Massenproteste in Russland gegen die Wahlergebnisse von 2011. Konsequenzen für Putins Einfluss


Akademische Arbeit, 2013

25 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ursachen und Vorläufer der Bewegung

3. Entwicklung – Timeline der Bewegung

4. Charakterisierung der Bewegung nach Rucht

5. Zusammensetzung der Bewegung: Teilnehmer und Orte

6. Inhaltliche Ebene: Ziele und Forderungen

7. Operative Ebene bzw. Handlungsebene
7.1. Symbolische Ebene – Offline
7.1.1. Kommunikative Ebene – Online

8. Wirkung und Ergebnisse

9. Fazit: Ausblick

Literaturliste

1. Einleitung

In der heutigen Welt, vor allem in letzter Zeit, steigt die Unzufriedenheit des Volkes in verschiedenen Ländern mit ihrer Regierung und dem politischen System. Heutzutage ist es einfacher seine Unzufriedenheit kundzutun, nicht zuletzt dank des Internets, und um genauer zu sein – der Anonymität im Internet. In einem Land, wo Meinungsfreiheit nicht Teil der Konstitution ist, ist es möglich sich auf verschiedenen Plattformen im Internet zu den Problemen im Land, die einen beschäftigen, zu äußern, weil die Anonymität einen von der möglichen Strafe durch die Legislative schützen kann. Natürlich können einfache Konversationen im Internet nicht zu bedeutenden Veränderungen führen, aber sie können den Menschen den Mut dazu verleihen auf die Straßen zu gehen und ihre Unzufriedenheit öffentlich zu zeigen, dadurch, dass man vorher Gleichgesinnte findet.

So auch im Fall der Massenproteste gegen die Wahlergebnisse der Parlamentswahl von 2011 in Russland, die Thema dieser Arbeit sind. Die Massenproteste in Russland gegen die Parlamentswahlen vom 4. Dezember 2011 begannen am folgenden Tag nach den Wahlen, fanden statt während der Wahlkampagne zur Präsidentschaftswahl am 4. März 2012 und dauern bis heute an.

Ich werde als erstes die Vorläufer und Ursachen der Massenproteste kurz vorstellen, die zum besseren Verständnis für die Entstehung der Bewegung dienen und dann werde ich die chronologische Entwicklung der Bewegung von Dezember 2011 bis Juni 2012 vorstellen. Danach folgen die Erläuterung der Charakterisierungsaspekte eines Massenprotests nach Dieter Rucht und die Analyse der Bewegung in Russland nach diesen Kriterien. Ich werde danach die Orte, wo die Demonstrationen stattfanden, auflisten und die Teilnehmer und Organisatoren der Bewegung vorstellen. Danach folgt die inhaltliche Ebene mit den Zielen und Forderungen der Protestanten und die operative Ebene – wie wurden die Proteste durchgeführt, wo fanden die Demonstrationen statt, mit der Gegenüberstellung der Handlungsebenen offline und online, mit der Frage wie die Proteste organisiert wurden, wie die Teilnehmer aufmerksam gemacht wurden und wie die Demonstrationen verliefen. Anschließend werde ich die Reaktionen der Regierung und der Öffentlichkeit präsentieren, die weiteren Demonstrationen kurz beschreiben und ein Fazit mit einem möglichen Ausblick auf die Zukunft vorstellen.

2. Ursachen und Vorläufer der Bewegung

Es gab viele Ursachen, die für die Entstehung der Massenproteste von 2011 verantwortlich waren, unter anderem, oder sogar in großem Ausmaß, die persönliche Unzufriedenheit vieler Menschen mit dem Regierungssystem und der Regierung selbst. Von expert.ru wurde z.B. in 2011, nach dem ersten Protest gegen die Wahlergebnisse vom 4. Dezember 2011, eine offene Umfrage mit 600 Personen durchgeführt1, um herauszufinden welche Gründe die Protestierenden dazu bewegen auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren. Dabei hat sich herausgestellt, dass 32% der Demonstranten protestieren, weil sie finden, dass die Wahlen ungerecht waren und sie mit den Ergebnissen nicht einverstanden sind2. 15% protestierten gegen die Regierung im Allgemeinen, gegen das politische System im Land und gegen die Situation im Land3. Weitere 12% fühlten sich dazu verpflichtet auf die Straße zu gehen und halten im Allgemeinen eine aktive zivile Position ein und 9% der Protestanten sind grundsätzlich gegen Lügen, gegen Diebstahl und Korruption und gegen Gesetzlosigkeit bzw. Willkürherrschaft4. Desweiteren haben 5% der Demonstranten angegeben, dass sie einfach mit Freunden hergekommen sind, weitere 5% nehmen aus Interesse und Neugier an dem Protest Teil und noch 5% wünschen sich ein besseres Leben und Veränderungen5. Je 4% der befragten Protestanten sind unmittelbar gegen Putin und für die Opposition6. 2% sind gekommen, weil sie die Menschen und Ereignisse einfach gerne beobachten und weitere 2% sind gegen Medvedev7. 1% ist gegen die regierende Partei „Einiges Russland“, weil sie finden, dass die Partei aus Dieben und Schwindlern besteht und noch 1% ist der Meinung, dass es keine Demokratie im Land gibt8. Noch 4% haben andere Gründe, die nicht speziell aufgelistet wurden und noch 5% hatten überhaupt Schwierigkeiten eine Antwort auf die Frage nach ihren Beweggründen zu geben9.

Selbstverständlich kann kein Massenprotest einfach aus dem Nichts starten. Nur wenn irgendetwas vorher nicht in Ordnung war, kann auch ein Massenprotest als solcher entstehen. So auch im Fall der Massenproteste gegen die Ergebnisse der Parlamentswahlen in 2011 in Russland. Sicherlich waren diese, nach Meinung der Bürger und der Opposition, gefälschten Ergebnisse der Auslöser für die landesweiten Massenproteste gegen die Regierung, jedoch gab es schon einige Zeit vorher Versuche die Regierung öffentlich zu kritisieren und etwas gegen die Situation im Land zu tun.

Einer der Vorläufer war die öffentliche Kampagne „Putin muss gehen“, die am 10. März 2010 gestartet ist und auf der Webseite www.putinavotstavku.org dokumentiert wird10. Diese Kampagne hat am 10. März 2010 als Petition mit dem Namen „Putin muss gehen“, mit dem Ziel Unterschriften russischer Bürger zu sammeln, gestartet und hat sich kurze Zeit später in eine Webseite verwandelt11. Am 17. März hat die Vereinigte Bürgerfront in Moskau eine Mahnwache zur Unterstützung dieser Kampagne abgehalten12.

Die Vereinigte Bürgerfront (Vereinigte russische öffentliche Bewegung zum Schutz der demokratischen Freiheiten) wurde im Juni 2005 von dem berühmten Schachgroßmeister und Oppositionspolitiker Garri Kasparow gegründet13. Es ist eine russische öffentliche Bewegung und ist Teil der Oppositionskoalition „Das andere Russland“14. Anfang November 2006 wurde die VB vom russischen Justizministerium offiziell registriert15. Die Ziele der Vereinigten Bürgerfront umfassen die Bekämpfung der Korruption und des politischen Systems, die Forderung nach Bürokratie und freien Wahlen, ebenso wie unabhängiger Justiz.16

Ab Mai führten die Spitzen der Vereinigten Bürgerfront mehrere Treffen mit Befürwortern in einigen russischen Städten durch17. Am 23. Oktober und 12. Dezember 2010 fanden im Rahmen der Kampagne „Putin muss gehen“ im Zentrum von Moskau Kundgebungen mit Forderung der Absetzung Putins mit ca. 1000 bis 2000 Teilnehmern statt18. Bis 4. Februar 2011, also nach weniger als einem Jahr nach dem Start der Kampagne, wurde der Appell von mehr als 75.000 russischen Bürgern unterzeichnet19. Momentan sind es laut der Webseite mehr als 149.000 Unterschriften20.

Ein anderer Vorläufer der Massenproteste von 2011 war eine Freies Forum im Internet, das Themen und Diskussionen gegen Putin behandelt und ab dem 27. Mai 2011 im Internet mit der URL http://protiv-putina.ru/ präsent ist21. Auf dieser Webseite gibt es auch einen Link zu der Kampagne „Putin muss gehen“, denn diese beiden Bewegungen bzw. Webseiten sind Partner22. Die Webseite bzw. das Forum http://protiv-putina.ru/forum/ ist gegen Putin, gegen Medvedev, aber auch gegen das Regierungssystem im Allgemeinen und gegen die Korruption im Land23. Auch auf dieser Webseite gibt es einen Zähler, der die Anzahl der Personen zeigt, die gegen das Regime von Putin und die Partei „Eigenes Russland“ gestimmt sind und bis heute wurden mehr als 167 Tausend Stimmen gesammelt24.

Zu einem weiteren Vorläufer der Massenproteste kann die russische feministische Punk Rock Protestgruppe, die in Moskau gegründet wurde, zählen, denn sie propagandieren Antiregierungstexte durch ihre Musik25. Die Band wurde im August 2011 gegründet und besteht aus elf Frauen im Alter von 20 bis 33 Jahren26. Teil ihrer Musik, neben der Opposition zu Putins Politik, den sie als Diktator bezeichnet, ist außerdem die Beziehung der Russischen orthodoxen Kirche zu Putin bzw. zu der Regierung, Feminismus und die Gesetze zur Homosexualität27.

Die Bandmitglieder selbst definieren sich als „Teil der globalen antikapitalistischen Bewegung, die aus Anarchisten, Trotzkisten, Feministen und Autonomisten besteht“ und ihre Auftritte können als „Bürgeraktivität gegen die Unterdrückung des politischen Systems, das seine Macht gegen die Menschen- und Bürgerrechte und politische Freiheit richtet“ betrachtet werden28. Die Meinungen der Bandmitglieder sind sowohl anarchistisch, als auch liberal, aber sie verbinden der Feminismus, der Anti-Autoritarismus und die Opposition gegen Putin, der in ihren Augen die „aggressive imperialistische Politik“ der Sowjet Union weiterhin fortführt29.

Nachdem am 21. Februar 2012 fünf Mitglieder der Gruppe in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale aufgetreten sind, wurden sie dabei von den Kirchenschutzbeauftragten aufgehalten und am 3. März 2012 wurden zwei Mitglieder verhaftet und des Hooliganismus angeklagt30. Am 16. März wurde ein drittes Mitglied ebenfalls verhaftet und am 17. August 2012 wurde die drei Frauen zu zwei Jahren Haft verurteilt. Die anderen beiden Bandmitglieder, die bei dem Auftritt in der Kirche dabei waren, haben das Land verlassen.31

3. Entwicklung – Timeline der Bewegung

Der Anfang für die mehrfachen Proteste nach den russischen Parlamentswahlen 2011 bzw. Demonstrationen gegen mutmaßliche Wahlfälschungen bei den Parlamentswahlen vom 4. Dezember 2011 in Russland war der Tag nach der Bekanntgabe der Ergebnisse – der 5. Dezember 201132. An diesem Tag gingen Tausende Menschen auf die Straßen von Moskau (ca. 60.000) und Sankt Petersburg (ca. 10.000), um gegen das Wahlresultat, mit der Proklamation, dass es ungerechte Wahlen waren, und gegen die Partei „Einiges Russland“ zu protestieren, was die größte Demonstration der Opposition seit Jahren war33. Die Demonstranten riefen „Russland ohne Putin“ und hielten Schilder hoch mit der Aufschrift: „Gebt dem Volk seine Stimme zurück!“ und „Putin, geh weg!“34.

Am 8. Dezember 2011 fanden sogar in Paris Demonstrationen statt – ca. 100 russische Studenten, die in Frankreich studieren, haben sich via Facebook zu dem offenen Protest auf der Straße organisiert, wofür ihnen die Präfektur von Paris eine Erlaubnis erteilte35.

