Ein Instrument von großer Schlagkraft.

Der Niederschlag des Interesskonflikts zwischen weltlicher und geistlicher Macht in vier Sprüchen Walther von der Vogelweides (Ottenton L12,6; Unmutston L 33,1; L 34,4; L34,14)


Hausarbeit, 2006

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Kapitel: Historischer Überblick

2. Kapitel: Die Sangspruchdichtung Walthers von der Vogelweide

3. Kapitel: Der Ottenton 12, 6

4. Kapitel: Der Unmutston L 33,1

5. Kapitel: Der Unmutston L 34,4

6 Kapitel: Der Unmutston L 34, 14

Schluss

Anhang

Literaturverzeichnis

Einleitung

Walther von der Vogelweide ist den meisten wohl vornehmlich wegen seiner Minnelyrik ein Begriff. Doch waren diese Gesänge nicht die einzige literarische Form, in der er sich ausdrückte und genauso wenig war die Minne, „das freundliche Gedenken, die Erinnerung und die Liebe“[1], das einzige Thema, dessen er sich annahm. Im folgenden sollen deshalb Sangsprüche dezidiert politischen Inhalts im Vordergrund stehen,[2] und zwar der Ottenton L 12,6 und aus dem Unmutston L 33,1, L 34, 4 und L 34, 14, jeweils in der von Lachmann edierten Walther-Ausgabe mit denen durch ihn erfolgten Konjekturen.

Gemeinsam ist allen Texten, dass Walther in ihnen mehr oder weniger offen Stellung gegen den Papst bezieht. Bevor dies allerdings aus den Textgrundlagen herausgearbeitet werden kann, erscheint es mir zuvor notwendig, in einem kurzen überblicksartigen Resümee den historischen Kontext der Sprüche herauszuarbeiten. Erst dann und nachdem wir ebenfalls kurz die Gattung des Sangspruchs im Bezug auf Walthers Verwendung derselben näher beleuchtet haben, erscheint es sinnvoll, medias in res zu gehen, und die eigentliche Textinterpretation zu beginnen.

Vorausgeschickt sei allerdings noch, dass Walther von der Vogelweide, über dessen Biographie wenig bekannt ist, und die deshalb auch einen Anlass für sehr kontroverse Forschungsdiskussion bietet[3], als „erster Berufsdichter“[4] eine herausgehobene Stellung um die Jahrhundertwende vom 12. zum 13. Jahrhundert innehatte. Denn zum einen war es ihm so möglich, allein vom Vortrag seiner Dichtung zu (über-)leben. Zum anderen bedingt diese Form des Verdienens des Lebensunterhaltes, um die nervus rerum, also die finanzielle Unterstützung des Gönners nicht zu verlieren, dass man ausschließlich Texte vorträgt, die den Vortragenden schon allein, sit venia verbo, „honoraris causa“ nicht die Gunst des Bezahlenden verlieren lassen.[5] Walther von der Vogelweide, vagabundierend von einem weltlichen Herrscherhof zum nächsten, zeigt sich somit in den ausgewählten Sangsprüchen, die den (vornehmlich finanziellen) Interessenkonflikt zwischen weltlichen Machthabern und der geistlichen Macht der Papstkirche zum Thema haben, als äußerst eloquenter Kritiker des Papstes und seines Versuchs, sich scheinbar in die weltliche Machtsphäre einzumischen.

Walther schuf so „ein Instrument großer Schlagkraft: den politischen Spruch“, das sich in diesem Fall als an „den Papst [...] gerichtet und [ihn] erreichend und treffend“[6] herausstellte.

1. Kapitel: Historischer Überblick

Im ersten Kapitel soll anhand zweier Elemente das historische Grundgerüst errichtet werden, welches das Verständnis der politisch motivierten Sangsprüche erleichtern soll.

