Augustus und die Umgestaltung der römischen Elite in der res publica restituta


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Die Transformation der Republik

2. Die Umgestaltung der römischen Elite im Rahmen der augusteischen res publica restituta
2.1 Die homines novi - Das neue Elitenpotenzial
2.2 Der Senatorenstand - die alte Elite
2.3 Augustus - Die zentrale Figur der res publica restituta

3. Fazit

1. Die Transformation der Republik

„Und seitdem hatte er [...] zuletzt über vierundvierzig Jahre hinweg ohne Kollegen die Herrschaft über den Staat.“ (Sueton Augustus 8)

Dass spätestens mit der Herrschaft des Octavian, der der Nachwelt vor allem unter seinem Eh­rentitel ,Augustus‘ im Gedächtnis bleiben sollte, das Ende der römischen Republik besiegelt und der Kaiserherrschaft der Weg geebnet war, gilt im wissenschaftlichen Diskurs als gesichert. Über die Entwicklung, die zur Umgestaltung der res publica hin zu dieser faktischen Allein­herrschaft führte, über die das Suffix restituta kaum hinwegtäuschen konnte und die Sueton wie oben in seinen Kaiserviten sicherlich nicht unkritisch beschreibt, herrscht hingegen weit weni­ger Einigkeit. Tatsächlich scheint dem augusteischen Staatsumbau statt eines statischen, abrupt­revolutionären Konzepts vielmehr ein Konglomerat von kontextbedingten Strategien und Herr­schaftstechniken zugrunde zu liegen (Dettenhofer 2000: 24f.).

Einen elementaren Bestandteil der durch Augustus initiierten sogenannten res publica restituta bildet gewiss die römische Elite. Allgemein lassen sich Eliten als Personenminderheiten defi­nieren, deren herausgehobene gesellschaftliche Stellung durch einen bestimmten Selektions­und Konkurrenzprozess begründet und legitimiert wird. Auch heute wird ihnen eine wichtige Rolle bei Regimetransformationen zuerkannt (Kaina 2009: 386f.).

Vor diesem Hintergrund ist auch im Rahmen der Transformation der römischen res publica die Untersuchung der Eliten ein lohnendes Unterfangen.

Die vorliegende Arbeit wird sich hierbei genauer mit der Frage beschäftigen, inwiefern es im Rahmen der res publica restituta zu Veränderungen innerhalb der römischen Elite oder gar zu einer aktiven Umgestaltung derselben durch Augustus kam.

Um dies zu beantworten, werden im Folgenden sowohl die Gruppe der homines novi als Ver­treter einer ,neuen‘ Elite, als auch die ,alte‘ Elite in Gestalt des Senatorenstands vorgestellt. Dabei werden beide Akteursgruppen daraufhin analysiert, welche Beweggründe hinter einer Beteiligung an dem transformierten System standen. Darüber hinaus wird geklärt werden, auf welche Weise die Einbindung von neuer und alter Elite dem formalen princeps inter pares, der de facto jedoch als Alleinherrscher gelten kann, die Transformation der res publica ermöglichte.

2. Die Umgestaltung der römischen Elite im Rahmen der augusteischen res publica restituta

Während in der langen Phase der Republik die römische Politik von wenigen aristokratischen Familien dominiert wurde, die als Magistrate und schließlich im Senat sichtbar die Geschicke des Reiches lenkten, lässt sich mit der beginnenden Kaiserzeit unter Augustus die Einbeziehung neuer Akteure, sogenannter homines novi, beobachten. Diese sollen im Folgenden vorgestellt werden, bevor ihnen anschließend die alte Elite des Senatorenstands gegenübergestellt wird, um abschließend darzustellen, wie das eröffnete Beziehungsgeflecht letztlich einer Person, Au­gustus selbst, bei der Umgestaltung des Systems zu seinen Gunsten von Nutzen war.

2.1 Die homines novi - Das neue Elitenpotenzial

Mit dem Ende des Bürgerkriegs kehrten nicht nur einige der alten aristokratischen Familien, von denen an späterer Stelle die Rede sein wird, in die römische Öffentlichkeit zurück. Auch sogenannte homines novi, die meist aus Honoratiorenfamilien der italienischen Städte stammten und die sich oftmals militärisch an Augustus‘ Seite verdient gemacht hatten, konnten nun einen Platz in der römischen Elite besetzen (Syme 1988: 67). So wurde beispielsweise M. Vipsanius Agrippa aufgrund seiner militärischen Leistungen nicht nur in den Senat aufgenommen, son­dern besetzte auch mehrmals das Amt des Konsuls (Eck 1995: 142).1 Neben ihrem Dienst auf dem Schlachtfeld, der die Machtposition des Augustus erst ermöglicht hatte, dürften viele der homines novi, die einen solchen Aufstieg erlebten, davon profitiert haben, dass die Zahl der nobiles (Mitglieder der römischen Aristokratie) im Laufe des Bürgerkriegs stark dezimiert wurde. Zum anderen waren sicherlich nicht alle alten römischen Familien sofort zu einer Zu­sammenarbeit mit Augustus bereit, der nicht unmittelbar qua Geburt zu dieser Herrschaftscli­que gehörte (Nitschke 2006: 143f.).

Für Augustus bedeutete die Aufnahme der homines novi in Positionen, die bisher der ,alten‘ Elite vorbehalten waren, zahlreiche Vorteile: So wirkte er durch ihre Einbeziehung auf eine stärkere Gesamtintegration Italiens hin, die über die zentralistische Konzentration auf Rom hin­ausging (Eck 1995: 143). Des Weiteren waren durch die erwähnte Dezimierung der adligen Familien zahlreiche Posten in Verwaltung und Militär vakant, die Augustus nun mit tatsächlich kompetentem und vor allem loyalem Personal besetzte. Ihres Rückhalts konnte er sich weitaus sicherer sein als dessen der ,alten‘ Elite (Bringmann/Schäfer 2002: 66f.). Nicht zuletzt erzeugte die Schaffung einer ,neuen‘ Elite eine Konkurrenzsituation, die die Mitglieder des Senatoren­stands bisher nicht gewohnt waren. Gewiss war auch in republikanischer Zeit persönliche Leis­tung ein wichtiges Merkmal der Standeszugehörigkeit, doch konnte man sich mit der ,richtigen‘ Herkunft und einem ausreichenden Vermögen seiner Position vergleichsweise sicher sein (Meier 1980: 275; Klingenberg 2011: 18).

Interessanterweise wirkte diese Konkurrenz auch in die andere Richtung. Es lässt sich feststel­len, dass sich die homines novi in ihrem Handeln weiterhin stark auf ein republikanisches Leis­tungsethos bezogen, an dem sich zuvor hauptsächlich die römische Aristokratie orientierte. Demnach eiferte die ,neue‘ Elite trotz ihrer vorhandenen Eigenleistung weiterhin alten Idealen nach, was bereits einen ersten Hinweis darauf liefert, in welch geringem Maße sich die soziale Struktur der res publica restituta tatsächlich veränderte.

Augustus hatte sich mit der Erschließung dieses neuen Elitenpotenzials der homines novi, die ihm einen beachtlichen gesellschaftlichen Aufstieg verdankten - auch wenn sich dieser inner­halb der alten Formensprache bewegte - eine nicht zu verachtende Machtbasis geschaffen. Er konnte mit ihnen kompetente, loyale Kräfte an sich binden, die ihm im Gegenzug für die Auf­wertung ihres sozialen Status und ihres gesellschaftlichen Ansehens einen Mangel an tatsäch­licher Handlungsmacht nicht direkt negativ anrechneten (Dahlheim 2010: 36).

Damit die Umgestaltung der Republik hin zu einer res publica restituta, wie Augustus sie sich vorstellte, jedoch tatsächlich funktionieren konnte, musste der princeps einen Schritt weiter gehen und neben der ,neuen‘ Elite der homines novi auch die ,alte‘ Elite des Senatorenstands auf seine Seite ziehen.

2.2 Der Senatorenstand - die alte Elite

Um eine möglichst breite Anhängerschaft für sein System zu generieren, konnte Augustus die ,alte‘ republikanische Elite, die der Senatorenstand verkörperte, nicht einfach ignorieren oder gar ausschalten.

Dabei dürften zunächst, ähnlich wie bei den homines novi, personelle Überlegungen eine Rolle gespielt haben. So sehr sich die ,neue‘ Elite besonders in militärischen Angelegenheiten ver­dient gemacht hatte, so wenig konnte sie an die Kapazitäten und Erfahrung des Senatorenstands, insbesondere in administrativer Hinsicht, heranreichen (Dahlheim 2010: 36).

Darüber hinaus konnte sich Augustus zwar der Unterstützung des Volkes, das in ihm nach den andauernden Unruhen und kriegerischen Zuständen einen Friedensstifter sah, und des Rück­halts der homines novi, die ihm aus genannten Gründen zur Dankbarkeit und Loyalität ver­pflichtet waren, weitestgehend sicher sein, doch für eine stabile, auf Dauer angelegte res publica restituta war eine tiefergehende Verständigung mit dem Senat nahezu unerlässlich (Brunt 1984, S. 423). In Gestalt seines Ziehvaters Caesar hatte Augustus bereits als junger Mann vor Augen geführt bekommen, dass Machtfülle allein kein Garant für eine lange, erfolg­reiche Herrschaft war. Vielmehr bedurfte es eines stabilisierenden Konsenses, der auch die ,alte‘ Elite miteinschloss. Schließlich verlieh die Mitarbeit des Senatorenstand an der res publica restituta ihr erst das Ansehen, das sie zur dauerhaften Systemalternative machte (Nit- schke 2006: 135).

Doch wie konnte Augustus den Senatorenstand, der beispielhaft die Republik verkörperte, zur Kooperation bewegen? Sicherlich war nicht jedem von Beginn an die Tragweite der Transfor­mation klar, die das republikanische System erfuhr und die letztlich in eine fortdauernde Kai­serherrschaft mündete. Jedoch scheint es ausgeschlossen, dass der ,alten‘ Elite die Machtfülle des Augustus nicht als Bedrohung ,ihrer‘ res publica erscheinen musste.

Augustus nutzte diverse Strategien, um eine Einbeziehung und Zusammenarbeit mit dem Se­natorenstand dennoch zu ermöglichen.

So bemühte er sich konsequent, seine faktische Macht an die Formensprache der Republik an­zupassen. Allein in der Bezeichnung res publica restituta stellt er sein transformiertes System in die Tradition der Republik. Auch die konservativ anmutende Promotion der mos maiorum (der Sitte der Älteren/Vorfahren) in diversen Lebensbereichen dürfte in dieser Hinsicht zu ver­stehen sein. Der Marke ,respublica", die so eng mit dem Senatorenstand verbunden war, sollte wieder Glanz verliehen werden. Dem gegenüber dürften nur Wenige der nobiles abgeneigt ge­wesen sein (Bringmann/Schäfer 2002: 62).

Neben dieser informellen Aufwertung versprach die Beteiligung an der augusteischen res publica restituta eine neue Sicherheit, der der Senatorenstand ebenso wie das gemeine Volk den Vorzug gegenüber der unsicheren Lage des Bürgerkriegs gegeben haben dürfte. Innerhalb dieses befriedeten Systems konnten Senatoren außerdem auf Beförderungen proportional zu ihrer Unterstützung für die res publica restituta zählen. Eine Kooperation sicherte nicht nur den Erhalt des Status, sondern versprach darüber hinaus eine beschleunigte Karriere sowie einen dauerhaften Zugang zum princeps (Brunt 1984: 442; Nitschke 2006: 137). Im Gegenzug musste man zu einer gewissen „Unterwürfigkeit“ Augustus gegenüber bereit sein, wie sie Tacitus den „Günstlingen der neuen Verhältnisse“ (Tacitus I, 2) abschätzig bescheinigt.

Angesichts der massiven Transformation, der die römische res publica unter Augustus unter­zogen wurde, scheint es natürlich, dass nicht alle Angehörigen des Senatorenstands sich von den genannten Faktoren von einer Zusammenarbeit mit Augustus überzeugt sahen. In diesen Fällen konnten andere Strategien angewandt werden.

Nachdem mehrmals das festgelegte Mindestvermögen von Angehörigen des Senatorenstands erhöht wurde, kam es wiederholt vor, dass Senatoren, die diesen Anforderungen nicht mehr genügten, in finanzielle Abhängigkeit von Augustus gerieten, der mit Hilfe seines enormen Privatvermögens zu einer solchen Patronage in der Lage war. Im Gegenzug zum Erhalt ihres Standes kamen die jeweiligen Personen bzw. Familien in die Position eines Klienten, der Au­gustus zu Loyalität und Folgebereitschaft verpflichtet blieb (Dettenhofer 2000: 68, 129f.).

Schließlich kam es unter Augustus zu mehreren lectiones senatus, einer Revision der Mitglie­derliste des Senats (Klingenberg 2011: 43).

Im Jahr der ersten lectio, 29 v. Chr., war der Senat auf über tausend Mitglieder angewachsen. Es ist wahrscheinlich, dass unter dieser großen Zahl einige Personen waren, die nicht nur von Augustus als nicht geeignet bzw. als dieses Amtes unwürdig beurteilt wurden (Sattler 1960: 32). Nachdem Augustus zunächst noch auf ein freiwilliges Ausscheiden einiger Senatoren ge­setzt hatte, diese Hoffnung aber weitgehend enttäuscht wurde, wurden 140 Mitglieder aktiv von der Senatsliste gestrichen. Dass es dem princeps jedoch nicht um eine rein zahlenmäßige Verschlankung der Institutionen gegangen sein kann, lässt sich daraus ableiten, dass er gleich­zeitig neue Senatoren ernannte. Es ist davon auszugehen, dass diese ihm loyal gegenüberstan­den. Da der Senat nun wieder 800 bis 900 Mitglieder zählte, sollten weitere lectiones senatus, u. a. 18 und 11 v. Chr., folgen, die in ihrer Gesamtheit als entscheidende Schritte zur Begren­zung, Disziplinierung und letztlich Entmachtung des Senats interpretiert werden können (Det- tenhofer 2013: 153; Dies. 2000: 64, 66f.).

2.3 Augustus - Die zentrale Figur der res publica restituta

Augustus gelang es, durch die schrittweise Umgestaltung der römischen Elite, sein Herrschafts­system der res publica restituta zu etablieren und abzusichern. Sowohl unter den homines novi als auch in den Reihen der Senatoren dürfte es viele gegeben haben, die ihm für ihren (Wieder-)Aufstieg in die höchsten gesellschaftlichen Ränge schlicht zu Dankbarkeit verpflichtet waren. Selbst diejenigen innerhalb der ,alten‘ Elite, die sich eine gewisse Unabhängigkeit bewahren konnten und dem princeps nicht unbedingt aufgeschlossen gegenüber standen, mussten nach einiger Zeit feststellen, dass ihr (gesellschaftliches) Überle­ben nun hauptsächlich von der Teilnahme an der augusteischen res publica restituta abhing (Dahlheim 2010, S. 36). Der tatsächliche Gestaltungsspielraum des Senats blieb dabei jedoch deutlich eingeschränkt, da Augustus zwar auf eine aktive, jedoch von ihm kontrollierte Teilhabe des Senatorenstands Wert legte. Die Fassade der Republik sollte gewahrt werden, ohne dabei seiner Person gefährlich zu werden (Dettenhofer 2000: 12). Letztlich dürfte dies der Grund­stimmung im Volk entsprochen haben, dem „die Segnungen der neuen [...] Ordnung weitaus bedeutender [erschienen] als die politische Freiheit einer Aristokratie, die sich als unfähig erwiesen hatte, den Konkurrenzkampf um Macht und Einfluss mit dem für den Staat notwendigen Maß an Konsens und innerer Ein- tracht zu verbinden“ (Bringmann 2007: 128), was den vergangenen Bürgerkrieg erst befeuert hatte.

Insgesamt war es Augustus gelungen, das politische System hin zu einer Alleinherrschaft mit der Fassade der res publica restituta umzustrukturieren, ohne die soziale Struktur der Eliten in größerem Maße zu verändern. Oberflächlich betrachtet war vieles beim Alten geblieben, die ,alte‘ Elite des Senatorenstands war nicht (vollständig) demontiert worden, auch die ,neue‘ Elite der homines novi passte sich an die Formensprache der Republik an. Die zentrale, alles bestimmende Person, von der nahezu die komplette Elite nun abhängig geworden war, war jedoch Augustus, dessen Bezeichnung primus inter pares in diesem Zusammenhang wohl kaum wörtlich genommen werden kann.

[...]


1 Auch Agrippas Rolle als enger Vertrauter des Augustus dürften bei seiner Promotion keine unwichtige Rolle gespielt haben.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Augustus und die Umgestaltung der römischen Elite in der res publica restituta
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
13
Katalognummer
V922951
ISBN (eBook)
9783346243430
ISBN (Buch)
9783346243447
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Augustus, res publica restituta, homines novi, Senat, Elite
Arbeit zitieren
B.A. Carla Herrmann (Autor), 2020, Augustus und die Umgestaltung der römischen Elite in der res publica restituta, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/922951

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