Die 'Elegie' Walthers von der Vogelweide im Vergleich mit früherer Kreuzzugslyrik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung in die Thematik der Arbeit

2 Frühe Kreuzlieder vor Walther von der Vogelweide

3 Die ‚Elegie’ Walthers von der Vogelweide

4 Vergleich der ‚Elegie’ mit der früheren Kreuzzugslyrik
4.1 Form und Aufbau
4.2 Minneproblematik
4.3 Politik
4.4 Religiösität

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis

1 Einführung in die Thematik der Arbeit

Das Gedicht Walthers von der Vogelweide owê war sint verswunden alliu miniu jâr stellt einen der „am häufigsten besprochenen und interpretierten Texte der mittelhochdeutschen Literatur“[1] dar. Die thematische Vielfalt des Gedichts und der Bilderreichtum Walthers, sowie die schwierige Einordnung in das Gesamtœuvre des Dichters haben Generationen von Altgermanisten beschäftigt.

Ziel dieser Arbeit kann und soll es deshalb nicht sein, einen weiteren Interpretationsansatz zu liefern oder kritisch Stellung zu den bisherigen Forschungsergebnissen zu nehmen. Vielmehr soll ein Aspekt, nämlich der Kreuzzugsaufruf, herausgegriffen und anhand vorwaltherscher Kreuzlieder auf Kontinuitäten und Differenzen untersucht werden.

Aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Arbeit kann nur in eingeschränkter Form das gesamte Gedicht, das wegen seiner schwermütigen Stimmungslage auch als ‚Elegie’ bezeichnet wird, betrachtet werden.

Die literarische „Gattung“ Kreuzlied und damit die Einordnung der hier zu behandelnden Lieder ist nicht unumstritten, da sich die Zugehörigkeit nicht durch äußere Form, sondern allein durch den Inhalt manifestiert. Die Forschung spricht sich deshalb mehrheitlich gegen eine eigene Gattung des Kreuzliedes aus.[2] Gleichzeitig ist die Kreuzzugsthematik oftmals mit der Minneproblematik verknüpft, so dass eine Einordnung in die Gattung Minnesang gängig ist. In dieser Arbeit werden unabhängig von der Frage einer eigenständigen Gattung sämtliche Lieder mit einem Bezug zum Kreuzzug, wie bei Lieske vorgeschlagen,[3] als Kreuzlieder bezeichnet.

Die Kategorie Kreuzlieder ist – wenngleich vielfach weniger überliefert als der traditionelle Minnesang – eine sehr unterschiedliche Lieder und Autoren in sich vereinigende Kategorisierung. Der am Anfang dieser Arbeit stehende Überblick über die Kreuzlieder vor Walthers ‚Elegie’ muss deshalb nur relativ allgemein bleiben und beschränkt sich auf die Werke Friedrichs von Hausen, Albrechts von Johansdorf, Hartmanns von Aue und Reinmars des Älteren.

Im Anschluss daran soll eine Darstellung der ‚Elegie’ den daran anknüpfenden Vergleich anhand einzelner Kreuzlied-Aspekte einleiten. Im letzten Kapitel werden abschließend die Ergebnisse dieser Arbeit zusammengefasst.

2 Frühe Kreuzlieder vor Walther von der Vogelweide

Die ersten volkssprachlichen Kreuzlieder in Deutschland entstanden vor dem dritten Kreuzzug um 1189, der von Kaiser Friedrich Barbarossa ausgerufen wurde. Sie orientieren sich an der französischen exhortation á la croisade.[4] Erster überlieferter Autor von Kreuzliedern ist Friedrich von Hausen. Friedrichs Kreuzzugslyrik ist stärker noch als bei nachfolgenden Dichtern an das französische Vorbild angelehnt.

Schon die mhdt. Bezeichnung kriuzliet weist auf den Liedcharakter der Werke hin und stellt somit eine Verbindung zum Minnesang her, der auch thematisch im Kreuzlied aufgegriffen wird.[5] So finden sich in den meisten frühen Kreuzliedern neben der eigentlichen Kreuzzugsthematik verschieden ausfallende Reflexionen über das mit der Kreuznahme verbundene Verlassen der angebeteten vrouwe. Minnedienst und Dienst für Gott als Kreuzritter werden so in ein Spannungsverhältnis gesetzt,[6] das zumeist dem religiösen Kontext den Vorzug vor dem weltlichen einräumt. Allerdings lassen sich hier bei den Dichtern unterschiedliche Prioritäten aufzeigen, auf die im Kapitel 4.2 noch näher einzugehen ist.

Die Parallele zum ‚klassischen’ Minnesang zeigt auch die äußere Form der Lyrik auf. So sind die meisten Kreuzlieder in Kanzonenform geschrieben. Wenige bedienen sich auch der „unstolligen, durchgereimten Strophenform“.[7] Ebenso wie bei der Minnelyrik handelt es sich bei den Kreuzliedern um Vortragskunst, die vor einem höfischen Publikum gesungen wurde. Es ist daher keineswegs verwunderlich, dass die Kreuzlieddichter auch als Minnesänger bekannt waren.

Neben dem bereits erwähnten Friedrich von Hausen sind die bekanntesten Dichter von frühen Kreuzliedern Albrecht von Johansdorf, von dem fünf Lieder mit Kreuzzugsthematik überliefert sind, Heinrich von Rugge, der zum einen den berühmten Kreuzleich (MF 96,1) und ein weiteres Kreuzlied verfasst hat, sowie Hartmann von Aue mit mehreren Werken und Reinmar von Hagenau, von dem zwei Kreuzlieder stammen. Nur von einem dieser Autoren ist die Teilnahme an einem Kreuzzug gesichert, nämlich von Friedrich, der Barbarossa bei seinem Kreuzzug begleitete und in Kleinasien verstarb.[8] Aufgrund von Textbezügen lässt sich jedoch bei den anderen Dichtern ebenfalls vermuten, dass sie an einem Kreuzzug teilgenommen haben. In der Forschung ist die jeweilige genaue Datierung jedoch umstritten.[9]

Interessant für diese Arbeit ist die Tatsache, dass Walther von der Vogelweide vermutlich nicht nur Reinmar, sondern auch Albrecht persönlich kennen gelernt hat[10] und sich von ihrer Lyrik hätte inspirieren lassen können.

3 Die ‚Elegie’ Walthers von der Vogelweide

Die Bezeichnung ‚Elegie’ für Walthers späte Dichtung owê war sint verswunden alliu miniu jar ist irreführend, da diese antike Form der Dichtung in der volkssprachlichen Poetik des Mittelalters nicht anzutreffen ist. Geprägt wurde der Begriff erst durch die Forschung des 19. Jahrhunderts aufgrund des klagenden, schwermütigen Tones, der das Werk auszeichnet.

Das Gedicht ist nur in der Mannessischen Liederhandschrift komplett überliefert. Teile der ersten Strophe finden sich auch in der Würzburger Liederhandschrift, Teile der dritten Strophe im Fragment wx.[11] Es besteht überwiegend aus sechstaktigen Langversen. Die Forschung hat sie mehrheitlich als 16 paargereimte Sechstakter mit männlicher Kadenz und dreitaktigem Refrain gedeutet. Um diese Struktur durchgehend erscheinen zu lassen, sind zahlreiche Konjekturen notwendig geworden.[12] Dies – verbunden mit der schwierigen Überlieferungslage – und die unterschiedliche Ausdeutung von biographischen und historischen Anspielungen im Text, sowie den daraus resultierenden Datierungsfragen, macht die ‚Elegie’ zu einem der in der Forschung heftig umstrittenen Liedern Walthers.

Alle Strophen beginnen und enden mit dem Ruf owê, was somit zwischen den Strophen II und III zusätzlich zu einer Dopplung und damit einhergehenden Verstärkung des klagenden Charakters des Gedichtes führt.

Aufgrund der Thematik dieser Arbeit wird im Folgenden nur kurz auf das gesamte Gedicht eingegangen. Stattdessen wird besonderes Augenmerk auf den Kreuzzugsaufruf in der dritten Strophe und den in der zweiten Strophe erwähnten historischen Kontext zu legen sein.

Dennoch lassen sich auch aus der ersten Strophe wichtige Erkenntnisse für das Thema dieser Arbeit gewinnen, denn der bereits im ersten Satz erscheinende Klageruf lässt die Vermutung nahe liegen, dass das lyrische Ich gealtert und – liest man den Text biografisch – nicht mehr der junge Walther des barbarossaschen Kreuzzuges sein kann. Für diese biografische Lesart gibt es gute Gründe, denn in der Beschreibung des Landes, in dem der Sänger von kinde an gezogen[13] wurde, lassen sich verschiedene Bezüge zur österreichischen Heimat des Autors herstellen.[14] Auch die Langzeilenform – bekannt aus dem frühen donauländischen Minnesang – „würde zusätzlich in dieses Land weisen.“[15] Das Vergangenheit und Zukunft artifiziell verbindende Symbol des Flusslaufes kann innerhalb dieses Kontexts als Verweis auf die Donau gedeutet werden.

Die Strophe beinhaltet ansonsten eine umfassende Weltklage, in der der Sänger die Trostlosigkeit des derzeitigen Daseins beschreibt und sich wehmütig an die glücklichere Vergangenheit zurückerinnert. Dargestellt wird dieser Wandel durch das bekannte und auch im Mittelalter vielfach verwandte narrative Modell des Erwachens aus einem tiefen Traum.[16] Dieses Bild wird auch als Darstellungsform einer ganz allgemeinen durch das Altern erworbenen „Lebenserfahrung“[17] ausgedeutet, was im Zusammenhang mit der in der dritten Strophe in Form des Kreuzzugsaufrufes gipfelnden Intention des Liedes durchaus plausibel erscheint.

Die zweite Strophe konkretisiert die clage des Sängers und geißelt den Verfall der höfischen Sitten. Damit verschiebt sich die Betrachtung weg von der Subjektivität des lyrischen Ichs hin zu einer allgemeinen Gesellschaftskritik.[18] Exemplarisch wird dies anhand der dörperlîche wât, also unhöfischer Kleidung dargestellt. Dass dieser Werteverfall die gesamte Gesellschaft – ob jung oder alt – betrifft, wird verstärkt durch die Bezugnahme auf vrouwen, ritter und junge liute, freilich nur das adelige Publikum des Sängers ansprechend. Statt höfischer fröide bestimmt nun sorge das Leben, der sich selbst das lyrische Ich nicht zu entziehen vermag und selbst „verzagt“.

[...]


[1] Volkmann, Berndt: Owê war sint verswunden. Die „Elegie“ Walthers von der Vogelweide. Untersuchungen, kritischer Text, Kommentar, Göppingen 1987 [Volkmann], S. 7.

[2] Vgl. Böhmer, Maria: Untersuchungen zur mittelhochdeutschen Kreuzzugslyrik, Rom 1968 [Böhmer], S. 5.

[3] Lieske, Detlef: Mittelhochdeutsche Kreuzzugslyrik in der Stauferzeit. Appelle in ihrem historischen und literaturhistorischen Kontext, Kiel 1990, S. 53.

[4] Theiss, Ulrike: Die Kreuzlieder Albrechts von Johansdorf und die anderen Kreuzlieder aus „Des Minnesangs Frühling“, Freiburg 1974 [Theiss], S. 8.

[5] Dies., S. 3.

[6] Vgl. Wisniewski, Roswitha: Kreuzzugsdichtung. Idealität in der Wirklichkeit, Darmstadt 1984 [Wisiniewski], S. 86.

[7] Theiss, S. 3.

[8] S. Wisniewski, S. 87.

[9] Vgl. dies., S.89, S. 95 u S. 98.

[10] S. Theiss, S. 139.

[11] Vgl. Schweikle, Günther: Kommentar, in: Walther von der Vogelweide: Werke. Gesamtausgabe Bd. 2: Liedlyrik, Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch, hrsg., übersetzt und kommentiert von Günther Schweikle, Stuttgart 1998 [Schweikle], S. 773 f.

[12] S. Schweikle, S. 774.

[13] Walther von der Vogelweide: Werke. Gesamtausgabe Bd. 2: Liedlyrik, Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch, hrsg., übersetzt und kommentiert von Günther Schweikle, Stuttgart 1998 [Walther v. d. Vogelweide], S. 450.

[14] S. Ingebrand, Hermann: Interpretationen zur Kreuzzugslyrik Friedrichs von Hausen, Albrechts von Johansdorf, Heinrichs von Rugge, Hartmanns von Aue und Walthers von der Vogelweide, Frankfurt/Main 1966 [Ingebrand], S. 221.

[15] Brunner, Horst; Hahn, Gerhard; Müller, Ulrich u. Spechtler, Franz Viktor (Hgg.): Walther von der Vogelweide. Epoche - Werk - Wirkung, München 1996 [Brunner], S. 225.

[16] S. Volkmann, S. 255 f.

[17] Ders., S. 258.

[18] Vgl. Ingebrand, S. 224.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die 'Elegie' Walthers von der Vogelweide im Vergleich mit früherer Kreuzzugslyrik
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
"Literatur am Ende"
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V92467
ISBN (eBook)
9783638063661
ISBN (Buch)
9783638950787
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Elegie, Walthers, Vogelweide, Vergleich, Kreuzzugslyrik, Literatur, Ende
Arbeit zitieren
Philipp Robens (Autor), 2007, Die 'Elegie' Walthers von der Vogelweide im Vergleich mit früherer Kreuzzugslyrik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92467

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die 'Elegie' Walthers von der Vogelweide im Vergleich mit früherer Kreuzzugslyrik



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden