Der Kapitalbegriff von Karl Marx

Entstehung und Herleitung des Geldbegriffs in "Das Kapital"


Hausarbeit, 2020

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Ware
2.1 Gebrauchswert, Wert und der Doppelcharakter der Ware
2.2 Die Wertformanalyse und der Tauschwert
2.3 Der Fetischcharakter der Ware

3 Der Austauschprozess

4 Das Geld oder die Warenzirkulation

5 Die Geldzirkulation und die allgemeine Formel des Kapitals

6 Zusammenfassung

1 Einleitung

Im Jahr 1867 veröffentlichte Karl Marx den ersten Band seines Hauptwerkes „Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie“. In diesem strebt er an, sich mit dem Produktionsprozess des Kapitals zu beschäftigen, jedoch beginnt er nicht unmittelbare mit der Analyse dieses. Im ersten Abschnitt beschäftigt er sich zunächst mit der Analyse von Ware und Geld. In drei Kapiteln erläutert er hier die Entstehung von Ware und Wert, Austauschprozess und Warenzirkulation. Erst zu Beginn des zweiten Abschnitts, der Verwandlung von Geld in Kapital, bezieht er sich auf letzteres.

Die ersten drei Kapitel bleiben in ihrer Herleitung des Wert-, Arbeits- und Geldbegriffs sehr abstrakt, daher würden sie oftmals als Beschreibung einer vorkapitalistischen einfachen Wa­renproduktion aufgefasst werden (vgl. Henrich 2018: 37). Inwieweit dies zutrifft, soll im Fol­genden analysiert und erläutert werden. Es soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern die Entstehung und Herleitung des Geldbegriffs in den ersten drei Kapiteln die Grundlage für Marx‘ Kapitalbegriff und die kapitalistische Produktionsweise bilden.

Für diese Analyse soll in erster Linie die Primärlektüre von Marx herangezogen werden. Durch diese sollen die verschiedenen Herleitungen und Begriffsdefinitionen nachvollzogen werden. Zur weiteren Einordnung soll auch diverse Sekundärliteratur, die sich mit dem ersten Band des Kapitals befasst, hinzugezogen werden. Der Aufbau der Analyse orientiert sich an dem Aufbau und der Reihenfolge der Kapitel bei Marx.

2 Die Ware

Marx leitet das erste Kapitel seines Werkes über die Ware, den Wert und den Gebrauchswert mit einer scheinbaren Beobachtung über den Reichtum einer Gesellschaft und seine Elemen­tarform ein:

„Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktions weise herrscht, erscheint als eine <ungeheure Warensammlung>, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt dahermit der Analyse der Ware.“ (MEW 23: 49)

Dieser Satz kann hierbei als Begründung dafür aufgefasst werden, warum er sich zunächst mit der Ware beschäftigt und nicht direkt zum Kapital übergeht. Es ist hier zwar schon die Rede von kapitalistischer Produktionsweise, da der Kapitalismus an sich allerdings erst im Laufe des vierten Kapitels erwähnt und behandelt wird, kann davon ausgegangen werden, dass Marx „die produzierte Ware zunächst in Abstraktion zum Kapital analysiert“ (Heinrich 2008: 54).

Der vorliegende Satz soll nun einmal genauer untersucht und es soll auf die verwendeten For­mulierungen geachtet werden. Marx sagt, der Reichtum erscheine als eine ungeheure Waren­sammlung. Dies legt nahe, dass er auch anders in Erscheinung treten kann. Weiterhin differen­ziert er, dass dies nur in Gesellschaften mit kapitalistischer Produktionsweise der Fall wäre. Für andere Gesellschaften scheint diese Form des Reichtums also nicht unmittelbar zu gelten (vgl. Heinrich 2008: 51).

