Max Webers Protestantismusthese, die Kritik aus historischer Sicht und das Beispiel Hans de Witte


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
Fragestellung
Literaturlage

Die protestantische Wirtschaftsethik Max Webers

Die Kritik an Max Webers These nach Paul Münch
Die Protestantismusthese als Fortsetzung einer Denktradition
Die Kritik aus der historischen Perspektive
Resümee

Weitere Untersuchung am Beispiel des Finanziers Hans de Witte
Die Anfangsjahre
Die Geschäfte während des „Dreißigjährigen Krieges“
Beurteilung

Schluss

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

In der Mitte des 17. Jahrhunderts stellten Calvinisten sowohl in den protestantischen als auch katholischen Ländern die wirtschaftliche Elite Europas. Vor diesem Hintergrund fällt es leicht, eine unmittelbare Verbindung zwischen Religion und wirtschaftlicher Aktivität anzunehmen. Max Weber ist von einer solchen Verbindung ausgegangen, ohne jedoch eine Probe auf das historische Exempel zu machen.[1]

Fragestellung

Auf der Grundlage seiner formulierten Protestantismusthese wird heutzutage immer noch teilweise die populäre Ansicht vertreten, Katholiken seien faul und arbeitsscheu, Protestanten hingegen wirtschaftlich aktiv und fleißig. Ist diese Interpretation Max Webers zulässig und fußt sie auf historischen Gegebenheiten?

In der vorliegenden Arbeit soll dieser Frage nachgegangen werden, indem zunächst sehr kurz und holzschnittartig die Protestantismusthese von Max Weber dargestellt werden wird. Hierbei soll der Schwerpunkt auf der Wiedergabe der Kernthese zur Entstehung des Kapitalismus geschehen. Darauf folgt die Darstellung der Thesen von Paul Münch, welche sich mit der These von Weber auseinandersetzen. Hierbei wird die bisherige Weber-Kritik beleuchtet und Webers These mit den tatsächlichen historischen Gegebenheiten verglichen. Schließlich soll eines der angeführten historischen Beispiele, nämlich das Wirken des Finanziers Wallensteins Hans de Witte näher beleuchtet werden. Dabei soll besonders die These von Trevor-Roper mit einbezogen werden, welche Bedeutung der Humanismus und die religiöse Toleranz gegenüber Anderskonfessioneller in Bezug zur Förderung des Wohlstandes und der Wirtschaft hatte.

Literaturlage

Da Max Weber und insbesondere seine Religionssoziologie seit dem Ende des 2. Weltkriegs wieder vermehrt im wissenschaftlichen Blickpunkt liegt, ist hier eine außerordentliche Fülle zu verzeichnen. Bei dieser Literatur handelt es sich allerdings auch um populäre Literatur, Lehrbücher und auch viele ältere Werke, da Webers Thesen bereits zu seiner Zeit stark diskutiert wurden. Wohl auch deswegen fällt es schwer, aktuelle Literatur zu finden, die sich mit seinen Thesen aus historischer Sicht widmet.

Die Literatur zur Biographie Hans de Wittes beschränkt sich auf zwei Biographien, die sehr bekannte und allseits zitierte von Ernstberger und eine weitere weniger verbreitete und in Deutschland kaum zugängliche von Karel Vit, die Rahmen seiner Dissertation entstand.[2] Spätere Literatur bezieht sich zum größten Teil auf jenes Werk von Ernstberger.

Die protestantische Wirtschaftsethik Max Webers

Mit der Protestantismusthese entwarf Max Weber eine Gegenthese zu Karl Marx' Kapitalismustheorie, welche besagte, dass die Religion den Kapitalismus hervorgebracht hatte. Weber stellt Studien zu den großen Weltreligionen, dem Protestantismus, dem antiken Judentum, dem Hinduismus, Buddhismus, Konfuzianismus, Taoismus und zum frühen Islam an und analysiert die Entwicklung der Religionen als die zentrale Deutungsmacht. Er arbeitet heraus, dass die Religion über das Denken und das Handeln der Menschen wacht und den Menschen den Sinn ihres Lebens vorschreibt.

