Die Entwicklung des "Generalplans Ost"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1. Der „Generalplan Ost“
1.1 Beteiligte Institutionen
1.2 Historische Entwicklung

2. Inhaltliche Entwicklung
2.1 Geographische Ausdehnung und Siedlungsstrategie
2.1.1 Synthese
2.2 Siedlerbedarf und Bevölkerungsstruktur
2.2.1 Synthese
2.3 Behandlung der Fremdvölkischen
2.3.1 Synthese

3. Fazit

4. Quellenverzeichnis/Literaturverzeichnis

Einleitung

Bereits während des Ersten Weltkriegs formierte sich, basierend auf gesellschaftlichen Denkstrukturen wie dem Sozialdarwinismus, die Auffassung, „Deutschland könne neben den konkurrierenden Weltmächten USA, England und Russland nur durch Erweiterung seines Siedlungs- und Wirtschaftsraumes bestehen“ .[1] Darauf aufbauend zählten vor allem „Lebensraum“ und „Autarkie“ zu den Schlüsselbegriffen der nationalsozialistischen Ideologie, wobei die Bedeutung und Qualität dieser Begrifflichkeiten vor dem Hintergrund der rassenpolitisch und sozialdarwinistisch geprägten Weltanschauung des Nationalsozialismus und der damaligen Gesellschaft zu beurteilen sind. Die nationalsozialistische Politik zielte dementsprechend auf ein wirtschaftlich autarkes und militärisch unbesiegbares Großreich, das den europäischen Kontinent beherrschen und der deutschen „Herrenrasse“ neuen „Lebensraum im Osten“ bieten sollte.[2]

In diesem Zusammenhang bildete nun der „Generalplan Ost“ eine Brücke zwischen rassenideologischer Programmatik, imperialistischen Interessen und wissenschaftlicher Expertise, da er sich mit den nationalsozialistischen Planungen für die Länder Osteuropas nach dem angenommenen Sieg im Zweiten Weltkrieg befasst. Der Begriff „Generalplan Ost“ ist jedoch keinesfalls eine eindeutige Bezeichnung, sondern umfasst verschiedene Planungsstufen und Varianten der Ostraumplanung.[3] Insgesamt beschreibt der Generalplan Ost „die mittelfristige nationalsozialistische Kriegszielpolitik und die Utopie einer rassischen „Neuordnung“ Europas mit dem Ausgangspunkt der ländlichen Siedlung.“[4] Alle Entwürfe des „Generalplans Ost“ zeichnen sich jedoch dadurch aus, dass sie die geographische Ausdehnung sowie die Siedlungsstrategie formulieren, des Weiteren den Siedlerbedarf und die Bevölkerungsstruktur analysieren und schließlich den Aspekt, wie mit den „Fremdvölkischen“ zu verfahren sei, thematisieren. Daher beschäftigt sich diese Arbeit mit der Fragestellung, inwieweit sich diese drei Grundlinien im Verlauf der Planungen entwickelt haben und welche Faktoren Einfluss darauf hatten. Dies soll zudem Aufschluss darüber geben, ob der „Generalplan Ost“ letztlich tatsächlich umsetzbar gewesen wäre.

Im ersten Kapitel dieser Arbeit wird zunächst dargestellt, welche Institutionen an der Entwicklung der Pläne beteiligt waren, und wie die Historische Entwicklung verlaufen ist.

Darauf aufbauend werden im zweiten Kapitel die drei Grundlinien Geographische Ausdehnung und Siedlungsstrategie, Siedlerbedarf und Bevölkerungsstruktur sowie Behandlung der Fremdvölkischen aufgegriffen und entsprechend des Inhalts der einzelnen Pläne in chronologischer Reihenfolge erläutert. Im Rahmen der Synthese werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Pläne herausgearbeitet und genauer beleuchtet, so dass schließlich die Entwicklung und der kausale Zusammenhang mit den Faktoren der Ostraumplanung aufgezeigt werden kann.

Das Gesamtergebnis sowie die Einschätzung der Frage der tatsächlichen Umsetzbarkeit des „Generalplans Ost“ werden im Fazit erörtert.

1. Der „Generalplan Ost“

1.1 Beteiligte Institutionen

Vorrangig an der Entwicklung des „Generalplans Ost“ beteiligt waren drei SS-Hauptämter: das Reichskommissariat für die Festigung deutschen Volkstums (RKF), das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) sowie das Wirtschats- und Verwaltungshauptamt (WVHA).[5]

Nach anfänglichen Konkurrenzkämpfen bezüglich der Siedlungspolitik zwischen den Heinrich Himmler unterstellten SS-Hauptämtern und der Reichsstelle für Raumordnung (RfR) sowie dem Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft (REM) konnte sich das RKF als einflussreichste wissenschaftliche Institution für die Siedlungsplanung von 1940 bis zum Zusammenbruch der Planungen in enger Kooperation mit dem Institut für Agrarwesen und Agrarpolitik der Berliner Universität durchsetzen.[6] Ein besonderer Stellenwert ist in diesem Zusammenhang Prof. Dr. Konrad Meyer zuzuschreiben, der als Leiter der RKF-Planungsstelle „Hauptabteilung Planung und Boden“ und des Instituts für Agrarwesen und Agrarpolitik der Berliner Universität maßgeblich an der Entwicklung des „Generalplans Ost“ beteiligt war.[7]

