Kommunikation im Lehrerberuf in Bezug auf Hannah Arendts Handeln und Sprechen in der "Vita Activa". Der Zusammenhang zwischen Taten und Worten


Hausarbeit, 2018

13 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Literaturverzeichnis

2. Einleitung

3. Handeln und Sprechen in Arendts Vita Activa
3.1 Die Bedeutung des Handelns in Arendts Theorie
3.2 Die Bedeutung des Sprechens in Arendts Theorie
3.3 Die Beziehung von Handeln und Sprechen

4. Kommunikation in der Schule

5. Arendts Sprechen und Handeln in Bezug auf den Lehrerberuf

6. Schluss

1. Literaturverzeichnis

Quellen:

Arendt, H., Vita Activa oder Vom tätigen Leben, Chicago 172016.

Sekundärliteratur:

Fleischer, T., Zur Verbesserung der sozialen Kompetenz von Lehrern und Schulleitern. Kommunikationskompetenz und Interaktionskultur als Systemanforderung in der Schule, Hohengehren 1990.

Hertzsch, H./Schneider, F. M., Kommunikationskompetenz von Lehrkräften an Schulen, in: Vogel, I. C. (Hg.), Kommunikation in der Schule, Bad Heilbrunn 22018, 75-100.

Marchart, O., Klarsprechen, Wahrsprechen, Widersprechen. Hannah Arendts pluraler Universalismus und seine Grenze, in: Grunenberg, A./Meints, W./Bruns, O./Harckensee, C. (Hg.), Perspektiven politischen Denkens. Zum 100. Geburtstag von Hannah Arendt, Frankfurt am Main 2008, 189-199.

Nordmann, I., Das Miteinander Sprechen und Handeln. Hannah Arendt s Begriff von Öffentlichkeit als Modell für den Diskussionsraum der Erwachsenenbildung, Hessische Blätter für Volksbildung 61 (2011), 23-31.

Rese, F., Macht, Gewalt und öffentlicher Raum bei Hannah Arendt, in: Grunenberg, A./Meints, W./Bruns, O./Harckensee, C. (Hg.), Perspektiven politischen Denkens. Zum 100. Geburtstag von Hannah Arendt, Frankfurt am Main 2008, 108-131.

Schröter, E., Erzählen, (Lebens-)Geschichte und Identität im Werk Hannah Arendts, Berlin 2014.

2. Einleitung

„Denn was immer Menschen tun, erkennen, erfahren oder wissen, wird sinnvoll nur in dem Maß, in dem darüber gesprochen werden kann.“1

Im Beruf der Kommunikation ist Sprache das Werkzeug Nummer 1 eines Lehrers2. Egal, ob er seinen Schülern neues Wissen vermittelt, eine Aufgabenstellung erläutert oder das Unterrichtsgespräch leitet, nutzt er stets die verbale Sprache. Auch in Elterngesprächen oder im Austausch mit seinen Kollegen wird er immer sprechen. Eng verbunden mit der Sprache ist die Handlung des Lehrers: Bei jeder Erklärung, bei jedem Gespräch handelt er – entweder bewusst, indem z.B. Anschauungsmittel verwendet werden oder das zu Lernende vorgemacht wird, oder unbewusst mit seiner Körpersprache und Gestik. Diese Körpersprache bietet wieder eine Verbindung zu der Sprache, in diesem Fall nur nonverbal. Mithilfe seiner Worte und Taten leitet er den Unterricht und baut zugleich eine Beziehung zu seinen Schülern auf. Wenn man jedoch einen Blick in die Lehrpläne und Bildungsstandards wirft, fällt auf, dass Kommunikation und Interaktion nur ein geringer Anteil zufällt. Der Fokus in diesen liegt eher auf den Wissensinhalten und Kompetenzen im Bereich des Arbeitsverhaltens.

Hannah Arendt hat sich in ihrer Vita Activa (1958) ebenfalls mit dem Handeln und Sprechen auseinandergesetzt und diese eng miteinander in Verbindung gebracht. Laut Arendt teilt die jeweilige Person mit seinen Taten und Worten seine Individualität und Persönlichkeit dem Gegenüber mit. Dabei bezieht Arendt ihre Theorie auf die Öffentlichkeit und die Politik und spielt der Kommunikation, im Gegensatz zum Lehrplan, eine wichtige Rolle zu. Als Lehramtsstudierende wird es im Verlauf dieser Arbeit interessant sein, zu sehen, welchen Stellenwert die Kommunikation in der Schule einnimmt, wenn Arendts Ausführungen berücksichtigt werden. Deshalb wird sich diese Arbeit nun damit beschäftigen, einen Zusammenhang zwischen Arendts Gedanken über das Handeln und Sprechen und der Kommunikation im Lehrerberuf herzustellen. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit Arendts Ausführungen auf die Interaktion im Lehrerberuf zutreffen und wo gegebenenfalls Unterschiede zu finden sind. Zudem wird die Wichtigkeit des Sprechens und Handelns in der Schule mit Hilfe Arendts herausgearbeitet. Um einen Einstieg in das Thema zu ermöglichen, wird zu Beginn Hannah Arendts Theorie über das Handeln und Sprechen zusammengefasst. Anschließend zeigt Kapitel 4 die Wichtigkeit des Sprechens und Handelns eines Lehrers und die Kommunikation mit seinen Schülern im schulischen Unterricht. Im Anschluss daran wird Arendts Theorie mit den Erkenntnissen aus dem schulischen Kontext in Verbindung gebracht. Das erworbene Wissen wird zuletzt in einem Fazit zusammengefasst, um die untersuchte Fragestellung genau zu beantworten.

3. Handeln und Sprechen in Arendts Vita Activa

In diesem Kapitel werden Arendts Ausführungen zum Thema Handeln und Sprechen in ihrer Vita Activa zusammengefasst und beschrieben, um diese später in Kapitel 5 mit der Kommunikation in der Schule zu vergleichen. Da das Sprechen und Handeln bei Arendt zwar stets gemeinsam genannt wird, es aber dennoch zwei verschiedene Tätigkeiten sind, werden diese beiden einzeln betrachtet und dessen Verbindung im Anschluss beschrieben. Zu beachten ist hierbei, dass Hannah Arendt ihre Argumentation über das Handeln und Sprechen nicht auf den Schulkontext, sondern auf die Politik bezieht.

3.1 Die Bedeutung des Handelns in Arendts Theorie

Das Handeln ist ein großer und wichtiger Aspekt in Arendts Vita Activa. Hierbei versteht man unter Handeln die Umsetzung eines gewollten Zweckes bzw. etwas in Gang zu setzen.3 Verständlich wird dies durch die beiden Elemente des Handelns, das archein (‚anfangen‘) und das prattein (‚zu Ende führen‘).4 Das heißt, das Handeln setzt sich aus einer gewollten Tätigkeit zusammen, die begonnen und beendet wird und ein bestimmtes Ziel verfolgt. Dieses Ziel, also die geschaffene Realität, ist nur dann gut, wenn auch die Handlungen gut sind.5

In diesem Zusammenhang spricht Arendt von sozialer Identität, die aber nicht zum Gegenstand des Handelns werden kann, sondern das Resultat von Handeln in Verbindung mit dem Sprechen ist.6 Diese Identität zeigt sich in der Kommunikation mit anderen Menschen. Dabei entsteht ein zwischenmenschliches Bezugsgewebe, das wiederum anderes Handeln hervorbringt und andere Handelnde beeinflusst. Kurz gesagt beeinflussen Handlungen andere Menschen so, dass sie selbst neue Handlungen hervorbringen.7 Dadurch findet das Handeln seinen Zweck letztendlich in sich selbst und in der Kommunikation mit anderen. Beim Handeln (und Sprechen) tritt man für andere in Erscheinung und präsentiert diesen seine eigene Persönlichkeit und Identität.8 Dabei entstehen Eindrücke und Geschichten, die das eigentliche Resultat der Handlung sind. Somit ist das „Produkt des Handelns [...] nicht die Realisierung vorgefasster Ziele und Zwecke, sondern die von ihm ursprünglich gar nicht intendierten Geschichten, die sich ergeben, wenn bestimmte Ziele verfolgt werden“9. Diese Geschichten, die das eigentliche Resultat der Handlung darstellen, werden von dem Handelnden nicht bewusst erzählt, sondern sind Teil der zwischenmenschlichen Handlung. Letztendlich sind es nicht die gewollten Zwecke und Ziele, sondern diese Geschichten, die „in der Welt verbleib[en]“10. Die Geschichten bleiben am Ende im Gedächtnis der Menschen und können nacherzählt und vergegenständlicht werden und sind somit unendlich. Die eigentliche Handlung und deren Ziele spielen im zwischenmenschlichen Bezugssystem keine Rolle und enden mit dem Schluss der Handlung. Die Geschichten dagegen können dauerhaft, auch nach dem Tod des Handelnden, noch neue Handlungen hervorbringen.11

Zusammengefasst zeigt sich, dass eine Handlung auf die zwischenmenschliche Interaktion angewiesen ist. Durch das Erkennen der Persönlichkeit werden Geschichten vermittelt, die im Gegensatz zum eigentlichen Zweck der Handlung im Gedächtnis des Gegenübers verankert bleiben und neue Handlungen hervorrufen. Die Vermittlung der Persönlichkeit und Identität ist allerdings auf das Sprechen angewiesen, das im folgenden Kapitel erläutert wird.

3.2 Die Bedeutung des Sprechens in Arendts Theorie

Auch beim Sprechen wird eine Öffentlichkeit erzeugt, die in der Kommunikation mit anderen Menschen entsteht. Dabei verbalisiert die Sprache das, was die Handlung hervorgebracht und ausgeführt hat. Somit ist das Sprechen notwendig für eine Handlung. Da die Sprache eine Handlung beschreibt und ausführt, kann sie selbst ebenfalls als Handlung bezeichnet werden. Damit sind die Übergänge zwischen Sprechen und Handeln fließend, denn die Sprache verdeutlicht die Identität eines Menschen, die sich bereits in der Handlung gezeigt hat.12 Dadurch realisiert die Sprache die Pluralität der Menschen. Jeder Mensch ist individuell in seinen Taten und Worten, sodass eine Vielzahl von Persönlichkeiten in den täglichen Kommunikationen aufeinander treffen und sich gegenseitig ihre Identität vermitteln.13 Laut Arendt sind Worte wesentlich besser dafür geeignet, Aufschluss über die Identität einer Person zu verschaffen, als eine Handlung.14

Das Sprechen setzt eine klare Artikulation voraus, damit alles „Schwammige[] und Verwaschene[]“15 bekämpft wird und die Ziele, die die Handlung verfolgt, deutlich werden können bzw. die entstehenden Geschichten verständlich beim Gegenüber ankommen können. Diese klare Artikulation ist wichtig, denn da, wo etwas nicht oder falsch verstanden wird, hat es keinen Wert und kann nicht zur Identitätsbildung beitragen.16

Insgesamt wird bereits in diesem Kapitel deutlich, dass die Sprache die Voraussetzung dafür ist, dass eine Handlung gelingt. Beim Sprechen werden diese Handlungen verbalisiert und eine neue Handlung möglich gemacht. Die Sprache realisiert die Pluralität der Menschen. Im nächsten Kapitel werden das Handeln und Sprechen noch einmal ausführlicher miteinander in Verbindung gebracht und die Persönlichkeiten und Bezugsgewebe zwischen Menschen genauer erläutert.

3.3 Die Beziehung von Handeln und Sprechen

Wie in den beiden vorherigen Kapiteln bereits deutlich wurde, sind das Sprechen und Handeln nahe miteinander verwandt. Gemeinsam geben sie Aufschluss über das „Wer-einer-ist“17, das heißt die Identität und Persönlichkeit eines Menschen. Dabei bezeichnet Arendt das Handeln als „die Geburt des Jemand“18, also die Aussendung der Identität an das Gegenüber und das Sprechen als die Realisierung der menschlichen Pluralität und Verschiedenheit. Dabei bezieht sich das Wer des Menschen nicht nur auf seine biologische Herkunft und das berufliche Können, sondern darauf, wie jemand spricht und sich im Beisein anderer verhält.19 In diesen Eigenschaften ist jeder Mensch einzigartig, was sich immer im Sprechen und Handeln zeigt. Dabei ist es egal, welche Ziele oder Interessen im Fokus stehen, denn diese Einzigartigkeit kommt immer zum Vorschein.20

Für das Handeln und Sprechen ist eine Mitwelt, das heißt die Anwesenheit anderer Menschen, notwendig. Ohne das Dasein anderer Menschen, wären Worte und Taten nicht nachvollziehbar und die mitgeteilte Geschichte nicht greifbar.21 Die Existenz dieser Wörter und Taten wird erst durch „das Gesehenwerden, das Gehörtwerden und das Erinnertwerden bezeugt“22. Dafür ist die Pluralität eine Voraussetzung, da erst diese die bewusste Wahrnehmung des Gesehenen und Gehörten ermöglicht. Dennoch hinterlassen das Sprechen und Handeln keine festen Ergebnisse bzw. Resultate, sondern ein „Zwischen“23 der Menschen. Dieses Bezugssystem zwischen den beteiligten Menschen, das erst durch Sprechen und Handeln entstehen kann, besteht aus subjektiven Begegnungen und Wahrnehmungen der Beteiligten.24

Arendts Argumentation bezieht sich auf die Politik, die sich erst in dem zeigt, was zwischen den Menschen stattfindet. Das heißt, im Sprechen und Handeln werden politische Themenbereiche besprochen. Eine realisierte Macht entsteht erst dann, wenn die Worte und Taten eng miteinander verbunden sind, da erst dann das Bezugssystem zwischen den Menschen aufgebaut werden kann.25 Setzt man dabei ausschließlich seine eigene Meinung durch und akzeptiert keine andere, wird man „zum Demagogen oder zum Tyrannen“26.

[...]


1 Arendt, Vita Activa, 12.

2 Aus Gründen der Lesbarkeit wird auf die Nennung beider Geschlechter verzichtet. Gemeint ist jeweils die weibliche und männliche Form.

3 Vgl. Schröter, Erzählen, 92f.

4 Vgl. Nordmann, Miteinander, 25.

5 Vgl. Rese, Macht, 120.

6 Vgl. Marchart, Klarsprechen, 193f.

7 Vgl. Schröter, Erzählen, 92.

8 Vgl. Nordmann, Miteinander, 25f.

9 Arendt, Vita Activa, 226.

10 Ebd.

11 Vgl. Schröter, Erzählen, 94.

12 Vgl. a.a.O., 96f.

13 Vgl. Schröter, Erzählen, 96f.

14 Vgl. Arendt, Vita Activa, 267.

15 Marchart, Klarsprechen, 189.

16 Vgl. a.a.O., 190f.

17 Arendt, Vita Activa, 218.

18 A.a.O., 217.

19 Vgl. Nordmann, Miteinander, 27 und Schröter, Erzählen, 92.

20 Vgl. Arendt, Vita Activa, 225.

21 Vgl. Nordmann, Miteinander, 26.

22 Schröter, Erzählen, 91.

23 Arendt, Vita Activa, 225.

24 Vgl. Nordmann, Miteinander, 23.

25 Vgl. Rese, Macht, 119.

26 Nordmann, Miteinander, 27.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Kommunikation im Lehrerberuf in Bezug auf Hannah Arendts Handeln und Sprechen in der "Vita Activa". Der Zusammenhang zwischen Taten und Worten
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,7
Jahr
2018
Seiten
13
Katalognummer
V920216
ISBN (eBook)
9783346325617
ISBN (Buch)
9783346325624
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kommunikation, lehrerberuf, bezug, hannah, arendts, handeln, sprechen, vita, activa, zusammenhang, taten, worten
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Kommunikation im Lehrerberuf in Bezug auf Hannah Arendts Handeln und Sprechen in der "Vita Activa". Der Zusammenhang zwischen Taten und Worten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/920216

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