Am 10. Dezember 2011 fanden Protestkundgebungen mit einer Teilnehmerzahl von über 100.000 Demonstranten statt, die in Russland als die größte Demonstration in der Ära Putin, sowie seit dem Ende der Sowjetunion in die Geschichte eingegangen ist, wobei an diesem Tag die Demonstrationen in mehr als 90 Städten organisiert wurden36. Die Demonstration wurde von einem Großaufgebot von Sicherheitskräften begleitet und etwa 50.000 Mann riegelten Teile der Stadt, wie etwa den Roten Platz ab37. Nach Angaben der Polizei lag die Teilnehmerzahl in Moskau bei etwa 25.000, in Sankt Petersburg gab die Polizei die Zahl der Demonstranten mit 10.000 an38.

Am 24. Dezember 2011 protestierten erneut Tausende Menschen in Moskau, Sankt Petersburg, Nowosibirsk und weiteren russischen Städten gegen das Ergebnis der Parlamentswahlen. In Moskau sollen sich nach Polizeiangaben 29.000 Menschen an der Protestbewegung beteiligt haben, laut den Organisatoren waren es 120.000 Demonstranten39. Dies gilt als die größte Demonstration, seitdem Wladimir Putin vor mehr als zehn Jahren erstmals die Macht übernahm40.

Im Januar 2012 fand eine kleine Demonstration statt und am 4. Februar 2012 fand eine der größten landesweiten Kundgebungen in Moskau statt. Laut den Organisatoren haben sich bei winterlichen Temperaturen unter minus 20 Grad knapp 120.000 Menschen an der Protestaktion gegen Putin beteiligt. Die zuständige Abteilung des Innenministeriums beziffert jedoch die Teilnehmerzahl mit 34.00041. Die Anzahl der Teilnehmer, die sich an der gleichzeitig laufenden Pro-Putin-Demonstration beteiligten, ließ sich nach Polizeiangaben mit 138.000 beziffern42. Die Kundgebung verlief aber friedlich. Am selben Tag fanden auch weltweit, unter anderem in Deutschland, Aktionen mit denselben Forderungen statt43.

In März und April 2012 fanden im Moskau und Sankt Petersburg Demonstrationen gegen die Präsidentschaftswahlen statt, welche Wladimir Putin gewann44.

Am 6. Mai 2012 fand in Moskau eine weitere Massenkundgebung statt - der s.g. "Marsch der Millionen" mit einer Teilnehmerzahl von 100.000 bis 120.000 Menschen, obwohl das Innenministerium von 8.000 Demonstranten spricht45.

4. Charakterisierung der Bewegung nach Rucht

Dieter Rucht hat in seinem Artikel „Massen mobilisieren“ die Charakteristika und Bedingungen für die Protest- bzw. Massenmobilisierung erörtert, wonach bestimmt werden kann, ob eine Bewegung ein Massenprotest oder eine neue Art der Bewegung ist46. Nach Rucht erlangt eine „Protestkampagne oder soziale Bewegung umso höhere Sichtbarkeit und entfaltet umso mehr Druck, je größer und einsatzfreudiger die Zahl ihrer Anhänger und Aktivisten ist“47, wodurch Rucht zwei Arten von Mobilisierung unterscheidet – die quantitative, also Aktion durch Power of Numbers, also „political change movements“ und die qualitative, also „personal change movements“, intensives, riskantes und/oder opferbereites Engagement. Die Bedingungen für die Massenmobilisierung hat Rucht in fünf Kategorien aufgeteilt, die wie folgt aussehen48:

1. Das Vorhandensein eines Rohstoffs von negativen Gefühlen oder Wahrnehmungen, wie z.B. Unzufriedenheit, Ärger, Empörung, Ungerechtigkeit, Benachteiligung, Verlustängste, u.ä.49 Im Falle der Proteste in Russland herrschte in dem Land eine allgemeine Unzufriedenheit mit der Regierung und der unmittelbare Auslöser für die Proteste waren die Wahlergebnisse vom 4.12.2011 – die Bürger empörten und ärgerten sich über die Wahlergebnisse, sie fühlten sich ungerecht behandelt und benachteiligt, wodurch der erste Charakterisierungspunkt nach Rucht auf die Protestbewegung in Russland zutrifft.
2. Der Eindruck, mit seinem Problem bzw. Leid nicht allein zu stehen ist günstig für eine kollektive Massenmobilisierung, vor allem wenn die Betroffenen einem gemeinsamen sozialen Netz (Dorfgemeinschaft, Gewerkschaft, ethnische oder religiöse Gruppe, etc.) angehören, wodurch bestehende Kontakte und Affinitäten genutzt werden können50. Die Problemdeutung und Schuldzuweisung können außerdem auf bestimmten Deutungsstrategien beruhen, die als „Framing“ bezeichnet werden, welches aus drei Unterkategorien besteht: „diagnostic framing“ (Benennung von Problemursachen), „motivational framing“ (Generierung von Handlungsmotiven) und „prognostic framing“ (Aufzeigen von Auswegen aus dem jeweiligen Missstand). Diese können dann in „master frames“ (übergeordnete generalisierte Deutungsmuster) eingebettet werden und konkrete Betroffenheiten können durch „frame bridging“ als strukturell ähnlich zueinander in Beziehung gesetzt werden und so können catnets (categorie and network) miteinander verknüpft werden51. Im Falle der Massenproteste gegen die Ergebnisse der Parlamentswahlen haben alle Oppositionsparteien und ihre Anhänger Affinitäten und können ihre bestehenden Kontakte miteinander und zu ihren Anhängern nutzen, um die Massenmobilisierung zu verstärken. Das gemeinsame soziale Netz in diesem Fall waren die einzelnen Städte, in denen die einzelnen Proteste und Demonstrationen stattfanden. Somit trifft der zweite Charakterisierungspunkt für die Bedingungen für Massenmobilsierung nach Rucht ebenfalls zu.
3. Massenproteste müssen initiiert und organisiert werden, was bedeutet, dass der Ort, die Zeit, die Forderungen und die Aktionsform gegenüber den Behörden benannt werden müssen52. Außerdem sollten die Demonstrationen z.B. durch Anzeigen, Plakate, Flugblätter, Webseiten, E-Mail Botschaften oder mittels anderer Wege gegenüber den zu Mobilisierenden bekannt gemacht werden, und es bedarf einer organisatorischen Vorbereitung und Begleitung, was bedeutet, dass organisatorische Träger und Unterstützer gesucht werden muss, Slogans, Forderungen und Resolutionen ausformuliert werden müssen, eine Auswahl von Rednern durchgeführt werden muss, Anmietung von Wagen, Bühnen- und Soundtechnik und Finanzierung müssen durchgeplant werden, usw.53 Dabei gibt es zwei Hauptgruppen von Teilnehmenden an Massenprotesten, die auf unterschiedliche Weise rekrutiert werden: zum Einen sind da die Aktivisten – Mitglieder oder gelegentliche Unterstützer einer Protestgruppe oder einer Bewegungsorganisation, die durch gruppen- und organisationsspezifische Kanäle, wie Rundbriefe, Mitgliederzeitschriften, E-Mail Listen, usw. agieren und informiert werden und zum Anderen sind da die, die allein oder in kleinen Gruppen, mit Partner, Freunden, Familie usw. am Protest teilnehmen, die durch Meldungen in den Massenmedien oder persönliche Netzwerke informiert werden54. Im Fall der Massenproteste 2011 in Russland wurden die Demonstranten von Parteien der Opposition aufgerufen, und zwar auf ihren Websites und durch Flugblätter. Eine wichtige Rolle bei der Organisation spielen auch die sozialen Netzwerke im Internet, wie Twitter, Facebook und Vkontakte, auf welchen zu den Versammlungen aufgerufen wurde und somit die Menschen in Kenntnis gesetzt wurden wann und wo die Proteste stattfinden. Die Behörden wurden im Voraus über den Ort, die Zeit und die voraussichtliche Teilnehmerzahl der Protestanten in Kenntnis gesetzt und es wurden offizielle Genehmigungen für die Demonstrationen erteilt. Somit trifft auch der dritte Charakterisierungspunkt von Rucht zu.
4. Die Wahrnehmungen, dass für die anstehende Aktion günstige Rahmenbedingungen vorliegen beeinflussen positiv das Zustandekommen und den Umfang von Massenprotesten – diese wird als „window of opportunity“ oder „opportunity structures“ bezeichnet55. In diesem Fall fungieren meist politische Gelegenheiten als Auslöser, die sich in drei Kategorien einteilen lassen: 1. eine günstige politische Entscheidung, wenn eine getroffene wichtige politische Entscheidung den Anstoß gibt, 2. Eine günstige diskursive Gelegenheit, wenn die Massenmedien im Sinne der Protestierenden Stellung zu dem Problem bzw. der Angelegenheit bezogen haben, und 3. eine günstige kulturelle Gelegenheit, wenn gesellschaftlich fest verankerte Werte angeknüpft und kulturelle Resonanz erzielt werden kann56. Im Fall der russischen Massenproteste gegen die Ergebnisse der Parlamentswahlen war eine günstige politische Entscheidung der Auslöser, und zwar die Wahlergebnisse vom 4. Dezember 2011.
5. Subjektive Erfolgserwartungen, die mit dem Protest verbunden sind, können ebenfalls für die Teilnahme an einem Massenprotest, eine wichtige Rolle spielen, denn Erfolge oder Teilerfolge lassen sich z.B. unter dem Hinweis reklamieren, dass ohne den Protest alles schlimmer wäre57. Selbstverständlich ist sind die subjektiven Einstellungen und Überzeugungen bei jeder Aktion bzw. Bewegung dabei, sei es ein Massenprotest oder nicht und somit trifft dieser Charakterisierungsaspekt auch in diesem Fall zu.

