Die Theorien von Niklas und Thomas Luhmann. Die Funktion der Religion in der modernen Gesellschaft

Ein kurzer Vergleich


Hausarbeit, 2019

16 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zu der Frage nach dem Sinn

3. Luhmanns Religionssoziologie

4. Funktion der Religion nach Luhmann

5. Luckmanns empirischer Ansatz zur Religion

6. Funktion der Religion nach Luckmann

7. Vergleich beider Autoren

8. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit vielen Jahrhunderten ist Religion auf unterschiedlichste Weise und in verschiedensten Bereichen fester Bestandteil unserer Gesellschaft und daher aus der Weltgeschichte nicht mehr weg zu denken. Doch wie ist das in der heutigen Zeit? Immer öfter werden Fragen laut, wie die nach der eigentlichen Funktion von Religion oder ob diese auch in Zukunft überhaupt noch fortbestehen kann, wenn immer mehr Menschen sich von ihrem Glauben abwenden und somit die Konfessionslosigkeit vorziehen. Aber nicht nur über die Religion selbst oder ihr Bestehen, sondern auch über ihre Abgrenzungen, Erklärbarkeit oder auch über die Rolle Gottes sind bereits viele Theorien und darauf basierende Diskussionen entstanden, welches zur Theoriegeschichte und zum bestehenden Forschungsstand überleitet. Max Weber und Emile Durkheim gehören dabei zu den wichtigsten Wegbereitern der Religionssoziologie. Sie revolutionierten diese durch Ideen, wie die Protestantismusthese und den Bezug zum subjektiven Sinn Webers oder die von Durkheim getroffene Differenzierung zwischen „heilig“ und „profan“ sowie der Bestimmung von der sozialen Integrationsleistung der Religion. Neben diesen beiden elementaren Ansätzen haben auch Theoretiker wie Talcott Parsons, Karl Marx, Peter Berger oder auch Georg Simmel wichtige Beiträge für die spezielle Soziologie der Religion verfasst und somit auch gute Gründe für ihre aktuelle Relevanz geliefert. Innerhalb der Religionssoziologie ist man sich dabei einig darüber, dass die Gesellschaft dabei aus vielen Funktionssystemen besteht, die nebeneinander existieren, sich untereinander beeinflussen und eine Art Verantwortung für das Gesamtsystem tragen, welches als „funktionale Differenzierung“ bezeichnet wird. Neben Politik, Recht und Kunst gehört auch die Religion als eines der ältesten Funktionssysteme mit dazu. Anders als in der Theologie, die auf eine Selbstreflexion des Religionssystems abzielt, liegt die Funktion der Religionssoziologie darin, eine Beschreibung von außen vorzunehmen und so beispielsweise die Wechselbeziehung zwischen Religion und Gesellschaft zu hinterfragen.

Neben den bereits genannten klassischen Ansätzen finden auch moderne Theoretiker Achtung innerhalb der Religionssoziologie. Darunter zählen unter anderem Niklas Luhmann und Thomas Luckmann, welche in ihren Ansätzen deutlich voneinander abweichen und so ein interessantes Untersuchungsgebiet darstellen. Aus diesem Grund soll auf den folgenden Seiten die Forschungsfrage geprüft werden, inwiefern sich die beiden Autoren voneinander unterscheiden in Bezug auf die Funktion der Religion in der modernen Gesellschaft. Im Genaueren wird daher im ersten Abschnitt der Hausarbeit zuerst auf Luhmann und die Frage nach dem Sinn eingegangen. Dabei wird sowohl auf den Autoren selbst, als auch auf den Sinn nach religiöser Kommunikation Bezug genommen. Dies bietet dann Grundlage, um Luhmanns religionssoziologische Theorie kurz zu umreißen und im Anschluss daran genauer die Funktion der Religion zu untersuchen, welche Erkenntnis über die Rolle der Religion in der modernen Gesellschaft bringen soll. Innerhalb dieses Gesichtspunktes werden dann sowohl Kontingenzbewältigung, Säkularisierung und Organisationsförmigkeit thematisiert und miteinander verflochten. Im zweiten Abschnitt der Hausarbeit wird auf die Werke und Beiträge des ebenfalls modernen Religionssoziologen Thomas Luckmann eingegangen. Nach einer groben Beschreibung seiner Person, folgt die Darstellung seines empirischen Ansatzes zur Religion. Wie bei Luhmann soll auch hier die Funktion bzw. die Rolle der Religion in der modernen Gesellschaft bestimmt werden, worauf ebenfalls ein Bezug zu dem Thema der Säkularisierung folgt. Nach dieser ausschließlichen Gegenüberstellung der Gedankengänge beider Autoren sollen innerhalb eines Vergleichs sowohl Gemeinsamkeiten, als auch Unterschiede der dargestellten Theorien herausgearbeitet werden. Zum Schluss bilden ein Fazit und die Beantwortung der Forschungsfrage, wo der Unterschied in den religionssoziologischen Theorien von Niklas Luhmann und Thomas Luckmann mit Hinblick auf die Funktion der Religion in der modernen Gesellschaft liegt, den Schluss.

