Der Reisebericht als Medium der Selbst- und Fremdwahrnehmung in der Zeit der Aufklärung

Eine kurze Darstellung


Hausarbeit, 2013

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Reisen in der Epoche der Aufklärung

2. Der Reisebericht
2.1 Der Reisebericht als Gattung
2.2 Die Authentizität des Reiseberichts
2.3 Selbst- und Fremdwahrnehmung
2.4 Lady Mary Wortley Montagus Briefe aus dem Orient
2.4.1 Das Buch
2.4.2 Die Adressaten
2.4.3 Montagus Selbst- und Fremdwahrnehmung

3. Frauen reisen in die Fremde

4. Reisen in den Orient

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Reisen in der Epoche der Aufklärung

„Weit reicht die Tradition des Reisens in die Vergangenheit zurück, so weit, wie die historische Überlieferung reicht. Mythen und Sagen zeugen davon, das Gilgamesch-Epos ebenso wie die Odysee und der Artus-Sagenkreis, und schon in frühgeschichtlichen Zeiten finden sich Nachweise, [.]“.1

Auch in der Zeit der Aufklärung und des Rationalismus spielte das Reisen eine wichtige Rolle. Diese Epoche, geprägt vom Säkularisierungsprozess, welcher die Entwicklung der neuen Welt in die Wege leitet, fand ihre Anfänge in England. Wichtigstes und zentrales Element der Aufklärung war der Verstand, mit dessen Hilfe der Mensch als Individuum nun fähig war „den Gesamtbereich menschlicher Weltsicht wie Natur, Staat und Kirche zu erkennen“.2 Nun war dem Einzelnen eine freie Gestaltung seines Lebens gegeben, womit jeder befugt war seine Ansprüche über die der Gesellschaft zu stellen.

Zu den Rechten des Individuums zählen vor allem die Meinungsfreiheit, politisches Mitspracherecht, Glaubensfreiheit und freie Verwirklichung im Bereich der Wirtschaft. Gefestigt wurden diese Ideen in den Bill of Rights vom Jahre 1688, wodurch England zum Vorbild der Aufklärungsbewegung wurde. Dort entstanden Clubs und Teehäuser, in denen man sich nachdrücklich über die aufklärerischen Forderungen und 3 Ideen austauschte.3

Das 18. Jahrhundert wird als das Goldene Zeitalter des Reisens und der Reiseliteratur bezeichnet. Insbesondere im viktorianischen England hatte das Reisen die Funktion das Wissen zu erweitern und Bildung zu erlangen. Nun war es nicht mehr nur noch Angehörigen des Adels vorbehalten, sondern auch zunehmend Söhne des gehobenen Bürgertums konnten Erfahrungen in der Welt sammeln.4

Die Aufklärung gilt somit als Blütezeit der europäischen Reisekultur. Aufgrund verbesserter Transportmittel und einer höheren Sicherheit während der Fahrten, konnte das Reisen erheblich erleichtert und beschleunigt werden. Für die Gebildeten der Aufklärungszeit stellte es 5 „das Mittel der Aufklärung schlechthin“ dar.5

„Was ihm an architektonischen Wundern und Naturereignissen, an Brauchtum in Stadt und Land begegnet, notiert der Reisende, und nicht selten wird das Notierte nach der Rückkehr ausgearbeitet und veröffentlicht.“, schreibt Hans-Wolf Jäger in seinem Beitrag zum Thema Reisefacetten der Aufklärungszeit.6 Dementsprechend wurden in diesem Jahrhundert um die 10.000 deutsche Reisewerke veröffentlicht, welche die unterschiedlichsten Formen annehmen konnten. Um ihre Erlebnisse zu Papier zu bringen, nutzen die Reisenden viele Formen, wie zum Beispiel Tagebücher, Erzählungen, Stationenchroniken oder aber Reisebriefe bzw. Reiseberichte. Für die schnelle und weite Verbreitung sorgte die junge Kunst des Buchdrucks.7

2. Der Reisebericht

Im Metzler Literatur-Lexikon steht geschrieben, dass der Begriff Reisebericht als „umfassende Bez[eichnung] für die vielfält[igen] Darstellungen von Reisen und Reiseerlebnissen“ definiert wird.8 1993 wird der Begriff Reisebericht zum ersten Mal ausführlich in dem von Walther Killy herausgegebenen Literatur Lexikon erwähnt.9

