Web 2.0 in Lehr-Lern-Arrangements

Eine subjektwissenschaftliche Begründung für Lehren und Lernen im Netz


Hausarbeit, 2007
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Web 2.0 in Bildungskontexten

3. Lehren und Lernen mit Web 2.0 – Ein Praxisbeispiel
3.1. Intentionen für den Einsatz von Web 2.0 in den Kognitionswissenschaften
3.2. Das CMS Drupal
3.3. Der konkrete Einsatz von Drupal in der Lehrveranstaltung

4. Lerntheoretische Reflexionen
4.1. Goal Based Scenario
4.2. Die subjektwissenschaftliche Lerntheorie nach Holzkamp
4.3. Das Anknüpfungspotential beider Theorie-Ansätze

5. sTeam – Lernen nach Holzkamp

6. Fazit

7. Literatur

1. Einleitung

Web 2.0 – ein Schlagwort, welches ebenso häufig im heutigen Sprachraum Verwendung findet wie es verschiedene Bedeutungen und Interpretationen gibt. Obgleich Web 2.0 bereits 2002 für den Titel eines wenig beachteten Buches von Tim O’Reilly benutzt wurde, konnte der Begriff erst mit einer in 2004 von ihm abgehaltenen Konferenz in San Francisco große Verbreitung finden. Seitdem ist Web 2.0 in aller Munde. Es steht weniger für eine neue Softwareversion noch für einen weiten Sprung von Internettechnologien. Web 2.0 ist vielmehr der Überbegriff für ein neues Denken und Begreifen des Vernetzt-Seins. Das Internet mit Web 2.0-Anwendungen wird zur Plattform von Inhalten und Algorithmen, die beliebig erweitert und rekombiniert werden können.[1] Mit Web 2.0 verlässt das Internet das Feld des bloßen Massenspeichers und tritt ein in die Sphäre kontinuierlicher, kollaborativer Inhaltsgenerierung. Myspace, youtube, StudiVZ oder facebook sind nur einige wenige Beispiele hierfür.

Befragt man allerdings GoogleTrends nach der Häufigkeit der Suchanfragen nach diesem Begriff, so überrascht das Ergebnis: Die Anfragen haben in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen. Doch ist seit kurzem ein Stillstand, wenn nicht sogar eine rückläufige Tendenz auszumachen.[2] Worauf ließe sich dieses Symptom zurückführen? Einerseits, so könnte eine Vermutung lauten, flaut das Interesse an Web 2.0 ab, das Neue verliert seinen Reiz. Eine andere Vermutung könnte sein, dass die Hoffnungen und Erwartungen an Web 2.0 nicht in dem Maße erfüllt wurden, wie ursprünglich angenommen.

Meine Arbeit will diesen Fragen zwar nicht im Detail nachgehen, doch berühren diese Gedanken auch das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit: Wie können Web 2.0-Technologien auch im pädagogischen Sinne nutzbar gemacht werden? Wo liegen die Stärken aber auch die Grenzen von Web 2.0 für Lehr-Lern-Verhältnisse? Dieses herauszuarbeiten und wissenschaftlich zu reflektieren, ist Gegenstand dieser Arbeit.

Ich möchte diesen Sachverhalt an einem Beispiel konkretisieren: Ein mit dem OpenSource-CMS Drupal errichtetes Portal, welches an der Universität Potsdam für den Studiengang Kognitionswissenschaften testweise eingerichtet wurde, soll hierfür die Grundlage bieten. In einem ersten Abschnitt dieser Arbeit werde ich das Portal beschreiben und die Intentionen für die Einrichtung dieser Lehr-Lern-Plattform darlegen. In einem zweiten Kapitel wird dieses Projekt unter lerntheoretischen Gesichtspunkten genauer untersucht. Hierfür werde ich als Heuristik eine konstruktivistische und eine subjektwissenschaftliche Lerntheorien anbieten, die Lernen – und damit auch Lehren – verschieden beschreiben. Gleichzeitig werde ich aber auch darlegen, wo beide Theorien gegenseitige Anschlußfähigkeit aufweisen.

In Abschluß möchte ich in Kürze auf eine andere Online-Plattform zu sprechen kommen und daraus Rückschlüsse auf Web 2.0 in Bildungskontexten ziehen.

