Der Begriff der Aufmerksamkeit bei Simone Weil


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Lebenslauf von Simone Weil

3 Die Bedeutung der „Aufmerksamkeit“ bei Simone Weil
3.1 Die „Aufmerksamkeit“ als Grundvollzug der christlichen Meditation
3.2 Die Rolle der „Aufmerksamkeit“ während des Schulunterrichts bzw. des Studiums
3.3 „Aufmerksamkeit“ und Einbildungskraft

4 Zusammenfassung

5 Literaturliste

1 Einleitung

„Die Aufmerksamkeit besteht darin, das Denken auszusetzen, den Geist verfügbar, leer und für den Gegenstand offen zu halten, die verschiedenen bereits erworbenen Kenntnisse, die man zu benutzen genötigt ist, in sich dem Geist zwar nahe und erreichbar, doch auf einer tieferen Stufe zu erhalten, ohne dass sie ihn berührten. Der Geist soll hinsichtlich aller besonderen und schon ausgeformten Gedanken einem Menschen auf einem Berge gleichen, der vor sich hinblickt und gleichzeitig unter sich, doch ohne hinzublicken, viele Wälder und Ebenen bemerkt. ..“[1]

Vorliegende Seminararbeit beinhaltet das Ziel, den Begriff der „Aufmerksamkeit“ nach der Auffassung Simone Weils zu erforschen und darzulegen. Zudem soll der Kontext dargestellt werden, welche Rolle die „Aufmerksamkeit“ nach der Lehre Weils bei den Exerzitien im Alltag spielt.

In einem ersten Schritt soll zunächst der Begriff „Aufmerksamkeit“ erläutert bzw. definiert werden. Hier wird auch auf das damit zusammenhängende Wort „Kontemplation“ eingegangen. Es folgt ein Rückblick auf das Leben von Simone Weil. Es soll untersucht werden, inwiefern ihr Lebenslauf durch Exerzitien im Alltag beeinflusst wurde.

Das Hauptaugenmerk liegt dann auf der Bedeutung der „Aufmerksamkeit“ als Grundvollzug der christlichen Meditation. Wie erreicht man die notwendige Aufmerksamkeit? Was sind die Voraussetzungen für den Idealzustand? Diese Fragen sollen im Verlauf der Seminararbeit geklärt werden.

2 Lebenslauf von Simone Weil

In diesem Kapitel soll das kurze, außergewöhnliche, aber auch tragische Leben der Philosophin bzw. Philosophielehrerin Simone Weil zusammengefasst werden. Dieses lässt sich in drei unterschiedlich lange Phasen gliedern. Die erste Phase umfasst die Kinder-, Jugend- und Studienjahre, die zweite Phase ist von 1931 bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 anzusiedeln und die dritte Phase endet schließlich mit ihrem Tod am 24. August 1943.

Simone Weil wurde am 3. Februar 1909 in Paris als Tochter einer jüdischen Familie geboren. Die Eltern – Vater Bernard stammte aus dem Elsass, Mutter Salomea war gebürtige Russin - waren jedoch keine praktizierenden Juden. Zwar genoss Simone Weil eine Erziehung im humanistischen Geist, aber vollkommen agnostisch und liberal, sodass sie als Kind nicht einmal wusste, dass man zwischen Juden, Christen und Heiden unterschied.

Sie lebte in einer Zeit, die für Europa und die ganze Welt durch viele Krisen gekennzeichnet war. Ihr Leben spielte sich zwischen zwei Weltkriegen ab, in einer Zeit politischer und wirtschaftlicher Umbrüche, nicht nur in ihrem Vaterland Frankreich. Diese unruhige Zeit der Jahre 1930-1940 spiegelt sich in ihrem gesamten Leben wieder. Simone Weil ist ständig selber im Aufbruch, sie lebt seit ihrer Kindheit nie lange an einem Ort und setzt auch später ihr Leben der inneren Suche mit einer unaufhörlichen Reise zwischen verschiedenen Welten fort.

Im Jahre 1906 wird ihr drei Jahre älterer Bruder André Abraham geboren. Dessen mathematische Begabung zeigt sich schon recht früh, was Simone später in schwere Depressionen stürzen wird. So schreibt sie selber:

„Mit vierzehn verfiel ich einer jener grundlosen Verzweiflungen des Jugendalters, und ich wünschte ernstlich zu sterben, wegen der Mittelmäßigkeit meiner natürlichen Fähigkeiten. Die außergewöhnliche Begabung meines Bruders, dessen Kindheit und Jugend sich mit derjenigen Pascals vergleichen lässt, zwang mich, mir dessen bewusst zu sein. Nicht dies schmerzte mich, dass ich auf äußerliche Erfolge verzichten sollte, sondern dass ich niemals hoffen durfte, den Zugang zu jenem transzendenten Reich zu finden, zu dem einzig die echten großen Menschen Zutritt haben und in dem die Wahrheit wohnt. Ich wollte lieber sterben als ohne sie zu leben.“[2]