Er fährt fort, indem er einige Eigenschaften von Waren aufzählt. Demnach sei eine Ware ein „Ding, das durch seine Eigenschaften menschliche Bedürfnisse [...] befriedigt“ (MEW 23: 49) und gleichzeitig von zwei Seiten, einer quantitativen und einer qualitativen, zu betrachten sei (vgl. ebd.). Wie genau diese Befriedigung auszusehen hat, ist laut Marx nebensächlich (vgl. ebd.) und Heinrich fügt an, dass damit auch noch einmal deutlich werde, dass Marx nicht zwi­schen richtigen und falschen Bedürfnissen unterscheiden würde. Würde jemand beispielsweise einen bestimmten Gegenstand als Glücksbringer interpretieren, so hätte dieser einen direkten Nutzen für denjenigen (vgl. Heinrich 2008: 55).

2.1 Gebrauchswert, Wert und der Doppelcharakter der Ware

Als ersten wichtigen Begriff abseits der Ware führt Marx den Gebrauchswert ein. Dabei defi­niert er, dass „die Nützlichkeit eines Dings [...] es zum Gebrauchswert [macht]“ (MEW 23: 50). Weiter führt er aus, dass die Nützlichkeit unmittelbar an die Eigenschaften der Ware ge­koppelt sei und der Gebrauchswert nicht davon abhängig, wie viel menschliche Arbeit in einer Ware steckt, sondern von der quantitativen Bestimmtheit dieser (vgl. ebd.). Es gehe also bei­spielsweise nicht primär um das Produkt Weizen, sondern konkreter um 10 Kilogramm Weizen (vgl. Heinrich 2008: 56). Weiterhin würde sich der Gebrauchswert erst im Gebrauch der Ware realisieren (vgl. MEW 23: 50). Dieser schließe dann auch den Verbrauch der Ware ein (vgl. Heinrich 2008: 56).

Neben dem Gebrauchswert führt Marx im Anschluss eine weitere Wertform ein. Anders als der Gebrauchswert ist diese abhängig von der Gesellschaftsform:

„Gebrauchswerte bilden den stofflichen Inhalt des Reichtums, welches im- mer seine gesellschaftliche Form sei. In der von uns zu betrachtenden Ge- sellschaftsform bilden sie zugleich die stofflichen Träger des - Tausch- werts.“ (MEW 23: 50)

Er geht hier zunächst noch einmal auf den Gebrauchswert ein. Diesen bezeichnet er als den stofflichen Inhalt des Reichtums und macht deutlich, dass dies unabhängig von seiner gesell­schaftlichen Form sei. Gebrauchswerte würden also in allen Gesellschaften, nicht nur denen mit kapitalistischer Produktionsweise, diesen stofflichen Inhalt bilden (vgl. Heinrich 2008: 56). Stellt sich nun noch die Frage nach der gesellschaftlichen Form des Reichtums. Am Anfang des Kapitels geht Marx bereits darauf ein, hier sagt er, dass in kapitalistischen Gesellschaften die Warenform diese darstellt (vgl. MEW 23: 49; Heinrich 2008: 56).

Den Tauschwert benennt Marx ganz am Ende des Zitats. Hier bezeichnet er Gebrauchswerte als stoffliche Träger des Tauschwerts. Zu beachten ist hierbei, dass eine Ware nicht in derselben Weise Gebrauchs- wie Tauschwert ist. Nur in Gesellschaften, in denen getauscht wird, kann eine Ware Tauschwert besitzen. Zusätzlich „erscheint [der Tauschwert] zunächst als das quali­tative Verhältnis [...] worin sich Gebrauchswerte einer Art gegen Gebrauchswerte anderer Art austauschen“ (MEW 23: 50). Der Tauchwert ist also das, was man im Tausch für eine Ware erhält (vgl. Heinrich 2008: 59). Marx schlussfolgert, dass der Tauschwert so als etwas Zufälli­ges erscheinen kann, was den Waren innewohnt (vgl. MEW 23: 50).

