Die Veränderung des Rollenbildes des Vaters im Anblick der Theorie-Tradition. Durkheimer, die Rational/Utilitarian-Tradition und Mikrointeraktionistischen Traditionen


Seminararbeit, 2020

20 Seiten, Note: 1,0


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsstand

3 Methode

4. Theoretischer Rahmen
4.1. Konflikt-Tradition
4.1.1. Beschreibung der Konflikt-Tradition
4.1.2. Anwendung der Konflikt-Tradition
4.2. Durkheim'sche Tradition
4.2.1. Beschreibung der Durkheim'schen Tradition
4.2.2. Anwendung der Durkheim'schen Tradition
4.3. Rational/Utilitarian-Tradition
4.3.1. Beschreibung der Rational/Utilitarian-Tradition
4.3.2. Anwendung der Rational/Utilitarian-Tradition
4.4. Mikrointeraktionistische Tradition
4.4.1. Beschreibung der Mikrointeraktionistischen Tradition
4.4.2. Anwendung der Mikrointeraktionistischen Tradition

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Historisch gesehen gibt es nicht das eine feste Rollenbild des Vaters. Es gibt vielmehr unterschiedliche Rollenbilder, die sich über die Epochen hinweg geändert haben. In der Geschichte gab es seither Unterschiede im Rollenbild des Mannes in der Familie abhängig von ethnischer Herkunft, sozialer Klasse oder Religion (Fthenakis, 1999, p. 27). Im frühen 19. Jahrhundert mit dem Auseinanderfallen von Wohn- und Arbeitsstätte wurde es zum kulturellen Ideal, dass der Vater als einziger Verdiener die Rolle des Ernährers und Beschützers in der Familie übernahm. Er war emotional abwesend und berief seine Verantwortung und seine Selbstidentität auf beruflichen Erfolg (Hofmeister & Baur, 2015, p. 244). Die Ehefrau bewirtschaftete währenddessen die Wohnung als Oase der Erholung von der väterlichen Erwerbsarbeit und zog die Kinder groß. Mit der Zeit etablierte sich das „Ernährer-Hausfrau-Modell“ in breiteren Bevölkerungsschichten (Baur, Fülling, Hering, & Vogl, 2019, p. 116). Neben dem Erziehungs- und Fürsorgeaspekt hat auch soziales Ansehen anhand von finanziellem Wohlstand zu dem Rollenbild des Ernährers und Alleinverdieners beigetragen. Während dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr Sorge durch den Vater gefordert wurde, verfestigte sich schon in den 1930ern die Mutter-Kind-Achse als „Zentrum familiärer Beziehungen“ (Fthenakis, 1999, p. 26). Die Bedeutung der Mutter-Kind-Dyade, die aktive Sozialisation des Kindes durch die Mutter, nahm zu (Lorenzer, 2002, p. 152). Die Bindungstheorie, zunehmende Scheidungsquoten sowie feministische Bewegungen der 60er und 70er Jahre trugen zu der Grundhaltung bei, dass die Mutter nahezu vollständig für die emotionale, psychologische und soziale Entwicklung ihrer Kinder verantwortlich ist. Ende der 1990er dann war ein konträres Bild der Vaterschaft wahrzunehmen. Einerseits war der Vater viel mehr als in den Generationen zuvor ein engagierter, fürsorglicher und emotional ansprechbarer Vater und Partner. Andererseits war er weniger physisch Zuhause anwesend als je zuvor. Die Zeitspanne der heimischen Anwesenheit nahm kontinuierlich ab (Fthenakis, 1999, pp. 24-27). Weiterhin begünstigt durch die vermehrte Berufstätigkeit der Frauen und ihrem Anspruch selbst Karriere zu machen, wurde es den Vätern immer wichtiger sich stattdessen intensiver in der Familie zu engagieren (Bianchi, 2011, p. 21). Während bei den Großeltern der heutigen Elterngenerationen oft noch die Arbeitsteilung herrschte und beide berufstätig waren, hat sich bei ihren Eltern das „Ernährer-Hausfrau-Modell“ etabliert (Baur et al., 2019, p. 116). Viele Mütter blieben lange zuhause oder kehrten nicht mehr in die Erwerbsarbeit zurück, während der Vater das Haushaltseinkommen verdiente. So prägte das Rollenbild des Vaters als Ernährer die Lebenswelt derer, die heute selbst Familien gründen und die Rolle von Vätern und Müttern übernehmen. Dieses auf den Vater fokussierte Rollenbild des Ernährers hat sogar Auswirkungen auf das zukunkftsperspektivische Selbstbewusstsein der Kinder. So sind diese weniger von ihrem beruflichen Erfolg überzeugt und treten seltener eine universitäre Laufbahn an, wenn der Vater arbeitslos ist. Mütterliche Arbeitslosigkeit hingegen hat weniger Einfluss auf den Werdegang der Kinder (Lindemann & Gangl, 2019, p. 10). Deshalb soll 13 Jahre nach der Elterngeldreform die Veränderung des väterlichen Rollenbildes betrachtet werden. Diese Hausarbeit wird daher folgende Frage behandeln: Wie würden die Konflikt-, die Rational/Utilitarian-, die Durkheim'sche und die Mikrointeraktionistische Tradition jeweils die Veränderung des Rollenbildes des Vaters seit der Elterngeldreform von 2007 in Deutschland sehen oder erklären?

