Rassismuskritische Analyse von Konzepten zur interkulturellen Öffnung am Beispiel von zwei Wohlfahrtsorganisationen


Bachelorarbeit, 2020

42 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Interkulturelle Öffnung

3. Kultur

4. Rassismus
4.1 Rassismuskritik
4.2 Kultur-Rassismus

5. Rassismuskritische Analyse
5.1 Leitfaden Interkulturelle Öffnung Der Paritätische
5.2 Handreichung Diakonie RWL
5.3 Zwischenfazit

6. Von der Ausländerpädagogik zur Interkulturellen Pädagogik
6.1 Ausländerpädagogik
6.2 Interkulturelle Pädagogik
6.3 Untersuchung des Konzeptes des Paritätischen
6.5 Zusammenfassung

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Rassismus ist wieder Thema. Der Tod von George Floyd hat in den USA zu massiven Protesten und Ausschreitungen geführt. Viele Menschen kämpfen gegen alltägliche Diskriminierung und rassistische Umgangsformen. Auch in Deutschland wurde Rassismus durch Anschläge wie in Hanau im Februar 2020 wieder deutlich sichtbar. In einem Auszug aus dem ersten Artikel der Menschenrechte heißt es: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

Für die Soziale Arbeit ist die Beschäftigung mit Rassismus von großer Bedeutung.

Der DBSH (Deutscher Berufsverband Sozialer Arbeit) zählt die Prinzipien sozialer Gerechtigkeit, die Menschenrechte, die gemeinsame Verantwortung und die Achtung der Vielfalt zur Grundlage der Sozialen Arbeit. Die Thematisierung von Macht- und Ungleichheitsverhältnissen bildet ein zentrales Anliegen der Sozialen Arbeit, wozu auch alle Formen von Rassimus gehören. Der Rassismus äußert sich hierbei in vielfältigen Formen, welche nicht längst nicht mehr nur auf die Zeit des Nationalsozialismus zurückgreifen. Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben sich zahlreiche Formen und Varianten rassistischer Diskriminierung entwickelt und verfestigt. Oft unbemerkt und kaum wahrnehmbar, durchziehen rassistische Gedanken und Handlungen unser aller gesellschaftlichen Alltag und unterminiert unsere Werte, Handlungen und Wahrnehmungen in vielfältiger Art und Weise.

Davon sind auch die Wohlfahrtsverbände in Deutschland betroffen.

Im Laufe der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland entstanden insgesamt sechs Wohlfahrtsverbände, die einen wichtigen Arbeitgeber im Feld der Sozialen Arbeit darstellen. Ausgelöst durch Migrationsbewegungen wurden insbesondere die freien Wohlfahrtsträger mit der Betreuung und Begleitung von 'Migrant*innen' vertraut. Durch die wachsende Vielfalt der deutschen Gesellschaft erkannten die Wohlfahrtsverbände die Notwendigkeit, ihre Strukturen diesen Veränderungen anzupassen – aus wirtschaftlichen und auch aus sozialen Gründen.

Seit den 1990er Jahren entstanden Konzepte 'Interkultureller Öffnung', wobei diese sich an bereits bestehenden, durch Migrationsbewegungen hervorgerufenen pädagogischen Konzepten orientierten. Diese Konzepte erfuhren im Laufe der Geschichte große Veränderungen, wobei versteckte Rassismen und Ungleichheitsmechanismen auch dort Eingang fanden. Nicht nur aufgrund der jüngsten Geschehnisse ist es von großer Wichtigkeit, Rassismen auch in institutionellen Konzepten aufzudecken. Auch durch die zunehmende Anzahl von Menschen, die aus anderen Ländern nach Deutschland kommen wird es umso wichtiger, auch und gerade in Organisationen wie den Wohlfahrtsverbänden vorhandene rassistische Strukturen aufzudecken und zu thematisieren um dazu beizutragen, allen in Deutschland lebenden Menschen ein Leben in einer Gesellschaft zu ermöglichen, welche von Gerechtigkeit und Gleichberechtigung geprägt ist.

Diese Arbeit setzt sich mit der Frage auseinander, in welcher Form Rassismus aus rassismuskritischer Sicht in Konzepten 'Interkultureller Öffnung' von Wohlfahrtsverbänden enthalten ist. Dafür werden zwei Konzepte Interkultureller Öffnung auf enthaltene Rassismen untersucht und Widersprüche herausgearbeitet.

