Gesundheitspsychologie und betriebliche Gesundheitsförderung

Prävention von Kreislauferkrankungen im Unternehmen


Hausarbeit, 2020

61 Seiten, Note: sehr gut (1,3)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Risikoverhaltensweisen & Kreislauferkrankungen

3 Gesundheitspsychologische Ziele & Aufgaben

4 Exkurs: Betriebliche Gesundheitsförderung

5 Analyse der Unternehmensbedingungen

6 Konzeptentwicklung „Prävention im Unternehmen“

7 Gesundheitspsychologische „Begründungen“ der vorgeschlagenen Präventionsmaßnahmen

8 Fazit und Ausblick

Anhang 1

Anhang 2

Anhang 3

Anhang 4

Anhang 5

Anhang 6

Anhang 7

Abstract

Die Geschäftsführung eines mittelständischen Unternehmens, dessen Beschäftigte vor allem Büroarbeiten verrichten, beabsichtigt die Implemen-tierung von Maßnahmen zur Prävention von Kreislauferkrankungen. Hierzu sollen geeignete Vorschläge unterbreitet werden. Ausgehend von den Risiko-verhaltensweisen Bewegungsmangel, Fehlernährung, Stress und Rauchen werden gesundheitliche Auswirkungen, mögliche Präventionsansätze sowie entsprechende gesundheitspsychologische Begründungen im Rahmen von betrieblicher Gesundheitsförderung dargestellt.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Krankheitskosten 2015 – Anteile nach Krankheitsklassen in %

Abb. 2: Gesundheitsschäden durch Rauchen

Abb. 3: Einflüsse „Büroarbeit“ und mögliche psychische Belastungen

Abb. 4: Sozial kognitives Prozessmodell gesundheitlichen Handelns (HAPA) nach Schwarzer

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Informationsschwerpunkte zu Risikofaktoren von Herz-Kreislauf- Erkrankungen (HKE)

Tab. 2: „Niederschwellige“ Bewegungsaktivitäten

Tab. 3: Übersicht verhaltenspräventiver Maßnahmen

Tab. 4: Übersicht zu den Maßnahmen der Verhältnisprävention

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Typisch für die Arbeitssituation heute ist der „Sitzarbeitsplatz“ mit weitgehend körperlicher Inaktivität. Die aus dem sitzenden Lebensstil in Freizeit und Beruf resultierenden Beschwerden und Auswirkungen auf die Gesundheit sind viel-fältig. Gesamtgesellschaftlich erfordern Krankheitskosten von Jahr zu Jahr stei-gende Beträge. Erkrankungen des Kreislaufsystems stehen dabei an der Spitze der Ausgaben im Gesundheitswesen und weisen zudem die häufigste Todesursache in Deutschland auf:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Krankheitskosten in 2015 / Anteile nach Krankheitsklassen in % (Quelle: Destatis 2017, nach Baumann 2019, S. 26)

Psychische Erkrankungen sind mit Abstand für den jährlichen Rentenzugang wegen Erwerbsminderung verantwortlich (siehe Anhang 1) und auf Krankheiten des Muskel-Skelett-System entfallen fast 20 Prozent aller Arbeitsunfähigkeits-tage in der Wirtschaft. Es ist zu vermuten, dass bis zu einem gewissen Grad hierfür auch unsere „Sitzkultur“ verantwortlich gemacht werden kann, die schon „als das größte ‚Public Health Problem’ des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet wurde (Huber 2015, S. 93). Vor diesem Hintergrund setzen Unternehmen zunehmend auf gesundheitsfördernde Maßnahmen, um Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Wohlbefinden ihrer Beschäftigten zu erhalten.