2. Forschungsstand

Am 1.1.2007 trat das neue Bundeselterngeldgesetz in Kraft und an die Stelle des Bundeserziehungsgeldgesetzes. Das Erziehungsgeld wurde längstens für 24 Monate gewährt und betrug maximal 300 Euro pro Monat, sofern das Haushalteinkommen unter 30.000 Euro per anno lag. Ab dem siebte Lebensmonat wurde das Erziehungsgeld unter niederschwelligen Voraussetzungen weiter gekürzt (Pull & Vogt, 2010, p. 123). Ziel der Elterngeldreform war es, Paare in der Entscheidung Kinder zu bekommen zu unterstützen. Zudem sollten sie vor finanziellen Nachteilen geschützt werden. Die Eltern sollen wirtschaftlich stabil bleiben und das möglichst unabhängig von staatlichen Fürsorgeleistungen. Es sollte außerdem einen Anreiz gesetzt werden, sich mindestens in den ersten 14 Monaten selbst um das Kind zu kümmern. Zudem soll der Vater aktiver in die Sorgearbeit eingebunden werden (BMFSFJ, 2006, p. 5; Ehlert, 2008, p. 7). Diese Ziele sollten durch die Regelungen der Elterngeldreform erreicht werden, indem die Eltern 14 Monate nach der Geburt ihres Kindes

Anspruch auf eine Einkommensersatzleistung in Höhe von 67 % ihres regelmäßigen Nettoeinkommens haben, sofern sie in dieser Zeit nicht arbeiten bzw. in Teilzeit maximal 30 Stunden pro Woche arbeiten. Parallel haben abhängig beschäftigte Eltern Anspruch auf eine (unbezahlte) Elternzeit, in der der Arbeitgeber sie auf Antrag von ihrer Arbeit freizustellen oder ihnen eine Teilzeitbeschäftigung mit bis zu 30 Stunden pro Woche zu gestatten hat. (Pfahl, Reuyß, & Menke, 2009, p. 71)

Für einen Anspruch auf die vollen 14 Monate muss der andere Partner mindestens zwei Partnermonate nehmen (Pull & Vogt, 2010, p. 123). Pull und Vogt (2010) betrachten in ihrer Studie, ob es Unterschiede vor und nach der Elterngeldreform 2007 in Deutschland gibt. Ihr zufolge nahm die Wahrscheinlichkeit, dass Väter in Elternzeit gehen, zu (Pull & Vogt, 2010, p. 131). Einen Hinweis auf eine Änderung des Rollenverständnisses durch die Elterngeldreform könnte uns die Variable geben, die die Modernität der Geschlechterrolleneinstellung abfragt (Pull & Vogt, 2010, p. 134). Zum Begriff der Rolle sagen Joas and Knöbl (2017) nach Talcott Parsons:

Rollen sind Verhaltensmuster, Bündel von Verhaltensvorschriften, die ich normalerweise von selbst erfülle, zu erfüllen habe und auch erfüllen will. Dies erwarten auch meine Mitmenschen von mir, so daß [sic] bei Verhaltensenttäuschung, also bei falschem Handeln meinerseits, Sanktionen der anderen in Form von Strafen, Mißachtung [sic] etc. drohen. Auf Interaktion bezogen, gewährleisten Rollen - weil sie Werte ausdeuten - das geordnete Zusammenhandeln von Menschen. (p. 103)

Die Rolle des Vaters kann mehrere Dimensionen annehmen. Er kann beispielsweise Ernährer der Familie, Familienoberhaupt, Vorbild, Erzieher, Sorgearbeiter, Disziplinierungsperson, Spielkamerad, Partner, Sohn, Haushaltshilfe oder Erwerbsarbeiter sein. Indikatoren für ein modernes Geschlechterrollenverständnis des Vaters können Einstellungen hinsichtlich der Verteilung der Hausarbeit unter den Partnern sowie die soziale Akzeptanz einer Inanspruchnahme der Elterngeldzeit durch die Väter sein (Pull & Vogt, 2010, p. 134). Eine höhere vorherige Beteiligung an der Hausarbeit sowie auch ein moderneres Geschlechterrollenverständnis des Vaters erhöht die Wahrscheinlichkeit einer väterlichen Inanspruchnahme von Elternzeit (Pull & Vogt, 2010, p. 134). Weitere Einflussfaktoren sind die Arbeitgeberorientierung sowie die Familienorientierung (Pfahl et al., 2009, p. 127). Worin die Studie von Pull und Vogt (2010) etwas unklar ist, ist das Ergebnis, dass Väter, deren Partnerin Karriereschritte unmittelbar plant, eher länger als zwei Monate in Elternzeit gehen. Ob die Partnerin allerdings Karriereschritte plant oder nicht, habe hingegen keinen Einfluss mehr auf die Entscheidung für die Elternzeit der Väter (Pull & Vogt, 2010, p. 134). Dieser Punkt könnte für eine Emanzipation der Väter von dem alten Rollenbild des Vaters als Ernährer bedeuten. Welche weiteren Erklärungen und Betrachtungen es für eine Veränderung des Rollenbildes des Vaters seit der Elterngeldreform von 2007 in Deutschland wird daher unter Hinzuziehung weiterer Literatur anhand der Konflikt-, der Rational/Utilitarian-, der Durkheim'schen und der Mikrointeraktionistischen Tradition beleuchtet.

3. Methode

Die verwendete Methode ist die Anwendung der Theorietraditionen auf die Forschungsfrage durch Literaturanalyse. Es wird kein Theorievergleich vorgenommen, da die Theorien nicht untereinander verglichen werden. Im Folgenden werden die Theorietraditionen zunächst umrissen und eine Einordnung der Tradition stattfinden. Dazu werden die Hauptvertreter der jeweiligen Tradition benannt und die Einteilung in Mikro- und Makroebene vorgenommen. Danach erfolgt die Einordnung in eine materiell­ökonomische oder eine symbolische Orientierung. Weiterhin klären wir das Verhältnis von Agency und Structure in der jeweiligen Theorietradition. Anschließend werden die zentralen Grundbegriffe und -thesen der Theorietraditionen dargelegt. Schließlich betrachten wir zur Erörterung der Forschungsfrage wie die jeweilige Theorietradition die Veränderung der Vaterrolle im Berufsleben seit der Elterngeldreform von 2007 in Deutschland sehen und erklären würden. Hierzu wird hauptsächlich das Werk Four Sociological Traditions von Randall Collins (1994) verwendet. Neben der explorativen Studie von Pull und Vogt (2010) wird zur Betrachtung der Veränderung des Rollenbildes des Vaters u.a. die Studie von Pfahl et al. (2009) betrachtet. Sie führten neben dem quantitativen Teil qualitative Leitfadeninterviews mit Elterngeld-Vätern durch (Pfahl et al., 2009, p.6). Aus dem qualitativen Kontext heraus können womöglich genauer Hinweise auf Änderungen des Rollenverständnisses erlangt werden und diese Veränderungen durch Hinzuziehung der Theorie-Traditionen betrachtet und erklärt werden. Bevor in die vergleichende Literaturanalyse eingestiegen wird, werden folgend wiederkehrende Begriffe kurz umrissen.

