Luise Rinser, die im Jahre 1911 geboren wurde und 2002 verstarb, zählte zu einer
der produktivsten und meistgelesenen deutschen Autorinnen der Gegenwart.
Sie erzielte Bestsellererfolge, wurde aber von den Kritikern nicht ganz ernst
enommen, da sie nach deren Meinung überwiegend literarisch „minderwertige“
Frauen- und Erbauungsliteratur schrieb. Inwieweit dieser Vorwurf berechtigt ist, soll
in dieser Hausarbeit unter anderem untersucht werden.
Als Beispiel für einen Verkaufserfolg Luise Rinsers wählte ich die Erzählung Geh fort
wenn du kannst., welche 1959 veröffentlicht worden ist. Dieser Text erschien mir
exemplarisch für die „religiöse Periode“ der Autorin und es findet sich meiner
Meinung nach in diesem einen Buch ein Zugang zu ihrem Gesamtwerk, denn hier
scheinen ihr ideologischer Hintergrund und ihre Weltanschauung durch. Wie so viele
andere Bücher Rinsers enthält Geh fort wenn du kannst autobiographische Züge und
auch ihr typischer Schreibstil ist in dieser Erzählung offenkundig. Die Punkte
Ideologie, Autobiographie sowie Stil werde ich in verschiedenen Kapiteln meiner
Hausarbeit behandeln.
Geh fort wenn du kannst mag auf den ersten Blick klischeehaft und altmodisch
wirken. Dass darin aber weitaus modernere Konzepte innewohnen, die ansatzweise
auch in unsere Zeit passen, möchte ich darlegen, denn „die Suche nach der
Versöhnung der allem lebendigen Sein innewohnenden Widersprüche“, die nach Gill
das Leitmotiv von Rinsers Werk und Leben ist, ist durchaus noch heute aktuell. Den Hintergrund zu Geh fort wenn du kannst bildet Rinsers Besuch im
Benediktinerinnen-Kloster Veroli bei Frosinone in Italien. Eine Nonne dieses Klosters
brachte Rinser ihr Kriegstagebuch, worin sie schilderte, wie sie den Kampf um Monte
Cassino 1943 miterlebt hatte. Monte Cassino war im zweiten Weltkrieg versehentlich
von den Alliierten zerstört worden, weil diese die deutsche Wehrmacht darin
versteckt vermutet hatten. In einer Mauer des Klosters Monte Cassino war der
lateinische Satz egredere si potes eingemeißelt, der übersetzt als Titel des Romans
diente.
Die Kommunistin Angelina reist 1943 von Deutschland nach Italien, um dort ihre
Großmutter zu besuchen, doch diese ist mittlerweile verstorben. Sie trifft in dem Ort
ihrer Großmutter zufällig ihre alte Freundin Giulia wieder, mit der sie gemeinsam das
Dorf verlässt. Bei ihrer Wanderschaft verletzt sich Angelina am Fuß und wird in
einem Kloster behandelt.
Inhaltsverzeichnis
1. Wahl der Erzählung Geh fort wenn du kannst
2. Hintergrund und Inhaltsangabe von Geh fort wenn du kannst
3. Einordnung von Geh fort wenn du kannst in das Gesamtwerk Luise Rinsers
4. Die Weltanschauung Rinsers: Konflikt zwischen Politik und Kirche
4.1. Rinsers Sicht auf Glaube und Kirche
4.2. Rinsers Sicht auf Politik und politisches Engagement
5. Das autobiographische Element in Geh fort wenn du kannst
5.1. Thematisierung des Lebenskonflikts Rinsers
5.2. Autobiographische Züge in den Figuren von Geh fort wenn du kannst
6. Inwieweit ist Geh fort wenn du kannst Frauenliteratur oder Erbauungsliteratur?
6.1. Frauenliteratur
6.2. Erbauungsliteratur
7. Die Qualität und Überzeugungskraft des Textes (Stil)
7.1. Grundsätzliches
7.2. Aufbau, Perspektive
7.3. Satzbau, Wortwahl, Stilmittel
8. Luise Rinser als eine Bestsellerautorin
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Erzählung "Geh fort wenn du kannst" von Luise Rinser im Hinblick auf deren autobiographische Bezüge, die ideologische Verortung der Autorin sowie die stilistische Qualität des Werkes, um die Frage zu klären, ob die Einstufung als "minderwertige" Frauen- oder Erbauungsliteratur gerechtfertigt ist.
- Analyse des autobiographischen Gehalts und der Spiegelung persönlicher Lebenskonflikte Rinsers.
- Untersuchung der Spannung zwischen politischem Engagement und religiöser Kontemplation.
- Kritische Einordnung des Werkes im Genrekontext von Frauen- und Erbauungsliteratur.
- Stilistische Untersuchung von Aufbau, Perspektive und sprachlichen Mitteln der Erzählung.
Auszug aus dem Buch
5.2. Autobiographische Züge in den Figuren von Geh fort wenn du kannst
Rinsers persönlicher Konflikt zwischen Aktion und Kontemplation findet Gestalt in den wenigen Figuren der Erzählung, die im Folgenden kurz charakterisiert werden sollen.
Angelina, die Hauptfigur in Geh fort wenn du kannst, wird in einer Partisanengruppe aktiv und gerät mit ihren Gefährten in ein Gefecht. Dabei erschießt sie einen Menschen und lädt Schuld auf sich, mit welcher sie nur durch den Glauben fertig werden kann. Rinsers Schuldbegriff wurzelt „in einem fest verankerten Glauben an christliche Werte“33 – Schuld ist demnach eine existentielle Notwendigkeit zur menschlichen Weiterentwicklung. Die Protagonistin Angelina fühlt, dass sie durch ihr politisches Tätigsein zu viel zerstört hat und flieht als Konsequenz in das ruhige Leben des Klosters, wo sie sich von ihrer Schuld zu reinigen versucht. Angeblich missbilligt Rinser den Entschluss ihrer Romanfigur Angelina, im Kloster zu bleiben, doch die Geschichte habe sich während des Schreibens verselbständigt.34
Angelina ist also keine unbedingte Heldin, auch wenn sie am Anfang als solche erscheint; in ihr offenbart sich der Zwiespalt.35 Angelina könnte Rinsers eigenen Wandlungsprozess nachzeichnen: In jungen Jahren war sie noch nicht religiös, was sich z.B. an ihrem ‚authentischen’ Gefängnistagebuch erschließen lässt (siehe Kapitel 4.1). Die Phase, in der Luise Rinser in Religiosität verfiel, könnte durch Angelina als Nonne verbildlicht werden. Fraglich ist jedoch, wodurch dieser Umschwung in den Glauben bewirkt wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Wahl der Erzählung Geh fort wenn du kannst: Einleitung zur Autorin und Begründung der Werkauswahl als Beispiel für Rinsers religiöse Periode.
2. Hintergrund und Inhaltsangabe von Geh fort wenn du kannst: Darstellung der Entstehungsgeschichte sowie Zusammenfassung der Handlung um die Partisanin Angelina.
3. Einordnung von Geh fort wenn du kannst in das Gesamtwerk Luise Rinsers: Überblick über Rinsers literarisches Schaffen und die zeitliche Verortung der Erzählung in der religiösen Phase.
4. Die Weltanschauung Rinsers: Konflikt zwischen Politik und Kirche: Analyse des Spannungsfeldes zwischen religiöser Suche und politischem, sozialistischem Engagement bei der Autorin.
5. Das autobiographische Element in Geh fort wenn du kannst: Untersuchung der Erzählung als Spiegelbild für Rinsers persönlichen Lebenskonflikt und der Charakterisierung der Figuren.
6. Inwieweit ist Geh fort wenn du kannst Frauenliteratur oder Erbauungsliteratur?: Kritische Auseinandersetzung mit der Genre-Zuschreibung anhand literaturwissenschaftlicher Definitionen.
7. Die Qualität und Überzeugungskraft des Textes (Stil): Analyse des Aufbaus, der Erzählperspektive sowie der sprachlichen Stilmittel und Metaphorik.
8. Luise Rinser als eine Bestsellerautorin: Zusammenfassende Einschätzung der literarischen Wirkung und der Schwachstellen der Erzählung aus Sicht der Verfasserin.
Schlüsselwörter
Luise Rinser, Geh fort wenn du kannst, Autobiographie, Partisanin, Schuld, Glaube, Politik, Frauenliteratur, Erbauungsliteratur, Literaturanalyse, Weltanschauung, Stilistik, Religion, Nachkriegsliteratur, Existenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Luise Rinsers Erzählung "Geh fort wenn du kannst" auf ihre inhaltlichen und stilistischen Merkmale und hinterfragt dabei die zeitgenössische Kritik, die Rinser als Autorin von literarisch minderwertiger Frauen- und Erbauungsliteratur einstufte.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Arbeit?
Die zentralen Themen sind das Spannungsverhältnis zwischen politischem Engagement und religiösem Glauben, die Auseinandersetzung mit Schuld nach dem Krieg sowie die autobiographischen Züge in Rinsers erzählerischem Werk.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass die Erzählung trotz einer biederen Fassade moderne Konzepte beinhaltet und der Vorwurf der rein oberflächlichen "Frauen- oder Erbauungsliteratur" bei näherer Betrachtung zu kurz greift.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Autorin nutzt eine textanalytische Methode, kombiniert mit einer Untersuchung der biographischen Hintergründe und einer Einordnung des Textes in literaturwissenschaftliche Gattungsbegriffe unter Heranziehung von Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Rinsers Weltanschauung, die Analyse der autobiographischen Elemente und der zentralen Figuren sowie eine formale Stilkritik, die den Aufbau und die Sprache des Textes beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Luise Rinser, Autobiographie, Schuldverstrickung, religiöse Phase, politisches Engagement, Frauenliteratur, Stilkritik und die spezifische Analyse der Erzählung "Geh fort wenn du kannst".
Inwiefern spielt der italienische Hintergrund des Romans eine Rolle?
Der reale Hintergrund des Monte-Cassino-Kampfes und das Benediktinerinnen-Kloster in Veroli bilden den authentischen Rahmen für Angelinas Sinneswandel, wobei die Klosterruine symbolisch für die Abkehr vom Krieg und die Hinwendung zum kontemplativen Leben steht.
Wie wird die Entwicklung der Protagonistin Angelina analysiert?
Die Arbeit analysiert Angelina als eine Figur, die den Riss zwischen der "vita activa" (Partisanin) und der "vita passiva" (Nonne) verkörpert und deren Wandlung von einer atheistischen Kämpferin zur Gläubigen als persönlicher Prozess dargestellt wird, der sich jedoch einer eindeutigen Interpretation entzieht.
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- M.B.A. + Eng. Sonja Wagner (Author), 2003, Zu: Luise Rinser - Geh fort wenn du kannst, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92549