2. Zu der Frage nach dem Sinn

Grund dafür sich auf den folgenden Seiten mit Niklas Luhmann und keinem anderen Religionssoziologen zu befassen, liegt unter Anderem in der großflächigen Reichweite der von ihm getätigten Erörterungen, welche sich über alle gesellschaftlichen Teilbereiche erstrecken. Darunter fallen, neben der Religion, auch die Politik, das Recht, die Wissenschaft und viele weitere Gebiete (vgl. Gabriel 2010: 176). Aber nicht nur aus diesem Grund finden seine Texte vielfältige Resonanz innerhalb des religionssoziologischen Diskurses, auch seine Abwendung von dem Handlungsbegriff Max Webers hin zu einem Kommunikationsbegriff, gebildet durch die Komponenten Information, Mitteilung und Verstehen, welcher ohne Bezug zum subjektivem Sinn fungiert, grenzt Luhmanns Theorie deutlich von bereits bekannten Ansätzen ab und zeigt ihn als Vordenker des zwanzigsten Jahrhunderts. In seinen theoretischen Ansätzen definiert er bis ins kleinste Detail für ihn notwendige Begriffe, wie den, des Religionssystems. Kurz gefasst wird innerhalb dieses Systems auf eine bestimmte Art und Weise kommuniziert. Dies wird als „religiöser Code“ bezeichnet, der auf den Unterschied zwischen Immanenz und Transzendenz abzielt und so das System der Religion entstehen lässt (vgl. ebd.: 177). Neben seiner bekannten soziologischen Systemtheorie zählt Luhmann somit, mindestens im deutschen Sprachraum, zu den Klassikern unter den Religionssoziologen.

Nach der Beantwortung der Frage, welchen Sinn es macht sich für den genannten Autor zu entscheiden, bleibt die Frage nach dem Sinn religiöser Kommunikation. Der erste Gedanke, wenn nach dem Sinn von Religion gefragt wird, ist, dass der Mensch es nicht verkraftet, wenn etwas nicht bestimmbar scheint und darüber hinaus sein eigenes Dasein begründet wissen muss. Doch der tatsächliche Sinn religiöser Kommunikation reicht tiefer, begonnen bei der Diskussion darüber, dass Religion vorgibt das Unbeobachtbare zu beobachten, was aber einen Widerspruch an sich darstellt. Aufgrund dessen muss der Begriff des Beobachtens genauer bestimmt werden als „Gebrauch einer Unterscheidung zur Bezeichnung der einen und nicht der anderen Seite“ (ebd.: 187). Dies meint, dass beobachten etwas basierend auf einer Unterscheidung als etwas bezeichnet, wobei hinzugefügt werden muss, dass damit kein aktiver Bewusstseinsvorgang gemeint sein muss und der Beobachter somit auch nicht zwangsweise menschlich ist. Paradoxer Weise, wenn über den Sinn religiöser Kommunikation gesprochen wird, muss zudem gesagt werden, dass Religion gerade über Sinn kommuniziert und darüber hinaus versucht, Inkommunikatibles in dieser Kommunikation anzusprechen, welches einen performativen Widerspruch in sich birgt (vgl. ebd.: 190). Aufgrund dessen lässt sich Kommunikation über Religion als paradoxes System beschreiben, welches sich darüber hinaus selbst reproduzieren und durch interne Differenzierung an veränderte äußere Bedingungen anpassen kann, wie dies innerhalb der Globalisierung der Moderne der Fall ist.

