Anfang Oktober 2007 ereignete sich in Österreich Seltsames. Rund um die Bücher-Bestenliste des ORF entflammte eine Diskussion über die österreichische Literaturkritik und deren mutmaßliche Provinzialität. Ausgelöst wurde sie von niemand anderem als Sigrid Löffler , die ihre Meinung – wie gewohnt – lautstark und fundiert kundtat.
Unter die besten zehn Bücher des Monats September wurden acht Titel von österreichischen Autoren gewählt. Das brachte auch prompt den Vorwurf, man würde nicht über den Tellerrand hinausblicken.
In der von da an geführten Debatte machte auch ein internes E-Mail von Peter Zimmermann, Redakteur des ORF/Hörfunk, Moderator der Ö1-Sendung ex libris und Jurymitglied der ORF Bestenliste, die Runde: „Wenn man die neuen Bücher von Menasse, Köhlmeier, Glavinic und Geiger auch wirklich gelesen hat, wird man doch recht fassungslos vor soviel Zuspruch stehen. Es handelt sich dabei um Bücher mit teils eklatanten stilistischen Schwächen, vor allem bei Köhlmeier und Geiger . . . Menasse und Glavinic kann man zumindest zugute halten, dass sie die eigene Unfähigkeit thematisieren . . .“
Wie nicht anders zu erwarten, waren die Autoren von diesen Äußerungen nicht sehr angetan. Als Glavinic und Köhlmeier am 25. September 2007 zu einer Veranstaltung von ex libris ins Literaturhaus Graz eingeladen wurden, weigerten sie sich strikt mit Peter Zimmermann zu diskutieren. Glavinic sagte den Termin ab und Köhlmeier blieb mit Daniela Strigl allein am Podium, denn auch er wollte mit dem „Intriganten“, Peter Zimmermann, nicht reden.
Aber ist es nicht eigentlich das gute Recht eines Kritikers einen Roman nicht gut zu finden?
Weiters werde ich mich mit der Debatte rund um die deutschsprachige Literaturkritik befassen. Auch wenn die Diskussion an sich nicht ganz neu ist, so sind doch einige Aspekte zu besprechen, die sich erst in den letzten Jahren so entwickelt haben. Gemeinsam mit der Gesellschaft haben sich auch der Stellenwert des Buches und somit auch jener der Literaturkritik verändert. Nicht außer Acht zu lassen ist außerdem der Anteil, der dem Kritiker selbst am Prestigeverlust der Literaturkritik zuzuschreiben ist.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Bestenliste
2.1 Die Bestenliste des Südwestdeutschen Rundfunk
2.1.1 Damals ...
2.1.2 ... und heute
2.2 Die Bestenliste des Österreichischen Rundfunk
2.2.1 Voting und Veröffentlichung
2.3 Die Bestenlisten im Vergleich
2.3.1 Die Bestsellerliste des Spiegel
2.3.2 Österreicherüberschuss?
3 Der Kritiker als seines eignen Glückes Schmied?
3.1 Der Literaturtipp
3.2 Das Buch als Event
3.3 Die Marktbeschleunigung
3.4 Konformismus vs. Meinungsvielfalt
3.5 Gefälligkeitskritiken und Kumpanei mit den Autoren
4 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktion, Entstehungsgeschichte und Wirkung von Bücher-Bestenlisten, insbesondere am Beispiel des Südwestrundfunks (SWR) und des Österreichischen Rundfunks (ORF). Dabei wird analysiert, inwiefern diese Listen als Orientierungshilfe für Leser dienen, wie sie sich von kommerziellen Bestsellerlisten abgrenzen und welchen Einfluss aktuelle Entwicklungen in der Literaturkritik auf deren Glaubwürdigkeit und den Literaturbetrieb haben.
- Vergleich der Bestenlisten von SWR und ORF im Hinblick auf Struktur und Auswahlkriterien.
- Analyse der Debatte um Provinzialität und nationale Schwerpunkte in der Literaturkritik.
- Untersuchung der "Eventisierung" von Literatur und deren Folgen für die Marktdynamik.
- Kritische Reflexion über das Verhalten der Literaturkritik und den Stellenwert von Rezensionen.
- Reflektion über die Rolle des Kritikers im Spannungsfeld zwischen Unabhängigkeit und institutionellen Abhängigkeiten.
Auszug aus dem Buch
3.2 Das Buch als Event
Den Buchtipp sehe ich als eher harmloses Zeichen unserer Zeit. Ein viel erschreckenderes Produkt der eventsüchtigen Gesellschaft von heute ist die Behandlung des Buches als Event. Frau Löffler formulierte dazu treffend:
Bücher [sind] ihrem Wesen nach keine Augenblicksevents. Sie sind auf einsame Lektüre angewiesen, sie brauchen Zeit, um gelesen und verstanden zu werden und um ihre Wirksamkeit in den Köpfen zu entfalten, sie sind auf Dauer ausgerichtet. Sie sind nicht als Massenspektakel im Kollektiv konsumierbar wie Popkonzerte oder Fernsehshows.21
Diese Definition des Buches steht aber dem gegenüber, was die Buchverlage, der Buchhandel und die Medien daraus machen. Die Marketingmaschinerie wird schon lange vor dem Erscheinungstermin des Buches in Gang gesetzt. In den Printmedien und im Internet ist es dem zukünftige Käufer möglich sich anhand Unmengen von Werbetexten vorab zu informieren. Das Erscheinen des neuen Handke Die morawische Nacht tönte schon so lange Zeit vorher von Internetseiten, aus Zeitungen und Radiosendern, dass ich am 7. Jänner d.J. ganz überrascht war als mich eine Kollegin darauf aufmerksam machte. Ich dachte das Buch müsste schon lange im Handel erhältlich sein.
Ist es dann endlich so weit, steht der Erstverkaufstag vor der Tür, so wird dieser zum Medienevent hochgeschaukelt – ungeachtet dessen, dass Bücher sich dafür äußerst schlecht eignen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Debatte um die Bücher-Bestenliste des ORF im Herbst 2007 ein und steckt den thematischen Rahmen für die Analyse der SWF/SWR- und ORF-Bestenlisten ab.
2 Die Bestenliste: Hier werden die Konzepte und Entstehungsgeschichten der Bestenlisten des SWR und des ORF sowie deren Abstimmungsmodalitäten und Zielsetzungen erläutert.
2.1 Die Bestenliste des Südwestdeutschen Rundfunk: Dieses Kapitel zeichnet die Entstehung und Entwicklung der Pionier-Bestenliste des SWR nach, inklusive der dort angewandten Auswahlmechanismen.
2.1.1 Damals ...: Hier wird der historische Anfang der SWR-Bestenliste und die ursprüngliche Konzeption der Jury-Stimmabgabe beschrieben.
2.1.2 ... und heute: Dieser Abschnitt erläutert die aktuellen Abstimmungsmodalitäten und die Struktur der Jurorenarbeit beim SWR.
2.2 Die Bestenliste des Österreichischen Rundfunk: Es wird die Gründung und das Konzept der ORF-Bestenliste seit Mai 2003 im Kontext des öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrags dargestellt.
2.2.1 Voting und Veröffentlichung: Hier wird das Punktesystem und die Form der Online-Präsentation der ORF-Bestenliste erklärt.
2.3 Die Bestenlisten im Vergleich: Dieser Teil setzt die Listen des SWR und des ORF in Bezug zueinander und diskutiert Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede in der Autorenauswahl.
2.3.1 Die Bestsellerliste des Spiegel: Hier wird die konzeptionelle Differenz zwischen der literarischen "Bestenliste" und der kommerziellen "Bestsellerliste" des Spiegel aufgezeigt.
