Die Philosophie ist nach Husserl Anfangs- und Endpunkt der abendländischen Geschichte im Sinne einer Teleologie. Dazu aber musste – nach all den Urstiftungen seit Griechenland eine weitere und in ihrem Sinne nach endgültige Entwicklungsstufe als eine feste theoretische Grundlage weiterer Forschungen gefunden werden: und zwar die Phänomenologie in ihrer Form als Methodik und Endstiftung. Bis dato nämlich war der Forschungstrieb geradezu spiralförmig in eine sich ständig vertiefende Krise geraten, da sich die neuzeitliche Wissenschaft ihre methodische Reinheit als eine konsequente mathematische Idealisierung der Objektivität zum Preis der Subjektvergessenheit erkaufte. Die Folgen waren Skeptizismus und Psychologismus, die Husserl leidenschaftlich bekämpfte und seinem Programm einer universalen und reinen Geisteswissenschaft entgegensetzte – ein Vorhaben, das die Kluft zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften überbrücken und das Fundament für eine endgültige wissenschaftliche Seins-Erklärung legen sollte. Husserl zeigt hierin auf, dass das Wesen der Naturwissenschaft, d.h. das Wesen des forschenden Geistes eine Wissenschaft vom Geist bedingt, und dass nur der Geist in seiner Emanzipation wahrhaft methodisch-wissenschaftlich und rational erforscht werden kann. Nach diesem Beginnen erfüllt sich die ursprüngliche Intention der theoretischen Einstellung als deren Ausgangspunkt zur Überwindung der gegenwärtigen Krise in der Thematisierung der Lebenswelt als des unabdingbaren Rahmens aller objektivierenden Aktivitäten der Naturwissenschaftler. Diesem Ansinnen soll nun auch in der Seminararbeit Folge geleistet werden – insofern sich durch die Analyse und Besprechung des Husserlschen Lebenswelt-Themas und der ihm inne seienden eigenen Rationalitätsformen das Schaffen Husserls in seinen Schwerpunkten in einem ersten Ausblick wenigstens skizzenhaft zu zeigen vermag. Denn die Lebenswelt-Theorie hat in der Krisis' derart die Funktion, dass „Husserl von der Lebenswelt aus das Hauptanliegen seines Philosophierens, die Durchführung der transzendentalen Reduktion, als aus der Geschichte des Denkens gefordert und als durch die (durch die Wissenschaft geprägte) Gegebenheitsweise der modernen Erfahrungswelt motiviert, vollenden (kann).
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Begriffsunklarheit
III. Der Ausgangspunkt: Die natürliche Einstellung
IV. Das Problem: Lebenswelt und Krisis
V. Die Lösung: Aufhebung der Lebenswelt-Vergessenheit
VI. Vorgehensweise: Nachvollzug der neuzeitlichen Naturwissenschaft
VII. Vorgehensweise: phänomenologische Epoché
VIII. Resümee
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Husserlschen Begriff der „Lebenswelt“ und dessen zentrale Bedeutung für die Überwindung der Krise der neuzeitlichen Wissenschaften, die durch eine einseitige, subjektvergessene Objektivität gekennzeichnet ist.
- Die phänomenologische Analyse der „natürlichen Einstellung“
- Das Verhältnis von Lebenswelt und wissenschaftlicher Krisis
- Die Methodik der Epoché und der transzendentalen Reduktion
- Der Nachvollzug der geschichtlichen Evolution der Naturwissenschaft
- Die Rehabilitierung der Philosophie als universale Vernunftwissenschaft
Auszug aus dem Buch
VI. Vorgehensweise: Nachvollzug der neuzeitlichen Naturwissenschaft
Im Folgenden soll Husserls Ideenfolge über die Evolution der modernen Wissenschaft mit ihrer Lebenswelt-Vergessenheit skizziert werden, wie er sie im prominenten Galilei-Paragraphen der 'Krisis' entfaltete.
Das lebensweltliche Fundament der Naturwissenschaft
In frühen Zeiten hat der Ägypter, der Babylonier oder der Assyrer mit Feldmesser, Seil und Pflock rechte Winkel in den feuchten Schlamm gestanzt und auf diese Weise den lebensweltlich-praktischen Beginn der Geometrie fundiert.
Dann jedoch kam es bei Euklid zur theoretischen Überformung der Flächen und Körper, die er „(...) in ideal-geometrische Gegenstände (....) verwandelte“ – und doch konnte eine Verbundenheit zur Lebenswelt insofern bewahrt werden, als dass sie „(...) nur endliche Aufgaben, ein endlich geschlossenes Apriori“ kannte. Theorie und Lebenspraxis also wichen nicht voreinander ab, denn wie auch die vollendete Kugel mit dem griechischen Kosmos selbst zusammenfiel, so sollte auch der „(...) antiken Geometrie Möglichkeiten einer primitiven Anwendung auf die Realität“ gegeben werden. Beide wussten aber auch von ihrer Verschiedenheit, so dass Euklid sein „geschlossenes Apriori“ nicht mit der Welt selber gleichsetzte. In einer weiteren Urstiftung, begründet durch Galilei, wurde dann durch radikale Einheitlichkeit des Denkens und Strenge der Methode das Ideal der sachlichen und unbedingten methodischen Objektivität gesetzt. Aber gerade diese neuzeitliche Entdeckung eines ‚neuen‘
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Husserls Phänomenologie wird als Antwort auf die Krise der europäischen Wissenschaften eingeführt, um die Kluft zwischen Natur- und Geisteswissenschaften durch eine Rückbesinnung auf den Geist zu überbrücken.
II. Begriffsunklarheit: Das Kapitel thematisiert die vielschichtige und teils diffuse Verwendung des Lebenswelt-Begriffs bei Husserl und grenzt ihn von einer bloß unschlüssig-vagen Definition ab.
III. Der Ausgangspunkt: Die natürliche Einstellung: Hier wird die „natürliche Einstellung“ als eine unreflektierte Basis des menschlichen Lebens und als notwendiger Ausgangspunkt für die transzendental-phänomenologische Reduktion erläutert.
IV. Das Problem: Lebenswelt und Krisis: Es wird dargelegt, wie die Wissenschaft durch eine Vergessenheit ihrer lebensweltlichen Wurzeln in eine Krise geraten ist, da sie die subjektiven Sinnesfundamente zugunsten einer objektiven Idealisierung ausblendet.
V. Die Lösung: Aufhebung der Lebenswelt-Vergessenheit: Dieses Kapitel beschreibt die Rückbesinnung als methodisches Arbeitsverfahren, um die positivistische Verengung der Erfahrung aufzubrechen und eine Ethik der Verantwortung zu ermöglichen.
VI. Vorgehensweise: Nachvollzug der neuzeitlichen Naturwissenschaft: Anhand des Galilei-Paragraphen wird die historische Entwicklung skizziert, in der die mathematische Idealisierung die Welt entperspektiviert und zur Sinnentleerung führt.
VII. Vorgehensweise: phänomenologische Epoché: Hier wird die Epoché als Operation eingeführt, um den Seinsglauben einzuklammern und das „reine“ Bewusstsein bzw. die Welt als Phänomen zugänglich zu machen.
VIII. Resümee: Das Resümee fasst Husserls Anliegen zusammen, durch die Ontologie der Lebenswelt die Philosophie als universale Vernunftwissenschaft zu rehabilitieren und das menschliche Handeln auf ein rationales Fundament zu stellen.
Schlüsselwörter
Lebenswelt, Phänomenologie, Edmund Husserl, transzendentale Reduktion, Epoché, Subjektvergessenheit, Wissenschaftskritik, natürliche Einstellung, Intentionalität, Wesensschau, Vernunftwissenschaft, Objektivismus, Eidos, Krisis, Erkenntnistheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Husserls Lebenswelt-Theorie und deren Rolle bei der Aufdeckung und Überwindung der Krise der neuzeitlichen Wissenschaften.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die „natürliche Einstellung“, die wissenschaftshistorische Entfremdung von der Lebenswelt sowie die phänomenologischen Methoden zur Gewinnung apodiktischer Erkenntnis.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Funktion des Lebenswelt-Begriffs als Grundlage einer universalen, verantwortungsbewussten Wissenschaft aufzuzeigen und Husserls Weg von der natürlichen zur philosophischen Einstellung nachzuvollziehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die phänomenologische Analyse und den hermeneutischen Nachvollzug von Husserls zentralen Werken, insbesondere der „Krisis“-Schrift.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Begriffsklärung, die Darstellung der natürlichen Einstellung, die Analyse der wissenschaftlichen Krisis sowie die Erläuterung der Epoché und der transzendentalen Reduktion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Lebenswelt, Phänomenologie, Subjektvergessenheit und transzendentale Reduktion geprägt.
Warum spielt der „Galilei-Paragraph“ eine so wichtige Rolle?
Husserl nutzt ihn, um die folgenschwere Historisierung der mathematischen Idealisierung zu kritisieren, die den Bezug zur lebensweltlichen Erfahrung schrittweise verloren hat.
Was bedeutet das „lebensweltliche Apriori“?
Es bezeichnet das für Husserl unabdingbare Fundament, auf dem jede wissenschaftliche Erkenntnis aufbaut, ohne dass sich die Wissenschaft dessen explizit bewusst wäre.
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- David Liebelt (Author), 2007, Edmund Husserl, Lebenswelt - Ein Überblick, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92323