So beabsichtigt die Geschäftsführung eines mittelständischen Unternehmens, dessen Beschäftigte überwiegend Büroarbeit verrichten, das Thema Prävention zukünftig im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) „voran zu bringen“. Dazu sollen Vorschläge zur Prävention von Kreislauferkrankungen unterbreitet werden, um als Entscheidungsgrundlage für die Implementierung zu dienen. Das Unternehmen verspricht sich von diesem Vorhaben einen zusätzlichen Wettbewerbsvorteil bei der Gewinnung von neuen Mitarbeitern. Aufgrund der Unternehmenssituation kristallisieren sich als Ansatzpunkte der betrieblichen Gesundheitsförderung drei Schwerpunkte heraus:

1. Arbeitsplatzgestaltung und Gesundheit im Büro
2. Körperliche Aktivität bzw. Inaktivität der Beschäftigten
3. Reduzierung der Risikofaktoren von Kreislauferkrankungen

Dabei sollen verhältnis- und verhaltensorientierte Maßnahmen berücksichtigt sowie eine gesundheitspsychologisch begründete Vorgehensweise unterbreitet werden. Es geht also um folgende Fragen:

Welche Interventionsstrategien sind geeignet, um Krankheiten des Kreislauf-systems bei Beschäftigten im Setting „Betrieb“ vorzubeugen? Und: Wie lassen sich vorgeschlagene Präventionsmaßnahmen im Rahmen betrieblicher Gesundheitsförderung gesundheitspsychologisch begründen?

Im theoriegeleiteten Teil der Arbeit stehen Risikoverhaltensweisen, Aufgaben und Ziele der Gesundheitspsychologie sowie ein Exkurs zum Kontext „Arbeit und Gesundheit“ im Zentrum. Nach einer Bedingungsanalyse des Unternehmens werden im praktischen orientierten Teil Interventionsstrategien zur Prävention von Krankheiten des Kreislaufsystems vorgeschlagen. Abschließend werden die Maßnahmen gesundheitspsychologisch begründet und entsprechenden Theorien zugeordnet.

2 Risikoverhaltensweisen & Kreislauferkrankungen

Risikofaktoren für die Gesundheit sind aufgrund vielfältiger Informations- kampagnen, Aufklärungsbroschüren und der Präsenz von Gesundheitsthemen in den Medien den Menschen durchaus bewusst. Das Verhalten ist jedoch dem Kenntnisstand häufig nicht angemessen und Risikoverhaltensweisen weit verbreitet.

2.1 Risikoverhaltensweisen: „ The Dirty Four“

Als Risikoverhaltensweise wird bezeichnet, was Gesundheit potenziell gefähr-det oder schädigt: Rauchen, Alkohol, Ernährung und Bewegungsmangel - auch als „Dirty Four“ bezeichnet. Diese Faktoren sind mit Auswirkungen auf Gesund-heit und speziell auf Kreislauferkrankungen kurz zusammengestellt (siehe auch Anhang 2).

2.1.1 Körperliche Inaktivität (Bewegungsmangel)

Moderne Lebens- und Arbeitsbedingungen tragen zum Schwinden der Bewegung aus unserem Alltag bei. Es sind weniger orthopädische Probleme, sondern „ein ganzes Bündel physiologischer Prozesse, die negativ beeinflusst werden – etwa die Entzündungshemmung, der Blutfluss, die Muskelmasse oder die Knochensubstanz. Hinzu kommt, dass der Energieverbrauch im Sitzen deutlich reduziert ist und nur noch dem ‚metabolischen Äquivalent’ entspricht, also unserem Grundumsatz von einer Kalorie je Kilogramm Körpergewicht pro Stunde. Allein durch einfaches Gehen verdreifacht sich dieser Wert, gemütliches Radfahren sorgt schon für den sechsfachen Energieumsatz“ (Huber 2015, S. 93).

Menschen mit einem körperlich inaktiven Lebensstil haben ein mehr als doppelt so hohes Risiko, eine koronare Herzerkrankung (KHK) zu entwickeln. Man könnte die Forderung nach (moderater) Bewegung auch so formulieren: „Wer läuft, lebt länger!“ (ebd., S. 93). Dieser Zusammenhang ist „wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass sportliche Aktivität gewichtsreduzierend, blutdruck- und cholesterinsenkend wirkt, die wichtigsten Schutzfaktoren für koronare Herzerkrankung“ (Daniel & Jansen 2018 S. 90). Insgesamt sind körperlich aktive Menschen leistungsfähiger und gesünder und haben eine niedrigere Sterblichkeitsrate. Um die Herz-Kreislauf-Leistungsfähigkeit zu verbessern und zu erhalten ist Bewegung und die Förderung eines aktiven Lebensstils unabdingbar. Für Beschäftigte an Schreibtischarbeitsplätzen kann dies heißen, Bewegungselemente als Ausgleich zur sitzenden Tätigkeit einzuplanen.

2.1.2 Ernährungsverhalten

Adipositas als ernährungsbedingte Krankheit entwickelt sich häufig aufgrund des kombinierten Verhaltens von unangemessenen Nahrungsmengen und körperlicher Inaktivität. Wird Körpergewicht durch den Body-Mass-Index (BMI) ermittelt, so bedeutet schon ein BMI von 25,0 – 29,9 Übergewicht mit moderatem Komorbiditätsrisiko und beispielsweise ein Index von 35,0 – 39,9 ein stark erhöhtes Krankheitsrisiko.

Mangelnde Qualität der Nahrungszusammensetzung kann ebenfalls zu schwerwiegenden Konsequenzen wie Bluthochdruck, koronarer Herz-erkrankung (KHK), Diabetes mellitus (Typ II) sowie Krebserkrankungen führen. Gekennzeichnet sind KHK durch Durchblutungsstörungen der Koronarien (Herzkranzgefäße), was durch Ablagerungen in den Blutgefäßen verursacht wird (Arteriosklerose) und zu einer Angina pectoris (Minderdurchblutung des Herzens) bis zum Infarkt führen kann.

2.1.3 Rauchen & Alkohol

Etwa 36% der Erwachsenen in Deutschland geben an, regelmäßig zu rauchen. Rauchen gilt als einer der gefährlichsten Risikofaktoren für die Gesundheit allgemein. Von den Risikoverhaltensweisen ist Rauchen jedoch die stärkste vermeidbare Ursache für Krebs und koronare Herzerkrankungen (vgl. ebd., S. 66). Statistisch verkürzt Rauchen das Leben um 10 Jahre. Nach Zahlen des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ 2008) sterben jährlich allein 110.000 bis 140.000 Menschen an den Folgen.

Die Abbildung des Deutschen Krebsforschungszentrums macht das gesamte Spektrum der Gesundheitsschäden durch Rauchen deutlich:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Gesundheitsschäden durch Rauchen (Quelle: DKFZ 2008, S.1)

Neben Rauchen stellt Alkohol ein weiteres Suchtproblem dar: 74.000 Todesfälle gehen jährlich darauf zurück. In der Altersspanne von 35 bis 64 Jahren verursacht Alkohol- (und Tabakkonsum) die meisten Todesfälle (vgl. ebd., S. 74). Ein problematischer Alkoholkonsum geht in der Regel mit Schädigungen der Leber, mit Krebs und Kreislauferkrankungen einher. Als Schwellenwert gelten 120 Gramm Alkohol pro Woche. Dies entspricht an sechs Tagen jeweils ungefähr 0,5 l Bier à 19 g Alkohol oder maximal ¼ l Wein à 22 g Alkohol. Für Frauen und Männer muss dabei differenziert werden: Bei Männern gelten täglich 30 – 60 g Reinalkohol als riskant, bei Frauen bereits 20 – 40 g.

Alkoholmissbrauch liegt dann vor, wenn der Konsum zu körperlichen, psychischen oder sozialen Schädigungen führt. Diagnostiziert werden kann dies durch die Internationale Klassifikation von Krankheiten (ICD-10) der WHO. Es gibt allerdings Studien, die geringe Alkoholmengen als nicht grundsätzlich gesundheitsschädlich sehen. Danach würde mäßiger Alkoholkonsum – pro Tag 15 Gramm bei Frauen und 30 Gramm bei Männern - das kardiovaskuläre Sterberisiko um 25% senken. Nach anderen Studien wiederum sollen schon kleine Mengen Alkohol hirnschädigend sein (vgl. ebd., S. 75-76).

2.2 Risikofaktor „Stress“

Ergänzend zu diesen vier Risikoverhaltensweisen kommt der Faktor „Stress“ hinzu. Eine repräsentative Studie der Technikerkasse (TK) aus dem Jahre 2009 zum Thema: „Wie gestresst ist Deutschland?“ zeigt, dass mehr als 80 Prozent der Menschen über Stress klagen. Bei jedem Dritten hat sich dies zu einem Dauerzustand mit entsprechenden gesundheitlichen Auswirkungen entwickelt: Zwei Drittel leiden unter Muskelverspannung und Rückenschmerzen, 57 Pro-zent von ihnen fühlen sich erschöpft, teilweise mit Burnout. Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HKE) sind dabei doppelt so häufig vorzufinden wie bei den wenig bis nicht Gestressten. Je gestresster sich ein Mensch fühlt, umso häufiger stellen sich Kopfschmerzen, Nervosität, Angstzustände, niedergedrückte Stimmung und Schlafstörungen ein. Mögliche körperliche Folgen chronischer Belastungsreaktionen können Herzerkrankungen, Magen-Darm-Geschwüre, erhöhte Cholesterin- und Blutzuckerspiegel, Muskelver-spannungen u. a. sein (vgl. ebd., S. 60-62). Auch ein durch Stress erhöhter Kortisolspiegel im Blut ist problematisch für den Organismus.

Alle aufgeführten Risikoverhaltensweisen haben einen direkten (negativen) Ein-fluss auf Kreislauferkrankungen wozu auch die 240.000 Schlaganfälle jährlich zählen. Daraus lassen sich Ansatzpunkte für Prävention und gesundheits-förderliches Verhalten ableiten (vgl. Brinkmann 2014, Faltermaier 2017, Knoll et al. 2017): Mehr Bewegung, gesunde Ernährung, Stressreduzierung sowie Rauchentwöhnung. Betroffene gilt es so zu motivieren, dass sie ihren ungesunden Lebensstil dauerhaft ändern eine genuin gesundheitspsycho-logische Aufgabe und Herausforderung.

3 Gesundheitspsychologische Ziele & Aufgaben

In der Gesundheitspsychologie als der Wissenschaft vom Erleben und Verhal-ten des Menschen im Zusammenhang mit Gesundheit und Krankheit (Schwarzer 2004, Lippke & Renneberg 2006a), stehen vor allem riskante und präventive Verhaltensweisen, psychische und soziale Einflussgrößen sowie deren Wechselwirkungen auf Erkrankungen im Mittelpunkt (vgl. Daniel 2018, S. 19). Dabei greift die Gesundheitspsychologie auf theoretische Modelle des Gesundheitsverhaltens zurück.

3.1 Aufgabenfelder der Gesundheitspsychologie

Als anwendungsbezogene Disziplin der Psychologie geht Gesundheitspsycho-logie theoriegeleitet vor. Was den Gesundheitsbegriff betrifft, ist neben der Umschreibung der WHO als „Zustand eines umfassenden körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens“ (1946) in der Literatur eine Vielzahl von Definitionen vorzufinden. In Anlehnung an die ganzheitliche Perspektive des bio-psycho-sozialen Modells wird Gesundheit nicht länger als Abwesenheit von Krankheit betrachtet, sondern Gesundheit und Krankheit bewegen sich zwischen zwei Polen von „sich körperlich, psychisch und sozial weniger oder mehr wohl zu fühlen“ (Daniel 2018, S. 15). Es geht nicht mehr allein um klassisch-kurative Behandlungsmethoden sondern vermehrt um Prävention, ein zentrales Ziel der Gesundheitspsychologie. Präventive Maßnahmen zielen in der Regel darauf ab, gesundheitsgefährdendes Verhalten mit verhaltensmodifi-katorischen Maßnahmen zu ändern (ebd., S. 16).

Es gilt, Risikoverhaltensweisen aufzugeben und gesundes Verhalten aufzu-bauen. Dabei kann als Gesundheitsverhalten jegliches Verhalten definiert werden, „das die Gesundheit fördert und langfristig erhält, Schäden und Einschränkungen fernhält und die Lebenserwartung verlängert“ (ebd. S. 31). Kurzum: Menschen sollen in ihren Kompetenzen darin unterstützt werden, gesund zu bleiben und Krankheiten sowie Belastungen zu bewältigen.

Hier einige spezifische gesundheitspsychologische Aufgabenfelder:

- Information und Aufklärung über Risikofaktoren
- Einsatz von Interventionsprogrammen zur Verhaltensmodifikation (präventiv und zur Verhinderung von Rückfällen)
- Konzipierung, Durchführung und Evaluation von Präventionsprogrammen
- Förderung von Kompetenzen zur Bewältigung von gesundheitsschädlichen Verhaltensweisen (z. B. Stressbewältigungstraining, Selbstwirksamkeitstraining)
- Gesundheitsberatung mit dem Ziel, relevantes Wissen zu vermitteln und/oder zur Einstellungs- und Verhaltensänderung zu motivieren (Psychoedukation) zu Themen wie Ernährung, sportliche Aktivität, Rauchen, Stressbewältigung ...
- Identifizierung von gesundheitsschädlichen Stressoren in der Umwelt (Lärm, Zeitdruck, Konflikte am Arbeitsplatz) und Hilfe bei deren Beseitigung.

Aus der Zusammenstellung wird ersichtlich, dass Gesundheitspsychologie das Potential hat, zu den verschiedensten Bereichen der Gesundheitsförderung und Krankheitsvermeidung beitragen zu können (vgl. ebd., S. 20 - 22). Dabei greift die Gesundheitspsychologie auf verschiedene theoretische Modelle zurück.

3.2 Theoretische Modelle des Gesundheitsverhaltens

Theoretische Modelle des Gesundheitsverhaltens können erklären, welche Faktoren und Mechanismen die Veränderung von Verhalten beeinflussen und sie tragen dazu bei, praxisorientierte Hinweise und Anleitungen für die Entwicklung von Interventionsprogrammen zu erhalten (Lippke & Renneberg 2006b, S. 35). Die Gesundheitspsychologie unterscheidet dabei Prädiktions-, Stadien- und integrative Modelle.

Prädiktionsmodelle versuchen generell Faktoren (Prädiktoren) aufzuzeigen, die eine bestimmte Änderung im Verhalten mit einer gewissen Wahrscheinlich-keit vorhersagen können, ohne dass auf einzelne Personen individuell eingegangen wird. Wendet man Prädiktionsmodelle an, so würden alle Personen am gleichen Interventionsprogramm teilnehmen. Das Health Belief Model (HBF) - auch „Modell gesundheitlicher Überzeugungen“, eines der frühesten Prädiktionsmodelle zur Erklärung von Gesundheits- und Risiko-verhaltens, geht davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Verhaltensänderung mit der Wahrnehmung der gesundheitlichen Bedrohung - als „Verwundbarkeit“ bezeichnet - sowie mit einer Kosten-Nutzen-Bilanz variiert. Das heißt, dass beispielsweise trotz ärztlichem Rat das Rauchen nicht aufgegeben wird, weil es kaum als Bedrohung gesehen oder der Nutzen gegenüber den Kosten einer Verhaltensänderung als nicht lohnend erachtet wird (vgl. Daniel 2018, S. 32). Wahrgenommene Kosten im Sinne von: „Was erwartet mich, wenn ich das Rauchen aufgebe?“ können das gesund-heitsförderliche Verhalten sehr gut vorhersagen, dennoch wird das Modell aufgrund theoretischer und empirischer Schwächen als nicht mehr aktuell in der geundheitspsychologischen Diskussion eingestuft (ebd., S. 33).

Stadienmodelle hingegen gehen davon aus, dass Personen sich in qualitativ unterschiedlichen Phasen befinden, in diesen Stadien unterschiedliche Bedürf-nisse haben und dabei Hindernisse erfahren, auf die eingegangen werden sollte. So muss „das Interventionsprogramm spezifisch auf die jeweilige Phase, in der sich ein Individuum befindet, angepasst werden“ (ebd., S. 31). Stadien-modelle können sowohl zur Erklärung von Verhalten als auch zur Planung von Interventionen eingesetzt werden und wichtige Hinweise zur Konzeption geben. Wenn eine Intervention aktuellen wissenschaftlichen Standards entsprechen soll, „so sind stadienspezifische Ansätze und vor allem individuelle Ansprachen für besondere Zielgruppen mit unterstützenden psychologischen Inhalten uner-lässlich“ (Reik 2011, S. 90). Beispielhaft sei hier das „Transtheoretische Modell“ und seine Anwendung in der Nikotinentwöhnung angeführt (vgl. Kapitel 7.5).

In neuerer Zeit werden eher Modelle diskutiert, die die wichtigsten Wirkfaktoren der einzelnen Ansätze zusammenfassen und integrieren, um so Gesundheits-verhalten zu erklären und vorherzusagen. Ein solches integrative Model l stellt das „Sozial kognitive Prozessmodell gesundheitlichen Handelns“ (HAPA-Mo-dell) von Schwarzer (2004) dar, das in der gegenwärtigen gesundheitspsycholo-gischen Diskussion einen zentralen Stellenwert einnimmt (Kapitel 7.1).

Im anschließenden Exkurs werden einige ausgewählte Aspekte der BGF aufgegriffen.

4 Exkurs: Betriebliche Gesundheitsförderung

Die meisten Menschen verbringen fast ein Drittel ihres Lebens am Arbeitsplatz, in einem Umfeld, das positive Auswirkungen auf Wohlbefinden und Leistungs-fähigkeit, im ungünstigsten Fall aber auch Stress, körperliche Beschwerden bis hin zur psychischen Erkrankung bedeuten kann. Gleichzeitig stellt die Arbeitswelt den zentralen Ort dar, an dem ein Großteil der Bevölkerung für Maßnahmen der Gesundheitsförderung erreicht werden kann. Die Ottawa Charta der WHO (1986), die Luxemburger Deklaration zur betrieblichen Gesundheitsförderung in der EU (2007) und gesetzliche Regelungen haben hierfür entscheidende Impulse gesetzt.

4.1 Arbeit & Gesundheit

Zentrales Anliegen der betrieblichen Gesundheitsförderung ist der Erhalt der Gesundheit und Förderung der Ressourcen der Beschäftigten. Für den Arbeitgeber zählt darüber hinaus ein wirtschaftliches Interesse, denn eine gesündere Belegschaft mit höherer Motivation kann die Leistungsfähigkeit eines Betriebes verbessern und krankheitsbedingte Kosten senken.

Ist Gesundheit als Managementziel in einem Unternehmen verankert, wird von betrieblichem Gesundheitsmangement (BGM) gesprochen. Gesundheit ent-wickelt sich in diesem Kontext manchmal geradezu zum „Imagefaktor“ für Unternehmen (vgl. Uhle & Treiber 2019, S. 488). Wiedereingliederungsmanage-ment und BGF gelten als Teildisziplinen des BGM, neben dem gesetzlich geregelten Arbeitsschutz, der gesundheitlichen Gefahren am Arbeitsplatz vorbeugen und Arbeitsunfälle verhüten soll. Die Verantwortung für die betriebliche Gesundheitsförderung liegt beim Arbeitgeber, ist aber eine freiwillige Leistung (vgl. RKI 2015, S. 276). Angebote werden von den Beschäftigten meist angenommen, denn am Arbeitsplatz sind sie eher als in anderen Lebensbereichen bereit, an Gesundheitsprogrammen teilzunehmen (vgl. Hurrelmann 2000, S. 167).

4.2 Prävention im betrieblichen Setting

Im Rahmen der BGF stellt Prävention ein zentrales Aufgabenfeld dar. Die Gesundheitsprogramme lassen sich danach unterscheiden, ob ein spezifisches Verhalten eines Individuums geändert werden soll (= Verhaltensprävention) oder die „physische und/oder soziale Umgebung“ (= Verhältnisprävention). Präventionsmaßnahmen sind dabei immer an eine bestimmte Zielgruppe zu richten, wobei die Maßnahmeziele klar definiert sein sollten. Verhaltens-präventive Maßnahmen wären solche, die Individuen darin unterstützen, körperlich aktiver zu werden, eine verhältnispräventive Maßnahme wäre dagegen die ergonomische Gestaltung des Arbeitsplatzes (Änderung der Umgebung), also eine „Passung zwischen den Bedürfnissen des Individuums und den Bedingungen am Arbeitsplatz“ (Daniel 2018, S. 29).

4.3 Gesundheitsangebote & Inanspruchnahme durch Beschäftigte

In Großbetrieben finden wir meist ein gut eingeführtes betriebliches Gesundheitsmanagement, in kleinen und mittelständischen Unternehmens-strukturen dagegen nur wenige bis gar keine Angebote. Auch wenn fast die Hälfte aller Betriebe in den letzten Jahren mindestens eine Maßnahme aus dem Spektrum der Gesundheitsförderung durchgeführt hat (vgl. RKI 2015, S. 275) und zahlreiche Studien die positiven Effekte der BGF belegen, sind Unternehmen von einer breiten Umsetzung gesundheitsfördernder Maßnahmen noch weit entfernt.

Eine sehr hohe Beteiligung der Beschäftigten zeigt sich vor allem bei Angeboten des Gesundheits- und Arbeitsschutzes wie Arbeitsplatz-begehungen, Gefährdungsbeurteilungen und Gesundheitsuntersuchungen. Eine Zusammenstellung (Stand 2008) über ausgewählte Maßnahmen und deren Inanspruchnahme zeigt folgende Übersicht (vg. RKI 2015, S. 278):

- Prüfung auf gesundheitsgerechte Arbeitsplatzgestaltung 97,0%
- Vorsorge- oder Gesundheitsuntersuchungen 82,4%
- Kantine mit Angeboten zur gesunden Ernährung 66,9%
- Gesprächs-/Arbeitskreis zu Gesundheitsproblemen 56,1%
- Maßnahmen zur Rückengesundheit 47,3%
- Angebote zur Entspannung und Stressbewältigung 45,2%
- Betriebliche Sportgruppe 33,1%
- Maßnahmen zur Suchtprävention / Raucherentwöhnung 10,7%

Die Zahlen zeigen, dass vor allem Maßnahmen der Verhältnisprävention auf der „Wunschliste“ ganz oben stehen. Erst danach rücken verhaltenspräventive Maßnahmen wie Rückengymnastik, Stressbewältigung, Teilnahme an Sport-gruppen oder Raucherentwöhnung in den Fokus.

4.4 Prozessphasen betrieblicher Gesundheitsförderung

Um das Ziel „Gesunde Mitarbeiter in gesunden Unternehmen“ zu erreichen (BKK 1999, S. 6) hat das Europäische Netzwerk für betriebliche Gesundheits-förderung (ENWHP) Qualitätskriterien formuliert: Mitarbeiter müssen im Rahmen von Beteiligungsmaßnahmen mitwirken können (Partizipation), Risikoreduktion muss mit dem Aufbau protektiver Faktoren einhergehen (Ganzheitlichkeit) und Gesundheitsfragen sind bei allen wichtigen Entscheidungen einzubeziehen (Integration).

Ein solches Vorhaben spiegelt sich idealerweise in den fünf aufeinander aufbauenden Prozessphasen der betrieblichen Gesundheitsförderung wider: Vorbereitungsphase mit Arbeitskreis Gesundheit und Mitarbeiterbefragungen (Anhang 6), Gesundheitsberichterstattung im Gesundheitszirkel, Maßnahme-planung, Umsetzung der Planungen mit kombiniert verhaltens- und verhältnispräventiven Angeboten und schließlich die „Erfolgskontrolle“ (Evaluation) einschließlich der Kosten-Nutzen Analyse der durchgeführtern Maßnahmen (Anhang 7).

Nach diesen Ausführungen zur betrieblichen Gesundheitsförderung und der an-schließenden Analyse der Unternehmensbedingungen folgt die Konzeptentwicklung zur Prävention von Kreislauferkrankungen.

5 Analyse der Unternehmensbedingungen

Außer dem gesetzlich geregelten Arbeits- und Gesundheitsschutz wurden bisher im Unternehmen mit 250 Beschäftigten keine Maßnahmen betrieblicher Gesundheitsförderung angeboten. Die Fehlzeitenanalyse ist unauffällig und die Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage liegt im durchschnittlichen Bereich. Laut Altersstrukturanalyse verteilen sich die Beschäftigten gleichmäßig über alle Altersgruppen.

Vorgegeben für die Erarbeitung von Vorschlägen zu Gesundheitsmaßnahmen im Unternehmen sind zwei Bedingungen: Einmal der Auftrag der Geschäfts-führung, ein Programm zur Prävention von Kreislauferkrankungen zu ent-wickeln, zum anderen die besondere Konstellation aufgrund der mehrheitlich vorhandenen Büro- bzw. Schreibtischarbeitsplätzen.

Durch die Unternehmensstruktur und die damit verbundene ausgeprägte „Sitzkultur“ kristallisiert sich Bewegungsmangel als zentraler Ansatzpunkt für Präventionsmaßnahmen heraus. Arbeitsplatzbezogene Rückenschmerzen aufgrund der sitzenden Tätigkeit führen zwangsläufig zu Arbeitsausfällen. Die daraus resultierenden Arbeitsunfähigkeitstage – auch wenn sie im durchschnittlichen Bereich liegen - ziehen dennoch hohe Krankheits- und ökonomische Ausfallkosten für das Unternehmen nach sich.

Als Annahme wird vorausgesetzt, dass die Risikoverhaltensweisen für Kreislauferkrankungen wie Bewegungsmangel, Fehlernährung, Rauchen und Alkohol („Dirty Four“) einschließlich der Stressbelastung auch für einen be-stimmten Teil der Belegschaft dieses Unternehmens zutreffen. Daher sollen die Präventionsansätze und betrieblichen Angebote insgesamt der Verbesserung des Gesundheitsstatus der Beschäftigten dienen. Bei den zu entwickelnden Maßnahmen ist zu berücksichtigen, dass laut Mitarbeiterbefragungen die gesundheitsgerechte Arbeitsplatzgestaltung einen besonders hohen Stellenwert einnimmt.

6 Konzeptentwicklung „Prävention im Unternehmen“

Aufgrund der Vorüberlegungen und Planungen in den Gremien des Unter-nehmens sind die Beschäftigten zu den Intentionen der Geschäftsführung und zu den vorgesehenen Präventionsangeboten zu informieren. In Absprache mit der Personalvertretung (Betriebsrat) werden hierfür die laut Betriebsver-fassungsgesetz vorgeschriebenen vierteljährlichen Betriebsversammlungen genutzt.

6.1 Ausgangspunkt: Information & Aufklärung über Risikofaktoren

In der „Auftaktveranstaltung“ wird ein Überblick über das Gesamtprogramm „Prävention im Unternehmen“ präsentiert. Das Einstiegsthema „Kreislauf-erkrankungen und Bewegungsmangel“ soll die Belegschaft in einem ersten Schritt für vermehrte körperliche Aktivität sensibilisieren. Mit Postern und Aushängen kann dies unterstützt werden (Anhang 3). Darüber hinaus sollen ansprechende Informations- und Anschauungsmaterialien verwendet werden (Anhang 4, 5). Da dem Unternehmen daran liegt, in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen zu werden, können bei Vorliegen entsprechender Voraus-setzungen Teams im Firmentrikot an den bundesweit stattfindenden Firmen-läufen das Unternehmen repräsentieren und bei den Beteiligten eventuell zu einem Motivationsschub für den Betriebssport führen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Informationsschwerpunkte zu Risikofaktoren von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HKE)

Nach dem Einstiegsthema „Bewegung“ wird im Jahresverlauf jeweils ein anderer Schwerpunkt aufgegriffen (Tabelle 1). Um die Beschäftigten zu Ein-stellungs- und Verhaltensänderungen zu motivieren, stellen Aufklärung und In-formation zu den beeinflussbaren Risikofaktoren Bewegungsmangel, Stress, Fehlernährung und Nikotin gesundheitspsychologische Ansatzpunkte dar.

[...]

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Gesundheitspsychologie und betriebliche Gesundheitsförderung
Untertitel
Prävention von Kreislauferkrankungen im Unternehmen
Hochschule
SRH Fernhochschule
Veranstaltung
Gesundheitspsychologie
Note
sehr gut (1,3)
Autor
Jahr
2020
Seiten
61
Katalognummer
V922050
ISBN (eBook)
9783346231468
ISBN (Buch)
9783346231475
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesundheitspsychologie, Betriebliche Gesundheitsförderung, Prävention von Kreislauferkrankungen, Unternehmen, Büroarbeitsplätze, Implementierung von Maßnahmen, Risikoverhaltensweisen, Bewegungsmangel, Stress, Konzeptentwicklung, Verhaltensprävention, Verhältnisprävention, HAPA-Modell, Prozessphasen betrieblicher Gesundheitsförderung, Modelle des Gesundheitsverhaltens, Gratifikationskrise
Arbeit zitieren
Franz Eppinger (Autor), 2020, Gesundheitspsychologie und betriebliche Gesundheitsförderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/922050

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