2. Web 2.0 in Bildungskontexten

Mit dem Begriff Web 2.0 wurde 2004 auf einer Konferenz in San Francisco eine neue Ära der Internet-Nutzung beschrieben. Auch wenn die Konferenz vorrangig neuen Wirtschaftsstrategien im und für das Internet diente, ging aus ihr der Begriff Web 2.0 hervor und etablierte sich im Sprachgebrauch. Eine eindeutige Definition existiert nicht und so wird unter diesem Begriff eine Vielzahl von Besonderheiten, Neuerungen und Entwicklungen des Internets beschrieben. Kerres und Kösch[3] betonen aber, dass das Web 2.0 zwar einer Weiterentwicklung des Internets entspricht. Es handelt sich jedoch weniger um technologische Fortschritte, dafür aber um eine konsequente Anwendung bestehender Technologien.

Was ist nun aber das eigentlich Neue des Web 2.0? Nach Kerres (vgl. Kerres 2006: 2) vollzieht sich der Wandel der ersten hin zur zweiten Generation des Internets entlang dreier Grenzen. Charakteristisch für Web 2.0 Anwendungen und insbesondere von social software, einer typischen Anwendung von Web 2.0 und zunehmend in Bildungskontexten, ist die Inhaltsgenerierung seitens der Nutzer. Inhalte werden vielfältiger in dem Sinne, dass diese aus verschiedenen Medientypen (Text, Bild, Video, Ton, Podcasts) von einer nahezu (potentiell) unbeschränkten Autorenschaft aggregiert werden können. Inhalte erweitern sich aber auch um Dimensionen wie Nutzerprofile, Schlagworte (tags), Ratings oder Kommentare und vielem mehr.

Das hat Konsequenzen für das Rollenverständnis sowohl für Internetnutzer im Allgemeinen als auch konkret für Lernende und Lehrende in online-gestützten Lehr-Lern-Umgebungen. Die Grenzveränderung zwischen Usern (Lesern) und Autoren berührt somit die pädagogische Theorie und Praxis. Waren die Rollen im Web 1.0 noch relativ eindeutig trennbar, verschwimmt diese Grenze zunehmend im Web 2.0.

Gerade dieser Aspekt ist für Bildungskontexte von besonderem Interesse. Wie Kerres herausstellt, entspricht die Rollenzuweisung des Web 1.0 der Grenze zwischen Lehrenden und Lernenden, bei denen der Lehrende Inhalte auswählte und diese den Lernenden verfügbar machte (Kerres 2006: 4). Doch mit Web 2.0 wird diese Grenze relativiert: Nicht mehr der Lehrende allein generiert Inhalte; es sind zunehmend auch die Lernenden, die Inhalte in verschiedener Form erzeugen können. Zweifellos bleibt das nicht ohne Konsequenzen für didaktische Überlegungen und Settings.

Auch in Hinblick auf physikalische Grenzen arbeitet Kerres sowohl in Bildungskontexten als auch dem Internet Grenzverschiebungen heraus. Seiner Auffassung nach lösen sich mit Web 2.0 die Grenzen zwischen lokal und entfernt auf. Inhalte werden unabhängig von Zeit und Ort jederzeit zugänglich und verfügbar – vorausgesetzt es besteht eine Verbindung ins Internet. Das geschieht durch die Verlagerung von Daten und Informationen vom lokalen PC auf Webserver. Bei verschiedenen Lernorten (Universität, zu Hause, Arbeit) besteht ein Zugriff auf dieselben Informationen und Daten. Lehren und Lernen ist nach seiner Auffassung ubiquitär, d.h. überall und jederzeit möglich.

Als dritter Aspekt von Web 2.0 in Bildungskontexten ist die Auflösung der Grenze zwischen „privat“ und „öffentlich“. Der individuelle Lernerfolg verblieb häufig im privaten Raum. Sichtbar wurde dieser erst z.B. in Prüfungen. Durch Web 2.0 besteht nun aber die Möglichkeit, die persönlichen Lernprozesse auf einfache Weise in die Öffentlichkeit zu bringen.

