterschieden. Unverkennbar bei diesen Werken ist das hohe literarische Niveau, das man bei keinen anderen der Werke von Johannes Brahms in diesem Maße vorfindet. Hiervon ausgehend lässt sich daher ein besonderer ästhetischer Anspruch vermuten, den Brahms mit diesen vier Werken erhob. Da Brahms mit Äußerungen bezüglich seiner Kunstanschauung äußerst zurückhaltend war, machen einerseits natürlich die oben genannten Werke gerade den Reiz zur Untersuchung eines eventuellen ästhetischen Bekenntnisses des Komponisten aus. Andererseits bleibt gerade durch die fehlende Untermauerung der Worte des Komponisten Vorsicht geboten bei der Frage der Kunstanschauung.
Dennoch lohnt sich gerade bei der Nänie op. 82 eine nähere Betrachtung unter dem Aspekt der musikalischen Ästhetik, da es, wie kein anderes Werk im Œuvre Brahms’, durch die zahlreichen werkinterne und –externe Bezüge eine ästhetische Aussage zu offenbaren scheint. Hans-Joachim Hinrichsen bezeichnet die Nänie op. 82 sogar als „Schlüsselwerk im musikalischen Denken von Johannes Brahms“ . Eine Analyse zu diesem Thema kann auf verschiedenen Ebenen erfolgen. Es ist gleichsam wichtig die biographischen Verweise des Komponisten zu untersuchen, wie auch die Komposition selbst als unmittelbarste Quelle anzusehen. Darüber hinaus muss die Textvorlage und das geistig-philosophische Umfeld des Komponisten mit einbezogen werden. In dieser Arbeit soll aber vor allem der Frage nachgegangen werden, ob sich ein ästhetisches Programm allein anhand der Komposition festmachen lässt und inwieweit man ausgehend von dieser Rückschlüsse zum geistig-philosophische Umfeld der Zeit des Komponisten ziehen kann, denn „die ästhetische Interpretation war keineswegs ein ideologischer Appendix jenseits der eigentlichen musikalischen Realität, die sich in Werken manifestiert, sondern bildete vielmehr eine die kompositorische Praxis, das Denken in Musik tiefgreifend beeinflussende Maxime, die ein Musiktheoretiker ebenso ernst nehmen muß wie das, „was in den Noten steht“
Unabdingbar ist dabei das Einbeziehen der Werkgeschichte, die bei der Nänie op. 82 im besonderen Maße Aufschlüsse zum musikalischen Denken von Johannes Brahms liefert.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Werkexterne Bezüge und Paratext
1.1 Hermann Goetz
1.2 Der Paratext
2. Die Textvorlage: Friedrich Schillers „Nänie“
3. Werkinterne Bezüge
3.1 Das geistesgeschichtliche Umfeld: Neudeutsche Schule, Hanslick, Hegel
3.2 Das „Lebewohl“-Zitat
3.3 Verwendung alter und zeitgenössischer Formen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Werk "Nänie" op. 82 von Johannes Brahms unter dem Aspekt der musikalischen Ästhetik, um zu klären, ob sich ein ästhetisches Programm anhand der kompositorischen Gestaltung festmachen lässt und welche Rückschlüsse dies auf das geistig-philosophische Umfeld des Komponisten zulässt.
- Ästhetische Analyse der "Nänie" op. 82
- Einfluss von Hermann Goetz und der zeitgenössischen Kritik
- Bedeutung der Textvorlage von Friedrich Schiller
- Werkinterne Bezüge wie das "Lebewohl"-Zitat und musikalische Formmodelle
- Die Rolle der musikalischen Ästhetik im Kontext von Brahms' Kunstauffassung
Auszug aus dem Buch
1. Werkexterne Bezüge und Paratext
Die Nänie op. 82 zeichnet sich zunächst vor allem durch die verschiedenen Ebenen aus, die zum einen unterschiedliche Kunstgattungen betreffen und zum anderen biographische Verweise des Komponisten miteinbeziehen. Vordergründig handelt es sich bei der Nänie um die Vertonung einer Elegie von Friedrich Schiller. Darüber hinaus wird neben der Lyrik indirekt auf die Malerei Bezug genommen, da durch die Widmung das Lebenswerk des verstorbenen Malers Feuerbach involviert wird. Als dritte Kunstgattung ist die Musik selber zu nennen, die durch musikalische Zitate und das Verwenden alter Musikstile eine weitere zu betrachtende Ebene bildet. Dieser Hintergrund führt zu dem Verdacht einer ästhetischen Aussage, die Johannes Brahms offenbar mit der Nänie verband.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der "Nänie" op. 82 als "Schlüsselwerk" im Schaffen von Johannes Brahms und Darlegung der zentralen Forschungsfrage zur ästhetischen Interpretation.
