Die vorliegende Arbeit soll einen Einblick in die Prodigien als Teilgebiet der Katastrophenerzählungen geben. Untersucht wird der Umstand, inwiefern und warum Kometenerscheinungen hier ihre Relevanz haben. Im ersten Abschnitt der Untersuchung wird theoretisch und historisch erläutert, welche Tradition Kometen als Prodigien in der Geschichte besitzen und damit ihre Berechtigung als Teil der Erzählforschung dargestellt. Besonders hervorzuheben ist hierbei der Aspekt der Verbreitung und der Rezeption, da die Entstehung der Kometenfurcht maßgeblichen Einfluss auf den Umgang mit diesen astronomischen Phänomenen hatte. Als letzten Punkt soll das Narrativ der Kometenschrift von Achilles Pirmin Gasser mit dem Titel "Ain kurtze underricht von dem Cometen und harigen Sternen so den Summer des M.D.XXXIII. Jars etlich zeyt zuo morgens/darnach auch lang zuo abents ersehen ist worden" (1533) betrachtet und anhand der Aufmachung, des Aufbaus und Deutungsumfangs zum Erkenntnisgewinn herangezogen werden. In Bezug auf Prodigien werden Kometen als Motiv viel-fach erwähnt, eine Auseinandersetzung an einem konkreten Beispiel konnte in der Literatur aber nicht gefunden werden. Die vorliegende Arbeit soll dies am Beispiel einer historischen Quelle leisten.
Der Halley’sche Komet gilt als einer der berühmtesten Kometen. Seinen Namen bekam er von dem britischen Astronomen Edmond Halley, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Laufbahn des Kometen berechnete und voraussagte, dass dieser auf der Erde etwa alle 75 Jahre zu sehen sein wird. Bei den meisten Menschen löste über die letzten zwei Jahrtausende eine Kometensichtung Angst und Panik aus, es entwickelte sich trotz des Wissenschaftsfortschritts eine allgemeine Kometenfurcht. Der größte Ausbruch einer Massenpanik wegen eines Kometen geschah im Jahr 1910. Komet Halley war zwischen September 1909 und März 1910 am Himmel zu erkennen und für Astronomen ein Spektakel. Durch ein Spektroskop konnten erstmals Analysen zur Beschaffenheit eines Kometenschweifs angestellt werden und Forscher entdeckten Kohlenstoff-Stickstoff-Moleküle, die in Verbindung mit Salz zu Zyankali reagieren würden. Durch die fehlerhaften Berechnungen des Heidelbergers Max Wolf, verkündete man der Welt die Wahrscheinlichkeit einer Kollision der Erde und dem Schweif des Kometen, welche die Atmosphäre der Erde mit Cyangas füllen würde.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Konzeptueller Rahmen der Erzählforschung
2.1 Verortung der Prodigienliteratur
2.2 Flugschrift als Medium der Erzählforschung
3 Kometen als Prodigien
3.1 Kometenfurcht
3.2 Das Narrativ der Kometenschrift von A.P. Gasser
3.2.1 Gassers Beschreibung des Kometen
3.2.2 Gassers Deutung des Kometen und Prognostikum
4 Bedeutung der Kometen heute und moderne Prodigien
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Kometenerscheinungen als Prodigien innerhalb der Katastrophenerzählungen. Das primäre Ziel ist es, die historische Relevanz und mediale Verbreitung dieser Himmelserscheinungen durch eine Analyse der Flugschrift von Achilles Pirmin Gasser aus dem Jahr 1533 aufzuzeigen und dabei die Verschränkung von astrologischer Deutung, religiöser Mahnung und naturwissenschaftlichem Interesse zu beleuchten.
- Die historische Rolle von Kometen als göttliche Zeichen (Prodigien).
- Die Bedeutung der Flugschrift als massenmediales Informationsinstrument der Frühen Neuzeit.
- Die inhaltliche Analyse der Kometenschrift von A.P. Gasser hinsichtlich Prognostik und Deutungsmustern.
- Die Transformation von Kometenfurcht und deren Parallelen zu modernen esoterischen Deutungsmustern.
Auszug aus dem Buch
3.2.2 Gassers Deutung des Kometen und Prognostikum
Im dritten Teil Zuom Dritten / Was er im grundt sey / und in ainer gemain bedeute beschreibt Gasser, was es allgemein bedeutet, wenn Kometen zu sehen sind. Zunächst formuliert er, dass es zuo seltzamer verenderung der koenigreich / oder ye newerung anderer treffenlichen dingen ob uns schwebe. Typisch erwartete Folgen, wie Veränderung im Königreich stehen bevor, etwa das unerwartete Sterben eines Herrschers oder andere bedeutsame (politische bzw. gesellschaftliche) Neuerungen. Gleichzeitig fügt er eine gewisse Relativierung an, setzt das Erscheinen des Kometen jedoch im selben Zug mit Gottes Zorn gleich und einer Aussicht auf den jüngsten Tag an:
So ist doch im grundt warlich ain Comet oder Schopffstern anderst nichts / dann ain wunderbarlich ungewont fewerwerck / das nach dem willen des Allmechtigen Schoepffers dem menschlichen geschlecht grausame straff sampt dem juengsten tag vor zuobedeuten.
Der Komet selbst ist seiner Meinung nach erst einmal also keine Gefahr, sondern vielmehr das, was darauf folgt, nämlich die Bestrafung der Menschen durch Gott. Gasser fiel auch auf, dass er in relativ kurzer Zeit mehrere Kometen beobachten konnte, was ihm recht ungewöhnlich schien. Die Folge musste also sein, dass diese mehrfachen Ankündigungen von Unheil im Zusammenhang mit der göttlichen Bestrafung standen:
dieweyl nun zuo unseren tagen der massen zaichen vil harig sternen innerhalb zweyen Jaren allain öeffter und mermals erschienen seind (…) wie hefftig und mechtig der grym Gottes zorn mit scharpffer ruothe ueber aller Land Nationen gon werd.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Kometenfurcht ein und erläutert die Zielsetzung der Arbeit, die sich exemplarisch mit der Flugschrift von Achilles Pirmin Gasser beschäftigt.
2 Konzeptueller Rahmen der Erzählforschung: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Prodigien und beleuchtet die Rolle der Flugschrift als maßgebliches Medium zur Verbreitung dieser Deutungen in der Frühen Neuzeit.
3 Kometen als Prodigien: Hier werden Kometen als Himmelszeichen historisch eingeordnet, die Kometenfurcht analysiert und die spezielle Kometenschrift von A.P. Gasser sowie deren Aufbau und Deutung im Detail untersucht.
4 Bedeutung der Kometen heute und moderne Prodigien: Das Fazit reflektiert die historischen Ergebnisse und stellt den Bezug zu modernen Verschwörungstheorien und esoterischen Weltbildern her, die ähnliche Kausalitätsmuster aufweisen.
Schlüsselwörter
Kometen, Prodigien, Erzählforschung, Flugschrift, Achilles Pirmin Gasser, Kometenfurcht, Frühe Neuzeit, Astrologie, Katastrophen, Wahrsagung, Prognostik, Gottes Zorn, Wunderzeichen, Monstra, Rezeption.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen Deutung von Kometen als Prodigien, also als Vorzeichen für bevorstehende Katastrophen, und analysiert deren Rolle im frühneuzeitlichen Wissensdiskurs.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Zentrale Themen sind die frühneuzeitliche Wahrnehmung astronomischer Ereignisse, die mediale Vermittlung durch Flugschriften sowie der Übergang von religiös motivierten Deutungen zu naturwissenschaftlichem Interesse.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Untersuchung?
Die Arbeit untersucht, wie und warum Kometenerscheinungen in der Geschichte als Prodigien verstanden wurden und welche spezifischen Deutungsmuster anhand der historischen Quelle von A.P. Gasser nachweisbar sind.
Welche methodische Herangehensweise wird gewählt?
Es handelt sich um eine historische Quellenanalyse, die eine spezifische Flugschrift aus dem Jahr 1533 untersucht, um Leitmotivik und prognostische Charakteristika des Textes herauszuarbeiten.
Welche Aspekte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Tradition der Prodigienliteratur, die Bedeutung des Buchdrucks für die Verbreitung der Schreckensbotschaften und eine detaillierte textkritische Untersuchung der Kometenschrift von Achilles Pirmin Gasser.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt zusammenfassen?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Kometen, Prodigien, Flugschrift, Kometenfurcht, Prognostik, Astrologie und Frühe Neuzeit charakterisieren.
Welche Rolle spielt die Person Achilles Pirmin Gasser in dieser Arbeit?
Gasser dient als Fallbeispiel für einen zeitgenössischen Mediziner, der eine Flugschrift verfasste, die trotz wissenschaftlicher Beobachtungsaspekte die tief verwurzelte Angst vor göttlicher Bestrafung durch Kometen widerspiegelt.
Welcher Zusammenhang besteht laut der Untersuchung zwischen historischen Prodigien und heutigen Verschwörungstheorien?
Beide Phänomene basieren laut Autor auf dem Bedürfnis, Kausalzusammenhänge in vermeintlich bedrohlichen Ereignissen zu erkennen, wobei moderne Esoterik ähnliche Interpretationsmuster wie die historischen Prodigien aufweist.
- Arbeit zitieren
- Pauline Breitwieser (Autor:in), 2020, Kometen als Prodigien. Katastrophenerzählungen am Beispiel A. P. Gassers Kometenschrift aus dem Jahr 1534, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/920342