Das Bild von Jan Hus in der Historiografie des 20. Jahrhunderts


Hausarbeit, 2007

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ausgangssituation
2.1 Kirchlich- das Große Schisma
2.2 Weltlich- Böhmen im 14. bzw. 15. Jahrhundert

3. Lehre und Leben des Jan Hus

4. Der Prozess in Konstanz und die Darstellung Hus’ in der Historiografie

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit dem Begriff der Häresie ging man im Mittelalter sehr leichtfertig um. Dabei war es nicht einmal unbedingt notwendig, kirchlichen Dogmen zu widersprechen. Auch wenn man politische Gegner oder einfach nur Feinde im alltäglichen Leben hatte, konnte man rasch mit diesem Vorwurf konfrontiert werden.

Im Gegensatz zur Antike, wo der Begriff der Häresie überhaupt nicht bekannt war[1], war die Bezeichnung im Christentum von Beginn an negativ behaftet. Den Kern dieses Umstandes vermeint man, im 2. Paulusbrief zu finden, wo von „Parteiungen des Verderbens“ oder auch „negativen Ideologien“ die Rede ist[2]. Jedoch darf bezweifelt werden, dass Paulus dasselbe Bild eines Ketzers hatte wie spätere Kirchenvertreter. Ihm kam es wohl eher darauf an, Diskussionen über die Glaubensauslegung zu unterbinden. Mit der fortschreitenden Etablierung der Institution Kirche allerdings nahm auch das Motiv des Ketzers als theologischem Gegenpart immer konkretere Formen an. Das Ius Canonicum definierte Häresie als die hartnäckige Leugnung einer Wahrheit, die nach göttlichem und katholischem Glauben anzunehmen ist, unterschied sie aber dennoch eindeutig von der Apostasie, was die völlige Verwerfung des Glaubens darstellte[3]. Im Laufe der Zeit verlor die „Häresie“ aber auch diese Bedeutung wieder, bis sie schließlich im Frühmittelalter nur noch als einfaches Schimpfwort diente. Die eigentliche Bedeutung, nämlich als Bezeichnung für vermeintliche und echte Kirchengegner kam den Menschen erst wieder ins Bewusstsein, als man sich an die aktive Bekämpfung neuer religiöser Strömungen wie den Katharern[4] machte.

Ich werde mich nun mit einer dieser Ketzerströmungen, wie die Kirche sie bezeichnete, beschäftigen. Es handelt sich um die Hussiten, die im 15. Jahrhundert von Böhmen aus das restliche Europa und die Kirche nachhaltig erschütterten. Zunächst werde ich die Ausgangssituation schildern, in welcher sich diese Reformbewegung entwickelte, dann die Lehren des Hus erläutern und abschließend auf seinen Tod und dessen Deutung in der Geschichtsschreibung eingehen. Dabei beschränke ich mich hauptsächlich auf Autoren und Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts, aber auch namhafte Historiker des 19. Jahrhunderts sollen nicht gänzlich unerwähnt bleiben. In meiner Zusammenfassung werde ich dann versuchen, ein abschließendes und möglichst umfassendes Bild des Prager Magisters zu zeichnen, der seinen größten Ruhm wohl erst nach seinem Tode erlangt hatte.

2. Die Ausgangssituation

2.1 Kirchlich- das Große Schisma

Die Jahre 1378 bis 1417 waren die wohl schwersten der Kirche. Zunächst gab es keinen eigentlichen Papst mehr, sondern nur zwei Prätendenten, die sich gegenseitig als Ketzer bezeichneten.

Den Franzosen war es zuvor gelungen, die Kurie nach Avignon zu ziehen, wo sie stets von einem französischstämmigen Papst geleitet wurde. Diesem national-machtpolitisch motivierten Bestrebungen setzten natürlich andere Staaten wie das Heilige Römische Reich, England und selbstverständlich Italien Druck entgegen, um das Oberhaupt der katholischen Kirche wieder nach Rom zu zwingen. Jedoch weigerten sich die Päpste schlichtweg oder tatsächlich unternommene Versuche scheiterten.

Zur endgültigen Teilung kam es dann schließlich bei der Papstwahl im Jahre 1378. Obwohl die Wahl in Rom stattfand, beabsichtigten die Kardinäle, erneut einen Franzosen auf Petrus’ Stuhl zu setzen. Aber die Römer wollten zumindest einen Italiener darauf sitzen sehen, wenn nicht gar einen Römer. Die Magistrate der Stadt unterstützten das Volk in diesen Forderungen und ließen kurzerhand die Tore der Stadt schließen. Der Pöbel stürmte schließlich den Vatikan. Unter diesen Umständen wurde der Neapolitaner Bartolommeo Prignani, Erzbischof von Bari als Urban VI. gewählt. Insgeheim betrachteten die Kardinäle die Wahl aber als ungültig, da sie erzwungen worden war, und wandten sich an den französischen König. Die Weigerung Urbans VI., nach Avignon zurückzukehren, war unter den gegebenen Umständen mehr als nachvollziehbar. Er benahm sich aber wie eine Furie und schreckte auch nicht davor zurück, die Kardinäle aufs Gröbste zu beleidigen. Dennoch hatte er die ehrliche Absicht, die Kirche einer Reformation zu unterziehen.

Unterdessen kam es zu einer geheimen Zusammenkunft der Kardinäle in Fondi am Rande des Kirchenstaates. Dort wählten sie Graf Robert von Genf als Clemens VII. mit der Zustimmung des französischen Königs zu ihrem neuen Papst. Nun standen sich also zwei Päpste und zwei politische Lager gegenüber. Frankreich stellte sich hinter Clemens VII., während das Heilige Römische Reich und England für Papst Urban VI. Partei ergriffen. Zusätzlich gab es innerhalb beider Lager wiederum zahlreiche Splittergruppen und zwischen ihnen auch Unentschiedene. Das Große Schisma war entstanden.

Doch statt dieses Problem christlichen Idealen entsprechend friedlich zu lösen, griffen beide Seiten zu den Waffen. Den Anfang machte Urban, der zum Kreuzzug gegen Clemens aufrief und als Gegenleistung den Ablass versprach. Der Feldzug war ein Desaster, unter dem auch zahlreiche Unbeteiligte ihr Leben verloren. Keine militärische Aktion konnte eine Lösung herbeiführen. Als jedoch im Jahre 1389 Urban VI. sein Leben aushauchte, hätte das Schisma ein Ende finden können. Aber die Fronten waren verhärtet, so dass sich die Kardinäle in Rom beeilten, wiederum einen Neapolitaner, Bonifatius IX. zum Papst zu wählen. Der neue Papst regierte umgänglich und konzentrierte seine Anstrengungen auf den Kirchenstaat. Doch besetzte er alle wichtigen Posten mit Neapolitanern, was im Laufe der Zeit den Unmut der Römer heraufbeschwor. Außerdem betrieb er eine extreme Simoniepolitik, indem er Pfründe gegen Bargeld verkaufte, sie nach ein paar Jahren wieder einzog, nur um sie erneut zu verkaufen.

Rom hatte sich damit in eine gefährliche Situation manövriert, denn die Zahl seiner Unterstützer, darunter wichtige Personen wie der deutsche König Wenzel, sank stetig. In dieser Zeit wurde auch in Avignon ein neuer Papst gewählt. Es handelte sich dabei um den energischen Spanier Benedikt XIII. Doch auch Bonifatius fand schnell einen Nachfolger: Gregor XII., einen Venetianer aus altem Adel. Nicht nur Rom, auch Avignon hatte es sich unterdessen mit seiner Schutzmacht verscherzt.

Es war also eine ausweglose Situation: Rom verlor immer mehr Anhänger und auch Avignon hatte die bedingungslose Unterstützung des französischen Königs verloren. In dieser Zeit schlug die Universität von Paris vor, ein Konzil als übergeordnete Instanz einzusetzen, um die Konflikte beider Parteien zu klären. Also trafen sich die Kardinäle beider Päpste schließlich in Pisa. Zuvor hatten die Prätendenten selbst jeweils eines ausgerichtet, die aber absolut erfolglos geblieben waren. Nun war die Situation also noch komplizierter geworden. Zwei deutsche Könige[5], zwei Päpste, drei Konzile und in absehbarer Zeit ein durch das Konzil gewählter dritter Papst. Es ist verständlich, dass unter diesen Umständen die Autorität der Kirche fast nur noch verlacht und ein tiefer Hass gegen beide Päpste, die als Urheber des Schismas angesehen wurden, geschürt wurde. Im Konzil zu Pisa wurde also 1409 die Absetzung der beiden Päpste beschlossen, da beide vom Glauben abgefallen waren. Schließlich hatten sie die Trennung der Kirche akzeptiert und nicht aktiv versucht, sie zu beseitigen. Diese Tat zeugte von einem hohen Selbstbewusstsein des Konzils, das sich damals als höchste Vertretung Christi auf Erden ansah. Die vergleichsweise rasche Konsensfindung, die gerade einmal drei Monate in Anspruch nahm, sollte der Welt ein Zeichen von der Kompetenz der Zusammenkunft geben. So wurde also der Erzbischof von Mailand, ein erfahrender und umgänglicher Greis, als Papst Alexander V. gewählt. Nun waren endlich drei Päpste vorhanden: Alexander V. in Mailand, Gregor XII. in Rimini und Benedikt XIII. in Perpignan. Nach Rom, um seinen Anspruch durchzusetzen, traute sich keiner der drei, denn dort war inzwischen der neapolitanische König einmarschiert und niemand wusste, auf wessen Seite er stand. Der greise Alexander starb recht bald und sein Nachfolger Johannes XXIII. schlug erneut den kriegerischen Weg ein und zog daher gegen Neapel. Es gelang ihm auch, Ladislaus, König von Neapel, aus Rom zu vertreiben und zum Kreuzzug gegen den süditalienischen Staat aufzurufen. Im Zusammenhang mit diesem Zug steht auch der Ablasshandel, der später noch Erwähnung finden wird. Zwar fand dieser Kriegszug nie statt, aber die durch den Ablassverkauf eingenommenen Gelder behielt der Papst dennoch ein. Seine Erfolge machten Johannes überheblich. So blieb ihm verborgen, dass sein Kardinalbestand zwar viele große Namen aufwies, es sich dabei aber überwiegend um Geistliche handelte, die keinen starken Papst sondern lieber ein Konzil als Kopf der katholischen Kirche haben wollten.