Der Kern der Religion ist somit das, was über diese in der Gesellschaft kommuniziert wird, wobei es dabei nicht um das Erleben und den Kommunikationshaushalt des Einzelnen geht. Daher liegt es nahe, dass der Sinn religiöser Kommunikation darin verhaftet ist, dass Religion eben einzig und allein als ein kommunikatives Ereignis verstanden werden kann, das ebenfalls selbst eine Form von Kommunikation erzeugt, nämlich die Differenzierung von Transzendenz und Immanenz. Ähnlich formuliert es Alois Hahn mit den Worten: „Die Gleichzeitigkeit von Unbestimmbarkeit und Bestimmung verwandelt sich in die von Transzendenz und Immanenz“ (Bergmann 1993: 582). Religiöse Kommunikation meint somit das Betrachten des Immanenten aus Perspektive des Transzendenten. Zum Lösen dieser Aufgabe gibt es, neben dem Funktionssystem der Religion, keinen funktionalen bzw. Luhmann überzeugenden Ersatz. Dies führt bereits an einen Aspekt der Luhmann’schen Religionstheorie heran, der im Folgenden wieder aufgegriffen wird.

Notwendig ist es an dieser Stelle, wenn von dem Beobachten des Nichtbeobachtbaren gesprochen wird, noch kurz der Einschub von zwei sehr verschiedenen Sinnbegriffen, die Niklas Luhmann in seiner Arbeit herausstellt. Dabei handelt es sich einmal um das Wort „sinnvoll“, welches negiert werden kann in den Begriff „sinnlos“ und um das Wort „sinnhaft“. Letzteres lässt sich nicht ins Gegenteil verändern und ist somit weder beobachtbar, da es nicht differenzierbar ist, noch kommunizierbar, da es nicht beobachtbar ist (vgl. Gabriel 2010: 178). Dies bedeutet keinesfalls, dass „sinnloses“ Kommunizieren nicht „sinnhaft“ sein kann. Vielmehr ist Sinn, nach Niklas Luhmann, innerhalb der Religion als nicht negierbares Medium der Kommunikation anzusehen und somit an sich weder beobachtbar, noch kommunizierbar, wird aber trotzdem als eben dieses unkommunizierbare Etwas in der Religion kommuniniziert. Es stellt sich somit heraus, dass genau dies ebenso ein Paradoxon darstellt, wie die Tatsache, dass Menschen aufgrund von Ungewissheit einen Beobachter, namens Gott, nach Hilfe fragen, obwohl dieser weder für sie verfügbar, bestimmbar oder gewiss ist.

