Scham in Neckels Werk "Status und Scham". Eine kurze Darstellung


Hausarbeit, 2012

10 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sighard Neckel

3. Kurze Zusammenfassung: Kapitel XI „Die Macht der Scham im Feld der Lebensstile“

4. Kritik

5. Fazit

Quellen

1. Einleitung

„Was ist Scham?“ und „wieso schämen sich Menschen?“ sind die zentralen Fragen dieser Arbeit.

Robert C. Solomon definiert Scham als ein internes Gefühl, das unsere moralische Verantwortung strukturiert und sich auf etwas richtet, was man verstecken will und etwas was sich auf konkrete Ereignisse bezieht und sich mit eigenen Handlungen beschäftigt1. Die Emotion der Scham ist moralisch offen, was bedeutet, dass der, der sich schämt, sich nicht unbedingt unterlegen fühlen muss, aber man schämt sich aus eigener Schuld bzw. Verantwortung und der finale Wunsch der Scham ist Buße zu tun und seine Schuld zu sühnen2.

Somit ist Scham ein Zwang, den sich Menschen selbst auferlegen. Man fühlt sich für seine Scham schuldig und will diese nicht mehr empfinden.

Norbert Elias definiert vier Arten von Zwängen:

1. Animalische Zwänge (z.B. Zwang des Hungers, Zwang des Geschlechtstriebs, Zwang des Älterwerdens, etc.),
2. Natürliche Triebzwänge, die aus der Abhängigkeit von nicht-menschlichen Naturgeschehnissen stammen, vor allem der Zwang der Nahrungssuche,
3. Individuelle Zwänge, die als Selbstkontrolle, Verstand oder Gewissen bezeichnet werden und
4. Gesellschaftliche Zwänge – Zwänge, die Menschen beim Zusammenleben aufeinander aufgrund ihrer Interdependenz ausüben.3

Zu dieser letzten Art von Zwängen gehört die Scham, denn jeder Mensch, der mit anderen zusammenlebt und von anderen abhängig ist, ist aufgrund dieser Abhängigkeit Zwängen unterworfen.

In dieser Arbeit wird die Emotion Scham bei Sighard Neckel untersucht. Dazu wird als erstes ein kleiner Einblick in die akademische Laufbahn von Sighard Neckel gewährt. Dann wird das Kapitel XI „Die Macht der Scham im Feld der Lebensstile“ aus „Status und Scham. Zur symbolischen Reproduktion sozialer Ungleichheit“ kurz zusammengefasst und im Anschluss kritisch betrachtet. Dabei wird auf den Aspekt der Scham ganz besonders eingegangen, in Bezug auf die Frage warum sich Menschen schämen. Die kritische Analyse wird introspektiv durchgeführt und im Anschluss wird ein Fazit dargelegt.

2. Sighard Neckel

Prof. Dr. Sighard Neckel ist 1956 in Gifhorn in Niedersachsen geboren.4 Er hat ein Studium in Soziologie, Philosophie und der Rechtswissenschaft an der Universität Bielefeld und an der Freien Universität Berlin abgeschlossen und 1983 einen Studienabschluss als Diplom-Soziologe an der FU Berlin gemacht.5 Von 1984 bis 1997 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Angestellter in einem Forschungsprojekt und Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Soziologie der FU Berlin tätig und 1990 promovierte Neckel zum Dr. phil.6 Er hatte Professuren für Soziologie an der Universität Siegen von 1997 bis 2000, an der Bergischen Universität Wuppertal von 2000 bis 2001, an der Justus-Liebig-Universität Gießen von 2001 bis 2007 und an der Universität Wien von 2007 bis 2011.7

Seit Wintersemester 2011/12 ist er Professor für Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Mitglied des Kollegiums des Instituts für Sozialforschung.8 Seine Forschungsschwerpunkte liegen bei den symbolischen Ordnungen sozialer Ungleichheit, der Soziologie des Ökonomischen, der Emotionssoziologie, der Kulturforschung, der Wissenssoziologie und der soziologischen Ethnographie.9

3. Kurze Zusammenfassung: Kapitel XI „Die Macht der Scham im Feld der Lebensstile“

Im ersten Teil des Kapitels beschreibt Neckel die Emotionen eines Kellners, sowohl in der Rolle des Arbeiters, als auch in der Rolle eines Gastes in dem Lokal, in dem er arbeitet. Neckel behauptet, dass für einen Bürger es vollkommen selbstverständlich ist sich von einer anderen Person gegen Bezahlung bedienen zu lassen, jedoch der Arbeiter würde sich bei so einem Vorgang schämen. Neckel zitiert Elias, indem er sagt, dass es Personen gibt vor denen man sich schämt und Personen, vor denen man sich nicht schämt.

Im zweiten Teil des Kapitels geht es um die Unterlegenheitsgefühle in der Konkurrenz von Lebensstilen. Neckel definiert Lebensstil als „sozial distinkte Varianten kultureller Praktiken, denen typische soziale Lagen entsprechen, die willkürlich nicht zu wechseln sind“. Die „Lebensstile korrespondieren mit den Positionen im sozialen Raum, die sich aus der jeweiligen Verfügung über ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital ergeben“ und so geschieht die „Bestimmung der Welt kultureller Güter und Praktiken durch die Besitzer und Träger und inwiefern sie sich voneinander unterscheiden“. So sind nach Neckel „normative Bewertungen und Selbstwertungen eigener und fremder symbolischer Praktiken nicht nur subjektiv, sondern abgeleitet von klassen- und gruppenspezifischen Deutungsmustern“.

Neckel führt einen Prototyp sozialer Scham ein, den Autodidakt. Dieser gehört der besser gestellten Arbeiterschaft an und verfügt über wenig kulturelles Kapital, welches er erst durch Lernen an Vorbildern erwerben muss. Er hat die ständige Angst entdeckt zu werden, denn er will der legitimen Kultur würdig sein, aber ist erkennbar an seiner Verlegenheit, wenn er denkt er hätte sich nicht richtig verhalten oder falsche Klassifikationen gebraucht. Der Autodidakt durchlebt den persönlichen Vermeidungsimperativ, er hat Angst durch Unachtsamkeit in eine peinliche Situation gebracht zu werden, in der er sich seiner wirklichen Herkunft schämen müsste. Lebensstile gewinnen ihre distinktive Kraft ja dadurch, dass sie den Besitz symbolischer Güter signalisieren, deren Erwerb knapp und deren Darstellung selten ist, knapp und selten nicht nur durch den Preis, sondern auch durch die innere Restriktion von sozialen Chancen, durch informelle Mechanismen der sozialen Kontrolle.

Beschämungen ermöglichen soziale Kontrolle unter Mitbeteiligung der Kontrollierten, was Neckel als das Konformitätsprinzip bezeichnet. Durch soziale Scham bringen die Individuen in die Organisation von Herrschaft einen effektiven Beitrag. Die Scham wird nicht nur durch externe Zwänge erzeugt, sondern auch intern durch die normativ gebundenen Handlungsorientierungen und Selbstdeutungen befestigt.

Soziales und kulturelles Kapital kann nicht verloren gehen, denn es operiert innerhalb der sozialen Lebenswelt und auf Basis personal-interaktiver Mechanismen. Kulturelle Praktiken, Wissensformen, Titel, soziale Beziehungen, etc. bedürfen sozialer Anerkennung höherwertig zu sein. Soziale Scham ist die tiefste Art einen persönlichen Mangel zu empfinden, weil sie die eigene Selbstachtung ruiniert und eine Diskrepanzwahrnehmung zwischen dem realen und dem idealen Selbst im Inneren der Person hervorruft. Schamgefühle sind das Beispiel einer Selbst- und Fremdbewertung, die zwischen den heimlichen oder offenen, bewussten oder latenten Zwecken von Distinktionen und den Deutungsmustern, auf die sie sich richten, Kongruenz stiftet.

Neckel behauptet, dass persönliche Scham unmittelbar mit der Natur und dem Wesen der Person zu tun hat und dabei liegt das erfolgreichste Prinzip der Distinktion in der gesellschaftlichen Klassifikation der Natürlichkeit des guten Geschmacks, der richtigen Bildung und der vornehmen Erscheinungsweise. Am stärksten ist die beschämende Wirkung von Klassifikationen wenn sie mit dem Attribut der Natürlichkeit versehen ist, und zwar mit dem Körper.

Im letzten Teil des Kapitels spricht Neckel über die soziale Scham als Habitus und „sentiment“. Er behauptet, dass Gefühle defizitärer Selbstbewertung hochgradig mit der sozialen Biografie von Personen verbunden sind, womit soziale Scham zu einem Typus Erfahrung werden kann, die Angehörige bestimmter Statusgruppen regelmäßig empfinden. Wenn soziale Scham mit der Herkunft und dem Status einer Person verknüpft ist, bietet diese einen Faktor kultureller Fluchtbewegungen und so nehmen Individuen emotionale Haltungen an, die sich von den momentanen Zuständen, den flüchtigen Gefühlszuständen, unterscheiden.

Zusammenfassend ist Scham die gelebte Erfahrung von sozialer Missachtung, defizitärer Selbstbewertung und selbstempfundener Unterlegenheit, die sich in der Ungleichheit der Gesellschaft erwirbt und sich in der Selbstwahrnehmung der Individuen ein lagert. So entstehen sentiments (habits oft he heart) – sozial konstruierte Muster von Eindrücken und Expressionen, die sich um soziale Beziehungen als gelebte Gefühle legen.

4. Kritik

Neckel behauptet ganz am Anfang des Kapitels, dass es für einen Arbeiter peinlich ist persönliche Dienste eines anderen gegen Bezahlung zu beanspruchen (Neckel 1991: 235). Aber wieso? Das kann keineswegs auf alle Menschen übertragbar sein. Warum sollte es jemandem peinlich sein, wenn er an seinem freien Tag zum Beispiel, in ein Restaurant geht und sich von einem Kellner bedienen lässt? In diesem Moment ist er kein Arbeiter, sondern ein Kunde, wie jeder andere, er bezahlt das gleiche Geld und kann auch die gleichen Dienste erwarten. Es findet ein Rollenwechsel statt und das muss keinem peinlich sein. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass diese Aussage nicht wahr ist. Ich selbst habe in einem Restaurant gekellnert und manchmal kam ich meinen freien Tagen, um dort zu essen und es war mir keinesfalls peinlich.

[...]


1 SOLOMON, R.C. 2000: 355

2 SOLOMON, R.C. 2000: 356

3 ELIAS, N. 1989: 47ff

4 INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG an der Johann Wolfgang Goethe-Universität

5 INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG an der Johann Wolfgang Goethe-Universität

6 INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG an der Johann Wolfgang Goethe-Universität

7 INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG an der Johann Wolfgang Goethe-Universität

8 INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG an der Johann Wolfgang Goethe-Universität

9 INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG an der Johann Wolfgang Goethe-Universität

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Scham in Neckels Werk "Status und Scham". Eine kurze Darstellung
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Veranstaltung
Emotionssoziologie
Note
2,1
Autor
Jahr
2012
Seiten
10
Katalognummer
V925263
ISBN (eBook)
9783346257291
Sprache
Deutsch
Schlagworte
scham, neckels, werk, status, eine, darstellung
Arbeit zitieren
Yevgeniya Marmer (Autor), 2012, Scham in Neckels Werk "Status und Scham". Eine kurze Darstellung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/925263

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