Als dann ein Jahr später Ladislaus wieder in Rom einrückte und es somit drei umherstreifende Päpste gab, sah Sigmund, König von Ungarn und zukünftiger deutscher Kaiser seine Chance. Er erachtete es als seine Aufgabe, das Schisma zu beenden. So berief er mit enormem politischen Geschick das bekannte Konzil zu Konstanz mit geistlichen und weltlichen Vertretern ein. Die Ergebnisse des Konzils bestanden kurz gesagt in der finalen Überwindung des Schismas durch die Absetzung aller drei Päpste und die Wahl eines Unionspapstes. Zusätzlich zu diesen kirchenpolitischen Resultaten traten aber auch dogmatische, die ihren Ausdruck in der erneuten Verdammung der wiclifschen Thesen und in der Verbrennung von Jan Hus fanden.

2.2 Weltlich- Böhmen im 14. bzw. 15. Jahrhundert

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts blühte Böhmen. Durch die Angliederung Schlesiens hatte sich das Land zu einem Machtzentrum Europas entwickelt; Prag war als Knotenpunkt für den Handel unentbehrlich geworden. Damit einher ging jedoch die Entstehung eines reichen überwiegend deutschen Bürgerpatriziats und einer tschechischen Stadtarmut. Durch die 1348 gegründete Universität, an der mehrheitlich deutsche Magister und Studenten anwesend waren, wurde die böhmische Hauptstadt jedoch endgültig zu einem Treffpunkt nationaler, sozialer und kirchlicher Gegensätze. Aber nicht nur Prag erlebte einen ökonomischen Aufschwung. Fast jede Stadt profitierte von Handwerk und Handel, wodurch sich auch Kapital unter den Bürgern anhäufte, welches diese wiederum zur Profilierung nutzen, was einen extremen Gegensatz zu der ebenfalls überall vorhandenen Armut darstellte. Aber nicht nur den Unmut der armen Stadtbevölkerung rief das Bürgertum dadurch hervor. Auch die Feudalherren sahen sich in der Zwangslage, mit den Profilierungsmaßnahmen der Patrizier mitzuhalten und erhöhten daher die Frondienste und –abgaben der Hörigen, was wiederum deren Widerstand hervorrief. Gegen Ende des Jahrhunderts war das blühende Böhmen daher durch Kämpfe zwischen Adel, Städten und der Kirche erschüttert.

[...]


[1] Da keine Weltanschauung mit Universalitäts- und Unfehlbarkeitsanspruch existierte.

[2] Übersetzt nach Johannes Kramer in: Titus Heydenreich, Peter Blumenthal (Hg.): „Glaubensprozesse- Prozesse des Glaubens?“

[3] Ebd. Nach Johannes Kramer

[4] vgl. Malcolm Lambert: „Geschichte der Katharer. Aufstieg und Fall der großen Ketzerbewegung“, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2001

[5] Wenzel und Ruprecht von der Pfalz, von denen sich aber keiner unbedingter Unterstützung erfreuen konnte

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Details

Titel
Das Bild von Jan Hus in der Historiografie des 20. Jahrhunderts
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Veranstaltung
Kirche und Gesellschaft im Mittelalter
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V92479
ISBN (eBook)
9783638058308
ISBN (Buch)
9783638948517
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Historiografie, Kirche, Gesellschaft, Mittelalter, Jan Hus, Ketzer, Häresie, Geschichtsbild
Arbeit zitieren
Roy Seyfert (Autor), 2007, Das Bild von Jan Hus in der Historiografie des 20. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92479

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