3. Lehren und Lernen mit Web 2.0 – Ein Praxisbeispiel

3.1. Intentionen für den Einsatz von Web 2.0 in den Kognitionswissenschaften

Im Rahmen der Kognitionswissenschaften an der Universität Potsdam sollte eine Web 2.0-Anwendung (in diesem Fall war es das CMS Drupal) die Lehre unterstützen. Die Kognitionswissenschaften kennzeichnet das Zusammenwirken interdisziplinärer Wissensdomänen, die eine komplexe Struktur darstellen. Eine „hohe Verbindungsdichte der involvierten Ideen“ sowie „eine besondere Kontextabhängigkeit der untersuchten Konzepte“ (Haack, Mischke 2007: 2) sind charakteristisch für die Kognitionswissenschaften. Unter hoher Verbindungsdichte ist die nahezu unmögliche Trennung verschiedener Ideen und Konzepte gemeint; ein isolierter Blick auf voneinander abgetrennten Elementen ist für diesen Wissenschaftszweig nahezu unmöglich. Die Kontextabhängigkeit verweist hier auf die Besonderheit, dass Anwendungskonzepte in der Kognitionswissenschaft in einem anderen Zusammenhang verschiedene Ausprägungen von Merkmalen und Relationen haben werden und insofern eine eins-zu-eins Übertragung von Konzepten schlechterdings nicht möglich ist. Die Kognitionswissenschaft sind insofern eine kontextbezogene Wissenschaft. Daraus ergab sich für den Dozenten ein Dilemma: Einerseits kann nicht auf eine vereinfachte, überblicksartige Einführung zurückgegriffen werden, die der Vielschichtigkeit eines Sachverhaltes nicht hinreichend Rechnung tragen könnte. Zugleich besteht aber das Problem, dass eine zu komplexe Heranführung an Sachverhalte eine Überforderung der Studierenden zur Folge haben würde (vgl. ebd.)

Am Institut für Kognitionswissenschaft war deshalb beabsichtigt – über einen Testlauf ging dieses Projekt nicht hinaus – einzelne Lehrveranstaltungen mit einer Online-Unterstützung anzubieten. Als geeignetes System wurde hierfür das Content Management System Drupal in Erwägung gezogen.

Folgende Kriterien waren für Auswahl des CMS Drupal von Dozentenseite relevant: Wie lässt sich das Dokumentieren und Archivieren verschiedener Positionen und Gedanken seitens der Studierenden umsetzen? Wie ist es möglich, bei einer zu erwartenden Vielzahl von textlichen Beiträgen Übersichtlichkeit zu wahren? Und wie kann ermöglicht werden, dass auch externer Content (Wissensbestände) aus dem Netz in bestehende Wissenssammlungen integriert werden können?

Die Lehrziele der Onlineumgebung Drupal waren aus Sicht des Dozenten einerseits eine technische Plattform, die fallbasiertes Arbeiten unterstützt[4]. Andererseits galt es, den Herausforderungen von kognitiver Flexibilität und Wissenstransfers gerecht zu werden. Und letztlich zielte der Einsatz des CMS auf den Aufbau einer Fallbibliothek ab, die auch zu einem späteren Zeitpunkt und in anderen Kontexten Verwendung finden könnte. Die theoretische Rahmung dieser Überlegungen baut auf die Theorie des Goal Based-Scenarios auf, auf die ich später näher eingehen werde.

Die vom Dozenten gewünschten Lernziele[5] waren „tiefes Verstehen“ (ebd.) und eine schrittweise Anwendung des individuellen Wissens der Lernenden in unterschiedlichen Kontexten mittels multipler Perspektiveinnahme. An konkreten Fällen sollten Strategien zur Problemlösung erarbeitet werden sowie eine Befähigung zum Lösen ähnlicher Probleme durch das Prinzip des analogen Transfers bei den Studierenden erreicht werden.

3.2. Das CMS Drupal

Drupal ist ein Content Management System (CMS) unter der General Public License und steht somit kostenfrei zur Nutzung zur Verfügung. Im eigenen Selbstverständnis ist Drupal „a free software package that allows an individual or a community of users to easily publish, manage and organize a wide variety of content on a website. Tens of thousands of people and organizations have used Drupal to power scores of different web sites, including

- Community web portals
- Discussion sites
- Corporate web sites
- Intranet applications
- Personal web sites or blogs
- Aficionado sites
- E-commerce applications
- Resource directories
- Social Networking sites“.[6]

Drupal ist ein sehr vielseitiges, mit offenen Standards arbeitendes CMS. Mit verschiedenen optionalen Modulen lässt sich der Funktionsumfang dieses CMS nach eigenen Bedürfnissen ausbauen und anpassen. Eine weltweite Entwicklergemeinde arbeitet kontinuierlich an Verbesserungen, Erweiterungen und Benutzerfreundlichkeit.