Bei der Analyse eines Reiseberichts stehen folgende Fragen im Mittelpunkt: Wer reiste aus welchen Gründen wohin? Was waren die Reisemotive oder der Anlass? Welchen Beitrag möchte der Autor damit leisten? Diese Fragen sollen im weiteren Verlauf dieser Hausarbeit offen dargelegt werden.10

2.1 Der Reisebericht als Gattung

„Als eine erzählende Darstellung einer realen Reise gehört der Reisebericht zu den ältesten Gattungen der abendländischen Literatur und reicht bis in die griechische Antike zurück.“11 Jedoch wird er in vielen Nachschlagewerken der Reiseliteratur untergeordnet. Denn aufgrund der vielen Mischformen ist die genaue Einordnung des Reiseberichts als ernstzunehmende literarische Gattung in der germanistischen Literaturwissenschaft stark umstritten. Sogar Reise-, Staats-, Abenteuer- und Lügenromane werden zur Reiseliteratur gezählt, wie zum Beispiel Eichendorffs Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“, da „der Held ja 12 schließlich Reiselust und Reiseabenteuer wiederspiegele.“12

Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts macht die Gattung Reisebericht entscheidende Fortschritte. Ursache für die wachsende Popularität war sicherlich das zunehmende Verlangen der Bürgerschicht nach anregendem Lesestoff. Ebenso zog die Verbreitung einen Vorteil aus den ersten Schritten des Journalismus.13

Um den Reisebericht analysieren zu können, muss man sich ebenfalls ein wenig mit der Kulturwissenschaft beschäftigen. Die Gattung des Reiseberichts muss daher ebenfalls „in den Zusammenhängen literarischer, philosophischer und überhaupt geisteswissenschaftlicher, zudem sozialhistorischer, politischer, naturwissenschaftlicher, geographiewissenschaftlicher, ethnologischer, anthropologischer und verwandter Entwicklungen [.]“14 betrachtet werden.

2.2 Die Authentizität des Reiseberichts

„Der Reisebericht bezieht sich lediglich per definitionem auf wirkliche Reisen, während tatsächlich aber zwischen Authentizität und Fiktionalität dem jeweiligen Verfasser ein breiter Spielraum zur Verfügung steht, der individuell, aber auch epochenspezifisch ganz unterschiedlich ausgefüllt wird.“14

Die Gattung Reisebericht setzt sich in ganz besonderer Weise mit der Wirklichkeit auseinander. Reisende hatten schon immer einen schlechten Ruf. Ihr Umgang mit der Wahrheit in ihren Texten und Erzählungen wurde stets infrage gestellt; schließlich beschäftigen sie sich hauptsächlich mit Unbekanntem und damit für die Daheimgebliebenen Unwahrscheinlichem und Phantastischem. Diese Ansicht wurde über die Jahre hinweg aufrechterhalten, denn „die Geschichte der Gattung hat immer wieder genügend Belege für die Berechtigung dieses Mißtrauens 16 geliefert.“15 Die Frage nach der Authentizität ist zweifelsohne ein zentrales Problem für das Genre der Reiseliteratur.16

Auffallend ist, dass die Reiseberichte derer bereisten Länder, die am entferntesten lagen, die meisten Falschangaben enthielten. Durch Voreingenommenheit und Missverständnisse seitens der Autoren kam es dazu, dass nicht korrekte Informationen den Anschein erweckten 18 glaubhafte Begebenheiten zu sein.17

Typisch für den Reisebericht ist der Versuch des Autors seine Glaubhaftigkeit zu betonen. Bereits im Vorwort und ebenso im weiteren Erzählverlauf der Reise wird immer wieder die Aufrichtigkeit der erlebten Begebenheiten betont. Diese Wahrhaftigkeitsbekundungen sind ein festes Element der Erzähltechniken eines Reiseberichts.18 Insbesondere reisende Europäerinnen wurden beschuldigt mit ihren Texten und Erzählungen Lügen zu verbreiten, da in der westlichen Gesellschaft „gemäß gängiger geschlechtsspezifischer Charakterzuweisungen Frauen im Allgemeinen und ihre Sprache im Besonderen mit Falschheit und Lügenhaftigkeit assoziiert wurden.“19 Für die Wissenschaft der Zeit wurde der Streit um die Glaubwürdigkeit der Reiseberichte zu einer großen Herausforderung. Um diese zu belegen beziehungsweise zu widerlegen, mussten neue Forschungsreisen unternommen werden. Durch die zahlreichen Debatten wurde das breite Publikum jedoch nicht seiner Leselust beraubt; im Gegenteil, für die Leser schien die Wahrhaftigkeit der Reiseberichte eine 21 nebensächliche Angelegenheit gewesen zu sein.20 Die letzten Zweifler verstummten jedoch erst, als „Nachfolger jener wagemutigen Wegbereiter [die vielfältigen Schätze] vorzuweisen hatten.“21

2.3 Selbst- und Fremdwahrnehmung

In einem Reisebericht geht es hauptsächlich um die Darstellung der Fremde und des Fremden und wie sich der Reisende selbst neu entfaltet, d.h. es wird aufgezeigt wie der Reisende das Fremde „durch die Brille seiner eigenen Kultur“ wahrnimmt.23

Für den Reisenden bringt eine Reise hohe Anforderungen mit sich. Er muss sich zum einen Strategien überlegen, um mit den fremden Völkern in einen ersten Kontakt treten zu können. Zum anderen werden seine Vorstellungen vom Fremden stark von den Auffassungen seiner eigenen Kultur geprägt, welche es jedoch zu überwinden gilt. So gibt der Reisebericht nicht nur Auskunft über das bereiste Land, sondern auch, wie bereits erwähnt, Auskunft über die Ausgangs- beziehungsweise die Heimatkultur.24 Auch die Biographie des Reisenden spielt bei der Darstellung der Fremde eine wichtige Rolle. Denn „die Art und Weise der Darstellung hängt ferner von der persönlichen Einstellung eines Reisebericht-Verfassers gegenüber dem Leben im Allgemeinen, vor allem aber von seiner sozialen Lage, dem Niveau seiner Bildung, seiner Erziehung, seinen beruflichen Interessen, seinen politischen und religiösen Ansichten und schließlich von seinen persönlichen Eigenschaften ab, zu denen nach Myl'nikov auch Charakter, Temperament und Wahrnehmungsfähigkeit hinzuzuzählen sind.“22

Da der Reisende täglich mit dem Unbekannten konfrontiert wird und stets dazulernt, ist auch die Grenze zwischen dem Vertrauten und dem Fremden in ständiger Bewegung, was zu Neudefinitionen führen kann. Ihre neu erlangten Erfahrungen verbreiten die Reisenden letztendlich in 26 Form von Texten.23 Nicht selten war es, dass der Reisende nach längeren Aufenthalten in der Fremde, welche vor allem von neuen Erkenntnissen und einer persönlichen Weiterentwicklung geprägt sind, bei seiner Rückkehr ins Heimatland einem „Gefühl der Fremdheit und Unangepasstheit“24 ausgesetzt ist.25

„Als Vertreter einer Nation sind die Reisenden stets bestrebt, Zeichen ihrer nationalen Präsenz in der von ihnen bereisten Region 29 aufzulisten.“26 Typisch für den Reisebericht sind die zahlreichen Vergleiche, mit denen der Reisende zwischen seinem Heimatland und der fremden Kultur seine Parallelen zieht.27 Die Reiseliteratur wird zum großen Teil auch „zum Forum einer direkten und reflektierten Sozialkritik“28, denn in ihren Beschreibungen unterdrücken die Reisenden ihre Kritik sowohl an der fremden als auch an der eigenen Kultur nicht. Beispielsweise wurde im 19. Jahrhundert eine zu große Nähe zu den Menschen der fremden Kultur nicht selten sogar als negativ beschrieben. Die Reisenden stehen in einem angespannten Verhältnis zwischen „der radikalen Aufforderung zu einer Selbstbildung [...] und dem Maß an Vorbereitungen und Vorinformationen“29, welche 33 eine geregelte Reise bezwecken sollten.30

2.4 Lady Mary Wortley Montagus Briefe aus dem Orient

Lady Mary Wortley Montagus Reisebericht Briefe aus dem Orient zählt zu den frühsten westlichsten Zeugnissen aus dem Osmanischen Reich. Ihre Erzählungen haben die europäischen Kenntnisse, aber auch die Phantasien über den Orient geprägt.

„Lady Montagu war wissbegierig und neugierig auf die Welt und verspürte schon früh den Wunsch, selbst auf Reisen zu gehen. Unter anderem machte sie diesen Wunsch zu einer Voraussetzung für ihre Ehe mit Edward Wortley.“31 So erzählt die junge Britin in ihrem Werk von ihrer zweijährigen Reise zwischen 1716 und 1718 von England nach Konstantinopel und zurück, zu der sie ihren Mann begleitet. Dieser wurde beauftragt als Gesandter im wieder aufgeflammten Krieg zwischen dem Osmanischen Reich und Österreich zu vermitteln.32

2.4.1 Das Buch

Die Sammlung von 52 Briefen, aus welchen Montagus Werk Briefe aus dem Orient besteht, ist an diverse Personen ihres Familien- und Freundeskreises gerichtet. Es wird sogar angenommen Lady Mary Wortley Montagu hätte das Buch selbst aus Abschriften ihrer Briefe und ihres Tagebuches zusammengestellt. Eingeleitet wird das Buch durch ein kurzes Vorwort von Mary Astell, welches mit dem 18.12.1724 datiert ist, d.h. es wurde bereits zu Lebzeiten Montagus vollendet.33 1763, acht Monate nach ihrem Tod, wurde schließlich die erste Ausgabe der Briefe aus dem Orient veröffentlicht. Und bereits in den folgenden Jahrzehnten kam es zu vielen Nachdrucken und 37 Übersetzungen, ein Zeichen für den großen Erfolg des Buches.34

[...]


1 Krasnobaev, Robel, Zeman (1980: 9).

2 Krasnobaev, Robel, Zeman (1980: 16).

3 Vgl. Krasnobaev, Robel, Zeman (1980: 16).

4 Vgl. Kokot (2006: 7f.).

5 Vgl. Habinger (2006: 36f.).

6 Brenner (1989: 261.).

7 Vgl. Brenner (1989: 261f.).

8 Schweikle (1984: 361f.).

9 Vgl. Calikbasi (2004: 15f.).

10 Vgl. Calikbasi (2004: 34f.).

11 Calikbasi (2004: 17).

12 Calikbasi (2004: 15).

13 Vgl. Scheitler (1999: 85f.).

14 Brenner (1989: 8).

15 Calikbasi (2004: 13).

16 Vgl. Brenner (1989: 14f.).

17 Vgl. Krasnobaev, Robel, Zeman (1980: 17).

18 Vgl. Calikbasi (2004: 34).

19 Mills (1991: 112).

20 Vgl. Krasnobaev, Robel, Zeman (1980: 17).

21 Krasnobaev, Robel, Zeman (1980: 10).

22 Vgl. Brenner (1989: 14f.).

23 Vgl. Calikbasi (2004: 22f.).

24 abinger (2006: 243).

25 gl. Habinger (2006: 243f.).

26 alikbasi (2004: 11).

27 gl. Calikbasi (2004: 11f.).

28 renner (1989: 272).

29 rasnobaev, Robel, Zeman (1980: 60).

30 gl. Krasnobaev, Robel, Zeman (1980: 60f.).

31 Kokot (2006: 16).

32 Vgl. Wortley Montagu (1982: 7f).

33 Vgl. Kokot (2006: 17f.).

34 Vgl. Kokot (2006: 14f.).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Reisebericht als Medium der Selbst- und Fremdwahrnehmung in der Zeit der Aufklärung
Untertitel
Eine kurze Darstellung
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
17
Katalognummer
V918607
ISBN (eBook)
9783346227614
ISBN (Buch)
9783346227621
Sprache
Deutsch
Schlagworte
reisebericht, medium, selbst-, fremdwahrnehmung, zeit, aufklärung, eine, darstellung
Arbeit zitieren
Christine Pensenstadler (Autor:in), 2013, Der Reisebericht als Medium der Selbst- und Fremdwahrnehmung in der Zeit der Aufklärung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/918607

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