Kollegiales Coaching bei Veränderungsprozessen in der öffentlichen Verwaltung

Mit welchen Fragen an sich selbst kann der Coach das Fundament eines erfolgreichen Prozesses gestalten?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

31 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

Hausarbeit

Inhalt

1. Kollegiales Begleiten bei organisatorischen Veränderungsprozessen
1.1 Veränderung, Akzeptanz und Widerstände – Ängste und Lösungswege
1.2 Ausgangslage und Ziele dieser Arbeit

2. Das Zusammenwirken beim Finden von Lösungen
2.1 Die Kybernetik der Interaktion
2.2 Die Zirkularität im sozialen Kontext - eine Konstruktion
2.3 Der Konstruktivismus in den Welten der Beteiligten

3. Die Praxis begleitenden Fragen – Der Coach auf der Suche nach Spuren möglicher Antworten
3.1 Kybernetik – regulatorisches Verhalten des Coach
3.2 Zirkularität – wechselseitiges Zusammenwirken
3.3 Konstruktivismus – Wahrheit im gemeinsamen Konstrukt

4. Reflexion, Ausblick und systemische Perspektive
4.1 Die eigene Perspektive – die Verfasserin dieser Arbeit
4.2 Die systemische Perspektive – Fach-eigene Kommilitonen
4.2.1 M. B. (33), Sozialpädagogin (BA)
4.2.2 A. J. (46), Diplom-Designerin
4.2.3 Die Verfasserin verwertet die vorgenannten Rückmeldungen

Literatur

Sekundär-Literatur

Anmerkungen zum Sprachgebrauch:

- Die Wahl der ausschließlich weiblichen oder männlichen Substantivform ist mit dem Vereinfachen der Lesbarkeit begründet. Grundsätzlich sind beide Geschlechter gemeint, es sei denn, im Text wird explizit differenziert. Das Gleichstellungsgebot wird geachtet.
- Die beratende Person wird als Coach, Berater und Therapeut bezeichnet. Mit dieser gemischten Form soll die Urheber-Aussage der zitierten Quellen soweit als möglich gewahrt bleiben. Eine einheitliche Bezeichnung könnte im Einzelfall das Ziel eines zitierten Verfassers verfehlen. – Im Sinne der vorliegenden Arbeit handelt es sich grundsätzlich um den systemorientierten Berater und seinen Klienten
- In den Transfer-Abschnitten 3 und 4 wird teilweise oder in Gänze die Ich-Form verwendet. Damit sollen die Ziel-Ebene und die nach systemischer Rückmeldung gewonnenen Erkenntnisse deutlich herausgehoben werden. Diese Ausführung bildet im Ergebnis ein authentisches echtes Wahrnehmen und Lernen aus der ersten Person heraus ab.

1 Kollegiales Begleiten bei organisatorischen Veränderungsprozessen

Mitarbeitende benötigen Wertschätzung für ihre bisher geleisteten Tätigkeiten und eine plausibel transportierte Begründung für Veränderungsprozesse: Neue Rahmenbedingungen bedeuten ein Umstellen von Arbeitsweise und Zusammenarbeit (Hofmann, 2009, S. 22). Mit kollegialem Coaching erfahren die Betroffenen Unterstützung.

1.1 Veränderung, Akzeptanz und Widerstände – Ängste und Lösungswege

Organisatorische Veränderungen können aktiv oder passiv ablehnendes Handeln von Mitarbeitenden zur Folge haben: Sie analysieren die Folgen der Veränderung für sich, und je nach Ergebnis verbinden sie Chancen, Handlungsstrategien oder Konfrontation mit ihrem weiteren Verhalten (Hofmann, 2009, S. 22). Ihr eigenes Verhalten begründen die Menschen dabei unterschiedlich (Luhmann, 2009): Ereignisse des Erlebens rechnen sie der Umwelt zu; beim Handeln rechnen sie Ereignisse den Motiven der Organisation oder der Person zu (Muraitis & Schlippe, 2012, S. 98 f.).

Das Befolgen von Entscheidungen entwickelt sich aus vier Komponenten der Interaktion (Muraitis & Schlippe, 2012, S. 99; vgl. auch Zündorf, 1986, S. 33 ff.): (a) Vertrauen: Jemand vermutet, dass ein anderer es gut mit ihm meint: Ihm werden Entlohnung oder das Erfüllen anderer Bedürfnisse in Aussicht gestellt. (b) Er externalisiert die Gründe für sein Tun. Dies setzt gegenseitige Freiheit voraus: Der eine könnte sanktionieren, der andere könnte kündigen. (c) Einfluss: Jemand identifiziert sich mit dem Weltbild eines anderen. Einfluss ist dabei schwer identifizierbar, da ein Machthabender einen Nutzen verfolgt und ein Einflussreicher seine Motive möglichst verdeckt hält. (d) Verständigung: Jemand versucht, nachzuvollziehen, womit ein anderer rechnet und wie dessen Weltbild aussieht. Beide können sich auf Lösungen verständigen.

1.2 Ausgangslage und Ziele dieser Arbeit

Die öffentliche Verwaltung und deren Bedarf für Veränderung werden vielfach von außen bestimmt. Bürger und Politik üben Druck aus, sodass Entscheidungen revidiert und neu getroffen, Ämter neu organisiert, Abteilungen aufgelöst oder Aufgaben und ganze Bereiche privatisiert werden. Im öffentlichen Dienst arbeiten Menschen mit hohem Bedürfnis nach Sicherheit, Stabilität und Kontinuität (Scharmer, 2013, S. 171).

Das Interesse dieser Arbeit beruht auf dem Ansatz der lösungsorientierten Kurztherapie. Leitende und übergeordnete Fragen sind: Welche Fragen sollte sich ein Coach abgeleitet aus Kybernetik, Zirkularität und Konstruktivismus stellen und soweit als möglich beantworten, um seinen Klienten gut auf dessen Weg hin zur Lösung begleiten zu können (abgeleitet aus Helfferich, 2011, S. 27 ff.)? Welche Kompetenzen sind im Rahmen kollegialer Beratung bei Veränderungsprozessen wichtig? Wie kann präventives Begleiten von Kollegen als Motor für persönliches Wachstum im beruflichen Kontext das Entdecken persönlicher Ressourcen ermöglichen?

Veränderungsprozesse beinhalten ein gemeinsames Grundproblem: Die Einzelteile befinden sich im Konflikt oder im Krieg gegen das Ganze. Das Einlassen auf neue, sich verändernde, Strukturen bereitet Schwierigkeiten: Die Beteiligten klammern sich an alten Identitäten fest und verteidigen die Besitztümer der Vergangenheit. Es bedarf eines Prozesses, innerhalb welchem dieses soziale Feld umgewandelt werden kann. Das Lösen von alten Identitäten und das Gehen über die Schwelle des Loslassens kann den Beteiligten ermöglichen, sich selbst und die Situation aus einer Perspektive des Ganzen – aus der Zukunft heraus – anzuschauen. Die Schwierigkeit des Loslassens besteht im Erfordernis für eine neue kognitive Fähigkeit, eine Sache vom Ganzen her zu betrachten (Scharmer, 2007, S. 195). „Der Mensch kennt nur sich selbst, insofern er die Welt kennt, die er nur in sich und sich nur in ihr gewahr wird. Jeder neue Gegenstand, wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf.“ (Goethe, 1823; zitiert nach Scharmer, 2013, S. 171 und Zeno.org, 2014). Das Kardinalproblem sozialer Entwicklungsprozesse ist der Blickwinkel auf die Sicht eines Konflikts: Das Ändern der Perspektive von einer individuellen Sicht hin zum Ganzen, auf die Gesamtsituation und damit auf sich selbst kann gelingen: Es erfordert ein Lernen, so auf ein Objekt zu schauen, dass, der Aussage Goethe folgend, ein neues "Organ der Wahrnehmung" entstehen kann. Dieses entwickelt sich in Kontakt mit anderen: Das, was jemand in einer Kontaktsituation visuell und mittels seiner übrigen Sinne wahrnimmt, wird zu einem Teil des Aufnehmenden (Scharmer, 2007, S. 203).

Das Ziel dieser Arbeit ist ausgerichtet auf das Wiedererlangen und das Erhalten fachlicher Effizienz sowie persönlicher Stärke verbunden mit Freude an und Sinn in der beruflichen Aufgabe. Kollegiales Coaching kann sich ganzheitlich auf Gesundheit und positive Energie für die berufliche Aufgabe eines Menschen auswirken. Es kann und soll als von Personalentwicklung und Leitung unabhängiger Baustein eingesetzt werden. Damit entsteht eine Möglichkeit zur Selbsthilfe ohne übergeordnete Kontrolle. Erfolgsdruck und die extern verordnete Pflicht des Beteiligens nach Maßgabe des Dienstherrn bzw. Arbeitgebers entfällt. Höchste Priorität für die Klienten soll persönliches und fachliches Vertrauen in den Coach sein. Um die gemeinsame Arbeit während der Arbeits- und Dienstzeit zu legitimieren, erfolgt der Kontakt über den Personalrat.

2 Das Zusammenwirken beim Finden von Lösungen

Die inneren Regulationsmechanismen eines Systems müssen so vielfältig sein, wie die Umwelt, mit welcher es in Wechselwirkung steht. Sollen soziale Systeme dauerhaft bestehen, sind homöostatische Kontrollvorgänge notwendig. Mit diesen werden selbstregulierend und aus eigener Fähigkeit heraus stabile Zustände aufrechterhalten (Morgan, 2006, S. 60 ff.). Ein systemisches Merkmal ist die Ganzheit: Sobald eine Veränderung eintritt, wird regelhaft das ganze System beeinflusst (Shazer, 2009, S. 40). Fryszer und Schwing (2013, S. 24) ziehen eine bildhafte Parallele zu einem Mobile: Auch dort sind alle Elemente miteinander verbunden. Die Bewegungen zwischen dem Ganzen und den einzelnen Teilen übertragen sich wechselseitig aufeinander.

2.1 Die Kybernetik der Interaktion

Die Kybernetik befasst sich mit gegenseitigen Bedingungsgefügen bzw. Systemen, in welchen das Verhalten des einen Elements gegenregulatorisch auf das Verhalten eines anderen einwirkt und dieses nachfolgend auf Ersteres Einfluss nimmt. Es entsteht ein regelmäßig neu gewonnenes Gleichgewicht. Zum Beispiel werden bei Zentralheizungen oder Klimaanlagen Thermostate so eingestellt, dass unabhängig von der Außentemperatur auch im Innenraum eine konstante Temperatur gehalten wird (Bamberger, 2010, S. 15; vgl. auch Kriz, 2011, S. 53; Morgan, 2006, S. 60 f.).

Psychologische Kybernetik erster Ordnung hat das Ziel, ein dysfunktionales System wieder in eine sich optimal selbst steuernde Funktion zu bringen: Ein außenstehender Beobachter analysiert objektiv das vorliegende System in Bezug auf seine Regelgrößen, wie z.B. Traditionen in einem Familiensystem. Er wählt dann geeignete Interventionsstrategien aus und wirkt justierend auf das System (Bamberger, 2010, S. 15 f.). Bis in die 1980er-Jahre hinein intervenierten Therapeuten von außen, indem sie so taten, als ob sie selbst an den Reglern drehen konnten, ohne in das System ihrer Klienten einbezogen zu sein. Die Rückkoppelung als wesentlichen Aspekt der Systemtheorie hatten sie außer Acht gelassen. Der Mensch mit seinen Bedürfnissen nach sinnhaftem Gestalten seiner Welt sowie sich als personales Selbst in sozialen Beziehungen auszudrücken und einzubringen, zählte nicht (Kriz, 2011, S. 52 f.).

Kriz (2011, S. 53 f.) hat gegen Ende der 1980er-Jahre begonnen, die personenzentrierte Systemtheorie zu konzipieren: Um das Verständnis von Interaktionsmustern zu fördern, müssen diese durch ein Nadelöhr individueller Prozesse des Verstehens und Sinndeutens gehen. Chaos und Komplexität zu Kategorien zu reduzieren, ist einerseits eine lebensnotwendige Eigenschaft. Andererseits kann diese Fähigkeit unter ungünstigen Bedingungen dazu beitragen, dass selbstorganisiert und selbstverstärkend starre Muster ausgebildet werden, innerhalb welcher jeder sowohl in die Rolle eines Opfers als auch in diejenige eines Täters eingebunden ist. Innere Verarbeitungsstrukturen von Interaktionen sind für das systemische Verständnis erforderlich (vgl. auch Levold, 2014, S. 53). Die Intervention von außen wurde durch die gemeinsame Konversation über z.B. Sinndeutungen, Erklärungen und Lösungsmöglichkeiten abgelöst (Kriz, S. 53 f.). Bamberger (2010, S. 16) ergänzt: Hiernach handelt es sich um eine Kybernetik der Kybernetik, eine psychologische Kybernetik zweiter Ordnung. Berater und Klient sind in einem systemischen Zusammenhang aufeinander bezogen. Sowohl mit als auch ohne Absicht fördern sie eine stete Interaktion im Kontext der Beratung. In diesem Zusammenhang zeigt Foerster (1999, S. 30, 68 f., 79) naturwissenschaftliche Vorgänge auf: Beobachtete physikalische Realität ist kein Abbild der Außenwelt. Sie stellt vielmehr ein Ergebnis einer Er-Rechnung dar, innerhalb welcher die beobachteten physikalische Entitäten – Objekte – transformiert, modifiziert, geordnet und neu angeordnet werden. Das Er-Kennen ist das Er-Rechnen einer von vielen Realitäten, Beschreibungen und Errechnungen. Kenntnisse werden also durch rekursives Errechnen erworben. Realität wird lediglich aufgrund rekursiver Rechenoperationen innerhalb eines Organismus abgeleitet: Das Nervensystem organisiert sich als Ganzes so, dass es eine stabile Realität er-rechnet. Levold (S. 57) fügt hinzu, dass die kontinuierliche Rekursion interner Aktionen im Nervensystem die durch Foerster als „Eigen-Wert“ bzw. „Eigen-Verhalten“ benannten stabilen Zustände entwickelt.

Die Sichtweise einer Kybernetik zweiter Ordnung birgt sowohl Chancen als auch Herausforderungen: Da der Berater nur Interaktives beobachten kann, existiert keine Objektivität. Weder die Wirklichkeit des Klienten, noch das objektiv Gute für diesen kann er wissen oder kennen. Er ist von der Last befreit, das einzig Richtige tun zu müssen und hat kreativen Spielraum für die gemeinsame Suche nach alternativen Möglichkeiten zum gegenwärtigen Status. Der Berater hat eine besondere Verantwortung für das Herstellen einer Balance zwischen Anregung zu hilfreichen Suchprozessen und Respekt von Autonomie in der Interaktion mit dem Klienten. Diese Interaktion erfordert ein kontinuierliches Reflektieren. Beide sollten sich regelhaft in eine Metaposition begeben (Bamberger, 2010, S. 16 f.).

2.2 Die Zirkularität im sozialen Kontext - eine Konstruktion

Zirkularität ist das "Bewußt-Sein" bzw. die Überzeugung, dass der Therapeut authentische Informationen nur erhält, wenn er zwei Grunderkenntnisse in seine Arbeit einbezieht: (a) Das Wissen darum, dass Information eine Unterscheidung – ein Unterschied – ist und dass dieser Unterschied durch ein Verhältnis bzw. durch eine Veränderung eines solchen Unterschieds begründet wird. (b) Mittels zirkulären Fragens begibt sich der Therapeut in eine Wechselwirkung mit dem vorhandenen System. Seine Fragen entstehen aus Hypothesen seiner bisherigen Wahrnehmung des vom Klienten dargestellten Systems. Die tiefere Wahrheit kann der Therapeut erst entdecken, wenn er sich von der sprachlichen und von der kulturellen Konditionierung befreit, in Begriffen von Dingen zu denken (Boscolo, Cecchin, Prata & Selvini Palazzoli, 1981, S. 131 ff.). Zirkularität bedeutet wechselseitiges Beeinflussen mit Fokus auf das soziale System des Klienten. Menschliche Netzwerke bzw. lebende Systeme funktionieren durch Kommunikation untereinander. Die so entstehenden Impulse und nachfolgenden Verhaltensweisen auf die Interaktionspartner wirken sowohl in- als auch aufeinander und somit rückbezüglich (Bamberger, 2010, S. 17). Deissler (2014, S. 67) ergänzt: Die Analyse eines jeden Verhaltens kann unter Aspekten von Ursache und Auswirkungen erfolgen. Aus der Interaktion vieler Beteiligter und dem Zusammenwirken verschiedener Umstände entsteht ein zirkuläres Problem als Merkmal sozialen Zusammenlebens. Diese eigentliche Qualität von lebenden Systemen verknüpft die Begriffe systemisch und zirkulär (Bamberger, S. 17). Aus der Quantenphysik leitet Bohr (1958, S. 174 f.) den Begriff zur Komplementarität ab: Wechselseitiges Entsprechen und Ergänzen zueinander sind die beim Beschreiben von Grundeigenschaften der Materie erforderlichen Parameter. Diese Eigenschaften werden aus der klassischen Perspektive heraus genau in ihnen vorausgesetzt; sie liegen jedoch außerhalb ihres Bereiches. Hieraus folgt der Blick auf die Integrität lebender Organismen. Diese bewussten Individuen und kulturellen Gemeinschaften weisen mit ihren Merkmalen Ganzheitszüge auf. Deren Beschreibung fordert eine typisch komplementäre Ausdrucksweise: Gemeinschaften lebender Organismen sind in wechselseitiger Ergänzung zueinander zu sehen.

Nach Deissler (2014, S. 69 f.) zeigen sich die seit den 1980er-Jahren bestehenden therapeutischen Ansätze sozialkonstruktionistischer Ideen in dem von Anderson und Goolishian (1992, S. 178 f.) formulierten Problemverständnis: Möglichkeiten zum Handeln und persönliche Freiheit werden durch die im therapeutischen Prozess verbal behandelten Probleme gemindert. Diese Probleme sind gleichzeitig Handlungen, welche als Widerspruch gegen einen mit Kompetenz angereicherten Zustand gerichtet sind. Probleme existieren folglich in Form von Sprache. Der einzigartige erzählerische Kontext, aus welchem ihre Bedeutung abgeleitet wird, lässt die Probleme ebenfalls einzigartig werden. Fryszer und Schwing (2013, S. 327) stellen fest, dass der Klient für sein eigenes Leben verantwortlich bleibt. Hintergründe, Wechselwirkungen und Konsequenzen erkunden Berater und Klient gemeinsam. Eine objektive Wahrheit ist nicht vorhanden. Der Berater hakt bei fest gefügten Überzeugungen nach; er gibt neue Ideen und Impulse. Um herauszufinden, was sein Klient aus der gemeinsamen Arbeit macht und welche Inhalte er umsetzen wird, nimmt er diesem gegenüber eine Haltung von Neugier, Respekt und Bescheidenheit ein (vgl. auch Kriz, 2011, S. 54; Levold, 2014, S. 57 f.). Shazer (2003, S. 101 f.) ergänzt: Die Antwort eines Klienten zeigt, welche Frage sein Therapeut ihm gestellt hat. Beide entwickeln gemeinsam ein Konzept, um eine für den Klienten bessere und erstrebenswerte Situation zu verwirklichen.

Deissler (2014, S. 70) fasst unter Verweis auf Anderson und Goolishian (1992, S. 179 ff., 182) und Deissler (2009, S. 9 f.) zusammen: Die Beratenden sind Generalisten. Sie ermöglichen eine gleichberechtigte Zusammenarbeit und formen die Gespräche mit Blick auf die Ziele, welche Anlass für diese Zusammenkunft sind. Wirksam werden die Gespräche erst durch das aktive gemeinsame Bemühen der dialogischen und bestmöglich konstruierten Zusammenarbeit. Dadurch kann das Problem organisiert, transformiert und aufgelöst werden. Also gelingt die Therapie immer dann, wenn die dialogische Zusammenarbeit gelingt: Ein Dialog ermöglicht das wechselseitige Suchen nach Verstehen und Exploration des Problems. Da anstatt zueinander eher miteinander gesprochen wird, vollzieht sich ein "darin-miteinander"-Prozess. Therapeut und Klient explorieren die Geschichte und die vertrauten Bedeutungen des Klienten in neue Bedeutungen, Gemeinsamkeiten und Erzählungen. Der Therapeut entwickelt einen den dialogischen Prozess erleichternden konversationalen Freiraum; er öffnet Raum für Gespräche und kreiert hierdurch neue Erzählungen (Anderson & Goolishian, S. 179). Im Rahmen der weitgehend gleichberechtigten und vertrauensbildenden Kooperation nimmt der Therapeut den Klienten in seiner Rolle als Experten für sein Leben ernst. (Deissler, 2009, S. 9 f.). Shazer (2009, S. 90 ff.) bezeichnet die Konversation in der Therapiesituation als Sprachspiel – ein vollständiges System menschlicher Verständigung – im Sinne eines öffentlichen und diskursiv etablierten Bezugsrahmens.

Kooperation soll als eine sozial konstruierte Abfolge schöpferischer, auch strukturiert gehaltener, Dialoge ermöglicht werden. Die bei einem „ProblemSystem" angewendeten Kommunikationsmuster werden unterbrochen. Eine neue Kommunikationserfahrung entwickelt sich (Deissler, Keller & Schug, 1997, S. 177 f.). Das gemeinsame Konstruieren dialogischer Zusammenarbeit ermöglicht, Zeit und Raum für Neues, bisher nicht Vorausgesehenes zu schaffen. Dies ist vergleichbar mit dem durch Publikum und Darstellenden gemeinsam gestalteten Schauspiel eines Improvisationstheaters. Einseitig festgelegte inhaltliche oder prozessuale Vorhersehbarkeit im Ablauf des Beratungsprozesses wird damit ausgeschlossen (Deissler, 2014, S. 70).

2.3 Der Konstruktivismus in den Welten der Beteiligten

Der Konstruktivismus ist eine Erkenntnistheorie, innerhalb welcher Theorien und Begriffe als durch Wahrnehmung erkannte Konstruktionen über die Welt angesehen werden: Hieraus entwickelt der Mensch seine Weltsicht, und er leitet seine Theorien daraus ab. Die Bauweise des Nervensystems bestimmt, wie eingetroffene Informationen ausgewertet werden. Im Unterschied zu den materialistischen Erkenntnistheorien fragt das konstruktivistische Denken beim Beurteilen einer Theorie danach, inwieweit diese sinnvoll, brauchbar und nützlich ist (Fryszer & Schwing, 2013, S. 23 f.). Der Mensch hält bevorzugt diejenigen Konstruktionen für wahr, welche er für sein individuelles Wohlbefinden und für seine existenzielle Sicherung im Zusammenleben mit anderen für nützlich hält. Physisches, psychisches und soziales Überleben gelingt nur mit diesem Verständnis einer gemeinsamen Welt der Nützlichkeit. Hieran knüpft sich die Übereinkunft von Konsensus-Realitäten im Zusammenleben mit anderen, in welchen viele Menschen eine ähnliche Sicht der Dinge haben. Dadurch können sie erfolgreich miteinander kommunizieren und interagieren (Bamberger, 2010, S. 19 f.).

Das System bewusster Sinneswahrnehmung – [bewusstes] Sensorium – bestimmt den Sinn oder die Bedeutung von Signalen eines gewollten Bewegungsablaufes – [gewolltes] Motorium. Das gilt auch in umgekehrter Reihenfolge, wonach das Motorium den Sinn oder die Bedeutung der Signale eines Sensoriums bestimmt. Informationen haben also ihren Ursprung in einem schöpferischen Kreis: Einzig das Be-Greifen ermöglicht ein Zumessen von Be-Deutung (Foerster, 1999, S. 66). Beim Fokussieren von Aufmerksamkeit fügt ein Wahrnehmungsorgan sinnliche Erlebniselemente assoziativ und selbstorganisiert zusammen. Verkoppelungen verschiedener innerer wie auch äußerer visueller, auditiver, kinästhetischer, gustatorischer und olfaktorischer Eindrücke werden Muster genannt. Erleben findet nach willkürlichem und unwillkürlichem Zusammenfügen solcher Muster statt. Das jeweilige Organ gestaltet jede Wahrnehmung autonom und selektiv als Fokussierungs-Geber. Daher handelt es sich weniger um eine Wahr-Nehmung, als um eine Wahr-Gebung (Schmidt, 2000, S. 179). Bamberger (2010, S. 18 f.) spricht von retrogradem Beeinflussen der Aufmerksamkeit sowie der bewusst erzeugten Informationseingabe unter Einbezug gesellschaftlicher Traditionen und Vereinbarungen: Die Frage zur Interaktion von Person und Welt sucht nach der Antwort, wie und mit welchem Ergebnis das Bild von der Welt in den Kopf eines Menschen gelangt. Das geschieht systemisch durch aktives Mitgestalten der Beteiligten. Eine spezielle Sensorik wählt aus einem breiten Angebot vorhandener Energien bestimmte Ausschnitte, welche mittels elektrischer Impulse an das Gehirn weitergeleitet werden. Daher weiß der Mensch nur, wie er etwas registriert, nicht aber, wie es tatsächlich ist. Anschließend analysiert das Gehirn diese sinnesspezifischen Erregungen und versieht sie mit Bedeutungen aus früheren Lernerfahrungen seiner Lebensgeschichte. Der Blick auf die Wirklichkeit hängt also vom individuellen Erfahrungsraster unter Einbezug von Stimmungen, Hoffnungen, Ängsten und weiteren Gefühlen eines Menschen ab. Damit verleiht er der Welt eine eigene Färbung. Deren Offensichtlichkeit wird z.B. durch das gleichzeitige Sehen einer unregelmäßigen Form mit gelbschwarzen Querstreifen, tatsächlichem Wahrnehmen einer Tiger-Ente von Janosch und einem dadurch erzeugten Gefühl von Gerührtheit individuell erweitert.

Um sich am Entwickeln neuer Visionen von Wirklichkeit zu beteiligen, benötigt der Mensch einen Dialog imaginärer Momente: Hier beginnt das Ko-Konstruieren mithilfe kooperativer Haltung. Die Grundlage für ein Konzept des "Wir" mit dem Ziel einer gemeinsamen Absicht entsteht durch neues Definieren des Anderen in Form von beiderseits akzeptablen Optionen und Lösungen. Erwünschte Ergebnisse können mindestens teilweise erreicht werden: Im Dialog wird eine realisierbare Zukunft konstruiert. Gemeinsame Wirklichkeiten können mithilfe des in der Kunst angewandten wertschätzenden Auges entstehen: Wie man in jedem Kunstwerk Schönheit finden kann, so ist es möglich, auch im konflikthaften Miteinander eine Form von Schönheit zu finden (Gergen, McNamee & Barrett, 2003, S. 82 f.; vgl. auch Deissler, 2009, S. 9 f., 2014, S. 70). Wörter und Begriffe haben keine festgelegte Bedeutung für den lösungsfokussierten Ansatz. Ein gemeinsames Verständnis der verwendeten Begrifflichkeiten wird ausschließlich im Sinne eines interaktionellen Konstruktivismus erreicht (Shazer, 2009, S. 176 f.). Eberhart und Knill (2010, S. 155 f.) ergänzen: Dessen Gültigkeit kann sich im Zeitverlauf ändern. Das Verständnis für die Ereignisse selbst bleibt dabei gegenüber dem für Beschreibungen und Erklärungen außen vor. Shazer (S. 176 f.) führt fort: So, wie der Therapeut die Sprache betrachtet, können Unterschiede ermöglicht werden. Diese Unterschiede sind in der Form herauszuarbeiten und hervorzuheben, als dass sich das Leben für den Klienten unabhängig vom gewählten Unterschied zufriedenstellender gestalten kann.

Da der Mensch nicht merkt, dass er Subjektives konstruiert, sondern denkt, dass er Objektives wahrnimmt, eskalieren spezifische Situationen durch unterschiedliche Realitätskonstruktionen. Dieselbe Sache wird anders gesehen, und die Beteiligten beharren auf ihren Realitätsannahmen mit Absolutheitsanspruch in der Überzeugung, dass das jeweilige individuelle Bild von der Welt die wirkliche Wirklichkeit repräsentieren würde. Mit der Beziehung zum Konfliktpartner setzt der Mensch die Weichen für den Lösungsweg. Gemeinsame Wahrheiten werden entweder kompromisshaft ausgehandelt, oder sie sind essentielle Bausteine eines Konfliktes, oder sie sind der Start für eine Beratung auf dem Weg zu erneutem Wahrnehmen von Komplexität sowie zu neuen Perspektiven (Bamberger, 2010, S. 20). „Ich erkannte, wie sehr im Zusammenleben alles eine Frage des Blickwinkels ist. Die gleiche Geste kann ärgern oder rühren, je nachdem ob man nach einem Grund sucht, mit jemandem zu leben oder jemanden zu verlassen.“ (Groult, 1989; zitiert nach Bamberger, S. 20).

Bei jedem verwendeten Begriff handelt es sich um eine Konstruktion. Daher stellt sich die Frage nach der Wahrheit nicht. Unterscheidungen dienen der Orientierung und des besseren Verständnisses über die Welt und unsere Handlungsmöglichkeiten: Eine Landkarte mit dem Abbild eines Berges ist eine solche Hilfestellung. Theorien über eine Konstruktion sind nicht zwangsläufig Abbildungen einer Realität außerhalb eines Menschen: Diese Theorien sind vielmehr Abbildungen seines Wahrnehmungs- und Erkenntnisapparates (Fryszer & Schwing, 2013, S. 22 f.).

Das Bild, welches ein Mensch sich von der Wirklichkeit macht, steht weit hinter der komplexeren, vielgestaltigeren, mehrdimensionaleren und reicheren wirklichen Wirklichkeit. Auch das, was jemand von sich selbst halten kann und wie er sich selbst sieht, ist eine geringfügigere Wahrnehmung als die tatsächlich wirkliche Wirklichkeit (Bamberger, 2010, S. 20 f.). Wirklichkeit erscheint als durch Sprache vermittelt und sozial konstruiert. Zentral ist die einem Ereignis zugeschriebene Bedeutung. Aufgrund der in einer Beratung genutzten Sprache und des geschützten Rahmens können neue zusätzliche Bedeutungen gefunden werden. Diese sind überwiegend in Geschichten eingebunden. Durch emotionale Logik und Betroffenheit sowie Sinnzusammenhang überzeugt eine Geschichte (Eberhart & Knill, 2010, S. 154). Nur ein außenstehender Beobachter ist in der Lage, zwischen einer äußeren und einer inneren Umwelt eines Organismus zu unterscheiden. Der Organismus selbst kennt nur eine Umwelt, nämlich diejenige, welche er erlebt (Foerster, 1999, S. 77). Hilfe suchende Menschen versuchen, ihrem Gegenüber die Fakten ihrer Welt mit sprachlichen Mitteln verständlich zu machen. Dies kann nur ansatzweise gelingen: In Sprache gefasste Botschaften an jemand anderen werden zu einer sozialen Konstruktion zwischen Klienten, Beratern und wichtigen Bezugspersonen (Eberhart & Knill, S. 153).

3 Die Praxis begleitenden Fragen – Der Coach auf der Suche nach Spuren möglicher Antworten

Die leitenden Fragen lauten: (a) Wie verhalte ich mich, um meinem Klienten einen Eindruck des Vertrauens zu vermitteln und ihm mögliche Ängste zu nehmen? (b) Wodurch zeige ich mich authentisch? (c) Wie gehe ich mit Situationen um, in welchen mein Klient mich explizit kritisch beobachtet? (d) Wie zeige ich meine emotionale Betroffenheit, und inwieweit ist das für meinen Klienten hilfreich oder hinderlich?

3.1 Kybernetik – regulatorisches Verhalten des Coach

Bereits beim Klären eines Auftrages, insbesondere beim Formulieren der Zielvisionen meines Klienten und im Sinne guter Ergebnisse ist von Bedeutung, das für diesen Klienten Wichtige herauszufinden: An welchen Stellen fühlt er sich von mir abgeholt bzw. eher nicht abgeholt? Wo wünscht er sich weitere Unterstützung oder ein konkreteres Nachfragen? Wie kann ich herausfinden, wo der Bedarf meines Klienten ist (abgeleitet aus Eberhart & Knill, 2010, S. 156)?

Das Nutzen von Metaphern, Bildern und poetischen Mitteln kann dem Coach zeigen, inwieweit sein Klient hierfür offen ist: Wo gibt es ein Zuviel oder ein Zuwenig, und wo ist der Einsatz genau richtig? Woran kann ich erkennen, dass mein Klient die eine oder andere Variante für verfehlt hält? Wie übernehme ich die Sprache in Form von Ausdrucksweise und Worten meines Klienten? Inwieweit findet er sich darin wieder, wenn ich seine Worte in Metaphern verpacke? Wann sind meine Umschreibungen überzogen oder zu weit hergeholt (abgeleitet aus Eberhart & Knill, 2010, S. 157)?

Ein Klient kann erwünschte Verhaltensweisen für sich selbst konsequent verneinen oder negative und selbstbestrafende Äußerungen formulieren. Das Ansinnen des Coachs ist dann, hiervon abzulenken und diese Aussagen in positive Zielbeschreibungen umzuformulieren: Wie zeigen diese Umformulierungen meinem Klienten den nächsten Schritt oder forcieren das Erreichen seines Zieles? Wann sind diese für ihn eher weniger oder überhaupt nicht brauchbar? Wie wirken gegenteiligen Formulierungen auf meinen Klienten (abgeleitet aus Eberhart & Knill, 2010, S. 157)?

Imaginationen helfen dabei, die erwünschte Zukunft sehen zu können. Das Nutzen des Konjunktivs kann den Klienten zu einer Vorstellung hiervon einzuladen: Wie erlebt er meine gewählten Redewendungen auf dem Weg zu einem neuen Ziel? Wie angemessen oder hinderlich sind diese für ihn? Bestärkt ihn dies auf seinem Weg zum erarbeiteten Ziel, oder entfernt es ihn hiervon? Wie brauchbar oder greifbar sind Redewendungen, anhand derer er sich mithilfe von „Was-wäre-wenn-Fragen“ etwas Imaginäres ausdenken oder vorstellen soll (abgeleitet aus Eberhart & Knill, 2010, S. 159)?

Fragen nach Wundern – die Vorstellung vom Lösen des aktuellen Problems – setzt der Coach ein, um seinem Klienten ein Werkzeug anzubieten, mit welchem dieser sich ein Bild vom Wirken seiner erwünschten zukünftigen Situation machen kann. Dabei leitet ihn der Coach u.a. auch an, sich vorzustellen, woran eine andere beteiligte Person merken könnte, dass dieses Wunder geschehen ist: Wie erlebt mein Klient diese Passagen der Zusammenarbeit? Kann er sich eher leicht oder mit Überwindung hierauf einlassen? Inwieweit sind Wunder-Vorstellungen eine für meinen Klienten im Alltag einsetzbare Technik? Inwieweit ist dies für mich eine Möglichkeit, vom logischen Denken des Tatsächlichen abzulenken (abgeleitet aus Shazer, 2003, S. 99)?

[...]

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Kollegiales Coaching bei Veränderungsprozessen in der öffentlichen Verwaltung
Untertitel
Mit welchen Fragen an sich selbst kann der Coach das Fundament eines erfolgreichen Prozesses gestalten?
Hochschule
Medical School Hamburg  (Fakultät Gesundheit - Department Kunst, Gesellschaft und Veränderungsprozesse)
Veranstaltung
Beratungsgrundlagen - Beratungsgespräch
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
31
Katalognummer
V921965
ISBN (eBook)
9783346245779
ISBN (Buch)
9783346245786
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kollegiales Begleiten, Organisatorische Veränderungsprozesse, Lösungen finden, Kollegiales Coaching, Kybernetik, Zirkularität, Konstruktivismus, Selbstreflektiertes Handeln, Beratungsgrundlagen, Beratungsgespräch, Öffentliche Verwaltung und Veränderungsprozesse
Arbeit zitieren
Master of Arts (M.A.) Isabel Ohnesorge (Autor), 2016, Kollegiales Coaching bei Veränderungsprozessen in der öffentlichen Verwaltung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/921965

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