Goethes "Die Leiden des jungen Werther" und die Parallelen zu seiner Biografie


Facharbeit (Schule), 2020

21 Seiten, Note: 13

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Biografie zu Johann Wolfgang von Goethe

3 Die Leiden des jungen Werther
3.1 Das Werk und Resonanz
3.2 Inhalt

4 Vergleich von fiktionalen Charakteren mit Personen aus Goethes Leben
4.1 Überblick der Gegenüberstellung
4.2 Werther und Goethe
4.3 „Charlotten S.” und Charlotte Buff
4.4 Albert und Kestner

5 Analogie zwischen autobiographischen und fiktionalen Ereignissen
5.1 Erste Begegnung von Lotte und Werther
5.2 Schlüsselszene: Lotte, die das Brot für ihre Geschwister schneidet
5.3 Der Selbstmord

6 Beurteilung - Autobiografie oder Fiktion?

7 Schlussteil

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Johann Wolfgang von Goethe ist einer der bedeutendsten Schriftsteller aller Zeiten. Mit der Veröffentlichung seines Werks Die Leiden des jungen Werther 1 erzielte er seinen Durchbruch und begeisterte unzählige Leser, sowohl damals als auch heute. Doch beim näheren Betrachten des Briefromans fallen einem viele Parallelen zu Goethes Leben auf und es stellt sich die Frage, ob es sich tatsächlich um einen fiktiven Roman oder doch um eine autobiografische Darstellung Goethes Leben handelt. Das Hauptziel dieser Arbeit ist somit diese Fragestellung zu beantworten und Aufschluss zu geben. Dabei stütze ich mich auf verschiedene Fachliteratur, wie unter anderem die Biografie Goethe: Kunstwerk des Lebens von Rüdiger Safranski2, auf Clavis Scientiae von Gertrud Maria Rösch, die sich mit dem Verhältnis von Faktizität und Fiktionalität beschäftigt sowie auf vielfältige Internetquellen. Zunächst gehe ich kurz auf den Autor Johann Wolfgang von Goethe und dann auf den Inhalt des Werkes ein. Danach gebe ich einen Überblick über die zu vergleichenden Charaktere und zeige Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen diesen und ihren möglichen literarischen Vorbildern auf, um dann ausgewählte Textstellen aus dem Briefroman mit Erlebnissen aus Goethes Leben zu vergleichen. Zum Schluss werde ich dann anhand all dieser Informationen beurteilen, ob und inwiefern es sich bei dem Werther-Roman um eine autobiografische Darstellung oder um eine fiktive Geschichte handelt.

2 Biografie zu Johann Wolfgang von Goethe

Am 28. August 1749 wird Goethe als Sohn einer wohlhabenden Familie in Frankfurt am Main geboren. Er gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller und „auch für folgende Generationen [...] ist er der Inbegriff kultureller Geistigkeit“3. Da sein Vater Jurist war, studierte Er ebenfalls Jura und arbeitete danach zum Beispiel als Berater des Herzogs Carl-Augustus oder als Praktikant im Reichskammergericht in Wetzlar. Goethe war jedoch mehr an seiner kreativen Auslebung in Literatur, Kunst und Naturwissenschaften interessiert und hatte viele Beziehungen. Dazu zählt zum Beispiel auch Charlotte Buff, die bei der Betrachtung von seinem Durchbruch­Roman Die Leiden des jungen Werther eine zentrale Rolle spielt. Nach diesem „bis dato noch nie dagewesene[n] Erfolg“4 wurde Er „mit einem Schlage eine europäische Berühmtheit“5 veröffentlichte Goethe noch viele weitere Werke, wie Faust 1 (1808), die einen Kultstatus erreichten. Nachdem Er sein restliches Leben in Weimar verbachte, stirbt der 82-jährige dort am 22. März 1832 an einer Lungenentzündung.6

3 Die Leiden des jungen Werther

3.1 Das Werk und Resonanz

Bei dem Werk „Die Leiden des jungen Werther“ handelt es sich um einen Briefroman, welcher im Herbst 1774 in Leipzig erschienen ist. Dieser ist monologisch verfasst, also hauptsächlich aus der Sicht des Protagonisten Werther, der sich in eine bereits verlobte Frau verliebt und nicht über Sie hinwegkommt. Aufgrund des großen Erfolges und der Zustimmung der Leser gab es bereits kurz nach Erscheinen neue Auflagen und zahlreiche Raubdrucke. Trotzdem überkam das Werk auch eine Welle der Ablehnung, die hauptsächlich von religiös orientierten Personen, wie Gotthold Ephraim Lessing ausging, welche die „moralische Indifferenz“ kritisierten, weil „auf eine moralisch [...] eindeutige Bewertung der Hauptfigur verzichtet werde“7. Darauf bezieht man sich zum Beispiel auf den Selbstmord Werthers, der eindeutig gegen die christliche Weltanschauung und in Lessings Fall, besonders gegen der des Christentums der Vernunft spricht.

3.2 Inhalt

Goethe teilte sein Werk in zwei Teile („Bücher“) ein. Am Anfang des ersten Buches flieht Werther aus seiner vorherigen Heimat unter dem Vorwand einen Erbschaftsstreit zu klären. Schnell wird klar, dass Freiheit und Abstand zu seinem vorherigen Leben das tatsächliche Motiv für seine Flucht darstellen. In seinem neuen Lieblingsort Wahlheim lebt er sich kreativ aus und betrachtet die Natur 8 . Doch Werther wird schnell einsam, da er von den Angehörigen seines Standes, aufgrund seiner wirtschaftlichen Unabhängigkeit und edler Kleidung zu sehr respektiert wird. Er findet meist nur bei Kindern Anschluss9. Ein sehr wichtiges Ereignis beschreibt Werther in seinem Brief vom 16. Juni 1771, denn an dem Tag lernt er „Charlotten S.“ auf einem Ball kennen. Ihr Verlobter Albert kann aufgrund persönlicher Angelegenheiten nicht mit Lotte hingehen und so wird der junge Praktikant angeordnet um die junge und gleichrangige Frau zu begleiten. Werther verliebt sich trotz dessen, dass sie schon vergeben ist, sofort in Lotte und schon ab dem folgenden Tag ist Er ihr täglicher Begleiter. Werther wird abhängig von ihr und sie wird zu seiner „Lebensgrundlage“. Auch nachdem Lottes Verlobter von einer Geschäftsreise zurückkommt, bleibt Er bei ihr. Es entsteht eine Art „dreier Beziehung“, wobei Goethe von den beiden Verlobten nur als „freundschaftliches Glied“ gesehen wird und Albert ihn nur mit dem rationalen Gedanken, dass Lotte trotzdem noch ihn liebt, toleriert10. Nach einer Debatte über Selbstmord entsteht eine größere Kluft zwischen Albert, welcher gegen Selbstmord ist, da Er es für verwerflich hält und Werther, der ihn eher positiv konnotiert. Nachdem Werther der Leidensdruck, dass er Lotte nicht haben kann, zu groß wird, flieht er und so endet das erste Buch.

Im zweiten Buch ist Werther Gesandtschaftssekretär eines Adligen Gesandten, wobei er sich als Bürgerlicher fehl am Platz fühlt. Es entstehen Spannungen zwischen ihm und seinen Vorgesetzten, dessen Verhaltensweise stark mit der Werthers kontrastiert. Seine Lage wird allerdings erneut verschlimmert, indem Er aus der adligen Gesellschaft verwiesen wird und Lotte Albert heiratet. Durch diese Demütigung setzten seine Selbstmordgedanken sehr stark ein und Er geht zurück in seine Heimat und will schließlich sogar, vergeblich, in den Krieg ziehen. Nachdem Er sich aber durch die geordnete Lebensweise des Fürstens bei dem Er wohnt gelangweilt fühlt, kehr Er wieder zurück. Doch seine Eifersucht wird jetzt noch weiter gesteigert und die Kluft zwischen ihm und Albert wird noch größer, weil dieser ihn bittet, etwas Abstand zu halten11. Ein fiktiver Erzähler setzt ein, der über die restlichen Ereignisse des Romans berichtet, da Werther nach einem einseitigen Kuss mit Lotte nicht mehr in der Lage dazu ist, Briefe zu schreiben. Am Ende des Romans überwältigen Werther seine Selbstmordgedanken und Er sieht keinen Sinn mehr darin zu leben. Somit verfasst Er Abschiedsbriefe an Lotte und Albert, leiht sich eine Pistole von Albert ohne, dass dieser von seinem Vorhaben Bescheid weiß, und erschießt sich12

4 Vergleich von fiktionalen Charakteren mit Personen aus Goethes Leben

4.1 Überblick der Gegenüberstellung

Um einen groben Überblick über die wichtigsten Übereinstimmungen oder eben auch Unterschiede bei Personen zu kriegen, werde ich im Folgenden kurz erläutern, welche Charaktere zu untersuchen sind. Goethe ist aufgrund der biographischen und charakterlichen Züge mit dem Protagonisten Werther zu vergleichen. Weiterhin ist Lotte, die verlobte Frau in die sich Werther verliebt, mit Charlotte Buff gegenüberzustellen und ihr Verlobter Albert mit Johann Christian Kestner, welcher mit Charlotte Buff verlobt ist. Die grundlegende Geschichte, dass Goethe eine bereits verlobte Frau (Charlotte Buff) kennenlernt und sich in sie verliebt ist dieselbe, wie in Die Leiden des jungen Werther. Auf dieser Grundlage werden die erwähnten Figuren im Folgenden verglichen.

4.2 Werther und Goethe

Wenn man Goethes Biografie und den Inhalt von Die Leiden des jungen Werther vergleicht, fällt schnell auf, dass es zwischen dem jungen Goethe und Werther viele Parallelen gibt. Es liegt auch Nahe, Werther nur mit dem jungen Goethe zu vergleichen, weil Goethe nach Niederschrift des Romans „immer schon über ihn hinaus“13 ist und Er sich stark verändert hat.

Wie schon erwähnt, vergleicht man Werther und Goethe wegen der auffallenden Ähnlichkeit zwischen Goethes Beziehung zu Charlotte Buff und Werthers Beziehung zu Lotte14 im Werther-Roman, die ungefähr zur selben Zeit datiert sind. Aber auch charakterlich und biografisch haben sie viel gemeinsam.

Werther, ein wirtschaftlich unabhängiger junger Mann ist „nur locker mit dem bürgerlichen Berufsleben verbunden“15 und interessiert sich mehr für Kunst, Literatur und die Natur. Das trifft auch auf Goethe zu, denn Er kommt, so wie Werther aus einer wohlhabenden Familie und kann sich dem Bild seiner Eltern, er solle Jura studieren, nicht wirklich fügen. Er „schenkte den juristischen Studien wenig Aufmerksamkeit. Stattdessen befasste er sich mit den antiken Autoren“16, wie Homer und Ossian. „Dort hatte er Eingang gefunden“17. Und genau diese Art von Flucht aus der Wirklichkeit ist auch bei Werther zu beobachten, welcher dieselben Autoren zu Beginn des Romans liest18. Diese Passion für klassische Literatur stellt eine Parallele zwischen den beiden dar. Außerdem teilen sie auch ihr starkes Interesse an Kunst und schreiben gerne eigene Texte, wie Gedichte.

Trotz des großen Interesses an Kunst sind beide nicht sonderlich erfolgreich in diesem Gebiet. Das wird besonders im Brief vom 24. Juli deutlich, in dem Werther versucht, Lotte zu porträtieren und dabei kläglich scheitert. Am Ende ist er nach drei Versuchen mit einem „Schattenriss“ von ihr zufrieden19 20. Die Bezeichnung Dilettant passt hier zu Werther und Goethe, weil die Kunst von beiden nicht das Fachgebiet ist. Dabei sollte man jedoch den Seelenzustand der beiden betrachten, denn sie sind in diesem Moment Hals über Kopf verliebt und so von ihrer Leidenschaft eingenommen, dass sie mehr im Traum sind als in der Realität. Allerdings ist es hier wichtig zu differenzieren, denn Goethe wird als hochbegabt bezeichnet und Werther hat nirgendswo wirklich Erfolg und kann somit hier nicht wirklich mit Goethe gleichgesetzt werden.

Im Schreiben eigener Texte sind die beiden auch zu vergleichen, was jedoch auch daran liegen könnte, dass Goethe natürlich der Autor von den Briefen und Gedichten ist, die Werther im Roman verfasst. Hier müsste man sich die Frage stellen, ob Goethe Werther als literarisch begabt darstellen wollte, oder ob er einfach seinen Schreibstil nicht verändern beziehungsweise absichtlich verschlechtern wollte, um es so wirken zu lassen, als würde Werther Briefe schreiben, die von einer minderen literarischen Begabung zeugen. Was ebenfalls zu vergleichen ist, dass beide ihre Gefühle und derzeitige Situation sehr oft in Briefen niederschrieben. „Fast schon einen Briefroman von der Art des „Werther“ gleicht jene Serie an tagebuchartigen Berichten“21, die er während einer heiklen Beziehung an einen Freund schreibt. Das ist im Grunde, dass, was Werther auch den ganzen Briefroman über macht.

Bei dem eben erwähnten Beispiel mit dem Schattenriss ist zu erkennen, dass Werther sehr schnell aufgegeben hat. Diese Handlung ist typisch für Werther, da man ihn als Dilettant des Lebens bezeichnen könnte. Der junge Mann hat kaum persönliche Beziehungen und auch im Beruf oder in der Gesellschaft findet Er keinen Anschluss, sodass Er letztendlich an allen anderen vorbeilebt und in einer Art eigenen Welt lebt. Goethe hingegen wird von Anderen als interessant angesehen. Jeder will ihn kennen um ihm zuzuhören, wie Er beispielweise vorliest 22. Hier stellt sich deutlich eine Gesellschaftliche Position der beiden aus, die nicht übereinstimmt und einen wesentlichen Unterschied zwischen Werther und Goethe darstellt. Begründen könnte man das damit, dass Goethe während seiner Zeit in Wetzlar, wie beim Schattenriss zu erkennen, nicht vollständig anwesend war und er sich selbst somit vermutlich so gesehen hat, wie Er Werther beschreibt: ein Nichtskönner.

Weiterhin ist zu beobachten, dass sowohl Goethe als auch Werther gerne in der Gesellschaft von Kindern sind, weil sie noch nicht von der Gesellschaft verdorben sind. So beschrieb Kestner über Goethe: „Er liebt Kinder und kann sich mit ihnen sehr beschäftigen“22 23. Dass Werther Kinder liebt, erkennt man zum Beispiel an einer sehr oft dargestellten Szene, wie Lotte ihren Geschwistern das Brot schneidet. Auf dieses Ereignis und auf die Liebe zu Kindern werde ich im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch eingehen.

Erwähnenswert sind darüber hinaus die charakterlichen Übereinstimmungen, welche besonders gut während der Beziehung zu Lotte/Charlotte zu beobachten sind. Sowohl Goethe als auch Werther haben direkt am ersten Tag nach dem Ball, auf dem sie sich kennengelernt haben (mehr dazu später) versucht, Lotte ausfindig zu machen und von da an hatten Lotte und Charlotte einen täglichen Begleiter. Damit wurde das Leben der jungen Männer natürlich komplett auf ihre Geliebte umgestellt und drastisch verändert. Genau dieser Fakt zeigt, wie leidenschaftlich beide sind und wie sich dieses Merkmal auf die Liebe auswirkt. So schreibt Goethe in seiner Autobiografie Dichtung und Wahrheit auch, dass Er sich mit der plötzlich so stark eintretenden Leidenschaft kaum mehr selber kannte24 Denn weiterhin ignorieren beide die Tatsache, dass Lotte bereits vergeben ist und auch nur freundschaftliches Interesse ihrerseits besteht. Sie sind sozusagen von der Leidenschaft geblendet und erkennen kaum mehr, was Traum und was Wirklichkeit ist. Das könnte man mit Goethes „ordentlich lebhafte[r] Einbildungskraft“25 verbinden und somit den Schluss ziehen, dass Goethe vielleicht zu gewissen Punkten der Beziehung einfach nicht mehr differenzieren konnte, was er sich einbildet und was nicht. Auch Werther verliert sich im Buch zwischen Einbildung und Realität und „alles schwimmt und schwankt so vor [s]einer Seele, dass [Er] [...] keinen Umriss packen kann“26

Goethe ist „in seinen Affekten heftig“27, handelt sehr eigenständig, und somit ab von der Meinung anderer Leute, was eine Parallele zu Werther darstellt. Zu erkennen ist das zum Beispiel daran, dass die beiden sobald ihnen Alles zu viel wird, zu einer Flucht tendieren und dabei nicht die Konsequenzen überdenken. So beginnt auch der Werther-Roman. Werther flüchtet vor seinem vorherigen Leben und sucht in Wahlheim einen neuen Anfang in Freiheit28. Wahlheim ist hier mit Wetzlar gleichzusetzen, der Ort, an dem sich die Beziehung zwischen Goethe und Charlotte Buff abgespielt hat. Als auch ihm langsam klar wird, dass Er bei Lotte keine Chance hat, flüchtet Er, sucht sich Ablenkung im Beruf und wird Gesandtschaftssekretär. Sein Selbstmord am Ende des Romans stellt ebenfalls eine Flucht dar. Eine Flucht aus seiner Verzweiflung und aus seiner Sehnsucht nach etwas, das Er nicht haben kann. Goethes „bekannteste“ Flucht ist die nach Italien. Er bricht auf, um seinem Leben zu entkommen, dass von einem anstrengenden Beruf und von einer unglücklichen Liebe beherrscht wird. Auch Er versucht seine Freiheit neu aufleben zu lassen und widmet sich Natur und Kunst.

Eine weitere Gemeinsamkeit stellt das selbstzerstörerische Verhalten dar, dass im Roman und in Goethes Biografie ersichtlich wird. So hat Goethe zum Beispiel die Eheringe für das Brautpaar Kestner besorgt29. Aber schon alleine die andauernde Annäherung an eine Frau, die bereits vergeben ist zeigt ein selbstzerstörerisches Verhalten. Nachdem Goethe sich letztendlich von Charlotte Buff distanziert hat und sein Leben weitergelebt hat, kommt Er langsam über sie hinweg und macht eine starke Persönlichkeitsentwicklung durch. Dies hat auch zu Folge, dass Er sich stark von seinen leidenschaftlichen Gefühlen, die Er in Werther darstellt, distanziert. Diesen Schritt hat Werther in seinem Roman nicht geschafft. Vielleicht wollte Goethe damit darstellen, wie verzweifelt Er zu diesem Zeitpunkt war, denn auch Er hatte kurz nach der Hochzeit von Charlotte Buff und Kestner einen Dolch auf seinem Nachttisch liegen, jedoch schaffte Er es nicht, sein Leben zu beenden30. In Werther zeigt Er so vielleicht ein alternatives Szenario, welches eingetreten wäre, wenn Er sich getraut hätte, sich umzubringen. Auch interessant ist, dass Goethe und Werther sich den gleichen Geburtstag, den 28. August, teilen.

4.3 „Charlotten S.” und Charlotte Buff

Charlotte Buff und „Charlotten S.”31 teilen nicht nur einen Namen, sondern auch einen ähnlichen Charakter und leben in einer ähnlichen Situation. Sie führen ein schwieriges kleinbürgerliches Leben als Hausfrau mit vielen Geschwistern, bei Lotte sind es acht und bei Charlotte elf, um die s ie sich kümmern müssen, da die Mutter bereits verstorben ist. Der Vater übernimmt keine Verantwortung und somit haben sie noch mehr Verpflichtungen. Darüber hinaus sind die beiden jungen Frauen zu der Zeit, wo der Roman beginnt bereits mit einem Mann verlobt, der viel arbeitet. Charlotte Buff ist mit Kestner verlobt und Lotte mit Albert. Jedoch wird sowohl in Charlotte Buffs Leben als auch im Werther-Roman ersichtlich, dass sie zufrieden mit ihrer Beziehung sind und keinen Ausweg aus diesem tugendhaften und vernünftigen Leben suchen. So wiederstehen sie auch Werther und Goethe, die ihnen diesen Auswegen geboten hätten. In einem Brief, den Charlottes Verlobter Kestner an einen Freund schreibt, stellt er Charlotte als „souverän“ und zuverlässig dar, zum Beispiel nach dem Tod ihrer Mutter32. Dieser Ereignis „milderte auch ihre Munterkeit sehr“33, jedoch handelte sie trotzdem weiter so, dass es ihren Geschwistern gut geht. Da auch Lotte in Werther sich selbstlos um ihre Geschwister kümmert, ist hier deutlich eine Parallele zu erkennen.

Weiterhin hegen die beiden jungen Frauen eine freundschaftliche Beziehung zu Goethe und Werther, wobei Lotte im Buch etwas sentimentaler dargestellt wird. Dahingegen bezeichnet Goethe Charlotte Buff nach der Zeit in Wetzlar sogar als „schnippisch“34, da sie ihn deutlich abgewiesen hat, wenn er über eine Freundschaft hinauswollte. Im Roman zeigt Lotte weniger Entschlossenheit und zeigt ein wenig Interesse an Werther, was sie aber durch ihr Vernunft geleitetes Verhalten und ihre Liebe zu Albert kontrollieren kann. Dennoch zeigten beide kurz Schwäche und küssten ihren täglichen Begleiter. Charlotte Buff sagte es bereits nach kurzer Albert, sodass die Beziehung hier noch zu retten war. Im Roman passierte der Kuss bei der letzten Begegnung zwischen Lotte und Werther, sodass dieser Kuss wahrscheinlich nochmal ein auschlaggebendes Ereignis für Werther war, sich umzubringen.