Während das RSHA vor allem eine Vormachtstellung in Bezug auf die „Entvölkerung“ und „Deportation“ unerwünschter Menschen gewann,[8] entwarf das WVHA in erster Linie Nachkriegsbauplanungen, welche in die Planungen des RKF einbezogen wurden.[9]

Darüber hinaus waren unterschiedlichste wissenschaftliche Disziplinen an den Begleitforschungen zum „Generalplan Ost“ beteiligt; sie reichten von der Geologie über Klimatologie, Verkehrs-, Landschafts- und Stadtplanung, Bevölkerungswissenschaft, Architektur, Statistik, Medizin, Biologie, Veterinärmedizin, Genetik, Agrarwissenschaften, Anthropologie, Soziologie, Finanz- und Verwaltungswissenschaften, Jura, Sprach- und Geschichtswissenschaften bis hin zur Archäologie.[10] Im Rahmen dessen lieferten besonders Universitäten und Hochschulen die nötige Grundlagenforschung und „formulierten […]die Perspektiven des Machbaren“ .[11]

Finanziert wurden die Forschungen zum „Generalplan Ost“ vorrangig von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).[12]

1.2 Historische Entwicklung

Der Begriff „Generalplan Ost“ taucht erstmals in Dokumenten des Stabshauptamtes des RKF aus dem Jahr 1940 auf. Im April/Mai 1940 übersandte Konrad Meyer seine ersten Vorschläge zur Besiedelung und Neustrukturierung für das gesamte besetzte Polen an Heinrich Himmler.[13] Diese „Planungsgrundlagen für den Aufbau der Ostgebiete“ gelten als der sogenannte erste „Generalplan Ost“[14] und beziehen sich auf einen zeitlichen Rahmen von 5 Jahren, wobei das Siedlungswerk in einem dreijährigen und einem zweijährigen Abschnitt vollzogen werden sollte.[15]

Kurz nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 gab Heinrich Himmler an Konrad Meyer den Auftrag, einen erweiterten „Generalplan Ost“ auszuarbeiten, welcher nun auch die sowjetischen Gebiete mit einbeziehen sollte. Bereits am 15. Juli 1941 übermittelte Konrad Meyer an Heinrich Himmler diesen sogenannten zweiten „Generalplan Ost“, der jedoch bis heute nicht aufgefunden werden konnte. Allerdings ermöglicht das zu seiner Ausarbeitung vorhandene Begleitschreiben von Konrad Meyer an den Reichsführer SS zumindest die Feststellung einer politischen Zielrichtung.[16] Zudem lassen sich auch einige Konturen des Inhalts aus Vorarbeiten und Stellungnahmen entnehmen, und auch der „Generalsiedlungsplan“ zusammen mit den „Generalplänen“ vom 28. Mai 1942 und vom Frühjahr 1940 bieten eine hinreichende Rekonstruktion des verschollenen Zwischenentwurfs[17], welcher innerhalb von 30 Jahren nach Beendigung des Kriegs umgesetzt werden sollte.[18]

Da dieser Plan bis heute verschollen ist, können seine Inhalte und Konturen lediglich mittels anderer Dokumente abgesteckt werden. Aus dem Begleitschreiben von Konrad Meyer ergibt sich aber zumindest, dass der zweite Generalplan Ost „den sich aus dem Vorhandensein verfügbarer Siedlerfamilien ergebenden Siedlungsanspruch, die Siedlungsgebiete und –Abschnitte sowie deren Fassungsvermögen“[19] behandelte. Zudem erläutert Roth einige detaillierte Informationen bezüglich des Inhalts, welche er argumentativ auf die unveröffentlichte Autobiographie Konrad Meyers „Über Höhen und Tiefen. Ein Lebensbericht“ stützt.[20] Dennoch macht Roth darauf aufmerksam, dass solange der Plan nicht aufgefunden bzw. überzeugend rekonstruiert sei, ein „Schlüsseldokument zur Systematik der Beziehungen zwischen Vernichtung und Entwicklung“ fehle.[21]

Neben dem Stabshauptamt für Planung und Boden arbeitete, wie bereits erwähnt, auch das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) an einem allgemeinen Plan für die Ostgebiete und stellte Ende 1941/Anfang 1942 den sogenannten RSHA-„Generalplan Ost“ fertig.[22] Obwohl dieser Plan zwar ebenfalls bis heute nicht aufgetaucht ist, gibt ein Gutachten von Dr. Ehrhard Wetzel, der seit Herbst 1941 den Posten des Referenten für rassenpolitische Fragen im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete bekleidete, recht detailliert Auskunft über den Inhalt.[23] Ebenso wie im zweiten „Generalplan Ost“ war der Plan auf 30 Jahre nach Beendigung des Krieges angelegt.[24] Im Unterschied zu den Plänen von Konrad Meyer, die sich durch eine „entwickelte Technik der wissenschaftlichen Arbeit“ auszeichnen, handelt es sich bei dem RSHA-Plan eher um einen „flüchtig zusammengenähten Plan des Völkermords und der dauerhaften Beherrschung von menschenleeren Regionen als Basis für neue Eroberungen, der nichts anderes vortäuschte und auch keinerlei wissenschaftliche Ambitionen“ hatte.[25]

Ende Januar 1942 wurde schließlich auf Weisung von Heinrich Himmler unter der Leitung von Konrad Meyer mit der Arbeit am „Generalplan Ost“ im Stabshauptamt begonnen, so dass am 28. Mai 1942 die Denkschrift „Generalplan Ost. Rechtliche, wirtschaftliche und räumliche Grundlagen des Ostaufbaus“ vorgelegt werden konnte.[26] Dieser Entwurf sollte bereits in einem Vierteljahrhundert nach dem Krieg realisiert werden.[27]

Obwohl Heinrich Himmler insgesamt mit dem Ergebnis zufrieden war, verlangte er von Konrad Meyer eine erneute Überarbeitung dieses Plans, wobei vor allem auch eine größere territoriale Ausdehnung berücksichtigt werden sollte.[28] Dementsprechend entstand Ende 1942/Anfang 1943 der „Generalsiedlungsplan“, welcher nun als „europäischer Gesamtsiedlungsplan“ auch West- und Nordeuropa mit in die Planungen einbezog[29] und sogar schon innerhalb von 20 Jahren nach Kriegsende umgesetzt werden sollte.[30]

Aufgrund des Verlaufs der Schlacht bei Stalingrad nahm das Interesse Heinrich Himmlers an einer endgültigen Fassung des „Generalplans Ost“ stark ab; Mitte 1944 mussten die planerischen Tätigkeiten schließlich eingeschränkt werden.[31]

[...]


[1] Burchard, Matthias: Der Generalplan Ost, S. 20.

[2] Münk, Dieter: Die Organisation des Raumes im Nationalsozialismus, S. 71ff.

[3] Bongards, Martin Gerhard: Raumplanung als wissenschaftliche Disziplin im Nationalsozialismus, S. 78.

[4] Burchard, Matthias: Der Generalplan Ost, S. 4.

[5] Burchard, Matthias: Der Generalplan Ost, S. 4f.

[6] Müller, Rolf-Dieter: Hitlers Ostkrieg, S. 90f.

[7] Heinemann, Isabel / Wagner, Patrick: Einleitung, S. 12.

[8] Roth, Karl Heinz: >>Generalplan Ost<< - >>Gesamtplan Ost<<, S. 58.

[9] Ebenda, S. 73f.

[10] Heinemann, Isabel / Wagner, Patrick: Einleitung, S. 8.

[11] Mai, Uwe: „Neustrukturierung des deutschen Volkes“, S. 91.

[12] Heinemann, Isabel: Wissenschaft und Homogenisierungsplanungen, S. 54ff.

[13] Madajzyk, Czeslaw: Vom >>Generalplan Ost<< zum >>Generalsiedlungsplan<<, S. 12.

[14] Mai, Uwe: >>Rasse und Raum<<, S. 293.

[15] Planungshauptabteilung: Planungsgrundlagen für den Aufbau der Ostgebiete, S. 12ff.

[16] Mai, Uwe: >>Rasse und Raum<<, S. 304f.

[17] Roth, Karl-Heinz: >>Generalplan Ost<< - >>Gesamtplan Ost<<, S. 31.

[18] Ebenda, S. 60.

[19] Meyer, Konrad: Begleitschreiben, S. 14.

[20] Roth, Karl-Heinz: >>Generalplan Ost<< - >>Gesamtplan Ost<<, S. 60.

[21] Ebenda, S. 25.

[22] Roth, Karl-Heinz: >>Generalplan Ost<< - >>Gesamtplan Ost<<, S. 26.

[23] Madajzyk, Czeslaw: Vom >>Generalplan Ost<< zum >>Generalsiedlungsplan<<, S. 13.

[24] Wetzel, Erhard: Stellungnahme und Gedanken, S. 51.

[25] Roth, Karl Heinz: >>Generalplan Ost<< - >>Gesamtplan Ost<<, S. 27.

[26] Ebenda, S.13.

[27] Institut der für Agrarwesen und Agrarpolitik der Berliner Universität (Hg.): Denkschrift „Generalplan Ost“, S. 118f.

[28] Müller, Rolf-Dieter: Hitlers Ostkrieg, S. 105.

[29] Roth, Karl-Heinz: >>Generalplan Ost<< - >>Gesamtplan Ost<<, S. 71.

[30] Planungshauptabteilung: Material zum Generalsiedlungsplan, S. 245.

[31] Madajzyk, Czeslaw: Vom >>Generalplan Ost<< zum >>Generalsiedlungsplan<<, S. 15.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung des "Generalplans Ost"
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Neuere und Neueste Geschichte)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
26
Katalognummer
V92043
ISBN (eBook)
9783638054508
ISBN (Buch)
9783638947329
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Generalplans, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Stephanie Dahmen (Autor), 2006, Die Entwicklung des "Generalplans Ost", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92043

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