„Dieses markante Selbstzeugnis besagt mehr als nur die augenblickliche Erfahrung einer Jugendkrise. Vielmehr erschließt sich darin eine für Simone Weil charakteristische Haltung hinsichtlich ihrer Suche nach Wahrheit: das rigorose Verlangen, das eigene Leben einzig in der Wahrheit – oder aber gar nicht – leben zu wollen.“[3]

Dass sie ihre Leistungen stets mit denen ihres Bruders verglich, stellte von jeher ein großes Problem für Simone Weil dar. Sie bezeichnete ihren Intellekt als mittelmäßig und litt darunter sehr. „Die Hochschätzung der Aufmerksamkeit begleitet Simone Weil nach ihrem Zeugnis seit ihrem 14. Lebensjahr.“[4] Sie verband damit die Hoffnung, „Zugang zu jenem transzendenten Reich zu finden, … in dem die Wahrheit wohnt. Aufmerksamkeit bedeutete bei ihr in diesem Kontext ein unaufhörliches Begehren nach der Wahrheit und das Bemühen um sie.“[5]

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 beginnt eine Zeit, in der die Familie von Ort zu Ort zieht, da der Vater Bernard als Arzt zu den verschiedenen Militärstützpunkten reisen muss, um die Lazarette zu versorgen. Schon früh zeigt sich, dass Simone sehr krankheitsanfällig ist, sowohl psychisch als auch physisch. Immer wieder plagen sie schlimme Kopfschmerzen und das Gefühl, ihrem Bruder nicht ebenbürtig zu sein. Dazu Simone Weil:

„Seit meinem 12. Lebensjahr bin ich heimgesucht von einem Schmerz, der an dem Mittelpunkt des Nervensystems angesiedelt ist, an dem Punkt, wo Seele und Leib verbunden sind; er dauert im Schlaf fort und hört niemals eine Sekunde auf.“[6]

Befremdend wirkt, was über Simone Weil als Schülerin bekannt ist. So legte sie auf ihr äußeres Erscheinungsbild (Haare, Kleidung etc.) gar keinen Wert und wirkte ungepflegt, fast männlich, entsprach also gerade dem Gegenteil von dem, was man von einem jungen, gebildeten Mädchen aus gutem Hause erwarten würde.

1925 beginnt Simone Weil mit dem Studium der Philosophie in Paris und besucht das damals berühmte Lyzeum Henry IV. Nach drei Jahren ist sie dazu berechtigt, das Studium zur Gymnasiallehrerausbildung aufzunehmen. „1929 steht im Zeichen der Diplomarbeit, die Simone Weil an der École Normale Supérieure in ihrem gewählten Fach Philosophie schreibt. Ursprünglich plante Weil, als Fortsetzung ihrer Studien Du temps und Protée eine umfassende Theorie der Wahrnehmung in Auseinandersetzung mit Kant, Descartes und Platon vorzulegen, entschied sich dann jedoch für das Thema Science et perception dans Descartes.“[7]

Im Jahre 1931 besteht sie das Staatsexamen für das Lehramt an höheren Schulen und beginnt ihre Tätigkeit als Philosophielehrerin in Le Puy, Auxerre und Roanne. Nebenher jedoch setzt sie sich immer wieder ein für die Interessen der arbeitenden Unterschicht. Beispielsweise unterrichtet sie die Arbeitslosen kostenlos, teilt ihre Wohnung mit Obdachlosen und verteilt Essen an sie. Aufgrund ihres Einsatzes für die Bergarbeiter wird sie im Januar 1932 kurzfristig von der Polizei festgenommen und daraufhin von der Schulbehörde strafversetzt. Von 1934-35 ist Simone Weil nur noch zeitweilig im Schuldienst tätig. Ihr Gesundheitszustand erfordert wiederholte lange Unterbrechungen des Dienstes.

[...]


[1] Weil, Simone: Betrachtungen über den rechten Gebrauch des Schulunterrichts und Studiums im Hinblick auf die Gottesliebe. In: Diess.: Das Unglück und die Gottesliebe. München 1961, S.103/104

[2] Karwarth, Sophia: Jüdin durch Geburt – Christin aus Überzeugung. Frankfurt a. M. 2001, S.25/26

[3] Schweizer, Erika: Geistliche Geschwisterschaft. Nelly Sachs und Simone Weil – ein theologischer Diskurs. Mainz 2005, S.65/66

[4] Krusche, Roland: Die Übung des Schweigens in der Mystik. Überlegungen zur Hermeneutik des Schweigens. Frankfurt a. M. 1996, S.167

[5] ebenda

[6] Rohr, Barbara: Verwurzelt im Ortlosen. Einblick in Leben und Werk von Simone Weil. Münster 2000, S.16

[7] Büchel Sladkovic, Angela: Warten auf Gott – Simone Weil zwischen Rationalismus, Politik und Mystik. Münster 2004, S.28

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Details

Titel
Der Begriff der Aufmerksamkeit bei Simone Weil
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
13
Katalognummer
V92127
ISBN (eBook)
9783638058858
Dateigröße
390 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Begriff, Aufmerksamkeit, Simone, Weil
Arbeit zitieren
Lukas Glaser (Autor), 2007, Der Begriff der Aufmerksamkeit bei Simone Weil, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92127

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