Diesen Schein löst er im Folgenden jedoch wieder auf, indem er zwei Schlussfolgerungen über den Tauschwert ableitet:

„Es folgt daher erstens: Die gültigen Tauschwerte derselben Ware drücken Gleiches aus. Zweitens aber: Der Tauschwert kann überhaupt nur die Aus- drucksweise, die Erscheinungsform“ eines von ihm unterscheidbaren Ge- halts sein.“ (MEW 23: 51)

Qualitativ sind die Waren also verschieden, dadurch, dass sie sich mit ihrem Tauschwert jedoch auf die gleiche Ware beziehen können, müssen sie etwas haben, was sie gleich werden lässt. Sie müssen also etwas Gemeinsames haben (vgl. Heinrich 2008: 62). Dieses Gemeinsame, was sie qualitativ gleich macht, müssen die Waren dann noch in der gleichen Quantität besitzen, damit sie gegeneinander getauscht werden können (vgl. ebd.: 64). Die nähere Bestimmung die­ses Gemeinsamen nimmt Marx in drei Schritten vor.

Zunächst schließt er alle natürlichen Eigenschaften, wie die „geometrische, physikalische [o­der] chemische“ (MEW 23: 51) als das Gemeinsame aus. Diese würden nur beim Gebrauchs­wert eine Rolle spielen, um den Tauschcharakter allerdings deutlich zu machen, soll gerade hiervon abstrahiert werden (vgl. Heinrich 2008: 65). Als Tauschwert unterscheiden sich die Waren lediglich in ihrer Quantität, nicht mehr in ihrer Qualität. Gebrauchswert ist also nicht mehr vorhanden (vgl. ebd.). Marx schließt daraus im zweiten Schritt, dass den Waren nun nur noch ihre Eigenschaft als Arbeitsprodukte bleibt (vgl. MEW 23: 52).

Im dritten Schritt reduziert er dann die einzelnen Arbeiten, die in die verschiedenen Waren gesteckt wird, zur abstrakten menschlichen Arbeit:

„Mit dem nützlichen Charakter der Arbeitsprodukte verschwindet der nütz- liche Charakter, der in ihr dargestellten Arbeiten, es verschwinden also auch die verschiedenen konkreten Formen dieser Arbeiten, sie unterschei- den sich nicht länger, sondern sind allesamt reduziert auf gleiche mensch- liche Arbeit, abstrakte menschliche Arbeit.“ (MEW 23: 52).

Wird von der Gebrauchswerteigenschaft der Waren also abstrahiert, so ist die Gegenständlich­keit der Ware nicht mehr zu fassen. Marx stellt infolge dessen als das Gemeinsame der Ware eine „gespenstische Gegenständlichkeit“ (MEW 23: 52) heraus. Die abstrakte menschliche Ar­beit gilt dabei als wertbildend und somit als Wertsubstanz der Ware, die aber nur dadurch ent­steht, dass im Tauschprozess vom Gebrauchswert der Ware abstrahiert wird (vgl. Heinrich 2008: 72). So existiert abstrakte menschliche Arbeit nur in solchen Gesellschaften, in denen getauscht wird (vgl. ebd.) und die Arbeit bildet nur dann die Wertsubstanz, wenn zwei Waren im Tauschverhältnis zueinanderstehen (vgl. ebd.: 73). In diesem Fall wird „abstrakt menschli­che Arbeit ihre gemeinschaftliche4 Substanz“ (ebd.).

Da die Ware ihren Wert dadurch erhält, dass abstrakte menschliche Arbeit in ihm materialisiert wird, ist es naheliegend, dass die Arbeitszeit die Wertgröße bestimmt (vgl. MEW 23: 53). Marx merkt zusätzlich an, dass „die gesamte Arbeitskraft der Gesellschaft [...] als eine und die selbe Arbeitskraft [gilt]“ (ebd.). Als wertbildend bezeichnet er dann die „gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit“ (ebd.), also die durchschnittliche Arbeitszeit, die benötigt wird, um eine bestimmte Ware herzustellen (vgl. Heinrich 2008: 77). Dabei sollen nach Marx Normalbedingungen als Maßstab dienen, also „gesellschaftlich-normale Produktionsbedingungen“ (MEW 23: 53), so­wie ein „gesellschaftlicher Durchschnittsgrad von Geschick und Intensität“ (ebd.). Trotzdem kann der wirkliche Tauschwert einer Ware erst auf dem Markt bestimmt werden, denn erst hier wird deutlich, wer seine Waren anbietet (vgl. Heinrich 2008: 78).