Die persönliche Motivation für diese Arbeit gründet auf rassistischen Erfahrungen, die viele meiner Freunde im Alltag machen müssen. Es zeigt, dass Rassismen überall, oft unbewusst, in unserer Gesellschaft verankert sind und nach wie vor wirkmächtig sind.

In der vorliegenden Arbeit wird zunächst der Begriff der Interkulturellen Öffnung und ihre Ziele erläutert. Anschließend daran werden der Kulturbegriff und die damit verbundenen Schwierigkeiten dargestellt, eine eindeutige Definition von 'Kultur' herzustellen.

Das nächste Kapitel thematisiert den Rassismus-Terminus und seinen historischen Entwicklungsverlauf sowie die Gründe für die gesellschaftliche Meidung des Begriffes.

Im Folgenden wird das Anliegen der Rassismuskritik dargestellt und daran anschließend die neue rassistische Erscheinungsform des Kulturrassismus präsentiert.

Nach einer kurzen Einleitung werden in je einer Konzeptanalyse des Paritätischen Nordrhein-Westfalen (NRW) und der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe (RWL) zentrale Begriffe rassismuskritisch analysiert und Problemfelder aufgezeigt.

In einer anschließenden Zusammenfassung wird in einer zweiten Analyse der Versuch unternommen, Elemente der Ausländer- und Interkulturellen Pädagogik darzustellen und Rückschlüsse auf eine mögliche Rück- oder Weiterentwicklung der analysierten Konzepte zu ziehen. Abschließend werden in einem Fazit die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst.

2. Interkulturelle Öffnung

Interkulturelle Öffnung beschreibt einen Vorgang der Veränderung, deren Zielsetzung die Auflösung von Zugangsbarrieren für Migrant*innen zu den Bereichen Kultur und Bildung sowie den Sozialen Diensten darstellt (vgl. Kalpaka/Mecheril 2010: 90).

Gegen Ende der 1980er Jahre wurde die Debatte um Interkulturelle Öffnung der Regelversorgung hauptsächlich von Institutionen der Sozialen Arbeit geführt (vgl. Spindler 2019: 6). Migrant*innen wurde bis zu diesem Zeitpunkt nach dem jeweiligen Herkunftsland auf diverse Wohlfahrtsverbände mit verschiedenen Beratungsangeboten verteilt.

Durch die anhaltende Migration kamen Zweifel an der dieser durch einer Aufteilung nach Herkunftsgruppen und speziellen Maßnahmen charakterisierten Verteilung auf. In der Folge wurde eine Neugestaltung als unabdingbar betrachtet. Im Zuge dessen wurde auch interkulturelle Kompetenz als neue, erforderliche Fähigkeit an Mitarbeiter*innen zum Thema gemacht (vgl. ebenda: 6).

Die Folge daraus waren durch die Bundesregierung vertretene „Empfehlungen zur interkulturellen Öffnung sozialer Dienste“, welche im Jahr 1994 veröffentlicht wurden (vgl. ebenda: 6).

Interkulturelle Öffnung kann als eine bewusste Konfrontation mit der eigenen institutionellen Kulturabhängigkeit beschrieben werden mit dem Ziel, die Ausrichtung an der vorherrschenden Gesellschaftssystem als alleinigem Maßstab für das institutionelle Agieren zu hinterfragen und sich als Institution für das Zusammenkommen und der Debatte mit Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund einzusetzen. In diesem Kontext beschreibt eine Öffnung einen Vorgang, der offen für einen Wandel und die Fortentwicklung von eigener institutionaler Kultur ist (vgl. Foitzik/Pohl 2011, zit. n. Spindler 2019: 6).

Zusammengefasst kann Interkulturelle Öffnung als strategische Adaptierung und Organisationsorientierung beschrieben werden, welche sich im Leitbild eines Verbandes äußert, die festgelegten Ziele konkretisiert und die Organisation an die Vorgabe bindet, interkulturelle Öffnung als eine in allen Bereichen relevante Aufgabe zu betrachten (vgl. Schröer 2018: 776).

3. Kultur

Der Begriff der Kultur liegt im Trend. Sowohl in Diskussionen über Verschiedenheit in der Einwanderungsgesellschaft als auch in Auseinandersetzungen über gesellschaftspolitische und ökonomische Themen wie beispielhaft der Unternehmens- oder Konsumkultur bis hin zur 'Willkommenskultur' oder auch der Beziehungskultur – überall bestimmt der Begriff 'Kultur' diese Debatten (vgl. Römhild 2018: 18).