3. Luhmanns Religionstheorie

Zuerst einmal muss gesagt werden, dass Luhmanns Theorie der Religion in dem Kontext seiner allgemeinen Gesellschaftstheorie gesehen werden muss und im Folgenden nur stark verkürzt dargestellt wird. Grundsätzlich finden die Ergebnisse seiner theoretischen Untersuchungen ihren Anfang dabei in der Organisationssoziologie, wodurch auch das Vorhaben aufkam, die religiöse Organisierbarkeit näher zu beleuchten. Dabei stellen sich jedoch mehrere Fragen, wie beispielsweise die Anschließenden: Wodurch werden die Grenzen zwischen den Funktionssystemen gezogen und was führt zuerst einmal zu der Ausdifferenzierung verschiedener Subsysteme in der Gesellschaft. In Bezug auf die Grenzbestimmung zwischen den Systemen lässt sich sagen, dass diese nicht durch Personen getätigt werden, sondern anhand von Kommunikation errichtet, stabilisiert und beständig reproduziert werden (vgl. Kleine 2016: 53). Eben diese Kommunikation ist auch Grund für das Herausbilden von Subsystemen, womit jedoch keine beliebige Kommunikation gemeint ist. Jedes Teilsystem der Gesellschaft hat, so Luhmann, einen „systemspezifischen Code“ an dem sich die stattfindende Kommunikation grundlegend orientiert. Dieser Code gibt wegweisende Unterscheidungen vor, wie zum Beispiel im Wirtschaftssystem die Differenzierung von Etwas haben und Etwas nicht haben (vgl. ebd.: 53). Innerhalb des Religionssystems ist dies jedoch allgemein schwieriger. Angefangen bei der Funktion, die die Religion für das System der Gesamtgesellschaft hat, die damit zu erklären ist, dass in einer Kommunikation eines jeden Teilsystems nur ausgewählte Themen besprochen werden, die wirklich für das System relevant sind. Somit bleibt das, worüber nicht geredet wurde übrig und zählt gewissermaßen als unbestimmt. Genau an dieser Stelle setzt die Religion an, welche sich ausdrücklich mit dem „Einschluss des Ausgeschlossenen“ (Wohlrab-Sahr 2005: 73) beschäftigt und zu ihrem Zentrum macht. Sie benennt genau das, was unbestimmbar bleibt als Transzendenz. Im Genaueren repräsentiert Religion obendrein gerade das Unbestimmbare, wodurch es bestimmbar scheint. Die Auseinandersetzung mit dem Bestimmten und dem Unbestimmten ist zwar Teil jedes Systems der Gesellschaft, aber ausschließlich der Bereich die Religion setzt sich dies auch als zentrales Bezugsproblem (vgl. Kleine 2016: 55).

Anders als möglicherweise erwartet ist nun die Aufgabe von Religion nicht den unbestimmten Dingen einen Sinn zu geben, sondern sie ist vielmehr zuständig für ein auftretendes Problem, welches sich auf die äußere Erscheinung des Mediums Sinn bezieht. Somit lässt sich als Charakteristika für Religion festhalten, dass nichtkommunizierte Unterscheidungen getroffen bzw. kaschierte Asymmetrien vollzogen werden (vgl. Wohlrab-Sahr 2005: 74f.). Dies hängt zusammen mit der „Kontingenzformel Gott“ und der damit verbundenen Bestimmung der Transzendenz als Person bzw. Beobachter, die, theologisch ausgedrückt, über eine gewisse Allmacht verfügt. Dies meint, dass man sich mit Fragen und Ungewissheiten an Gott wenden kann, welcher auf alles eine Antwort hat, auch, wenn diese „nur“ lautet, dass das Passierte Gottes Wille war. Des Weiteren kommt die Frage auf, wie sich Religion im Rahmen der „funktionalen Differenzierung“ der Gesellschaft von anderen Funktionssystemen abgrenzt. Dies geschieht durch die bereits aufgegriffene Betrachtung des Immanenten aus der Perspektive des Transzendenten. Eine Unterscheidung innerhalb der verschiedenen Religionen hingegen fußt auf den Vorgang des Wiedereintritts, womit die „Differenz von Immanenz und Transzendenz ins Immanente“ (ebd.: 74) gemeint ist, welche von Luhmann als „Sakralisierung“ betitelt wird und folglich eine Stabilisierung der Glaubensrichtung und eine damit verbundene Unterscheidbarkeit der Religionen zur Folge hat. Im Sinne der bereits angesprochenen „funktionalen Differenzierung“ fungiert die Religion dabei wie ein Wegbereiter, welches darin begründet liegt, dass sie ohnehin bereits einen deutlichen Vorlauf im Bereich der funktionalen Ausdifferenzierung aufweist. Die Religion verankert ihre Rolle in der Gesellschaft bzw. innerhalb Luhmanns theoretischen Ansatzes somit in dem Aspekt, dass es für eine Theorie, die auf Beobachtung auf sich selbst und Äußeres abzielt, notwendig erscheint Religion als Theoriebaustein zu verwenden (vgl. Wohlrab-Sahr 2005: 73).