1. Werkexterne Bezüge und Paratext: Untersuchung der Einflüsse von Hermann Goetz sowie Analyse der biographischen Bedeutung hinter der Widmung an Henriette Feuerbach.
1.1 Hermann Goetz: Darstellung der künstlerischen Verbindung und der wechselseitigen Beeinflussung zwischen Brahms und seinem Zeitgenossen Goetz.
1.2 Der Paratext: Erläuterung der Verbindung zum Maler Anselm Feuerbach und der daraus resultierenden biographisch-subjektiven Ebene.
2. Die Textvorlage: Friedrich Schillers „Nänie“: Analyse des Gedichts von Schiller hinsichtlich seiner Entstehungsgeschichte, Gattung und philosophischen Aussage zur Vergänglichkeit des Schönen.
3. Werkinterne Bezüge: Erörterung kompositorischer Elemente wie Zitate und Reminiszenzen, die über das rein Musikalische hinaus ästhetische Aussagen treffen.
3.1 Das geistesgeschichtliche Umfeld: Neudeutsche Schule, Hanslick, Hegel: Einordnung der Komposition im Spannungsfeld der ästhetischen Debatten des 19. Jahrhunderts.
3.2 Das „Lebewohl“-Zitat: Deutung der musikalischen Anspielung auf Beethovens Klaviersonate als persönliche Abschiedsgeste.
3.3 Verwendung alter und zeitgenössischer Formen: Untersuchung der formalen Struktur des Werkes, insbesondere im Hinblick auf den Einsatz von Fuge und A-cappella-Satz.
Schlüsselwörter
Johannes Brahms, Nänie, Friedrich Schiller, Anselm Feuerbach, musikalische Ästhetik, Hermann Goetz, Werkgeschichte, absolute Musik, Hegelsche Dialektik, A-cappella-Gesang, musikalische Zitate, 19. Jahrhundert, Kunstauffassung, Formkonzept.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der "Nänie" op. 82 von Johannes Brahms und untersucht, wie das Werk als Ausdruck einer spezifischen musikalischen Ästhetik und Kunstauffassung verstanden werden kann.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Im Fokus stehen die literarischen, biographischen und musikalischen Bezüge, die Brahms in seinem Werk verarbeitet hat, sowie die Einbettung der Komposition in das geistesgeschichtliche Umfeld des 19. Jahrhunderts.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu analysieren, ob sich ein ästhetisches Programm allein aus der Komposition ableiten lässt und wie Brahms durch formale Mittel eine ästhetische Aussage trifft.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer historisch-musikwissenschaftlichen Analyse, die sowohl den Paratext, die Werkgeschichte als auch die Analyse kompositorischer Strukturen (Formen, Zitate) kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in externe Bezüge (Paratext, Goetz), die Analyse der Textvorlage Schillers und eine detaillierte Untersuchung werkinterner Strukturen wie Zitate und der Verwendung klassischer Formen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben dem Werk "Nänie" und Johannes Brahms insbesondere die musikalische Ästhetik, die Bezüge zu Feuerbach und Schiller sowie die dialektische Struktur der Musik.
Warum spielt die Widmung an Henriette Feuerbach eine so große Rolle?
Die Widmung dient Brahms als Einstieg in eine biographisch-subjektive Ebene, die die Musik mit dem Lebenswerk des Malers Anselm Feuerbach verknüpft und das Werk als persönliche Klage privatisiert.
Wie interpretiert die Arbeit das "Lebewohl"-Zitat aus Beethovens Sonate?
Das Zitat wird als bewusste Abschiedsgeste gedeutet, die über eine rein musikalische Ebene hinausreicht und analog zur Rolle Schillers im Gedicht das Ende einer Ära reflektiert.
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- Fabienne Krause (Autor:in), 2006, Johannes Brahms, Nänie op. 82 für Chor und Orchester, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91848