Schlussendlich geht es Marx noch um den Doppelcharakter der in den Waren dargestellten Ar­beit. Bei ihm handelt es sich einerseits um die „abstrakt menschliche Arbeit“ (MEW 23: 61), die oben bereits erklärt wurde, und die „konkret nützliche Arbeit“ (ebd.). Erstere schafft Wa­renwert, während die zweite Gebrauchswert schafft. Dabei definiert Marx jede Arbeit als nützlich, die erst einmal überhaupt einen Wert hervorbringt (vgl. Heinrich 2008: 91). Weiterhin führt er den Begriff der Privatarbeit ein. Dies meint diejenige Arbeit, die unabhängig von an­deren geleistet wird. Unter dieser Voraussetzung können auch ganze Unternehmen Privatarbeit verrichten, wenn sie dies unabhängig von anderen Firmen machen (vgl. ebd.: 92). „Produkte selbstständiger und von einander unabhängiger Privatarbeiten treten einander [dann] als Ware gegenüber“ (MEW 23: 57).

Marx verallgemeinert jede konkret nützliche Arbeit, wie die des Schneiders oder der Weberin, zu abstrakt menschlicher Arbeit, da er sie auf ihren Kern, die „produktive Verausgabung von menschlichem Hirn, Muskel, Nerv, Hand usw.“ (MEW 23: 58), reduziert. Weiterhin unterschie­det er zwischen einfacher Durchschnittsarbeit und komplizierter Arbeit. Erstere ist solche, zu der jedes Mitglied einer Gesellschaft, unabhängig von den biologischen Gegebenheiten, fähig sein sollte. In modernen Gesellschaften wäre das zum Beispiel die Fähigkeit Lesen und Schrei­ben zu können (vgl. Heinrich 2008: 95). Beide Arten von Arbeit werden unterschiedlich in abstrakte menschliche Arbeit übersetzt (vgl. ebd.: 96).

Die Reduzierung der verschiedenen Arbeiten mit verschiedenen Qualitäten auf nur eine Art von Arbeit, nämlich die abstrakt menschliche, gibt eine Antwort auf die Frage danach, wieso es zu einem Wertverlust einer Ware kommen kann, wenn die Produktivkraft steigt. Ist dies der Fall, so kann die gleiche Anzahl an Waren in weniger Zeit hergestellt werden. Da der Wert der Ware nur von der Arbeitszeit und nicht von der Art der Arbeit abhängig ist, verliert die Ware so an Wert (vgl. Heinrich 2008: 99).

2.2 Die Wertformanalyse und der Tauschwert

In der Wertformanalyse stellt Marx vier verschiedene Formeln auf, mit Hilfe derer er die Ent­wicklung von einfachen Tauschgeschäften, bei denen eine Ware gegen eine andere ausge­tauscht wird, hin zur Entstehung von Geld als Zahlungsmittel nachvollzieht:

„Jedermann weiß, [...] daß die Waren eine [...] gemeinsame Wertform be- sitzen - die Geldform. Hier gilt es jedoch zu leisten, was von der bürgerli- chen Ökonomie nicht einmal versucht ward, nämlich die Genesis dieser Geldform nachzuweisen, also die Entwicklung des im Wertverhältnis der Waren enthaltenen Wertausdrucks von seiner einfachsten, unscheinbarsten Gestalt bis zur blendenden Geldform zu verfolgen. “ (MEW 23: 62)

