Archäologie und Ethik. Perspektiven beim Umgang mit menschlichen Ausgrabungen am Beispiel Tutanchamuns


Essay, 2020

8 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Einleitung

Die Archäologie und ihre Teilbereiche gelten wohl als die wichtigste Quelle für Informationen und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Besonders durch Bodenfunde konnten in der Vergangenheit viele wichtige Informationen über beispielsweise das Alte Ägypten gewonnen werden. Ohne diese genannten archäologischen Arbeiten, wäre es wohl weitaus komplizierter gewesen, wissenschaftliche Erkenntnisse aus dieser Zeit bestätigen oder widerlegen zu können. Man kann demnach festhalten, dass die Archäologie ein wesentlicher Bestandteil der Wissensvermittlung ist.

Diese Arbeit soll vor allem die Bedeutung der Bodenfunde bzw. Gräber abhandeln und darstellen. Wie im Beispiel des Alten Ägyptens wurden Gräber geöffnet und untersucht, um dann anhand der gefundenen Gegenstände Hinweise auf die Zeit der Pharaonen zu gewinnen. Teilweise wurden die Forschungen danach veröffentlicht oder in Museen ausgestellt, um auch die Wissbegierigkeit des Menschen zu stillen. Da das Interesse enorm war und weiterhin besteht, wurden sich anscheinend keine Gedanken zur Störung der Totenruhe gemacht, welche beim Öffnen des Grabes zustande kam. Mittlerweile gibt es eine weltweite Debatte; daher beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit der Frage nach dem Zusammenspiel von Archäologie und Ethik.

Zunächst wird es um die Archäologie und deren Ziele bei der Forschung und Erforschung gehen. Nach erfolgter Ausarbeitung der archäologischen Sicht, wird zur Veranschaulichung der Debatte, die wohl bekannteste Ausgrabung im Alten Ägypten, das Grab Tutanchamun als Grundlage genommen. Im nächsten Schritt wird diesbezüglich das deutsche Gesetz zur Störung der Totenruhe angeschnitten, um dann zum Schluss die Ethikfrage beantworten zu können.

Die archäologische Sicht

Im wesentlichen geht es in der Archäologie darum, historische und wissenschaftliche Zeugnisse zu entdecken und vor allem diese zu schützen, beispielsweise vor Zerstörern oder in diesem Fall vor Grabräubern. Jeder noch so kleine Fund kann einen enormen Erkenntnisgewinn für die Wissenschaft bedeuten. Auch das Interesse seitens der Bevölkerung ist beachtlich, sodass Forschungen im allgemeinen relativ schnell veröffentlicht werden. Da es den Archäologen auch um den Schutz der Funde geht, erfolgen Ausgrabungen möglichst respektvoll und vorsichtig, wobei man jedoch nicht behaupten kann, dass dabei nichts zerstört wird. Ziel ist es natürlich, möglichst wenig zu zerstören und demnach möglichst viel für die bestmögliche Dokumentation freizulegen. Auf eine gewisse Pietät und Zurücknahme durch die damit verbundene Störung der Totenruhe wird nicht geachtet. Vielmehr hat man das Gefühl, dass gerade solche Tabus, die Archäologen anregen, da sie die Neugier erwecken.

Reinhard Dietrich äußert sich diesbezüglich und fordert eine angemessene Umgangsweise zu finden:

„Für den Umgang mit all diesen Formen, in denen menschliche Überreste überliefert sind, gilt es Umgangsweisen zu finden, die sowohl dem privaten wie dem gesellschaftlichen Anspruch an Pietät als auch dem wissenschaftlichen Anspruch genügen. Die Umgangsweise mit sterblichen Überresten hängt also wesentlich von zwei Faktoren ab: einerseits vom realen Erhaltungszustand der sterblichen Überreste, also vom Grad der Zersetzung der Leiche, andererseits von der Präsenz des Toten im gesellschaftlichen Bewusstsein“1

Es geht daher im wesentlichen um das Interesse und Neugier der Menschen und der Forscher. Die Frage die sich dann aufstellt ist jedoch, ob das Interesse daran als Begründung ausreicht, um den rücksichtslosen Umgang mit Toten und Überresten rechtfertigen zu können.

Das Grab von Tutanchamun

Als Beispiel für die einerseits reiche Erkenntnisüberlieferung und andererseits den pietätlosen Umgang mit Toten dient an dieser Stelle das Grab von Tutanchamun.

An dieser Stelle ist wichtig zu erwähnen, dass im Alten Ägypten die Toten mumifiziert wurden, da man dadurch die Verwesung der Leichen aufhalten konnte.2 Man bereitete so den Körper des Verstorbenen auf das Leben im Jenseits vor. Dazu kamen aufwändige Bemalungen des Gips, Beigaben und Pyramiden- oder Sargtexte. All diese Aspekte sollten dem Verstorbenen den Übergang ins Jenseits erleichtern, sodass man davon ausgehen kann, dass die Menschen im Alten Ägypten an ein Leben nach dem Tod glaubten oder zumindest, dass der Tod nicht die Endstation der Existenz eines Individuums darstellt. Allein durch die aufwändigen Bestattungen und Grabkonstruktionen kann man Schlüsse auf die Bedeutung der Religion ziehen.

Normalerweise hätte Tutanchamun durch seinen sozialen Stand ein größeres Grab zugestanden, jedoch vermutet man, dass der König relativ unerwartet starb, sodass ein schon bestehendes Grab umfunktioniert wurde.3 Die Sargtexte beziehen sich jedoch auf den Verstorbenen und bilden Sprüche, welche den Verstorbenen schützen sollen. Diese Sargtexte sind auf den ersten Blick erkennbar, sodass jeder der das Grab betritt, die Texte lesen kann. Dessen ungeachtet wurde das Grab mehrmals geplündert und zu guter Letzt sogar geöffnet und untersucht.

Howard Carter und Lord Carnarvon4 entdeckten das Grab und öffneten jeden einzelnen Sargdeckel der vier ineinander verschachtelten Särge Schritt für Schritt. Kurze Zeit nach der Ausgrabung starb der Auftraggeber Lord Carnarvon durch einen Insektenstich verursachte Entzündung. Dieser und noch weitere folgende Todesfälle wurden im Zusammenhang mit der Öffnung des Grabes gesehen, sodass schnell von einem Fluch die Rede war. Tatsächlich soll es Tonziegel gegeben haben, in denen Strafen mit dem Tode angedroht wurden, sollte jemand etwas aus dem Grab entnehmen.5

Auch wenn alle Tode medizinisch aufgeklärt werden konnten, gibt es viele mysteriöse Umstände, welche nur zu gerne mit Tutanchamuns Grab in Verbindung gebracht werden. Die Frage ob dies wirklich der Wahrheit entspricht, kann nicht geklärt werden. Wichtiger ist jedoch die Frage, ob sich die Pharaonen mit diesen Sprüchen selbst schützen wollten, um somit auch eine mögliche Störung der Totenruhe zu vermeiden. Andererseits war es auch der Wunsch der Pharaonen, in alle Ewigkeit bekannt zu bleiben, sodass jeder weiß, wer Sie waren. Vollständig klären kann man diesen Aspekt jedoch nicht.

Das Strafgesetzbuch und die Frage der Ethik

In Deutschland gibt es bestimmte Regelungen und Gesetze bezüglich der Totenruhe. Genauer heißt es im Strafgesetzbuch § 168 Störung der Totenruhe:

„(1) Wer unbefugt aus dem Gewahrsam des Berechtigten den Körper oder Teile des Körpers eines verstorbenen Menschen, eine tote Leibesfrucht, Teile einer solchen oder die Asche eines verstorbenen Menschen wegnimmt oder wer daran beschimpfenden Unfug verübt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. (2) Ebenso wird bestraft, wer eine Aufbahrungsstätte, Beisetzungsstätte oder öffentliche Totengedenkstätte zerstört oder beschädigt oder wer dort beschimpfenden Unfug verübt. (3) Der Versuch ist strafbar. “6

Dieses Gesetz soll demnach vor Beschädigungen oder Zerstörung schützen und auch in gewisser Weise die Würde eines jeden Menschen schützen, welche auch nach dem Tod gelten sollte. Logischerweise kann es die Verstorbenen nicht stören, jedoch geht es hier vor allem um das Pietätsgefühl der Angehörigen oder teilweise sogar der Allgemeinheit. Warum wird jedoch bei Toten unterschieden? Die Öffnung des Grabes von Tutanchamun war rechtlich im legalen Rahmen, wäre aber bei unbekannten, nicht historischen Verstorbenen definitiv eine Straftat.

Die Ethikfrage bleibt jedoch unbeantwortet. Man dringt auf legale Weise in die intimsten Bereiche eines Verstorbenen ein, gesteuert von der Wissbegierigkeit und das alles ohne zu hinterfragen, ob das wissenschaftliche Interesse mit den ethischen Grundsätzen vereinbar ist. Es ist und bleibt eine Störung der Totenruhe, jedoch überwiegt das Interesse der Forschung.

Fazit

Es scheint ein generelles Problem zu sein, zwischen der Wissenschaft und der Ethik, wie und ob man ein gewisses Wissen erreichen kann, ohne damit irgendwelche Graubereiche der Ethik zu betreten. In diesem Fall kann man sagen, dass keine bösartigen Absichten in der Archäologie existieren, oder dass absichtlich Funde zerstört werden. Dies ist definitiv nicht der Fall. Die Archäologie versucht diese zu schützen und durch respektvolle Methoden der Öffentlichkeit einen Bereich der Wissenschaft zu eröffnen, welche sie sonst nicht erreichen würden. Eine unabdingbare Folge scheint jedoch zu sein, dass man sich in einer Grauzone der Legalität bewegt, zumindest wenn es sich um die Ausgrabungen menschlicher Überreste handelt. Im deutschen Gesetz ist dies zwar deutlich geklärt, jedoch handelt das Strafgesetzbuch nicht über historische Überreste. Ob es dort Ausnahmen gäbe, ist somit nicht erkennbar. Festzuhalten gilt, dass die Öffnung eines jeden Grabes eine Störung der Totenruhe darstellt und als ethisch verwerflich gesehen werden kann. Hier muss man sich die Frage stellen, ob Wissenschaft oder Ethik überwiegt. Diese Ethikfrage muss sich jedes Individuum selbst stellen und beantworten.

[...]


1 Dietrich, Reinhard. "Nicht die Toten, sondern die Lebenden: Menschliche Überreste als Bodenfunde." Archäologische Informationen 36, 2013. Seite 117.

2 Graen, Dennis. "Tod und Sterben in der Antike." Grab und Bestattung bei Ägyptern, Griechen, Etruskern und Römern, Stuttgart, 2011. Seite 31.

3 Ebd. Seite 123.

4 Hawass, Zahi. Auf den Spuren Tutanchamuns. Wbg Theiss, 2020. Seite 58.

5 Geßler-Löhr, B. Mumifizierung und Ausstattung von Mumien im Alten Ägypten. In: Die ägyptische Mumie ein Phänomen der Kulturgeschichte. Internet-Beiträge zur Ägyptologie und Sudanarchäologie Vol. I. Humboldt-Universität zu Berlin 1998. Seite 24.

6 Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. Strafgesetzbuch (StGB) § 168 Störung der Totenruhe.

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Details

Titel
Archäologie und Ethik. Perspektiven beim Umgang mit menschlichen Ausgrabungen am Beispiel Tutanchamuns
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
8
Katalognummer
V923339
ISBN (eBook)
9783346252708
Sprache
Deutsch
Schlagworte
archäologie, ethik, perspektiven, umgang, ausgrabungen, beispiel, tutanchamuns
Arbeit zitieren
Jalicia Klasen (Autor), 2020, Archäologie und Ethik. Perspektiven beim Umgang mit menschlichen Ausgrabungen am Beispiel Tutanchamuns, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/923339

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