4. Theoretischer Rahmen

Auf der Makroebene besteht das Abbild der Gesellschaft und ihre Struktur über das Individuum hinaus. Auf der Mikroebene hingegen ist die Gesellschaft aus den Handlungen der Individuen zusammengesetzt (Collins, 1994, p. 124). Der analytische Fokus der Tradition liegt auf der Makroebene in großflächigen sozialen Strukturen und Prozessen. Auf der Mikroebene liegt der Fokus auf kleinräumigen, zwischenmenschlichen Interaktionen und Kleingruppeninteraktionen (Dillon, 2015, p. 27). Die materiell-ökonomisch orientierten Theorien teilen sich die Ausrichtung der Gesellschaft an wirtschaftlichen Interessen. Sie betreffen die materielle Ebene, also was man sehen und anfassen kann. Die symbolisch orientierten Theorien haben die starke Ausrichtung der Gesellschaft an Ritualen gemein (Dillon, 2015, p. 27). Sie betreffen das, was man glaubt, denkt und fühlt. Die Agency ist das autonome Handeln von Individuen und Gruppen gegenüber sozialen Institutionen, sozialen Strukturen und kulturellen Erwartungen. Die Structure hingegen sind forms of social organization (e.g., capitalism, democracy, bureaucracy, education, gender) in a given society which structure or constrain social behavior across all spheres of social life, including the cultural expectations and norms (e.g., individualism) which underpin and legitimate social institutional arrangements. (Dillon, 2015, p. 28)

4.1. Konflikt-Tradition

4.1.1. Beschreibung der Konflikt-Tradition

Die wichtigsten Theoretiker in der Konflikt-Tradition sind Karl Marx und Friedrich Engels sowie Max Weber (Collins, 1994, p. 56). Wir bewegen uns auf der Makroebene, weil großflächige historische Prozesse und Strukturen wie Kapitalismus und soziale Ungleichheit betrachtet werden (Collins, 1994, p. 193). Sie ist materiell­ökonomisch orientiert und ihre Nachbarn sind Geschichte und Wirtschaft. Das Verhältnis von Structure, die von außen vorgegeben ist, und Agency, der individuell-persönlichen Handlung, folgt dem Über-/Unterordnungsprinzip (Collins, 1994, p. 112). Unsere subjektiven Ideen werden durch unsere Klassenposition gebildet und dadurch, wo wir in den Wirtschafts- und Machtverhältnissen stehen. Es geht zentral um die Wechselwirkung zwischen den sowohl sozialen als auch ökonomischen Klassen (Collins, 1994, pp. 86­91). Die zentrale These der Konflikt-Tradition ist, dass stets ein Klassenkampf um die eigenen Interessen herrscht. Ein Kampf herrscht zwischen zwei Gruppen und die Gesellschaft ist im ständigen Wettstreit zwischen Herrschern und Beherrschten, bei dem jeder für seine eigenen Interessen kämpft. Die zentrale Frage ist, wie sich Macht formt und verändert. Marx, Engels und Weber liefern ökonomische Erklärungen für die geschichtliche Entwicklung. Weber zieht zudem kulturelle und religiöse Entwicklungen hinzu und rückt die Bedeutung in den Fokus (Collins, 1994, p. 193). Soziales Handeln soll durch Deutungen verstanden werden und sein Ablauf und seine Wirkungen sollen dadurch ursächlich erklärt werden können. Soziales Handeln ist auf wechselseitige Einflüsse basierendes verhalten (Dillon, 2015, p. 121).

4.1.2. Anwendung der Konflikt-Tradition

Nach der Konflikt-Tradition ist unsere Gesellschaft durch den Kampf zwischen Herrschern und Beherrschten geprägt. Die Akteure, die hinsichtlich der Veränderung des Rollenbildes des Vaters seit der Elterngeldreform von 2007 in Deutschland betrachtet werden, bilden Machtverhältnisse in Sinne von Über-/ Unterordnungsverhältnissen aus (Collins, 1994, p. 112). Auszumachen sind hinsichtlich der Fragestellung der Staat und die Familie, der Staat und der Vater, der Staat und die Mutter, Vater und Mutter, der Arbeitgeber und der Vater, der Vater und das Kind oder die Kinder.

Der Staat übt als übergeordnetes, gesetzgebendes Organ Macht auf seine Bürger aus. In diesem Fall ist die Familie als komplexes gesellschaftliches Konstrukt betroffen. Die verfolgten Ziele sind, die Eltern möglichst unabhängig von staatlichen Fürsorgeleistungen durch die Elterngeldreform von 2007 wirtschaftlich stabil zu halten. Es soll außerdem einen Anreiz gesetzt werden, sich mindestens in den ersten 14 Monaten selbst um das Kind zu kümmern. Zudem soll der Vater aktiver in die Sorgearbeit eingebunden werden und es der Mutter dadurch leichter gemacht werden, wieder ins Berufsleben einzusteigen (Ehlert, 2008, p. 7). Der gesetzte Anreiz zur Selbstbetreuung nimmt wiederum den Staat aus der Schuldigkeit heraus, ein Platzangebot in einer öffentlich geförderten Betreuungseinrichtung wie einem Hort oder einer Kita zu stellen.

Die aktive Einbindung in die Sorgearbeit gesteht dem Vater nun die Rolle des Erziehers, Sorgearbeiters und Spielkameraden zu. Zuvor war seine seit Jahrzehnten zugeschriebene Rolle eigens die des Ernährers der Familie. Ein Wandel in den Köpfen der Gesellschaft soll dahingehend vollzogen werden, dass der Staat dem Vater offiziell Zeit für sein Kind und seine Familie zugesteht und sein Beitrag zum Familienleben nicht allein die Erwerbsarbeit ist.

