Die Arbeit zeigt auf, wie die narrative Form des Bilderbuchs in Bezug auf ein kompliziertes Thema wie Flucht eingesetzt wird und dieses Thema kritisch umsetzt. Wie arbeiten Autoren und Illustratoren mit den Bild-Text-Interdependenzen und welche narrative Struktur beziehungsweise Wirkweise ergibt sich daraus? Kann eine Konfrontation mit Grenzüberschreitungen und bisherigen Zuschreibungsmustern ermöglicht werden? Werden Irritationen, Nonkonformität oder auch Fremdheit konstatiert und wenn ja, wie?
Diese Fragestellungen werden exemplarisch anhand von drei Bilderbüchern, welche innerhalb der letzten zehn Jahre erschienen sind, untersucht. Den Untersuchungsgegenstand bilden: "Home and Away" von dem Autor-Illustrator-Duo John Marsden und Matt Ottley (2008), "The Journey" von Francesca Sanna (2016), sowie der Titel "Flucht" von Autor Niki Glattauer und Illustratorin Verena Hochleitner (2016).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Bilderbuch in der Literaturwissenschaft: Ein Forschungsüberblick
2.1 Das Bilderbuch als literarisch-ästhetischer Gegenstand
2.2 Narrative Möglichkeiten des Bilderbuchs
2.3 Das „problemorientierte“, „anspruchsvolle“ und „fragwürdige“ Bilderbuch
2.4 „Taboo topics in picturebooks“: Umgang mit tabuisierten Themen im Bilderbuch
3. Fluchtdarstellungen im Bilderbuch der Gegenwart
3.1 Wie wird über Flucht erzählt? Bild, Text und ihre Interdependenzen
3.2 Topographien einer Flucht: Das Meer als zentrales Motiv der Fluchtdarstellungen
3.2.1 Die Grenze als Element des Märchens in The Journey
3.3 „Last year, our lives changed forever“: Die Darstellung von Krieg, Gewalt und Trauma
3.4 Zwischen Aufbrechen und Ankommen: Darstellung des Eigenen und des Fremden
3.5 Erzählen als Mittel der Rettung?
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht die narrative Darstellung des komplexen und aktuell hochrelevanten Themas Flucht in drei ausgewählten Bilderbüchern der Gegenwart (John Marsden/Matt Ottley: Home and Away; Francesca Sanna: The Journey; Niki Glattauer/Verena Hochleitner: Flucht). Das primäre Ziel ist es, die spezifischen Erzählstrukturen, die Bild-Text-Interdependenzen sowie die symbolische Aufladung topographischer Motive (insbesondere des Meeres) zu analysieren und zu erörtern, inwiefern diese Werke als Mittel zur Bewältigung und Reflexion von Fluchterfahrungen fungieren können.
- Analyse der narrativen Bild-Text-Interdependenzen im zeitgenössischen Bilderbuch.
- Untersuchung der symbolischen Bedeutung von Topographien (Meer, Grenze, Wald) in Fluchtgeschichten.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Darstellung von Krieg, Gewalt und Trauma.
- Reflexion der Rolle des Erzählens als identitätsstiftender und rettender Prozess.
- Komparatistischer Ansatz zwischen englisch- und deutschsprachigen Werken.
Auszug aus dem Buch
3.1 Wie wird über Flucht erzählt? Bild, Text und ihre Interdependenzen
Die Erzählperspektive ist laut Nikolajeva und Scott ein „extremely interesting dilemma in picturebooks, which once again has to do with the difference between visual and verbal communication“ (Nikolajeva/Scott 117). Sie stellen fest, dass immer mehr Bilderbücher eine intradiegetische und homodiegetische Fokalisierung vorweisen (Nikolajeva/Scott 119). Martínez schreibt, dass unter anderem in der Migrationsliteratur und im Generationenroman die Darstellung sozialer Gruppen häufig „entweder aus einer Innenperspektive oder aus der Distanz eines neutralen Erzählers“ erfolgt (Martínez 96). Dies trifft auch auf die drei für diese Arbeit ausgewählten Fluchtdarstellungen zu. In Francesca Sannas Bilderbuch The Journey begegnet der Leser zwar einem Ich-Erzähler, der eines der beiden in den Illustrationen dargestellten Kinder sein muss. Jedoch wird im Text nie deutlich, welches der Geschwister erzählt, was in diesem Fall eine Distanziertheit des Lesers zum Erzähler schafft. Auch wird das „Ich“ nur auf wenigen Seiten direkt erwähnt, hauptsächlich wird die Geschichte der Familie in der Wir-Form erzählt. Eine „Wir-Erzählung“ konstruiert die Erzählinstanz als Kollektiv, wodurch die Selbst-Narration einer Gruppe wiedergegeben werden kann (Martínez 96 f.). Das Wir-Gefühl sieht Martínez als „herausragendes gruppenkonstitutives Moment“ (Martínez 96). Trotzdem muss die Erzählung mit den Gedanken und Gefühlen eines Individuums verknüpft sein, damit sie glaubwürdig erscheint (Martínez 97). Diese Verknüpfung zeigt sich in Sannas Buch sehr deutlich. In The Journey geht es also um eine kollektive, in diesem Fall familiäre, Erinnerung an Flucht. Text und Bild liefern keine spezifische Verortung der Ereignisse, sie können jederzeit und an jedem Ort jeder Familie zustoßen bzw. zugestoßen sein. Erzählt wird in wenigen, kurzen Sätzen, manchmal nur ein Satz pro Seite. An diesen sehr knappen Textstellen wird die erzählte Zeit gerafft, die Eile des Aufbruchs der Familie deutlich. Erst, als sich die Flüchtlinge auf dem Boot befinden, scheint es wieder genug Sicherheit und Zeit zum Erzählen zu geben und die Texte auf den einzelnen Seiten werden länger.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verortet das Thema Flucht in der zeitgenössischen Kinder- und Jugendliteratur und definiert die Relevanz der Bilderbuchanalyse als „Verständigungshilfe“ sowie das Medium als komplexen Erzählraum.
2. Das Bilderbuch in der Literaturwissenschaft: Ein Forschungsüberblick: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur Bilderbuchtheorie, beleuchtet die Herausforderung der Mehrfachadressierung und diskutiert die Einordnung als „anspruchsvolles“ oder „problemorientiertes“ Bilderbuch.
3. Fluchtdarstellungen im Bilderbuch der Gegenwart: Der Hauptteil analysiert exemplarisch drei Bilderbücher hinsichtlich ihrer narrativen Struktur, der Topographie (Meer, Wald, Grenze) sowie der Darstellung von Krieg und Trauma durch Bild-Text-Interdependenzen.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass das Bilderbuch ein komplexes und gesellschaftskritisch relevantes Medium ist, das durch ästhetische Komplexität und narrative Vielfalt komplexe Themen wie Flucht für verschiedene Rezipientengruppen erfahrbar machen kann.
Schlüsselwörter
Bilderbuch, Flucht, Kinder- und Jugendliteratur, Bild-Text-Interdependenz, Krieg, Trauma, Postmoderne, Erzähltheorie, Narratologie, Fluchtdiskurs, Ästhetik, Mehrfachadressierung, Identität, Topographie, Gewalt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie das komplexe und politisch aktuelle Thema „Flucht“ in drei zeitgenössischen Bilderbüchern narrativ und ästhetisch umgesetzt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Darstellung von Fluchterfahrungen, die Rolle des Krieges als Fluchtursache, der Umgang mit Traumata und die Funktion von Erzählungen als Mittel zur Verarbeitung und Rettung.
Was ist die primäre Zielsetzung der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie aktuelle Bilderbücher durch das Zusammenspiel von Bild und Text – jenseits rein kindgerechter Darstellungen – komplexe gesellschaftliche Realitäten wie Flucht kritisch und reflektiert thematisieren können.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Autorin nutzt einen komparatistischen Forschungsansatz und stützt sich dabei auf bildwissenschaftliche und narratologische Analysemodelle (u.a. nach Thiele, Nikolajeva/Scott und Staiger).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Erzählstrukturen, die symbolische Nutzung von Räumen (besonders das Meer als „No-Man's Land“) und die Darstellung von Gewalt sowie das Potential des Erzählens als Mittel zur Identitätsstiftung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zentrale Begriffe sind Bilderbuch, Flucht, Interdependenz von Bild und Text, Trauma, Ästhetik und Postmoderne.
Warum wird das Meer in allen untersuchten Büchern als so zentrales Motiv betrachtet?
Das Meer fungiert als ambivalenter Transitraum und symbolische Grenze, die sowohl lebensgefährlich als auch als notwendiger Weg zur Hoffnung auf ein neues Leben dargestellt wird.
Welche besondere Rolle spielt die Erzählerfigur der Katze in dem Buch „Flucht“?
Die Katze fungiert als nicht-menschlicher, distanzierter Erzähler, der die Notlügen der Erwachsenen gegenüber den Kindern offenlegt und so eine Metaebene für den Leser schafft.
Inwiefern unterscheiden sich die Darstellungsweisen von Flucht in den drei Büchern?
Während einige Bücher Flucht märchenhaft-fantastisch überhöhen, um das Trauma abzumildern, wählt ein anderes Werk einen drastischen, realistischen Stil, der den Leser unmittelbar mit der Ausweglosigkeit der Situation konfrontiert.
- Arbeit zitieren
- Kim Franzke (Autor:in), 2018, Die Darstellung von Flucht im Bilderbuch der Gegenwart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/924416