2.3.2 Österreicherüberschuss?: Dieses Kapitel analysiert kritisch den hohen Anteil österreichischer Autoren auf der ORF-Liste und sucht nach Erklärungen für dieses Phänomen.
3 Der Kritiker als seines eignen Glückes Schmied?: Hier wird die allgemeine Krise der Literaturkritik und deren Prestigeverlust durch externe Faktoren sowie Eigenverschulden diskutiert.
3.1 Der Literaturtipp: Dieser Abschnitt thematisiert das Spannungsfeld zwischen dem Wunsch der Leser nach Orientierung und den produktionsästhetischen Maßstäben professioneller Kritik.
3.2 Das Buch als Event: Es wird die Problematik der medialen Inszenierung von Bucherscheinungen als Massen-Events kritisch hinterfragt.
3.3 Die Marktbeschleunigung: Hier wird analysiert, wie die gleichzeitige Veröffentlichung vieler Rezensionen die Verweildauer von Büchern am Markt verkürzt.
3.4 Konformismus vs. Meinungsvielfalt: Dieser Teil untersucht den Einfluss von Absprachen und fehlender Unabhängigkeit auf die Qualität und Vielfalt der literarischen Urteilsbildung.
3.5 Gefälligkeitskritiken und Kumpanei mit den Autoren: Hier wird das ethische Problem von Rezensionen unter befreundeten Akteuren im engen österreichischen Literaturbetrieb erörtert.
4 Zusammenfassung: Diese Zusammenfassung resümiert die Bedeutung der Bestenlisten als notwendiges Korrektiv im Literaturbetrieb und fordert eine Emanzipation der Kritik von marktorientierten Zwängen.
Schlüsselwörter
Bestenliste, Literaturkritik, ORF, SWR, Rezension, Buchmarkt, Marktbeschleunigung, Eventisierung, Feuilleton, Leseverhalten, Österreichische Literatur, Bestsellerliste, Literaturbetrieb, Glaubwürdigkeit, Medien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Funktion von Bücher-Bestenlisten von öffentlich-rechtlichen Sendern im Vergleich zu kommerziellen Bestsellerlisten und deren Rolle im Literaturbetrieb.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Struktur der Bestenlisten von SWR und ORF, die mediale Vermarktung von Büchern, der Einfluss von Literaturkritikern und die Problematik von Konformität und Befangenheit im Kulturbetrieb.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu ergründen, ob Bestenlisten als verlässliche Wegweiser dienen können und wie die Literaturkritik in Zeiten von "Event-Marketing" ihre Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit bewahren kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine vergleichende Analyse der Bestenlisten-Daten über einen Zeitraum von sechs Monaten (2007/2008), ergänzt durch die Auswertung publizierter Debatten, Kommentare und Literaturstudien.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Entstehung der Bestenlisten, dem direkten Vergleich von ORF- und SWR-Listen, der Kritik am "Österreicher-Überschuss" sowie einer tiefergehenden Analyse der aktuellen Krisenerscheinungen in der Literaturkritik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Literaturkritik, Bestenliste, Marktbeschleunigung, Literaturbetrieb und kulturelle Orientierungshilfe geprägt.
Warum spielt die Debatte um Sigrid Löffler eine so große Rolle für die Arbeit?
Die Diskussion um Löfflers Provinzialitäts-Vorwurf gegenüber der ORF-Bestenliste dient als Ausgangspunkt der Untersuchung und veranschaulicht die Spannungen zwischen regionalem Fokus und qualitätsvoller Literatur.
Welche Rolle spielen Freundschaften zwischen Autoren und Kritikern laut der Autorin?
Die Autorin sieht in den engen sozialen Verhältnissen, besonders in Wien, eine Gefahr für die Objektivität, da persönliche Bekanntschaften die kritische Distanz bei Rezensionen erschweren können.
- Citation du texte
- Christiane Hörl (Auteur), 2008, Bücher-Bestenlisten - Stille Wegweiser zwischen Verkaufslisten und Reklameschriften, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92521