Gerechter Krieg in der arabisch-islamischen Philosophie. Al-Fârâbî und die mittelalterliche Philosophie bis ins 10. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung
1.1. Gerechtigkeit und Krieg
1.2. Von natürlichem Recht hin zu Gerechtigkeit

2. Perspektiven
2.1. Einführung in die arabisch, mittelalterliche Philosophie
2.2. Aristoteles - Gerechtigkeit und Krieg
2.3. Der Koran als Majorprämisse

3. Schlusswort
3.1. Fârâbis Perspektive
3.2. Fazit

4. Bibliographie
4.1. Literatur
4.2. Primärquellen Übersetzungen

1. Einleitung

1.1. Gerechtigkeit und Krieg

Krieg ist allgegenwärtig. Menschen fechten schon solange wir denken können Kämpfe gegeneinander aus1. Unterscheiden tun sich diese über die Zeit hinweg nur in ihrem Ausmaß, der verwendeten Waffentechnologie und ihren Rahmenbedingungen. Solche Rahmenbedingungen lassen sich auch Regeln oder Kriegsregeln nennen. Solche Regeln dienen unter anderem der Unterscheidung von Krieg und Terror2. Auch in der deutschen Verfassung existieren solche Regeln, die als Gesetze bezeichnet werden. So darf ein Krieg, an dem die deutsche Bundeswehr beteiligt ist, nur der Verteidigung3 oder der Wahrung des Friedens4 dienen. Durch Gesetze wie diese, wird an erster Stelle der Eindruck vermittelt, dass kriegerische Handlungen notwendig sind. Zusätzlich erhalten Kriege auf diesem Weg eine Rechtfertigung für ihre Ausübung und machen einen Krieg zu einem Gerechten-Krieg. Nun verhält es sich allerdings so, dass die modernen, festgeschrieben Gesetze sich zumindest in ihrer Form von den Rahmenbedingungen unterscheiden, die beispielsweise ausschlaggebend für die Nationen und Völker des Mittelalters waren. Die Quellenlage bezüglich solcher Kriege konzentriert sich in den meisten Fällen auf die christlichen Kriege und die damit einhergehenden Legitimationen der Herrscher, Glaubensführer und Philosophen aus dieser Zeit. Doch Kriege wurde auch auf Seiten der nichtchristlich geprägten Völker ausgetragen, wobei den Kreuzzügen eine bekannte Überschneidung zweier kämpferischer Völker anzuheften ist. Da es jedoch immer zwei Seiten einer Geschichte gibt und somit auch der Geschichte über die Gründe solcher Auseinandersetzungen, ist ein Blick auf die arabisch-islamische Seite richtig und notwendig. Im Folgenden sollen daher kriegerische Handlungen des arabischen Mittelalters im Fokus stehen, ohne diese mit der christlichen Perspektive zu vergleichen oder wertend zu behandeln. Ziel ist es, die Hintergründe für solche Kriege von der arabisch- islamsich philosophischen Perspektive aus zu betrachten und eine Antwort auf die Frage zu finden:

Gab es aus Sicht der arabisch-islamsichen Philosophie einen Gerechten-Krieg? Der Einfachheit halber wird in dieser Ausarbeitung statt der Bezeichnung >>arabisch-islamische<< Philosophie die Schreibweise »arabische« Philosophie Verwendung finden. Diese Maßname hat keinen wertenden Charakter und ist nur eine vereinfachte, leserdienliche Schreibweise.

Zeitlich wird nicht das gesamte Mittelalter abgedeckt, sondern bloß der Zeitraum des 8. bis 10. Jahrhunderts. Einleitend findet ein Exkurs in das Naturrecht statt, der den Einstieg in die Idee von Recht und Gerechtigkeit erleichtern soll, sowie erste Ansätze für eine arabische Philosophie aufzeigt. Es folgt dann ein Auszug über die Einflüsse antiker, griechischer Philosophie, welche einen enormen Einfluss auf die arabische Philosophie hatte. Das Naturrecht als solches hat schon die heute noch geläufige Goldene Regel >> was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinem anderen zu! << 5 beeinflusst und soll in Zusammenhang mit Gerechtigkeit gebracht werden, wie sie für die hier zu beachtende Perspektive auf Gerechten-Krieg gilt. Ein solcher Einfluss lässt sich unter anderem damit begründen, dass zu Beginn der arabischen Philosophie viele der antiken Texte übersetzt und kommentiert wurden6. Im Anschluss daran wird nochmal explizit herausgefiltert, woher die arabische Philosophie ihre Ideen über Gerechtigkeit hatte und wie daraus folgend ein Gerechter-Krieg begründet werden konnte.

