Die Arbeit zeigt exemplarisch, wie ein Unterrichtsentwurf aussehen kann. Sie folgt dabei den bewährten Schritten der Religionspädagogik. Darüber hinaus zeigt die Arbeit gewinnbringend, dass ein Unterrichtsentwurf im Unterrichtsfach Religion nicht nur mit der Bibel umgehen muss, sondern sich auch einer Buchbesprechung widmen kann. Mit dem Buch "Die Witwe Couderc" des Autors Georges Simenon und der Extremismus- und Terrorismusstudie des "Die Sicht der Anderen" des Bundeskriminalamtes werden überdies spannende Konnexionen zur biographischen- und soziologischen binnenfamiliären Dysfunktionen geleistet, sodass auch dezidiert die Themenbereiche Moral und Ethik abgedeckt werden. Auf der Suche nach dem anthropologisch Bösen findet die Arbeit über den kategorischen Imperativ und das Gebot der Nächstenliebe ihr Ziel in der Würde des Menschen und schließt mit einem strukturierten Unterrichtsverlauf sowie Musterarbeitsblättern ab.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Lerngruppe
3. Fachwissenschaftliche Analyse
3.1 Der Roman
3.2 Soziale Dysfunktionen
3.3 Das Böse
3.4 Ethik
4. Didaktische Analyse
4.1 Exemplarität
4.2 Gegenwartsbedeutung
4.3 Zukunftsbedeutung
4.4 Sachstruktur
4.5 Zugänglichkeit
4.6 Kompetenzen und Lernziele
4.6.1 Urteilskompetenz
4.6.2 Sachkompetenz
4.6.3 Lernziel
4.7 UE im Kontext der Unterrichtsreihe
5. Methodische Entscheidungen
6. Unterrichtsverlauf
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit entwickelt einen Unterrichtsentwurf für den evangelischen Religionsunterricht in der 10. Klasse, der sich mit den Themen menschliches Handeln und Ethik auseinandersetzt, indem er den Roman "Die Witwe Couderc" von Georges Simenon als exemplarische Fallstudie für soziale Dysfunktionalität und die Problematik des Bösen nutzt.
- Analyse der Sozialisierung des Protagonisten Jean hinsichtlich dysfunktionaler familiärer Einflüsse.
- Diskussion des Begriffs des Bösen im Kontext biblischer und ethischer Fragestellungen.
- Förderung der Urteils- und Sachkompetenz der Schüler durch ethische Fallbeispiele.
- Verbindung von Romananalyse mit wissenschaftlichen Studien zu delinquenten Biographien.
- Entwicklung christlich-ethischer Urteilsfähigkeiten im Hinblick auf menschliche Würde und Nächstenliebe.
Auszug aus dem Buch
3.2 Soziale Dysfunktionen
Im Verlaufe des Romans erfährt der Leser viele Details über Jeans Sozialisierung: Das Elternhaus ist zwar finanziell gut aufgestellt, nicht gut aufgestellt aber seine Eltern.
Die Mutter ist verstorben und war zuvor abwesend in der Erziehung ihrer Kinder (Jean hat eine jüngere, (labile) Schwester (diese ist das Gegenteil von ihm, vor allem hinsichtlich der Behandlung durch den Vater), da sie wohl sehr kränklich war. Der Vater ist nicht nur hartherzig, sondern auch andauernd in Liaisonen mit verschiedenen Geliebten; unter den Liebschaften hatte Jean wohl auch gelitten.
In der Schule wird er von seinem Lehrer gedemütigt, wird nicht versetzt und bekommt das Abitur, welches er zwei Mal nicht besteht, nur durch die Beziehungen und Mittel seines Vaters; – dem sein Sohn dennoch egal ist.
Jean lebt in seiner Studienzeit verschwenderisch, in unguter Beziehung mit (s)einer Geliebten, bittet seinen Vater um Geld, als er keines mehr hat; dieser aber will ihn verleugnen, wenn er es einfordert. So kommt es auch dazu, dass er zum Dieb wird und seinem Vater eine Armbanduhr stiehlt. Nach einem Pokerspiel kommt es dann zum Mord, weil ein Geldgeber weder Geld noch Schuldscheine an einen verzweifelten Jean zurückgeben will.