Zunächst muss hierbei auf die Entwicklung der Stimmung den Kreuzzügen gegenüber eingegangen werden, denn nach 1192 mit der Zerschlagung der Truppen des zweiten Kreuzzugs war von der vormaligen Begeisterung für die „Befreiung des Heiligen Landes“ nicht mehr viel übrig geblieben und die dafür erhobenen Sondersteuern, denn die „Teilnahme am Kreuzzug erforderte vor allem Geld, viel Geld[7], wurden zunehmend als drückende Belastung empfunden.[8] So berichten die Marbacher Annalen beispielsweise, wie schwer es für die päpstlichen Legaten war, die auf dem Hoftag in Straßburg anwesenden Fürsten und den König nach der Rückeroberung Jerusalems durch den Sultan Saladin im Jahre 1187 zu einem neuen Kreuzzug zu motivieren.[9] Auch für die in den nächsten Jahren folgenden Kreuzzüge erhob sich die vox populi nicht mehr, besonders nach dem 1213 auf Geheiß des Papstes mit dem Aufstellen von Opferstöcken begonnen wurde, was als ein erneuter Griff in die Taschen von Volk und weltlichen Herrschern verstanden wurde.[10] Selbstredend konnte eine derart unpopuläre Maßnahme die Stimmung nicht zugunsten des Papstes drehen, sondern sorgte vielmehr vice versa dafür, dass er noch weniger beliebt wurde. In diesem antiklerikalen Klima entstanden Walthers Texte und stimmen mit diesem in weiten Teilen überein.

Zum zweiten sein noch kurz aus das Problem des Einsetzens von Gegenkaisern eingegangen, ein Mittel, mit dem der Papst politische Ansprüche geltend machen wollte.[11] Der Fall, der für die Betrachtung der vorliegenden Sangsprüche Walthers von der Vogelweide von Interesse ist, betrifft den Konflikt zwischen Kaiser Otto und dem Papst Innozenz III mit dem von ihm eingesetzten Gegenkaiser Friedrich. Otto war um 1210 gegen päpstliches Gebiet vorgegangen und dafür von Innozenz III mit dem Kirchenbann belegt worden. Gleichzeitig beschließen Papst und der französische König Philipp August die Einsetzung eines Gegenkönigs.[12] Allein hieran wird deutlich, warum papstkritische Texte, „die sich zu einer allgemeinen Kritik ihres [der Papstkirche] auftragswidrigen Verhaltens ausweitet“[13], gerade in deutschem Gebiet, der Wirkungsstätte Walthers von der Vogelweide, so beliebt war.[14]

Nachdem der Staufer Friedrich 1211 auch zum Kaiser gekrönt worden war, kehrte Otto, der sich ebenfalls noch in der Position des Kaiser dünkte, nach Deutschland zurück, und kann auch 1212 durch zwei Hoftage in Frankfurt und Nürnberg kurzzeitig seine Machtstellung festigen, unterliegt dann aber Friedrich in Verbindung mit den Franzosen in der Entscheidungsschlacht noch im gleichen Jahr.

Nachdem der historische Kontext der Sangsprüche kurz angerissen worden ist, erfolgt im nächsten Schritt eine kurze Hinführung in die Gattung des Sangspruchs und dessen Vortrags- und Rezeptionsweise, bevor die paradigmatische Interpretation der ausgewählten Texte erfolgt.

2. Kapitel: Die Sangspruchdichtung Walthers von der Vogelweide

Bevor Walther von der Vogelweide zu dichten begann, hatte die Sangspruchdichtung vor allem durch Spervogel schon eine längere Tradition. Sie war im Gegensatz zum höfischen Minnesang die von „Fahrenden, Unbehausten gepflegte Gattung“[15], die von den Erfahrungen des Vagabundendaseins „von Kälte und Einsamkeit, vom Undank der Welt und der Treulosigkeit der Menschen“[16] erzählte.

Walther von der Vogelweide wurde höchstwahrscheinlich 1198 mit Verlassen des Wiener Hofes[17] ebenfalls zum Fahrendendasein gezwungen, und so nahm er sich auch der Gattung des Sangspruchs an, nachdem er zuvor am Hof die Kunst des Minnesangs gelernt und praktiziert hatte.[18]

So finden sich auch die oben angesprochenen Themen in Walthers Sangspruchdichtung wieder, deren Vortrag in „rhapsodischer Darbietungsweise“[19] erfolgte. Doch geht Walther sowohl formal als auch inhaltlich über die Tradition hinaus, indem er die Politik in die Sangspruchdichtung einführt[20], indem er tagespolitische aufnimmt.[21]

[...]


[1] Schweikle, Günther: Minnesang. In: Sachlexikon Literatur. Hrsg. von Volker Meid. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2000. S. 578.

[2] Auch wenn die Trennung der beiden Gattungen Minnesang und Sangspruchdichtung nicht derart simplifiziert und verallgemeinert werden sollte, kann es für den Zweck dieser Arbeit dabei bleiben. Zu den Gemeinsamkeiten der beiden Gattungen siehe: Brem, Karin: Gattungsinterferenzen im Bereich Minnesang und Sangspruchdichtung des 12. und beginnenden 13. Jahrhunderts. Berlin: Weidler Buchverlag 2003 (= Studium Literarum 5).

[3] Nachzulesen in: Scholz, Manfred Günter: Walther von der Vogelweide. Stuttgart und Weimar: J. B. Metzler 1999 (= Sammlung Metzler 316). S. 1-6. (Im folgenden zitiert als: Scholz: Walther.).

[4] Scholz: Walther. S. 11.

[5] Zur besonderen Lebens- und Verdienstsituation Walthers von der Vogelweide siehe auch: Hahn, Gerhard: Walther von der Vogelweide. Zweite durchgesehene Auflage. München und Zürich: Artemis 1990 (= Artemis Einführungen 22). S. 24-27. (Im folgenden zitiert als: Hahn: Walther.).

[6] Wapnewski, Peter [im Kommentar zu]: Walther von der Vogelweide. Gedichte. 4. neu bearbeitete Auflage. Frankfurt am Main: Fischer 1966. S. 290. (Im folgenden zitiert als Wapnewski: Walther.)

[7] Jankrift, Kay Peter: Aufbruch ins Ungewisse. Die Kreuzzüge als logistische, transporttechnische und kommunikative Herausforderung. In: Kein Krieg ist heilig. Die Kreuzzüge. Hrsg. von Hans-Jürgen Kotzur. Mainz: Philipp von Zabern 2004. S. 187.

[8] Siehe: Goff, Jacques Le: Das Hochmittelalter. Augsburg: Weltbild 2000 (= Weltgeschichte 11). S. 144.

[9] Siehe: Ausschnitt aus den Marbacher Annalen: Die Katastrophe im Heiligen Land und die Vorbereitungen zum dritten Kreuzzug. In: Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung. Band 1. Frühes und Hohes Mittelalter. 750-1250. Stuttgart: Reclam 1995 (= UB 17001). S. 372-373.

[10] Hahn: Walther. S. 126.

[11] Siehe: ebd. S. 124.

[12] Scholz: Walther. S. 74.

[13] Hahn: Walther. S. 124.

[14] Siehe: ebd. S. 124.

[15] Scholz: Walther. S. 38.

[16] Wapnewski: Walther. S. 289.

[17] Siehe: Hahn: Walther. S. 93.

[18] Siehe: ebd. S. 24-25.

[19] Wapnewski: Walther. S. 288.

[20] Siehe: Scholz: Walther. S. 38.

[21] Siehe: Hahn: Walther. S. 98.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Ein Instrument von großer Schlagkraft.
Untertitel
Der Niederschlag des Interesskonflikts zwischen weltlicher und geistlicher Macht in vier Sprüchen Walther von der Vogelweides (Ottenton L12,6; Unmutston L 33,1; L 34,4; L34,14)
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Einführung ins Mittelhochdeutsche
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
15
Katalognummer
V92091
ISBN (eBook)
9783638057332
Dateigröße
382 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dozentenkommentare: "Sehr gut, gehobener Stil, schon sehr professionell". "Eine schöne ansprechende Arbeit."
Schlagworte
Instrument, Schlagkraft, Einführung, Mittelhochdeutsche
Arbeit zitieren
Jonathan Voges (Autor:in), 2006, Ein Instrument von großer Schlagkraft. , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92091

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