Darüber hinaus besteht innerhalb Luhmanns Theorie scheinbar das Problem, „ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium der Religion zu bestimmen“ (Kleine 2016: 55f.). Dies muss nicht heißen, dass grundsätzlich kein spezifisches Medium vorhanden ist, es stellt nur den Konflikt dar, dass in der modernen Gesellschaft, strukturelle Differenzierungen gefordert sind und das fehlende Herausstellen eines Kommunikationsmediums in der Religion dem nicht nachkommt, obwohl dies beispielsweise auf wirtschaftlicher Ebene in Bezug auf das Kommunikationsmedium Geld kein Problem darstellt. Ein weiterer kritischer Punkt liegt in der Annahme Luhmanns, dass jedes der Gesellschaftssysteme operativ geschlossen ist und somit ausschließlich systemintern und auf Grundlage des systemspezifischen Codes kommuniziert werden kann (vgl. ebd.: 57). Dem entgegen steht der Gedanke von Kleine, welcher sich darauf bezieht, dass viele Systeme oft miteinander verbunden scheinen, wie beispielsweise Wirtschaft und Politik. Dies könnte entweder damit erklärt werden, dass Systeme nicht vollständig geschlossen sind und auf äußere Veränderungen mit ihrer eigenen systemspezifische Art reagieren oder dass zwar eine operative Geschlossenheit besteht, diese jedoch durch eine strukturelle Kopplung der Systeme relativiert wird (vgl. ebd.: 57f.). Somit kann auf systemübergreifende Vernetzungen geschlossen werden, da die bestehenden Funktionssysteme der Gesellschaft nicht auf den Modus der für ihr System spezifischen Kommunikation angewiesen sind.

4. Funktion der Religion nach Luhmann

Anhand Luhmanns aufgestellten Thesen aus dem Werk „Religion - System und Sozialisation“ lässt sich ableiten, dass die Funktion, welche der Religion im gesamtgesellschaftlichen System zukommt, in der Bestimmbarkeit des Unbestimmbaren gründet. Dies stellte in der vorneuzeitlichen Welt eine Unabdingbarkeit dar, wandelte sich jedoch dahingehend, dass heute jedes Teilsystem der Gesellschaft selbst für eine ausreichend bestimmbare Umwelt des eigenen Bereichs und damit für eine gewisse Stabilisierung und Reduktion der Unbestimmbarkeit der Welt sorgt (vgl. Dahm, Luhmann, Stoodt 1972: 11f.). Darüber hinaus gibt die Religion der gerade angesprochenen Unbestimmbarkeit bzw. Unsicherheit eine gewisse Tragbarkeit oder anders ausgedrückt, sie bietet in schwierigen Situationen im Leben eine Form des Handelns an, durch die das Auseinandersetzen mit Themen wie beispielweise dem Tod überhaupt erst möglich wird (vgl. ebd.: 21f.). Diese Eigenschaft nennt Luhmann „Kontingenzbewältigung“ und stellt klar, dass die Religion das einzige Funktionssystem darstellt, das dies explizit tut.

Die Behauptung, Religion sei mit der Zeit weniger wichtig geworden, ist somit wiederlegt, welches zu dem Thema der Säkularisierung überleitet. Dieser überwiegend historische Begriff wird nämlich fälschlicherweise oft mit dem zunehmenden Niedergang von Religion bzw. des Verlusts an ihrer sozialen Bedeutung gleichgesetzt (vgl. Luhmann 2002: 278f.). Es ist zwar Fakt, dass „Säkularisation“ das, von staatlicher Seite statt findende Entziehen von Eigentumsrechten der Kirche meint, jedoch muss Säkularisierung viel mehr als allgemeine Verweltlichung verstanden werden, welche sich darauf bezieht, dass die innergesellschaftliche Umwelt des Religionssystems weltlich vorkommt und diese sowohl damit und mit dem religiösen Wandel in der heutigen Zeit umgehen muss. Es geht dabei somit um einen „Beobachtungsbegriff, mit dem aus der Perspektive der Religion beschrieben wird, wie in deren Umwelt die Welt beschrieben wird, nämlich ohne Rückgriff auf religiöse Kategorien […]“ (Bergmann 1993: 586). Wenn man nun Religion genauer betrachten möchte, muss diese unterscheidbar gemacht werden können. Doch es stellt sich dabei die Frage, worin Religion nun genau das nicht religiöse, also ihre „andere Seite“, von der sie unterscheidbar ist, sieht. An dieser Stelle kommt die Säkularisierung zum Einsatz, die auf diese Frage Antwort geben soll. Ausschlaggebend ist dafür, eine Beobachtung dritter Ordnung, wobei der Beobachter, bestimmt als die Religion selbst, jemanden beobachtet, der mit Hinblick auf den Begriff Säkularisierung sich genau das ansieht, was einem weiteren Beobachter, während der Beobachtung nichtreligiöser Kommunikation, verborgen bleibt (vgl. Luhmann 2002: 283). Eine solche Art der Beschreibung ist nur innerhalb einer modernen Gesellschaft möglich und zeigt, dass Säkularisierung ausschließlich auf eine „polykontexturale“ Welt abgestimmt ist, in der also gleichzeitig die Möglichkeit verschiedener Beobachtungen besteht (vgl. ebd.: 284). Somit mündet der Begriff der Säkularisierung nicht in einem sozialen Bedeutungsverlust von Religion in der heutigen Zeit, sondern bezieht sich eher auf die Frage, wie diese mit den Bedingungen einer durchaus säkularisierten Gesellschaft umgeht. Dies zeigt sich darin, dass es anders als früher nun eine Angelegenheit der individuellen Entscheidung ist, wie religiös oder nicht religiös jemand ist oder gar zu welcher Glaubensrichtung man sich zugehörig fühlt. Anders formuliert heißt dies, dass mit der Säkularisierung, die Privatisierung von religiösen Entscheidungen zu systemübergreifender, gesellschaftlicher Relevanz gefunden hat (vgl. Luhmann 1982: 232). Es entsteht jedoch das Problem des Zerfalls eines gemeinsam akzeptierten Weltbildes der Religion, wobei es sich ausdrücklich nicht um die Bewusstseinszustände der Menschen handelt, sondern um die Kommunikation an sich (vgl. Luhmann 2002: 296). Dieser fortlaufende Prozess des gesellschaftlichen Wandels, insbesondere in Bezug auf die Individualisierung, ist somit bestimmt durch Zugangs- bzw. Abgangsbewegungen sowie dem veränderten Verständnis zwischen Schrift und Realität. Um der wachsenden Distanz von Vergangenheit und Gegenwart entgegenzuwirken, benötigt es stetige Reaktualisierungen, wie beispielsweise in Form von wiederholten Riten, jedoch verändert dies nicht, die lückenhafte Repräsentation der Realität, wie es die Massenmedien heute tagtäglich vermitteln. Hinzu kommt der Aspekt, dass die Funktionssysteme, eingeschlossen Religion, im Rahmen der funktionalen Differenzierung deutliche Inklusions- und Exklusionsregeln entwickeln, wie dies beispielhaft der Begriff Karriere in Bezug auf die gesellschaftliche Inklusion darstellt (vgl. ebd.: 302). Inklusion meint an dieser Stelle das Koppeln bzw. Miteinbeziehen von psychischen Systemen in das soziale System, während Exklusion den Ausschluss bzw. die Ablehnung dessen meint. Zwischen diesen sogenannten Inklusionen oder auch den Exklusionen bestehen Wechselbeziehungen, die in bestimmten Fällen bis hin zu negativen Interdependenzen reichen und somit für eine Gesamtexklusion aus allen Funktionssystemen auschlaggebend sein können. Grund dafür liegt in der festen oder weniger festen Integration. Im Genaueren ist die Gesellschaft im Inklusionsbereich locker und im Exklusionsbereich dagegen fest integriert, was bedeutet, dass wenn es in einem Subsystem, wie zum Beispiel in dem des Rechts, zu Problemen kommt, weiten sich diese auf andere Systeme, wie auf das der Wirtschaft aus (vgl. ebd.: 304). Im Bereich der Religion ist dies nicht anders, jedoch sind die Interdependenzen von und zu anderen Funktionssystemen nicht so stark ausgeprägt bzw. das Religionssystem, einschließlich des Systems der Familie, können Inklusion halten, selbst wenn die anderen Subsysteme exkludiert haben (vgl. Bergmann 1993: 588).

Religiöse Organisationen können an dieser Stelle Abhilfe schaffen und Fürsorge für die Menschen bieten, die mit den Folgen von Exklusion zu kämpfen haben. Doch nicht ohne Grund stellt sich die Religionsdogmatik quer, wenn es darum geht, die Kirche als eine Organisation zu begreifen. Die Ebenen von Gesellschafts- und Organsiationssystemen sind nämlich keineswegs kongruent zueinander, vielmehr unterscheiden sie sich innerhalb ihrer Funktionen und ihrer grundsätzlichen Systembildung. Nichts desto trotz begann auch die Religionssoziologie Luhmanns sich anhand des Problems von Organisationen zu entwickeln. Zudem wurden zu diesem Thema ebenfalls einige empirische Untersuchungen durchgeführt, wie die zu Beginn der 70er Jahre stattfindende „erste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD“ (Wohlrab-Sahr 2005: 82). Aus soziologischer Sicht scheint also es dementsprechend gar nicht so abwegig, Kirchen als Organisationen zu betrachten, wobei jedoch das Problem aufkommt, dass Kirchen aufgrund ihrer theologischen Bestimmtheit als unkündbar in ihrer Zugehörigkeit angesehen wurden, welches deutlich gegen eine Art der Mitgliedschaft auf Organisationsebene spricht. Die mit der Zeit steigende Anzahl an Austrittswilligen spricht dagegen deutlich für die soziologische Perspektive, wodurch auch erklärbar wird, weshalb im Rahmen der Studie die Entscheidungen der Organisationsmitglieder im Vordergrund der Untersuchung standen (vgl. ebd. 83). Als Ergebnis der Erhebung konnte festgehalten werden, dass die Ziele der Kirche in Bezug auf ihre Organisationsförmigkeit nicht erreicht wurden, da die Mitglieder nicht zu einer Verinnerlichung ihrer Mitgliedschaft bewegt werden konnten. Dies führte unter Anderem zu intensiven Diskussionen der Luhmann’schen Religionstheorie, der gerade nicht die Verfallstheorien im Hinblick auf Säkularisierung in seinen Arbeiten vertritt (vgl. ebd.: 84). Nichts desto trotz wird gerade das eigene Entscheidungsverhalten der Personen, die aus der Kirche ein- oder austreten möchten, in der heutigen Kultur immer öfter zum Thema und auch immer öfter relevant für die Selbstdarstellung der Institution Kirche.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Theorien von Niklas und Thomas Luhmann. Die Funktion der Religion in der modernen Gesellschaft
Untertitel
Ein kurzer Vergleich
Hochschule
Universität Osnabrück  (Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Religionssoziologie
Note
1,0
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V919694
ISBN (eBook)
9783346239631
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Laut Dozent eine „bemerkenswerte Arbeit“.
Schlagworte
Funktion der Religion, Niklas Luhmann, Thomas Luckmann, Religionssoziologische Theorien
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Die Theorien von Niklas und Thomas Luhmann. Die Funktion der Religion in der modernen Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/919694

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Theorien von Niklas und Thomas Luhmann. Die Funktion der Religion in der modernen Gesellschaft



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden