In der vorliegenden Diplomarbeit beschäftige ich mich mit geistig behinderten Menschen, die in stationären Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe leben. >Gegenstand< dieser Arbeit sind somit Menschen mit geistigen Behinderungen. Im ersten Kapitel entscheide ich mich für eine potentialorientierte Menschenbildannahme als Grundlage dieser Abeit. Da ein Großteil der erwachsenen Menschen mit geistiger Behinderung in stationären Wohneinrichtungen lebt, ergibt sich die Frage, welche Möglichkeiten oder Angebote für sie bestehen, ihre Lebenswelt >Heim< aktiv zu gestalten. Eine Möglichkeit zur aktiven Gestaltung des Heimalltag für die Nutzer ist durch die ehrenamtliche Mitwirkung in einem gewählten Heimbeirat gegeben. Ein Schwerpunkt dieser Arbeit liegt in der Umsetzung der rechtlichen Vorgaben. Um diese Fragestellung bearbeiten zu können, wird in Kapitel 3 ein Einblick in die rechtlichen Rahmenbedingungen der Heimbeiratstätigkeit angeboten. In Kapitel 4 wird auf die Mitwirkungspraxis eingegangen. Wie sich in Kapitel 4 herausstellt, werden Heimbeiräte derzeit meist gewählt. Hinter dem hohen Insttutionalisierungsgrad verbirgt sich jedoch eine sehr große Heterogenität, wenn nach der Umsetzung der rechtlichen Forderungen gefragt wird. Im Kapitel 4.5 werde ich deshalb auf die Spannungsfelder zwischen den gesetzlchen Vorgaben und der Mitwirkungspraxis eingehen.
Im Zentrum der Heimbeiratsarbeit liegen die gesetzlich vorgeschriebenen Heimbeiratssitzungen. Hier laufen alle >Fäden< zusammen. Auf den regel-mäßigen Treffen werden Informationen ausgetauscht, aktuelle Themen besprochen und Entscheidungen getroffen usw.. In der Praxis werden die Heimbeiratsmitglieder von Mitarbeitern, die sich vorwiegend aus dem Stammpersonal der Einrichtungen rekrutieren, dauerhaft unterstützt. Ein weiterer Schwerpunkt dieser Arbeit liegt deshalb in der Beantwortung der Frage, welche Bedingungen erfolgreiche Heimbeiratssitzungen fördern. Als erfolgreich werden in diesem Abschnitt solche Bedingungen bezeichnet, die die unterstellten Potentiale der Sitzungsteilnehmer fördern. In Kapitel 5 wer-den Vorschläge zur Gestaltung von Heimbeiratssitzungen gemacht, die dem dieser Arbeit zugrunde liegenden Menschenbild entsprechen. In Kapitel 5.5 wird ein Beispiel für die praktische Umsetzung angeboten. Die Arbeit schließt in Kapitel 6 mit einer Zusammenfassung und einer abschließenden Betrachtung.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung und Fragestellung
1. Theoretischer Standpunkt dieser Arbeit
1.1 Anthropologische Grundannahmen
1.1.1 Menschenbildannahmen
1.1.2 Die Verwendung des Begriffs >Menschenbild<
1.2 Pädagogische Grundannahmen
1.2.1 Folgen für die Sichtweise von Behinderung
1.2.2 Konsequenzen für den Umgang mit Menschen mit Behinderungen
2. Möglichkeiten zur Mitwirkung und Selbstbestimmung in Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe
2.1 Der Begriff >Wohneinrichtung<
2.2 Zur Bedeutung von Mitwirkung und Selbstbestimmung für Menschen mit geistiger Behinderung in Wohneinrichtungen
2.2.1 Wohnen unter erschwerten Bedingungen
2.3 Möglichkeiten zur Mitwirkung und Selbstbestimmung im Heimalltag
2.3.1 Mitwirkung und Selbstbestimmung über Heimbeiräte
3. Gesetzliche Rahmenbedingungen der Heimbeiratstätigkeit
3.1 Das neue Heimgesetz
3.2 Die neue Heimmitwirkungsverordnung
3.2.1 Begriffbestimmung >Heimbeirat<
3.2.2 Begriffsbestimmung >Mitwirkung<
3.2.3 Tätigkeiten und Aufgaben des Heimbeirates
3.2.4 Bildung des Heimbeirates / alternative Mitwirkungsformen
4. >Mitwirkungspraxis< in Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe
4.1 Mitwirkungsformen
4.2 Heimaufsichtsbehörden
4.3 Unterstützung durch Einrichtungsträger
4.3.1 Kostenübernahme der Heimbeiratstätigkeit
4.3.2 Personelle Unterstützung des Heimbeirates
4.3.2.1 Aufgabenbereiche der Unterstützungspersonen
4.4 Konkrete Inhalte der Heimbeiratstätigkeit
4.4.1 Heimbeiratssitzungen
4.4.2 Mitwirkungsbereiche
4.5 Spannungsfelder zwischen gesetzlichen Vorgaben und Mitwirkungspraxis
5. Gelingensbedingungen für die erfolgreiche Gestaltung von Heimbeiratssitzungen
5.1 Carl Rogers – Klientenzentrierte Gesprächspsychologie
5.2 Ruth Cohn – Themenzentrierte Interaktion (TZI)
5.3 Friedemann Schulz von Thun – Kommunikationspsychologie
5.4 Konsequenzen für die Gestaltung von Heimbeiratssitzungen
5.4.1 Gruppenregeln und visualisierte Symbole
5.4.2 Aufgabenverteilung
5.4.3 Einfachheit, Verständlichkeit und angemessenes Tempo
5.4.4 Selbstkundgabe
5.4.5 Innere Einstellung bzw. Haltung
5.5 Beispiel für die praktische Umsetzung
5.5.1 Tagesordnung
5.5.2 Unterstützende Hilfsmittel
5.5.2.1 Der Sprechball
5.5.2.2 Aufgabenverteilung durch Aufgabenkarten
5.5.2.3 Mottokarten
6. Abschließende Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Möglichkeiten zur aktiven Mitbestimmung von Menschen mit geistiger Behinderung in stationären Wohneinrichtungen. Im Zentrum steht die Analyse, wie gesetzlich verankerte Mitwirkungsrechte – insbesondere die Tätigkeit von Heimbeiräten – unter Berücksichtigung eines humanistischen, potentialorientierten Menschenbildes in der Praxis erfolgreich umgesetzt werden können.
- Anthropologische und pädagogische Grundlagen der Teilhabe und Selbstbestimmung.
- Gesetzliche Rahmenbedingungen (Heimgesetz und Heimmitwirkungsverordnung).
- Empirische Analyse der gelebten Mitwirkungspraxis in Wohneinrichtungen.
- Gelingensbedingungen für partizipative Sitzungskulturen (u.a. TZI, Klientenzentrierte Gesprächspsychologie).
- Praktische Umsetzungshilfen für eine demokratische Gestaltung von Heimbeiratssitzungen.
Auszug aus dem Buch
Die Verwendung des Begriffs >Menschenbild<
In der Literatur wird u.a. zwischen dem behavioristischen und dem epistemologischen Menschenbild unterschieden.
Gegenstand des Behaviorismus ist das Verhalten. Von Interesse ist deshalb nur das von außen sicht- oder messbare Verhalten. Im klassischen Behaviorismus wird der Mensch als ein von außen steuerbares Wesen, d.h. auf äußere Reize reagierend, verstanden. Untersucht werden deshalb nur die Zusammenhänge zwischen einem äußeren Reiz und einer beobachtbaren Reaktion. Lernprozesse werden daher durch Verhaltensbeobachtung erklärt.
Empirische Untersuchungen zum Lernen durch positive Verstärkung bzw. Bekräftigung zeigen jedoch, dass beispielsweise Schüler ihr Lob durch Lehrer durchaus subjektiv interpretieren. Sie setzen es in Beziehung mit ihren eigenen Bewertungsmaßstäben von Leistungen und schätzen die Wirkung auf die übrige Klasse ein (vgl. GUDJONS, 1999, S. 219). Schüler denken also darüber nach, was positive Verstärkung ist und richten ihr Handeln entsprechend aus. Genau dieser Aspekt wird beim epistemologischen Menschenbild betont. Hier wird menschliches Handeln als absichtsvolle und sinnvolle Verhaltensweise verstanden. Im Gegensatz zum behavioristischen Menschenbild werden dem Menschen „...Sinn, Wille und Motiv als Handlungsgründe...“ unterstellt (GUDJONS, 1999, S. 220). Wenn Menschen handeln, so wägen sie zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten ab. Sie verfolgen dabei ein bestimmtes Ziel und gestalten ihr Handeln entsprechend ihrer eigenen Logik. So wird der Mensch als aktiver „... (Um)Gestalter der Umwelt nach eigenen Handlungsabsichten und –plänen...“ gesehen (LENZEN, 1998, S. 1006).
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung und Fragestellung: Diese Einleitung definiert den Fokus auf die Mitwirkungsmöglichkeiten von Menschen mit geistiger Behinderung und führt in die zentralen theoretischen Grundlagen der Arbeit ein.
1. Theoretischer Standpunkt dieser Arbeit: Hier werden anthropologische und pädagogische Grundannahmen erörtert, wobei das potentialorientierte Handlungsmodell als Basis dient.
2. Möglichkeiten zur Mitwirkung und Selbstbestimmung in Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe: Das Kapitel beleuchtet den Wohnalltag und die Bedeutung von Mitbestimmung für die Lebensqualität in stationären Einrichtungen.
3. Gesetzliche Rahmenbedingungen der Heimbeiratstätigkeit: Eine detaillierte Darstellung der rechtlichen Basis durch das Heimgesetz und die Heimmitwirkungsverordnung.
4. >Mitwirkungspraxis< in Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe: Analyse der tatsächlichen Umsetzung, der Rolle von Unterstützungspersonen und der auftretenden Spannungsfelder.
5. Gelingensbedingungen für die erfolgreiche Gestaltung von Heimbeiratssitzungen: Entwicklung konkreter pädagogischer Konzepte (Rogers, Cohn, Schulz von Thun) zur Optimierung der Mitwirkungsarbeit.
6. Abschließende Zusammenfassung: Ein Resümee der theoretischen Erkenntnisse und praktischen Implikationen für eine gelingende Bewohnerbeteiligung.
Schlüsselwörter
Heimbeirat, Mitwirkung, Selbstbestimmung, Wohneinrichtung, Behindertenhilfe, Heimgesetz, Heimmitwirkungsverordnung, Unterstützungsperson, Klientenzentrierte Gesprächspsychologie, Themenzentrierte Interaktion, Partizipation, Empowerment, Menschenbild, Inklusion, Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Möglichkeiten der Bewohnerbeteiligung durch Heimbeiräte in Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe und hinterfragt, wie diese unter dem Blickwinkel eines humanistischen Menschenbildes pädagogisch sinnvoll gestaltet werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die gesetzliche Verankerung der Mitwirkung, die Analyse der täglichen Mitwirkungspraxis sowie die Identifikation von Gelingensbedingungen für eine erfolgreiche Sitzungsgestaltung im Heimalltag.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Wege aufzuzeigen, wie die aktive Gestaltung des Lebensraums "Heim" durch die Bewohner gefördert werden kann, trotz der Barrieren, die durch institutionelle Strukturen oder Behinderungen entstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine fundierte Literaturrecherche und die theoretische Fundierung im Forschungsprogramm der "Subjektiven Theorien", ergänzt durch eine Analyse der Praxis anhand veröffentlichter Berichte und Diplomarbeiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die rechtlichen Rahmenbedingungen, die Rolle der Unterstützungspersonen, konkrete Beispiele aus der Mitwirkungspraxis und die Ableitung pädagogischer Prinzipien zur Strukturierung von Sitzungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Heimbeirat, Mitwirkung, Selbstbestimmung, Empowerment, Heimgesetz, Themenzentrierte Interaktion (TZI) und Kommunikation charakterisiert.
Warum ist das "Sprechball"-Konzept für Heimbeiräte relevant?
Der Sprechball ist ein strukturgebendes Hilfsmittel, das als Visualisierung des Rederechts dient. Er ordnet Diskussionen, beugt dem Durcheinandersprechen vor und ist besonders für Menschen mit kognitiven Einschränkungen eine hilfreiche Orientierungshilfe.
Was bedeutet die "Parallelitätsannahme" in dieser Arbeit?
Sie besagt, dass Alltagsmenschen und Wissenschaftler nach gleichen Grundprinzipien funktionieren. Für die Pädagogik leitet sich daraus die ethische Forderung ab, den Menschen mit Behinderung auf Augenhöhe zu begegnen und keine hierarchischen Methoden anzuwenden, die man für sich selbst ablehnen würde.
- Citation du texte
- Heiko Bergmann (Auteur), 2005, Heimbeiräte in Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92262