3.3. Der konkrete Einsatz von Drupal in der Lehrveranstaltung

Drupal sollte für diese LV eine Ergänzung in Form einer Online-Unterstützung bieten. Angedacht war ein Einsatz parallel zu den wöchentlichen Präsenzveranstaltungen. Der Dozent sollte wöchentlich eine Aufgabe auf die Plattform stellen. Die Studierenden sollten gemeinsam an Lösungsstrategien arbeiten, um die Aufgabe zu bewältigen. Die verschiedenen Perspektiven, die sich aus den verschiedenen Einzeldisziplinen als auch den persönlichen Lösungsstrategien ergaben, sollten textlich dokumentiert werden. Hierfür wurde die Möglichkeit geschaffen, dass jeder Studierende einen eigenen Account hatte, der ihm nach erfolgreichem Log-In die Berechtigung gab, Beiträge zu veröffentlichen und andere zu kommentieren sowie Verschlagwortung vorzunehmen. Ein Erstellen von Inhalt ohne Anmeldung war nicht vorgesehen.

Der Ablauf in Kombination mit der Präsenzveranstaltung war wie folgt geplant: In der Präsenzsitzungen führt der Dozent in ein neues Themenfeld ein. Nach einer theoretischen Einführung wird dies an Beispielen aus der Praxis konkretisiert. Die geeignete Literatur wird vom Dozenten ausgehändigt. Ein Bereitstellen der Literatur auf Drupal war nicht geplant, wenngleich das jederzeit umzusetzen möglich wäre. Die Studierenden bearbeiten die Texte und beginnen die vom Dozenten gestellte Aufgabe selbständig zu lösen. Ihre Ausarbeitungen, Gedanken und Lösungsansätze werden in einer vierten Phase auf Drupal eingestellt. Die dort veröffentlichten Texte stehen damit allen anderen Kursteilnehmern zur Verfügung. Die Art und Weise, in welcher Textform die Ausarbeitungen eingestellt werden sollten, war in der Konzipierung des Drupal-Projekts noch nicht abschließend geklärt. Neben Wikis und Artikeln gibt es bei Drupal auch die Möglichkeit ein Buch zu verfassen oder in Blogs zu schreiben. Das Buch unterscheidet sich gegenüber dem Blog insofern, als dass es das kapitelweise Verfassen eines umfangreicheren Textes zulässt. Im Gegensatz zum Blog wird beim Buch die Reihenfolge der Einzeltexte durch sinnvolle Inhaltsstrukturierung festgelegt und nicht - wie beim Blog - durch den Zeitpunkt der Veröffentlichung. Neben der technischen Umsetzungsform der Texte blieb eine Funktion in der Konzeption der Online-Umgebung zentral: Es war dies die Funktion des Kommentierens der Texte anderer Studierender. Somit gab es die Möglichkeit, die Texte der jeweils anderen zu kommentieren und durch individuelle Sichtweisen zu bestätigen, zu hinterfragen oder zu erweitern.

[...]


[1] Neue Zürcher Zeitung vom 13. Januar 2006

[2] siehe: http://www.google.de/trends?q=web+2.0%2C+e-learning&ctab=0&geo=all&date=all&sort=0 (rev. 27.11.2007)

[3] Virtuelle Räume im web 2.0, Folie 2 (PowerPoint-Datei)

[4] Haack / Mischke: Social Software in interdisziplinären Lernszenarien der Kognitions- und Neurowissenschaft. PowerPoint-Präsentation. Zu erreichen über http://steam.human.uni-potsdam.de:80/home/UniPotsdam.SS_2007.IfE.Virtuelle%20Raeume/Arbeitsgruppe%20Drupal//social_software.ppt

[5] Der Begriff Lernziel wird in Anlehnung an die o.g. Präsentation verwendet. Im theoretischen Teil dieser Hausarbeit wird auf die Unterscheidung zwischen Lern- und Lehrzielen später noch eingegangen.

[6] http://drupal.org/about (rev. 27.11.2007)

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Web 2.0 in Lehr-Lern-Arrangements
Untertitel
Eine subjektwissenschaftliche Begründung für Lehren und Lernen im Netz
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V92538
ISBN (eBook)
9783638062077
ISBN (Buch)
9783638950909
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lehr-Lern-Arrangements
Arbeit zitieren
Johannes Strittmatter (Autor), 2007, Web 2.0 in Lehr-Lern-Arrangements, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92538

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