Mit diesem Zitat will Marx auch noch einmal verdeutlichen, dass vor ihm niemand diese Her­leitung vorgenommen hätte, auch die bürgerlichen Ökonomen damals nicht. Die erste Form, die Marx vorstellt, ist die Einfache, einzelne oder zufällige Wertform (vgl. MEW 23: 63). Diese lässt sich ausdrücken als:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es wird also eine bestimmte Anzahl von Ware A gegen eine bestimmte Anzahl von Ware B getauscht. Sie ist einfach, da sie nur zwei Waren voraussetzt, einzeln, weil die Wertform keine Beziehungen zu anderen Wertverhältnissen besitzt - es werden also keine Angaben zu einem Tauschverhältnis mit einer Ware C gemacht - und schließlich zufällig, da die Auswahl der beiden Waren vollkommen willkürlich passieren kann (vgl. Heinrich 2008: 111). Der Wert der ersten Ware bildet dabei den relativen Wert, der Wert der zweiten die Äquivalentform. Keine Ware kann gleichzeitig beide Formen einnehmen, das Verhältnis kann aber auch umgedreht werden, indem Ware B an die Stelle von Ware A tritt und umgekehrt (vgl. ebd.: 113).

Wertverhältnisse haben immer eine quantitative und eine qualitative Seite. Vom quantitativen Wertverhältnis will Marx in seiner Darstellung abstrahieren. Stattdessen will er die gemeinsame Qualität der Waren herausstellen, welche sie überhaupt erst miteinander vergleichbar und dadurch tauschbar macht. Während sie als Gebrauchswerte zwar verschieden sind, sind sie als Werte doch qualitativ gleich.

„Sagen wir: als Werte sind die Waren bloße Gallerten menschlicher Arbeit, so reduziert unsere Analyse dieselben auf die Wertabstraktion, gibt ihnen aber keine von ihrer Naturalform verschiedne Wertform. Anders im Wert- verhältnis einer Ware zur andren. Ihr Wertcharakter tritt hier hervor durch ihre eigne Beziehung zu der andren Ware.“ (MEW 23: 65)

Marx führt hier zum ersten Mal den Begriff der Wertabstraktion ein. Damit abstrahiert er von den Gebrauchswerteigenschaften der Ware und somit gleichzeitig auch von den konkret nütz­lichen Eigenschaften der Arbeit, die die Ware produziert hat (vgl. Heinrich 2008: 116). Diese Wertabstraktion wird dann der Wertform gegenübergestellt (vgl. ebd.). Mit seiner Wertform­analyse zeigt er nun auf, dass der Wert der einen Ware in einer anderen Ware ausgedrückt werden kann. So erhält diese Ware eine von ihrem Naturzustand zu unterscheidende Form (vgl. ebd.: 117).

Im Anschluss geht Marx näher auf den Begriff der Äquivalentform ein und schlussfolgert, dass „die Äquivalentform einer Ware [...] die Form ihrer unmittelbaren Austauschbarkeit mit ande­rer Ware [sei]“ (MEW 23: 70). So kann man also sagen, dass 20 Ellen Leinwand so viel Wert sind wie ein Rock und zehn Kilogramm Eisen ebenfalls so viel Wert sind wie ein Rock, 20 7 Ellen Leinwand aber dadurch nicht automatisch gegen zehn Kilogramm Eisen getauscht werden können. Dafür bedarf es des Rocks als Zwischenschritt. Marx sagt, dass der Gebrauchswert in der Äquivalentform zur Erscheinungsform des Werts wird, also seinem Gegenteil (vgl. MEW 23: 70). Der Wert der Leinwand erscheint also als Rock. Letzterer gilt nur innerhalb des Warenverhältnisses als Wert, auch wenn es auf den ersten Blick so aussehen mag, als ob der Rock selbst Wert sei (vgl. Heinrich 2008: 127). Nicht nur Gebrauchswert wird in der Äquivalentform in sein Gegenteil verwandelt, auch konkret mensch­liche Arbeit wird in ihr Gegenteil gekehrt, nämlich abstrakte menschliche Arbeit und auch Pri­vatarbeit wird zu ihrem Gegenteil, nämlich zu Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form (vgl. MEW 23: 73). Eine Ware „ist [also] Doppeltes, Gebrauchswert und Wertgegenstand. Sie ist aber nicht Tauschwert, sie hat einen Tauschwert“ (Heinrich 2008: 134).

Eine Unzulänglichkeit der einfachen Wertform ist die Tatsache, dass die qualitative Gleichheit der Ware A zu allen anderen Waren nicht ausgedrückt wird, lediglich zur Ware B. Die Äqui­valentware B ist also nur eine einzelne Äquivalentform und kann somit nur mit einer Ware unmittelbar ausgetauscht werden. Für die Lösung dieses Problems führt Marx die zweite Wert­form ein, die totale oder entfaltete Wertform:

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Entfaltet ist diese deshalb, da nun deutlich wird, dass die Ware A ihren Wert in allen anderen Waren ausdrücken kann. Dadurch, dass der Ausdruck theoretisch mit allen Waren fortgeführt werden kann, ist er auch total. Die Ware A steht nun in einem gesellschaftlichen Verhältnis zu allen anderen Waren (vgl. Heinrich 2008: 142).

Marx merkt an, dass in dieser Form deutlich wird, dass „die Wertgröße der Ware ihre Aus­tauschverhältnisse reguliert“ (MEW 23: 78). Die Wertgröße der Ware drückt das gesellschaft­liche Verhältnis der Produzenten zueinander aus. Angebot und Nachfrage einer jeden Ware entstehen zwar nicht erst im Tausch, drücken sich aber erst in ihm aus (vgl. Heinrich 2008: 143). Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit auf der anderen Seite entsteht sehr wohl erst im Tausch, da erst hier ersichtlich wird, wie lange andere Produzenten für die Herstellung der Ware benötigen (vgl. ebd.). Wertgröße und Austauschverhältnisse existieren somit immer nur gleich­zeitig (vgl. ebd.: 144).

Marx selber kritisiert die Wertform, da sie weder einfach noch einheitlich sei. So würde ihre „Darstellungsreihe nie [abschließen]“ (MEW 23: 78) und es würden „überhaupt nur be­schränkte Äquivalentformen [existieren]“ (ebd.). So bilde sie „ein Mosaik auseinanderfallender 8 und verschiedenartiger Wertausdrücke“ (ebd.). Um diese Probleme zu lösen, führt er nun die dritte Wertform ein, die Allgemeine Wertform, welche sowohl einfach als auch einheitlich sein soll:

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Der Unterschied zu den vorherigen Formen ist weiterhin, dass erstere nur in solchen Gesell­schaften vorkommen würde, wo Produkte nur zufällig und gelegentlich getauscht werden wür­den. Zweitere dort, wo Waren regelmäßig getauscht werden (vgl. MEW 23: 80; Heinrich 2008: 146).

Erst die Allgemeine Wertform würde laut Marx die einzelnen Waren wirklich aufeinander be­ziehen und sie einander als Tauschwerte erscheinen lassen (vgl. MEW 23: 80). Durch diese Wertform werden darüber hinaus nun auch alle warenproduzierenden Arbeiten miteinander ins Verhältnis gesetzt. Somit sind die Waren nun nicht mehr nur qualitativ miteinander vergleich­bar, sondern auch quantitativ (vgl. Heinrich 2008: 149). Diese Vergleichbarkeit wird auch dadurch erreicht, dass alle wirklichen Arbeiten „auf den ihnen gemeinsamen Charakter mensch­licher Arbeit, auf die Verausgabung menschlicher Arbeitskraft [reduziert werden]“ (MEW 23: 81). Somit reduziert die Arbeit eines Webers alle übrigens Arbeiten, die für die Produktion anderer Waren aufgewendet wurden, wenn seine Leinwand als allgemeines Äquivalent gesetzt wird (vgl. Heinrich 2008: 151).

