Besteht ein Unterschied zwischen der Auffassung von der Wahrnehmung bei Husserl und der Auffassung von der Wahrnehmung in der Psychologie?


Hausarbeit, 2008
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Eine Einführung

2. Begriffsklärungen

3. Husserls Auffassung von der Wahrnehmung
3.1 Der Prozess der Wahrnehmung
3.2 Die Verfügbarkeit über die Kenntnis

4. Die psychologische Auffassung von der Wahrnehmung

5. Der Vergleich

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis

1. Eine Einführung

Für diese Hausarbeit die von dem möglichen Unterschied zwischen der Auffassung von der Wahrnehmung bei Edmund Husserl und der Auffassung von der Wahrnehmung in der Psychologie handelt, diente mir das Buch „Edmund Husserl. Phänomenologie der Lebenswelt“ von Klaus Held als Hauptquelle.

Edmund Husserl, welcher 1859 geboren und 1938 gestorben ist und als einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts gilt, ist der Begründer der Phänomenologie, die für ihn als die voraussetzungslose Grundlage allen Wissens steht.[1]

Der Vergleich der beiden Auffassungen schien mir deshalb als Thema der Hausarbeit sehr interessant, weil die Phänomenologie sich gegen den Psychologismus richtet. Der Psychologismus ist eine Disziplin, die sich voll und ganz auf die Psychologie stützt und eine Denkweise verfolgt, die besagt, dass jegliche Erkenntnis deshalb so gedacht wird, weil sie vom Bewusstsein so gedacht wird. Dagegen richtet sich Husserl mit seiner Philosophie von der Phänomenologie, weshalb der Vergleich beider Standpunkte auch so interessant erscheint.

Im Folgenden werde ich zunächst die Auffassung Husserls von der Wahrnehmung näher erläutern, wobei ich ganz genau auf den Wahrnehmungsverlauf und die Verfügung über die Kenntnis eingehen werde. An Husserls Ausführungen schließt sich dann die Auffassung der Psychologie an. Hier werden sowohl die psychologischen Ziele der Wahrnehmung, wie auch der Wahrnehmungsverlauf aufgezeigt. Anschließend erfolgt der direkte Vergleich beider Auffassungen mithilfe des Herausstellens der Gemeinsamkeiten und der Unterschiede. Zum Schluss ziehe ich mein Fazit, in dem ich noch einmal kurz auf beide Gesichtspunkte eingehen und schließlich die Frage, welche das Thema der Arbeit darstellt, beantworten werde.

2. Begriffsklärungen

Innerhalb dieser Arbeit werden ein paar Begriffe auftauchen, deren Sinn nicht jedem klar sein dürfte. Deshalb möchte ich nun an dieser Stelle vorweg die Erklärung der Begrifflichkeiten anbringen, um somit das Verständnis des folgenden Textes garantieren zu können.

Transzendenz

Die Transzendenz drückt das Überschreiten der Erfahrung aus.

Das heißt, dass wenn etwas transzendent ist, dass es dann empirisch nicht erfassbar und für den Menschen somit unerfahrbar ist, da es die Erfahrung übersteigt. Ein transzendenter Gegenstand bzw. ein transzendentes Objekt ist ein Ding, was zwar existiert, aber vom Menschen nicht wahrgenommen werden kann.[2]

Immanenz

Die Immanenz bildet den Gegensatz zur Transzendenz.

Somit bedeutet immanent übersetzt so etwas, wie inne liegend oder inne bleibend. Ein Ding ist also immanent, wenn es das Bewusstsein und die Erfahrung nicht überschreitet, sondern in diesen existiert.[3]

Perzeption

Die Perzeption stellt die Erfassung eines Inhalts mithilfe des Bewusstseins dar. Sie ist also ein anderer Begriff für die Wahrnehmung.[4]

Phänomen

Ein Phänomen ist eine Erscheinung. Diese Erscheinung zeigt aber nicht die Existenz eines Objektes, sondern die Beziehung des Objektes zum Subjekt.[5]

Phänomenologie

Die Phänomenologie ist die Erscheinungslehre, also die Lehre von den Bewusstseinserscheinugen.[6]

3. Husserls Auffassung von der Wahrnehmung

Im Folgenden werde ich mich an dem Buch „Phänomenologie der Lebenswelt“ orientieren und damit zur Kenntnis bringen, wie Husserl die Wahrnehmung auffasst und wie der Verlauf dieser bei Husserl ist.

3.1 Der Prozess der Wahrnehmung

Die Erscheinung von Gegenständen und somit die Gegenstände selber weisen eine große Vielseitigkeit auf. Das bedeutet, dass ein Gegenstand vielseitig erscheinen kann. Dies ist dem Menschen auch bewusst. Trotzdem gibt es ein Problem. Und zwar nimmt ein Mensch einen Gegenstand wahr, indem er die Seite des Gegenstandes, die er sieht, sich durch die Abschattung des Gegenstandes bewusst macht. Doch dadurch kann der Mensch diesen Gegenstand nie in seiner Vielseitigkeit wahrnehmen, da für ihn immer nur eine Seite eines Gegenstandes erkennbar ist.[7]

Beispiel: Wenn man einen Stuhl von vorn, also die Frontseite des Stuhls sieht, kann man nicht erkennen, wie dieser Stuhl von hinten aussieht, da nur die Abschattung der Vorderseite zu sehen ist. Dadurch erhält man immer nur eine einseitige Erscheinung des Gegenstandes, wodurch der Gegenstand nie in seiner Vielseitigkeit wahrnehmbar ist, zumindest nicht zu Anfang einer Wahrnehmung.

Dadurch kommt es zur Unterscheidung zwischen dem Wahrgenommenen und dem Nicht – Wahrgenommenen. Ein Charakteristikum der Wahrnehmung bei Husserl ist somit die wahrgenommene Einseitigkeit der Gegenstände.[8]

Beispiel: So sieht man einen Stuhl immer nur von einer Seite, obwohl der Stuhl in Wirklichkeit viele Seiten hat und somit auch von vielen Seiten gesichtet werden kann.

Trotzdem stellt die Wahrnehmung das Originalbewusstsein dar, aber nur wenn zwei Varianten des Bewusstseins vorhanden sind: das originale Bewussthaben und das Mitbewussthaben.[9]

Beispiel: Die Wahrnehmung eines Stuhls besteht also aus dem originalen Bewusstsein (die Seite, die ich vom Stuhl sehen kann) und dem Mitbewusstsein (die Seiten, die der Stuhl weiterhin besitzt, die aber in der jeweiligen Situation nicht sichtbar und somit nicht original sind). Jedoch sind die nicht sichtbaren Seiten, also die nicht originalen Seiten, im Bewusstsein vorhanden.

Die nicht sichtbaren Seiten eines Gegenstandes, also das Mitbewusste, bestehen aus einem leeren Indizieren, welches auf weitere Wahrnehmungen verweist. Das heißt, dass die Abschattung der originalen Seite, also der sichtbaren Seite, auf die anderen nicht sichtbaren Seiten des Gegenstandes schließen lässt.[10]

Die Abschattung gibt somit Hinweise auf die übrigen Seiten eines Raumgegenstandes, wodurch der Mensch zu den situativ nicht sichtbaren Seiten hinfort dringt. Diese Hinweise, die in ganzen Komplexen auftreten, deuten dadurch auf die möglichen vielseitigen Erscheinungsweisen des Gegenstandes.[11]

Beispiel: Eine Seite eines Stuhls erscheint uns somit nur dadurch als ein Teil eines kompletten Stuhls, wir können einen Stuhl aufgrund einer gesichteten Seite des Stuhls nur dadurch als Stuhl wahrnehmen, weil der bestehende Leerhorizont des Bewusstseins uns Hinweise auf die übrigen, bisher ungesehenen, Seiten gibt.

Dieser Leerhorizont ist ein Horizont des Bewusstseins, wodurch uns Menschen in unserer Wahrnehmung der Übergang in neue Erscheinungen eines Gegenstandes erst möglich wird.[12]

Beispiel: Das bedeutet, dass im Wahrnehmungsverlauf zuerst die gesichtete Seite des Stuhls bewusst wahrgenommen und danach mithilfe des Leerhorizonts der Übergang zu den weiteren Seiten des Stuhls (also z.B. die Rückseite) ermöglicht werden, wodurch der Stuhl später auch als kompletter Stuhl erkennbar sein kann.

Husserl unterscheidet bei dem Bewusstseinshorizont zwischen dem Innen- und dem Außenhorizont. Der Innenhorizont bezeichnet hierbei das original Bewusste, also das Gesehene, und der Außenhorizont das Mitbewusste, also die Seiten eines Gegenstandes, die noch nicht gesehen und somit noch nicht wahrgenommen wurden. Das original Bewusste eines Gegenstandes, z.B. die gesehene Seite des Stuhls, ist hierbei jedoch immer entscheidend für die Vorzeichnung der neuen Erscheinungsweisen der restlichen Seiten des Gegenstandes.[13]

[...]


[1] Vgl. Bibliotheca Augustana, Edmund Husserl, URL: http://www.hs.augsburg,de/~Harsch/germanica/Chronologie/20Jh/Husserl/hus_intr.html 27.03.2008

[2] Vgl. Kietzmann, Peter : Historische Texte und Wörterbücher, URL : http://www.textlog.de/cgi-bin/search/proxy.cgi?terms=Transzendenz&url=http%3A%2F%2Fwww.textlog.de%2F2131.html 27.03.2008

[3] Vgl. Kietzmann, Peter : Historische Texte und Wörterbücher, URL : http://www.textlog.de/cgi-bin/search/proxy.cgi?terms=Immanenz&url=http%3A%2F%2Fwww.textlog.de%2F4006.html 27.03.2008

[4] Vgl. Kietzmann, Peter : Historische Texte und Wörterbücher, URL: http://www.textlog.de/4816.html 27.03.2008

[5] Vgl. Kietzmann, Peter : Historische Texte und Wörterbücher, URL: http://www.textlog.de/4836.html 27.03.2008

[6] Vgl. Kietzmann, Peter : Historische Texte und Wörterbücher, URL: http://www.textlog.de/4851.html 27.03.2008

[7] Vgl. Held, Klaus (Hrsg.): Edmund Husserl. Phänomenologie der Lebenswelt. Ausgewählte Texte II. Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart, 2007, Seite 55

[8] Vgl. ebd., Seite 56

[9] Vgl. ebd.

[10] Vgl. Held, Klaus (Hrsg.): Edmund Husserl. Phänomenologie der Lebenswelt. Ausgewählte Texte II. Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart, 2007, Seite 57

[11] Vgl. ebd. Seite 58

[12] Vgl. ebd.

[13] Vgl. Held, Klaus (Hrsg.): Edmund Husserl. Phänomenologie der Lebenswelt. Ausgewählte Texte II. Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart, 2007, Seite 59

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Besteht ein Unterschied zwischen der Auffassung von der Wahrnehmung bei Husserl und der Auffassung von der Wahrnehmung in der Psychologie?
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V92383
ISBN (eBook)
9783638058117
ISBN (Buch)
9783638948739
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Besteht, Unterschied, Auffassung, Wahrnehmung, Husserl, Psychologie
Arbeit zitieren
Kathleen Schmidt (Autor), 2008, Besteht ein Unterschied zwischen der Auffassung von der Wahrnehmung bei Husserl und der Auffassung von der Wahrnehmung in der Psychologie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92383

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