Diesen jungen Mann bindet nun Tati an sich, er lebt mit ihr in einer merkwürdigen und verzerrten Beziehung, die nicht weiß, ob Jean Geliebter oder Sohn ist. Der Ausbruch aus der Beziehung könnte gelingen, da sich Jean im Laufe des Geschehens in Félicie verliebt hat, die Tati, sowie auch ihre Familie, nicht leiden kann; sie ahnt von der Beziehung, und will andere Menschen um Jean nicht haben.
Tati band Jean an sich, und bindet ihn an sich sosehr, dass diesem ein Ausbruch aus diesem Leben nicht gelingt. In völligster Einengung begeht er seinen zweiten Mord – dabei hätte ein neues Leben mit Félicie stattfinden können: „Es wäre so einfach gewesen!“
Zusammenfassend ist das zentrale Thema des Protagonisten also ein Thema von familiärer- und sozialer Dysfunktionalität.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert den Rahmen des Unterrichtsentwurfs, der sich an den Kernlehrplan Nordrhein-Westfalens anlehnt und das Thema Ethik behandelt.
2. Lerngruppe: Dieses Kapitel beschreibt die soziokulturelle Zusammensetzung der zehnten Klasse und deren spezifische Voraussetzungen für den Religionsunterricht.
3. Fachwissenschaftliche Analyse: Es erfolgt eine detaillierte Untersuchung der Romanhandlung, der sozialen Faktoren der Biografie des Protagonisten sowie eine ethische Reflexion über den Begriff des Bösen.
4. Didaktische Analyse: Hier wird der Unterrichtsinhalt auf seine Exemplarität, Gegenwarts- und Zukunftsbedeutung geprüft und in den Kontext der Unterrichtsreihe eingebettet.
5. Methodische Entscheidungen: Dieses Kapitel erläutert die Auswahl der 90-minütigen Unterrichtsstruktur, inklusive Tafelbildgestaltung und Gruppenarbeitsphasen.
6. Unterrichtsverlauf: Der Abschnitt bietet einen tabellarischen Ablauf der Unterrichtsstunde mit Zeiteinteilung und methodischem Vorgehen.
Schlüsselwörter
Ethik, Religionspädagogik, Unterrichtsentwurf, Die Witwe Couderc, Georges Simenon, soziale Dysfunktion, Urteilskompetenz, Adoleszenz, moralisches Urteilen, Menschenwürde, Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Biografie, Delinquenz, christliche Werte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit stellt einen detaillierten Unterrichtsentwurf für den evangelischen Religionsunterricht in der 10. Klasse vor, der den Roman "Die Witwe Couderc" als Medium für ethische Fragestellungen nutzt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind soziale Dysfunktionalität, familiäre Sozialisation, der Begriff des Bösen, menschliches Handeln sowie ethische Entscheidungsfindung.
Was ist das primäre Ziel der Unterrichtseinheit?
Ziel ist es, dass Schüler durch die Analyse der Romanfigur Jean ein dezidiertes und differenziertes ethisches Urteilsvermögen entwickeln, das christliche Werte und rechtsstaatliche Prinzipien integriert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die didaktische Analyse nach Klafki und verknüpft diese mit soziologisch-psychologischen Erklärungsansätzen, insbesondere der Studie "Die Sicht der Anderen" des Bundeskriminalamtes.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil finden eine fachwissenschaftliche Analyse des Romans, eine didaktische Einordnung sowie die methodische Begründung des geplanten Unterrichtsverlaufs statt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit zeichnet sich durch Begriffe wie Ethik, soziale Dysfunktion, Urteilskompetenz, Menschenwürde und christliche Wertorientierung aus.
Inwiefern beeinflussen soziale Faktoren Jeans Handeln laut Autor?
Der Autor führt Jeans Delinquenz auf ein dysfunktionales Elternhaus, das Fehlen von Zuwendung, schulische Demütigungen und eine allgemeine "Abwesenheit" von unterstützenden Bezugspersonen zurück.
Wie sollen die Schüler im Rahmen der Gruppenarbeit arbeiten?
Die Schüler sollen in drei Gruppen fiktive Szenarien wie eine Gerichtsverhandlung oder eine Umschreibung des Romanendes bearbeiten, um moralische Verantwortung und ethische Urteilsbildung praktisch zu erproben.
- Quote paper
- Elias Jaspers (Author), 2020, Ethisches Urteilen und menschliches Handeln in "Die Witwe Couderc" von Georges Simenon (10. Klasse Religion Gymnasium), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/919805