Dieses allgemeine Äquivalent scheint so, als hätte es eine bestimmte Eigenschaft, wie Wert, von Natur aus (vgl. Heinrich 2008: 155). Marx erklärt, dass „die spezifische Warenart [...], mit deren Naturalform die Äquivalentform gesellschaftlich verwächst, [...] zur Geldware [...] wird“ (MEW 23: 83). Somit fungiert sie dann als Geld, welches den Übergang zur vierten und letzten Wertform bei Marx bildet, die sich vom Aufbau her, nur wenig von der Allgemeinen Wertform unterscheidet - der Geldform:

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In dieser Form ist die Äquivalentform mit der Naturalform einer Ware verwachsen (vgl. Hein­rich 2008: 158). Im Beispiel oben handelt es sich dabei um Gold. Zu dieser Verwachsung kommt es durch die Handlungen der Warenbesitzer und die „gesellschaftliche Gewohnheit“ (MEW 23: 84). Der Preis einer Ware setzt sich nun aus dem Wert der Ware, ausgedrückt in der Geldware aus, also beispielsweise 100 Euro (vgl. Heinrich 2008: 159). Damit ist auch das Geld­rätsel, also die Frage danach, warum man mit Geld alles kaufen kann, gelöst. Die Lösung liegt in der Geldform an sich, die die gesamte Warenwelt auf eine Äquivalentform bezieht und somit die einzelnen Waren alle miteinander vergleichbar macht (vgl. ebd. 162).

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2.3 Der Fetischcharakter der Ware

Der Fetischbegriff wurde zu Zeiten Marx‘ nicht so verstanden, wie heute. Er galt damals eher als etwas „Primitiv-Irrationales“ (Heinrich 2008, 163), von dem die bürgerliche Gesellschaft sich so gut es ging distanzieren wollte. Seinen Abschnitt über den Fetischcharakter der Ware leitet Marx mit einer Beobachtung über die Natur von Waren ein:

„Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding. Die Analyse ergibt, daß sie ein sehr vertracktes Ding ist, voller meta- physischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken“ (MEW 23: 85)

Die Analyse, auf die Marx sich hier bezieht, ist die, die in den vorherigen Kapiteln erfolgte. Hier wurde deutlich, dass der Wert einer Ware, der zunächst als eine natürliche Eigenschaft dieser erscheint, immer abhängig von anderen Waren ist. Über sie allein ist der Wertgegen­ständlichkeit einer Ware nicht zu fassen (vgl. Heinrich 2008: 70).

Marx fragt dann weiter, woher der „rätselhafte Charakter des Arbeitsprodukts“ (MEW 23: 86) kommt, sobald es als Ware auftritt. Für die Beantwortung der Frage führt er an, dass den Men­schen die gesellschaftlichen Beziehungen als „gesellschaftliche Natureigenschaften der Pro­dukte“ (ebd.) erscheinen. Damit sieht es für die Menschen so aus, als ob die Waren in einer Gesellschaft automatisch Wert und Sachgesetze besitzen würden und sie selbst sich unterord­nen müssten (vgl. Heinrich 2008: 71).

„[Den Austauschenden] erscheinen daher die gesellschaftlichen Beziehun- gen ihrer Privatarbeit als das, was sie sind, d.h. [...] als sachliche Verhält- nisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen. “ (MEW 23: 87)

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Kapitalbegriff von Karl Marx
Untertitel
Entstehung und Herleitung des Geldbegriffs in "Das Kapital"
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
17
Katalognummer
V925725
ISBN (eBook)
9783346253408
ISBN (Buch)
9783346253415
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hausarbeit, Karl Marx, Kapital, Geld, Geldbegriff, kapitalistische Produktionsweise, Ökonomie, politische Ökonomie
Arbeit zitieren
Areti-Kristin Bouras (Autor), 2020, Der Kapitalbegriff von Karl Marx, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/925725

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