Durch die Reformation, die Kultur der Städte, den Humanismus entwickelt sich ein neues Selbstverständnis als auch Weltbild des Menschen. Die zentralen Grundzüge dieses neuen Selbstverständnisses sind das Hervortreten der individuellen Züge des Menschen, der Rückgang des Gemeinschaftszwangs als auch die Entauratisierung der Natur. Weiter entsteht aus der Religion, genauer dem Protestantismus, der Kapitalismus, wobei Weber unter Kapitalismus nicht wie Marx das Ausbeutungsverhältnis zwischen Lohnarbeit und Kapital versteht, sondern vielmehr die „rationale Organisation freier Arbeit“[3], die Orientierung an Rentabilitätschancen des kontinuierlichen Machterwerbs und -absatzes bei freiem (formal: nicht erzwungenem, materiell: wenigstens, relativ freiwilligem) Ein- und Austausch. Weber grenzt sich von Vorteilssucht, Übervorteilung, unrechtlichem Aneignen, Ausbeutung ab: „Ein »kapitalistischer« Wirtschaftsakt soll ... heißen, zunächst ein solcher, der auf Erwartung von Gewinn durch Ausnützung von Tauschchancen ruht: auf (formell) friedlichen Erwerbschancen.“[4]

Die gesellschaftlichen Voraussetzungen für den Kapitalismus sind die Trennung von Haushalt und Betrieb, die Entstehung des Bürgertums und der Arbeiterschichten, die rationale Buchführung, Kapitalrechnung und Kalkulation als auch der Einsatz von wissenschaftlichen Erkenntnissen in den Unternehmen. „Aber der Okzident kennt in der Neuzeit daneben eine ganz andere und nirgends sonst auf der Erde entwickelte Art des Kapitalismus: die rational-kapitalistische Organisation von (formell) freier Arbeit.“[5]

Weber stellt in seinen Aufsätzen zur Religionssoziologie verschiedene empirische Untersuchungen über die Bevölkerungen in Städten und Regionen sowie verschiedener Berufsgruppen und Bildungsabschlüssen an. Dabei fällt ihm die vorwiegend protestantische, genauer puritanische, methodistische, pietistische und calvinistische, Prägung der schweizerischen, norddeutschen, niederländischen, englischen und vor allem amerikanischen Städte auf, die sich zu Zentren der Industrialisierung entwickelt haben. Als Merkmale der Protestanten stellt Weber insbesondere die konsequente Lebensführung heraus. Weiter betont er die Bedeutung der Prädestinationslehre, die sich in erster Linie im Calvinismus niederschlägt und Erwerbs- und Gewinnstreben als eine Voraussetzung für ein gottesfürchtiges Leben bestimmt. Gemäß dieser Weltanschauung sieht der Protestant die Gnade Gottes in Form von irdischem oder besser geschäftlichem Erfolg schon auf Erden. Analog dazu wird Erfolglosigkeit als Ungnade gewertet. Um dieser Ungnade zu entkommen oder vielmehr Gottes Wohlgefallen zu erlangen hat jeder für die Ehre Gottes und somit gleichzeitig zur Erweiterung von Gottes Ruhm zu arbeiten. Als Erweiterung der These kann gelten, dass Gott nicht die Faulen, sondern Fleißige mag.

Derartige religiöse Deutungsmuster und Weltsichten führten zu einem besonderen modernen abendländischen Menschentypus: dem Berufsmenschen. Der Berufsmensch zeichnet sich besonders durch eine methodische, zweckrationale Lebensführung, ein strenges Arbeits- und Zeitmanagement und eine fachspezifische Bildung als auch Fachmenschentum sowie ein starkes, die Triebe (Es) unterdrückendes Über-Ich aus. Prägend ist bei alledem die innerweltliche Askese: Gott gilt ihm als höchstes Prinzip eines persönlichen Gewissens; Sparsamkeit, Ehrgeiz aber auch Einsamkeit prägen seinen Lebensstil. Mit einher geht dadurch die Entzauberung der Natur, der Gemeinschaft und des anderen Ichs, wodurch die gesellschaftlichen Bindungen erodieren.

Der erste Teil der Protestantismusthese lautet demnach: Der Protestantismus bildet den religiösen Kontext der Entstehung des modernen Kapitalismus. Der zweite Teil der These: Der „einmal im Sattel sitzende Kapitalismus“[6] benötigt jedoch keine religiöse Basis mehr. Der Kapitalismus hat sich seine eigenen Strukturen mitsamt Zwängen geschaffen, die Handelnden müssen sich ihm nun unterwerfen: der Kapitalismus wirft die Religion ab.

„Der Puritaner wollte Berufsmensch sein, – wir müssen es sein. Denn indem die Askese aus den Mönchszellen heraus in das Berufsleben übertragen wurde und die innerweltliche Sittlichkeit zu beherrschen begann, half sie an ihrem Teile mit daran, jenen mächtigen Kosmos der modernen, an die technischen und ökonomischen Voraussetzungen mechanischmaschineller Produktion gebundenen, Wirtschaftsordnung

erbauen, der heute den Lebensstil aller einzelnen, die in dies Triebwerk hineingeboren werden – nicht nur der direkt ökonomisch Erwerbstätigen –, mit überwältigendem Zwange bestimmt und vielleicht bestimmen wird, bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist.“[7]

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Max Weber einen Zusammenhang zwischen einerseits protestantisch-calvinistischer Lebensführung der Gläubigen und andererseits der Entstehung moderner kapitalistischer Verhaltensweisen herausarbeitet. Als entscheidende Begriffe dienen ihm hierbei die „methodisch rationale Lebensführung“, die „innerweltliche Askese“ und das „Berufsmenschentum“. Die Religion und hierbei insbesondere der Protestantismus trägt zu einer rationalen Lebensführung bei, wodurch letztendlich der Kapitalismus als eine Wirtschaftsordnung ermöglicht wird. Der Kapitalismus beruht nach Weber nicht auf Ausbeutung, sondern auf rationalen Planungs-, Kontroll-, und Tauschverhältnissen. Der Protestantismus führte somit zu der Herausbildung eines Berufsmenschen, der vor allem durch Prinzipien gesteuert ist und sich wenig von Traditionen und damit überkommenen Werten leiten lässt. Die Berufsmenschen und der Kapitalismus brauchen in der Folge die Religion nicht mehr, vielmehr sind die selbst geschaffenen ökonomischen und bürokratischen Zwänge „stahlhart“. Die einzelnen Betriebe und Behörden dienen als „stahlharte Gehäuse der Hörigkeit“.

[...]


[1] Trevor-Roper, Hugh Redwald: Religion, Reformation und sozialer Umbruch, Frankfurt a.M. u.a. 1970, S. 25-26.

[2] Polišenský, Josef: Documenta Bohemica Bellum Tricennale illustarntia – Tomus 1 – Der Krieg und die Gesellschaft in Europa 1618-1648, Prag 1971, S. 89.

[3] Weber, Max: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Tübingen 1972, S. 9.

[4] Ebd., S. 4.

[5] Ebd., S. 7.

[6] Weber, Max: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Tübingen 1972, S. 46.

[7] Weber, Max: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Tübingen 1972, S. 203.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Max Webers Protestantismusthese, die Kritik aus historischer Sicht und das Beispiel Hans de Witte
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg  (Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Frühe Neuzeit : Die Vormoderne im Spiegel soziologischer Theorien
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V92462
ISBN (eBook)
9783638061681
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Webers, Protestantismusthese, Kritik, Sicht, Beispiel, Hans, Witte, Frühe, Neuzeit, Vormoderne, Spiegel, Theorien
Arbeit zitieren
Oliver Quast (Autor), 2008, Max Webers Protestantismusthese, die Kritik aus historischer Sicht und das Beispiel Hans de Witte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92462

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