Struktur im Leben Heroinabhängiger. Möglichkeiten der strukturellen Unterstützung durch Substitutionsfachambulanzen


Forschungsarbeit, 2017

54 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Motivation zur Auswahl des Forschungsfeldes
1.2 Fragestellung, Methode – und anfängliche Schwierigkeiten

2. Feinanalyse des Falls
2.1 Rahmenbedingungen
2.2 Sequenzanalyse des Falls
2.2.1 Erste Sequenz
2.2.2 Zweite Sequenz
2.2.3 Dritte Sequenz
2.2.4 Vierte Sequenz
2.2.5 Fünfte Sequenz
2.2.6 Sechste Sequenz
2.2.7 Siebte Sequenz
2.2.8 Achte Sequenz
2.2.9 Neunte Sequenz
2.2.10 Zehnte Sequenz
2.2.11 Elfte Sequenz
2.2.12 Zwölfte Sequenz
2.2.13 Dreizehnte Sequenz
2.2.14 Vierzehnte Sequenz
2.2.15 Fünfzehnte Sequenz

3. Darstellung der Fallhypothese und der Teilkonzepte
3.1 „Metamorphose“
3.1.1 Konzept „Diskrepanz zwischen innerer und äußerer Realität“
3.1.2 Konzept „Entwicklung durch strukturelle Veränderungen“

4. Abschließende Worte

Anhang

Transkription des Interviews

1. Einleitung

1.1. Motivation zur Auswahl des Forschungsfeldes

Mit der Wahl des Titels „Strukturgebende Aspekte im Leben Heroinabhängiger und Möglichkeiten der strukturellen Unterstützung durch Substitutionsfachambulanzen“ haben wir ein Thema gewählt, das sich ganz klar vom eigentlich angedachten Thema der Forschungswerkstatt abgrenzt. Wie der Titel des Seminars bereits suggeriert, ging es ursprünglich um familiengeschichtliche Gespräche, die an der Institution „Tisch“ stattfinden sollten.

Wir jedoch, sind aus den uns bekannten Feldern zurückgetreten und haben die Reise ins Ungewisse gewagt. Unser Forschungsinteresse für die folgende Arbeit, fanden wir in der Arbeit mit drogenabhängigen Menschen.

Wir haben uns bewusst gegen das Forschungsfeld entschieden, versuchten uns jedoch trotzdem, soweit dies möglich war, an die Methodik der fallrekonstruktiven Familienforschung nach Hildenbrand (1999) zu halten.

Der ausschlaggebende Punkt für die Wahl eines abweichenden Themenbereichs war, vor allem, der Erstkontakt mit „realen“ Drogenabhängigen in einer Einrichtung der Drogenhilfe Nordhessen e. V.

Durch die Teilnahme an einem Seminar, welches in den Räumlichkeiten der Drogenhilfe Nordhessen stattfand und Einblicke in die verschiedenen Drogenhilfeeinrichtungen gewährte, kam uns die Idee unser Forschungsinteresse in Richtung der Substitutionsfachambulanz auszurichten. Durch den Besuch dieser Einrichtung fanden wir heraus, dass dort ein wöchentliches gemeinsames Mittagessen angeboten wird. Unsere Idee war es, dieses gemeinsame Essen ethnografisch zu bearbeiten und zu untersuchen. Über die vor Ort gewonnenen Erkenntnisse kamen wir darauf das Zusammenleben, die Struktur und die kulturellen Ausprägungen dieses meist durch die Gesellschaft ausgegrenzten Klientels zu beschreiben und zu verstehen.

Per Email nahmen wir also Kontakt zur Einrichtung auf. Über diesen Weg lernten wir Frau Spitzinger kennen. Sie ist die Verantwortliche der Substitutionsfachambulanzen „SAM“ und „SAM 2“ in K. Nach kurzer Email-Korrespondenz lud sie uns zu sich in ihr Büro ein, um ihr unsere (ersten groben) Ideen vorzustellen. Sie zeigte reges Interesse an unserer Forschungsidee und ermöglichte es uns, im Zuge dessen, die Forschungsarbeit in ihrer Einrichtung durchzuführen, wofür wir ihr sehr dankbar sind. Es wurde uns gestattet im Gruppenaufenthaltsraum zu hospitieren, um dort unsere Beobachtungen anzustellen.

Wir wurden aber quasi im selben Atemzug gewarnt, dass sich die Beobachtungen, aufgrund der teils sehr extrovertierten Art der Klienten, schwieriger umsetzen ließen, als vielleicht von uns erwartet.

Zu Beginn unseres Hospitationsprozesses weckten die unterschiedlichen, sich uns offenbarenden, Problemlagen sowie der sehr differenzierte und professionelle Umgang der Angestellten mit den Klienten unser Interesse.

Ein weiterer Punkt in unseren Überlegungen war die öffentliche Präsenz des „Problems“. Die Ker Drogenszene spielt sich vor allem auch im Bereich des öffentlichen Lebens ab, so dass sich der Kontakt mit dieser für die Allgemeinheit meist kaum zu vermeiden lässt. Wer kennt nicht die Ecken rund um den Königsplatz, die Szene am Lutherplatz oder die Drogenszene vor der Paul- Julius-von Reuter-Schule, um nur wenige zu nennen. Auch wir sind in den letzten paar Jahren immer wieder mit diesen Orten, privat und auch beruflich, in Kontakt getreten und haben durch die Präsenz dieses Problems ein gesteigertes Interesse dafür entwickelt.

1.2 Fragestellung, Methode – und anfängliche Schwierigkeiten

Wie bereits unter Punkt 1.1. kurz angedeutet, war die ursprüngliche Überlegung der Arbeit, den Alltag heroinabhängiger Menschen anhand von Beobachtungen zu rekonstruieren. Diese Beobachtungen sollten vor allem während des gemeinsamen Mittagessens durchgeführt werden. Anhand dieser Daten, sollten familienähnliche Strukturen aufgedeckt und analysiert werden.

Wie wohl häufig im wissenschaftlichen Prozess, ändert sich durch diverse Erkenntnisse, der Forschungsfokus im Laufe der Zeit. Während der ersten Tage unserer Hospitation und durch die ersten gesammelten Beobachtungen viel uns zweierlei auf:

Zum einen, dass das Thema „Struktur“ im Leben von heroinabhängigen Menschen eine sehr wichtige Rolle einnimmt. Und zum anderen, dass sich die Datenerhebung mit der Methode der Beobachtung schwerer gestaltete als erwartet.

