Diskussion theoretischer Ansätze der Entstehung und Behandlung psychosomatischer Erkrankungen im Kindesalter und deren Bedeutung für die Physiotherapie


Diplomarbeit, 2007

89 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung - Einführung in die Problemstellung der Arbeit

2. Darstellung des beruflichen Handlungsfeldes der Physiotherapie
2.1 Begrifferklärung: Physiotherapie
2.2 Die Ziele der Physiotherapie
2.3 Konzepte und Therapieformen der Physiotherapie
2.3.1 Krankengymnastik
2.3.2 Atemtherapie
2.3.3 Massagetherapie
2.3.4 Konzentrative Bewegungstherapie
2.3.5 Tanztherapie
2.3.6 Einzeltherapie/ Gruppentherapie

3. Psychosomatische Erkrankungen - Theoretische Ansätze, Entstehungsursachen und Erklärungsmodelle
3.1 Zum Begriff Psychosomatik - der leiblich- seelische Zusammenhang
3.1.1 Zum Verständnis und Bedeutung des Begriffes psychosomatische Erkrankung: Krankheit - Gesundheit
3.2 Die historische Entwicklung psychosomatischen Denkens
3.3 Darstellung relevanter Konzepte, Theorien und Modelle zur Entstehung psychosomatischer Erkrankungen
3.3.1 Charakterologisch orientierte Modelle
3.3.2 Auslösende Bedingungen psychosomatischer Störungen im Kindes­alter (Dr. med. Carola Bindt, Dr. med. Jan Gerrit Behrens)
3.3.3 Entstehung psychosomatischer Erkrankungen durch Angst
3.3.4 Entstehung psychosomatischer Erkrankungen durch psycho-sozialen Stress
3.3.5 Modelle der Entstehung psychosomatischer Erkrankungen aus Sicht der Psychoanalyse
3.3.5.1 Konversionsstörungen
3.3.5.2 Organ- Neurosen
3.3.5.3 Funktionsstörungen
3.3.5.4 „Zweiphasige Abwehr“ - Ein Konzept nach Alexander Mitscherlich
3.3.5.5 Zusammenhänge psychisch bedingter Störungen und körperlicher Erscheinungen nach Kaspar Kiepenheuer
3.3.5.6 Einteilung nach Ermann, Frick, Kinzel und Seidl auf psycho­analytischer Grundlage
3.3.5.7 Psychosomatische Erkrankung und Krankheitsgewinn
3.3.6 Gesellschaftliche Bedingungen psychosomatischer Krankheiten
3.4 Psychosomatische Grunderfahrung und das Bewältigungsver­halten
3.5 Zusammenfassung

4. Psychosomatische Erkrankungen im Kindesalter
4.1 Zum Verständnis psychosomatischer Erkrankungen bei Kindern: eine Beschreibung des Kindesalters
4.2 Asthma bronchiale
4.3 Neurodermitis
4.4 Eneuresis (Einnässen, Bettnässen)
4.5 Bauchschmerz
4.6 Zusammenfassung

5. Therapiemaßnahmen bei psychosomatischen Erkrankungen
5.1 Die Medizinische Therapie
5.2 Die Psychoanalyse als Psychotherapie
5.2.1 Die Tiefenpsychologie
5.2.2 Die Verhaltenstherapie
5.2.3 Die Gestalttherapie
5.2.4 Aspekte der Psychotherapie in Bezug zur Physiotherapie
5.3 Die Relevanz der behandelten Ansätze für die Physiotherapie
5.3.1 Behandlungsmöglichkeiten bei psychosomatischen Erkrankungen
5.3.1.1 innerseelische Konflikte, Stress und deren Wahrnehmung im physiotherapeutischem Entspannungsverfahren
5.3.1.2 Körperschmerz = Seelenschmerz - Relevante Gedanken für die Physiotherapie in Hinsicht auf die Bewegungstherapie
5.3.1.3 Erkennen und Erleben des leiblich- seelischen Zusammenhanges durch die physiotherapeutische Methode der Körperwahrnehmung
5.3.1.4 Angst/ Trennungsangst - Welche physiotherapeutische Behandlungsmethode eignet sich?
5.4 Zusammenfassung

6. Schlussbetrachtung - Zusammenfassung

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

I. Einleitung - Einführung in die Problemstellung der Arbeit

„Menschliches Erleben und Verhalten lassen sich nur begreifen, wenn man Körper und Seele als Einheit betrachtet. Denn jedes Gefühl oder Empfinden, das wir haben, drückt sich zugleich in einem ganz bestimmten körperlichen Zustand aus. So fühlen wir, während wir himmelhoch jauchzen’, wie sich unsere Brust weitet, oder spüren, wenn wir ,zu Tode betrübt’ sind, wie alles in uns schwer wird und uns buchstäblich zu Boden drückt.“1

Die ,Diskussion theoretischer Ansätze der Entstehung und Behandlung psychosomatischer Erkrankungen im Kindesalter und deren Bedeutung für die Physiotherapie’ (im weiteren Text auch Pt) ist das Thema dieser Diplomarbeit. Ich wählte dieses Thema aus, da ich in meiner Tätigkeit als Physiotherapeutin nicht nur mit älteren Menschen arbeite, sondern auch jüngere Patienten therapiere. Es ist nicht immer einfach, eine Behandlung bei Kleinkindern durch­zuführen, da sie oft noch nicht genau Schmerzen und Ursachen ihrer Erkrankung spezifizieren und definieren können. Umso schwieriger ist es, wenn die Ursachen für Krankheiten nicht durch ein Trauma, Unfall oder eine Infektion entstanden sind, sondern bedingt durch psychischen und psychosozialen Stress, seelischen und zwischenmenschlichen Konflikten entstehen.

Außerdem habe ich in meinem Bekanntenkreis ein Kind mit Neurodermitis (eine Erkrankung, die psychosomatisch sein kann), die meist bei Stress und fremder Umgebung zum Ausbruch kommt; die Ursachen sind bisher noch nicht hundertprozentig abgeklärt. Des Weiteren hatte ich durch eine junge Patienten (Kapitel 5.3) eine erste Bekanntschaft mit psychosomatischen Symptomen machen können.

So wurde mein Interesse geweckt, die Entstehungsursachen, Hintergründe und Behandlungsmethoden von psychosomatischen Erkrankungen genauer zu erarbeiten und einen Bezug zu meinem Beruf Physiotherapeutin zu finden. Das Thema psychosomatische Erkrankungen im Kindesalter entstand.

Ich möchte einen Einblick in diese Thematik der Psychosomatik geben und Anregungen für Therapieansätze und -möglichkeiten für die Physiotherapie aufzeigen. Es wird u.a. untersucht, welche Erkenntnisse aus den Ansätzen und Konzepten über die Entstehung sowie der Behandlung psychosomatischer Erkrankungen von besonderer Bedeutung für die Physiotherapie sind.

Es folgen nun bekannte Redewendungen, die Hinweise auf psychosomatische Erkrankungen geben können.

Es schnürt einem die Kehle zu.

Sich winden wie ein Aal.

Jemanden wird Angst und Bange.

Eine Stinkwut im Bauch haben.

Die Luft ist bei mir raus.

Rote Ohren kriegen. Rot werden wie eine Tomate.

Der Ärger schlägt einem auf den Magen.

Kein Rückgrat haben.

Vor Angst zittern.

Mir bleibt vor Aufregung die Spucke weg.

Sich krank ärgern.

Mir grummelst im Bauch als ob ich tausend Schmetterlinge darin hätte.

Da kommt mir die Galle hoch.

Eine große Last auf den Schultern tragen.

In Sprichwörtern und Wortgruppen wird der psychosomatische Zusammenhang - körperliches und seelisches Befinden - offensichtlich.

Sprache weist oft die Richtung für das, was den Menschen fehlt. Man benutzt und hört die Redewendungen alltäglich und denkt kaum noch über ihren ursprünglichen Sinn nach; wir wählen Assoziationen und nebensinnliche Worte. Wir bringen - meist unbeabsichtigt - Gefühle, Mimik, Gestik und Stimmungen mit zum Ausdruck.

Ein jeder Leser sollte sich deshalb ein paar Minuten Zeit für die eben genannten Redewendungen nehmen, um über diese nachzudenken und darin Verbindungen zwischen der körperlichen Krankheit und dem inneren Seelenzustand zu finden. Vielleicht sind dem einen oder anderen auch bestimmte Gefühle bekannt und kann sich mit ihnen identifizieren.

Nach dieser ersten Einführung in die Thematik der Arbeit wird nun dargestellt, wie sich die Gliederung dieser gestaltet. Zunächst wird im zweiten Kapitel Darstellung des beruflichen Handlungsfeldes der Physiotherapie’ eine Begriffs­erklärung vorgenommen sowie Ziele, Konzepte und Therapieformen vorgestellt und ausgeführt; u.a. die Krankengymnastik’, die ,Atemtherapie’ und die Konzentrative Bewegungstherapie’.

Auf die psychosomatischen Erkrankungen, ihren theoretischen Ansätzen, Entstehungsursachen und Erklärungsmodellen wird ausführlich im dritten Kapitel eingegangen. Zu Beginn wird auch hier eine Begriffserklärung des ,Leiblich- seelischen Zusammenhangs der Psychosomatik’ vorgenommen. Um die Psychosomatik als Krankheit zu verstehen, folgt eine Beschreibung und Erläuterung dessen. Im Anschluss daran wird ,Die historische Entwicklung psychosomatischen Denkens’ dargestellt, deren Anfänge bis ins Altertum zurückreichen. Weiterhin werden relevante Konzepte, Theorien und Modelle zur Entstehung psycho-somatischer Erkrankungen kurz dargeboten. Dazu gehören: ,Charakterologisch orientierte Modelle’, bei denen Menschen nach ihren Charaktereigenschaften bestimmten Krankheiten zugeordnet werden können. Weiterhin wird auf die ,Auslösenden Bedingungen psychosomatischer Störungen im Kindesalter’, die ,Entstehung psychosomatischer Erkrankungen durch Angst’ - eine der häufigsten Ursachen zur Entstehung einer Störung - und der ,Entstehung psychosomatischer Erkrankungen psychosozialen Stress’ eingegangen. Im Kapitel 3.3.5 werden ,Modelle der Entstehung psychosomatischer Erkrankungen aus Sicht der Psychoanalyse’ erläutert. Unter anderem sind dies die Konversionsstörungen’, d.h. Störungen und Ausfälle der Willkürmotorik und der Sensibilität, die nicht durch körperliche oder neuro­logische Erkrankungen verursacht worden sind, sondern auf psychische und psychosoziale Konflikte zurückgeführt werden können; Organ- Neurosen sowie Funktionsstörungen. Weiterhin wird die ,Zweiphasigen Abwehr’ nach Alexander Mitscherlich beschrieben, wo angenommen wird, dass psycho-somatische Reaktionen und Krankheiten auf Basis von Anlagen und Erfahrungen entstehen. Des Weiteren wird eine Unterteilung nach Kaspar Kiepenheuer vorgenommen. Kiepenheuer stellt Zusammenhänge zwischen psychisch bedingten Störungen und körperlichen Erscheinungen fest. Anschließend wird eine psychoanalytische Einteilung nach Ermann, Frick, Kinzel und Seidl’ vorge­nommen, die Erkrankungen in eine körperliche und eine seelische Seite unter­teilen. Als Abschluss der psychoanalytischen Sichtweisen wird der sog. Krank­heitsgewinn erläutert, der für manche Kinder von großer Bedeutung ist und wie der Name schon sagt, einen Gewinn aufgrund der Erkrankung erzielen kann. Auch können gesellschaftliche Bedingungen Einfluss auf die Entstehung psychosomatischer Erkrankungen haben: z.B. die Lebensumstände, das soziale Umfeld, Werte und Normen. Darauf wird im Kapitel 3.3.6 eingegangen. Folgend werden im Kapitel 3.4 ,Psychosomatische Grunderfahrungen und das Bewältigungsverhalten’ beschrieben; es wird ein Einblick in die Widerstands­kräfte und der damit zusammenhängende Gefühlslage des Menschen gegeben. Das vierte Kapitel befasst sich mit ,Psychosomatischen Erkrankungen im Kindesalter’. Es werden Krankheiten, die für die Physiotherapie bedeutsam sind, erläutert. Dazu gehören: ,Asthma bronchiale’, ,Neurodermitis’, ,Eneuresis’ und ,Bauchschmerz’.

Im Anschluss daran werden im fünften Kapitel medizinische, psycho­therapeutische und physiotherapeutische Therapiemaßnahmen näher diskutiert. Bei den psychotherapeutischen Maßnahmen werden die Tiefenpsychologie, Verhaltensanalyse und -therapie sowie die Gestalttherapie kurz beschrieben und ein Bezug zwischen Psychotherapie und Physiotherapie hergestellt. So werden beispielsweise das Prinzip der Übertragung aus der Tiefenpsychologie und die Konditionierung aus der Verhaltenstherapie auf die Physiotherapie bezogen.

In den Kapiteln 5.3 werden ,Die Relevanz der behandelten Ansätze für die Physiotherapie’ und die ,Behandlungsmöglichkeiten bei psychosomatischen Erkrankungen’ dargestellt. Gibt es überhaupt Ansätze der Physiotherapie, die das Erkennen und Behandeln psychosomatischer Erkrankungen ermöglichen? U.a. wird der innerseelische Konflikt mit Hilfe von Entspannungstechniken erörtert, Möglichkeiten der Bewegungstherapie im Hinblick auf den Körperschmerz aufgezeigt, das Bewusstwerden des leiblich- seelischen Zusammenhang durch Körperwahrnehmung beschrieben und Atemtechniken und Atemtherapie beim Angstsymptom des Asthma bronchiales erläutert.

Im sechsten abschließenden Kapitel wird eine Zusammenfassung und Schlussbetrachtung der gesamten Arbeit vorgenommen.

Ich hoffe, anhand dieser Übersicht Interesse für das Thema ,Diskussion theoretischer Ansätze der Entstehung und Behandlung psychosomatischer Erkrankungen im Kindesalter und deren Bedeutung für die Physiotherapie’ zu entfachen, betroffenen Personen einen Überblick der Psychosomatik und deren Behandlungsmöglichkeiten zu geben sowie Physiotherapeuten darauf aufmerksam zu machen, solche zu erkennen und anhand gegebener Techniken behandeln zu können.2

2. Darstellung des beruflichen Handlungsfeldes der Physiotherapie

2.1 Begrifferklärung: Physiotherapie

Obwohl die Maßnahmen der Physiotherapie aus der Antike und von den Naturvölkern her bekannt ist, entwickelte sich zunächst der Beruf Krankengymnast erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Heute ist der Heilberuf Physiotherapeut eine Vereinigung der Berufe Krankengymnast und Masseur.

Der Begriff Physiotherapie stammt aus dem Griechischen; „Physio“ bedeutet „natürlich“, „Therapie“ heißt übersetzt „behandeln“, „heilen“.

Allgemein bedeutet es, dass die Pt die äußerliche Anwendung von Heilmitteln in Form von natürlichen, chemischen und physikalischen Reizen am Patienten beinhaltet, um gestörte physiologische Funktionen des Körpers zu behandeln.3 Als Obergriff schließt er die Physikalische Therapie in seinen verschiedenen Anwendungsformen mit ein. Solche Anwendungsformen sind die Behandlung mit physikalischen Mitteln und Reizen, wie Massage, Wärme und Kälte, Wasser oder Strom in der Hydro-, Elektro- und Thermotherapie.

Als natürliches Heilverfahren nutzt die Physiotherapie seit nun mehr als hundert Jahren die passive (durch äußere Kräfte, z.B. den Therapeuten geführte) und aktive (selbstständig ausgeführte) Bewegung des Menschen zur Heilung und Vorbeugung von Erkrankungen.

Der Körper wird durch die Therapie zur aktiven Überwindung von Störungen, Fehlläufen und Krankheitsprozessen, die er ohne Hilfe, direkt und spontan, in den meisten Fällen nicht bewältigen kann, veranlasst.

So ist die Physiotherapie eine Alternative oder sinnvolle Ergänzung zur medikamentösen und operativen Therapie, die eine Wirkung indirekt über die Reaktion auf ihre Reize bewirkt.4

Es werden in der Therapie körpereigene Reaktionen gesteigert, um dadurch körpereigene Heilungsprinzipien zu verstärken.

Im Vordergrund steht dabei die Anregung von Heilungsprozessen im Bereich des Bewegungsapparates. Dazu nutzt man die Fähigkeit des Organismus zur Regulierung von Funktionen und Leistungen des Körpers, Anpassung an Umweltanforderungen, Abwehr von schädigenden Einflüssen und der Regeneration und Reparation aus.5

Ein weiteres Merkmal der Physiotherapie ist, dass ein persönlicher Kontakt zwischen Patient und Therapeut während einer Behandlung entsteht. Daher ist die Fähigkeit, die aktive Mitarbeit der Patienten zu gewinnen, ihre Eigenverantwortung anzuregen und zu erhalten, ausschlaggebend. Der Therapeut handelt eigenverantwortlich nach ärztlicher Weisung und Diagnose.

2.2 Die Ziele der Physiotherapie

Unabhängig vom Krankheitsbild hat die Physiotherapie verschiedene Zielstellungen.

Ziele sind u.a.: allgemeine Prävention, Verhütung von Körperschädigungen, funktioneller Einschränkung und Behinderung, Behandlung akuter und chronischer Krankheit. Weiterhin geht es um die Wiederherstellung nach schwerer Krankheit, Operation, Entbindung sowie der Nachsorge und Dauerbetreuung bei Geschädigten und funktionell Eingeschränkten. Allein an diesen allgemeinen Zielen kann man erkennen, dass die Physiotherapie ein umfassendes Konzept und aus dem heutigen Alltag kaum mehr wegzudenken ist.

Spezielle Ziele der Physiotherapie sind beispielsweise: die Überwindung gestörter vegetativer und hormoneller Regulation an Systemen (Stoffwechsel, Kreislauf, Atmung) und an inneren Organen, die Beseitigung von Bewegungsfunktionsstörungen und Schmerzen, die Dämpfung psycho­physischer Erregung und noch viele andere.

Es wird versucht einen immer höheren Anpassungsgrad des Körpers und seiner Funktionen zu erreichen sowie eine gesteigerte Widerstands- und Leistungsfähigkeit des Organismus gegenüber den Anforderungen des Lebens zu schaffen.6

Es kommt somit zur Wiederherstellung, Erhaltung oder Förderung der Ge­sundheit.

Ein weiteres wichtiges Ziel der Pt ist es - die körperlichen Befunde außer Acht gelassen -, eine vertrauenswürdige Beziehung zum und mit dem Patienten aufzubauen. Ohne diese Interaktion, Therapeut - Patient, kann einem Patienten nicht hundertprozentig geholfen werden, d.h., der Physiotherapeut betrachtet den Patienten nicht nur als „Rezept mit Diagnose“, sondern akzeptiert ihn auch als Menschen; geht auf dessen Gefühle und Empfindungen ein und behandelt ihn dementsprechend. Es führt zu einem besseren Erfolg der Therapie, wenn sich der Patient während der Behandlung aufgehoben fühlt und dem Therapeuten vertrauen kann, weiß, dass, wenn er mal traurig gestimmt ist, dem Therapeuten dies anvertrauen kann, darüber sprechen und sich somit besser fühlen kann, da er seinen inneren Gemütszustand „loswerden“ konnte. Erst danach ist eine gezielte Behandlung der Erkrankung möglich, da sich der Patient nun nicht mehr auf sich, sondern auch auf die Übungen konzentrieren kann.

Ein weiteres Ziel/ Nebeneffekt einer physiotherapeutischen Behandlung ist das (Er)Arbeiten an der Körperwahrnehmung des Patienten (bewusst oder unbewusst), d.h. dass der Patient, egal welche Übungen durch- und ausgeführt werden - ob aktiv oder passiv - während der Behandlung sich mit seinem Körper auseinandersetzen muss. Er macht sich Gedanken wie er eine Bewegung nachahmt oder wie er diese empfindet. Um das zu unterstützen werden u.a. Entspannungsübungen eingesetzt. Entspannungstechniken sind nicht nur für das Erspüren der Körperwahrnehmung zu verwenden, sondern auch zur Entspannung des „inneren Lebens“ und Muskelzustandes.

Aus dem heutigen Gesundheitswesen ist ein Physiotherapeut kaum mehr wegzudenken. Durch die moderne Medizin ist es erforderlich geworden, Behandlungsmethoden in der Prävention, Kuration und Rehabilitation durchzuführen. Auch wird immer häufiger von Ärzten und Patienten auf Methoden zurückgegriffen, die effektiv helfen, ohne jedoch große Eingriffe wie OPs vorzunehmen oder Nebenwirkungen durch Medikamente auf den Körper haben.

2.3 Konzepte und Therapieformen der Physiotherapie

Allgemein wird in der Therapie über Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Atemarbeit ein Weg zum Körpererleben hergestellt.

Da die Physiotherapie viele verschiedene Konzepte und Therapieansätze beinhaltet, wird nur auf jene eingegangen, die für die Behandlung psychosomatischer Erkrankungen von Kleinkindern wichtig erscheinen.

In den Kapiteln Krankheiten im Kindesalter und Therapie wird vereinzelt speziell auf physiotherapeutische Maßnahmen eingegangen und beschrieben. Hier folgt nur eine kurze Definition und Beschreibung der anwendungsgeeigneten Therapien.

2.3.1 Krankengymnastik

Ziel der Krankengymnastik ist es, den Patienten aktiv in seinen eigenen Heilungsprozess mit einzubeziehen. Es werden mit dem Patienten Bewegungsabläufe simuliert und trainiert, die zu einer Kräftigung oder Dehnung der beeinträchtigten Körperpartien führen. Bei der Behandlung nutzt man aktive (Patient macht die Übungen aktiv mit) und passive Techniken (der Patient übernimmt eine passive Rolle, der Therapeut führt Bewegungen/ Griffe aktiv durch).

Um dies zu erreichen gibt es Techniken der klassischen Krankengymnastik. Dazu gehören z.B. Haltungs- und Rückenschule, Übungen zur Muskelkräftigung und Muskeldehnung, Gangschule, Hausprogramme zur Selbsthilfe sowie Spannungsübungen.

Weiterhin gibt es spezielle Techniken der Krankengymnastik wie McKenzie, Dorn/Breuß, Brügger, Brunkow, Feldenkrais, Entspannungstechniken (autogenes Training, Muskelrelaxation nach Jacobsen, Lösungstherapie nach Schaarschuch-Haase) u.a.

2.3.2 Atemtherapie

Die Atemtherapie hilft, die Atmung zu verbessern und alle Lungenabschnitte zu belüften. Der Patient soll in der Therapie versuchen, den Atem willentlich durch gezielte Atemtechniken zu beeinflussen. Solche Techniken sind z.B.: die kontrollierte Bauchatmung, Flankenatmung und Brustatmung, der Einsatz von Atemreizgriffen und Packegriffen sowie das Anhalten der Atmung auf der Höhe der Einatmung u.a.. Durch diese werden Vorgänge beim Atmen bewusst gemacht; eine bewusste gleichmäßige Atmung kann helfen, Spannungen und somit Stress abzubauen.

Eine weitere Anwendungsmöglichkeit in der Atemtherapie ist die Aerosoltherapie. Aerosoltherapie steht für die Zerstäubung von Medikamenten und Heilwässern und deren Transport in die Atemwege unter Ausnutzung des natürlichen Atemvorganges sowie der Inhalation. Angewandt wird sie bei Erkrankungen des Atmungssystems wie Mukoviszidose und Asthma bronchiale.

2.3.3 Massagetherapie

Das Wort Massage stammt aus dem Griechischen von „massein“ und bedeutet „kneten“. Techniken der Massagen (Kneten, Klopfen, Reiben, Vibration, Zirkeln und Streichen) verfügen über alle Möglichkeiten der Anwendung mechanischer Reize an der Körperoberfläche und von hier aus auch an darunter gelegenen Geweben - ausgeführt mit der Hand oder mit Apparaten. In erster Linie werden schmerzhafte Muskelverspannungen und -verhärtungen behandelt, aber auch Kopfschmerzen, Reizdarm oder Erschöpfungssyndrome sprechen darauf an. Durch die Massage wird die Blutzirkulation und Regeneration beschleunigt, der Stoffwechsel verbessert, Nervosität und psychische Spannungen abgebaut, Sehnen, Bänder und Gelenke aktiviert, Stress reduziert und das allgemeine Wohlbefinden gefördert.7 Hierzu nutzt man Griffe aus der klassischen Massagetherapie, Bindegewebsmassage, Lymphdrainage oder Reflexzonentherapie.

2.3.4 Konzentrative Bewegungstherapie

Bei der Konzentrativen Bewegungstherapie steht der „Blick auf die Bewegung“ im Mittelpunkt. Es kommen Handlungsabläufe hinzu, die über das Sitzen, Stehen, Gehen und Sprechen hinausgehen. Diese Methode der Körpererfahrung verlangt von dem Patienten, dass er sich bei den auszuführenden Bewegungen auf die Zustandsänderungen, die in seinem Organismus stattfinden, zu achten.

Es wird der Körper in Ruhe und Bewegung wahrgenommen sowie die Umwelt und Gegenstände im Raum.8

Es gibt in dieser Therapiestunde keine richtigen oder falschen Bewegungen, die Bewegungswahrnehmung steht im Vordergrund.

2.3.5 Tanztherapie

„Die Tanztherapie ist eine integrationsfördernde Methode, deren primäre Ansätze die Bewegung und der Tanz sind.“9 Mittels Improvisation, Gestaltung und strukturierten Übungen werden freie und spontane Bewegungen ausgeführt. Im Mittelpunkt dieser Methode steht nicht nur der eigene Körper, sondern auch die der anderen, so dass das „psychosoziale Beziehungsgeflecht, durch das der Einzelne mit seiner Umgebung“10 verbunden ist, beeinflusst wird. Die Tanztherapie wird meist in Gruppen vorgenommen.

Durch diese Therapie werden Wahrnehmungen, Empfindungen und das Verhalten geschult, um so den Patienten neue „Spielräume“ aufzuzeigen.

Der Patient kann sich ungehemmt in der Therapiestunde bewegen, da der Therapeut mit in die Tanzbehandlung einbezogen ist und dadurch die Hierarchie zwischen Patient - Therapeut reduziert ist.11

2.3.6 Einzeltherapie/ Gruppentherapie

Gruppentherapie ist ein Sammelbegriff für alle Therapieformen, bei denen sich Menschen in der Gruppe therapieren lassen. Wie bei der Einzeltherapie gibt es auch hier verschiedene Möglichkeiten. In einigen Fällen ist eine Gruppentherapie besser geeignet für Patienten als eine Einzeltherapie, um ein gutes Therapieergebnis zu erhalten, da die Motivation in dieser Konstellation oft gesteigert wird. Auch entsteht unter den Gruppenmitgliedern ein intensives Gefühl von Gemeinschaft und Verbundenheit sowie eine gegenseitige positive Beeinflussung der Patienten. Z.B. ermutigen sich Kinder in einer Kinder­spielgruppe einander und/oder schauen sich bestimmte Sachen wie Bewegungen, Verhalten und Kniffe ab.

In der Einzeltherapie ist ein individuelles therapieren und auf den Patienten Eingehen möglich, welches in einer Gruppe nicht der Fall ist.

Psychosomatische Erkrankungen - Theoretische Ansätze, Entstehungsursachen und Erklärungsmodelle:

Zum Begriff Psychosomatik - der leiblich- seelische Zusammenhang

3. Psychosomatische Erkrankungen - Theoretische Ansätze Entstehungsursachen und Erklärungsmodelle

3.1 Zum Begriff Psychosomatik - der leiblich- seelische Zusammenhang

Die Gefühle und das Körpergeschehen sind untrennbar miteinander verbunden: Wenn wir traurig sind, weinen wir. Wir lachen, wenn wir glücklich sind. Wir zittern, weil wir Angst haben. Wir sind verlegen, wenn wir uns schämen und erröten vor Scham.

Die Psychosomatik ist ein Teilgebiet der medizinischen Wissenschaft, die sich mit dem Zusammenhang zwischen psychischem Befinden und körperlichem Kranksein befasst und die Wechselbeziehungen zwischen seelischen, körperlichen und sozialen Prozessen eines Menschen betrachtet. Sie stellt das Seelische als Krankheitsursache in den Mittelpunkt.

Abgeleitet vom griechischen „Psyche“ (Atem, Hauch, Seele) und „Soma“ (Körper, Leib) wird eine Verbindung zwischen diesen hergestellt. Psyche beschreibt sinnbildlich einen imaginären Ort, „dem man die Funktionen des Erlebens und des Geistes zuordnet“.12 Der Körper, das Soma, ist die Materie, in der die Lebensvorgänge lokalisiert werden. Es erfolgt ganzheitlich eine Sicht auf den Kranken. Die gesamte Persönlichkeit ist von der Krankheit, von den Symptomen betroffen.

Was heißt also psychosomatisches Denken? Psychosomatisches Denken bedeutet, dass alle körperlichen Beschwerden „an deren Ursache die psychische Situation in irgendeiner Weise beteiligt ist“ (z.B. ein Infekt während einer Prüfungssituation oder eine Hautreaktion bei Stress) als solche angesehen werden.

Die Begriffsbestimmung umfasst jedoch ein weites Feld, worunter dann auch funktionelle Beschwerden, krankhafte Organbefunde sowie körperliche Krankheiten, an deren Entstehung psychische Faktoren beteiligt waren, zählen.

Eine andere Sichtweise auf den Begriff meint dagegen umschriebene organische Erkrankungen, die von organmedizinischen Fachrichtungen diagnostiziert werden. Bei deren Entstehung spielen psychische Faktoren eine entscheidende Rolle. Man geht davon aus, dass sich in diesen Krankheitsbildern Grundgefühle ausdrücken, „die anders nicht erlebt werden können“13 (z.B. Asthma, Morbus Cohn, Neurodermitis).

Psychosomatische Erkrankungen sind demnach organische Erkrankungen mit multikonditionaler Genese, an deren Entstehung erlebnisbedingte Faktoren beteiligt sind und es „um wechselseitige Einflüsse von Körper und Seele, von Außenwelt und Innenwelt“14 geht. Die Entwicklung einer psychosomatischen Krankheit ist der Versuch, „Konflikte mit Hilfe der körperlichen Erkrankung zu lösen“.15

Treten derartige Störungen vereinzelt und nicht einschränkend auf, haben sie keinen Krankheitswert. Wird jedoch ein seelischer Krankheitsfaktor nachgewiesen und ist die Krankheit lebenseinschränkend, spricht man von einer psychosomatischen Erkrankung.

So verweist der Begriff Psychosomatik „auf eine Ganzheit, die Einheit nämlich von Psyche (Geist, Seele) und Soma (Körper). Zum zweiten bedeutet Psychosomatik aber auch, dass Psyche und Soma jeweils getrennt betrachtet und in ihren Beziehungen zueinander untersucht werden können “16, müssen.

3.1.1 Zum Verständnis und Bedeutung des Begriffes psychosomatische Erkrankung: Krankheit - Gesundheit

Um die Ursachen und Entstehung bzw. den „Sinn“ von psychosomatischen Erkrankungen zu verstehen, folgt eine kurze Beschreibung von Krankheit und Gesundheit, um ein Verständnis für die Begriffe und psychosomatischer Erkrankung zu bekommen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert die Gesundheit als einen Zustand des vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens; wobei die Krankheit als Abwesenheit dieser Gesundheit verstanden wird.

Aber ist Gesundheit überhaupt möglich ohne Krankheit? Wenn man bedenkt, dass man ohne Krankheit gar nicht wüsste, was Gesundheit ist, ist die Fragestellung zutreffend. Durch die Erfahrungen, die man mit einer Erkrankung erlebt, wird der Mensch näher an die Gesundheit heran geführt; an die „Ganzheit“. Man „reift innerlich“ durch einen Genesungsvorgang, man denkt über seine Krankheit, dem Leben, dem Sinn des Ganzen nach; und nicht nur man selbst reift, auch die Erfahrungen, die die Eltern eines erkrankten Kindes machen sind für das Erleben und Erfahren wichtig.17

Kranksein ist nicht nur für die erkrankte Person eine Belastungssituation, sondern auch für die Angehörigen. Eltern sorgen sich um ihr Kind, Kinder verstehen nicht, warum ein Elternteil im Krankenhaus liegt und Bekannte und Verwandte fahren tagtäglich zu Besuch, um bei dem kranken Familienmitglied zu sein und leiden mit ihm.

Es gehört zu den „Erfahrungen menschlichen Lebens“ Krankheit und Leiden zu erleben, mitzuerleben. „Sie sind Kennzeichen der Veränderbarkeit des Gesundheitszustandes und damit auch von Entwicklung.“18 Solche Er­fahrungen bei körperlichen Erkrankungen sind z.B.: körperliche Schwäche anzunehmen, über eine Änderung des Lebensstils nachzudenken*, bewusstes Leben mit oder nach der Krankheit, Nachdenken über Leben und Tod.

* über eine Änderung des Lebensstils der Person und des Umfeldes ist auch bei psychosomatischen Erkrankungen nachzudenken Deswegen müssen auch Kinder „kleine“ Krankheiten (damit sind leichte Erkrankungen wie Grippe, Bauchschmerzen, eine blutende Nase, eine Beule usw. gemeint - schwere Erkrankungen haben eine weitaus größere Tragweite für Eltern und Kind) erfahren, um nicht nur das Immunsystem, sondern auch ihre „Innere Kraft“, ihre Selbstheilungsinitiative zu aktivieren und zu stärken.

Eine treffendere Aussage über den Sinn von Gesundheit und Krankheit in Bezug zu psychosomatischen Erkrankungen ist kaum zu finden: „Nightingale sah Krankheit als einen reparativen Prozess, den die Natur aufgrund des Bedürfnisses nach Zuwendung eingerichtet hat.“19

Man kann nämlich nicht nur davon ausgehen, dass Krankheit durch mechanische oder materielle Schädigungen (durch Unfall, Infektion, schädliche Stoffe) zu Veränderungen in Zellen und Geweben führen.20 Zwar haben etwa zwei Drittel der Krankheiten derartige Ursachen, doch noch 1 Drittel beruhen auf psychische bzw. psychosoziale Krankheitsfaktoren.

3.2 Die historische Entwicklung psychosomatischen Denkens

„Denn das ist der größte Fehler bei der Behandlung der Krankheit, dass Leib und Seele allzu sehr voneinander getrennt wurden, wobei es doch nicht getrennt werden kann ... Dem ganzen sollten sie (die griechischen Ärzte) ihre Sorge zuwenden, denn dort, wo das Ganze Übel sich befindet, kann unmöglich ein Teil gesund sein. “21

Die Ursprünge der Psychosomatik lassen sich bis an die Anfänge der Medizin, bis in die Antike zurückverfolgen. Schon Hippokrates, Galen und Plato diskutierten das Leib- Seele- Problem. Gedanken über die Ganzheit des Menschen und die Einwirkungen der Psyche auf den Körper existierten bereits und waren „durchaus geläufig“22. Es wurden zu jener Zeit schon Vermutungen ausgesprochen, dass die „Idee der Ganzheit des Menschen, sichtbar in der Krankheit und für den Arzt in seiner Tätigkeit richtungsweisend“23 sind. Krankheiten wurden mit bestimmten Charakteren des Menschen im Zusammenhang gebracht (siehe Kapitel 3.3.1). „Besessenheit von bösen Geistern wurde durch kathartische* Prozeduren ausgetrieben, aber auch schon durch gewisse Formen des Gesprächs behandelt.“24 Der Medizinhistoriker Entralgo bezweifelt jedoch eine zu dieser Zeit psychosomatische Medizin; dies beinhaltet nicht bloß das wachsame Achtgeben des Arztes auf die ursächlichen Momente, auf die psychischen Symptome der Krankheit, sondern auch sein Daraufschauen aus dem Gesichtswinkel jener Vorgänge, die sich in der freien und der halbfreien, in der bewussten und vorbewussten persönlichen Innerlichkeit des Kranken abspielen“.25

Im Laufe der Jahrtausende veränderten sich die theoretischen Ansätze zur Entstehung psychosomatischer Erkrankungen ständig.

* Katharsis = seelische Reinigung, psychische Reinigung durch affektive Erschütterung Den Ausdruck Psychosomatik nannte 1818 erstmals Heinroth, ein Arzt der romantischen Medizin. Er vertrat eine Psychogenese der meisten körperlichen Krankheiten, ohne jedoch einen großen Einfluss in dieser Zeit auszuüben. Vielmehr wurden körperliche Krankheiten psychogenetisch unter ethischen Aspekten interpretiert; und 1828 wurde der Begriff somatopsychisch als Ergänzung von Jakobi eingeführt.26

Durch den Aufstieg der wissenschaftlichen Medizin im 19. Jahrhundert im Bereich der biologischen Entdeckungen jedoch wurde wiederum das bisher als ganzheitlich gesehene Krankheitsbild/ Mensch und des inneren Gleichgewichts aus der Antike in den Hintergrund gedrängt. Man erkannte Zusammenhänge zwischen Bakterien, Viren und Krankheit. Dadurch kam es zur schnellen Verbreitung, dass „spezifische Krankheiten“ durch „spezifische Mikroben“ verursacht werden.27 Somit wurde das ganzheitliche Denken zurückgedrängt und kaum mehr beachtet. Die Grundannahme, dass Krankheiten mit der Gefühlslage eines jeden zusammenhängen und davon abhängig sind, veraltete. Die naturwissenschaftlich orientierte Medizin sah nur noch das „Objekt Mensch“.28 Trotzdem verbreitete sich der Begriff Psychosomatik, aufgegriffen von Felix Deutsch, in den Zwanziger Jahren. Deutsch ist zudem Begründer der ersten psychosomatischen Zeitschrift.

In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg wird eine weitere wichtige Etappe zur Geschichte der Psychosomatik gesehen, denn nun „wurde in der Schule des Internisten Krehl in Heidelberg psychophysischen Wechselwirkungen in der Physiologie, dem Einfluss von Affekten auf die körperlichen Funktionen und auf körperliche Krankheiten große Beachtung geschenkt. Gegenüber einer unpersönlichen Pathologie wurde antithetisch die Person des Kranken in den Blickpunkt gestellt.“29

Der internistische Zeitgenosse Viktor von Weizsäcker, gilt dabei als Begründer der psychosomatischen Medizin und entwickelte den Gedanken Krehls weiter.

[...]


1 Orthopress 03/2007, S. 46

2 Leider gibt es immer noch sehr wenige Literatur, die sich mit der Psychosomatik bei Kindern beschäftigt. Die Literatur, auf die ich mich deswegen größtenteils beziehe, stammt aus den 80/90er Jahren, wo die Psychosomatik einen großen Fortschritt in der Medizin erreichte; Neuauflagen sind bisher kaum erschienen.

3 vgl. Berufsbild Physiotherapeut, Zentraler Verband für Krankengymnasten

4 Cordes/ Arnold/ Zeibig 1989, S. 14

5 Cordes/ Arnold/ Zeibig 1989 S. 14

6 Cordes/ Arnold/ Zeibig 1989, S. 14, 15

7 vgl. http://www.therapeuten.de/therapien/massagen.htm

8 vgl. Orthopress, 03/07, S. 47

9 http://www.therapeuten.de/therapien/tanztherapie.htm

10 Orthopress, 03/07, S. 47

11 http://www.therapeuten.de/therapien/tanztherapie.htm

12 vgl. Ermann/ Frick/ Kinzel/ Seidl 2006, S. 33

13 Dr. med. Michael Unger, 2007

14 Singer 1988, S. 79

15 Heinemann, Hopf 2004, S. 175

16 Franke 1981, S. 15

17 vgl. Kiepenheuer 1989, S. 14

18 Bauer/ Ahrens 1998, S. 139

19 Marrinier- Tomey 1992, S. 121; zitiert nach Bauer/ Ahrens

20 Ermann, Frick, Kinzel, Seidl 2006, S. 9

21 Platon, 427-347 v. Chr.

22 Bräutigam & Christian 1981, S. 5

23 ebenda

24 ebenda

25 ebenda, S. 6

26 Bräutigam & Christian 1975, S. 6

27 Singer 1988, S. 20

28 Krankengymnastik 01/98, S. 5

29 Bräutigam & Christian 1975, S. 7

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Diskussion theoretischer Ansätze der Entstehung und Behandlung psychosomatischer Erkrankungen im Kindesalter und deren Bedeutung für die Physiotherapie
Hochschule
Diploma Fachhochschule Nordhessen Berlin-Treptow
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
89
Katalognummer
V91951
ISBN (eBook)
9783638049511
ISBN (Buch)
9783638942843
Dateigröße
783 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diskussion, Ansätze, Entstehung, Behandlung, Erkrankungen, Kindesalter, Bedeutung, Physiotherapie
Arbeit zitieren
Madlen Bremer (Autor), 2007, Diskussion theoretischer Ansätze der Entstehung und Behandlung psychosomatischer Erkrankungen im Kindesalter und deren Bedeutung für die Physiotherapie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91951

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