Es soll das Geschlechterrollenverständnis abgelöst werden, dass Frauen als Mutter und Ehefrau durch die Haus- und Sorgearbeit ihren Beitrag zur Aufrechterhaltung der Arbeitskraft in einem kapitalistischen System leisten (Collins, 1994, p. 79). Mutter und Vater sollen gleichermaßen ihre Arbeitskraft in diesem kapitalistischen System in der Lohnarbeit einsetzen. Die Mütter sollen nach der Geburt durch die aktive Einbindung des Mannes in die Sorgearbeit alsbald wieder ihre Erwerbsarbeit aufnehmen können, um zum Wirtschaftswachstum beizutragen. Dadurch werden alte Muster eines Familienbildes, in dem sich die Mutter der Häuslichen- und Sorgearbeit unterwirft und der Vater für die finanzielle Versorgung zuständig ist, abgelöst (Collins, 1994, 79).

Welches Rollenverständnis der Vater von sich selbst hat, ob er sich als Ernährer wahrnimmt oder dir Rolle des Erziehers, Sorgers und Spielkameraden einnimmt, ist stark von dem Erwerbsstatus der Partnerin abhängig. So haben 80% aller Elterngeld-Väter eine erwerbstätige Partnerin (Pfahl et al., 2009, p. 42). Während das alte Rollenbild zwischen Vater und Mutter bei Helfferich and Müller (2010) so beschrieben wird:

Der Mann musste durch den Zwang der rationalen Lebensführung als Individuum sein Erwerbsleben planen und plante somit auch das seiner Frau mit. Somit war es auch seine Aufgabe für sie zu sorgen ihre Absicherung war durch die vorgegebene Verzahnung mit der Erwerbsbiographie des Mannes gesichert. (p. 64) So scheint es, wie die Ergebnisse von Pfahl et al. (2009) in ihrer Studie andeuten, heute die Erwerbsbiographie der Partnerin zu sein, die dem Vater die Freiheit gibt, sich auch als Vater zu fühlen, sich einbringen zu können und die neue Vaterrolle zu leben (p. 99). Wie stark das Über-/ Unterordnungsverhältnis von Arbeitgeber und Vater ist, wird daran sichtbar, dass Väter in Betrieben mit einer Interessenvertretung eher Elterngeldmonate beanspruchten und Väter in Betrieben ohne Interessenvertretung Abstand davon nahmen. Zudem handelt es sich nur um bestimmte Väter, die überwiegend eine hohe berufliche Qualifikation aufweisen. Fast zwei Drittel der Elterngeld-Väter haben ein Hochschulstudium, ein Zehntel ist verbeamtet. Dagegen hat nur jeder sechste der befragten Väter eine betriebliche oder überbetriebliche duale Ausbildung absolviert (Pfahl et al., 2009, pp. 44-49). Interviews mit ausgewählten Vätern spiegeln wider, dass gerade ihre Beschäftigung im öffentlichen Dienst ihnen eine privilegierte Rolle gegenüber Vätern in der freien Wirtschaft verschaffe. Die Sicherheit des Arbeitsplatzes habe sie in der Entscheidung für die Elterngeldzeit gestützt (Pfahl et al., 2009, pp. 107­108). Auch war es von vielen Arbeitgebern schwer akzeptiert, wenn Väter über den Mindestsatz von zwei Partnermonaten hinaus weitere Monate in Anspruch nehmen wollten (Pfahl et al., 2009, p. 195). Durch den Kampf zwischen Arbeitgebern als Übergeordnete und Arbeitnehmern als Untergeordnete erstritten sich Arbeitnehmer­Väter im eigenen Interesse und im Interesse von Kolleg*innen mehr Akzeptanz für längere Familienauszeiten in der Gesellschaft. Letztlich kann man hier den schlimmsten Fall der „menschlichen Entfremdung“ (Collins, 1994, p. 54) durch den Kapitalismus erkennen, nämlich die vom eigenen Kind. Durch die gesetzlich geförderten Partnermonate ist jedoch ein Wandel vollzogen worden. Die Bilanz nach zehn Jahren Elterngeldreform zeigt, dass inzwischen jeder dritte Vater in Elternzeit geht (BMFSFJ, 2016, p. 6). Meistens nehmen sie sich für zwei Monate von ihrer Erwerbsarbeit frei. Manche nehmen sich auch über diese zwei Monate hinaus Zeit für die Familie frei oder arbeiten in Teilzeit. Einige Väter nehmen auch nach der Elterngeldzeit Elternzeit oder arbeiten weiterhin in Teilzeit (Pfahl et al., 2009, p. 68). Die die Gesellschaft begrüßt die Entwicklung inzwischen und steht dem neuen Elterngeld positiv gegenüber. Väter verbringen mehr Zeit mit ihren Kindern, entwickeln intensive Beziehungen zu ihnen und die Partnerschaftlichkeit zwischen den Eltern wird positiver beurteilt. Die Vaterrolle hat sich vom Ernährer der Familie zum Partner, Sorgearbeiter, Erzieher und Spielkamerad entwickelt (BMFSFJ, 2016, pp. 6-8).

4.2. Durkheim’sche Tradition

4.2.1. Beschreibung der Durkheim’schen Tradition

Die wichtigsten Theoretiker der Durkheim'schen Tradition sind neben Émile Durkheim selbst Auguste Comte, Robert K. Merton, Talcott Parsons und Erving Goffman. Wir bewegen uns in dieser Tradition auf der Makroebene. Die physische Dichte der Gesellschaft bestimmt, was wir denken, fühlen und glauben. Collins (1994) drückt Durkheims Gedanken so aus, dass die soziale Struktur eine Art Kokon um das Individuum herum ausbilde und es somit weniger individuell sondern mehr zum Teil der Gruppe mache (p. 190). Sie ist symbolisch orientiert und beschäftigt sich neben Symbolen mit Ritualen, Traditionen, Normen und Werten. Collins (1994) beschreibt diese Rituale als „die Präsenz der Gruppe von Angesicht zu Angesicht, ein gemeinsamer Fokus der Aufmerksamkeit und gemeinsame Emotionen, unpraktische Handlungen, die für symbolische Zwecke ausgeführt werden“ (p. 206). Ihr Nachbar ist die Anthropologie (Collins, 1994, p. 45). Das Verhältnis von Structure und Agency ist, dass sich etablierte Strukturen aus individuellen Handlungsmustern entwickelt haben. Die zentrale These der Durkheim'schen Tradition ist, dass Gesellschaft unabhängig von den in ihr befindlichen Individuen existiert. Die Durkheim'sche Tradition lehrt, wie soziale Rituale Solidarität schaffen und welche Symbole wir zum Denken verwenden. Unsere Denkweise besteht aus Ideen, die mit Moralvorstellungen der Gruppe, in der wir leben, versetzt sind. Unsere sozialen Zugehörigkeiten bestimmen, was wir denken, was die Realität ist. Sie erschaffen eine moralische Notwenigkeit, an ihre Echtheit zu glauben und wir werden moralisch verurteilt, wenn wir an diesen Überzeugungen zweifeln (Collins, 1994, p. 4). Außerdem kann Soziales nur durch Soziales erklärt werden, nicht durch andere Wissenschaften. Nach Durkheim hat die Gesellschaft kein zentrales Bewusstsein, sondern es existiert nur im Individuum. Dieses folgt nur seinen eigenen rationalen Interessen. Die Gesellschaft formt sich infolgedessen durch das Eingehen von Verträgen um in Austausch mit den anderen Individuen zu treten. Unser jetziges Handeln erschafft feste Handlungsräume für spätere Generationen und unsere Handlungsräume stammen aus gesellschaftlichen Handlungen früherer Generationen. Die Gesellschaft überdauert das Individuum (Collins, 1994, p. 197).

Während nach der Konflikt-Tradition die Mobilität, Urbanisierung und Spezialisierung der industriellen Revolution zu Entfremdung und Klassenkonflikten führten, führen die gleichen Faktoren nach der Durkheim'schen Tradition zu neuen Arten von Solidarität und Systemfunktion. Dass diese Tradition gerade Konflikt und Beherrschung wenig Beachtung schenkt, ist einer ihrer Nachteile. Ein Vorteil ist hingegen, dass unter die Oberfläche geschaut wird und die Perspektiven sozialer Probleme aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. Denn wo jemand einen Nachteil erfährt, zieht ein anderer einen Vorteil daraus. Betrachtet man die unterschiedlichen Perspektiven, lassen sich Probleme besser lösen (Collins, 1994, pp. 192-193).

4.2.2. Anwendung der Durkheim’schen Tradition

Das Rollenbild des Vaters im Berufsleben könnte eine Veränderung erfahren, indem durch das Gesetz eine neue Moralvorstellung in der Gesellschaft etabliert. Väter nahmen zunächst aus individuellem Interesse die Partnermonate in Anspruch und darüber hinaus zusätzliche Monate. Väter setzten so für andere Väter ein Zeichen. Durch das aktive Handeln zeigten sie der Gesellschaft das Bedürfnis nach mehr Zeit für Familie und ein neues Rollenverständnis. Besonders aktive Väter haben als Vorreiter die zunächst verhaltene Meinung der Gesellschaft ignoriert, sind ihren eigenen Interessen gefolgt und haben Elternzeit genommen. Über die Jahre hinweg haben immer mehr Väter die Partnermonate genommen (BMFSFJ, 2016, pp. 6-8). Die Veränderung in der Vaterrolle zeigt, wie Gruppen wie beispielsweise Interessenvertretungen solidarisieren und Väter in ihrer Entscheidung stützen. Nach Durkheim sind es tradierte Moralvorstellungen, die von Generation zu Generation weitergegeben und von allen geteilt werden. Diese gemeinsamen Moralvorstellungen und Rituale, die von den Eltern an die Kinder weitergegeben werden, schaffen ein Kollektivbewusstsein, das die Individuen verbindet. Die Kräfte von außen bestimmen unser Denken und soziales Handeln, das Tradierte hat für jeden einzelnen die gleiche Bedeutung. Die Bedeutung der Gesellschaft steht im Vordergrund, was Durkheim „mechanische Solidarität“ nennt (Durkheim, 1984, p. 154). Diese tradierten Regeln weichen durch die Elterngeldreform auf. Die Gesellschaft wird in Befürworter, Zweifler und Gegner gespalten. Es kommt zu einer Konfrontation mit individuellen Meinungen durch (mediale) Kommunikation. Die insgesamt starke Integration der Individuen in die Gruppe verwässert. Es gibt plötzlich eine Vielzahl von neuen und alten Wertvorstellungen. Der Einzelne muss selbst entscheiden, welche für ihn die richtigen Werte sind. Das Kollektivbewusstsein wird schwächer und somit wird die Integration jedes Einzelnen in die Gemeinschaft schwächer. Nun muss an Stelle der sozialen Werte etwas treten, das das Kollektivbewusstsein hervorruft. Das könnte das Interesse an der Neudefinition der Vaterrolle sein. Es ergibt sich zum einen aus den individuellen Interessen heraus, zum anderen durch das Wissen um die Notwenigkeit der Zusammenarbeit. Die ersten Elterngeld-Väter gingen daher beispielhaft voran und im ersten Jahr nahmen 21% der Väter mindestens zwei Partnermonate oder mehr. Die Zahl der folgenden Elterngeld-Väter stieg auf 34% an (BMFSFJ, 2016, p. 6). Die Zunahme der Elterngeld-Väter könnte auf eine Veränderung der Moralvorstellung in der Gesellschaft durch das offenbare Bedürfnis nach einer Veränderung der Vaterrolle weg vom Ernährer hin zum Erzieher und Spielkameraden.