Für die Methode der Beobachtung entschieden wir uns während des Planungsprozesses mit der Vorannahme, dass Drogenabhängige schwer dafür zu begeistern wären direkt verbal Auskunft über ihre Lebenssituation zu geben. Während der ersten Tage der Hospitation wurde schnell deutlich, dass die Methode der Beobachtung von uns nur teilweise adäquat durchgeführt werden konnte. Nach Hitzler muss der Forscher mehr oder minder intensiv „ins Feld“ eintauchen, jedoch zugleich so agieren, dass er es möglichst wenig beeinflusst und verändert (vgl. Hitzler 2011, S. 48-51). Es war uns nicht möglich, die Beeinflussung des vorgegebenen Raums auf ein Minimum zu beschränken, da wir, auch wenn wir betonten, dass wir nur dort sitzen und beobachten wollten, immer wieder Mittelpunkt der Gesprächsthemen und Handlungen im Raum waren. Ein Punkt, der erschwerend hinzukam, war, dass wir beide über keinerlei Forschungsvorerfahrung verfügten und uns die methodische Kompetenz, welche es ermöglicht hätte (angemessen) zwischen existentieller Nähe und analytischer Distanz zu changieren, fehlte (vgl. Hitzler 2011, S. 48-51).

So entschlossen wir uns, ergänzend zu unseren ethnografischen Erhebungen, das gemeinsame Mittagessen aufzuzeichnen und unsere Forschung, über die dort gesammelten Daten, aufzubauen. Während des gemeinsamen Essens stellte sich jedoch abermals heraus, dass wir mit unseren Überlegungen falsch lagen. Es war nicht möglich auswertbares Material zu generieren, da die Akustik im Raum und die unterschiedlichen Gespräche mit jeweils unterschiedlichen Gesprächspartnern, es nicht erlaubten, das Material (brauchbar) auszuwerten.

Also entschlossen wir uns, mit zwei oder drei Substituenten ein Gespräch aufzuzeichnen und dies als Grundlage der Forschung zu verwenden.

An dieser Stelle bietet es sich an, den groben Ablauf der Situation darzustellen, da sich das Vorgefallene auch in den Forschungsprozess integrieren lässt.

Wir hatten mit drei Personen, welche im Substitutionsprogramm waren, abgesprochen, ein solches Gespräch durchzuführen. Zum Zwecke der Koordination und Terminabsprache, tauschten wir mit den Personen Kontaktdaten aus.

Als wir dann ca. zwei Wochen nach Beendigung der Beobachtungen auf die Personen zugingen und den Kontakt suchten, war einer der drei Personen nicht mehr erreichbar. Wir fragten die anderen beiden, die sich jedoch nicht erklären konnten, was passiert sei. Daraufhin gingen wir erneut in die Substitutionsfachambulanz 2 (SAM2) und erkundigten uns nach dem Verbleib der Person. Es wurde uns mitgeteilt, dass gegen die besagte Person ein Haftbefehl ausstand und er sich zurzeit in Gewahrsam der Polizei befand. Damit war die Anzahl der Gruppe um ein Drittel reduziert und wir versuchten in den kommenden Wochen immer wieder eine neue Person zu akquirieren. Dazu gingen wir u.a. auch in der offenen Szene direkt auf Leute zu und fragten, ob sie sich bereit erklärten.

Hierbei war sehr interessant, dass niemand auch nur mit dem Gedanken spielte uns helfen zu wollen. Zwar kannten uns die Personen durch unsere Besuche in der Substitutionsfachambulanz, jedoch wollten sie uns später, bei erneuter Ansprache in der offenen Szene, nicht bei unserem Vorhaben unterstützen.

Leider kam es, dass wir niemanden, sei es draußen auf der Straße oder in der Substitutionsfachambulanz, für ein gemeinsames Gespräch zum Zweck der Auswertung und Durchführung einer Forschung gewinnen konnten.

Nun versuchten wir mit den verbliebenen zwei Personen einen passenden Termin zu koordinieren. Auch dies gestaltete sich als schwerer als zuvor vermutet. Entweder meldete sich eine Person erst Tage nach anfänglicher Kontaktaufnahme zurück, oder war beschäftigt. So vergingen abermals zwei Wochen, in denen keine Forschung möglich war.

Als der Kontakt aufgrund der Nicht-Erreichbarkeit einer Person abbrach, gingen wir zurück in die Einrichtung, um uns zu erkundigen. Dort berichteten uns die Anwesenden von einer Situation, in der die Person in den Räumlichkeiten der Einrichtung gewaltsam wurde. Vorrangegangen war eine Auseinandersetzung zwischen ihm und seiner Partnerin, die ebenfalls im Substitutionsprogramm eingespannt war, in der er ihr zwei Finger brach und sie schlug. Es wurde uns, von Seiten der Einrichtung, angeraten, keine erneute Kontaktaufnahme, zu der betreffenden Person, anzustreben.

So kam es nun, dass unser Vorhaben kurz vor dem Abbruch stand. Wir investierten abermals Zeit und begaben uns wieder ins Feld. Zum einen um neue Personen für ein Gespräch zu finden. Zum anderen stellten wir vor dem Hintergrund, dass wir befürchteten keine auswertbaren Gesprächsmaterialien mehr sammeln zu können, ausgehend von unseren vorhergegangenen Beobachtungsprotokollen, neue Beobachtungen an.

Es ergab sich glücklicherweise, dass sich doch noch eine Person aus der Gruppe der Substituenten (auf folgenden Seiten A genannt) dazu bereit erklärte, ein Interview mit uns durchzuführen und uns genehmigte die erhobenen Daten anschließend für die Forschungsarbeit zu verwenden.

Die Forschungsmethode, die wir letztendlich für die Bearbeitung unseres Themas gewählt haben, entspricht demnach nicht ausschließlich den Regeln der fallrekonstrutiven Familienforschung (nach Hildebrand) und dem ihm innewohnenden Charakter des interpretativen Paradigmas.

Wir haben versucht, über die Auswertung einer Vielzahl qualitativer Daten (insb. Interviewtranskript und Beobachtungsprotokolle), unter Anwendung der Grounded Theory, eine Theoriebildung und -Entwicklung darzustellen.

2. Feinanalyse des Falls

2.1 Rahmenbedingungen

Memo zum Gesprächssetting:

Bevor wir an die Auswertung der Daten des Interviews herantreten, zunächst eine Darstellung des Settings, in dessen Rahmen wir das Interview (durch)geführt haben.

Wir fanden uns gegen 10 Uhr in der Einrichtung ein. Wir hatten mit A abgesprochen, dass wir uns dort treffen wollten, um das Interview mit ihm durchzuführen. Als wir ankamen, saßen wir zunächst im Gruppenraum. Dort wartete A bereits auf uns. Nach ungefähr 30 Minuten bot uns eine Mitarbeiterin der Einrichtung an, in ihr Büro zu gehen, um dort das Interview in einem geschützten Rahmen durchzuführen. Wir nahmen das Angebot an und fanden uns zu dritt in ihrem Büro ein. Wir setzten uns, um den im Raum stehenden Bürotisch.

Kode „Gesprächssetting“:

Das Gespräch fand in einem sehr geschützten Rahmen statt. Ganz anders als bei den Beobachtungssituationen im Gruppenraum, in der eine ständige Fluktuation herrschte. A befand sich nur mit uns beiden in dem Raum und wusste, dass sämtliche Informationen sehr vertraulich von uns behandelt werden und an keine Dritten gelangen würden. Es entstand ein geschützter Raum, in dem A sich frei artikulieren konnte. Die Frage, die sich an dieser Stelle stellt, ist, inwieweit dieser geschützte Raum dazu beitrug, das A uns gegenüber Informationen offen preisgab, die in diesem Umfang, im Gruppenraum, womöglich nicht von ihm preisgegeben worden wären. Im Vergleich zum gezeigten Verhalten im Gruppenraum, in dem A immer eher passiv und reservierter aufgetreten ist, lässt sich vermuten, dass er, in der Art und Weise, wie offen er im Interview aufgetreten ist, sich nicht im Gruppenraum verhalten hätte. Man könnte also sagen, dass sich der geschützte Raum (die Abwesenheit von anderen Klienten), positiv auf die Befragungssituation und somit auf die Datenerhebung auswirkte. Weiter könnte man vermuten, dass A durch die Anwesenheit anderen Klienten im Gruppenraum in seinen Aussagen gehemmt gewesen sein könnte. Will er nicht das andere Substituierte von seinen Problemen wissen? Zu uns war er immer eher offen und präsentierte sich kontaktfreudig. Was unterscheidet uns also, in seiner Gedankenwelt, von den anderen potentiellen Zuhörern? Will er den anderen gegenüber etwa nicht schwach wirken? Oder möchte er Mitleid von uns und erzählt es uns deshalb? Schämt er sich? Versucht er Distanz zu anderen Klienten zu wahren? Sind sie ihm vielleicht unangenehm oder unsympathisch? Will er eventuell Akzeptanz und Verständnis für seine Situation von uns und äußert sich uns gegenüber deshalb so offen? Man könnte annehmen, dass / Es scheint als ob, sich A von uns, die wir in seinen Augen eine ganz andere Gesellschaftsschicht (Nicht-Abhängige) repräsentieren, Verständnis erhofft. Des Weiteren wäre es möglich, dass sich A in einer gewissen Art und Weise mit uns identifiziert bzw. uns als Vorbilder ansieht und deshalb mehr Vertrauen in uns hat. Auch könnte sein Vertrauen in uns, sich darüber begründen, dass wir beide den Status von Studenten haben und deshalb einen für ihn seriösen Eindruck erwecken.

Memo „Bekleidung“:

Neben dem Setting, in welchem das Interview durchgeführt wurde, ist es lohnenswert, sich näher mit der Kleidung, die A an dem Tag des Interviews trug, zu beschäftigen. Er trug eine Royal Polo Jacke, eine Jacke, die vor allem aufgrund ihrer vielen Embleme auffiel. Eine Jacke, in der man nicht in der Masse untergeht, sondern sich ein bisschen in ein „Schaufenster“ stellt. Weiterhin handelt es sich bei dieser Jacke um ein Plagiat der Marke Ralph Lauren. Die Jacke ließ er während des gesamten Zeitraums an, jedoch war sie geöffnet. Weiterhin trug er ein T-Shirt mit der Aufschrift „MY LIFE IS DOPE I DO DOPE SHIT“, eine normale Jeans, sowie Sneaker.

Kode „Bekleidung“:

Als erstes wollen wir uns der Royal Polo Jacke und unseren interpretativen Vorstellungen dieser Jacke widmen. Zuerst ist zu sagen, dass es sich bei dieser Art von Jacke um ein szenetypisches Kleidungsstück handelt. Während den Beobachtungen war auffallend, das Gruppen, die sich im Aufenthaltsraum bildeten, oft sehr ähnliche Kleidung trugen. In der Drogenszene konnten wir einen hohen Anteil an szenetypischen Kleidungsstilen ausmachen. Vom Punker über den Rocker bis hin zum Hip-Hopper waren diverse „Modestile“ vertreten. Die Identifikation mit einer bestimmten Gruppe und der Ausdruck der Zugehörigkeit, zeigt sich häufig über die Kleidung.

Bei der Jacke, die A an diesem Tag trug, handelt es sich um eine Jacke, die man schon als szenetypisch beschreiben könnte. Sie wirkt bequem und lässig und ist mit auffälligen Schriftzügen und Emblemen versehen, die quer über die Jacke verteilt sind. Da er in Gesprächen mit uns oftmals betonte, keine Drogen mehr zu verkaufen, könnte man vermuten, dass er versucht, über die Kleidung, seine Rolle und Zugehörigkeit in der Szene zu halten. Wie bereits beschrieben, ist diese Jacke ein Kleidungsstück, mit dem man einfach auffällt und aus der Masse heraussticht. Trägt er die Jacke wirklich um aufzufallen?

Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass es sich bei der Jacke um ein Replikat handelt. Gründe, warum Menschen Replikate kaufen, können vielfältig sein, drehen sich die meiste Zeit jedoch um zwei Punkte. Selbstdarstellung und Geld. Der Hintergedanke, bei der Anschaffung eines solchen Replikats, ist meistens, die Illusion zu erzeugen, viel Geld (oder zumindest mehr als man eigentlich zur Verfügung hat) zu haben. Durch das Tragen dieser Jacke entsteht bei uns der Eindruck eines inneren Konflikts. Er hat den Wunsch mehr zu sein, als er zurzeit ist. Die äußere Darstellung entspricht nicht seinen inneren Werten und Normen und legt die Hypothese nahe, dass möglicherweise eine Diskrepanz zwischen seinen inneren Wünschen und den äußeren Umständen vorherrscht. Er manipuliert und definiert sich hier unterbewusst ganz stark selbst über die von ihm gewählte Kleidung.

Unter der Jacke trug er ein weißes T-Shirt. Auf dem T-Shirt stand in schwarzen Druckbuchstaben „MY LIFE IS DOPE I DO DOPE SHIT“ (Mein Leben ist cool, ich mache coole Scheiße). Der Ausdruck „Dope“ kommt ursprünglich aus dem Drogenjargon und ist ein Ausdruck für eine bestimmte Sorte von Marihuana. Warum trägt er ein T-Shirt mit diesem Aufdruck? Da er sich das T-Shirt entweder selbst gekauft hat oder es von einer anderen Person geschenkt bekommen hat, lassen sich hierdurch verschiedene Gedankengänge ableiten. Hat er es selbst gekauft, kann er sich möglicherweise mit dem Spruch auf dem T-Shirt identifizieren. Hat er es geschenkt bekommen, würde das wiederum nahelegen, dass er von anderen Personen in seinem Leben damit in Verbindung gebracht bzw. identifiziert wird. Sein Leben war geprägt von extremen Phasen, die ihm sicherlich, manchmal mehr, manchmal weniger, gefallen haben. Die Überlegung „der Spruch passt zu mir“ spielt bei der Entscheidung, das T-Shirt zu kaufen und zu tragen eine große Rolle. Durch das T-Shirt, trägt er seine Geschichte an die Öffentlichkeit und macht sie für alle zugänglich. Eine sehr provokative Außendarstellung wird hier von ihm praktiziert und die Wahrscheinlichkeit, gerade im Helfersystem auf Konfrontation zu treffen, sind sehr hoch. Sucht er die Konfrontation? Will er sich reiben?

Wir konnten das T-Shirt unter seiner Jacke nur sehen, da er die Jacke offen trug. Warum trug er sie offen?

Er trug eine normale Jeans. Eine Jeans, wie sie von einer Mehrzahl der Menschen getragen wird. Sie stellt kein Alleinstellungsmerkmal wie z.B. seine Jacke dar. Da in der Einrichtung keine Kleiderordnung herrscht, hätte er auch etwas anderes, wie z.B. eine Jogginghose tragen können. Ein Kleidungsstück, welches man in der Einrichtung mehr als häufig antrifft. Die Hose könnte Ausdruck einer Anpassung an gesellschaftliche Normen und Werte darstellen und steht in Konflikt mit seiner Jacke und seinem T-Shirt.

Sie könnte ein weiteres Anzeichen des weiter oben beschriebenen Zwiespaltes darstellen. Eine Jeans ist keine spezifische Szenekleidung. Sie wird von Abhängigen gleichermaßen wie von normalen Bürgern getragen.

Zusammenfassend lassen sich verschiedene Konzepte aus der Kodierung der Memos bezüglich seiner Anziehsachen ableiten.

Seine Jacke ist ein Replikat einer teuren Marke. Nur Leute mit ausreichend Geld sind in der Lage sich eine solche Jacke anzuschaffen. Drogenabhängige verfügen, in den meisten Fällen, nicht über die nötigen Geldmittel, um eine solche Anschaffung zu tätigen. Die Jacke ist sehr auffällig und zieht höchstwahrscheinlich viele Blicke auf sich. Der Umstand, dass er die Jacke während des gesamten Zeitraumes, in dem wir mit ihm zusammen waren, nicht auszog, könnte einerseits ein Ausdruck dafür sein, dass er sein womöglich geringes Selbstwertgefühl/Bewusstsein über seine Außendarstellung zu kompensieren versucht. Auch wäre es denkbar, dass er die Jacke nicht auszieht, da sie dann wahrscheinlich im Gruppenraum hängen würde und er nicht die „volle“ Kontrolle über sie besitzt. Beschriftete Zettel an den Wänden des Gruppenraums legen die Vermutungen nahe, dass die unerlaubte Entwendung von Gegenständen, durch die Substituierten, an der Tagesordnung liegt. Ein mögliches „Misstrauen“ gegen die Klientel, zu welcher er selbst gehört, wurde bereits in der Kodierung des Memos Gesprächssetting erörtert.

Die Wahl der normalen Hose und normalen Sneaker steht in Konflikt mit seiner Jacke und dem T-Shirt. Man könnte denken, sie stehen stellvertretend für einen inneren Konflikt, den A mit sich austrägt und bereits im vorangegangenen Memo von uns vermutet wurde. Kulturelle Anpassung und Autonomie, die Unterschiede zwischen innerer und äußerer Realität sowie die Widersprüchlichkeiten zwischen seinen Wünschen und dem Ist-Zustand, könnten Themen sein, mit denen er womöglich noch nicht abgeschlossen hat und sich in einem Prozess befindet.

Will er immer noch ein Teil der Drogenszene sein? Wenn ja, warum? Vermisst er die Zeit?

Memo „Anruf“:

Bevor wir das Interview mit A durchführten, saßen wir gemeinsam mit ihm im Gruppenraum und haben uns dort mit ihm ganz unverbindlich unterhalten. Während wir dort saßen und uns unterhielte, klingelte sein HA. Es war auf laut gestellt und der Titelsong von der Anime-Serie Dragon Ball Z war als Klingelton eingestellt. Er ging ans Telefon und verließ den Raum, um kurze Zeit später wiederzukommen.

Kode „Anruf“:

Jemand der einen Anruf erwartet, wird vermutlich sein HA auf laut stellen, um den Anruf nicht zu verpassen. Darüber hinaus, lässt sich vermuten, dass der Anruf für A womöglich nicht überraschend kam, sondern er ihn erwartet habe. Möglicherweise hat er eine eng getaktete Alltagsstruktur außerhalb der Räumlichkeiten der Substitutionsfachambulanz. Die Tatsache, dass er den Anruf annahm, legt nahe, dass er die Person am Telefon entweder kannte oder den Anruf, wie eben dargelegt, erwartet hat. Drogenabhängige bewegen sich meist in illegalen Bereichen der Gesellschaft. Sei es nun der Besitz, Gebrauch und/oder Verkauf von illegalen Substanzen (hier Drogen), der zwangsläufig stattfindet, wenn man drogenabhängig ist, oder sei es der große Teil der Beschaffungskriminalität, Drogenabhängige kommen immer wieder in Konflikt mit dem Gesetz. Während der Zeit im Gruppenraum konnten wir immer wieder Gespräche mithören, die sich vor allem um die Flucht vor Polizei drehten. Gegen einige der Klienten lagen bereits mehrere Haftbefehle vor und es war nicht untypisch, dass die Polizei vor der Einrichtung auf die jeweiligen Personen wartete, um sie direkt abzuführen. Weiterhin halten sich Drogenabhängige in sozialen Systemen auf, in denen Gewalt an der Tagesordnung liegt. Viele dieser Menschen sind von ihrer Sucht dermaßen getrieben, dass sie selbst vor dem physischen Wohl anderer nicht zurückschrecken würden. Ein Drogenabhängiger wird deshalb, allein aus Gewohnheit, wohl selten an sein HA gehen, wenn ihm die Nummer unbekannt erscheint.

Auch könnte man vermuten, dass A, berücksichtigt man sein auffallendes Auftreten, siehe hierzu Memo Anziehsachen, das HA womöglich ganz bewusst auf laut stehen hat, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Um sich in den Mittelpunkt des Momentes zu stellen. Analog zur Jacke, platziert er sich hier in ein imaginäres Schaufenster, in dem er die ungeteilte Aufmerksamkeit der Gruppe erfährt.

Memo „Begrüßungshandlung“:

Wann immer wir A angetroffen haben, sei es nun in den Räumlichkeiten der Einrichtung oder beispielsweise im McFit, begrüßten wir uns mit einem Handschlag. Es handelte sich bei dem Handschlag nicht um einen förmlichen Händedruck, wie man ihn z.B. in der Berufswelt vorfindet, sondern um einen jugendtypischen Check. Die ursprüngliche Bedeutung der Begrüßungshandlung bleibt, egal ob förmlich oder leger, in unserer westlichen Welt die Gleiche. Ursprünglich diente das Reichen der Hände dazu, dem Gegenüber zu signalisieren, dass man keine Waffen (bösen Absichten) verbirgt. Es ist ein Zeichen der Eintracht, der Zusammenarbeit und Kooperation. Weiterhin kommt dazu, der Aspekt, dass man direkten Körperkontakt mit seinem Gegenüber hält.

Kode „Begrüßungshandlung“:

Als besonders interessant gestaltet sich dieses Thema jedoch erst dadurch, dass wir ausschließlich A die Hand zur Begrüßung gaben. Andere Anwesende wurden immer nur verbal begrüßt. Dies beruhte auf Gegenseitigkeit. Die Frage, die sich uns an diesem Punkt stellte, war, wieso uns A intuitiv mit einem Check begrüßt. Anhand dieser Frage lassen sich abermals verschiedene Hypothesen bezüglich der Rolle, die A im System einnimmt, ableiten. Eine Begrüßung richtet sich nach dem Verhältnis der beiden Beteiligten. Möglicherweise kann A sich mit uns beiden mehr identifizieren bzw. sieht uns mit anderen Augen, als er seine mit Klienten sieht. Eine klare Abgrenzung vom Rest der Gruppe entsteht dadurch, dass er uns mit Check begrüßt, die anderen Personen jedoch nicht. Dadurch stellt er sich mit uns auf eine andere Ebene und distanziert sich hier ganz klar vom Rest. Auch die Art der Begrüßung spielt eine Rolle, wenn man bedenkt, dass wir uns „kumpelhaft“ begrüßten. Die Tatsache, dass A von Anfang an den Kontakt zu uns gesucht hat, verhärtet die Hypothese, dass er sich in einer Art und Weise mit uns identifizieren kann und sich von den anderen Substituenten abgrenzen will. Der Umstand, dass letztendlich er die einzige Person war, die sich bereit erklärte uns bei der Forschungsarbeit aktiv zu unterstützen, verdeutlicht dies abermals.

Es wäre auch denkbar, dass A einfach eine sehr extrovertierte Persönlichkeit besitzt und deshalb grundsätzlich auf fremde Menschen zugeht und sich erstmal positiv mit ihnen arrangieren möchte. Wir kennen die Umstände der ersten Zusammentreffen von A mit den restlichen Substituierten nicht und können nicht mit absoluter Gewissheit sagen, dass er dies am Anfang nicht auch bei den anderen so praktizierte, wie er es bei uns tat.

Auch unser Verhalten in dieser Situation sollte reflektiert und analysiert werden. Wieso haben wir A mit Handschlag begrüßt? Auch, wenn wir versucht haben uns nur als passiven Teil, des Systems zu verhalten, gehören immer auch zwei Beteiligte zu einem Begrüßungsritual. Wir unterschieden hier auch ganz klar zwischen A und dem Rest. Dies kann zum einen daran liegen, dass wir zu A einen viel besseren Zugang bekamen, als zum Rest der Gruppe. Er suchte stets die Gespräche und den Kontakt mit uns und wir verstanden uns sehr gut mit ihm. Auch zu den anderen Personen im Raum hatten wir Kontakt, jedoch bezogen sie uns nie so deutlich in ihre Gesprächsthemen mit ein, wie A es tat. Es wäre jedoch auch denkbar, dass wir durch das Verhalten und Auftreten von A, dessen perspektive auf die Gruppe übernahmen und uns, unbewusst, selbst von ihr distanzierten.

2.2 Sequenzanalyse des Falls

2.2.1 Erste Sequenz

Memo „Eingangssequenz“:

Das Interview beginnt mit einem Informationsteil, im Zuge dessen A über Datenschutz sowie Verwendung des Materials informiert wurde und einwilligte, dass wir das Interview für die Ausarbeitung der Hausarbeit verwenden dürfen. Während dieses ersten Teils klingelt sein HA, er verließ den Raum, um draußen jemand zu sprechen und kam im Anschluss wieder zurück.

L: So das ist jetzt an. Hallo. A, freut mich das du da bist.

A: Ja. Dankeschön

Kode „Eingangssequenz“:

Die Situation war sehr künstlich Das Aufnahmegerät und das Wissen darüber, dass gesagtes aufgenommen und später interpretiert werden könnte, hemmte ihn zunächst etwas. Seine Antworten in der Eingangssequenz des Interviews waren alle sehr kurz und knapp gehalten. Für eine Person, wie A, der es höchstwahrscheinlich nicht gewohnt ist, dass seinem Wort ein so großer Wert zugemessen wird, ist dies nur verständlich. Mit dem Ausdruck „Dankeschön“ könnt er sich hier in erster Linie dafür bedanken, dass er das Interview mit uns führen darf. Der Kontakt und Umgang mit uns scheint ihm wichtig zu sein. Das Wort „Ja“ stellt im deutschen Sprachgebrauch die positive Antwort auf eine Entscheidungsfrage dar. Eine Frage wurde ihm in diesem Moment nicht gestellt, aber es wäre denkbar, dass er unterbewusst sein Einverständnis dafür gibt, das Interview jetzt mit uns durchzuführen.

HA klingelt.

Das zweite Mal an diesem Morgen klingelte nun sein Telefon. Ein Umstand, der den Gedanken erlaubt, davon auszugehen, dass A die ein oder andere Verpflichtung oder den ein oder anderen Kontakt auch außerhalb der Räumlichkeiten der Einrichtung pflegt. Die Tatsache, dass das HA immer noch auf laut gestellt ist (vgl. Memo „HA“) lässt die Hypothese zu, dass er es bewusst laut gelassen hat, da er einen Anruf erwartet hat. Möglicherweise handelt es sich bei der anrufenden Person um dieselbe wie beim ersten Telefonat, denn er verlässt den Raum, um sich vor der Einrichtung mit jemand zu treffen.

Eine weitere Frage wäre, warum er sein HA nicht auf Vibration gestellt hat. Hat er es einfach vergessen? Hatte er Angst den Anruf zu verpassen, wenn es nur vibrieren würde? Wäre dies der Fall, könnte man vermuten, dass A, welchen Verpflichtungen auch immer, verlässlich nachkommt. Auch zeigt es, dass es möglich wäre, dass er eine gewisse Tagesstruktur besitzt, da er sich an getroffene Verabredungen hält und diese wahrnimmt.

A: Ja.

A: Ja.

A: Ich willige ein, ja.

Ausgehend davon, dass A keine Fragen bezüglich seiner Daten und der Verwendung dieser hat, könnte man ihm unterstellen er wäre naiv. Im Allgemeinen werden Menschen als naiv bezeichnet, die Umstände und Handlungen nicht angemessen bewerten können. Auch hier zeigen sich Parallelen zwischen der Vermutung, die während der Kodierung des Memos „Bekleidung“ auftrat. Es könnte eine Diskrepanz zwischen der äußeren Realität und der Realität, so wie sie von A wahrgenommen wird geben. Es könnte jedoch auch sein, dass A Vertrauen in uns gefasst hat. Ein Vertrauen, welches er (vgl. Memo „Bekleidung“) zu seinen Mitsubstituierten nicht hat. Dieser Gedanke entsprang aus den Hypothesen, dass A seine Jacke nicht im Raum hängen lassen wollte, da er Angst hatte, jemand könnte sie entwenden und da er uns mit Handschlag begrüßte, ein anderes Verhältnis und damit auch Verhalten uns gegenüber an den Tag legte.

2.2.2 Zweite Sequenz

A: (räuspert sich)

Kode „Räuspern“:

Räuspern bezeichnet das willkürliche oder reflexartige, starke Ausstoßen durch Luft. Die meisten Menschen räuspern sich um Fremdkörper aus dem Kehlkopfbereich zu entfernen. Auch räuspern sich Menschen um entweder auf sich aufmerksam zu machen oder um dem Gesagten mehr Ausdruck zu verleihen. Angenommen A räuspert sich an dieser Stelle nicht aufgrund eines Fremdkörpers in seinem Hals, sondern aus einem der anderen beiden Gründen, könnte man vermuten, dass er dem folgenden, nämlich der Geschichte seines Lebens, mehr Gewicht bzw. Dramatik verleihen möchte. Denkbar wäre es, dass er das Gefühl hat, seine Biografie würde nicht „ausreichend“ erscheinen und er sie deshalb verstärken muss. Ein Punkt, der in die Überlegung hineinspielt ist, A könnte sich in einem Kampf zwischen seiner inneren Realität und der tatsächlichen Realität befinden.

Es könnte jedoch einfach ein Zeichen von Nervosität sein oder es wäre möglich, dass er es mit kräftiger Stimme erzählen will, da es ihm wichtig ist seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Memo „Familienstruktur“:

A ist 37 Jahre alt und kommt ursprünglich aus Eritrea. Seine Familie und er sind vor dreißig Jahren aus Eritrea geflüchtet und in Deutschland untergekommen.

A: ja bin mit meiner ganzen Familie, sin alle hier.

Im Alter von sieben Jahren starb As Vater im eritreischen Unabhängigkeitskrieg. Daraufhin floh die Familie.

A: mein Vater ist gestorben (..) im Krieg.

Er hat drei Geschwister. Zwei Brüder und eine Schwester. Alle sind jünger als er. Es gibt noch zwei weitere Halbgeschwister väterlicherseits, die im Familiensystem aber nicht weiter auftauchen. Seine Mutter ist alleinerziehend. Er wohnt noch zuhause.

L: Äh erzähl doch mal bisschen zu dir, weil wir brauchen so objektive Daten, also Geburtsdatum, wo du herkommst und so (..) so quatsch halt.

A: ja bin mit meiner ganzen Familie, sin alle hier. Hmja.

Kode „Familienstruktur“:

Das Thema Familie scheint ein sehr wichtiges Thema für A darzustellen. Ausgehend von der Frage, die wir an ihn formulierten, bezog er direkt sein Familiensystem mit ein.

Die Frage richtete sich explizite an seine Person und der Umstand, dass er dabei auch seine Familie mit ins Boot nimmt, zeigt die womöglich enge Verbundenheit, die er zu seinem Familiensystem besitzt.

Auf die Frage, wer zu seiner Familie gehört antwortete er schnell und bestimmt mit zwei Wörtern.

A: Meine Mutter.

Auch hier könnte man vermuten, dass er eine besondere Beziehung zu seiner Mutter unterhält. Die Geschwindigkeit, in der er Antwortete und die Sicherheit, mit der er diese Aussage traf legen diese Hypothese nah. Der Umstand, dass er den Großteil seines Aufwachsens ohne Vater verbringen musste und seine Mutter als einzige Bezugsperson zur Verfügung stand, verhärtet diese Vermutung abermals.

Seinen Vater zählt er, nach kurzer Bedenkzeit, auch zu seiner Familie dazu, obwohl dieser physisch seit über 23 Jahren nicht mehr vorhanden ist.

A: (..) Mein Vater (.…) ist gestorben (..) im Krieg

Die Art und Weise, wie er dies sagte, mit mehreren Pausen und kaum hörbar, lässt vermuten, dass er über diesen Umstand immer noch sehr betrübt ist und es ihm nicht leichtfällt, über dieses Thema zu sprechen. Anhand seiner biografischen Daten, die wir an dieser Stelle gewonnen haben, lassen sich die oben formulierten Hypothesen erläutern.

A kommt im Alter von 7 Jahren als Kriegsflüchtling nach Deutschland. Er ist, zu diesem Zeitpunkt der deutschen Sprache nicht mächtig. Sein Vater ist im Krieg gestorben. Sein einziger Halt, in einem fremden Land ist seine Mutter. Er als Ältester der Geschwister hatte niemand, außer seiner Mutter, den er als Bezugsperson hätte ansehen können. Eine extreme Grenzerfahrung, die, vor allem in einem Alter, in dem wichtige Entwicklungsprozesse gerade erst angelaufen sind, einen Menschen von Grund auf prägen. Diesem Umstand scheint verantwortlich dafür zu sein, dass A ein sehr inniges Verhältnis zu seiner Familie hat. Er wohnt selbst im Alter von 37 Jahren noch zuhause bei seiner Mutter und verbringt, möglicherweise, den Großteil seines Alltags mit Familienmitgliedern zusammen.

L: Hast du noch Geschwister? Ja ne?

A: ja ich hab noch drei Geschwister, also noch zwei Brüder und eine Schwester.

Auf die Frage, wer alles zu seiner Familie gehört, nannte er zunächst nur seine Mutter und seinen verstorbenen Vater. Nach der direkten Frage nach Geschwistern zählte er sie auch auf. Man könnte vermuten, dass seine Geschwister, eine untergeordnete Rolle für ihn in seinem Familiensystem spielen. Schaut man sich das Aufwachsen von A genauer an, ist es nicht sehr verwunderlich, dass seine kleineren Geschwister für ihn keine „besondere“ Rolle einnehmen.

Die Frage, inwieweit A das Aufwachsen ohne Vaterfigur erlebt hat und inwieweit er seine Entwicklung überhaupt abgeschlossen hat, drängt sich auf. Es wäre hypothetisch möglich, dass er mit dem Fehlen einer männlichen Bezugsperson nicht sehr gut umgehen konnte. Drüber ließe sich auch die „ungewöhnliche“ Beziehungsqualität zwischen ihm und seiner Familie, aber im Besonderen zwischen ihm und seiner Mutter erklären.

Ein weiterer Punkt, welcher in diesem Abschnitt noch nicht berücksichtigt wurde ist, dass er, als wir über das Thema Familie sprachen, auf seinem Stuhl herumgerutscht ist. Ein Anzeichen für Nervosität? Ist es ein emotional bewegendes Thema für ihn? Ist es in Anzeichen für seine besondere Beziehung zur Familie?

2.2.3 Dritte Sequenz

Memo „Halt der Familie“:

Auf die Frage, weshalb er gerne Zeit zuhause verbringt, antwortete er, dass er gerne Zeit mit seiner Familie verbringe und sie sein „Halt“ sei. Weiterhin sagte er, dass er ohne sie wohl schon längst entweder tot oder wieder im Knast sei. Er bestätigt unsere Annahme, dass er mit seiner Mutter das beste Verhältnis pflegt.

Kode „Halt der Familie“:

A: Unternehme auch Sachen mit Familie

Die Tatsache, dass ein siebenunddreißig jähriger Mann offen vor mir zugibt, dass er übermäßig viel Zeit mit seiner Familie verbringt, macht mich stutzig. Wieso erzeugt es dieses Gefühl in mir? Wir, als sozialisierte Menschen, gehen von dem gesellschaftlichen Normzustand aus, dass ein Mann irgendwann auf eigenen Füßen stehen müsse. Der Umstand, dass mich seine Aussage stutzig macht, unterstreicht abermals den Grad der Beziehung, die zwischen A und seiner Familie steht - seinem Halt.

A: Meine Familie ist mein Halt, ne?

Die Bezeichnung der Familie als Halt erzeugt das innere Bild eines Felsens in der Brandung oder eines Leuchtturms auf offener See. Spannt man diesen Gedanken noch weiter, stößt man irgendwann auf eine sehr einseitige Beziehungsebene, welche schon dem Sinnbild des Felsens in der Brandung innewohnt. Der Fels steht in einer sehr einseitigen Beziehung zu seinem Schützling, welcher auf ihm Schutz sucht. Dieser gibt ihm nichts und nimmt sich den Schutz von ihm. Der Fels wiederrum bietet dem Schützling eine Lebensgrundlage. Analog hierzu könnte man As Beziehung zu seiner Familie sehen. Sie bieten ihm eine Lebensgrundlage und er gibt nichts bzw. wenig zurück. Sie sind sein Halt – und nicht er ihrer.

Mit dem Begriff „Halt“ verbinden wir in erster Linie Ausruhen, Anhalten, Rast machen und demnach auch Stillstand. Entwicklung braucht Veränderung. Veränderungen sind meist auch Herausforderungen. Es wäre denkbar, dass der „Halt“ den A von seiner Familie erfährt, entwicklungsschädigend für ihn ist, da sie ihn vor der „bösen“ Außenwelt abschirmen und er so nur wenig Selbstwirksamkeitserfahrungen machen kann. Rückwärts gedacht, ein Junge der mit sieben Jahren aus seinem Heimatland flieht, seinen Vater im Krieg verliert und ein neues Leben in einem fremden Land anfangen muss, braucht möglicherweise eine ganz besondere Art von Rückhalt und Halt während seinem Aufwachsen. Denkbar wäre es, dass A seine gesamte Kindheit über, verständlicherweise, übermäßig behütet wurde und so nie die Gefahren der Außenwelt selbstwirksam erlebte.

A: ich wäre schon längst tot oder (….) oder wieder im Knast

Die Zuschreibung, dass er ohne seine Familie tot (oder im Knast) wäre, unterstreicht die oben beschriebene Hypothese aufs Neue. Er scheint sehr froh, dass er jetzt nicht mehr im Gefängnis ist. Da er den erneuten Aufenthalt im Gefängnis mit dem Tod vergleicht, wäre dies wohl ein Worst-Case-Szenario für ihn. Sollte der Halt seiner Familie fehlen, würde er innerlich oder sogar buchstäblich sterben. Man könnte demnach annehmen seine Familie stelle seine Lebensgrundlage dar.

A: Unternehme auch Sachen mit Familie

Dieser Satz ist auch wichtig um die strukturellen Gegebenheiten in As Leben nachzuvollziehen und bringt uns auf den Weg der Bearbeitung der ursprünglichen Frage nach den strukturgebenden Aspekten der Einrichtung. Wie auch im Memo „Anruf“ und im Memo „Eingangssequenz“ bereits festgestellt, gibt es neben dem täglichen erscheinen in der Substitutionsfachambulanz noch eigene andere strukturgebende Punkte im Leben von A.

L: hm (….) mit wem hast du so das beste Verhältnis zu Hause?

A: ähm mit meiner Mutter

L: mit der Mutter ja

A: mhm Mutter

Er denkt bei der Beantwortung der Frage kein einziges Mal an seine Geschwister, oder andere Angehörige, sofern diese vorhanden sind. Wie zuvor bei der Frage nach den Familienangehörigen scheinen seine Geschwister eine untergeordnete Rolle zu spielen. Seine Antwort schießt, wie zuvor in der Kodierung des Memos „Familienstruktur“ beschrieben, aus seinem Mund heraus. Seine Entscheidung steht für ihn wohl felsenfest und wird sich so schnell nicht verändern.

Warum er diese Aussage getroffen hat erklärt es uns jedoch nicht. Der Eindruck entsteht, als würde er durch das konsequente Wiederholen des von uns Gesagten versuchen das Thema schnellstmöglich abzuschließen. Er antwortet sehr einsilbig und wortkarg, als wäre ihm dieses Thema irgendwie unangenehm.

2.2.4 Vierte Sequenz

Memo „Beurteilung SAM 2“:

In der nächsten Sequenz beschreibt A seine Beziehung zur Einrichtung. Er befindet sich nun seit ca. einem Jahr in dem Programm der Substitutionsfachambulanz. Es gefällt ihm gut dort. Er genießt das Angebot, welches ihm die Ambulanz bietet. Therapeutische Begleitung, Schuldnerberatung, gemeinsames Essen, sowie eine Ansprechpartnern bei persönlichen Problemen.

A: also mir gefällt´s hier gut.

L: ja, ja du bist ja auch immer da, hab ich das

A: Ja.

Daniel: auch länger, ne?

A: Auch so, dass äh die Therapeuten bei allem helfen, ne. Hier ham zum Beispiel Schuldnerberatung und wir frühstücken hier oder wir essen Mittag. Oder wenn ich persönlich Probleme hab, gehe ich zu Maria gehen und hilft mir bei allem, ne.

Kode „Beurteilung SAM 2“:

A beschreibt hier seine Beurteilung der Einrichtung. Offensichtlich tut es ihm gut, dort im Programm aufgehoben zu sein. Eine Analogie zum Halt der Familie lässt sich auch zur Einrichtung ziehen. Die Art und Weise, wie er die Angebote beschreibt, lassen uns den Eindruck gewinnen auch sie stellt einen „Halt“ gebenden Aspekt in seinem Leben dar. Daraus lässt sich die Hypothese bilden, dass A sichere, haltgebende Konstanten in sein Leben integriert hat. Braucht er diese, wegen seiner traumatischen Kindheit? Lassen sich hier Parallelen zwischen dem Aufwachsen in einem haltgebenden Familiezusammenhang, dem Besuch einer haltgebenden Einrichtung und einer möglichen geringen Selbstwirksamkeitserfahrung ziehen? Sucht er sich diese Art von Struktur bewusst oder unbewusst? Wieder stoßen wir auf die Frage, die wir bereits während der Kodierung des Bekleidungsmemos sowie bei der Kodierung der Eingangssequenz formuliert haben. Wie sieht A seine Realität und wie ist sie in Wirklichkeit? Inwieweit befindet er sich in einem Spannungsfeld zwischen äußerer und innerer Realität?

A: Auch so, dass äh die Therapeuten dir äh bei allem helfen, ne […]

A: [...] geh ich zu Monika und hilft mir bei allem, ne.

Zweimal verwendet er an dieser Stelle den Begriff „allem“. Wieder verwendet er hier einen sehr starken Begriff, analog dazu der Halt der Familie, ohne den alles „am Ende“ wäre. Wieder macht er sich selbst abhängig von äußeren Gegebenheiten und erlebt keine Selbstwirksamkeitserfahrung. Selbst, wenn die Therapeuten und Monika ihm nicht bei allem helfen würden, könnte eventuell schon der Gedanke, er könne sich auf seinem Helfersystem ausruhen, ausreichem um eine Stagnation herbeizuführen. Siehe hierzu die Überlegungen zum Halt der Familie und zum Begriff Halt.

Auch die Zuschreibung, man würde ihm in all seinen Belangen und Problemlagen helfen können, scheint wenig reflektiert und differenziert. Denkt er wirklich, Monika würde ihm bei „all“ seinen persönlichen Problemen helfen können? Denkt er, er müsse keine Eigenleistung bringen? Sieht er nicht, dass sein Hilfesystem auch Grenzen besitzt und er selber aktiv werden muss und irgendwann selber auf eigenen Beinen stehen sollte? (vgl. Kode „Halt der Familie“ Das Konzept, A habe sich die äußere Realität seiner inneren angeglichen und nicht seine innere Realität der äußeren, verhärtet sich.

2.2.5 Fünfte Sequenz

„Alltag nur kaufen, verkaufen, neues holen.“

Memo „Dealer-Dasein“:

Durch diese Aussage gibt A unmissverständlich zu, gedealt zu haben. Also hat er um seinen Konsum zu finanzieren Drogenhandel betrieben. Durch diesen Handel mit Drogen begibt er sich noch weiter in die Illegalität. Er nimmt nochmal einen anderen Status in der Szene ein. Hat ein Dealer ein höheres Ansehen in der Szene?

„Ja dann fängt das schon an Telefon zu klingeln, ne? Dann [lacht] muss man schon aufstehen und los und die Kunden beliefern und so.“

Kode „Dealer-Dasein - Identifikation und Identität“:

A beschreibt seine Aktivität sehr förmlich als „Kunden beliefern“ und verweist darauf, dass er morgens aufstehen und sie beliefern „muss“. Seine Drogenabnehmer nennt er „Kunden“. Jemand der „Kunden“ hat ist in der Regel ein Unternehmer und besitzt einen gewissen gesellschaftlichen Rang bzw. Status. Man könnte annehmen A überträgt dieses Bild auf sich und identifiziert sich als solcher, da es ihm ein Gefühl von Prestige gibt und er somit einer (für ihn) sinnvollen Beschäftigung nachgehen würde. Man könnte sagen er sieht dies also sozusagen als seine Arbeit an und es scheint, als fühle er sich unabhängig davon, dass er das Geld für seinen eigenen Konsum benötigt, dazu verpflichtet. Es ist ein typisches Verhalten von Menschen sich mit ihrem Beruf zu Identifizieren und der Beruf bzw. die Arbeit spielt eine wichtige Rolle bei der Identitätsbildung. Im Gegensatz zu dem in der Kodierung: „Halt der Familie“ Beschriebenen, erfährt A hier eine große Selbstwirksamkeit. Das positive Erleben dieser Selbstwirksamkeit, könnte einen Faktor darstellen, der A sich noch tiefer in die Welt der Drogen sowie die Szene begeben lies und somit zu einer Festigung dessen in seiner Persönlichkeit führte. Es scheint so, als ob A eine klare Vorstellung von den Aufgaben und Verpflichtungen eines Dealers hat, er tut was ein Dealer tun muss, ohne dies kritisch zu hinterfragen. Dies kann ein weiteres Indiz für eine stattgefundene Identifikation sein und dafür, dass er diese Rolle für seine Person angenommen hat. Wie bereits in den vorangegangenen Sequenzanalysen herausgearbeitet, kann es bei Heroinabhängigen häufig zu einer Diskrepanz zwischen innerer und äußerer Realität kommen, die Vorstellung vom Dealen als Beruf, könnte hier ein gutes Beispiel sein.

[...]

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Struktur im Leben Heroinabhängiger. Möglichkeiten der strukturellen Unterstützung durch Substitutionsfachambulanzen
Hochschule
Universität Kassel
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
54
Katalognummer
V918494
ISBN (eBook)
9783346240903
ISBN (Buch)
9783346240910
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Strukturgebende Aspekte, Heroinabhängiger, strukturellen, Unterstützung, Substitutionsfachambulanzen, Tischgespräche, Motivation, Forschungsfeldes, Fragestellung, Feinanalyse, Rahmenbedingungen, Sequenzanalyse, Fallhypothese, Teilkonzepte, Transkription, fallrekonstruktiven, Familienforschung, Forschungswerkstatt, Forschungsfokus, ethnografischen, Erhebungen, Statistik, Soziale Arbeit, Sozial, Arbeit, Soziale, Forschungsarbeit, Empirische Zugänge, Empiri, Praxisfelder
Arbeit zitieren
Luka Löwe-Stura (Autor), 2017, Struktur im Leben Heroinabhängiger. Möglichkeiten der strukturellen Unterstützung durch Substitutionsfachambulanzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/918494

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