Somit kann man sagen, dass nach den Kriterien von Rucht, die Demonstrationen in Russland auf jeden Fall Massenproteste waren.

5. Zusammensetzung der Bewegung: Teilnehmer und Orte

Die Kampagne „Putin muss gehen“ setzt sich zusammen aus den Aktivisten der Opposition und mehreren berühmten russischen Persönlichkeiten des kulturellen Lebens58. Am 20. März 2010 hatten 34 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens die Petition unterzeichnet, als erstes natürlich der Initiator und der Hauptorganisator der Kampagne Garri Kasparow59. Auch Menschenrechtler Jelena Bonner und Lew Ponomarjow und die Politiker Wladimir Bukowski und Boris Nemzow haben ihre Unterschriften unter die Petition gesetzt60. Weiterhin waren unter den Befürwortern der Wirtschaftswissenschaftler Andrei Illarionow, die Schriftsteller Sachar Prilepin und Wiktor Schenderowitsch, der Rockmusiker Michail Borsykin, der politische Denker Geidar Dschemal und auch andere Mitglieder der Opposition und von Organisationen, wie der Nationalversammlung der Russischen Föderation. Auch der Oppositionspolitiker Wladimir Ryschkow unterstützt die Kampagne61.

Bei den Protesten gegen die Parlamentswahlen 2011 waren sowohl orange liberale als auch schwarz-gelb-weiße nationalistische Fahnen auf den Straßen zu sehen, was von der Heterogenität der Protestierenden zeugt und außerdem waren auch Mitglieder der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF) anwesend62. Vertreter mehrerer außerparlamentarischer Oppositionsgruppen und in der Duma vertretener Oppositionsparteien nahmen an der Demonstration teil: in Moskau sprachen Boris Nemzow, Wladimir Ryschkow und Michail Kasjanow, die sich mit ihrer liberalen Partei der Volksfreiheit „Für ein Russland ohne Willkür und Korruption“ an der Wahl beteiligen wollten, aber vom Justizministerium nicht in das offizielle Parteienregister aufgenommen wurden63. Auch der politische Aktivist Ilja Jaschin und der Schriftsteller Boris Akunin beteiligten sich an den Protesten, außerdem war die Chefredakteurin der regimekritischen Zeitung „New Times“ Jewgenija Albaz ebenfalls anwesend64. Der Vorsitzende der liberalen „Jabloko“ Sergei Mitrochin, sowie der Gründer der Partei Grigori Jawlinski65 und der Vorsitzende der Partei „Gerechtes Russland“66 waren an den Protesten beteiligt. Die „Kommunistische Partei der Russischen Föderation“ hielt mit ihrem Vorsitzenden der Fraktion im Moskauer Stadtparlament Andrei Klytschkow eine Rede67. Weitere Teilnehmer war die Vertreter der an Garri Kasparows und Boris Nemzows Bündnis Das andere Russland teilnehmenden rechtsradikalen Nationalbolschewistischen Partei von Eduard Limonow68, der linksradikalen Linken Front und der ultraliberalen Oppositionsgruppe Solidarnost. Weiterhin nahmen auch Nationalisten, Anarchisten, Libertäre und Anhänger der Piratenpartei an den Protesten teil69.

An dem Protest vom 24.12.2011 nahm auch der frühere Finanzminister Alexei Kudrin teil70. Unter den Festgenommenen befinden sich auch berühmte Oppositionspolitiker Ilja Udaltsov, Boris Nemtsov und Anti-Korruptionsanwalt Alexei Nawalny, die während des Protestes am 6.05.2012 verhaftet wurden71. Prominente Unterstützung erhielten die Demonstranten vom Ex-Chef der Sowjetunion, Michail Gorbatschow72. Laut "Telegraph" sagte er, der Umgang des Kreml mit der Wahl und den Protesten sei schockierend. "Das ist beschämend. Und peinlich. Ich zum Beispiel schäme mich.73 " Gorbatschow bezog sich dabei auf eine Äußerung Putins, der die weißen Bänder der Demonstranten mit Kondomen verglichen hatte.74 Weitere Berühmtheiten des kulturellen Lebens, die an den Protesten teilnahmen waren Ilja Zhegulev, Mitautor des Buchs „Operation „Das einheitliche Russland“75 und Matwej Ganapoljskoj, Autor des TV-Programms „An der Spitze der Geschehnisse“ und Moderator der Radiostation „Echo von Moskau“76.

Die Proteste gegen die Ergebnisse der Parlamentswahlen von 2011 fanden nicht nur in Moskau und Sankt Petersburg statt, sondern auch in anderen großen russischen Städten77.

Am 5.12.2011 und 8.12.2011 versammelten sich Ekaterinburg 4 Tausend Menschen, in Nowosibirsk waren das ebenfalls fast 4 Tausend Demonstranten, in Nizhniy Nowgorod gingen 2 Tausend Menschen angeführt vom Bürgermeister Oleg Kondrashew auf die Straßen, in Tschjeljabinsk waren es 2-3 Tausend Menschen, in Rostow am Don etwa 300 Personen, in Wladiwostok an die 200 Menschen, in Habarowsk waren es nur 70 Demonstranten, wobei 38 von ihnen verhaftet wurden, und in Barnaul, Kemerowo und Nowokuzneck waren es zwischen 300 und 2 Tausend Menschen78. Auch in vielen anderen Städten gingen die Menschen auf die Straßen, um gegen die Ergebnisse der Wahlen zu protestieren.79 Außerdem gab es auch Demonstrationen zu diesem Thema auch in anderen Ländern der Welt, organisiert und durchgeführt von den russischen Auswanderern, und zwar in London mit rund 200 Personen, in Tel Aviv mit etwa 50 Personen, und Stockholm und Oslo mit geringeren Teilnehmerzahlen.80

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47 Rucht, D. 2012:3f

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Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Massenproteste in Russland gegen die Wahlergebnisse von 2011. Konsequenzen für Putins Einfluss
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
25
Katalognummer
V925193
ISBN (eBook)
9783346245625
ISBN (Buch)
9783346245632
Sprache
Deutsch
Schlagworte
massenproteste, russland, wahlergebnisse, konsequenzen, putins, einfluss
Arbeit zitieren
Yevgeniya Marmer (Autor), 2013, Massenproteste in Russland gegen die Wahlergebnisse von 2011. Konsequenzen für Putins Einfluss, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/925193

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