4.3. Rational/Utilitarian-Tradition

4.3.1. Beschreibung der Rational/Utilitarian-Tradition

Die Rational/Utilitarian-Tradition zeigt uns die begrenzten Fähigkeiten des Menschen zur Informationsverarbeitung, seine begrenzte Rationalität und die Paradoxe der kognitiven Wahl auf (Collins, 1994, p. 4). Sie ist eine sehr alte Theorietradition, deren Vertreter britische Gesellschaftsphilosophen waren. Im 18. Jahrhundert sei Jeremy Bentham zu nennen, im 19. Jahrhundert John Stuart Mill und im 20. Jahrhundert letztlich Herbert Spencer und William Graham Sumner (Münch, 2002, p. 24). Sie steht wie die Konflikt-Tradition eng mit der Wirtschaft in Verbindung und ist materiell-ökonomisch orientiert (Collins, 1994, p. 121). Sie betrachtet das Individuum jedoch auf der Mikroebene. Rationale individuelle Interessen und die Berechnung des eigenen Vorteils bilden soziale Muster aus (Collins, 1994, pp. 123-124). Das Individuum hat die Handlungsfreiheit und die Gesellschaft bildet die Strukturen aus, damit das Individuum seinen Interessen folgen kann. Die andere, weniger selbstzentrierte Strömung in dieser Tradition, beschreibt eine Welt, in der Menschen sich untereinander rational austauschen, sodass sich alles zum Besten entwickelt. Die Interessen der Individuen führen zu wiederholt rationalen Handlungen und Interaktionen, die der Verwirklichung von individuellen Selbstinteressen dienen. Die Gesellschaft ist eine Ansammlung von Individuen, in der jedes Individuum versucht zu bekommen was es möchte (Collins, 1994, p. 137). Die Menschen sind nach Vertretern dieser Tradition grundsätzlich selbstsüchtig, kommen aber recht gut miteinander aus, solange ihre Motivationen zueinander passen (Collins, 1994, p. 163).

4.3.2. Anwendung der Rational/Utilitarian-Tradition

Nach der Rational/Utilitarian-Tradition hat das Individuum die Handlungsfreiheit und die Gesellschaft bildet die Strukturen aus, damit das Individuum seinen Interessen folgen kann. Die Väter, haben das Interesse an einer Veränderung in einer etablierten Gesellschaftsstruktur, ihrer Vaterrolle, ausgedrückt in mehr Zeit mit der Familie und aktive Teilhabe an der Sorgearbeit, sodass sie sich zusammentun und mit gutem Beispiel voranzugehen, um für mehr Akzeptanz in der Gesellschaft zu sorgen. Die Gesellschaft bildet daraufhin Strukturen aus, in denen das Wahrnehmen der Interessen möglich ist. Zum einen schlägt sich das im Erlass des neuen Elterngeldgesetzes in 2007 nieder sowie in der allgemeinen Akzeptanz der Bevölkerung.

Die oben genannte Kernthese, die Menschen kämen gut miteinander aus, solange ihre Motivationen gut zueinander passe, lässt sich hinsichtlich der Veränderung des Rollenbildes des Vaters durch die Elterngeldreform daran erkennen, dass Väter mit der gleiche Motivation sich gegenseitig den Weg bereiten, auch wenn sie zunächst Karrierehindernisse fürchten (Pfahl et al., 2009, p. 124). Andere Väter, die sich mit dem Rollenbild des Ernährers besser identifizieren können, könnten sich hingegen vom Wandel der Vaterrolle unter Druck gesetzt fühlen, in Elternzeit zu gehen, ohne die Familienzeit tatsächlich genießen zu können.

Die Partnerschaftlichkeit zwischen den Eltern wird positiver beurteilt, wenn der Vater die Partnermonate beansprucht (BMFSFJ, 2016, pp. 6-8). Die Mütter möchten arbeiten und wünschen sich einen modernen Doppelverdiener- und Doppelsorgerhaushalt. Ihnen kommt dabei die Unterstützung der Väter entgegen. Die Väter möchten ihre Rolle als Erzieher und Sorgearbeiter einnehmen. Die Arbeitsteilung mit der Partnerin komm ihnen dabei ebenfalls zugute. Auch hier werden Selbstinteressen verfolgt und dennoch ist die Motivation insoweit gleich ausgerichtet, dass sie miteinander harmonieren. Es gibt hingegen auch andere Interessengruppen von Frauen, die sich einige Jahre voll und ganz der Mutterschaft widmen möchten (Wall & Escobedo, 2013, p. 106). Sie könnten sich von dem Wandel in der Gesellschaft unter Druck gesetzt fühlen, schneller als beabsichtigt wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren zu müssen. Doch wie in der Durkheim'schen Tradition bereits erwähnt, könnten sich diese Mütter in einer Gruppe gleichdenkender Mütter solidarisieren. Ihre Lebenswelt würde durch gegenläufige Meinungen nicht tangiert (Abels, 2010, pp. 189-190). Die gleiche Motivation dieser sozialen Gruppe führt wiederum zu einem guten Miteinander im Sinne der Rational-/Utilitarian- Tradition.

Passen die Motivationen nicht gut zueinander, wie die der Arbeitgeber gegen die der Väter, kommt es zum Motivationskonflikt. Der Arbeitgeber denkt wirtschaftlich und möchte die volle Arbeitskraft der Väter behalten und will auch, dass die Mütter weiterhin arbeiten. Nach der Rational Choice Theory ist das Ziel der Unternehmer die Maximierung der Produktion (Collins, 1994, p. 124). Im industriellen Kontext formuliert Collins (1994) nach Herbert Simon, dass dann viele Unfälle passieren und zu viele Arbeiter verletzt werden, was die Produktion verlangsamt und daher die Sicherheit ebenfalls maximiert werden muss (p. 154). Übertragen heißt das, dass es sowohl durch den beruflichen als auch familiären Druck zu einer Doppelbelastung sowohl bei Vätern und Müttern kommt. Väter könnten unter noch größerem Druck stehen, weil sie dem Rollenbild eines „neuen Vaters“ entsprechen wollen und sollen. Hinzu kommt der Druck vom Arbeitgeber. Gerade Väter in weniger qualifizierten Positionen seien von diesem Druck betroffen, berichtet ein Vater im Interview von Pfahl et al. (2009, p. 112). Aus den veralteten Rollenbildern in der Gesellschaft kommt der Druck hinzu, Ernährer der Familie zu sein. Das kann zu Arbeitsausfallzeiten führen (Collins, 1994, p. 154). Die Väter erleiden zwar durch die Arbeitsmaximierung keine Arbeitsunfälle im eigentlichen Sinne mehr. Vielmehr können die Belastungen zu durch Stress induzierte Krankheitsbildern führen (Böckelmann & Seibt, 2011, p. 209). Ein Arbeitgeberwechsel des Vaters ist auch denkbar, wenn dieser bei seinem neuen Arbeitgeber familienfreundlichere Bedingungen erfährt. So gehört es dazu, dass der Arbeitgeber durch die Veränderung des Rollenbildes des Vaters auch seine eigene Position neu überdenkt und selbst eine familien- und väterfreundliche Struktur ausbildet. Seine Motivation ist das Halten und Gewinnen von qualifizierten Arbeitnehmer*innen. Somit haben im Sinne der Rational-/Utilitarian- Tradition rationale Handlungen der Verwirklichung von individuellen Selbstinteressen gedient.

