Diese Bachelorarbeit beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Literatur und Erinnerungskultur anhand von Juan Gabriel Vásquez' Roman "El ruido de las cosas al caer".
Kolumbien blickt auf eine lange Geschichte der Gewalt zurück. Probleme und Konflikte aus der Vergangenheit konnten nicht ausreichend gelöst werden, sodass ihre Nachwirkungen in der Gegenwart stets zu spüren waren. Ein Ende der Gewalt war nicht in Sicht. Es entstanden neue Konflikte, die ihren Ursprung ebenfalls in der Vergangenheit fanden. Die Politik trug einen nicht zu vernachlässigenden Teil dazu bei, dass die Vergangenheit unzureichend aufgearbeitet wurde. Dem Staat wurde vorgeworfen, die Vergangenheit zu verschweigen und eine "Politik des Vergessens" zu betreiben.
Der expandierende Drogenhandel in den 70er und 80er Jahren ließ neue Probleme aufkommen und führte zur Entstehung neuartiger, aber auch zur Aufrechterhaltung alter Gewalt. Juan Gabriel Vásquez' Roman "El ruido de las cosas al caer" spielt genau vor diesem Hintergrund des Drogenhandels, in den einzelne Figuren des Romans selbst verstrickt sind und auch als Unbeteiligte die Auswirkungen zu spüren bekommen.
Auf dieser Grundlage berührt der Roman die literarische Strömung der "Narcoprosa", bei der der Drogenhandel im Mittelpunkt der Handlung steht und dem Leser Einblicke in diesen bietet. Von Quaas wird der Roman sogar aufgrund dessen als Narkoroman ("narconovela") klassifiziert. Auch mit dem Subgenre der Narcoprosa, der "sicaresca", sind Berührungspunkte zu erkennen, denn die Figur des sicarios nimmt eine wichtige Rolle im Handlungsverlauf ein. Durch ein Attentat von zwei "sicarios" auf den Erzähler Antonio Yammara und eine der Hauptfiguren Ricardo Laverde, trägt Antonio starke Verletzungen und eine anschließende Traumatisierung davon. Ricardo überlebt den Angriff nicht.
Der Drogenhandel und die Killerbanden stehen jedoch nicht im Fokus von Vásquez' Werk. Der Roman stellt vielmehr eine Reflexion über den Drogenhandel, die damit eingehergehende Gewalt und seine Auswirkungen auf die kolumbianische Gesellschaft dar. Die auftretenden Figuren geben dem Leser Einblicke in die Psyche der Menschen, die Zeugen dieser Gewalt wurden. Die durchgängige Präsenz des Themas Gewalt lässt zusätzlich Schnittpunkte mit der literarischen Strömung der "novela de Violencia" erkennen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zusammenfassung der Romanhandlung
3. Historischer Hintergrund des Romans
3.1 Drogenkrieg, Gewalt und Korruption in Kolumbien in den 80er und 90er Jahren
3.2 Referenzialisierbare Ereignisse in El ruido de las cosas al caer
4. Zum Verhältnis von Literatur und Erinnerungskultur
4.1 Definitionen des Begriffs Erinnerungskultur
4.2 Individuelle und kollektive Gedächtnisformationen
4.3 Der literarische Text als Medium des kollektiven Gedächtnisses
4.4 Die Aneignung von Erinnerungen in El ruido de las cosas al caer
5. Trauma und Angst in El ruido de las cosas al caer
5.1 Trauma und Angst in der Literaturwissenschaft
5.2 Analyse der literarischen Darstellung von Trauma und Angst in El ruido de las cosas al caer
5.2.1 Charakterisierung der Figuren und Figurenkonstellationen
5.2.1.1 Antonio Yammara
5.2.1.2 Ricardo Laverde
5.2.1.3 Elaine Fritts
5.2.1.4 Maya Fritts
5.2.1.5 Aura Rodríguez
5.2.1.6 Figurenkonstellation
5.2.2 Raumdarstellung
5.2.3 Ordnung
5.2.4 Dauer
5.2.5 Frequenz
5.2.6 Modus
5.2.7 Stimme
5.2.8 Glaubwürdigkeit des Erzählers
6. Fazit und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Juan Gabriel Vásquez’ Roman El ruido de las cosas al caer im Kontext der kolumbianischen Erinnerungskultur. Ziel ist es zu analysieren, wie das Trauma und die Angst des Erzählers die narrative Struktur des Romans maßgeblich beeinflussen und ob das Werk als Medium zur Aufarbeitung der Gewaltgeschichte der 80er und 90er Jahre fungieren kann.
- Literarische Aufarbeitung von kollektivem Trauma und individueller Angst
- Konzeptualisierung von Erinnerungskultur und kollektivem Gedächtnis
- Narratologische Analyse von Raum, Ordnung, Zeit und Stimme im Roman
- Untersuchung der Glaubwürdigkeit des traumatisierten Erzählers
- Verknüpfung von Fiktion mit realen historischen Ereignissen in Kolumbien
Auszug aus dem Buch
Referenzialisierbare Ereignisse in El ruido de las cosas al caer
Obwohl es sich bei dem Roman um einen fiktionalen Text handelt, kann man einige referenzialisierbare Ereignisse finden, das heißt Ereignisse, die in der außersprachlichen Wirklichkeit tatsächlich passiert sind und faktisch nachweisbar sind. Durch das Aufgreifen von realen historischen Ereignissen im Roman wird eine Historisierung und damit eine Aufdeckung der Realität des Traumas erreicht, um das es im Kapitel 5 geht. Diese Aufdeckung schafft die Grundlage für einen gesellschaftlichen Diskurs zur Anerkennung und Verarbeitung des Traumas (vgl. Kopf 2005: 18).
Gleich zu Beginn des Romans erfährt der implizite Leser etwas über den historischen Hintergrund, denn der Erzähler beschreibt, wie er in der Zeitung vom Tod eines Nilpferds liest, welches aus dem ehemaligen Zoo von Pablo Escobar ausgebrochen war, nachdem Escobar vor zwei Jahren verstarb (vgl. Vásquez 2015: 13). Für den impliziten Leser bilden diese Informationen den Ausgangspunkt für die Interpretation und Einordnung der nachfolgenden Romanhandlung. Des Weiteren werden im ersten Kapitel diverse weitere referenzialisierbare Ereignisse beschrieben, von denen der Erzähler meist durch das Fernsehen oder die Zeitung erfahren hat. Es handelt sich fast ausschließlich um Anschläge auf wichtige Führungspersonen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die gewaltgeprägte Geschichte Kolumbiens und Vorstellung der Arbeitshypothesen bezüglich Trauma, Angst und Erinnerungskultur im gewählten Roman.
2. Zusammenfassung der Romanhandlung: Kurze Darstellung der Romanbiografie von Antonio Yammara, seiner Begegnung mit Ricardo Laverde und deren Auswirkungen auf sein Leben.
3. Historischer Hintergrund des Romans: Kontextualisierung des Drogenkriegs in Kolumbien und Identifikation referenzialisierbarer Ereignisse im Roman.
4. Zum Verhältnis von Literatur und Erinnerungskultur: Theoretische Herleitung der Rolle von Literatur als Medium des kollektiven Gedächtnisses und Analyse der Aneignung von Erinnerungen im Roman.
5. Trauma und Angst in El ruido de las cosas al caer: Hauptteil der literaturwissenschaftlichen Analyse, die Trauma und Angst sowie die erzähltheoretischen Mittel von Genette auf den Roman anwendet.
6. Fazit und Ausblick: Zusammenfassung der Ergebnisse und Bestätigung, dass der Roman einen wesentlichen Beitrag zur emotionalen Erinnerungskultur Kolumbiens leistet.
Schlüsselwörter
Kolumbien, Drogenkrieg, Trauma, Angst, Erinnerungskultur, kollektives Gedächtnis, Juan Gabriel Vásquez, El ruido de las cosas al caer, Narratologie, unzuverlässiges Erzählen, Literaturwissenschaft, Gewalt, Identitätsbildung, Geschichte, Aufarbeitung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Juan Gabriel Vásquez in seinem Roman die Auswirkungen der Drogenkriminalität und der damit einhergehenden Gewalt auf die kolumbianische Gesellschaft literarisch verarbeitet.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Analyse?
Zentrale Themen sind das Verhältnis von Trauma und Angst, die Theorie des kollektiven Gedächtnisses und wie Literatur als Medium der Erinnerungskultur fungieren kann.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Untersuchung?
Es wird analysiert, inwieweit das Trauma und die Angst des Erzählers die narrative Struktur des Romans prägen und wie das Werk zur Konstituierung einer kolumbianischen Erinnerungskultur für die 80er und 90er Jahre beiträgt.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Neben einer historisch-kontextuellen Analyse wird vor allem die erzähltheoretische Methodik nach Gerard Genette angewandt, um Aspekte wie Ordnung, Dauer, Frequenz, Modus und Stimme zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung von Trauma und Angst sowie eine detaillierte literaturwissenschaftliche Analyse der Figurenkonstellation, Raumdarstellung und Glaubwürdigkeit des Erzählers im Roman.
Was sind die charakteristischen Schlüsselwörter dieser Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Trauma, Erinnerungskultur, Kolumbien, Drogenkrieg, Narratologie, unzuverlässiges Erzählen und das kollektive Gedächtnis.
Warum spielt das "Geräusch der Dinge beim Fallen" eine zentrale Rolle?
Das Motiv wird als Repräsentation traumatischer Ereignisse gedeutet, das die psychischen Auswirkungen der Gewalt auf die Figuren und die Gesellschaft verdeutlicht.
Wie bewertet die Arbeit die Glaubwürdigkeit des Erzählers Antonio Yammara?
Aufgrund seiner Traumatisierung, Erinnerungslücken und teilweise bewusster Manipulationen wird der Erzähler als potenziell unzuverlässig eingestuft, was für die literarische Darstellung seines Bewältigungsprozesses signifikant ist.
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- Michelle Kahrs (Author), 2020, Trauma und Angst in Juan Gabriel Vásquez' Roman "El ruido de las cosas al caer", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/922741