Kultur wird hier nicht nur als Definition, sondern auch als Betrieb und vielmehr als eine Leitvorstellung gesehen, welche helfen soll, eine unüberschaubare Gegenwart zu ordnen (vgl. Eagleton 2017: 13, zit. n. Lüddemann 2019: 1).

Dabei entwickelt der Kulturbegriff ein gewisses Charisma aufgrund der Tatsache, dass er als fast unbegrenzt kombinierbar in Erscheinung tritt (vgl. Eagleton 2017: 13, zit. n. Lüddemann 2019: 1). Es gibt nur wenige Gegebenheiten, welche nicht unter dieser Facette der Kultur betrachtet werden könnten. So existieren beispielsweise die politische Kultur, die Kultur des Weinanbaus, eine Kultur des Zuhörens, die Wohnkultur, Tischkulturen als auch die Hoch- oder Massenkultur (vgl. Fisch 1992: 680 f. und den Überblick bei Busche 2019, zit. n. Lüddemann 2019: 1).

In diesem Zusammenhang ist die Entwicklung der Begriffsverständnisse von 'Kultur' nicht als linearer Ablauf zu betrachten, sondern kann in drei Stadien beschrieben werden, in welchen erst allgemein vertretene, anschließend wiederholte und danach allgemein nicht mehr vertretene Standpunkte gibt. Zunehmend wird in diesem Kontext eine steigende Fokussierung von Fragestellungen und Standpunkten beobachtbar (vgl. Gogolin 2010: 118).

Im Lateinischen wird der Ausdruck 'Kultur' übersetzt mit 'bebauen', 'pflegen' oder 'emsig sein', wobei in einer weiten Begriffsbestimmung alles benannt werden kann, was vom Menschen, nicht der Natur, geschaffen wird (vgl. Brockhaus 1990: 580).

Eine eingegrenzte Definition von Kultur bezeichnet die Wirkungsbereiche, in denen vom Menschen erschaffene, dauerhaft angelegte und den Sinnzusammenhang eines Kollektivs schaffende Lebensstile, Verhaltensweisen, Leitvorstellungen oder Produkte existieren (ebenda). 'Kultur' kann auch als theoretisches Gefüge von zwischen Mitgliedern einer Gruppe oder einer Gesellschaft gemeinsam geteilter Wissensbestände, Überzeugungs- und Handlungs- sowie Wahrnehmungsstandards betrachtet werden, welches in Form bewusster Schemata geordnet ist und in sich in Form von symbolischem Handeln in der Öffentlichkeit offenbart (vgl. Knapp 2013: 86).

Damit dient 'Kultur' als Orientierungs- und Deutungsgefüge für die Mitglieder der Gesellschaft und fungiert damit als „Geflecht von Bedeutungen, in denen die Menschen ihre Erfahrung interpretieren und nach denen sie ihr Handeln ausrichten“ (vgl. Geertz 1983: 99, zit. n. Gogolin 2010: 119). Jedoch ist Kultur nicht unbeweglich oder unveränderlich, vielmehr kann sie als dynamisch und heterogen gemischt (vgl. Gogolin 2010: 119), flexibel und anpassungsfähig (vgl. Hamburger 2018: 112), betrachtet werden, wobei sie die Bedeutungen des Alltags einschließt (vgl. Gogolin 2010: 119).

Kultur ist nicht hierarchisch aufgebaut und kann als ein aus verschiedenen, locker miteinander verbundenen Systemebenen, verstanden werden (vgl. Hamburger 2018: 112). Ein zentrales Merkmal des 'Kultur'-Begriffes ist durch die Eigenschaft determiniert, dass „die Feststellung, das man diesen Begriff kaum definieren könne […] zu seinem Gebrauch“ gehört (Bielefeld 2003: 86, zit. n. Hormel/Jording 2016: 212).

Der Ausdruck 'Kultur' kann als ein biographisch aktiv erworbenes Merkmal der Persönlichkeit, ein Teil der individuellen Identität (wie auch Religion und Identität) und als individuelle Eigenleistung betrachtet und dabei mit interaktionalem und situativem Zusammenhang mit der sozialen Identität gesehen werden (vgl. Griese 2006: 21).

In der Summe kann Kultur als imaginäre, „soziale Sichtbarkeit“ (Emmerich/Hormel 2013: 93, zit. n. Hormel/Jording 2016: 222) erzeugende Sichtweise definiert werden, welche nicht nur dann in Erscheinung tritt, wenn symbolische Beschränkungslinien und reale Diskriminierungsprozesse vollzogen und legitimiert werden, sondern der als ideologischem Gerüst auch eine erzeugende Dimension in Hinsicht auf den Stand gesellschaftlicher und damit auch 'gegenständlicher' Macht- und Ungleichheitsverhältnisse zukommt (vgl. Hormel/Jording 2016: 222).