4.4. Mikrointeraktionistische Tradition

4.4.1. Beschreibung der Mikrointeraktionistischen Tradition

Die Mikrointeraktionistische Tradition lehrt, dass die Gesellschaft in unseren Köpfen gebildet wird. Unsere Gespräche und alltäglichen Begegnungen bilden unser eigenes Verständnis der sozialen Realität (Collins, 1994, p. 4). Ihren Ursprung hat die Mikrointeraktionistische Tradition in der Epoche der Romantik und des Idealismus. Die wichtigsten Theoretiker aus dieser Zeit sind Kant, Hegel, Schopenhauer und Dilthey (Collins, 1994, p. 243). Später sind es Mead, Cooley, W. I. Thomas und Blumer und einige der jüngsten Vertreter sind Schütz, Garfinkel und Goffman. Wir bewegen uns in dieser Theorietradition auf der Mikroebene, da sie besagt, dass die Gesellschaft in jedem Individuum selbst entsteht. Diese Nähe zur Psychologie lässt die Entwicklung der Sozialpsychologie zu und bewegte Collins (1994) zufolge Homans zu der Aussage, die Grundprinzipen der Soziologie seien in Wirklichkeit bloß Anwendungen der Psychologie (p. 136). Die Tradition ist symbolisch orientiert. Gemeinsame Werte und Symbole entstehen durch menschliche Interaktion. Das Individuum schafft sich das Abbild seiner Umwelt selbst. Das Selbstbild erschafft sich, wie Bierstedt (1981) Cooley zitiert, folgendem Leitgedanken nach: „I am not what I think I am and I am not what you think I am, I am what I think that you think I am” (p. 98). Zentraler Gegenstand der Mikrointeraktionistischen Tradition ist das Individuum und wie es die Gesellschaft aus sich heraus entwickelt. Die These ist, dass Individuen durch bedeutungsvolle soziale Interaktionen dazu beitragen, dass gemeinsame Werte und Symbole entstehen, was wiederum das Verhalten der Menschen beeinflusst. Der Fokus liegt auf dem Individuellen. Collins (1994) beschreibt, dass die Menschen „in their own little worlds of cognitive reality-construction“ leben, „like separate bubbles in a stream” (p. 178). Ihnen ist alles um sich herum gleichgültig, solange die Interaktion für das Individuum nicht relevant ist. Das zentrale Modell ist die sogenannte Role Theory nach Robert Merton und Ralph Turner (Collins, 1994, p. 265). Als Kind lernt man zunächst nur eine Rolle anzunehmen. Das Kind entwickelt seine Persönlichkeit und integriert sich in die Gesellschaft. Zur Integration kann abhängig von der sozialen Situation auch mehr als eine Rolle angenommen werden. Als Erwachsener werden die Rollen schließlich situationsabhängig reflektiert und danach entschieden, welche Rolle die eigene ist (Collins, 1994, p. 262). Dieses Prinzip ist eingegliedert in ein gesamtgesellschaftliches Konstrukt. Die Gesellschaft erneuert sich ständig durch Interaktionen zwischen Individuen. Die gemeinsamen Werte, Normen und Symbole beeinflussen das Verhalten der Individuen und kreieren die Bedeutung der Werte, Normen und Symbole durch Interaktion miteinander (Collins, 1994, pp. 261-265).

4.4.2. Anwendung der Mikrointeraktionistischen Tradition

Eine Person kann je nach Kontext Vater, Partner, Sohn, Bürger, Arbeitnehmer oder Kollege sein. Der Mensch versteht sich so wie er denkt, dass seine Mitmenschen ihn sehen. Das heißt, dass die Veränderung des Rollenbildes des Vaters durch die Elterngeldreform zunächst in den Köpfen der Väter selbst stattfindet. Die Realität ist für jeden die, die er selbst als solche wahrnimmt. Teilweise überschneidet sich diese mit der Realität anderer Menschen, teilweise driften die Realitäten der Mitmenschen stark auseinander. Einen Einblick geben uns die von Pfahl et al. (2009) interviewten Väter, was die Elternzeit-Fähigkeit von Führungskräften angeht (p. 110-113). Väter ohne Führungsverantwortung waren der Ansicht, dass es für Väter mit Führungsverantwortung schwerer sei, in Elternzeit zu gehen. Ein Interviewpartner war sogar der Ansicht es gäbe Positionen, in denen „sich die Leute denken: ,Muss das jetzt sein?’“ (Pfahl et al., 2009, p. 112). Andere Väter in Führungspositionen hingegen halten ihren arbeitsorganisatorischen Handlungsspielraum ausschlaggebend dafür, die Elterngeldmonate zu nutzen und hätten es leichter, ihre Möglichkeiten durchzusetzen (Pfahl et al., 2009, p. 112).

Viele Väter, die jetzt Kinder bekommen, haben selbst als Kind ihren Vater noch in der Rolle des Ernährers der Familie erlebt. Womöglich sind sie sogar selbst zunächst in diese Rolle hineingewachsen und wurden mit diesem Rollenverständnis sozialisiert. Als Erwachsene befanden sie sich nun selbst in der Situation ihr Rollenverständnis zu reflektieren und entschieden die Rolle eines „neuen Vaters“ (Hofmeister & Baur, 2015, p. 246) anzunehmen. Die Reflektion könnte durch die Elterngeldreform ausgelöst worden sein. Wie Pull und Vogt (2010) in ihrer Studie herausfanden, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Väter in Elternzeit gehen, ist mit der Elterngeldreform gestiegen (p. 131). Bei einigen Vätern kam die Reflektion der Rolle auch erst nach der Elterngeldreform beim zweiten Kind. Das war in der Studie von Pfahl et al. (2009) bei fast dreiviertel der Befragten der Fall (p. 42). Beim Rollenverständnis des Vaters macht es, wie bereits gesagt, auch etwas aus, wie der Einzelne darüber denkt, was andere über ihn denken. Deshalb ist es auch für eine Änderung des Rollenbildes wichtig, das Rollenverständnis der Gesellschaft insgesamt zu verändern. Denkt der Mensch, dass sein soziales Umfeld ein positives Bild von ihm hat, hat er selbst auch ein positives Bild von sich. Die Wahrscheinlichkeit, als positiv bewertet zu werden, steigt mit der Handlungskonformität allgemein gültiger Normen und Werte eines sozialen Umfelds. Arbeitet der Vater in einem zusätzlich männlich-chauvinistischen Umfeld könnte er sein altes Rollenbild nicht einfach hinterfragen oder leicht ändern können. Eine wertschätzende, emanzipierte Umgebung könnte dazu beitragen, alte Muster zu reformieren. Der Mikrointeraktionistischen Tradition folgend könnte der Vater in einer solchen Umgebung automatisch von sich denken, selbst ein neuer Vater zu sein, da er denkt, dass sein Umfeld dies von ihm halte.

5. Fazit

Die Konflikt- Tradition und die und Durkheim’sche Tradition beschreiben auf der Makroebene, wie die Gesellschaft das Individuum prägt. Die Rational/Utilitarian- Tradition und Mikrointeraktionistische Tradition beschreiben auf der Mikroebene, wie das Individuum die Gesellschaft bildet. Insgesamt prägen sich Gesellschaft und Individuum aus einer Wechselwirkung heraus gegenseitig (Collins, 1994, o.A). So verschwimmen etwa Durkheim’sche und Mikrointeraktionistische Tradition auf der symbolischen Ebene, und die Konflikt- und Rational/Utilitarian-Tradition auf der materiell-ökonomischen Ebene. Auch Theorietraditionen, die wie die Durkheim’sche Tradition und die Rational/ Utilitarian-Tradition konträr zueinanderstehen, haben Gemeinsamkeiten. Es geht um sich sozial wiederholende Phänomene: Menschen wägen ab, wovon sie einen Nutzen haben und das wiederholt sich. Insgesamt kann man keine der Theorien isoliert betrachten, sie verschwimmen vielmehr miteinander. Die Reformierung des Elterngeldgesetzes konnte unter der Betrachtung der vier Theorie­Traditionen ähnliche Auswirkungen sowohl auf das Individuum als auch auf die Gesellschaft an sich haben. Zum einen wurden Strukturen zur Reformierung der Vaterrolle durch das neue Elterngeldgesetz in 2007 ausgebildet. Die tatsächliche Nutzung von zunächst nur etwa einem Viertel der betroffenen Väter hat andere Väter darin bestärkt, ebenfalls die Elterngeldzeit wahrzunehmen. Innerhalb von zehn Jahren führte das zu einem Anstieg der Elterngeldnutzung auf fast ein Drittel der berechtigten Elterngeldväter (BMFSFJ, 2016, S. 8). Die Nutzung des Individuums hat das Rollenbild des Vaters in der Gesellschaft in Deutschland reformiert und aus deutschen Vätern „neue Väter“ gemacht. Es bleibt zu hoffen, dass eine Änderung des Rollenbildes sich in der Gesellschaft verfestigt und dadurch hinsichtlich des zukunftsperspektivischen Selbstbewusstseins der Kinder ebenfalls ein Richtungswechsel einstellt.

Weitere Forschung könnte klären, ob die Änderung des Geschlechterrollenverständnisses liegt vielleicht nicht an der Elterngeldreform in Deutschland allein. Studien aus anderen europäischen Ländern könnten Hinweise wie die aus Spanien von Barbeta-Vinas und Cano (2017) und Cano (2019) liefern, die sich mit der Reformierung des Geschlechterrollenverständnisses sowie dem „neuen Vater“ beschäftigen. Eine Betrachtung des Wandel in weiteren OECD-Ländern wie Schweden könnte ebenfalls interessant sein, da sie schon 1974 das erste Land war, das eine reformierte Elterngeldregelung mit ähnlichen Zielen wie die der Elterngeldreform in Deutschland von 2007 erließ (Eydal & Rostgaard, 2018, pp. 131-137).

6. Literaturverzeichnis

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Details

Titel
Die Veränderung des Rollenbildes des Vaters im Anblick der Theorie-Tradition. Durkheimer, die Rational/Utilitarian-Tradition und Mikrointeraktionistischen Traditionen
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Soziologie)
Veranstaltung
Propädeutikum
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
20
Katalognummer
V924642
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorietraditionen, Durkheim, Marx, Engels, Konflikt-Tradition, Rational/Utilitarian-Tradition, Mikrointeraktionistische Tradition, Rollebild, Ernährermodell, Väter, Bundeselterngeldgesetz, Elternzeit, Partnermonate, Elterngeldreform, Geschlechterrollen, Literaturanalyse, Randall Collins, Dillon, Max Weber, Machtverhältnisse, symbolischer Interaktionismus
Arbeit zitieren
Romina Füßer (Autor), 2020, Die Veränderung des Rollenbildes des Vaters im Anblick der Theorie-Tradition. Durkheimer, die Rational/Utilitarian-Tradition und Mikrointeraktionistischen Traditionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/924642

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