Es ist durch wenige Zeugnisse der damaligen Zeit schwierig, Charlotte Buff genau zu beschreiben und tiefer in den Vergleich einzugehen. Selbstzeugnisse sind kaum vorhanden und die meisten Informationen kann man nur aus Briefen schlussfolgern. So kann man zum Beispiel nicht sagen, ob Charlotte wie Lotte im Buch gerne getanzt hat oder gerne Klavier gespielt hat. Es ist davon auszugehen, dass Lotte im Roman etwas lebensfreudiger und gefühlvoller dargestellt wird, als ihr literarisches Vorbild tatsächlich ist, jedoch überwiegen ansonsten die Ähnlichkeiten.

4.4 Albert und Kestner

Auch zwischen Albert und Johann Christian Kestner sind Ähnlichkeiten nicht zu bestreiten, auch wenn Goethe es nach Erscheinen des Briefromans vergeblich versucht hat. Kestner ist als literarisches Vorbild von Albert zu betrachten und der Verlobte von Charlotte Buff.

Die größte Gemeinsamkeit ist wahrscheinlich ihre vernünftige und aufgeklärte Art. Während Goethe Charlottes ständiger Begleiter ist, versucht Kestner ruhig zu bleiben und vertraut auf bürgerliche Tugenden, wie dass die Ehe heilig ist und Charlotte sich daranhält. In der Debatte mit Werther im Roman wird diese Einstellung erneut deutlich, da er strikt gegen Selbstmord ist, weil er es für verwerflich hält. Er sagt zum Beispiel, „dass gewissen Handlungen lasterhaft bleiben, sie mögen geschehen, aus welchem Beweggrunde sie wollen“35 und bezieht sich dabei auf den Selbstmord, den Werther hier verteidigt. Diese Debatte hat im Übrigen auch in Echt in ähnlicher Weise stattgefunden.

[...]


1 Um keine Unstimmigkeiten hervorzurufen, wird in dieser Facharbeit auf Grundlage der Reclam Lektüre von Die Leiden des jungen Werther und nicht von Die Leiden des jungen Werthers ausgegangen.

2 Safranski 2015.

3 Böhm 2006. Online unter: goethezeiztportal.de (aufgerufen am 11.03.2020).

4 Ebd.

5 Borchmeyer o.J. Online unter; goethezeitportal.de (aufgerufen am 14.03.2020).

6 Vgl. Böhm 2006. Online unter: goethezeiztportal.de (aufgerufen am 11.03.2020).

7 Rösch 2004. S.118.

8 Vgl. Goethe 2019. S.5ff.

9 Vgl. Ebd. S.16.

10 Vgl. Literaturhandbuch o.J. Online unter: literaturhandbuch.de (aufgerufen am 14.03.2020).

11 Vgl. Ebd.

12 Vgl. Goethe 2019. S.149ff.

13 Safranski 2015. S.160.

14 Zur Erklärung: Fiktive Figur: Lotte, Charlotte Buff: Charlotte.

15 Ebd. S.157.

16 Schäfers, 2020. Online unter: de.linkfang.org (aufgerufen am 14.03.2020).

17 Safranski 2015. S.134.

18 Vgl. Goethe 2019. S.32.

19 Vgl. Goethe 2019. S.47.

20 Siehe Abb. 2

21 Safranski 2015. S.50.

22 Ebd. S.133.

23 Schäfers, 2020. Online unter: de.linkfang.org (aufgerufen am 14.03.2020).

24 Vgl. Safranski 2005. S.134. zit. n. Goethe 1811

25 Ebd. S.137.

26 Goethe 2019. S.47.

27 Safranski 2015. S.137.

28 Vgl. Goethe 2019. S.1f.

29 Vgl. Seele 2006. S. 41.

30 Vgl. Safranski 2015. S.141.

31 So nennt Goethe sie beim Kennenlernen, Vgl. Goethe 2019. S.21.

32 Vgl. Seele 2006. S.32.

33 Ebd. S.32.

34 Vgl. Ebd. S.36.

35 Goethe 2019. S.54.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Goethes "Die Leiden des jungen Werther" und die Parallelen zu seiner Biografie
Veranstaltung
/
Note
13
Jahr
2020
Seiten
21
Katalognummer
V923935
ISBN (eBook)
9783346248282
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe Die Leiden des jungen Werther Biografie
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Goethes "Die Leiden des jungen Werther" und die Parallelen zu seiner Biografie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/923935

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