1.2. Von natürlichem Recht hin zu Gerechtigkeit

Wenn über Gerechten-Krieg gesprochen wird, muss zunächst die Frage gestellt werden, was Gerechtigkeit bedeutet und zusätzlich hinterfragt werden, wo das Recht aus >>gerecht<< seinen Ursprung hat. Der Rahmen in dem hier Gerechtigkeit und Krieg behandelt werden ist nicht der neuzeitliche oder einer modernen Auslegung von Rechten, Gesetzen und Kriegen entsprechender. Vielmehr muss der mittelalterlichen Sichtweise die Chance gegeben werden, eine wertungsfreie Perspektive aus damaliger Zeit zu eröffnen. Beinahe alle sozialen Strukturen im frühen Mittelalter ähnelten noch den Vorstellungen der späten Antike. Es wäre also nicht richtig die damaligen Überzeugungen von Gerechtigkeit und Krieg aus einem modernen Blickwinkel zu be- oder verurteilen. Bei einer solchen Betrachtungsweise empfiehlt es sich daher, die Ursprünge mittelalterlichen Denkens zu erforschen, um ein besseres Verständnis für die Theorien aus dieser Zeit zu erlangen. Eine mögliche Quelle im Hinblick auf mittelalterliches Recht und Gerechtigkeit findet sich im Naturrecht wieder. Diese frühe Rechtsidee war schon Grundlage für philosophische Konstrukte von Recht und Unrecht in der griechischen Antike und somit für die Quelle arabischer Philosophen.

Das Naturrecht stellt eine primitive Form der Verwirklichung von Lebewesen in ihrem Umfeld dar. Jedes Lebewesen handelt seiner Natur nach so, dass es diese am besten erfüllt. Die Menschen unterscheiden sich dabei von den Tieren aufgrund ihrer Vernunft. Aus dieser Vernunft wächst die Verantwortung moralisch richtig handeln zu können und somit nicht nur der Natur gerecht zu werden7. Der für diese Hausarbeit ausschlaggebende „Zusammenhang von Natur [und] Gesetz [wird] aus [dem] menschlichen Natur[-recht] vorausgesetzt [.]“8. Klar ausgedrückt, legitimiert das Naturrecht eines jeden Menschen auch eine Gesetzmäßigkeit seiner Handlungen, so sie als Ziel haben seinen natürlichen Platz in der Welt zu erfüllen. Ein natürliches und vernünftiges Handeln ist gerecht. Diese Gerechtigkeit steht im Weiteren nicht nur für ein Individuum alleine. Es muss auch auf das Verhalten dieses Individuums zum eigenen Volk, sowie zu anderen Völker hin angewendet werden9. Für Platon verhielt es sich beispielsweise so, dass die Griechen untereinander natürlicher Weise verbunden waren und keinen Krieg führen sollten, da dies einer Krankheit Griechenlands gleich käme. Es existierte kein natürliches Recht auf Krieg zwischen den Griechen. Von Natur aus verfeindet waren die Griechen mit den Barbaren, was jedes Volk außerhalb von Griechenland miteinschließt. Für den Philosophen ergibt sich daraus, dass gegen das eigene Volk Krieg auf andere Art und Weise stattfinden müsse, als gegen außenstehende, barbarische Völker. Der Kampf untereinander wird aus diesem Grunde mit Zwist unter freundlich Gesinnten gleichgesetzt und der mit den Barbaren als Krieg bezeichnet10. Für Platon stand das Naturrecht für eine ungeschriebene Gesetzmäßigkeit, welches den Umgang untereinander und mit Fremden regelte. Es leitete ihn zu Überlegungen in Richtung eines philosophisch gerechten Herrschers und Staates an, welche er in seiner Politik niederschrieb.

Es gilt also festzuhalten, dass das Naturrecht kein festgeschriebenes, überall geltendes Recht oder Rechtssystem war. Es ist von Person zu Person unterschiedlich auslegbar und wird erst dann universal gültig, wenn es in Gesetzestexten festgeschrieben ist11. Das Naturrecht für sich löst beispielsweise in seiner prä-gesetzlichen Struktur keine Konsequenzen nach der Tötung eines anderen Menschen aus. Es beschränkt einen Menschen lediglich über Vernunft und moralische Werte und führt schließlich dazu, dass es auf eine große Anzahl von Personen ausgeweitet werden musste, um für alle Menschen gleiche, naturrechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Alles, was innerhalb dieser Richtlinien geschah, ist gesetzestreu und somit auch der Gerechtigkeit entsprechend gewesen.

Anhand des Naturrechts lässt sich herleiten, dass die Gesetze, Vernunft basierte und moralische Richtlinien für eine Gesellschaft sind. Sie geben vor, wie diese mit sich selbst und Außenstehenden umzugehen haben. Wer solche Gesetze befolgt, ist ein gerechter Mensch. Für einen Gerechten-Krieg bedeutete dies, dass er eine naturrechtliche Basis haben musste und sich an den Gesetzen einer gerechten Gesellschaft orientierte.

2. Perspektiven

2.1. Einführung in die arabisch, mittelalterliche Philosophie

Aus der natürlichen Bedingung für Gerechtigkeit muss jetzt die eindeutige Verbindung zur arabischen Philosophie geknüpft werden. Um die arabische Philosophie gebührend vorzustellen, empfiehlt sich einleitend der Blick auf ihre Entstehung oder zumindest ihre Quellen bis hin zu ihrer eigenen, selbstverwirklichenden Entwicklung.

Die Wichtigkeit griechischer Philosophen als Quelle für Konzepte und Ausarbeitungen der arabischen Philosophen zeigt sich darin, dass jene nicht bloß die vermeintlichen Lösungen oder Grundsätze ihrer antiken Vorbilder übernahmen, sondern diese übersetzten, studierten und für sich weiter entwickelten12. In der Fachliteratur wird auf Grund dieser Transferleistungen und Weiterentwicklungen für die Philosophie vom Arabischen als dritte Sprache der Philosophie gesprochen. Ausschlaggebend dafür war das abbasidische Kalifat aus den islamisierten Gebieten östlich von Byzanz, welches sich zunehmend als „Erbe der klassischen und hellenistischen Antike [erklärte]“13. Dieses Reich machte es sich zum „oberstes Staatsziel“ und „[unterstützte] Generationen von [zunächst] christlichen Gelehrten“14 bei der Übersetzung der griechischen Texte ins Arabische, um die oben aufgeführten Ziele im Hinblick auf die griechische Philosophie zu erreichen.

Der erste namenhafte arabische Philosoph tritt im Laufe des 9. Jahrhunderts auf. Abu Ya’qub al-Kindi15 spezialisierte sich neben anderen Bereichen auf die Ethik und die Übersetzung aristotelischer und platonischer Texte. Er gilt mit seinen Werken als Wegbereiter für viele arabische Philosophen nach ihm, jedoch ist keine vertiefende Beschäftigung mit der Gerechtigkeit im Bezug auf Kriege von ihm bekannt.

Der Begriff der Gerechtigkeit findet sich in der arabischen Philosophie schon vor al- Kindi, in den Theorien der Mutaziliten, den Vertretern einer rationalistischen Schule vom Beginn des 8. Jahrhunderts, wieder. Die Gruppierung verband „Vernunft und Gerechtigkeit“ miteinander16, was eine starke Ähnlichkeit mit dem oben angesprochenen Naturrecht aufweist. Eine solche Verbindung wird durch die Beschäftigung mit den Texten über natürliches Recht bei Platon und anderen, Einzug in die arabisch philosophische Denkweise gefunden haben.

Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Gerechtigkeit liefert erst der nach al-Kindi lebende, arabische Philosoph Abu Nasr al-Fârâbi. Für ihn ist der Begriff der Gerechtigkeit neben dem Glück und der Harmonie unter den Menschen eines vortrefflichen Staates ein entscheidender Punkt17. Fârâbi gilt durch seine philosophischen Diskurse als einer der bekanntesten und einflussreichsten arabischen Philosophen des Mittelalters. Er versuchte in seinen Arbeiten unter anderem Aristoteles und Platon miteinander zu verbinden18, wo sich vor ihm unterschiedliche Gruppierungen gebildet hatten. Diesen Tatsachen geschuldet, soll an dieser Stelle Fârâbi in der Frage nach einem Gerechtem-Krieg die Rolle der arabischen Perspektive einnehmen.

Herr Yousefi fasst an einer Stelle in seinen Ausarbeitungen über Fârâbi zusammen, dass für ihn die „Instanz, die in einem Staat die Funktion des [Regenten] übernimmt, [...] nicht nur von Natur aus weise, [...] gerecht, [...] sein [muss], [...]. [...] er vermöge sogar aufgrund seiner gerechten Kompetenzen über die Weltgesellschaft zu regieren“19. Es wird also die natürliche Vernunft (Weisheit) von der Gerechtigkeit getrennt. Eine solche Trennung lässt vermuten, dass Fârâbi sich darüber im Klaren war, dass es das Naturrecht gibt, es jedoch für ihn nicht direkt Gerechtigkeit hervorbrachte. Was aber ist für Fârâbi dann ausschlaggebend für Gerechtigkeit? Es scheint beinahe so, als ob der Begriff der Gerechtigkeit viel mehr wie eine leere Floskel in die Ideen seiner Philosophie mit einfließt. Gerechtigkeit stünde demnach am Beispiel einer Handlung, für eine solche die sich an Gesetze des vortrefflichen Staates hält und Vernunft gemäß ausgeführt wird. Es zeigt sich eine mutuale Begünstigung, denn ein vortrefflicher Staat setzt sich aus gerechten Menschen zusammen und gerechte Menschen handeln so, wie es der vortreffliche Staat vorgibt. Um solchen Vermutungen entgegen zu wirken ist es sinnvoll sich anzusehen, woher Fârâbi seine grundsätzlichen, philosophischen Ideen bezogen hat. An dieser Stelle drängen sich zwangsläufig erneut die griechischen Philosophen auf. Fârâbi hatte nämlich zu seiner Zeit Zugriff auf beinahe alle arabischen Übersetzungen der Texte von Aristoteles20 und anderen griechischen Philosophen. Aristoteles wird durch seine Werke einen hohen Einfluss auf Fârâbi ausgeübt und somit auch dessen Philosophie beeinflusst haben. Zunehmend zeichnet sich ab, dass Fârâbi einer der klügsten Geister seiner Zeit gewesen sein mag, seine Prinzipien aber, wie etwa das von Gerechtigkeit, gehen trotz einiger Trennungen über aristotelische Umwege bis auf das Naturrecht zurück. Um im späteren Verlauf in geeignetem Maße über Fârâbis Philosophie und den Gerechten-Krieg sprechen zu können, werden im Folgenden Aristoteles Ideen über Gerechtem-Krieg genauer betrachtet.

2.2. Aristoteles - Gerechtigkeit und Krieg

Für Aristoteles war, wie auch schon für Platon vor ihm, der Krieg als solcher nichts Unmenschliches oder gar Unnatürliches, ganz im Gegenteil. Krieg stellte ein „zielgerichtetes menschliches Verhalten“21 dar. Aristoteles ging soweit, dem nach außen gerichteten Krieg sogar geopolitische Legitimation zuzusichern, da zur Versorgung des eigenen Volkes andere Länder eingenommen werden müssten und es durchaus Völker gäbe, für die es besser wäre durch die Griechen beherrscht zu werden. Dieses Beherrschen der anderen Völker wird als möglicher Weg zur eudaimonia gesehen22, wobei diese nicht einfach mit gutem Leben übersetzt werden sollte, sondern als Glück, welches innerhalb des aristotelischen Denkens für die höchste Form menschlichen Zielstrebens bezeichnend ist23.

In seiner Politik bezieht Aristoteles Stellung zum Krieg. Er legt darin nahe, dass keine Vorbereitungen für einen Krieg getroffen werden dürfen, so dieser nicht dem Schutz vor der eigenen Versklavung diene. Erst als zweiten und dritten Grund für kriegerische Handlungen gibt er an, dass der Krieg eine Vorrangstellung gegenüber den Besiegten mit sich bringen sollte. Die Zweite Form war eine beherrschende aber duldende Regierung, wobei die dritte Form als despotisch bezeichnet wird, also die Besiegten dem Grunde nach völlig unterwerfend in allen Positionen24.

Als Nächstes drängt sich die Frage auf, was der Metöke neben seinen Ideen über Krieg und dessen Legitimation speziell unter Gerechtigkeit verstand. Eine zu starke Auseinandersetzung und Deutung seiner Ideen wird im Folgenden nicht stattfinden, da dies den Rahmen einer solchen Ausarbeitung sprengen würde. Vielmehr wird sich auf einen Teil seiner Ausführungen konzentriert, der im Buch 5 der Nikomachischen Ethik zu finden ist. Hier stellt Aristoteles zuerst fest, dass eine Person immer dann gerecht ist, wenn sie „[den] Gesetzestreue[n] [...], wie auch [...] [den] auf Gleichheit aus [seienden]“25 verkörpert. Den gerechten Menschen macht darüber hinaus aus, dass er das Gegenteil vom Ungerechten ist und damit einhergehend die Gleichheit in allem Guten und Schlechten unter den Menschen anstrebt, sowie die Gesetze achtet. Noch verkürzter dargestellt, ist ein Gesetzestreuer ein Gerechter. So entstand auch die Begrifflichkeit der Gesetzesgerechtigkeit26, die als allumfassende Gerechtigkeit in der Scholastik bestimmt worden ist.

Für Aristoteles müssen demnach alle Gesetze gerecht sein. Erneut tritt eine wechselseitige Begünstigung auf, welche in der Philosophie zuweilen nicht unüblich ist. Hinzu kommt für den antiken Philosophen noch, dass die Gerechtigkeit nicht bloß eine von vielen Tugenden darstellt, sie ist die vollkommenste aller Tugenden. Diesen Status erlangt sie dadurch, dass eine vollkommen gerechte Person nichts tut, was dem Glück anderer Personen oder einem Selbst entgegen geht. Als Teil der Mesotes-Lehre steht die Gerechtigkeit exakt in der Mitte aller Handlungen und die Ungerechtigkeit an Stelle des Zuviel oder Zuwenig. Daraus entsteht wiederum eine logische Verkettung, denn in der Mesotes-Lehre stellt die Mitte das oberste und bestmögliche zu erreichende Ziel eines jeden Wesens dar. Die Glückseligkeit entspricht dem obersten Ziel aller Tugenden, wodurch zwangsläufig die Gerechtigkeit die oberste Tugend ist27.

Im Bezug auf das Naturrecht, nimmt Aristoteles nur spärlich Stellung. Er verbindet in seiner Ethik jenes Recht nicht mit der Vernunft und auch nicht mit der Gesetzesgerechtigkeit. Da diese Stelle ausgelassen wurde, gibt sie einen möglichen Spielraum frei, der durchaus die Überlegung zulässt, auch den gerechten Gesetzen von Aristoteles das natürliche Recht zuzuordnen.

Nach diesem kurzen Exkurs in die aristotelische Ethik lässt sich der Gedanke über Gerechtigkeit mit dem über Krieg verbinden. Der Mensch, also auch der gerechte Staat sowie dessen gerechtes Oberhaupt, hat das Glück der Mitmenschen und außenstehenden Menschen als höchste Tugend zum Ziel. Diese Glückseligkeit soll jedem zuteil werden, auch denen, die sie (noch) nicht eigenständig erkennen können. Solchen Menschen muss durch harte Mittel, also dem Kampf, der rechte Weg gezeigt werden, was im Umkehrschluss einen Krieg mit eudaimonischen Zielen als einen Gerechten-Krieg legitimiert.

[...]


1 Vgl. Heinke, E. M., Terrorismus und moderne Kriegsführung. Politische Gewaltstrategien in Zeiten des >>War on Terror«. Bielefeld, 2016, S.54.

2 Vgl. Heinke, 2016, S.80ff.

3 Vgl. Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland Artikel 87a Absatz (1)-(4) GG; Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland Artikel 24 Absatz (2) GG.

4 Ebd.

5 Vgl. Reiner, H., Die „Goldene Regel“, in: Zeitschrift für philosophische Forschung, Band 3, H. 1, 1948, S.74-105.

6 Vgl. Yousefi, H.R., Einführung in die islamische Philosophie. Eine Geschichte des Denkens von den Anfängen bis zur Gegenwart.2.Auflage, Paderborn, 2016,S.36-37.

7 Vgl.. Ritter, J., Metaphysik und Politik, Studien zu Aristoteles und Hegel, Deutschland 2003.; Ritter, J., ,Naturrecht‘ bei Aristoteles: Zum Problem einer Erneuerung des Naturrechts, in: Forsthoff, E. (Hrsg.), res publica, (Beiträge Zum Öffentlichen Recht Band 6), Heidelberg 1961, S.5-35.

8 Vgl. Ritter, 2003, S.138.

9 Vgl. Ritter, 1961, S. 21.

10 Vgl. Plat. pol. V 16, 470a-471c.

11 Vgl. Ritter, 1961, S.21.

12 Vgl. Turki, M., Einführung in die arabisch-islamische Philosophie, München, 2015, S. 52.

13 Vgl. Sturlese, L., Philosophie im Mittelalter. Von Boethius bis Cusanus. München, 2013, S.20.

14 Ebd.

15 Vgl. Turki, 2015, S. 55.

16 Vgl. Yousefi, 2016, S.43-44.

17 Vgl. Yousefi, 2016, S.64.

18 Vgl. Sturlese, 2013, S.24.

19 Yousefi, 2016, S.65.

20 Vgl. Rudolph, U., Islamische Philosophie.Von den Anfängen bis zur Gegenwart.2. Auflage, München, 2008, S.29-30.

21 Vgl. Rechenauer, G., Die griechische Tragödie und die Idee des gerechten Krieges, in: Kiesel, D. - Ferrari, C. (Hrsg.), Gerechter Krieg?, Orient und Okzident, Band3, Frankfurt, 2018, S.17.

22 Vgl. Rechenauer, 2018, S.18.

23 Vgl. Fuchs, M.J., Gerechtigkeit als allgemeine Tugend. Die Rezeption der aristotelischen Gerechtigkeitstheorie im Mittelalter und das Problem des ethischen Universalismus., in: Mandrella, I. - Thurner, M. (Hrsg.), Veröffentlichungen des Grabmann-Institutes zur Erforschung der mittelalterlichen Theologie und Philosophie. Münchener Universitätsschriften Katholisch-Theologische Fakultät., (Band 61), De Gruyter, Berlin, 2017, S.43.

24 Vgl. Aristot. pol. VII 14, 1333b39-1334a2.

25 Vgl. Frede, D., Aristoteles. Nikomachische Ethik., Buch V, in: Rapp, Chr. (Hrsg.), Aristoteles. Werke in deutscher Übersetzung. Band 6,Berlin, 2020, S. 80.

26 Vgl. Fuchs, 2017, S.53.

27 Sh. für ges. Absatz. Frede, Berlin, 2020, Buch V

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Gerechter Krieg in der arabisch-islamischen Philosophie. Al-Fârâbî und die mittelalterliche Philosophie bis ins 10. Jahrhundert
Hochschule
Universität zu Köln  (Philosophischefakultät)
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
23
Katalognummer
V924648
ISBN (eBook)
9783346248923
ISBN (Buch)
9783346248930
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gerechter, krieg, philosophie, al-fârâbî, jahrhundert
Arbeit zitieren
Philippe Pohl (Autor), 2020, Gerechter Krieg in der arabisch-islamischen Philosophie. Al-Fârâbî und die mittelalterliche Philosophie bis ins 10. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/924648

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