4. Rassismus

Eine Verbreitung von rassistischen Denkformen und rassistisch motivierter Gewalt kann in der Bundesrepublik Deutschland zur Kenntnis genommen werden. Dadurch wird sich eine Erklärung von Rassimus nicht nur mit Geschichte und Ursachen, sondern auch mit den Erscheinungsformen beschäftigen müssen. Im wissenschaftlichen Diskurs finden sich daher unterschiedliche Schwerpunkte.

Der Begriff 'Rassismus' ist schwer zu definieren und abzugrenzen aufgrund der Tatsache, dass sehr unterschiedliche Vorstellungen unter diesem Terminus existieren (vgl. Rommelspacher 2011: 25). Eine Begriffsbestimmung des Rassismus kann als ein Schema von Machtverhältnisse legitimierenden und reproduzierenden Praxen und Diskursen definiert werden (vgl. Rommelspacher 2011: 29), wobei eine Rassismusdefinition im modernen westlichen Sinn auf der Behauptung der Verschiedenheit menschlicher 'Rassen' beruht (ebenda) und imaginierte körperliche Unterschiede die Grundlage der Ideologie des Rassismus bilden (vgl. Arndt 2017: 32). Dabei können nicht nur körperliche sondern vielmehr auch kulturelle oder religiöse Merkmale zu den Ausschlusspraktiken gezählt werden, wobei durch diese Zuschreibungen Menschen in ein 'Wir' und ein 'Nicht-Wir' eingeteilt werden (vgl. Mecheril/Castro Varela 2016: 16). Hierbei ist die Unterscheidung von Menschen mit ihrer Einteilung in materiell und symbolisch hierarchisch geordnete Gruppen mit bestimmten Bildern über diese sozialen Gruppen verbunden, in deren Folge Zuschreibungen von Eigenschaften und Wesensmerkmalen als quasi natürlich vorgestellt werden (vgl. Mecheril u. Melter 2011: 16). Mit diesen externen physiognomischen und kulturellen Merkmalen werden Dispositionen wie Intelligenz, Temperament oder charakterliche Eigenschaften verknüpft, welche als sozial-kulturell oder biologisch-genetisch determiniert abgebildet werden (vgl. Broden 2017: 820).

Ein Kennzeichen dieser biologischen Merkmale einer Gruppe besteht darin, diesen Eigenschaften eine bedrohliche und negativistisch abwertende Beurteilung zu geben (vgl. Miles 1992: 105f., zit. n. Mecheril/Scherchel 2011: 48).

Rassismus beinhaltet eine Fülle von individuellen, gesellschaftlichen, institutionellen sowie strukturellen Praktiken der Erzeugung oder Reproduktion von Bildern, Denkformen oder Geschichten über Gruppen von Menschen, welche dabei als unbewegliche, gleichförmige und über Generationen hinweg durch kulturelle Erbfolge verbundene Größen tradiert werden. Zusätzlich werden Rangordnungen erschaffen und Unvereinbarkeiten von Gruppen erzeugt. Diese werden durch suggerierte Zusammenhänge zwischen externer Erscheinung und einem internen Gegenstück von psycho-sozialen Fähigkeiten dargestellt, was zur Konstruktion von 'Rassen', 'Kulturen', 'Völkern', 'Ethnien' oder auch 'Nationen' führt (vgl. Leiprecht/Lutz 2011: 180). Das zentrale Merkmal des rassistischen Denkens ist die diskriminierende Aufteilung von natio-ethno-kulturellem Wir und Nicht-Wir, wobei eine wertende Unterscheidung zwischen dem Wir und Nicht-Wir stattfindet (vgl. Mecheril / Castro Varela 2016: 16 f.).

Die Aufrechterhaltung dieses Konstrukts wird zum einen durch ein komplexes, die geschichtliche Entwicklung der Sprache betreffendes und zeitgleich verzweigtes System gesellschaftlicher Praktiken wie beispielsweise Mediendarstellungen oder Gesetzesgebungen, bis hin zu individuellen Gewohnheiten, aufrechterhalten und legitimiert (vgl. Scharathow et al. 2011: 11). Da in besonderer Weise geregelt ist, wer Fremde und wer Andere sind, ist gleichzeitig immer das Nicht-Fremde und Eigene festgelegt. Dadurch entstehen Dominanzverhältnisse zwischen Gruppen, die mit Hilfe von Diskriminierungsprozessen produziert werden (vgl. Mecheril / Vastro Varela 2016: 16). Durch dieses Dominanzverhältnis wird zentral der Zugang zu ökonomischem, sozialem oder kulturellem Kapital in der Gesellschaft geregelt (vgl. Rommelspacher 2011: 32). Diese Markierung von Unterschieden, so Stewart Hall, führt dazu, dass soziale, wirtschaftliche oder politische Handlungen begründet und folglich bestimmte Gruppen von Ressourcen ausgeschlossen werden können, was der ausschließenden Gruppe einen markanten Vorteil in Form eines bevorzugten Zugangs zu diesen Ressourcen ermöglicht (Stuart Hall 2004, zit. n. Rommelspacher 2011: 25).

Die ausschließende, diskriminierende Gruppe kann sich hierbei die Privilegien sichern, in der Norm zu leben und gleichzeitig ihre Normalität als Vorgabe für die Anderen zu setzen (vgl. Rommelspacher 2011: 32). Dabei bestehen Privilegien auch im vereinfachten Zugang zum Arbeitsmarkt und Bildungssystem, zu gesellschaftlichem und persönlichem Ansehen sowie zu sozialen Beziehungen (ebenda). 'Rassismus' kann als eine Form der Überlegenheitskultur und Ideologie betrachtet werden, welche weltweit seit der Sklaverei umgesetzt worden ist (vgl. Fathi/Şirin 2019: 24).

'Rassismus' wurde von Weißen erfunden, wobei die Ideologie des Rassismus speziell aus Europa stammt (vgl. Arndt 2017: 30). Das Konstrukt der 'Rassen' wurde dabei aus dem Tier- und Pflanzenreich entnommen und auf den Menschen übertragen, was sich auch heute noch als höchst strittig darstellt. (ebenda). Durch diese Übertragung konnten 'Menschenrassen' erfunden werden, die durch die Erfindung von ' Weißen ' auf der einen Seite und 'die Anderen', als ' Nicht-weiß ' Betitelten auf der anderen Seite dazu verwendet wurden, Verschleppung und Genozid an den 'Anderen' zu verüben (ebenda: 32). In diesem Zusammenhang müssen Analysen zum Rassismus auch als nachkolonialistische „Herrschaftsanalysen“ verstanden werden (vgl. Messerschmidt 2011: 63).

Auch heute noch werden als 'weiß' gekennzeichnete und positionierte Mehrheitsangehörige (besonders aus der nördlichen Halbkugel der Erde) durch diese historischen Ereignisse privilegiert und profitieren somit davon. Rassismus dient so auch zur Bewahrung dieser Privilegien (vgl. Hummrich/Terstegen 2020: 47) in Form eines Machtsystems, welches auch dazu dient, die begangenen historischen Verbrechen zu verschleiern (vgl. Fathi/Şirin 2019: 24). Rassismus weist auch empirisch vielfältige Erscheinungsformen auf und dient als Oberbegriff im Kontext von an Rassekonstruktionen anknüpfende Diskriminierungspraxen sowohl gegenüber Jüdinnen und Juden, Roma und Sinti als auch gegen Musliminnen und Muslimen und als 'Schwarz' oder ausländisch definierten Personen (vgl. Mecheril/Melter 2011: 16).

4.1 Rassismuskritik

Rassismuskritik thematisiert die Bedingungen, Arten und unter welchen Auswirkungen Selbstverständnisse und Handlungsarten von Individuen, Kollektiven, Institutionen und Strukturen durch Rassismen vermittelt sind und diese stärken.

Ein Ziel von Rassismuskritik besteht darin, auf Rassekonstruktionen basierende diskriminierende, disziplinierende und gewaltenthaltende Differenzierungen zu untersuchen, abzumildern und alternative Unterscheidungen sichtbar zu machen (vgl. Mecheril/Melter 2010: 172). Im Kontext einer kritischen politischen sowie pädagogischen Praxis bedeutet Rassismuskritik die stetige und theoriebasierte Reflexion gesellschaftlicher Wirklichkeiten und des eigenen Handelns im Zusammenhang von entstandenen Strukuren, aktuellen Diskursen sowie Dominanzverhältnissen (vgl. Satilmis 2016: 24).

Dabei geht es neben der Untersuchung in selbstreflexiven Auseinandersetzungen darum, das eigene Involviertsein in rassialisierenden Gebilden aufzuzeigen und Vorgehensweisen zu erarbeiten, um Klischees, Vorurteilen und ausgrenzenden Handlungs- und Denkschemata zu begegnen und Kritik auf gesellschaftlicher Ebene zu üben (vgl. ebenda).

Rassismuskritik inkludiert zudem macht- und selbstreflexive Sichtweisen auf Aktionen, Institutionen, Diskurse und Strukturen. Die Möglichkeit der natio-ethno-kulturellen Unterscheidung zwischen Wir und Nicht-Wir, in der das Nicht-Wir im Zusammenhang auf sein beispielsweise kulturelles Wesen als gerechtfertigt diskriminierbar verstanden und behandelt wird, liegt in der europäischen Geschichte in verschiedenen Mustern vor und ist in institutionellen Gebilden verfestigt. Dabei kann mithilfe des Rassismusbegriffs diese institutionell und alltagsweltlich offerierte Möglichkeit der vorherrschaftlichen Differenzierung analysiert werden. Weiterhin beanspruchen rassismuskritische Ansätze die Leistung eines Beitrags zu anderen, 'gerechteren' Verhältnissen (vgl. Mecheril/Melter 2010: 172). Der Fokus liegt somit nicht nur auf der situativen Untersuchung der Erzeugung von Differenz und Ungleichheit, sondern vielmehr auch darauf, wie diese Erzeugungen historisch und gesellschaftlich eingeordnet und untereinander in Verbindung gesetzt werden (Hund 2017, zit. n. Hummrich/Terstegen 2020: 39)1.

Rassistische Gebilde und Prozesse müssen als allgemein wirksame Verknüpfungen interpretiert werden, welche auf Unterscheidungsmuster von Menschen aufmerksam machen. Diese Unterscheidungsmuster stehen dabei auf differierenden Ebenen der gesellschaftlichen Realität wie beispielsweise in Institutionen, Gesetzen oder persönlichen Selbstverständnissen als Möglichkeit zur Verfügung (vgl.Scharathow et al. 2010: 10).

Rassismus wird im Rahmen von Rassismuskritik verstanden als eine von einem symbolischen Schema der hierarchisierenden und oppositionellen Unterscheidungen getragene Praxis, die Alltagsnormalität herstellt (Mecheril/Melter 2009: 15, zit. n. Castro Varela/Mecheril 2016: 16).

4.2 Kultur-Rassismus

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der wissenschaftliche Begriff der 'Rasse' in UNESCO-Konferenzen verbannt und damit auch als Konzept der Deskription von Beziehungen zwischen Menschen geächtet. Trotzdem hat die eigentliche ideologische Gestalt des Rassismus Fortbestand (Guillaumin 1998: 171, zit. n. Mecheril/Melter 2010: 153).

Im Kontext dieser Ereignisse wurde der Begriff Rassismus im deutschsprachigen Raum in den Diskussionen um sichtbare und unsichtbare Gewalt im Zusammenhang mit ethnischer und kultureller Zugehörigkeit bis Anfang der 1990er Jahre sowohl politisch als auch sozialwissenschaftlich auf Ereignisse angewandt, die mit rechtsextremistischen Gruppen oder nationalsozialistischen Gemeinschaften in Berührungsflächen aufwiesen (vgl. Mecheril/Scherschel 2011: 41).

Mögliche andere Begriffe wie Fremdenfeindlichkeit oder Ausländerfeindlichkeit wurden in Kontexten mit Rassismus tendenziell öfter gebraucht (vgl. Rommelspacher 2011: 32). Auch die engen Verflechtungen mit dem Nationalsozialismus und den in dieser Zeit verübten Verbrechen begründen die seltene Benutzung des Begriffes 'Rassismus'(vgl. ebenda: 33).

Ebenfalls bedingt durch die als gering erachtete Rolle des Kolonialismus, in dessen Zusammenhang der Rassismusbegriff auch von großer Bedeutung ist, wird die geringe Verwendung des Begriffes ebenfalls erklärt. Die schwere Abgrenzbarkeit ist ein weiterer Grund, warum der Rassismusbegriff oft vermieden wird (vgl. ebenda ).

Rassismus beruft sich nicht auf eine tatsächlich existierende, in der Natur vorliegende Aufteilung der Menschheit in 'Rassen', vielmehr erzeugt Rassismus diese 'Rassen'. Der Begriff der 'Rasse'muss dabei nicht notwendigerweise gegeben sein (vgl. Anastasopoulos 2019: 299). Für rassistische Differenzierungen stellen nicht nur körperliche Merkmale wie Haut- und Haarfarbe oder biologisch-genetische Daten die Ausgangsbasis dar, es können auch soziale oder kulturelle (und auch religiöse Zeichen oder Praktiken) für rassistische Diskriminierungen verwendet werden (vgl. Mecheril/Melter 2010: 152).

Der Begriff „Neo-Rassismus“ oder auch „Kultur-Rassismus“, wurde vom französischen Theoretiker Etienne Balibar geprägt, der damit die Differenzierung über biologische und physische Merkmale um den Aspekt der 'Kultur' erweitert, womit ebenfalls rassistische Unterscheidungen begründet werden können (vgl. Mecheril/Melter 2010: 152).

Damit tritt der Begriff „Kultur“ an die Stelle von „Rasse“, wobei der Inhalt potentiell der gleiche bleibt. Falls hierbei der Kulturbegriff als Werkzeug Funktionen der Diskriminierung und Ungleichbehandlung ausübt, stellt dies potentiell eine Art von Rassismus dar, wobei in einem zweistufigen Prozess der kulturelle Rassismus erzeugt wird: Auf der ersten Stufe wird die Behauptung aufgestellt, dass kulturelle Lebensformen miteinander unvereinbar wären. Die zweite Stufe erzeugt als Konsequenz das Streben, die Beschränkung, Entrechtung oder auch Rückkehr der „kulturell anderen“ Gruppe zu erreichen (vgl. Mecheril/Melter 2010: 153).

Letztlich nimmt der Kulturbegriff den Platz des 'Rasse'-Begriffes ein. Dadurch ändert sich das Wesen von 'Kultur', da 'Kultur' nicht mehr mit Schöpfung und Austausch, sondern mit Unwandelbarem und Festem assoziiert wird ( Anastasopoulos 2019: 341).

Dieser neue Rassismus kommt ohne Rassen aus, denn sowohl Rassisten als auch Adressaten dieses Rassismus stehen nicht für diverse Gruppen von Menschen sondern für ethnische Kollektive. Diese sind, so Heckmann, durch 'eine Vorstellung gemeinsamer Herkunft sowie durch ein Zusammengehörigkeitsbewusstsein' charakterisiert und 'durch Gemeinsamkeiten von Geschichte und Kultur gekennzeichnet' (vgl. Heckmann 1992: 55, zit. n. Diefenbach 2017: 838), was zur Folge hat, dass die Begriffe 'ethnische Gruppen' und 'kulturelle Gruppen' gleichbedeutend verwendet werden können (vgl. Diefenbach 2017: 838).

Kulturelle Begründungen sind dann mit Rassismus verbunden, wenn externe Umstände zwischen Menschen mit Entsprechungen des 'Seelenlebens' oder 'Mentalitäten' verknüpft werden und die genannten Unterschiede dergestalt interpretiert werden, dass die unterschiedliche Vergabe von Privilegien legitimiert wird (Kalpaka/Räthzel 1990: 15, zit. n. Kalpaka/Mecheril 2010: 87).

5. Rassismuskritische Analyse

Vorwort

Nachdem im vorherigen Abschnitt wichtige Definitionen und Zusammenhänge der Rassismuskritik vorgestellt wurden, richtet sich der Fokus nun auf zwei Veröffentlichungen unter dem Thema der Interkulturellen Öffnung. Um eine gewisse Vergleichbarkeit zu gewährleisten, wurden zwei Konzepte ausgewählt, die sich in einem ähnlichen Wirkungs- und Geltungsbereich sowie einer zeitnahen Konzeptentwicklung und Veröffentlichung befinden. Eine Gegenüberstellung der Konzepte, wie sie im Folgenden vorgenommen wird, erweist sich nur als hilfreich, um grundlegende Darstellungen und Inhalte besser zu verdeutlichen. Es sei darauf hingewiesen, dass es bei beiden zu Überschneidungen kommt, aber auch zu einem anderen inhaltlichen Fokus. Vorgestellt werden nun je ein Konzept des Paritätischen NRW (2014) und der Diakonie RWL (2013). Beide Konzepte entwickelten sich in einem ähnlichen Geltungsbereich und wurden beide in einem engen Zeitraum veröffentlicht. Dabei werden ähnliche Kritikpunkte miteinander verglichen, um die jeweiligen Problempunkte der Konzepte aufzuzeigen.

Als „Freie Träger“ werden in Deutschland private, somit nichtstaatliche Organisationen bezeichnet, welche in erster Linie im sozialen und gesundheitlichen Bereich tätig sind (vgl. Gögercin 2018: 767). Der Terminus „frei“ rekurriert darauf, dass „Freie Träger“ nicht zur Durchführung von staatlichen Leistungen zuständig sind, sondern vielmehr autonom tätig sein können (vgl. ebenda).

Wohlfahrtsverbände stellen einen Teil der großen Träger der Sozialen Arbeit in Deutschland dar und teilen sich in folgende Verbände auf: Die Arbeiterwohlfahrt (AWO), der Deutsche Caritasverband (DCV) als katholischer Träger, der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband (Der Paritätische), das Deutsche Rote Kreuz (DRK), die Diakonie Deutschland für die evangelische Wohlfahrt sowie die Zentralwohlfahrtsstelle (vgl. Gögercin 2018: 768) der Juden in Deutschland (ZWST) für die Jüdische Wohlfahrtspflege.

5.1 Leitfaden Interkulturelle Öffnung Der Paritätische

In den folgenden Abschnitten werden in den Konzepten verwandte Begriffe aus rassismuskritischer Sicht genauer reflektiert. Hierbei geht es nicht um einen Anspruch von Vollständigkeit, sondern um eine Hervorhebung der Begrifflichkeiten, die aus rassismuskritischer Sicht relevant sind.

Begriff Migration

Der Paritätische NRW stellt als ein Ziel Interkultureller Öffnung heraus, dass in seiner Organisation 'Migrant*innen' beschäftigt und entsprechend ihrer Anzahl in der Mitarbeiterschaft auch in Gremien vertreten sind (vgl. Der Paritätische NRW 2014: 22). Kulturelle Bedürfnisse von 'Migrant*innen' hinsichtlich bestimmter Feiertage oder

Ernährungsgewohnheiten, sollen dabei Berücksichtigung finden (vgl. Der Paritätische NRW 2014: 22 ff.).

Nach Ansicht des Paritätischen stellt die Interkulturelle Öffnung einen „wechselseitigen Prozess zwischen Mehrheitsgesellschaft und Menschen mit Migrationsgeschichte dar“ (Der Paritätische NRW 2014: 7).

Die Verwendung des Begriffes Migration ist kritisch zu hinterfragen.

Durch Migration werden Grenzen postuliert, wobei hier nicht Landesgrenzen im Vordergrund stehen. Vielmehr werden bildliche Grenzen der Zugehörigkeit als Problem erkannt. Fragen von Zugehörigkeiten rücken durch den Begriff der 'Migration' verstärkt in den Fokus. Diese Fragen betreffen nicht nur 'Migrant*innen', sondern werden sowohl sozial als auch individuell und gesellschaftlich zu einer bedeutenden Angelegenheit. Dies deswegen, weil eine Unterscheidungslinie durch 'Migration' ins Blickfeld gerät, die zu elementaren gesellschaftlichen Unterscheidungen gehört (vgl. Mecheril 2010: 12).

Im Kontext der gesellschaftlichen Rede von 'Migrant*innen', 'Ausländer*innen' oder auch von 'Deutschen' stellt Paul Mecheril die These auf, dass dabei nicht nur singulär von Ethnizität, Nation oder Kultur gesprochen wird – vielmehr wird ein Konglomerat aus den verschwommenen, zueinander in Beziehung gesetzten Begriffen Nation, Ethnizität und Kultur konstruiert . Diese Kombination wird als 'natio-ethno-kulturell' ausgeführt. Durch die Begriffsnutzung wird die Erinnerung an soziale Zugehörigkeitsordnungen wachgerufen, wobei für diese Zuordnungen, für die die Gegebenheiten der Migration relevant sind, eine auf Imagination und unbestimmter 'Wir'- Einheit basierender Struktur hingewiesen wird (vgl. ebenda: 14).

[...]


1 Die Seitenzahl des Zitats war im Text nicht angegeben.

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Rassismuskritische Analyse von Konzepten zur interkulturellen Öffnung am Beispiel von zwei Wohlfahrtsorganisationen
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
1,0
Jahr
2020
Seiten
42
Katalognummer
V920550
ISBN (eBook)
9783346238245
ISBN (Buch)
9783346238252
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rassismuskritische, analyse, konzepten, öffnung, beispiel, wohlfahrtsorganisationen
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Rassismuskritische Analyse von Konzepten zur interkulturellen Öffnung am Beispiel von zwei Wohlfahrtsorganisationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/920550

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Rassismuskritische Analyse von Konzepten zur interkulturellen Öffnung am Beispiel von zwei Wohlfahrtsorganisationen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden